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Wie weit würde ein Mann gehen? Wie weit würden zwei Männer gehen, wenn alles verloren und doch alles so vollkommen ist? Bis ans Ende der Welt? Oder doch nur bis ans Horn von Afrika? Klar ist, dass es immer eine offene Tür im Universum gibt. Sie zu finden unter all dem Schrott, der in unseren Umlaufbahnen umherschwirrt, ist die eigentliche Aufgabe zum Neuanfang….
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Seitenzahl: 491
Veröffentlichungsjahr: 2021
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DiggaDigger
- Good Times. Bad Times.
You Know I Had My Share. –
….In the days of my youthI was told what it was to be a manNow I've reached the ageI've tried to do all those things the best I canNo matter how I tryI find my way to do the same old jam…
Danksagung
Ok, zu erst Danke an Alle, die nur Desinteresse, Zweifel und Witz gezeigten haben.
Soll dieses Buch ein Schlag in eure kleinen miesen Fratzen sein, denn wegen euch habe ich nicht aufgegeben.
Danke an Alle, die falsche Zusprechung und etwaige andere falsche Versprechen äußerten.
Wegen Euch habe ich nun mehr wieder den wahren Wert der Menschen erkannt.
Danke auch im Vorfeld an die Menschen, die sich durch manche Passagen angegriffen oder beleidigt fühlen werden und mir diesen Hass wahrscheinlich zukommen lassen werden.
Als Kind dieser teilweise abgefuckten Gesellschaft, finde ich, muss man das nun folgende aushalten können. Sollte man auch aushalten können.
Danke für all das bis hierhin.
Namentlich möchte ich an dieser Stelle jedoch nur einer bestimmten Person danken.
Vielen Dank an Lena „Porny“ Podborny, die dieses Buch für mich lektoriert hat und mir als einzige entscheidend weiterhalf.
Jeder trug seinen Teil bei, mehr oder weniger. Oder eben nicht.
Kollegen, Freunde, Familie und das Leben an sich.
Es war mir, meine eigene Ode an die Freude.
Vorwort
Hallo. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht vorstellen, ich weiß nicht ob es mir eventuell mal zum Verhängnis werden könnte. Auf der anderen Seite kennen mich natürlich einige Leser von diesem epochalen, lyrischen Erstlingswerk!
Dieses Buch, oder eher diese Geschichte, entstand während einer sehr langen Autofahrt (nur damit ihr Bescheid wisst). Ich wollte eine fiktive Geschichte, in einer semi-realen Welt erzählen. Soll heißen, dass u.a. die Orte eine reale Manifestierung, aber keinen Ursprung haben. Gleiches gilt für die Unternehmen und Teile der Hauptstory dieser Geschichte.
Das geschriebene Wort spiegelt in keiner Weise die eigentliche Meinung des Autors (also mir, Marius) wider. Sie ist nur, wie so oft, Mittel zum Zweck.
Es ist eine, nun ja wie soll ich es am besten sagen:
„Utopische Dramaturgie einer Komödie des Lebens“. Im klassischen Sinn versteht sich. Obwohl ein wenig Neoliberalismus ist auch drin. Der ist ja heutzutage wie Palmöl anscheinend überall drin.
Abschließend möchte ich noch viel Spaß wünschen.
Ich hoffe ich kann den ein oder anderen in einen Sog, keinen Malstrom, ziehen. Ich hoffe ich kann den ein oder anderen dazu bringen sich ein wenig auf die Charaktere einzulassen. Ich hoffe ich kann den ein oder anderen dazu bringen auch zwischen den Zeilen zu lesen, denn oft schauen zwar die Augen, aber sie sehen nicht.
Als letzten kleinen Hinweis, oder eher als letzte kleine Empfehlung bleibt mir noch zu sagen, dass die Stimmen der Charaktere beim Lesen besser funktionieren, wenn man vorher etwas getrunken hat. Während dem Lesen etwas zu trinken geht natürlich auch.
Kapitel bestehen aus Songpassagen der Band Led Zeppelin. Bitte genießen und während des Lesens gerne mal reinhören. Geschrieben von Jimmy Page, Robert Plant, John Paul Jones und John „Bonzo“ Bonham. Ich bescheidener Mann habe keinerlei Rechte an den Liedern.
So geht nun dahin in diese Welt….
…..Auf das ihr wiederkehret!
Bis dahin,
M. Schramm / Marius S.
Good Times Bad Times…(?)
I know what it means to be aloneI sure do wish I was at homeI don't care what the neighbours sayI'm gonna love you each and every day
Der Wecker piepste unaufhörlich.
Je länger man wartete, desto lauter wurde es.
Sonnenlicht trat durch die feinen Spalten im Rollo ins Zimmer.
Staub schwirrte durch den Raum. Er wirbelte in einer systematischen Zirkulation durch das Schlafzimmer. War dies der Beweis einer kosmischen übernatürlichen Macht? Die alles geschehen ließe und dafür sorgte das alles weiterlief?
Wahrscheinlich. Oder auch nicht, wer weiß, denn dies war nicht das erste woran Benny dachte als er angestrengt und verkrampft langsam ein Auge versuchte zu öffnen.
Seine Hand wedelte durch den Raum. Dieser Hurensohn Wecker zog ihm den Hoden zusammen, so grell und hell piepste er nun schon. Anstatt den Wecker zu treffen zerstörte er allerdings das schöne kosmisch physikalische Ballett des Staubes. War natürlich auch eine Art auf Gott, sofern seine Existenz bestätigt, oder einer ähnlichen Kraft im Universum, zu scheißen. Benny war dies jedoch so egal wie es ihm ebenfalls egal war gut auf dem Kiez auszusehen. Wieder wedelte sein Arm durch den Raum. Diesmal energetischer und energischer. Ein erneuter Misserfolg. Er drehte sich auf den Rücken. Dabei riss er sich ein Stück weit die Decke weg. Eine Decke die mehr ein ranziges Laken war, welches ebenso ein Stallbursche zum Trocknen von Pferden verwenden könnte. So roch es unter anderem sowieso im kompletten Schlafzimmer.
