Diese Dinge geschehen nicht einfach so - Taiye Selasi - E-Book
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Diese Dinge geschehen nicht einfach so E-Book

Taiye Selasi

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Beschreibung

Es war das Buch des Jahres 2013, am meisten und am besten besprochen. Eine wahre Entdeckung: Sechs Menschen, eine Familie, über Weltstädte und Kontinente zerstreut. In Afrika haben sie ihre Wurzeln und überall auf der Welt ihr Leben: London, Accra, New York. Bis plötzlich der Vater in Afrika stirbt. Nach vielen Jahren sehen sie sich wieder und machen eine überraschende Erfahrung. Endlich verstehen sie, dass die Dinge nicht einfach ohne Grund geschehen. So wurde noch kein Familienroman erzählt.Taiye Selasi ist die neue internationale Stimme - jenseits von Afrika.

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Seitenzahl: 539

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Taiye Selasi

Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Roman

 

Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel

 

Über dieses Buch

 

 

In Boston, London und Ghana sind sie zu Hause, Olu, Sadie und Taiwo. Sechs Menschen, eine Familie, über Weltstädte und Kontinente zerstreut. In Afrika haben sie ihre Wurzeln und überall auf der Welt ihr Leben. Bis plötzlich der Vater in Afrika stirbt. Nach vielen Jahren sehen sie sich wieder und machen eine überraschende Entdeckung. Sie finden das verloren geglaubte Glück – den Zusammenhalt der Familie. Endlich verstehen sie, dass die Dinge nicht einfach ohne Grund geschehen. So wurde noch kein Familienroman erzählt. Taiye Selasi ist die neue internationale Stimme - jenseits von Afrika. Ein kosmopolitischer Familienroman.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Taiye Selasi ist Schriftstellerin und Fotografin. Sie erfand den Begriff »Afropolitan«. »Afropolitan« bezeichnet eine neue Generation von Weltbürgern mit afrikanischen Wurzeln. Toni Morrison, die Selasi während ihres Studiums in Oxfod kennenlernte, inspirierte sie zum Schreiben. Ihre erste Erzählung ›The Sex Lives of African Girls‹ erschien in der Literaturzeitschrift »Granta«. ›Diese Dinge geschehen nicht einfach so‹ ist ihr erster Roman. Selasi ist in London geboren und wuchs in Massachusetts auf. Ihre Eltern, beide Ärzte und Bürgerrechtler, stammen aus Ghana und Nigeria.

 

Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»GHANA MUST GO« bei Penguin, New York

Copyright©Taiye Selasi, 2013

 

Für die deutsche Ausgabe:

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2013

Covergestaltung: buxdesign, München

Coverillustration:Ruth Botzenhardt

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-402623-7

 

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Inhalt

für Juliette Coker Tuakli, [...]

 Nicht Sonnenblumen, nicht

Stammbaum

I Abschied

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Schweigen

II Aufruhr

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

III Aufbruch

Eins

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

Zwei

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

Drei

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

Vier

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

Fünf

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Sechs

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

Sieben

2. Kapitel

3. Kapitel

Danksagung

Aussprache, Bedeutung und Herkunft der Namen

für Juliette Coker Tuakli, M.D.

 Nicht Sonnenblumen, nicht

Rosen, nein, Felsen in gemustertem

 Sand wachsen hier. Und blühen.

ROBERT HAYDEN, Näherungen

ein Wort vergaß sich zu erinnern

was zu vergessen war

und immer wieder

ließ es die Wahrheit heraus

RENÉE C. NEBLETT, Schnappschüsse

Stammbaum

IAbschied

Eins

Kweku stirbt barfuß, an einem Sonntag vor Sonnenaufgang, seine Hausschuhe kauern an der Tür zum Schlafzimmer, wie Hunde. Jetzt steht er auf der Schwelle zwischen Glasveranda und Garten und überlegt, ob er zurück soll, um die Pantoffeln zu holen. Er holt sie nicht. Seine zweite Frau, Ama, schläft dort im Schlafzimmer, die Lippen leicht geöffnet, mit gerunzelter Stirn, ihre heißen Wangen auf der Suche nach einer kühlen Stelle auf dem Kopfkissen, Kweku will sie nicht wecken.

Er hätte es auch gar nicht geschafft, selbst wenn er’s versucht hätte.

Sie schläft wie eine Cocoyam. Ein Ding ohne Sinnesorgane. Sie schläft wie seine Mutter, abgeschnitten von der Welt. Das Haus könnte von Nigerianern in Flipflops leergeräumt werden – sie könnten in verrosteten russischen Armeepanzern direkt bis vor die Tür rollen, ohne Rücksicht auf Verluste, so wie sie das jetzt auf Victoria Island in Lagos machen (jedenfalls hört er das von seinen Freunden, Rohöl-Könige und Cowboys, die nach Greater Lagos vertrieben wurden, diese seltsame Sorte Afrikaner: furchtlos und reich). Ama würde sanft und selig weiter schnarchen, die musikalische Untermalung eines Traums vom Tanz der Zuckerfee und von Tschaikowski.

Sie schläft wie ein Kind.

Er denkt den Gedanken trotzdem, nimmt ihn mit vom Schlafzimmer zur Glasveranda; ein demonstrativer Akt der Vorsicht. Eine Show für ihn selbst. Das macht er schon lange, eigentlich seit er von seinem Dorf weg ist, kleine Freilichtspiele für ein Ein-Mann-Publikum. Oder für zwei Personen. Für ihn und seinen Kameramann, den stummen-unsichtbaren Kameramann, der damals, vor vielen Jahrzehnten, gemeinsam mit ihm abgehauen ist, heimlich, in der Dunkelheit, noch vor Anbruch der Dämmerung, der Ozean ganz in der Nähe. Dieser Kameramann, der ihm seither immer und überallhin folgt. Und schweigend sein Leben filmt. Oder: das Leben des Mannes, der er sein möchte und der er nicht mehr werden wird.

Diese Szene nun, eine Schlafzimmerszene: der einfühlsame Ehemann.

Der keinen Mucks von sich gibt, als er aus dem Bett schlüpft, der geräuschlos die Decke zur Seite schlägt, einen Fuß nach dem anderen auf den Fußboden setzt und sich die größte Mühe gibt, seine nicht-weckbare Ehefrau ja nicht zu wecken. Ja nicht zu schnell aufstehen, weil sich sonst die Matratze bewegt. Ganz leise durchs Zimmer schleichen, lautlos die Tür schließen. Dann genauso lautlos den Flur entlang, durch die Tür zum Innenhof, wo sie ihn garantiert nicht mehr hören kann. Trotzdem immer noch auf Zehenspitzen. Den kurzen, geheizten Verbindungsgang vom Schlaftrakt zum Wohntrakt, wo er einen Moment stehen bleibt, um sein Haus zu bewundern.

 

Es ist eine geniale Komposition, diese einstöckige Anlage, nicht besonders originell, sondern funktional und vor allem elegant durchgeplant. Ein schlichter Hof in der Mitte, mit einer Tür auf jeder Seite, zum Wohntrakt, zum Esstrakt, zum großen Schlafzimmer, zu den Gästezimmern. Er hat den Entwurf in einer Krankenhauscafeteria auf eine Serviette gekritzelt, im dritten Jahr seiner Facharztausbildung, mit einunddreißig. Mit achtundvierzig kaufte er das Grundstück von einem Patienten aus Neapel, einem reichen Immobilienmakler mit Verbindungen zur Mafia und mit Diabetes Typ II, der nach Accra gezogen war, weil die Stadt ihn an Neapel in den fünfziger Jahren erinnert, wie er behauptet (der Reichtum so nah beim Elend, die frische Seeluft so nah beim Abwasser, am Strand stinkreiche Leute neben stinkarmen). Mit neunundvierzig fand er einen Zimmermann, der bereit war, den Auftrag anzunehmen – der einzige Ghanaer, der sich nicht weigerte, ein Haus mit einem Loch in der Mitte zu bauen. Dieser Zimmermann war siebzig, mit grünem Star und Sixpack. Er arbeitete einwandfrei und immer allein, und nach zwei Jahren war er fertig.

Mit einundfünfzig brachte Kweku seine Sachen her, fand es aber zu ruhig.

Mit dreiundfünfzig heiratete er zum zweiten Mal.

Elegant geplant.

Nun bleibt er an einer Seite des Quadrats stehen, zwischen den Türen. Hier ist die Struktur deutlich zu erkennen, er kann den Entwurf sehen, und er betrachtet ihn, so wie der Maler ein Gemälde betrachtet oder die Mutter das Neugeborene. Voller Verwirrung und Ehrfurcht, dass dieses Ding, das irgendwo im Kopf oder im Körper konzipiert wurde, es nach draußen in die Welt geschafft hat und jetzt ein Eigenleben hat. Etwas perplex. Wie ist es hierhergekommen, von in ihm zu vor ihm? (Klar, er weiß, durch die richtige Verwendung des entsprechenden Werkzeugs; das gilt für den Maler, die Mutter, den Amateur-Architekten – aber trotzdem ist es ein Wunder, wenn man es so vor sich sieht.)

Sein Haus.

