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Ein Badesee wie es ihn vermutlich in ganz Deutschland geben könnte - und doch ist genau dieser See etwas Besonderes. Denn er ist der Mittelpunkt, der stumme Protagonist in Julia Schulzes Kurzroman »Dieser eine Ort«. Der See ist es nämlich, der die Menschen und ihre Geschichten miteinander verbindet. Er ist da, wenn Paula auf den Kuss ihrer ersten großen Liebe wartet und Emre auf die Frau seines Lebens. Er ist da, wenn Jona ein Versprechen einlösen will und Krügers Leben plötzlich auf den Kopf gestellt wird. Sommer oder Winter, im Regen oder nach Mitternacht - hier wird geküsst, verlassen, verheimlicht, gehofft, offenbart und geliebt. Zehn Geschichten, zehn Menschen, die alle auf die eine oder andere Weise miteinander verbunden sind. Geschichten vom See, der im Lauf der Zeit alles mit angesehen hat und nur als Einziger das große Ganze kennt. Doch er schweigt …
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Julia Schulze, geboren 1980, studierte in Aachen Politikwissenschaft, Germanistik und Anglistik.
Seit 13 Jahren lebt sie in der Nähe von München und hat sich dort als Texterin und Kommunikationsberaterin selbstständig gemacht. Seit 2019 konzentriert sie sich auf ihre Arbeit als Schreibcoach (The Written You) und auf das literarische Schreiben.
Zwei ihrer Kurzgeschichten (Ausgecheckt und Das ganze Leben) wurden durch die Autorenschule Hamburg ausgezeichnet, eine davon mit dem ersten Platz und in einer Anthologie veröffentlicht (Preisgekrönt 2019 und 2020). Aktuell widmet sie sich ihrem nächsten Projekt: einem Familienroman.
Januar 2021 Buch&media GmbH München © 2021 Buch&media GmbH München Layout, Satz & Umschlaggestaltung: Johanna Conrad Gesetzt aus der Adobe Garamond, Palafita & Baskerville Printed in Europe ISBN print 978-3-95780-224-8 ISBN PDF 978-3-95780-226-2 ISBN epub 978-3-95780-225-5
Buch&media GmbH Merianstraße 24 - 80637 München Fon 089 13 92 90 46 - Fax 089 13 92 90 65
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PROLOG – Grundlos
1 ELLA – In der Mitte des Sees
2 JONA – Unter dem Eis
3 PAULA – Das Ultimatum
4 GRETA – Bei den Weiden, nach Mitternacht
5 TAMY – Der Wettkampf
6 FENRIS – Der Sprung
7 EMRE – Ins kalte Wasser
8 KRÜGER – Maja, naked
9 MARTY – Der Spinner
10 LINUS – Dieser e ine Ort
EPILOG – Nicht ohne Grund
DANKSAGUNG
Für einen besonderen Ort.
Für einen besonderen Menschen.
Prolog
Grundlos
Ich sehe
keinen Grund.
Der See
verschluckt
meine Füße,
meine Hände,
mein Warum.
So sehr ich auch forsche,
mein Blick verliert sich im Trüben,
wo nur die Fische sich vergnügen,
flossenwedelnd
mal hier rum,
mal da rum.
Wo Grün ins Schwarz verläuft,
wo der See sich
bodenlos
an sich selbst besäuft,
hänge ich
gedankentriefend
und suche weiter
nach einem Grund.
(AUS MARTYS KLADDE)
Ella
In der Mitte des Sees
Die Feier war vorbei.
Alle waren sie gekommen, geblieben und wieder gegangen, haben Krümel und Wasserkränze auf Tischdecken hinterlassen und betretene Blicke mit nach Hause genommen.
Nur der dicke Rudi hatte, wie immer bei trinklastigen Gelegenheiten, schon frühzeitig seinen schweren Kopf auf seine Unterarme gebettet und schnarchte jetzt deutlich hörbar in die zurückgebliebene Stille des Wohnzimmers hinein.
Zigarettenrauch füllte die Luft und vermischte sich mit Parfüm und Haarspray. Ella rümpfte die Nase.
