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"Picknick mit Sprengstoffgürtel" und "Wir kämpfen zum Vergnügen": Das sind die Titel der beiden ersten Gedichtbände des irakischen Lyrikers Kadhem Khanjar, die in diesem Band erstmalig auf Deutsch erscheinen. Khanjars Texte ähneln der Spoken-Word-Poetry. Sie zeigen, wie trotz des andauernden, irre machenden Ausnahmezustands eine destruktive Langeweile vorherrscht – aber sie setzen etwas dagegen: Sie widmen sich vor einer existenziellen Tiefe, Brutalität und Traurigkeit dem lauten Lebenwollen. „Lyrische Alltagsschilderungen aus einem verwüsteten Land: Kadhem Khanjar zählt zur neuen Generation irakischer Schriftsteller.“ Deutschlandfunk Kultur „Kadhem Khanjar macht Poesie unter Lebensgefahr.“ Arte Tracks Kadhem Khanjar ist Lyriker und Performer im Kollektiv Kultur-Miliz, das im Irak Lyriklesungen an Schauplätzen von Krieg und Zerstörung veranstaltet: neben ausgebrannten Autos, auf Minenfeldern, in zerbombten Häusern, in Krankenwagen. Khanjar wurde 1990 in der Nähe von Babylon geboren. Er lebt in Bagdad. Sandra Hetzl arbeitet als Übersetzerin aus dem Arabischen und lebt in Berlin. Sie übersetzt unter anderem die Werke von Rasha Abbas, Aref Hamza oder Mohammad Al Attar.
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Seitenzahl: 57
Veröffentlichungsjahr: 2019
Der Lyriker Kadhem Khanjar ist Gründer des Kollektivs Kultur-Miliz, das im Irak Lyriklesungen an Schauplätzen von Krieg und Zerstörung veranstaltet: neben ausgebrannten Autos, auf Minenfeldern, in zerbombten Häusern, in Krankenwagen, die zu Leichenwagen geworden sind. Khanjars Texte widmen sich vor einer existenziellen Traurigkeit dem lauten Lebenwollen.
Die Bilder expliziter Gewalt, von denen Khanjars Texte durchzogen sind, entsprechen einem breiten Trend in aktueller arabischer Literatur, ein Widerschein der teilweise dystopischen Realitäten der Region. Zum ersten Mal erscheinen seine ersten beiden Gedichtbände auf Deutsch, in der Übersetzung von Sandra Hetzl.
„Lyrische Alltagsschilderungen aus einem verwüsteten Land: Kadhem Khanjar zählt zur neuen Generation irakischer Schriftsteller.“ Deutschlandfunk Kultur
„Khanjar macht Poesie unter Lebensgefahr.“ Arte Tracks
Der Autor
Kadhem Khanjar ist Lyriker und Performer und wurde 1990 in der Nähe von Babylon geboren. Er lebt in Bagdad.
Kadhem Khanjar
Dieses Land gehört euch
Gedichte
ein mikrotext
Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl
ein mikrotext
Erstellt mit Booktype
Cover: Inga Israel
Covertypo: PTL Attention
www.mikrotext.de – [email protected]
ISBN 978-3-944543-88-8
Alle Rechte vorbehalten.
© mikrotext 2019, Berlin
Die Übersetzung aus dem Arabischen wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amts unterstützt durch Litprom e.V. – Literaturen der Welt.
Inhalt
Impressum
Titelseite
PICKNICK MIT SPRENGSTOFFGÜRTEL (erster Gedichtband)
„Eilmeldung: Massengrab entdeckt in der Nähe von …“
Leichen
Terrorist
Halsabschneider
Eure Toten bekommt ihr nicht, denn:
Messer
Grünes Fleisch
Ich bin ein sehr schlichter Mörder
Panzer
Schwarze Flaggen
Wir sind die Iraker
Autobombe
Kontrolle
Totengräber
Sektarianist
Am Flughafen
Ficken
Feuerwehrmann
Maskierte I
Maskierte II
Maskierte III
Fahneneid
Steinigung
Abschlachten
Blockade
Luftangriff
Splitter
Schuss
Tag
Explosion
Wir sind die kleinen Mörder
Abgeschnittene Dynamitfinger
2015
WIR KÄMPFEN ZUM VERGNÜGEN (zweiter Gedichtband)
I ÜBER DEN SINN EINES LEBENS, DAS MIT BLUT BEGINNT UND MIT EINER NARBE ENDET
Der Rollstuhl
Das Fahrrad
Die Nähmaschine
Lob der Brutalität
Arbeitsanweisungen für einen irakischen Feuerwehrmann
Die neuen Schwarzen
Aphorismen
II SAISON DER LANGEWEILE
Eine langweilige Explosion
Die Langeweile des Wartens
Wir lachen vor Langeweile
Von Langeweile träumen
Die Langeweile sieht fern
Endlich hat die Langeweile ein Stück Land bekommen
Vertriebene ohne Langeweile
Die Langeweile spazieren führen
Die Langeweile führt vor dem Spiegel Selbstgespräche
Das Geschäft mit der Langeweile
Mir scheint, die Langeweile hat ein Zuhause gefunden
Als wir die Langeweile das Fliegen lehrten