Es war gefühlt eine Herkulesaufgabe sich auf den Rücken zu wälzen. Doch endlich geschafft starrte er an die Decke, in einer Pose die Jesus glich als er am Kreuz hing. Doch Benny lebt und lebte wesentlich besser als Jesus. Ein Körper gleich dem, eines ehemals Traktorreifen schleppenden, aber auch leidenschaftlich Burger essenden, Kraftpaketes, der zusätzlich vom Leben und vom Tätowierer um die Ecke gezeichnet war. Ein Körper, passend zu einem Mann der ihn verkörperte. Es sprach vieles aus ihm heraus. Jedes seiner Tattoos erzählte eine Geschichte. Geschichten aus der sündigen Jungend aber auch aus dem noch sündhafteren Erwachsen werden.
Er atmete durch. Er versuchte eher durchzuatmen. Beim Einatmen reagierte sein Körper mit einem versoffenen, bronchialen Husten, ähnlich dem eines Lemmy Kilmisters. Er guckte sich schreckhaft um, sah dann das Objekt seiner Begierde und griff danach. Anschließend war die Fluppe wie er zu sagen pflegte auch schon in seinem Mund. Er nahm genüsslich einen Zug, pustete einen langen Rauschschwall gen Decke und legte die Zigarette in den Aschenbecher.
Dort lag noch eine vom Vorabend, halb geraucht. Er nahm bewusst immer nur einen Zug vorm Einschlafen und nach dem Aufstehen. War besser für die Gesundheit. Jetzt konnte er sich aufrichten, er dachte zumindest er wäre bereit sich aufzurichten, doch sein innerer Schweinehund, und auch der Schweinehund, der er nun mal war, hatten was dagegen.
Plötzlich die Auferstehung aus dem Nichts. Mit einem tief frequentierenden grummeln, was auch aus einem rückgekoppelten Sub Woofer hätte kommen können, saß er nun aufrecht in seinem ranzigen Bett. Wenn man das irgendwie notdürftig aus Holz zusammengeschraubte, bestehende Stück moderne Kunst denn als solches bezeichnen könnte. Ein Bett.
Als er so dasaß, ignorierte er, dass ihn das einfallende Licht blendete. Er blickte hypnotisiert auf den Boden.
Auf den Boden, wo seine Klamotten, die er noch vor 5 Stunden getragen hatte, durcheinander lagen.
Seine Warnweste mit Personalisierung lag oben auf. Man sah zwei selbstangebrachte Stickereien, die jeweils oben und unten auf der Warnweste aufgenäht waren. „Benny“ stand oben und „Alstermann“ unten.
Benny löste sich vom Anblick und schaltete endlich seinen beschissenen Wecker aus, indem er ihn an der gegenüberliegenden Wand zum zerbarsten brachte. Er zog sich eine Spur Rotze hoch und schluckte danach kräftig. Er lachte leise vor sich her und stieß dabei auf. Er sagte: „Schaffen ist wieder angesagt.“ und lachte erneut, während er das, vor sich her Murmeln beendete.
Benedikt Alstermann war in der Tat das, was man als Hamburger Original bezeichnen könnte, ein Junge aus der Schanze, vom heiligen und auch unheiligen Paulus erzogen, ein Eppendorfer Typ halt. Waschechter Altona. Und doch war da etwas womit er an sich selbst fremdelte. Sich seiner Identität bewusst, war er sich auch dessen bewusst, dass er seine Sprache vergessen, nein verlernt hatte. Kein Dialekt, keine Mundart mehr die ihn als Hamburger auszeichnen würde war vorhanden. Lediglich die allseits bekannte Floskel „Moin Moin“, die in jeder Situation Anwendung fand, war noch übriggeblieben.
Benny ging zum Fenster, zog das Rollo hoch, und kniff die Augen vor dem gleißenden Sonnenlicht zusammen. Dann, langsam, sehr langsam öffnete er sie wieder. Als es auf eine gerade noch erträgliche Art dann endlich ging, riss er die Augen auf, verzog das Gesicht nach unten, und rieb sich mit seiner Hornhaut übersäten Hand übers Gesicht. Zweifelsohne beförderte er so mehr Schmutz auf sein Gesicht als er hoffte abzutragen.
Seine raue Hand erzeugte auf den noch raueren Bartstoppeln ein Geräusch, was den Arbeiten mit einem 60er Schmirgelpapier glich.
Er prustete die wenig überschüssige Luft aus und gab dem Prozess noch ein: „Boah ey!“ mit auf den Weg. Um dieses so genannte Ritual abzuschließen, gab er sich selbst eine Ohrfeige. Die selbstbeigefügte Schelle schallte noch im Kopf nach. „Moin Moin Welt.“, dachte er sich, als er sich vom Fenster abwand.
„Erstmal ´nen Kaffee.“, sagte er durchgezecht und setzte sich Richtung Kaffeemaschine in Bewegung.
Schwarz, wie die Seele seiner Arbeitgeber und ebenso schwarz, wie die Magie seiner so genannten Ex Frauen, schüttete er sich die frisch aufgesetzte schwarze Suppe in einen Becher. Becher war hier wohl zu viel des Guten, es handelte sich eher um eine umfunktionierte und zweckentfremdete Tupperdose.