»Es war trotzdem ein schönes Fest«, dachte sie.
So wie es sein sollte, wenn man einer Person zu Ehren seine Zeit schenkte. Zeit, um vorher einen Kuchen zu backen, sich feine Kleidung herauszusuchen und dezent ein paar Tupfer Eau de Parfum aufzulegen, vielleicht die Haare zu toupieren oder den Bart zu stutzen. Zeit, die man auch anders hätte verbringen können: den Kuchen selbst essen, in bequemer Kleidung auf der eigenen Terrasse, auf der niemand sonst sitzt und schaut, ob du älter geworden bist oder eine schiefe Bügelfalte in der Hose mit dir spazieren trägst.
Genau dafür waren sie jedoch gekommen, die Leute mit ihrer Zeit und ihrem Kuchen. Fürs Schauen, dafür hatten die Leute immer Zeit. Dafür waren sie zu Ella gekommen.
Und trotzdem, es war ein schönes Fest. So wie es sein sollte, denn Xaver hätte es gefallen.
Ella saß auf der Kante eines Stuhls inmitten ihres Wohnzimmers und blickte aus dem Fenster hinaus, einer Erinnerung hinterher, die erst wenige Tage alt war …
Es war ein friedlicher Moment. Im Zimmer war es hell. Die milchige Morgensonne machte sich noch warm, um denjenigen einen heißen Tag zu bescheren, die diese Erde heute nicht verlassen würden. Vögel sangen ihr Lied, ein sanftes Rascheln der Bäume vor dem Fenster war zu hören.
Er hatte Ella gebeten, das Fenster weit aufzumachen, sodass der lichte Tag hereinströmen konnte, während das Leben aus ihm herausströmte, langsam und bedächtig, aber unaufhaltsam, bis nichts mehr davon übrig blieb. Von ihm, Xaver, der Ellas Wärme und Licht gewesen war, so viele Jahre lang.
Sie saß an seinem Bett, eine Hand im Rücken, um sich selbst zu stützen, die andere in seiner Hand. Ihre Daumen rieben zart aneinander, und gemeinsam lauschten sie seinem Atem. Sie hatten beide die Augen geschlossen. So konnten die Bilder aus vergangenen Tagen unbeschwert hinter den Lidern tanzen.
Es war alles gesagt.
Und plötzlich verstummten die Vögel, vielleicht weil gerade eine Katze um den Baumstamm schlich oder die steigende Mittagshitze sie zur Ruhe verdammte oder, und dieser Gedanke gefiel Ella am besten, weil sie genau wie sie hörten, wie Xaver von ihnen ging. Irgendwohin, wo es mindestens genauso so friedlich sein würde – und wo er keinen Atem mehr brauchte, den ihm seine Lungen nicht mehr hatten schenken können.
Genau fünf Tage war das her, fünf Tage …
Ella schob die Erinnerung an ihren letzten Moment mit Xaver zur Seite, erhob sich und räumte einen Teller nach links und ein leeres Glas nach rechts. Sie stupste Rudi an, um ihn zu wecken.
Sein Schnarchen stoppte augenblicklich, und er blinzelte Ella aus rot umränderten Augen an. »Schon vorbei?«, fragte er.
»Ja, Rudi, alles vorbei. Und du musst jetzt mal gehen.« Ella räumte weiter Geschirr zusammen.
»Mach ich, Ella. Bin schon weg.« Er hievte seinen Körper vom Stuhl, ein wenig unsicher auf den Beinen und mit einem scheuen Blick nuschelte Rudi noch: »Mein Beileid, Ella. War ein guter Mann, dein Xaver.« Mit langsamen Schritten verschwand er über die Terrasse und ließ Ella in ihrem Wohnzimmer zurück.
»Alle sind sie gekommen«, dachte Ella, »obwohl ich niemanden darum gebeten habe.«
Alle, bis auf eine Person: ihre Tochter. Der einzige Mensch, den sie vielleicht gebeten hätte. Aber das war eine andere Geschichte. Ella hätte gar nicht gewusst, wo sie jetzt lebte, wie sie sie hätte erreichen können. Ihre Tochter wollte auch nicht mehr erreicht werden, seit vielen Jahren schon. War es dann nicht mehr als verständlich, dass Ella allein Abschied hatte nehmen wollen? Von ihrem Mann und ihrem Leben zu zweit, denn das war es die meiste Zeit gewesen, ein geteiltes, aufeinander eingespieltes Leben.