Sein schönes, funktionales, elegantes Haus, das ihm als Ganzes erschienen ist, als Gesamtkonzept, in einem einzigen Augenblick, wie eine befruchtete Eizelle, die unerklärlich aus der Dunkelheit herausgeschleudert wird und einen vollständigen genetischen Code enthält. Ein logisches System. Die vier Quadranten: eine Verbeugung vor der Symmetrie, vor seiner Ausbildung, vor Millimeterpapier, vor dem Kompass, ewige Reise, ewige Rückkehr und so weiter, ein grauer Innenhof, nicht grün, glänzender Stein, Schieferplatten, Beton, sozusagen eine Widerlegung der Tropen, der Heimat. Das heißt, die Heimat neu gedacht, alle Linien klar und gerade, nichts üppig, weich oder grün. In einem einzigen Augenblick. Alles da. Hier und jetzt. Jahrzehnte später in einer Straße in Old Adabraka, einer verfallenden Vorstadt aus Kolonialvillen, weißer Stuck, streunende Hunde. Das Haus ist das Schönste, was er je geschaffen hat –

außer Taiwo, denkt er plötzlich. Der Gedanke ein Schock. Woraufhin Taiwo selbst vor ihm erscheint – die Wimpern ein schwarzes Dickicht, die Wangenknochen gemeißelter Fels und Edelsteine als Augen, ihre rosaroten Lippen, die gleiche Farbe wie das Innere eines Muschelhorns, unmöglich schön, ein unmögliches Mädchen – und seine »Einfühlsamer Ehemann«-Szene stört. Dann löst sie sich in Rauch auf. Das Haus ist das Schönste, was er je allein geschaffen hat, korrigiert er sich.

 

Dann geht er den Verbindungsgang zum Wohntrakt weiter, durch die Tür ins Wohnzimmer, durch das Esszimmer, zur Glasveranda und zur Schwelle.

Wo er stehen bleibt.

Zwei

Später am Morgen, als es angefangen hat zu schneien und der Mann aufgehört hat zu sterben und ein Hund den Tod gerochen hat, wird Olu ohne große Eile das Krankenhaus verlassen, sein Blackberry ausschalten, den Kaffee abstellen und zu weinen anfangen. Er wird keine Ahnung haben, wie der Tag in Ghana angefangen hat, er wird Meilen und Ozeane und Zeitzonen weit entfernt sein (und noch andere Arten von Entfernungen, die schwerer zu überwinden sind, wie gebrochene Herzen und Wut und versteinerter Schmerz und all die Fragen, die zu lange ungefragt oder unbeantwortet blieben, und Generationen von Vater-Sohn-Schweigen und Scham), während er Sojamilch in den Kaffee rührt, in einer Krankenhauscafeteria, mit verschwommenem Blick, unausgeschlafen, hier und nicht da. Aber er wird es sich vorstellen – sein Vater, dort, tot in einem Garten, ein Mann, gesund, siebenundfünfzig, in bemerkenswert guter Verfassung, kleiner-runder Bizeps unter der Haut seiner Oberarme, kleiner-runder Bauch unter seinem Unterhemd, einem Fruit of the Loom-Feinripp-Unterhemd, sehr weiß auf dunkelbraun, dazu diese lächerlichen MC Hammer-Hosen, die er, Olu, hasst und die Kweku liebt – und obwohl er es versucht (er ist Arzt, er weiß Bescheid, er kann es nicht ausstehen, wenn seine Patienten ihn fragen »Was ist, wenn Sie sich irren?«), wird er den Gedanken nicht los.

Dass die Ärzte sich irren.

Dass solche Dinge nicht »manchmal passieren«.

Dass dort etwas passiert ist.

Kein Arzt mit seiner Erfahrung und erst recht kein so außergewöhnlich guter Arzt – und man kann sagen, was man will, aber der Mann war erstklassig in seinem Beruf, selbst seine Widersacher geben das zu, ein »Künstler am Skalpell«, ein Chirurg, der seinesgleichen sucht, ein ghanaischer Carson und so weiter – kein Arzt dieses Kalibers hätte sämtliche Anzeichen eines sich so langsam aufbauenden Herzinfarkts übersehen können. Typische Koronarthrombose. Null Problem. Schnell handeln. Und er hätte genug Zeit gehabt, eine halbe Stunde, und das scheint eher untertrieben, nach allem, was Mom erzählt, dreißig Minuten, um zu handeln, um zur »Ausbildung zurückzukehren«, wie Dr. Soto sagen würde, Olus Lieblings-Oberarzt, sein Xicano-Hausheiliger. Symptome durchgehen, Diagnose erstellen, aufstehen, ins Haus gehen, die Frau aufwecken, und falls die Frau nicht Auto fahren kann – wovon auszugehen ist, sie kann nicht lesen –, selbst ans Steuer setzen und sich in Sicherheit bringen. Und Pantoffeln anziehen, Herrgott nochmal.

Aber er tat nichts dergleichen. Ging nichts durch, erstellte nichts. Durchquerte nur eine Glasveranda, fiel ins Gras. Ohne ersichtlichen Grund – oder aus undurchschaubaren Gründen, die Olu nicht ahnen kann und die er, zur Unwissenheit verdammt, nicht verzeihen kann – blieb sein Vater liegen, Kweku Sai, die Große Hoffnung der Ga, der verlorene Sohn, das verlorene Wunderkind, lag einfach da in seinen Schlafsachen und tat gar nichts, bis die erbarmungslose Sonne aufging, weniger ein Aufgang als ein Aufstand, Tod dem fahlen Grau durch das goldene Schwert, während drinnen die Ehefrau die Augen aufschlug und die Pantoffeln in der Tür stehen sah. Und weil sie das seltsam fand, ging sie ihn suchen und fand ihn. Tot.

 

Ein außergewöhnlicher Chirurg.

Und ein gewöhnlicher Herzinfarkt.

Durchschnittlich hat man vierzig Minuten zwischen Beginn der Attacke und Tod. Also selbst wenn es stimmt, dass solche Dinge »manchmal« passieren, das heißt, wenn es stimmt, dass gesunde Herzen sich »manchmal« verkrampfen, einfach so, aus heiterem Himmel, wie ein Wadenkrampf, besteht immer noch die Frage der Zeit. Die ganzen Minuten dazwischen. Zwischen dem ersten Stich und dem letzten Atemzug. Speziell diese Momente faszinieren Olu, er ist besessen von ihnen, schon sein ganzes Leben, in der Jugend als Sportler, dann später als Arzt. Die Momente, die das Ergebnis bestimmen.

Die stillen Momente.

Dieses zerrissene Schweigen zwischen Auslöser und Handlung, wenn sich das Denken nur auf das konzentriert, was der Augenblick fordert, und die ganze Welt sich verlangsamt, als wollte sie sehen, was passiert. Wenn der eine handelt und der andere nicht. Die Momente, nach denen es zu spät ist. Nicht das Ende selbst – diese wenigen, verzweifelten und schrillen Sekunden, die dem endgültigen Signalton vorausgehen oder dem langgezogenen Piepsen der Nulllinie –, sondern die Stille davor, die Unterbrechung des Geschehens, die Pause. Diese Pause gibt es immer, das weiß Olu, ausnahmslos. Die Sekunden, gleich nachdem die Pistole losgegangen ist und der Läufer unten bleibt oder zu früh hochkommt. Oder nachdem das Schussopfer spürt, wie die Kugel seine Haut zerreißt, und mit der Hand nach der Wunde tastet oder nicht. Die Welt steht still. Ob der Läufer gewinnt und ob der Patient durchkommt, hat letzten Endes weniger damit zu tun, wie er die Linie überquert, als vielmehr damit, was er in den Augenblicken kurz davor getan hat. Kweku hat nichts getan, und Olu weiß nicht, warum.

Wie konnte sein Vater nicht merken, was los war? Und wenn er es merkte, wie konnte er dann dort liegenbleiben, um zu sterben? Nein. Irgendetwas musste passiert sein, was ihm die Orientierung nahm, ein überwältigendes Gefühl, eine geistige Verwirrung. Olu weiß nicht, was es war. Er weiß nur so viel: ein aktiver Mann, unter sechzig, keine Krankheiten bekannt, aufgewachsen mit Frischwasserfisch, läuft jeden Tag fünf Meilen, vögelt eine attraktive Dorfidiotin – man kann sagen, was man will, aber diese neue Ehefrau ist keine Krankenschwester. Es ist sinnlos, Vorwürfe zu erheben, aber es hätte vielleicht Hoffnung gegeben, die richtige Herzdruckmassage/wenn sie aufgewacht wäre – aber so ein Mann stirbt nicht in einem Garten an einem Herzstillstand.

Etwas muss ihn zum Stillstand gebracht haben.

Drei

Tautropfen auf Gras.

Tautropfen auf Grashalmen, wie Diamanten, großzügig verstreut aus der Tasche eines Elementargeistes, der zufällig vorbeikam und mit leichten, geschmeidigen Schritten durch Kweku Sais Garten ging, kurz bevor Kweku selbst dort erschien. Der ganze Garten glitzert, blinzelt und kichert, wie Schulmädchen, die verlegen verstummen, wenn der Liebste sich nähert. Glitzernder Mangobaum, Herrscher, strotzend im Zentrum, mit den kräftigen, leuchtend grünen Blättern und den leuchtend gelben Früchten; glitzernder Brunnen, jetzt voller Risse und umgeben von Unkraut, das Weiß blüht, aber die Statue steht noch da, die »Mutter von Zwillingen«, iya-ibeji, ein Geschenk für seine Exfrau Folasadé, jetzt verlassen im Brunnen, mit ihren handgemeißelten Zwillingen; glitzernde Blumen, die Folasadé an ihren Blüten, ihren Gesichtern erkennen konnte, die englischen Namen, die lateinischen Namen, eine Million verschiedener Rosatöne; leuchtender Himmel, das weiche Grau des Südens ohne Sonnenlicht, glitzernde Wolken an den Rändern.

Glitzernder Garten.

Glitzernd nass.