Die letzte sinngemäße Tasse hatte er bereits schon vor Wochen ins Spülbecken gefeuert. Eine Zeit lang galt der Versuch, es mit Plastik und Pappe im Haushalt zu versuchen, aber als Teil der Gesellschaft, der modernen Gesellschaft, hatte man natürlich auch gewisse Verantwortung. Eine Verantwortung gegenüber der Umwelt, die es zu schützen galt. Diese Verantwortung wurde allerdings nicht hinterfragt. Dafür sind die Haushaltswaren zu billig und zweckdienlich. Ach ja, die schöne und gute Umwelt. Benedikt half gelegentlich, wenn er auf Montage arbeitete, mit an der vorrübergehenden Zerstörung eben jener Umwelt. Doch es war ihm egal. „Wird ja eh rekultiviert hier, die ganze Scheiße hier.“, dachte er sich. Was ihm allerdings nicht egal war, war, wenn ihm nach einem über 10 Stunden Arbeitstag irgendwelche gelangweilten „Wanna Be“ alternative, Grünen Wähler, Kohlköpfe oder ähnlich gutes Wurfmaterial, gegen seinen Fuhrpark warfen. Manchmal war Benedikt auch selbst das Ziel solcher Übergriffe und nicht nur seine Maschinen. Diese ökologischen Ritter, nach Natur und Körperdüften riechenden, Wirtschaftlichkeit blockierenden und kollektiv stupiden Aktivisten, machten ihm das Leben zu Hölle. Zum Glück nur zeitweise während er auf der Arbeit war. „Ohne scheiß du Kackbratze! Komm jetzt her! Komm her ey! Du dummes Stück scheiße!“, schrie er einmal laufend, einer Aktivistin hinterher. Der Tatsache geschuldet, dass er zu diesem Zeitpunkt 53 und die Aktivistin so um die 20 war, warf er ihr einen Schraubenschlüssel hinterher. Er traf sein Ziel. Sie lag am Boden und blieb dort auch eine Weile liegen. Benny, von den bereits vor Ort befindlichen Polizisten gestellt, dachte sich entnervt: „Diese Bullenschweine…nicht schon wieder…“. Wie die Male zuvor, zahlte auch dieses Mal sein Arbeitgeber die Kaution. Gute Anwälte sind selten, die besten unbezahlbar. Ein Glück, dass Geld für Benedikts Arbeitgeber kein Problem war. So kam es dazu, dass auch dieses Mal kein Verfahren ins Rollen gebracht wurde und sich die Körperverletzung im Sand der Zeit verlief.
Als er so in der Küche stand und sich den heißen Kaffee versuchte die Kehle hinablaufen zu lassen, dachte er an diese eine Geschichte zurück. Sie war etwas Besonderes für Benny, denn er wusste nicht, dass man einen Schraubenschlüssel soweit und auch so zielgenau werfen konnte.
Verrückt.
Er nahm einen großzügigen Schluck des autoreifenschwarzen Kaffees. Seine Gedanken klarten langsam auf. Das Besondere an der Geschichte war nicht, dass er sich für die Olympischen Spiele im „Handwerker-Werkzeug- Weit-Wurf“ im kommenden Jahr qualifiziert hatte, nein, viel mehr war es der Fakt das er in einer Woche wahrscheinlich arbeitslos sein würde. Benedikt, ohne Perspektiven, hatte abgeschlossen, abgeschlossen mit seiner Welt. Bisher seien es angeblich nur Gerüchte, die sich erzählt wurden, doch Benny wusste, dass Gerüchte leider nun mal nicht gänzlich ohne Grund entstanden.
Benedikt Alstermann hatte seine Ausbildung zum Großmaschinenführer mit anschließender Weiterbildung zum Anlagentechniker sowie Wartungsbeauftragten mit dem Äquivalent zur summa cum laude abgeschlossen.
Er war der Beste in dem was er tat.
Wenn Benny nicht gerade einen Schaufelradbagger führte, hielt er sie in stand.
Jeder Mensch hatte etwas was er als sein „Liebstes“ bezeichnete, so auch Benny. Für ihn war sein liebstes Teil, sein Bestes Stück, der Schaufelradbagger der im Großraum Tagebau der Nordvickern Energie GmbH & Co. KG. eingesetzt wurde.
Dort in Grube 3, da stand er. Ein kolossaler Koloss aus Stahl und Kabelwerk. Ein Ungetüm welches unter Flutlicht aussah, als sei es eine Abschussrampe für Raumschiffe. Etwas extraterrestrisches haftete an diesem Monstrum, wenn die Positionslichter im dunklen aufglommen. Benny kannte seinen kleinen „Boy“, wie er zu sagen pflegte, in und auswendig, egal was wo war, er wusste es. Seine Kollegen munkelten, dass er sich sogar aller Sinne beraubt dort zurechtfinden würde. Ja genau, er wusste auch, wie er schmeckte. Da Benedikt seinen Bagger hegte und pflegte wurde er leider in diesem Tagebau nicht oft eingesetzt, was die gering stattfindenden Dates nur umso besser machten. Der kleine Boy war der einzige Bagger, mit dem er auch das Erdreich abtrug, der einzige Bagger der nur von ihm geführt wurde. Es hatte etwas hypnotisches, dem rotierenden Rad dabei zuzusehen, wie es im Minuten Takt, Schaufel für Schaufel mit guter Mutter Erde befüllte und abführte. Präzise, brachial gewaltige Zerstörung, aber keineswegs durch Willkür und Blindheit bestimmt. Wie auch jetzt durch offensichtliche Hypnose, bedingt durch das Starren auf seinen Kaffee, war Benny gelähmt in seiner Bewegung. Für gewöhnlich ist Benny eher der Typ Mann und auch Typ Mensch, der anpackte, sich nicht beirren ließ, sich seinen Weg selbst suchte und diesen gelegentlich auch frei räumte. Zweifelsohne ein stoischer, „Mit dem Kopf durch die Wand“ Charakter. So war es untypisch für ihn, dass er ungewöhnlich viel nachdachte und sich dadurch so in seinen Gedanken verlor.
„Die Umstände sind schuld.“, redete er sich ein, nicht ohne den Versuch bemüht, keine Antwort finden zu können. Mit einem schlürfenden Geräusch, was auch gut von einem, von Hans Giger entworfenen, Xenomorph hätte kommen können, trank Benny die minimale Restpfütze an Kaffee aus seiner Überbrückungstasse. Ja, richtig, Xenomorph, denn „Alien“ kann und wird mit Sicherheit falsch verstanden werden. E.T. ist auch ein Alien, doch keineswegs gibt E.T. merkwürdige Schlürfgeräusche von sich. Höchstens bei seiner Fortpflanzung könnte er sich einen „abflantschen“, was wohl dem Schlürfen von der Tonlage am nächsten kommen würde. Benny wusste nicht wieso er ausgerechnet in diesem Moment an E.T.s Sexualverhalten denken musste, er tat es jedenfalls.
Dieses Schlürfen, verrückt.