Nein, Ella hatte niemanden eingeladen, aber wie das hier so war: Keiner hatte sich daran gehalten. Denn das Sterben war hier eine öffentliche Angelegenheit. Ein jeder gab die Kunde weiter, über den Gartenzaun oder über die Ladentheke, wenn der Tod wieder die Runde gemacht hatte, und das tat er mit zunehmender Regelmäßigkeit.
Hier ging niemand unbemerkt. Nicht einmal Lebende, die wegzogen, weil sie es zu Hause nicht aushielten, Töchter, die ihr Glück und ihre Freiheit fernab der Meinung ihrer Mutter suchen wollten, auch die waren nicht unbemerkt gegangen. Ella atmete tief ein.
Wie oft hatten sie beide, Ella und Xaver, am Fenster gestanden, gewartet, dass ein Auto vorfuhr und ihnen ihre Tochter zurückbrachte. Stattdessen hatte sich irgendwann auch diese Hoffnung davongestohlen. Und die stillen Vorwürfe und das leise Getuschel über Ella, die ihre Tochter vertrieben hatte, waren verstummt.
Vorwürfe an die wunderliche Ella. Ella, die nie einer Einladung gefolgt war, weil Ella nicht gerne folgte. Getuschel über die schweigsame Ella, die am Dorfrand wohnte mit dem netten Doktor, der immer einen Rat wusste für das Leiden, Zipperlein und Herzeleid seiner Patienten. Und viele Vermutungen über die unnahbare Ella, die man eigentlich fast nie sah, es sei denn, man fuhr zum See hinaus.
Ella, die Rabenmutter.
Sie hatte immer gewusst, was das Dorf über sie dachte. Auch ihr Mann hatte sich das ein oder andere über seine Frau angehört, während er das Stethoskop an Brustkörbe setzte. Manchmal hatte er ihr abends davon erzählt. Anfangs hatte Ella sich über das Gerede noch erzürnt, und Xaver hatte seine große Hand auf ihre zarte gelegt: »Lass sie reden, meine Wasserelfe.«
Ella, die Wasserelfe, die neben ihrer Liebe zu Xaver noch eine weitere Liebe hegte und pflegte, eine, die erst mit ihrem Tod enden würde – ihr See-Ritual. In den frühen Morgenstunden, wenn der Dunst noch über der stillen Wasseroberfläche hing, oder spät am Abend, wenn die Sonne dem Horizont sehr nahe stand, fuhr Ella zum See. Zu ihrem See, so sah sie das, und sie liebte es, wenn sonst niemand dort war. Sie stellte ihr Fahrrad am Baum ab, streifte sich die Kleider vom Leib und stieg, Fuß vor Fuß, über die kantigen Kiesel. Die Kälte zog an ihren Waden hoch. Bis zum Bauch stand sie im Wasser und ließ es um ihre Bauchdecke, Hüften und ihren Rücken kreisen. Ein tiefes Einatmen, dann tauchte sie unter, und über ihr schwappte das Wasser zusammen. Dieser Moment, wenn das kühle Seewasser an ihrer Kopfhaut entlangzog, brachte Ella immer das größte Vergnügen. Tausend kleine Glücksperlen rollten dann über ihren Körper hinweg und durch sie hindurch. Sie machte ein, zwei kräftige Züge unter Wasser, nur um mit einem Lachen aufzutauchen und sich eine Weile auf dem Rücken treiben zu lassen.
Was gab es Schöneres in dieser Sekunde? Es gab nie etwas Schöneres.
So hatte Xaver Ella gefunden.