Kweku bleibt auf der Schwelle stehen und starrt hinaus, atemlos, eine Schulter an die halb offene Schiebetür gelehnt. Er denkt vor sich hin, ein Stechen in der Brust, dass die Welt manchmal zu schön ist. Dass sie einfach kein Gewicht hat, dass man sie unmöglich akzeptieren kann. Der Tau auf dem Gras und das Licht auf dem Tau und die Färbung dieses Lichts – das ist nichts für einen Arzt wie ihn, der weiß, dass solche Dinge selten eine Nacht überleben. Der weiß, dass sie zwar da sind, aber nie lange, für die Welt, wie er sie kennt, diesen grausamen und sinnlosen und quälenden Ort. Der weiß, dass sie entweder zerbrochen werden oder wegbrechen, sich befreien von dem, was Verlust bedeutet. Und dass die Neugeborenen-Intensivstation, N.I.C.U., es richtig gemacht hat.

 

In der N.I.C.U. empfiehlt man, keinen Namen zu geben, wie er in seinem dritten Ausbildungsjahr in der Pädiatrie lernen sollte, in diesem herzzerbrechenden Winter 1975, als seine Mutter gerade gestorben und sein erster Sohn gerade geboren war. Wenn ein unglückliches Neugeborenes aller Voraussicht nach das Wochenende nicht überstehen würde, riet man den Eltern davon ab, ihm einen Namen zu geben, und schrieb »Baby« samt Nachnamen auf das Schild am Brutkasten (»Baby A«, »Baby B« und so weiter, bei Mehrfachgeburten). Viele seiner Jahrgangskollegen fanden diese Praxis befremdlich – als würde man sich zu früh geschlagen geben. Das waren vor allem die Amerikaner, mit ihren weißen Zähnen und der Kuhmilch, für die Kindersterblichkeit etwas Unvorstellbares ist. Oder besser gesagt, vorstellbar in der Summe, als eine Zahl, eine Statistik, das heißt, x % der in Ghana geborenen Kinder sterben vor der zweiten Woche. Vorstellbar im Plural, aber inakzeptabel im Singular. Das eine grau-blaue Baby.

Das verstorbene Baby Nachname.

Für die Afrikaner hingegen (und die Inder und die Westinder und für den einen Flüchtling aus Lettland, dem es in Baltimore gefiel) war ein totes Neugeborenes nicht nur vorstellbar, sondern auch nicht weiter erwähnenswert, vor allem, wenn unvermeidlich, das heißt, erklärbar. So war das Leben. Ihnen erschien es nur logisch, keinen Namen zu geben, ja, sogar gut, ein Mittel, um Distanz zur Existenz und damit auch zum Tod zu schaffen. Etwas, was man sich typischerweise in Amerika ausdachte, während man sich in Riga oder in Accra gar keine Gedanken darüber machte. Die Sterilisierung menschlicher Emotion. Die Reduzierung aller Schmerzen auf das Niveau von Hallmark-Karten-Kummer. Von den vielen Gesichtern des Leids wird, als helfe eine fleißige OP-Schwester, alle Hässlichkeit abgewaschen.

Gesichter, die Kweku Sai kannte.

Ihm, der jeden Schmerz an seinem Gesicht erkennen konnte, war die Logik vertraut, aus einer wärmeren Dritten Welt, wo der Junge seine Mutter, blutverschmiert von den Wehen (von fruchtlosen Wehen), in der Dämmerung bis ans Ufer eines Ozeans begleitet und sieht, wie sie die kleine Leiche, in Palmblätter gewickelt, sozusagen ein unglücklicher Moses, in den Schaum der Wellen legt und dann weggeht. Er wird sie niemals darüber sprechen hören, nie, kein einziges Mal – und er lernt, dass »Verlust« nur ein Konstrukt ist. Nur ein Gedanke. Den man ausformuliert oder auch nicht. Mit Worten. Das heißt, etwas, dessen Existenz man gar nicht bis ins Denken vordringen lässt, kann man nicht verlieren, und man kann nie sagen, man habe es verloren.

Schon damals, mit vierundzwanzig, als junger Vater und immer noch Kind, ein neuerdings mutterloses Kind, wusste Kweku das alles.

 

Jetzt starrt er auf das Glitzern, er wird zum Stillstand gebracht von der Schönheit, und er weiß, was er vor so vielen Wintern wusste. Wenn man vor etwas steht, was fragil und perfekt ist, in einer Welt, die hässlich und erdrückend und grausam ist, dann lautet die korrekte Verhaltensregel: Gib ihm keinen Namen. Tu so, als existierte es nicht.

Aber das funktioniert nicht.

Er spürt einen zweiten Stich, jetzt, weil es die Perfektion gibt, weil die Perfektion hartnäckig gegenwärtig ist, gerade in den verletzlichsten Dingen, selbst wenn er sich noch so weigert – eine bewundernswerte, logische Weigerung –, sich in seinem Herzen, in seinem Denken darauf einzulassen. Und weil seine Logik so trostlos ist. Gleichgültig, an welchem Faden er zieht, um den elenden Knoten zu lösen: (a) wie vergeblich es ist, etwas zu sehen, angesichts der Vergänglichkeit des Schönen, vor allem des Schönen in der Zerbrechlichkeit, und das an einem Ort wie diesem, wo eine Mutter, noch blutig, ihr Neugeborenes begraben muss, sich danach abwäscht und nach Hause geht, um Süßkartoffeln zu Brei zu stampfen; (b) wie beharrlich das Schöne ist, ausgerechnet in der Zerbrechlichkeit!, in einem Tautropfen vor Tagesanbruch – ein Ding, das enden wird, und zwar schon bald, in einem Garten, in Ghana, im üppigen Ghana, im weichen Ghana, im grünen Ghana, wo zerbrechliche Dinge sterben.

Er sieht das alles so deutlich, dass er die Augen schließt. Sein Kopf beginnt zu pulsieren. Er öffnet die Augen. Er will sich bewegen, kann aber nicht. Er klebt dort fest, überwältigt.

Das letzte Mal, dass er sich so gefühlt hat, war bei Sadie.

Vier

Wieder Winter, 1989.

Die Entbindungsstation im Brigham Hospital.

Fola, aufgestützt im Krankenhausbett, noch blutig von den Wehen, klammert sich an seinen Arm.

Die Zwillinge, neun Jahre alt, schlafen tief und fest im Wartezimmer, auf diesen scheußlichen blauen Stühlen mit der gelben Schaumgummipolsterung, ineinander geschoben, wie sie das immer machen, ein lustiges japanisches Holzpuzzle: Taiwos Kopf auf Kehindes Schulter und Kehindes Wange auf Taiwos Kopf, ein Mädchen und ein Junge mit den gleichen Bernsteinaugen, die Funken aus den sonst so sanften Kindergesichtern schleudern.

Olu, der Apfelscheiben isst, schon mit vierzehn Jahren auf Gesundheit bedacht, und der Alles zerfällt liest; einziges Anzeichen seiner wachsenden Unruhe das mechanische Auf- und Ab-Wippen seines Oberschenkels.

Und das Neugeborene, noch ohne Namen, das in seinem Brutkasten um sein Leben kämpft. Und verliert.

Baby Sai.

 

In dem widerlichen Kreißsaal.

»Was ist mit Idowu? Wo wird sie hingebracht?«

Sie umklammerte seinen nackten Arm. Er trug noch seinen Operationskittel, sonst nichts, die Arme nicht bedeckt. Er war gerade beim Vernähen, als bei ihr die Wehen einsetzten (zu früh). Ein Freund am Brigham hatte ihn (über die Sprechanlage) angepiepst, er war durch den Schnee gerannt, vom Beth Israel hierher, die wirbelnden Flocken hatten seinen Blick verschleiert und die Wörter, zwei Wörter, sein Denken. Zu früh.

»Es war zu früh.«

»NEIN.«

Kein menschliches Geräusch. Ein Tier. Ein grollendes Knurren, aus dem eben leer gewordenen Bauch. Ein Schlachtruf. Aber wer war der Gegner? Er. Der Geburtshelfer. Die Zeit. Der Bauch selbst. »Folasadé«, murmelte er.

»Kweku, nein«, knurrte Fola mit zusammengebissenen Zähnen, und ihre Fingernägel gruben sich in seine Haut. Bis es blutete. »Kweku, nein.« Jetzt begann sie zu weinen.

»Bitte«, flüsterte er. Erschlagen. »Nicht weinen.«

Sie schüttelte den Kopf, weinend, immer noch seinen Arm durchbohrend (ohne auf seine anderen durchbohrbaren Teile zu achten). »Kweku, nein.« Als würde sie im Kopf seinen Namen ändern, von Kweku, einfach nur Kweku, zu Kweku-nein.