„Hmm abflantschen…. Wäre schon geil jetzt.“, überlegte er so vor sich her, als die Tupperdose ins Spülbecken flog. Er rannte ins Badezimmer, riss sich seine fleckige Boxershorts vom Leib und huschte unter die Dusche. Breitbeinig, durchaus in solider Haltung, mit einer Hand als Stütze an der Wand und leicht mit dem Körper nach vorne gebeugt stand er in und unter der Dusche. Nun senkte er noch den Kopf ein wenig nach unten, denn anders konnte er den Wasserfluss nicht optimal einstellen. Er lag großen Wert auf perfekt temperiertes Wasser. Er blieb in seiner Haltung stehen, um sich mit seiner anderen freien Hand noch kurz am Rücken zu kratzen. Das Jucken und falsch temperiertes Wasser würden das Masturbieren unerträglich machen. Benny legte eine Hand auf seinen Lümmel an und rieb ihn erst ein bisschen. Er sprach an dieser Stelle oft vom „anwichsen“, welches ihm das Erlebnis noch vergnüglicher machte. So rieb und rieb er, schlug sogar gegen sein Prachtstück, welches der Damenwelt angeblich schon viel Freude einbrachte. Man konnte diese Statistik schlecht hinterfragen, Frauen sind für Benny Matratzen, er kaufte sie, legte sie hin und sich dann auf sie drauf und benutzte sie. Hier zeigte er immerhin doch sein Umweltbewusstsein, oder wenigstens, dass was diesem am nächsten kam, denn war er fertig, dann entsorgte er seine Matratzen simpel und schön fachgerecht. So kam es, dass Benedikt ohne Probleme immer kam und in seinem Glauben des Freudenbringers bestätigt wurde. Doch jetzt gab es anscheinend ein Problem, denn egal was er an sich versuchte, er konnte ihn nicht zum Stehen bringen. Reiben, rubbeln, hobeln, klatschen, streicheln, massieren und sogar feste drücken, während er sich auf seine blanke Penis Glatze schlug erbrachten nicht das gewünschte Resultat. „Wat is denn hier nur los ey! Scheiße!“, stöhnte er aufgebracht und entsetzt. Kaum zu glauben, dass das tatsächlich passierte. Es war ihm noch nie passiert. In sich und von sich selbst enttäuscht, ließ er von seinem Knüppel ab. Er sank langsam hinab zum Fliesenboden der Dusche. Die Hände über seinem Kopf zusammengeschlagen. Die späte Mid-Life-Crisis vor Augen und die vorläufig bestätigte Erkenntnis, dass er auch nicht mehr wichsen konnte, hielten die Zeit an. Wie auch er, so sanken seine Hände nun hinab und legten sich schlaff auf den Boden. Ein Stück kämpfte er noch dagegen an, doch dann heulte er, seiner Natur wider, wie ein Schlosshund los. Er konnte von Glück sprechen, dass das Wasser bereits lief. So fielen seine Tränen unter der Dusche nicht weiter auf. Selbst wenn er diesen Zusammenbruch in seinem Bett gehabt hätte, wäre es auch nicht weiter tragisch gewesen. Benny hatte niemanden.
Bis auf die Anzahl Freunde, die man an einer Hand abzählen konnte, war da niemand in seinem Leben. Ihm wurde vor einiger Zeit eine Nachricht überbracht, in der es hieß er habe eine Tochter. Doch wenn man wie Benedikt seine Qualitätszeit damit verbrachte sich von Prostituierten eine Nutella Schnitte schmieren zu lassen, während man sie von hinten rannahm, dann weiß man, dass es sich oft um Trickbetrug handelte, wenn man angeblich Vater war, beziehungsweise wurde. Daher gab er auf die Nachricht nichts weiter und ließ sie außer Acht. Der Brief flog schlicht auf einen schon längst überquellenden Papierkorb. Dies war seine Art mit Sachen und manchmal leider auch mit Problemen abzuschließen. Als er so dasaß, realisierte er nach wie vor nicht, dass die Zeit weiterlief. Er streckte eine Hand aus mit der er versuchte das Wasser abzustellen. Zitternd bahnte sie sich ihren Weg in Richtung Wasserhahn. Es brauchte mehr als einen Versuch den Wasserhahn erfolgreich zum Versiegen zu bringen.
Das Zittern war wieder da.
Benny litt schon seit einiger Zeit an diesen Anfällen, doch er wusste nicht, was es war. Er war kein Typ, der zum Arzt geht. In seinem Leben war er bisher nur einmal in einem Krankenhaus und das war noch nicht einmal seine Geburt. Das eine Mal, dass er da war, war in seiner Jugend, als er dabei erwischt wurde wie er versuchte in die Schule einzubrechen. Wäre der Einbruch erfolgreich gewesen, wäre er logischerweise nie in einem Krankenhaus gewesen. Als die Polizei anrückte, lief der junge Benedikt in einer Kurzschlussreaktion davon. Die Flucht verlief anfangs reibungslos und er hatte gute Chancen der Polizei zu entkommen. Doch dann, plötzlich, sah er das Poster welches seine umgekehrte Hetze gemäß des Harrison Ford Klassikers „Auf der Flucht“, abrupt beenden sollte.
„LED ZEPPELIN – LIVE IN CONCERT! Nach zwei Jahren Pause endlich wieder zurück auf der Bühne! Die bereits jetzigen Legenden und Pioniere der modernen Musik spielen fünf exklusive Konzerte im Earls Court Exhibition Center in London! Unter anderem mit Debütsingles ihrer ersten Doppel LP -PHYSICAL GRAFFITI-!“
Dieses Poster, dieses kunstvoll, in den Stilen der Zeit, gestaltete Poster hing in seinem Plattladen des Vertrauens aus, den er, leider in diesem Moment passierte. Es war eine Abkürzung, dachte er sich. Doch anstatt den Weg zu verkürzen, verkürzte er den Abstand seiner Verfolger auf ein gefährliches Minimum. Er hatte also Recht behalten. Es war eine Abkürzung.