Knapp unter der Wasseroberfläche auf dem Rücken treibend. Nur ihr Gesicht hing wie ein nasser Mond über dem dunklen Grün des Sees. Die Ohren unter Wasser, der Stille unter ihr lauschend. Die Nasenspitze in den Himmel und die Arme weit von sich gestreckt. Ihre langen Haare breiteten sich wie Wasserlilien um ihren Kopf herum aus, während ihre Beine sich leicht nach unten bogen. Sie glich einer Hochspringerin, die sich am höchsten Punkt über die Stange bog, bevor sie nach unten fiel. Aber Ella schwebte dort, in der Mitte des Sees. Sie betrachtete den Himmel über sich und verlor sich in den Elementen. Luft und Wasser – dazwischen Ella, ein kleines Teilchen in dieser verstummten Welt.
Xaver hatte ihr einmal erzählt, dass es für ihn nie etwas Schöneres gegeben hatte als den Anblick der badenden Ella an diesem zufälligen Morgen. Dass er diese Frau kennenlernen musste und für immer bei ihr bleiben wollte.
Er hatte sich ihr mit einem wilden Wasserschlagen genähert, das Ella jäh aus ihrem schwebenden Zustand riss. Sie verschluckte sich und strampelte ärgerlich.
»Eine Wasserelfe«, keuchte Xaver und lächelte Ella dabei an.
Und so trieben sie wie zwei Bojen im Wasser und blickten einander an. Wassertropfen glitzerten in seinen Wimpern. Ella traf auf ihren Xaver, und die Liebe traf sie beide. Genau hier, in der Mitte des Sees, der am frühen Morgen so klar war, dass man den Grund sehen konnte.
Und die Liebe blieb. Über vierzig Jahre. Dann hörten Xavers Lungen auf zu arbeiten.
Nachdem sein letzter Atemzug aus dem Fenster gezogen war, schwamm Ella lange im See, länger als sonst, und als ihre Haut Wellen warf und ihre Finger noch schrumpeliger aussahen, als ihr Alter es vorsah, fasste sie einen Entschluss: Xaver verdiente einen besonderen Platz für seine letzte Ruhe.
Das gesamte Dorf hatte auf der Beerdigung um Xavers Grab gestanden. Die Bewohner legten Kränze und Blumen nieder, schüttelten Hände und sagten schwere Worte, wie das an schweren Tagen gemacht wurde, in der besten Kleidung, um dann schweren Herzens ein paar Stücke Kuchen in schwerem Schweigen zu essen.
Es waren bedrückende Tage, wenn das Dorf einen von ihnen verlor, und der Herr Doktor war schon ein besonders netter Mensch gewesen. Sie hätten sich ein ordentliches Grab für so einen anständigen Menschen gewünscht, mit einem tröstlichen
Spruch auf Marmor und einem Platz für Ella direkt daneben. Aus einem Toten, einem ehrbaren Bürger obendrein, ein Häuflein Asche zu machen, das gehörte sich doch nicht. Und was wohl die Tochter dazu sagen wird, sollte sie jemals zum Grab kommen?
»Wen kümmert das noch«, dachte Ella.
Sie hatte die vorwurfsvollen Minen ertragen und gewartet, bis das stille Fest vorüber und alle gegangen waren.
Da stand sie nun, in ihrem Wohnzimmer, das jetzt noch leerer wirkte, nachdem so viele Menschen darin gesessen hatten.
»Es wird Zeit, Xaver«, sagte sie laut und war bereit, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Sie hatte den Dorfbewohnern einen Ort des Gedenkens an ihren Doktor geschenkt – ein kleines Urnengrab für ihre Gestecke. Aber Xaver selbst gehörte an einen anderen Ort. Ella ging nach oben ins Schlafzimmer, holte, was zu holen war, und fuhr zum See.
In der Mitte des dunklen Grüns angekommen, drehte sie sich auf den Rücken, das ovale Gefäß in beiden Händen auf ihrem Bauch. Nur mühsam hielt sie sich ohne die Unterstützung der Arme mit paddelnden Füßen über Wasser. Ihr Körper zog sie sanft nach unten, bis sie keine Kraft mehr hatte.