Er drückte die Lippen sanft auf ihren Kopf, stolz gekrönt von dem wunderschönen Afro, Folas Haar, der durch den Schweiß auf die Hälfte reduziert war. Eine Wolke winziger Spiralen, jede an der nächsten klebend, solidarisch, nach Indian Hemp riechend. »Wir haben drei gesunde Kinder«, sagte er leise zu ihr. »Wir können uns glücklich preisen.«

»Kweku-nein, Kweku-nein, Kweku-nein.«

Der letzte Ruf war schrill, fast Wut, Anklage. Er hatte Fola noch nie so aufgelöst erlebt. Die anderen beiden Schwangerschaften waren problemlos verlaufen, medizinisch gesprochen, die Entbindung wie ein Uhrwerk, wie im Lehrvideo. Die erste in Baltimore, als sie noch Kinder waren, die zweite hier in Boston, ein Kaiserschnitt, die Zwillinge. Und nun das. Zehn Jahre später, ein absoluter Zufall, ein Unfall, diese dritte Schwangerschaft (obwohl alle absolute Zufälle gewesen waren, in gewisser Weise). Bei dieser war Fola von Anfang an anders gewesen. Sie bestand darauf, sofort das Geschlecht zu erfahren. Dann bestand sie darauf, dass er niemandem etwas erzählte, nicht einmal den Kindern, weder (a) dass sie schwanger war, noch (b) was es war. Beides wurde aber offensichtlich an einem Sommerabend, als sie mit vier Eimern rosaroter Farbe nach Hause kam. Sie wählte den Namen ohne ihn, für »das Kind, das nach Zwillingen kommt«. Das überraschte ihn nicht besonders. Sie legte plötzlich Wert auf ihr Yoruba-Erbe, nachdem sie eine iya-ibeji geworden war, Mutter von Zwillingen. Er mochte den Namen nicht, der Klang gefiel ihm nicht, Idowu, und was der Name bedeutete, gefiel ihm noch weniger. Irgendetwas von Konflikt und Schmerz. Andererseits war er froh, dass sie nicht etwas noch Dramatischeres ausgesucht hatte, wie Yemanja, so wie sie sich die ganze Zeit aufführte. Schreine bauend.

Und nun das. Zehn Wochen zu früh. Man konnte nichts tun.

»Du musst etwas tun. Irgendetwas.«

Er schaute zur Krankenschwester.

Eine Trinkerin, würde er schätzen, nach dem Bauch und der Rosazea zu urteilen. Irisch, nach dem Süd-Bostoner »a« zu urteilen. Aber keine Spur von der Bigotterie, die oft damit einhergeht, und sanfte Augen, grau-blau, leuchtend. Diese Frau schaffte es, die Stirn zu runzeln und gleichzeitig zu lächeln. Mitfühlend. Während Fola Blut aus seinem Arm kratzte. »Wo ist sie hingebracht worden?«, fragte er, obwohl er es wusste.

Die Schwester lächelte stirnrunzelnd. »Auf die N.I.C.U.«

 

Er ging in den Warteraum.

Olu blickte hoch.

Er setzte sich neben Olu, legte eine Hand auf sein Knie. Olu legte Achebe weg und schaute auf sein Knie, als würde er jetzt erst merken, dass es wippte. »Pass auf deinen Bruder und deine Schwester auf. Ich bin gleich wieder da.«

»Wohin gehst du?«

»Ich will nach dem Baby sehen.«

»Kann ich mit?«

Kweku warf einen Blick auf die Zwillinge.

Ein lustiges japanisches Holzpuzzle. Sie schliefen wie seine Mutter. Olu betrachtete die beiden ebenfalls. Dann warf er Kweku einen flehenden Blick zu.

»Gut. Komm mit.«

 

Sie gingen schweigend den Krankenhausflur entlang. Vor ihnen sein Kameramann, rückwärts gehend. In dieser Szene: Ein hochangesehener Arzt geht mit energischen Schritten den Gang hinunter, um seine unrettbare Tochter zu retten. Ein Western. Wäre gut, wenn er eine Waffe hätte. Einen kleinen sechsschüssigen Revolver, Silber. Zwei. Etwas mit mehr Glanz als ein Hopkins-Arzt. Ein klarerer Gegenspieler wäre auch gut. Oder ein Gegenspieler, der weniger anspruchsvoll ist als die Grundregeln der medizinischen Wissenschaft. Als die Statistik.

Jetzt, Olu: »Und?«

Ende der Szene.

»Nichts.« Kweku lachte leise. »Nur müde, mehr nicht.« Er tätschelte seinem Sohn den Kopf. Oder, genauer gesagt, die Stirn seines Sohnes, weil der Kopf nicht mehr da war, wo er sich in seiner Erinnerung befand. Kweku musterte Olu aufmerksam, überrascht von seiner Größe (und von anderen Dingern, die er gesehen, aber noch nicht richtig registriert hatte: der breite Latissimus dorsu, der große Rückenmuskel, das kantige Kinn, die Yoruba-Nase, Folas Nase, breit und gerade, die straffe Haut, die gleiche Farbe wie seine und glatt wie ein Babypopo, noch jetzt in der Pubertät). Er war nicht hübsch wie Kehinde – der wie ein Mädchen aussah: ein unmögliches, unmöglich schönes Mädchen –, aber er war im Laufe eines einzigen Wochenendes, so schien es ihm, ein wirklich sehr gut aussehender junger Mann geworden. Er drückte Olus Schulter, um ihn zu beruhigen. »Mir geht’s gut.«

Olu machte ein ernstes Gesicht, angespannt. »Ich meine das Baby. Was ist es? Welches Geschlecht?«

»Ach so. Richtig.« Kweku lächelte. »Es war ein Mädchen«, dann: »Es ist ein Mädchen«. Aber zu spät. Olu hatte die Zeit gehört (»war«) und musterte ihn misstrauisch.

»Was ist mit dem Baby?«, fragte er, seine Stimme angespannt.

»Der Fluch ihres Geschlechts. Ungeduld.« Kweku blinzelte. »Sie konnte nicht warten.«

»Kann man sie retten?«

»Unwahrscheinlich.«

»Kannst du’s?«

Kweku lachte jetzt laut, ein unerwartetes Geräusch in der Stille. Er tätschelte Olus Kopf, diesmal erwischte er die Haare. Dass sein ältester Sohn seine Fähigkeiten als Arzt so hoch schätzte, erstaunte ihn immer wieder und freute ihn. Versöhnte ihn. Sein anderer Sohn interessierte sich überhaupt nicht dafür, was er tat, obwohl sie alle von seiner Arbeit lebten. Kweku nahm das nicht persönlich. Wenigstens dachte er das. Wenigstens ließ er es sich nicht anmerken, wenn der Kameramann dabei war. Er war ein intelligenter Vater, zu rational, um ein Lieblingskind zu haben. Und ein richtiger Mann, der über solchen kleinlichen Unsicherheiten steht. Und ein hochangesehener Arzt, einer der besten auf seinem Gebiet, verdammt nochmal!, ob es nun Kehinde interessierte oder nicht. Außerdem. Der Junge war nicht zu beeindrucken. Ewig gleichgültig. Alle seine Lehrer sagten das, Jahr für Jahr. Außerordentliche Begabung, beispielhaftes Verhalten, aber die Schule interessiert ihn nicht. Was tun? Kehinde interessiert gar nichts, sagte ihnen Kweku. Außer Taiwo. Immer außer Taiwo.

»Nein«, antwortete er Olu, und sein Lachen blieb, als Lächeln. Olus Augen ruhten seitlich auf seinem Gesicht. Dann entfernten sie sich. Sie gingen weiter den Gang entlang, schweigend. Plötzlich blickte Olu hoch.

»Doch, du kannst es.«

 

Als Kweku viele Jahre später an diesen Augenblick denkt, kann er den Ausdruck auf dem Gesicht des Vierzehnjährigen vor sich sehen. Olu schien – innerhalb von Sekundenbruchteilen – wieder ein kleines Kind zu werden, voller Vertrauen. Der Junge verwandelte sich, sein Gesicht weit offen, seine Augen so frei von Zweifel, dass Kweku den Blick senkte. Dass sein ältester Sohn seine Fähigkeiten als Arzt so hoch schätzte, brach ihm das Herz (ein zweites Mal. Das erste Mal hatte er es nicht gespürt). Er schüttelte schwach den Kopf und blickte auf seine Hände. Seine Finger, immer noch starr von dem schnellen Lauf durch den Schnee. Er taumelte am Abgrund, aber er wusste nicht, an welchem; irgendeine seltsame Kraft baute sich immer mehr auf, in ihm und gegen ihn. »Sie hat nicht das Herz dafür …«, begann er, unterbrach sich aber dann. Sie waren jetzt an der Glastür zum Säuglingssaal.

 

Kweku spähte hinein.

Da war es.

Auf der linken Seite.

Zweieinhalb Pfund, kaum atmend, kaum ein Leben.

Überall Pflaster, aus denen Schläuche kamen. Es sah aus wie E.T. auf dem Weg nach Hause.

Olu presste die Hände an das Plexiglasfenster. »Welches Baby ist es?«, fragte er und legte die Hände schützend um die Augen. Kweku lachte leise. Olu sagte nicht sie. Nur es, das Baby. Ein kleiner Arzt im Entstehen. Er zeigte auf den Brutkasten, auf das handgeschriebene Schild. »Das da«, sagte er. »Baby Sai.«

 

Es war nur eine Kleinigkeit, wirklich, ein minimaler Ausrutscher (»Sai«), dass er seinen Nachnamen laut aussprach, als er ans Glas klopfte, aber er war ja schon am Abgrund entlanggetaumelt, als es passierte und er, während er auf den Brutkasten deutete, seinen eigenen Namen aussprach. Beides zusammen – der Klang seines Namens, ein lauter Atemhauch im Raum, und der Anblick des Neugeborenen, das um den Atem kämpft – bewirkte, wie eine explosive Verbindung, dass »Baby Sai« irgendwie sein Baby wurde. Es gehörte ihm.

Sie gehörte ihm.

Und sie war perfekt.

Und sie war winzig.

Und sie war dabei zu sterben. Und er fühlte es, fühlte dieses Sterben, mitten in seinem Inneren, mit wachsender Wucht, eine ungebremste Panik, die seine Lunge ergriff und seine Brusthöhle mit einem Summen erfüllte: kribbelnd, zäh, beißend und stechend. Er hörte sich selbst flüstern: »Da ist sie« oder so etwas Ähnliches, aber weil sich sein Kehlkopf zusammenzog, erkannte er seine Stimme nicht.