Benny konnte nicht anders. Led Zeppelin, die Band die er vor fünf Jahren kennen und sofort lieben gelernt hatte? Live? Dies konnte nicht sein. Jedenfalls nicht in der antiautoritären und selbstzerstörerischen Gedankenwelt eines pubertierenden Jungen. Die Aussage des schillernden Werbeposters musste allerdings wahr sein, argumentierte er logisch, denn es musste von Platten Micha angebracht worden sein, dem Besitzer des Plattenladens. Klar, logisch eben. Wenn Platten Micha etwas sagte, dann stimmte es immer. Einen feisteren Typen kannte Benny zu diesem Zeitpunkt nicht. Benedikts Liebe für Led Zeppelin wurde durch den Song entfacht, den er als erstes von den, für ihn Magiern, im knack- und knisternden alten Asbach Uralt Radio beschallend hörte. In diesem Song ging es schließlich auch um Liebe, wie eigentlich in fast jedem zweitem Song von Led Zeppelin. Das erkannte Benny jedoch erst als er halbwegs der englischen Sprache mächtig und auch im erwachsenen Alter war. Also mit 45.
„Whole Lotta Love“ vibrierte es aus der im Tweet-Look gehaltenen minimalen Lautsprecher Membran und des walnussfarbenden Chassis des Empfangsgeräts.
Immer wenn dieses Lied lief, waren es die besten fünfeinhalb Minuten seines perspektivlosen jungen Lebens. Er hatte kein Geld sich Kassetten, geschweige denn sich „schwarzes Gold“, Vinyl, zu kaufen. Er versuchte es stattdessen mit einem Mikrofon, welches sich an einem Spielzeug befand, vom Radio aufzunehmen und es auf eine alte Kassette zu überspielen. Es war natürlich zu erwarten, dass die Tonqualität hinter den eigenen überdimensionalen Erwartungen zurückblieb.
Einen besonderen Charme hatte die ganze Sache erst dadurch, dass immer, wenn die Stelle „…way down inside“ ansetzte, diese in eine Komposition von Joseph Hayden hinüber ging. Egal. Benny war es egal, Hauptsache Zeppelin man!
Am nächsten Tag schon lungerte Benedikt unter zwielichtigen Gestalten, Musikliebhabern, Leuten die nur einen Platz zum Abhängen suchten, oder wahlweise einfach kurzzeitig ein Dach über dem Kopf haben wollten, unter dem es auch eine funktionale Toilette gab, und unter Menschen der, der, noch pränatalen, in den Kinderschuhen steckenden, Punk Bewegung angehörten.
Das erste Mal war er also unter gleich gesinnten, Gesinnten gleichen Glauben, dem Glauben an die Musik. Kein Gott, Schöpfer oder Urwesen, nur die Musik war es die ihn glauben ließ. Dabei waren Jimmy Page, Robert Plant, John Paul Jones und Bonzo doch seine Götter, seine realen Götter. Sie konnte man sehen und hören, und sie sogar anfassen, wenn man das nötige Kleingeld dafür hatte. So ließ er von Platten Micha Zeppelin auflegen. Benny saugte alles auf was Micha erzählte. Jedes kleinste Detail über Bands, Künstler und die Szene, ganz egal, Micha kannte Alles und Jeden. Jedenfalls gefühlt kannte er jeden, denn, wenn er erzählte, fühlte sich alles in greifbarer Nähe an.
Benedikt merkte nur, wie ihn zwei Gorilla ähnliche Arme blitzartig umschlossen und Richtung Boden rissen. Kaum dort angekommen, drückte jetzt nicht nur ein massiver Korpus auf ihn, nein, ein weiterer massiger Klumpen von Mensch lag nun ebenfalls auf ihm. Einer der beiden Gesetzes- und schließlich auch Ordnungshüter stöhnte völlig außer Atem: “Ruhig jetzt! Ganz ruhig jetzt Junge! Bleib unten, glaub mir du willst lieber unten bleiben! Du hast unerlaubt das Gelände betreten und bist sogar noch unbefugt in die Schule eingedrungen. In der Schule wäre deine Randale Party noch weitergegangen.“ „Also wir kriegen dich sowas von wegen schwerer Sachbeschädigung dran“, ergänzte ächzend der andere, tatsächlich bullenähnliche, Mann des Gesetztes. Benny dampfte innerlich, er war geladen. Richtig aufgeladen war er. Das Adrenalin pumpte in ihm, er war bereit zum Berserker zu werden um es mit allem und jedem aufnehmen zu können. „Ich mach die ganze Welt kalt man!“, dachte er sich. Er merkte wie sich seine Hände zu immer fester, angespannten Fäusten verformten. Er zuckte, doch er konnte nicht vor oder zurück. Der Griff der beiden Stiernacken Kommandos hielt ihn fest. Er biss die Zähne zusammen bis es knirschte. Benny realisierte phlegmatisch, dass es sinnlos war, sich weiterhin in hassende und zornige Gedanken zu verlieren. Es war nun mal seine eigene Schuld. Kriminell war nur der, der sich erwischen ließ. Diese Faustregel gehörte schon früh zu seinen ganz persönlichen zehn Geboten. Zehn Gebote die von keinem Gott kamen, es waren zehn Gebote die von der Straße kamen, und einen für das Leben vorbereiten. Hätte er sich nicht erwischen lassen, könnte er ungehindert die Overhead Projektoren und andere Schul- sowie Büroartikel verscherbeln. Er brauchte das Geld, schließlich war er jung.
Damals.
„Ey! Junge! Ausweis dabei?!“, dröhnte es im Bariton in Benedikts Ohr. Benny versuchte einen Arm aus dem schmerzenden Judogriff zu lösen, um an seine Gesäßtasche zu kommen. Schließlich und letztlich, mit zwei Fingern, fingerte er sein Portmonee aus der rechten Hecktasche. Es sollte für Benny nicht das erste und erst recht nicht das letzte Mal sein, dass er mit zwei Fingern etwas fingerte. Der C64 Controller erfordere seiner Zeit durchaus gutes fingern.
Benedikt wollte versuchen es neben sich auf den Asphalt zu werfen, doch ehe er auch nur die Hand in einem ungesunden Winkel neigen konnte, wurde es ihm schon entrissen. Da nicht viel an Inhalt vorhanden war, war der Ausweis schnell gefunden. „Hmmm Benedikt Alstermann…wohnhaft in…geboren am…“, murmelte einer der beiden Paulizisten vor sich her, als er die Daten abschrieb. Benny der immer noch am Boden festgehalten wurde, verspürte auf einmal wie ihm etwas die Schläfe hinunter tropfte. Der Nebel des Krieges gegen das System lichtete sich in seinen Gedanken, so dass er wieder seine Wahrnehmung der Realität zurückerlangte. Blut. Es musste sich um Blut handeln, dachte sich Benny. Seine beiden neuen Freunde mussten ihm beim niederrangeln wohl einen Stirnkuss verpasst haben, der wohl etwas zu gut gemeint war. Denn es prangte eine große Platzwunde an seiner linken oberen Stirn. Die Kopfschmerzen traten ein. Er hörte es in seinem Schädel hämmern.