Sie gab nach und ließ sich sinken. Ihre Hände umklammerten immer noch das Gefäß. Bilder von Xaver tauchten auf, ihre kleine Tochter auf seinen Schultern, lachend. Xaver, der seinen Arm um Ella legte, als sie ihrer Tochter hinterherschauten, wie sie durch den Vorgarten in ein neues Leben marschierte, ohne zurückzublicken, ohne umzukehren. Und Xaver, immer wieder Xaver und sein mildes Lächeln.
Der Himmel über ihr verschwand, die Stille war tief und endgültig. Eine Luftblase verließ ihren Mund und suchte sich den Weg nach oben. Sie schaute ihr hinterher. Dann ließ sie los.
Und während die Urne mit Xavers Asche darin nach unten sank, trieb Ella wieder nach oben. Der weite Himmel begrüßte sie, und frische Luft drang in ihre Lungen. Tränen und Wasser rannen über ihr Gesicht.
Sie nahm das vertraute Ufer wahr, mit den alten Bäumen, dem wilden Gras und ihrem Rad, das an einem Stamm lehnte. Alles war noch da und würde noch lange nach ihr hier sein, wenn sie das letzte Mal im See baden gehen würde.
Ein heißes Strömen erfüllte Ella. Denn dankbar war sie – für die Liebe, die ihr, Ella, hier einst begegnet und bei ihr geblieben war.
Sie wischte sich mit der Hand über ihr Gesicht und schwamm langsam, mit großen Zügen, zum Ufer zurück. Hinter ihr ruhte Xaver jetzt auf den Grund ihres Sees und mit ihm ein Satz, den sie erst mit seinem Tod begriffen hatte: »Zur Liebe gehört auch das Loslassen. Du musst loslassen können, meine Wasserelfe.«
Jona
Unter dem Eis
Es war noch sehr früh am Morgen. So früh, dass selbst Mama noch tief und fest schlief und nicht mitbekam, wie er auf rutschigen Socken die Treppe hinunter durch den Flur schlich, dort seine Schneestiefel über die Hose stülpte und seine dicke Jacke anzog, eine dunkelblaue Daunenjacke mit Kapuze und einem kleinen Riss an der Seite von der letzten Schlittenfahrt, bei der er ungebremst durch eine Hecke gerast war. Trotzdem war es ein Riesenspaß gewesen!
Die Socken saßen schief um den Fuß und bildeten kleine Knubbel an den Sohlen, aber das durfte ihn jetzt nicht abhalten. Jona hatte etwas Wichtiges vor, da konnten ihn auch die SockenHubbel in den Schuhen nicht aufhalten.
Er hatte sich alles genau überlegt, auch, was er heute brauchen würde. In der Jackentasche tastete er nach dem Stück Schnur und dem kleinen, spitzen Haken. Gut, es war alles da, fehlte nur noch der Stock. Den würde er im Schuppen finden, dort, wo vieles lag, das Papa nicht mehr brauchte, und vieles, das Jona aufheben wollte. Er schlüpfte durch die Haustür und zog sie leise zu.
Die Luft war eisig und schnitt ihm in die Wangen. Es hatte wieder geschneit. Wenn gleich die Sonne aufging, würde es ein perfekter Wintertag werden.
In einer Ecke des alten Schuppens fand Jona den Stock, den er seit dem letzten Winter hier aufbewahrte. Jetzt hatte er alles. Es konnte losgehen.
Friedlich, wie das Weiß sich über alles gelegt hatte, wie eine dicke, warme Decke. Jona stellte sich vor, wie sich Grashalme, Äste und Sträucher in die Schneedecke kuschelten und träumten, vielleicht von den ersten warmen Sonnenstrahlen, vielleicht auch von Bienen oder Eichhörnchen, die sich mit ihnen unterhielten, vielleicht auch von Außerirdischen, die auf der Suche nach Treibstoff für ihr Schiff waren. Sie würden weiterfliegen müssen, denn wie ein Schutzmantel bewahrte die Schneedecke die Natur davor, entdeckt zu werden.
Vom Himmel aus musste das schön aussehen, die Welt wie eine riesige Zitroneneiskugel.