Die Langeweile streckt ihre Zunge heraus, um zu kosten
Die Kindheit der Langeweile
III ARCHIV DER GETÖTETEN FREUNDE UND IHRER POSTER AUF DEN STRASSEN
1. Amir Ali Jawad
2. Karrar Makki Abu Hidschar
3. Ayden Khalil al-Marei
4. Seif Amer al-Aaradsch
5. Auss Haqqi Khalil
6. Odai Fauzi
7. Hadi Saleh Qandil
8. Khaled Mohammad al-Assaad
9. Bauarbeiter
10. Dschalila Barakat
11. Kadhem Emad Dschassem
IV SEKTARIANISTISCHES TAGEBUCH
Erster Tag:
Zweiter Tag:
Dritter Tag:
Vierter Tag:
Fünfter Tag:
Sechster Tag:
Siebter Tag:
V WIE ZWEI BERGE WERDEN WIR EINANDER NIE BEGEGNEN
Monatelang sagte ich zu Kadhem, komm Kadhem,
Während der ersten Monate
Ich sah,
Das sind keine Tränen,
Ich kümmerte mich nicht um die Friedhofspolizei,
Ich hasse es, über „Abschied“ zu schreiben,
NACHTRAG 1
7 Übungen für gesundes Weinen in Frankreich
NACHTRAG 2
Mit der einen Hand habe ich dir zum Abschied gewunken
Über den Autor
Über die Übersetzerin
Mehr neue arabische Literatur
Katalog
Kadhem Khanjar
Dieses Land gehört euch
Gedichte
Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl
Gestern war ich wieder in der Gerichtsmedizin. Sie wollten einen Fingerabdruck mit Nukleinsäure. Sie sagten, sie hätten ein paar Knochen gefunden, deren Identität noch nicht geklärt sei.
Auch dieses Mal suchte ich – wie eine Orange – nach dem Schälmesser der Hoffnung.
Jetzt, lieber Bruder, bin ich zu Hause. Ich wische den Staub von den Plastikblumen, die dein Foto umranken
und begieße sie mit Tränen.
***
Der medizinische Bericht sagt, diese Tüte voller Knochen, deren Entgegennahme ich heute unterzeichnet habe, bist du. Aber das ist viel zu wenig. Ich habe sie vor ihnen auf dem Tisch ausgebreitet. Wir zählten noch einmal nach: ein Schädel mit sechs Löchern, ein einzelnes Schlüsselbein, drei Rippen zuviel, ein gebrochener Oberschenkel, ein Haufen Karpalknochen und ein paar Wirbel.
Kann dieses Bisschen ein Bruder sein?
Der medizinische Bericht behauptet das. Ich steckte die Knochen wieder in die Tüte, klopfte die Erde von meinen Handflächen, pustete den Rest auf den Tisch, packte dich auf meinen Rücken und ging.
***
Im Bus habe ich die Tüte neben mich gesetzt. Ich zahlte für zwei Sitzplätze. Das geht diesmal auf mich. Heute bin ich groß genug
geworden, dich auf meinem Rücken zu tragen und deine Fahrkarte zu zahlen.
***
Ich habe niemandem etwas davon gesagt, dass ich dieses Bisschen entgegengenommen habe. Ich beobachte, wie deine Frau und Kinder dicht an dem Sofa vorbeigehen, auf dem ich dich abgesetzt habe.
Ich wünschte, einer von ihnen möge die Tüte öffnen. Ich wünschte, sie würden dich ein letztes Mal sehen. Aber du bist ein Dickschädel, bis auf die Knochen. Später wundern sie sich noch über den Tränenfleck auf dem Sofa …!
***
Seit einer Stunde ordne ich diese feuchten Knochen auf dem Boden des Sarges und versuche, dich zu vervollständigen.
Nur die Sargnägel wissen,
dass das zu wenig ist.
Sie pflegten die Leichen miteinander zu vermengen, und wenn wir frühmorgens hinaus auf den Platz liefen, tapsten wir wie trübe Augen und ordneten Köpfe Körpern zu, während wir tief in uns wussten, dass wir die Köpfe an Körper vergaben, die sie gar nicht kannten. Jetzt ordnen sie die Leichen, geben ihnen Einheitskleidung und legen die Köpfe auf die Rücken. Aber hinaus laufen wir nicht mehr,
denn diese ordentlichen Leichen haben mittlerweile unsere Vorgärten erreicht.
***
Wir schätzen das Alter des Todespflänzchens bei den Leichen,
die sie auf dem Asphalt liegenlassen,
immer anhand der zerlaufenen Fettlache unter ihnen.
Bei auf der Erde liegenden Leichen gelingt uns das nicht.
***
Mein Vater / meine Mutter zanken seit drei Stunden. Ich glaube nicht, dass er sie umbringen wird, wie er droht. Unser Vorgarten wäre zu klein für eine Leiche.
***
Sie veröffentlichten ein Foto seiner Leiche auf Facebook. Der Leiche meines kleinen Bruders.
Und nachdem wir ihn nirgends finden konnten, druckten wir das Foto aus,
wuschen es, wickelten es in ein Tuch und begruben es auf dem Familienfriedhof.
***
Die Mörsergranaten drücken die Tür der Dachterrasse auf, gleiten die Treppe hinab,