Ein Polizist warf ihm hingebungsvoll ein Taschentuch zu, was dem Aussehen nach zu folge schon seit einigen Jahren im Einsatz war. „Besser als nichts“, resignierte der resolute junge Benedikt.
Mit der Rotzfahne, als Druckverband im Zustande eines Provisoriums, wurde Herr Alstermann in die Notaufnahme der Asklepios Klinik Altona eingeliefert. Der Bariton Polizei Dobermann hatte Bennys Vater bereits auf der schlingernden Hinfahrt zur Klinik informiert, oder eher alarmiert, so dass dieser schon in Standpaukenpose auf seinen biologischen Zögling wartete. Das mittlerweile Bordeaux rote Gesicht seines Sohnes völlig ignorierend, startete, in alter Manier, das Schreifest. Selbst als die Mitarbeiter der Notaufnahme schon skeptisch zu ihm rüber schauten, hörte er nicht auf. Er fühlte sich bestätigt in seinem Vorgehen. Der Bariton Polizei Dobermann, die Arme vor der Brust verschränkt, grinste schelmisch und wippte zustimmend mit seinem speckigen Kopf auf und ab. Roman Alstermann, Benedikts Vater, kannte keinen Humor bei der Erziehung. Generell verstand er nichts von Humor, aber Erziehung war für Roman das humorloseste. Die ernste Pflicht die ihm als Vater von Gott und Bibel auferlegt wurde, setzte er fromm, Tag für Tag, in Taten um. Beide hatten schon früh die einzige Frau verloren die sie beide wahrscheinlich jemals wirklich liebten. Ihre Heilige, Ihre Frau und Mutter. Ohne Zweifel ging dies nicht ganz spurlos an Benny vorbei. Seit dem Tod seiner Mutter hatte er nie mehr ihren Namen erwähnt, geschweige denn mit einer anderen Person außer seinem Vater, über sie geredet. Daher kam es, dass sein Vater, auf sich allein gestellt und verzweifelt, sowie überfordert mit der Situation, die Erziehung ebenfalls allein übernehmen musste. Nicht nur übernehmen, sondern sie auch nachhaltig implementieren. Den Krieg körperlich hinter sich gelassen, Deutschland auf dem Weg in den Wiederaufbau begleitet, ging er seiner Berufung als Gymnasiallehrer wieder nach. Prädestiniert um Vater zu sein. Wie ein Echo hallte es in Benedikts noch kindlichen Kopf nach. Er versuchte das Geschehene zu verarbeiten, dabei merkte er nicht, dass er auf einer sterilen, weißen und kalten Liege lag. Den Kopf geneigt um die Wunde zu nähen, seine Augen rollten durch den Raum auf der Suche nach einem Fixpunkt. Sie blieben bei seinem Vater stehen. „Die einzige Frau, die ich jemals liebte war mit dir verheiratet; meine Mutter“, dachte sich Benny als er seinen Vater ansah. Er dachte immer wieder daran, auch heute noch. Trotz der Zeit die vergangen war und den Erlebnissen, die erlebt wurden. Es fühlte sich komisch an. Er spürte nicht wie Schwester und Arzt ihrer Arbeit nachgingen, alles fühlte und hörte sich gedämpft an. Dann sah er nur Schemen, fast schon Schatten die sich durch die weiten, weißen, Hallen des Krankenhauses bewegten und nicht stillstanden. Ehe er sich versah saß er schon im Volkswagen seines Vaters. Schlag auf Schlag, nicht nur die Ereignisse, sondern auch die Erziehungshiebe der Liebe, prasselten auf ihn ein. Es hatte etwas von einem damaligen Supermarkt Besuch. Die Tracht Prügel war schon etwas wie ein besonderes Angebot.
Benedikt bemerkte, dass kein Wasser mehr floss. Nur Tropfen die sich an seinem gesenkten Kinn sammelten und auf seinen Leib hinabfielen. Hatte er das Wasser tatsächlich schon abgestellt? Er konnte es nicht mehr sagen, er konnte sich nicht mehr dran erinnern weswegen er hier seit 5 Minuten regungslos auf dem Boden gesessen hatte. Nur dieses Zittern. Dieses Zittern war da, dass wusste er noch.
„Die einzige Frau, die ich jemals liebte, war mit einem anderen verheiratet; Meine Mutter.“, flüsterte er vor sich her, darum bemüht endlich vom Boden aufzustehen. Er schaffte es nicht.
Auf allen Vieren sich abstützend, versucht er aus der Dusche zu krabbeln. Nein krabbeln ist mit dem Willen verbunden, tatsächlich irgendwann irgendwo anzukommen, es steckt Motivation dahinter, irgendwann mal laufen zu können. Kriechen. Benedikt kroch aus der heißen Dusche, die seine verdreckten Poren haben aufsprießen lassen. Man konnte nicht sagen ob es Schweiß oder noch Wasser war, jedenfalls sammelte sich während des Prozesses Flüssigkeit auf seiner Körperoberfläche. Wie ein Bergsteiger zog er sich an seiner Toilette hoch. Als er den Gipfel erklommen hatte, setzte er sich erschöpft auf den Lokus und gönnte sich eine Pause. Wenn Benny sich eine Pause gönnte, dann war dies ein Initialwort, oder eher eine Initialhandlung dafür, sich eine Zigarette anzustecken. Genüsslich qualmte und nebelte er sich in den Dunst ein, er hatte dabei immer das Gefühl, dass seine Lunge platzen würde. Doch er war noch fit und vital, so dachte er es sich jedenfalls. Der Stummel, der kaum noch mehr als der Filter war, wurde kunstvoll ins biotopische Wassersammelbecken der Badewanne geschnipst. Benedikt richtete sich auf, schwenkte sich wie eine Abrissbirne Richtung Badezimmerspiegel und verharrte dort. Still. Er sah sich an.