So wenig wie Olu, der aufblickte. Erschrocken.

»Dad«, flüsterte er. Gequält. »Nicht weinen.«

Aber Kweku konnte nichts dagegen tun. Er merkte es gar nicht richtig. Die Tränen kamen so schnell, flossen so leise. Sie gehörte ihm, war seine. Dieses kostbare Ding da, mit Zehennägeln wie Tautropfen, ihre zehn winzigen Finger zusammengerollt vor Hoffnung, kleine Fäuste der Entschlossenheit, und ihre blütenblattdünne Haut, wie eine Blume, die Fola an ihrem Gesicht erkennen konnte. Schon jetzt Folas Liebling. Und Fola: wartend, hoffnungsvoll, aufgestützt im Bett, schwitzend, blutverschmiert. Auch seine.

Du musst etwas tun.

Er musste etwas tun. Schnell wischte er sich übers Gesicht, mit der Rückseite seines Arms. Das Salz brannte in der Wunde. Er drückte Olus Schulter. Um sich selbst zu beruhigen.

»Dann komm mit.«

 

Die nächsten sechsundneunzig Stunden blieb er im Personalraum des Krankenhauses, schloss Freundschaft mit den verschlafenen Assistenzärzten, die ebenfalls dort schliefen, konsultierte Kollegen, recherchierte Behandlungsformen, las wie besessen, schlief kaum, bis sein Gegenspieler besiegt war. Bis das Neugeborene einen Namen bekam. Und nicht Idowu, nicht diesen Namen, der so zäh war wie Ziegenfleisch, den Fola für das leidgeprüfte Kind ausgesucht hatte, das direkt nach den Zwillingen geboren worden war. Er entschied sich für Sadé, als sie das Mädchen endlich, endlich nach Hause brachten – mit der Begründung, dass zwei Folas zu verwirrend wären. Seine erste Wahl war Ekua, wie seine Schwester, »geboren am Mittwoch«, aber Fola hatte schon vor Jahren die Oberhoheit auf dem Gebiet der Namensgebung übernommen (erster Vorname: nigerianisch; Mittelname: ghanaisch; dritter Name: Savage; Nachname: Sai). Sadé nannte sich Sadie, als sie in die Junior High kam, mit der Begründung, dass ihre Mitschüler Sadé sowieso wie Sadie aussprachen. Aber eine Krankenschwester wählte als Erste Folasadé, unbeabsichtigt, in dieser letzten Nacht im Brigham.

Noch ein Zufall.

Er war nach Mitternacht allein im Säuglingsraum mit dem Baby, immer noch im selben Operationskittel, von der Blinddarm-OP im Beth Israel vor ein paar Tagen, und ihm war vollkommen klar, dass Eltern, die an der Plexiglasscheibe vorbeikamen, ihn für einen Obdachlosen halten könnten. Was ja auch passte. Die blutunterlaufenen Augen, die verfilzten Haare, der halb wahnsinnige Blick eines Besessenen. Er sah aus wie ein Irrer, ein Irrer im Arztkittel, der pleitegegangen ist, weil er unbedingt gewinnen wollte, trotz verschwindend geringer Chance. (Er konnte nicht ahnen, dass er eines Tages tatsächlich so werden würde: ein Verrückter, besessen, unrasiert, pleite, ausgelaugt.) Der Raum war dunkel, bis auf die Beleuchtung in den Brutkästen. Auf einem Stuhl wiegte er das Mädchen in seinem Schoß. Das Mädchen schlief schon länger als eine Stunde, aber er schaukelte weiter, zu erschöpft, um aufzustehen. Der Stuhl war zu klein, einer dieser winzigen Schaukelstühle aus Plastik, die Krankenhäuser in ihre Säuglingszimmer stellen, als wären sie für die Neugeborenen gedacht.

Die irisch aussehende Krankenschwester mit dem Bauch und der Rosazea erschien in der Tür mit ihrem Klemmbrett und blieb stehen. »Sie schon wieder.« Sie lehnte sich an den Türrahmen. Lächelte stirnrunzelnd.

»Ja, ich schon wieder.«

»Nein, nein, bitte, bleiben Sie sitzen.«

Sie betrat den Raum, ohne die Neondeckenbeleuchtung anzuknipsen. Netterweise ersparte sie ihnen beiden den plötzlichen Überfall durch das grelle Licht. Leise machte sie ihre Runde, kritzelte Notizen auf ihr Klemmbrett. Als sie zu dem kleinen Schaukelstuhl kam, schaute sie nach unten und musste lachen.

Die Hand des Kindes, mit den fünf unendlich kleinen Fingern, hing an Kwekus Daumen, als wollten sie das Leben festhalten.

»Sie müssen die Kleine wirklich sehr lieben«, sagte sie mit ihrem Bostoner Akzent. »Sie sind öfter hier als ich, ich schwör’s.«

Kwaeki lachte ganz leise, um das Baby nicht aufzuwecken. »Stimmt«, sagte er nur. »Es stimmt.«

Es klang fast wie »Ich will«, und er musste an Baltimore denken, an seinen Hochzeitstag, eine Fola, jung, strahlend in ihrem Umstandskleid, in einer dämmrigen Kapelle mit niedriger Decke, rotem Teppich und Holzvertäfelung, er dachte an die erste Nacht nach der Hochzeit, Ginger Ale, Sektgläser aus Plastik. Woraufhin zwei andere Wörter wie kleine Bläschen zur Oberfläche seines Denkens aufstiegen. Und platzten. Zu früh. Hatten sie zu früh geheiratet? Waren sie zu früh Eltern geworden? Wenn ja – was hatte es zu bedeuten? Dass es keine »wahre Liebe« war?

Die Krankenschwester, immer noch in Boston, machte die Lampe im Brutkasten aus. Kweku, noch in Baltimore, schloss die Augen, schaukelte vor und zurück. »Aber ich liebe sie wirklich sehr.« Die Schwester hörte es nicht. Sie überprüfte das Schild am Brutkasten. Baby Sai. Kein Vorname.

»Wie heißt sie?«, fragte die Schwester ihn, den Stift gezückt.

»Folasadé«, murmelte Kweku, zu müde, um nachzudenken.

»Sehr hübsch. Wie schreibt man das?«

Ohne die Augen zu öffnen. »F-o-l-a-s-a-d-e.«

 

Er begriff gar nicht, was die Schwester eigentlich gefragt hatte – bis zu der Verwirrung bei der Entlassung. »Keine Idowu Sai.« Eine andere Schwester jetzt, die gereizt ihren Kaugummi schmatzte, knallte die Akte auf die Theke und deutete darauf. Acryl-Fingernägel. Kweku nahm die Akte, um nachzusehen, was da stand. Vorname: Folasade. Nachname: Sai. Die Schwester lächelte herablassend, fabrizierte eine Kaugummiblase, ließ sie platzen.

»Fola-say-dee Sai. Ist das Ihr Kind? Fola-say-dee?«

Fünf

Das letzte Mal, dass er sich so gefühlt hat, war bei »Say-dee«. Dieses Gefühl einer Offenbarung, die gleiche beunruhigende Erkenntnis, dass er etwas falsch verstanden hat, dass etwas, das er schon unzählige Male angeschaut und als unbedeutend, vernachlässigbar abgetan hat, in Wirklichkeit schön ist und schon immer schön war. Wieso ist ihm das bisher entgangen? Das gerade-erst-geborene Baby, das gerade-erst-atmende Neugeborene, die Fäuste geballt voller Hoffnung, kein bizarrer Anblick, auch kein Alien, was er früher bei Neugeborenen immer gedacht hat (auch bei Olu, Taiwo und Kehinde), sondern wundervoll, jede Mühe wert. Gleichzeitig Bestürzung. Eine plötzliche Enge in der Brust, auf der linken Seite, wo er das Sterben und andere wachsende Kräfte spürt. Nicht: War-blind, doch-jetzt-kann-ich-sehen, Chor der Engel, Halleluja. Eher: Aber-wohin-führt-das-alles, eine durchdringende, eine schrille Frustration.

Oder was er für »Frustration« hält.

Er hat einmal gelesen, dass Frustration nur ein anderer Name für Selbstmitleid ist.

Wie immer man es nennen will.

Das letzte Mal, dass er sich so gefühlt hat, war bei Sadie: Frustration/Mitleid, dass die Welt zu schön ist und gleichzeitig schöner, als er weiß, als er es je bemerkt hat. Es ist ihm entgangen, und vielleicht entgeht ihm noch mehr, aber das wird er vielleicht nie erfahren, vielleicht ist es zu spät, es kann zu spät sein – es ist ihm entgangen, dass es so etwas überhaupt gibt, so ein Zu-Spät, dass die Zeit abläuft und dass es vielleicht letztendlich gar keine Rolle spielt, was er bemerkt hat und was nicht, denn wie kann es wichtig sein, wenn alles verschwindet?

Oder eine Art Gedankenspirale, die in diese Richtung geht und sich bei dieser letzten Verteidigung zu Wort meldet – das heißt, wie kann ihm vorgeworfen werden, was er versäumt hat, wenn ohnehin alles in Bedeutungslosigkeit gehüllt ist, wenn alles stirbt? Er plädiert auf nicht schuldig (Ich habe nicht gewusst, was schön ist; ich hätte für alles gekämpft, wenn ich es gesehen hätte, wenn ich es gewusst hätte!). Aber vor wem er – in der Glasveranda genau wie im Säuglingsraum – eigentlich plädiert, bleibt weitgehend unklar. Und noch etwas. Etwas Neues jetzt. Weder Rechthaberei noch Blindheit noch blinde Empörung noch Mitleid.

Akzeptanz.