Seine Stiefel versanken tief. Manchmal verirrte sich ein Schneeklumpen in den Stiefelrand und hinterließ einen nassen Fleck an der Wade. Das machte nichts, er würde sich nachher umziehen und einen heißen Kakao trinken. Mama machte den besten Kakao. Er freute sich schon darauf.
Aber erst musste er zum See hinunter.
Der lag sanft eingebettet zwischen den Bäumen, die bauschige Federkissen aus Schnee trugen. Der See und alle seine Geheimnisse hielten Winterschlaf, verborgen unter einer festen Eisdecke. Nur die Sonne war jetzt wach, ein wenig lahm, aber wach genug, um einen glitzrigen Zauber auf den See zu werfen.
Vorsichtig setzte er einen Fuß auf das Eis. Es knarzte leise. Er musste jetzt gut aufpassen, dass die Eisdecke ihn auch tragen würde. Am Ufer, so hatte Papa gesagt, könne das Wasser nämlich nicht so gut gefrieren, weil es flacher und nicht so kalt sei. Okay, einen großen ersten Schritt. Kurz warten. Gut hinhören. Wenn die Eisdecke schwieg, erlaubte sie auch, weiter auf ihr herumzuspazieren. Jona konnte nichts hören, also machte er weitere große Schritte, schob den Schnee mit seinen Stiefeln zur Seite und zog seine Spur über den See, der eigentlich ihr gemeinsamer See gewesen war: zum Baden, zum Tauchen, zum Hockeyspielen und Eislaufen. Hier hatten Jona und sein Bruder schwimmen gelernt und Wasserläufer gefangen. Mit Püppi, dem Hund ihrer Nachbarn, am Ufer gespielt und Wettrennen zum Kiosk veranstaltet.
Nur zum Eisangeln hatte er nie mitgedurft. Letztes Jahr hatte er seinen Bruder angebettelt, dass er ihn doch endlich einmal mitnehmen solle.
»Im nächsten Winter, Jona, dann bist du groß genug, und ich nehm dich mit«, hatte sein Bruder stattdessen geantwortet.
»Dann angelst du, ich schau nur zu, und du bringst uns einen Fisch mit, einverstanden?«
»Versprichst du’s?«
»Ich versprech’s dir, Kleiner.«
Ungeduldig und voller Vorfreude auf das gemeinsame Abenteuer hatte Jona seinem Bruder hinterhergeschaut.
Als Jona ungefähr in der Mitte des Sees angekommen war, kniete er sich hin, schob Schnee beiseite und schielte durch das freigewordene Loch. Dunkel war es darunter. Aber er wusste, dass die Fische dort auch im Winter waren, wo sollten sie auch hin? Und außerdem machte Fischen das kalte Wasser nichts aus, durch ihren Körper floss kälteres Blut, hatte Papa ihm erklärt.
Gemeinsam losziehen, ja, das hatten sie sich vorgenommen. Weil das jetzt nicht mehr ging, musste er das hier allein schaffen. Wenn er einen Fisch fangen würde, so dachte Jona, würde sein Bruder, wo immer er jetzt auch war, sehr stolz auf ihn sein, und seine Eltern auch. Vielleicht würde seine Mutter ihn zubereiten und ihm das erste Stück zum Probieren lassen. Ja, das war ein guter Plan. Er würde das auch allein schaffen. Er war jetzt groß genug, das hatte sein Bruder ihm schließlich auch gesagt.
Kräftig stieß er mit dem Stock gegen die Eisdecke. Einmal, noch einmal. Ein dumpfes Pochen gab die Eisdecke zurück, widerwillig, bis sie entnervt nachgab. Kleine Risse zeigten sich. Jona hob den Stock immer wieder an, bis das Eis ein kleines Loch freigab, durch das der Angelhaken passte.
Seine Hände waren rot und eiskalt. Warum hatte er nur die Handschuhe vergessen? Er betrachtete die blauen Linien unter seiner Haut und seine blassen Finger – wie die Hände von Außerirdischen. Mit tausend kleinen Adern, durch die eine dunkle Flüssigkeit lief, die Zauberkräfte enthielt. Mit steifen Fingern band er das Stück Schnur um den Stock, fest und mehrfach, so wie er es bei seinem Bruder viele Male beobachtet hatte. Den Angelhaken an die Schnur, fertig war seine erste Eisangel. Stolz hielt er sie in die Luft, dann tauchte er den Haken in das schwarze Wasser und dachte, dass die Fische nun bestimmt einen Heidenschreck bekamen.