Er sah sich aber nicht im Spiegel an wie man es für gewöhnlich tat oder machte. Er war nicht auf der Suche nach Falten oder wie der Scheitel wohl heute saß. Vielleicht heute mal etwas weniger Hitlerjugend, vielleicht auch gerne etwas mehr. Mann, geht heutzutage ja nach der Zeit. Das was er tat war nach wie vor kein ansehen seiner Reflektion, vielmehr ein Gutachten.
Er betrachtete sich, nackt, so wie er auf die Welt geschissen wurde, in einem trüben Spiegelbild. Wenn der TÜV heute kommen würde, dann gäbe es mit Sicherheit keine neue Plakette für das Modell HH-BA-61.
Da er, wie vieles was er nicht hatte, auch keine Zahnpasta hatte, schrubbte er sich die in Sepia Optik befindlichen, Zähne mit der schlichten Bürste. Das Geräusch nahm Oberhand und nahm den Raum ganz ein, taub gegenüber jeder anderen Audioquelle. Nach nicht mal einer Minute war die gründliche Prozedur vollzogen, abgerundet und abgeschlossen durch das rituelle Ausspucken ins beschlagene Waschbecken. Es störte ihn nicht, dass zum normal vorhandenen Speichel, der schon mit ein wenig gelblichen Schleim versetzt war, einige Spuren einer roten Substanz mit emittiert wurden. Benny blickte auf die Pfütze, wischte sich mit einer groben Bewegung den Mund ab und betätigte den Wasserhahn um seine Auswürfe zu beseitigen. Er schmierte sich ein Creme ähnliches, stark viskoses, Fluid in die Hände. Es hätte genauso gut menschliches Ejakulat sein können, optisch bestand kein Unterschied, doch Benny schwor drauf. Kurz auf die Handflächen verteilt, ging er sich mit beiden Händen zweimal durch die Haare und wischte sich die Reste seiner „Wichs-Wachs-Pomaden-Creme“ an seinem Oberkörper ab. Noch schnell Augentropfen und etwas gegen seine Augenringe, sowie das eingefallene Gesicht und fertig war er. Bereit es mit der Welt aufzunehmen. Er selbst merkte einen Unterschied und sah angeblich auch einen, wenn er sich jetzt im Spiegel anschaute und begutachtete, doch für sein Umfeld und die Mitmenschen sah er nach wie vor so abgebrannt aus wie er es immer tat. War es ihm egal? Vermutlich, denn an seinem Punkt im Leben war ihm alles egal geworden. Er könnte jetzt hier vor den Augen sämtlicher schöpferischer Instanzen und Manifestationen die Treppe hinunterfallen und dort liegen bleiben. Es wäre ihm und allen anderen egal.
Jedenfalls war es noch nicht so weit. Noch nicht. Um das Finale zu erreichen, fehlten Benedikt jetzt nur noch halbwegs adrette Klamotten. Wie der Jäger des verlorenen Schatzes auf der Suche nach der Bundeslade, so war Benny auf der Suche nach der heiligen Unterwäsche. Mit einigen Löchern versehen, fand er eine Boxershorts neben seinem Bett. „Wird schon gehen“, dachte er sich. Socken und Hose lagen in zwei unterschiedlichen Ecken. Den Parcours durch sein Zimmer galt es erst noch zu bewältigen. Endlich geschafft, schmiegten sich Hose und Socken elegant an seine tätowierten Beine und die mit Hornhaut belegten Füße. Seine Warnweste hatte er bereits unmittelbar nach dem Aufstehen gefunden, doch er mochte nicht auf ein Oberteil verzichten. In der Grube, wo die Luft kochte, da arbeitete er oft nur in Shorts und, die Vorschrift einhaltend, mit Warnweste. Manchmal kam er auch nur in Hose, Adiletten und Warnweste, aber heute wollte er noch ein wenig „Rest Seriosität“ wahren. Zwischen seinen Kopfkissen eingeklemmt, griff Benny nach einem herausragenden Stofffetzen. Er zog ein ausgewaschenes schwarzes T-Shirt hervor. An dieses Shirt erinnerte er sich nur all zu gut. Er hatte es sich im angetrunkenen Zustand an einem Souvenir Kiosk auf der Reeperbahn gekauft, nachdem er aus einem Club rausgeworfen wurde. Sein Oberteil missend, da er es im besagten Club einer Stripperin ins Gesicht geschmissen hatte, war er auf der Suche nach günstigem Ersatz. Nachts kann es draußen schon mal was kälter werden und Benedikt war nicht der Typ, der sich einen Schnupfen holte.
„Wenn du es nicht essen, trinken oder rauchen kannst, dann ficke es“ lautete die Aufschrift auf dem Rücken dieses touristisch humorvollen T-Shirts. Sein Glück war es, dass besagte Aufschrift auf den Rücken aufgedruckt war. Die Warnweste verdeckte so diesen für, manche sexistischen Witz. Da sich die Zeiten ändern und er keine Lust auf unangenehme Diskussionen hatte, unangenehm deshalb, weil er einfach keine Lust hatte, mit Gören und Knaben über ein für ihn banales Thema zu reden, war er froh, dass er so dieser Situation aus dem Weg gehen konnte. Die Hose rutschte. Er war schon fast aus der Tür und wollte los, doch seine Hose rutschte. Sie rutschte ihm bis in die Kniekehlen. „Wo ist mein scheiß Gürtel man?!“, stöhnte er fast fassungslos aus sich heraus. Mit weiten Schritten, schritt er zurück in den Wohnraum. Mal von der kompletten Umgestaltung der Wohnung, welche auf der Suche nach dem Gürtel im Hintergrund von statten ging, abgesehen ließ Benny nichts ungeschehen um diesen Gürtel zu finden.
Dieser Gürtel, dieser eine Gürtel, war nicht nur Accessoire, sondern auch Erinnerungsstück. Er dachte nie viel an seinen Vater, sofern möglich würde er am liebsten generell nie an seinen Vater denken, aber dies war mit seinem Verstand nicht immer zu vereinbaren. Wenn es ihm, wie so oft in seiner Jugend, an Zucht und Ordnung mangelte kam er zum Einsatz. Der Gürtel.