Des Todes.

Denn er weiß, auf seltsame Art, als die Spirale bei wenn alles stirbt anhält, dass er kurz davor ist.

 

Er weiß – während er dasteht, in seinem Unterhemd und seiner MC Hammer-Hose, die Schulter an die halboffene Schiebetür gelehnt, während er tiefer in den Traum gleitet, in die Erinnerung und in andere Gefühle dieser Art (Bedauern, Reue, Ärger, Umwertung) –, dass er stirbt.

Er weiß es.

Aber er merkt es nicht.

Es ist ein Wissen, keine Erkenntnis. Unauffällig zwischen seinen anderen Gedanken. Nicht einmal ein »Gedanke«. Ein Geräusch, das durch das Wasser auf ihn zukommt, nicht schnell. Eine Gestalt, die sich ganz in der Ferne bildet, aus negativem Raum. Eine Blase, die eben erst den Abstieg ins Bewusstsein antritt. Immer noch zehn, fünfzehn Minuten von der Wahrnehmung entfernt, hinter dem Zeitplan, alle Fakten werden wieder in aufrechte Position gebracht, die Flugbegleiter bereiten die Kabine für die Landung vor. Eine Frau. Die Stimme einer Frau. Die Liebe einer Frau. Die Liebe zu ihr und ihre Liebe. Eine Frau, zwei Frauen. Die Mutter und Geliebte, wo alles beginnt und endet, wie er es schon immer vermutet hat. (Mehr dazu gleich.)

Im Moment steht er an der Schwelle, fasziniert vom Garten.

Wie in aller Welt konnte ihm das entgangen sein?

Sechs

Fast sechs Jahre hat er das hier angeschaut – jeden Morgen, von seiner Glasveranda aus, dieser Veranda mit den deckenhohen Fenstern und dem Dach aus Architekturglas, er hält immer inne, während er Kaffee und Milo Malzschokolade trinkt, den Mocha des armen Mannes, lässt den Graphic sinken, saugt bei dem Anblick gedankenabwesend an den Zähnen, denkt, er hätte doch auf dem Pool und den Kieselsteinen beharren sollen, weil er sieht, dass das Liebesgras Wasser braucht, genau da liegt nämlich das Problem mit der Begrünung, hoffentlich ist der verdammte Zimmermann, Mr Lamptey, jetzt endlich zufrieden – in all den Jahren hat er es kein einziges Mal gesehen.

Seinen Garten.

Er konnte es nicht.

Er wollte keinen Garten. Das hatte er mehr als deutlich gesagt. Nichts Üppiges, Weiches oder Grünes. Alle Linien klar usw. (Im Grunde wollte er die Dinge, die er mit Gärten in Verbindung bringt, wie Fola oder die Engländer, nicht auf seinem Grundstück, nicht in seinem Blickfeld.) Er wollte Kieselsteine, weiße Kieselsteine, einen Teppich aus Weiß, wie frischer Schnee, einen rechteckigen Pool. Die Sonne sollte strahlend glitzernd von den weißen Steinen und dem Wasser reflektiert werden, die sengende Hitze in Schach gehalten von einem Überdach aus Beton. Das ist es, was er in der Cafeteria des Beth Israel skizziert hat, während er billigen, lauwarmen Kaffee trank, nach Desinfektionsmittel und Tod stinkend. Ein chlorblaues Viereck an einem Strand aus hellem Weiß. Steril, rechtwinklig, elementar.

Ein geordneter Anblick.

Und das Leben, das dazu gehörte. Jeden Morgen aufstehen, in seiner kleinen Sonnenveranda Platz nehmen mit der Zeitung und einem Croissant, frischen, teuren Kaffee trinken, serviert von einem Butler namens Kofi, den er mit britischem Akzent anweisen würde (nicht ganz nachvollziehbar): »Danke, das wäre alles.« Seine Kinder friedlich im Schlafzimmer-Trakt schlafend (jetzt der Gästezimmertrakt), während der Koch im Speisetrakt das Frühstück zubereitet. Und Fola. Mit Abstand der beste Teil des Bildes. In ihrem blauen Bikini schwimmt sie ihre letzte Morgenbahn, ihr Afro voller Tropfen, lauter glitzernde Juwelen, so steigt sie aus dem Wasser wie Aphrodite aus dem Schaum der Brandung (eher unwahrscheinlich, Fola konnte es nicht ausstehen, wenn ihre Haare nass wurden) und winkt.

Strichmännchen auf einer Serviette.

Sie: lächelnd, tropfend, winkend.

Er: lächelnd, Kaffee trinkend, zurückwinkend.

 

Stattdessen hat er sich angewöhnt, jeden Morgen hier mit seiner Zeitung und seinem Frühstück zu sitzen (Mocha des armen Mannes, vier fette Dreiecke getoastetes Kakaobrot), auf allen Seiten bedrängt von den deckenhohen Fenstern und von der Vision eines Zimmermanns und Mystikers.

Dieser verdammte Kerl.

Mr Lamptey.

Der Zimmermann. Jetzt der Gärtner. Immer noch ein Rätsel. Der das Haus in zwei Jahren gebaut hat, einwandfrei und allein, der bei der Arbeit Haschisch raucht, sich in der Mittagspause seine Blunts stopft und bei jeder Verletzung des Holzes Klagegesänge anstimmt, der zur Arbeit in Swami-Kleidung erscheint (safrangelb, barfuß, einen Werkzeuggürtel um die Hüfte geschlungen) und eigentlich nicht wie ein weiser Mann aussieht, sondern eher wie ein alt gewordener Stripper, mit seinem Hammer und Meißel und den nackten gemeißelten Beinen. Eine uralte Seele im Körper eines jüngeren Mannes, mit den Augen eines kleinen Kindes in seinem Altmännergesicht, gut siebzig Jahre alt, mit seinem grünen Star und dem Sixpack. Er sabotierte die Glasveranda und verweigerte Kweku seinen Ausblick. Aber er verstand die Vision: einfache einstöckige Anlage. Der einzige Zimmermann in Accra, der bereit war, so etwas zu bauen.

Die anderen, die sogenannten »Luxus-Architekten-Bauunternehmen«, hatten alle ihre eigenen Vorstellungen (alle die gleiche Idee), wie ein Haus aussehen soll: nämlich so kitschig und protzig, wie es die finanziellen Mittel zuließen, ohne jeden Bezug zu irgendeinem afrikanischen Architekturkonzept. Kweku versuchte, sein Anliegen so höflich wie möglich zu erklären, in einem überklimatisierten Büro nach dem anderen: (a) dass sein Haus, so wie er es sich vorstellte, keineswegs »wie ein Fremdkörper« wirken würde, wie die Bauherren meinten (»wir sind hier nicht in den Staaten«); (b) dass Accra schon immer eine Vorliebe für eine kühne modernistische Architektur hatte, man brauchte sich nur den genial futuristischen Black Star Square anzuschauen; (c) dass eine Anlage um einen Innenhof herum in der Tat eine klassische ghanaische Baustruktur war, die genau zur Umgebung passte, was man von ihren Vorzeigehäusern nicht behaupten konnte. Ihre Häuser waren im Grunde nichts als Lagerhallen – kein »Zuhause« –, Hallen, in denen man seine Einkäufe unterbringen konnte: geschmacklose Gemälde, Veloursofas, Plastikblumen, pfundweise Kitsch, Perserteppiche, Samtvorhänge, Kronleuchter, Bärenfellteppiche, alles in den Tropen total unangebracht. Und billig. Gleichgültig, wie aufwändig sie bauten, mit dreistöckigen Vorhallen und Säulen und Swimmingpools – die Häuser wirkten immer billig.

Worauf die Unternehmer, so höflich sie konnten, erwiderten, es sei ihm jederzeit freigestellt, das Büro zu verlassen und nie wiederzukommen. Nach der siebten Begegnung dieser Art steckte Kweku seinen kleinen Entwurf (auf der inzwischen dreizehnjährigen Serviette) in die Tasche über seinem Herzen und verließ ohne übertriebene Eile das Büro, ging die Treppe hinunter, durch den Eingang, hinaus auf die High Street.

In die strahlend glitzernde Sonne.

 

Die schwüle Luft begrüßte ihn als Rückkehrer mit warmen, offenen Armen. Er blieb ein paar Augenblicke stehen, gab sich der Umarmung hin. Dann winkte er einem Taxi, das ihn nach Jamestown bringen sollte. Jamestown war der älteste Teil von Accra und bei weitem der geruchintensivste. Ein stinkender Slum am Meeresufer, Hütten aus Blech und Pappe, im Schatten des ehemaligen Präsidentenpalastes – wo sich Kweku, dem Gestank von getrocknetem Schweiß und totem Fisch trotzend, in seinem eingerosteten Ga nach einem Zimmermann erkundigte.

* * *

»Ein Zimmermann?«, fragte jemand und zischte die Frage dem Nächsten zu.

»Ein Zimmermann …«, murmelte der andere und deutete die Gasse hinunter.

»Ein Zimmermann?«, sagte der, auf den gedeutet worden war, und lachte laut. Dann rief er: »Der Zimmermann!«

Eine alte Frau erschien.

»Der alte Mann«, sagte sie, an den wenigen Zähnen saugend, die ihr noch geblieben waren. Eine Welle von stummen Jas erhob sich und schwappte über den Slum. »Ja. Der alte Mann, der beim Meer schläft.« »Ja. Der alte Mann, der in dem Baum schläft.« Wieder saugte sie an ihren Zähnen und fügte dann ungehalten noch etwas hinzu. »Der alte Mann«, sagte sie. »Holt den kleinen Jungen.«

Ein Mädchen erschien.