Er beugte sich näher zum Wasser hin. So dunkel war es gar nicht. Es schimmerte und funkelte. Er beugte sich tiefer, noch tiefer, noch näher ran an das Loch.
Es gluckerte unter ihm.
Ein Knarzen. Ein Knacksen. Ein Schwappen.
Plötzlich sah er überall kleine leuchtende Sterne aufblitzen.
Kalt war ihm nicht. Auch nicht warm. Irgendwo dazwischen, es war schwer zu sagen. Auf jeden Fall brauchte Jona die Stiefel nicht mehr. Er ließ sie von seinen Füßen gleiten und trieb durch das Glitzern, das ihn umgab. Er drehte sich und sah die Fische, die er eigentlich hatte angeln wollen.
Sie lächelten ihn an! Ihre Blubb-Münder waren leicht geöffnet, und ihre Flossen paddelten hin und her, als würden sie ihm zuwinken. Ein Fisch kam besonders nah. Dann drehte er schnell wieder ab.
Jona war froh, schwimmen und tauchen gelernt zu haben. Mit kräftigen Froschbeinschlägen tauchte er hinter dem Fisch her. Es ging sehr tief abwärts, Wasserranken, lila und goldglänzend, streiften seine Jackenärmel. Er tauchte tiefer. Das Wassergras wurde immer dichter, bis es sich auf einmal auftat wie ein Vorhang. Dahinter war es hell. Und aus dem Licht kam ihm von unten jemand entgegengeschwommen. Ein großer dunkler Punkt näherte sich. Ein Mensch.
Jona traute seinen Augen nicht. Finn!
Finn tauchte durch das Seegras hindurch auf Jona zu, Luftblasen sprudelnd und winkend. Finn hatte richtige Froschhände bekommen. Lange knotige Finger, gar nicht schrumplig, sondern glatt und kräftig mit Schwimmhäuten dazwischen.
Aber es war eindeutig Finn, sein großer Bruder Finn. Den Jona seit genau einem Jahr und drei Tagen mehr als vermisste. So sehr, dass ihm manchmal das Atmen wehtat und er zu seiner Mutter gelaufen war, weil er dachte, er würde ersticken.
»Mein kleiner Jona, das ist der Schmerz. Wenn er sehr groß ist, bläht er sich riesig auf – hier drinnen«, seine Mutter hatte ihre Hände auf seinen Brustkorb gelegt, genau dahin, wo es so schmerzte. »Mir tut es hier auch weh, wenn ich an ihn denke, weißt du?«
Davon war der Schmerz zwar nicht weggegangen, aber wenigstens hatte Jona keine Angst mehr gehabt. Im Gegenteil, er hatte vermutet, dass Finn vielleicht einfach in seinem zu kleinen Brustkorb hauste und an die Rippen stieß.
Und jetzt? Nichts tat weh, nichts schmerzte. Finn hatte einen neuen Platz gefunden, hier unten, bei den Fischen.
Finn nahm Jona an die Hand. Gemeinsam schwammen die Brüder durch das Seegras. Finn zeigte Jona den See von einer Seite, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Hier, unter der Eisdecke, wo Menschen nur sehr selten hinkamen. Sie wussten nichts von der schillernden Welt der lächelnden Fische.
Mama und Papa würden staunen, wenn er ihnen nachher davon erzählte. Aber erst hatte er noch eine Menge Fragen. An Finn. Wie redete man unter Wasser? Und wie atmete man? Wie lebte man überhaupt hier? Er strampelte hinter seinem Bruder her, der immer schneller schwamm.
»Finn! Finn, hörst du mich? Ich muss gleich zurück, warte, schwimm nicht weg …«
Er hatte Mühe mitzuhalten, und der Abstand zwischen ihnen wurde größer. Jona bekam Angst.