Sie hatte hinter der Frau gestanden, die so breit war, dass sie das Mädchen vollständig verdeckt hatte, samt den knubbeligen Zöpfen und Knien. Jetzt rannte die Kleine gehorsam los, noch ehe Kweku die naheliegenden Fragen stellen konnte, zum Beispiel, ob ein »alter Mann« die Antwort war oder warum er in einem Baum schlief oder was ein »kleiner Junge« damit zu tun hatte. Er nahm an, dass er das schon noch erfahren würde.

Er lehnte sich an das Taxi, wischte sich das Gesicht, kreuzte die Füße. Es war zu heiß, um im Wagen zu warten, ohne Klimaanlage. Der Fahrer saß zufrieden da und aß frisch geräucherten Fisch, den Stolz von Jamestown, das Radio laut gestellt, Joy FM, es lief der Hit »Death for Life«, Reggie Rockstone, von dem jeder in Accra schwärmte.

 

Keine sechzig Sekunden später kam das Mädchen zurückgerannt, das schmale Handgelenk eines Jungen umklammernd, der aussah, als wäre er ihr Bruder. Der Junge strahlte, erfüllt von dieser unbezähmbaren Fröhlichkeit, die Kweku nur von Kindern kannte, die in Äquatornähe lebten, in Armut: ein Instinkt, über die Welt zu lachen, so wie sie diese vorfanden, Dinge zu finden, über die sie lachen konnten, zu wissen, wo sie suchen mussten. Begeisterung über nichts und über alles, eine Freude, die unauslöschlich war, unerklärlich angesichts der gegebenen Umstände.

Vergnügen an den Umständen.

Er hatte diese Fröhlichkeit im Dorf gesehen, bei seinen Geschwistern, jedenfalls bei seiner jüngsten Schwester, mit elf gestorben, an unheilbarer TB. Damals war er noch jünger gewesen und hatte die Fröhlichkeit für Blödheit gehalten, für die positive Grundstimmung der Jüngsten. Eine Art Blindheit gegenüber der Realität. Um so oft so glücklich zu sein, in diesem Dorf, in den fünfziger Jahren, musste man schon blind oder taub sein, hatte er gedacht, doch er hatte sich geirrt. Seine Schwester sah so viel wie er, das begriff er in der Nacht, als sie starb, nachdem der einzige Dorfarzt (ein Sargschreiner) vorbeigekommen und wieder gegangen war, weil er getan hatte, was er konnte, vor dem Abendessen. Seine Mutter war zu einem Fetisch-Priester gegangen, mit einem weißen Zicklein (fairer Handel, klein für klein), und hatte die vier älteren Kinder zusammen draußen vor der Hütte zurückgelassen, die zwei Jüngsten drinnen. Ekua, seine Schwester, lag hustend auf der Seite, auf einer Bastmatte, ein Bündel aus Gliedmaßen, so knochig und dünn, wie ein winziger Scheiterhaufen aus Zweigen, und sie lachte »Was machst du da?«.

Er kniete neben ihr, berührte ihren Nacken und fragte sich, wie dieses ganze Blut plötzlich aufhören konnte zu fließen, angeblich schon bald, wie es einfach seinen heißen Fluss einstellen würde. Das erschien ihm schlimmer als unplausibel. Ein grausamer Scherz, eine Lüge. »Du stirbst nicht«, sagte er, während er ihren Puls fühlte, mit seinen Fingern, mit der Lunge, ein Pulsieren im Bauch. Ekua war seine Verbündete, nur dreizehn Monate jünger, an einem Mittwoch geboren, genau wie er, mit dem gleichen ruhelosen Geist. Und ein Funkeln in ihren Augen und eine Lücke zwischen den Zähnen (die er bei Fola wiederfinden sollte, fünf Jahre später). »Du stirbst nicht.« Jetzt mit Überzeugung, denn er glaubte an das große Mysterium, dass das Blut einfach weiter gepumpt wurde, daran glaubte er mehr als an die zum Scheitern verurteilten Gebete der Dorfbewohner draußen oder an das Schlachten von Zicklein oder an die Prognosen von Quacksalbern. Er berührte Ekuas Gesicht und flüsterte: »Du stirbst nicht.«

Sie flüsterte zurück, lächelnd, die Augen glitzernd: »Doch.«

Und sie starb, mit einem Lächeln auf dem ausgemergelten Gesicht, ihre Hand in der ihres Bruders, seine andere Hand auf ihrem Nacken, mit großen lachenden Augen, die größer und kälter wurden, während er sie anstarrte und sah, dass sie durch diese Augen gesehen hatte. Und dass sie den Tod auslachte. (Später, in Amerika, sah er diese Augen wieder, vor allem in der Notaufnahme, wo Elfjährige sterben, die ruhigen Augen eines Kindes, das in Not gelebt hat und in Not stirbt und das dies weiß; ein Kind, das beides akzeptiert und sich gleichzeitig irgendwie darüber hinweggesetzt hat. Nicht durch eine gute Ausbildung, was seine Art von Widerstand war. Nicht durch Blindheit, wie er es bis dahin bei seiner Schwester gedacht hatte. Nein, sie hatte die Welt mit genau der gleichen Achtlosigkeit betrachtet, die die Welt ihr entgegenbrachte – ihr und auch ihm, allen bettelarmen Kindern. Die gleiche Missachtung.) Ihre Augen lachten immer noch. Missachteten alles: Tuberkulose, Armut, Quacksalber, den frühen Tod. Schauten auf eine Welt, die ihr keine Beachtung schenkte, mit einem Blick, der sagte, dass sie ihrerseits die Welt ebenfalls als irrelevant betrachtete. Ekua hatte alles gesehen, was er sah – die Erniedrigungen durch die Armut, die scheinbare Bedeutungslosigkeit ihrer Existenz für und in der Welt, die quälende Kleinheit einer Existenz, die nicht weiter reichte als der Strand, den man an einem halben Tag entlanggehen konnte – ohne sich selbst dabei als erniedrigt, bedeutungslos oder klein anzusehen.

 

Diese Art von Fröhlichkeit.

Sie brach Kweku das Herz.

Es war das dritte Mal, dass ihm das Herz brach, der sauberste Bruch, obwohl Kweku das nicht wissen konnte. Das Mädchen kam, das Handgelenk ihres Bruders umklammernd, der mit den Augen lächelte, eine kleine Lücke zwischen den Zähnen. Man verstand nicht ganz, warum sie ihn festhielt, als würde er sonst weglaufen – er wirkte so entzückt und gern bereit mitzukommen. Aber so war’s. Kweku sah die beiden und dachte an seine Schwester, an ihre großen, lachenden Augen. Spürte eine Enge in der Brust. Keine Trauer. So wie das Opfer einer Verbrennung dritten Grades, einer sehr kleinen, nichts von der darunter liegenden Infektion spürt. Aus dem gleichen Grund: massive Beschädigung der Nerven. Verlust der Empfindung. Der Schorf, eine schwarze Zementschicht über diesem Teil seiner Vergangenheit.

Er konnte alles sehen, die Bilder liefen stumm in seinem Kopf ab: Dorfarzt, ältere Geschwister, meckerndes Zicklein, Abendsonne. Aber die Bilder waren wie Szenen aus einem Film mit einem längst verstorbenen Kinderstar, in körnigem Schwarz-Weiß gedreht, bevor sein Kameramann geboren wurde. Sie riefen kein Gefühl hervor. Oder jedenfalls keines, das er identifizieren konnte. Nur ein plötzlicher Anfall von Atemnot, den er auf die Hitze schob. Nicht auf Schmerz und Leid. Er spürte keinen »Schmerz«, wenn er sich an seine Kindheit erinnerte, was selten genug vorkam, auch damals, mit neunundvierzig, nachdem er zurückgekehrt war. Er näherte sich – zum Zentrum, zum Ausgangspunkt (identische Punkte) – Jamestown, eine Stunde von zu Hause entfernt. Spürte es aber gar nicht. In seinem Kopf bewegte er sich immer noch »vorwärts«, kam »weiter«, sein ganzes Leben eine gerade Linie, die vom Anfang ausging.

Wenn ihm also irgendeine Erinnerung kam, ihn einholte, sich von hinter ihm nach vorn drängte, sich aufbauschte, wie Tumbleweed im Wind, dann fühlte er nur Distanz, unüberwindbare Distanz, zutiefst tröstliche Distanz, verbunden mit Ruhe. Eine Ruhe, die verstand, wie das war mit Verlust, dem Abschied auf dieser Welt, wie was wem widerfuhr, in welchen Mengen. Niemals Schmerz. Er rechnete nie alles zusammen – Verlust der Schwester, später der Mutter, abwesender Vater, Geißel des Kolonialismus, geboren in Armut und so weiter –, er klagte auch nicht, dass er ein trauriges Leben gehabt habe, ein unfaires, er schüttelte nicht die Faust gegen den Himmel und fragte warum. Niemals Wut. Er dachte einfach darüber nach, wo er herkam, was er durchgestanden hatte, seine sogenannte »Geschichte«, und kam zu dem Schluss, dass man das alles ruhig vergessen konnte. Er sah keine Notwendigkeit, sich zu erinnern, als wären die Einzelheiten nennenswert, als würde irgendjemand vergessen, was alles passiert war, wenn er es vergaß. Es würde einem anderen passieren, einer Million und einem anderen, die gleichen sinnlosen Verluste, die gleichen tränenlosen Schmerzen. Das war einer der Vorteile, wenn man arm in den Tropen aufwuchs.

Niemand brauchte je die Details.

Es gab einen elementaren Handlungsstrang, den jeder kannte, dazu die wenigen maßgeschneiderten Abschlüsse, die ab und zu jemand auswählen konnte. Elementar: summende Großmütter und polyzentrisches Tanzen und Getränke aus Baumsaft und das Patriarchat. Maßgeschneidert: Junge schafft den Absprung, gut in Naturwissenschaften oder beim Fußball, stirbt jung, wird Priester, Kindersoldat oder Ähnliches. Nichts Bemerkenswertes und deshalb nichts Erinnernswertes.

Nichts Erinnernswertes und deshalb nichts Betrauernswertes.

 

Nur die Enge in der Brust, die er wegzulachen versuchte, als er die Augen im Gesicht dieses Jungen sah. Der Junge fing auch an zu lachen, leise, begeistert, ohne zu ahnen, dass so ein Lachen einem erwachsenen Mann das Herz brechen konnte.

»Sa, geht’s Ihnen gut?«, fragte er. Seine Schwester zog an seiner Hand. Der Junge wollte aufhören zu lächeln, schaffte es aber nicht. Er hörte auf, aufhören zu wollen.

»Mir geht es gut.« Kweku lächelte, richtete sich auf, räusperte sich. Er schaute zu der alten Frau, die den Blick finster erwiderte, gelangweilt. Er schaute das Mädchen an, das sich die Stirn abwischte. Er schaute den kleinen Jungen an, der hoffnungsvoll zurücklächelte. Und seufzte. Konnte nun sehen, wohin diese ganze Unternehmung führen würde. Fragte: »Und du – wie heißt du?«, obwohl er es schon wusste.

Kofi, der Hausboy, den er auf die Serviette gezeichnet hatte.

»Kofi, Sa«, antwortete der Junge und streckte ihm seine freie Hand hin.

Die Frau saugte wieder an ihren Zähnen. Der Austausch von Höflichkeiten machte sie ungeduldig. »Bring ihn zum Zimmermann«, sagte sie und watschelte davon.

 

Mr Lamptey.

Der Yogi.

Der »am Ozean schlief«, wie angekündigt. Ein Baumhaus, gut vier Meter hoch. Hier servierte er Tee, ein bitteres Gebräu aus Moringa, geerntet beim Harmattan, sagte er. Zündete sich einen Joint an. »Das ist sehr alt!«, protestierte Kweku und griff schützend nach der Serviette, die Mr Lamptey aufmerksam, aber ziemlich dicht vor dem Joint studierte. »Ich auch«, gab Mr Lamptey zurück, ohne die Serviette anders zu halten. »Das heißt nicht, dass ich demnächst in Rauch aufgehe.«

Kofi lachte. Kweku nicht. Mr Lamptey gab ihm die Skizze zurück. Eine leichte, salzige Brise wehte herein. Sie saßen auf dem Boden, auf geflochtenen Bastmatten, die einzige Sitzmöglichkeit in dem großen, hüttenartigen Raum, der ohne jede Verzierung phänomenal schön gestaltet war. Statt Wänden Lattenfensterläden, die Bodenbretter seidig geschmirgelt. Kweku trank kleine Schlucke Tee, bewunderte stumm die Kunstfertigkeit. Dann strich er mit der Hand über den Fußboden neben seiner Matte. Glatt. Das war der Grund, weshalb er wollte, dass ein Ghanaer sein Traumhaus baute. Auf der ganzen Welt konnten die Ghanaer am besten mit Holz umgehen (wenn sie es versuchten).

Als er hochblickte, musterte Mr Lamptey ihn lächelnd und fragte: »Wann haben Sie das gebaut?«

»Es ist noch nicht gebaut worden.«

Mr Lamptey lachte leise in sich hinein. »Doch, doch«, sagte er bestimmt. Kweku dachte, er würde weiterreden. Er schwieg. Er zog an seinem Joint.

»Was meinen Sie mit ›gebaut‹? Sie haben so ein Haus in Ghana gesehen?«

»Nein«, sagte Mr Lamptey. »Aber Sie haben eins gesehen, stimmt’s?«

»Wo denn?« Kweku lachte ebenfalls. Er konnte dieser Logik nicht folgen. Aber die Antwort kam auf ihn zugeschwebt: – innerhalb eines Augenblicks, alles da. Mr Lamptey tippte sich zweimal an die Stirn, dann zeigte er auf Kweku. Kweku fühlte sich unwohl und setzte sich anders hin. »Wenn Sie meinen, ›wo ich es entworfen habe‹ – ich habe es beim Studium entworfen.«

»Beim Studium?«

»Ja. Beim Medizinstudium.«

»Aber warum, wieso?«

»Warum ich ein Haus entworfen habe?«

»Warum Sie Medizin studiert haben.«

»Um Arzt zu werden.« Kweku lachte.

Mr Lamptey lachte lauter. »Aber warum, wieso?«

Kweku hörte auf zu lachen. »Warum was?«

»Warum wollten Sie Arzt werden? Sie sind ein Künstler.«

»Sie sind sehr freundlich.«

»Ich bin sehr alt.« Der Mann blinzelte. Er hielt Kwekus Serviette hoch. »Und das hier? Diese vielen Zimmer? Die sind für all Ihre Kinder?«

»Nein.«

»Für Patienten?«

»Nur für mich.«

»Hmmm.« Mr Lamptey drehte die Serviette um, als suchte er nach einer besseren Antwort.

Kweku sagte schnell, defensiv: »Mehr gibt’s nicht.«

»Nur Sie.« Noch ein Zug am Joint. Mr Lamptey zeigte auf Kofi. »Und er.« Er hielt die Serviette hoch. »Und das da. ›Mehr nicht‹.«

Kweku stand auf. »Ich verstehe nicht, worauf Sie hinaus wollen …« Mr Lamptey atmete eine kringelige kleine Rauchwolke aus. Sagte nichts. »… Aber ich suche einen Bauherrn, keinen Buddha.«

»Und haben Sie einen gefunden?«

Kweku zögerte. Sagte nichts. Er hatte keinen gefunden.

Das war seine achte Begegnung dieser Art und kein Ende in Sicht. Seit über einem Jahr stand das Grundstück leer. Er schaute den Zimmermann an, den »alten Mann«, diesen Mr Lamptey, überkreuzte Beine, Swami-Kleidung, den trainierten Sixpack eingezogen, der grüne Star bläulich schimmernd, wie das Innere einer Kerzenflamme. Er sah aus wie eine bizarre Art afrikanischer Gandhi. Mit indischem Hanf. Gewaltfrei. Verblüffend. Triumphierend. Kweku wischte sich übers Gesicht, holte Luft, als wollte er etwas sagen. Aber da registrierte er zum ersten Mal seit seiner Ankunft das »Schschsch« der Wellen. Also sagte er nichts. Stand nur da, fühlte sich blöd, weil er dastand, sein Kopf ein paar Zentimeter unter dem Strohdach.

Er betrachtete das Strohmuster, das ihm entfernt bekannt vorkam (aber die Erinnerung war zu schwer, um ihn von hinten zu überholen; eine runde Hütte in Kokrobité, keine Stunde von diesem Baumhaus entfernt, das Dach ebenfalls aus Stroh, viel, viel höher als dieses hier, entworfen von einem Exzentriker, der sich gar nicht so stark von Mr Lamptey unterschied, abwesender Vater, keuchende Schwester: schwere Erinnerung, zu langsam).

Eine zweite Brise, die nach einem Feuer aus Zweigen roch.

Jemand verbrannte irgendetwas, irgendwo.

Plötzlich wurde Kweku müde. »Wenn Sie es bauen können, dann gehört das Projekt auf jeden Fall Ihnen.«

Mr Lamptey sagte schlicht: »Ich kann, und ich will.«

 

Und er baute es, innerhalb von zwei Jahren. Jeden Morgen um vier traf er ein, keine Minute früher oder später, während der Himmel noch dunkel war, machte auf dem leeren Grundstück den Gruß an die Sonne, ungefähr sechzig Minuten, bis Sonnenaufgang.

Kweku hatte Angst, dass sein Material gestohlen werden konnte, nach Vereinbarung, wenn er einen Wachmann einstellte, und von Straßengangs, wenn er keinen einstellte (und die Materialien waren teuer, importierter Marmor, Schieferplatten; es war nicht billig, in wild wucherndem Gras Ordnung herzustellen) – also schlief er die ganze Zeit in einem Zelt, in dem Zelt, das Olu vergessen hatte, während der dünne Kofi Wache hielt, mit dem streunenden Hund, den sie adoptiert hatten. Ungefähr um Viertel nach fünf wurden sie von einem Riesenlärm geweckt. Ein Hammer, der Nägel bearbeitete, eine Handsäge, die sich durch Bretter fraß, und zwar schneller, als man das einem Siebzigjährigen zutraute, und auch eleganter, als er selbst das je mit einem Sägeblatt geschafft hatte. Nach gut sechs Monaten fing er an, Mr Lamptey zu beschatten. Einmal in der Woche, eine Stunde lang. Dazu trank er Kaffee und hielt sich im Hintergrund. Mr Lamptey, der sang, aber nie redete, während er zimmerte, war damit einverstanden, dass Kweku ihm zuschaute, lehnte aber jede Hilfe ab. Deshalb lungerte Kweku nur aufmerksam herum, mit seiner Thermosflasche, mit seiner Brille, er half nicht, sondern schaute nur zu, mit wachsender Eifersucht und Ehrfurcht, er versuchte alles zu lernen, was er lernen konnte von der Mühelosigkeit mit halb geschlossenen Augen, mit der dieser Mann seine Inzisionen vornahm. »Sie hätten Chirurg werden sollen«, sagte er zu ihm.