Ebenjener Gürtel, den Benny jetzt um seine Hüften trug und als stolze Trophäe der Außenwelt zeigte. Wie mit einem Schild gewappnet und mit breiter Brust ausgestattet fühlte er sich nun endlich bereit den Tag bei den Eiern zu packen und ihm so richtig zu geben.
Aus seiner Warnweste fischte er einen alten Sony Walkman raus. Nicht das der Walkman schon alt genug wäre, nein, in seinem inneren kam eine noch ältere Kassette zum Vorschein auf welcher mit zittriger, kindlicher Handschrift „Zäpplien Bestes“ geschrieben stand. Benny betätigte den magischen Knopf, welcher die Eingeweide des ratternden, quietschenden Stück, antik analoge Technik in Schwung setzte und ließ sich noch im gleichen Moment die gratis Kopfhörer, vermutlich aus einem Hop On Hop Off Bus, auf die Ohren schnellen. Let´s roll with it!
Rock and Roll…(?)
It's been a long time since I rock and rolledIt's been a long time since I did the StrollOh let me get it back let me get it backLet me get it back baby where I come from
Walk Of Life.
Nicht nur von Mark Knopfler besungen und von den restlichen Bandmitgliedern der Dire Straits bespielt, nein, sondern auch eine Art Lebensweisheit. Eine Philosophie nach der es sich auch gut lebte.
„…Dedikation, Devotion…“.
Am Ende lässt sich auf die beschrittene Strecke oft gut, aber auch oft schlecht, zurückblicken. Was sich definitiv für einen, als glorreiches Ziel am Ende ergab, war die Erkenntnis. Einfach nur die Erkenntnis. Für jeden mag sie eine andere Bedeutung haben. Zweifelsohne könnte man auch auf sein gelebtes Leben zurückblicken und sich am Ende in seinem Schaukelstuhl sitzend, während man auf seine Veranda schaut, sagen: „42!“
Unbeugsame Windung- und Wendungen, wer weiß schon was die Erkenntnis des Lebens ist?
Benedikt, etwas phlegmatisch, zeigte Bewegungen, die man durchaus für Schanzen Club Niveau als „Groovy“ bezeichnen könnte, als er so die Straße entlang flanierte. „Endlich aus der gammligen Bude raus, und nochmal frische Luft schnappen“, dachte er sich, nachdem er vor einigen Augenblicken die Tür hinter sich zu schlagen ließ, um sich auf den Weg machen zu können.
Sein Ziel war, wie jeden Morgen, an jedem Tag, nun gut bis auf den heiligen Sonntag, das technische Logistik Institut in Harburg. Benny fragte sich gelegentlich selbst, was genau diese Bande mit seinem Job zu tun hatte, aber er akzeptierte es schließlich am Ende seiner Überlegungen. Man biss nicht in die Hand die einen fütterte und solange die Anschrift auf seinen Gehaltsabrechnungen nun mal eben jene des technischen Logistik Instituts war, biss er nicht hinein, nein, er leckte sie wie eine Katze.
Über Benedikt ließ sich vieles sagen, natürlich. Es ließe sich aber auch genau so viel nicht über ihn sagen. Was man über ihn sagen konnte, als Beispiel, war das er ausgefuchst war, kannte hier und da paar Tricks. Man könnte es urbaner als „Straßenschlau“ bezeichnen. So wusste er z.B. wie man Ticketautomaten, Drehkreuze und andere behördlich, oder privatisierte Geldumsatzeinrichtungen umgehen konnte. Dies war ihm aber nicht so viel wert, wie sein Wissen um die exakte Dauer seiner Fahrstrecke, die er zurücklegen musste. Denn er hatte sein „Zäppelin“ Mix-Tape so abgemischt, dass es immer, genau auf den Punkt aufhörte zu spielen, wenn er zur Tür seines Arbeitgebers hereinkam. Das Besondere und eigentlich auch Erstaunliche daran war, dass es sogar mit Verspätung der öffentlichen Verkehrsmittel funktionierte. An dieser Stelle könnte man sich natürlich fragen, ob Benedikt Alstermann der intelligenteste Mensch unserer Zeit war, und nur niemand von ihm wusste, weil das Nobelpreiskomitee keine Kategorie namens „Abgewrackter Asozialer Altfünfziger, für Wirtschaft“ hatte, oder ob er einfach nur der größte Glückspilz war. Wahrscheinlich eher die zweite Möglichkeit. Bei seiner sexuellen Laufbahn, ja schon fast Karriere, könnte eine Fortuna locker dabei gewesen sein. Nicht die Göttin, sondern eine Prostituierte. Wobei bei dieser Menge Glück sprach viel für die Göttin selbst.
So oder so, er hatte ihr jedenfalls das Hirn rausgevögelt.
Für acht Stunden.
Die Sache mit der Ausdauer ist reines Training. Man musste sie nur richtig einsetzen und wissen damit umzugehen.
Ungehindert der Menschenmassen bahnte er sich, wie Moses durchs Rote Meer, seinen Weg. Niemand würde sich mit ihm anlegen, er hatte dieses gewisse Etwas. Eine Aura und ein Charisma wie es z.B. auch ein Charles Manson besaß, oder vielleicht sogar noch besitzen würde Verrückt diese Tagträume. Oft brauchte es die Flucht nach vorn, aber wieso nicht auch mal nach hinten? Man haute tagtäglich den Kopf durch Wände, zog durch und rastete aus. In all dieser Hektik und dem Alltagswirrwarr, waren es die kleinen Dinge die einen unten am sicheren Boden hielten. Man musste es nicht kompliziert mögen oder machen, einfach mal einfach, einfach sein und durchatmen. Ob nun einfältig oder dreifaltig, egal, Benedikt war keines von beidem. Er verstand die Flucht nach hinten, denn er war bereits zu sehr und tendenziös nach vorne geflohen. Er genoss es nicht nur in Strömungen aus Wasser, sondern auch aus Menschen zu fließen. Ein wacher Geist sieht mehr als wache Augen. Beobachtungen bereichern einen, das wusste er mit Sicherheit. So also ließ er sich aus den pulsierenden morgendlichen Mengen an Pendlern, Touristen und sonstigem Volk Richtung Haltestation manövrieren. Auf dem Weg dorthin sah man das ein oder andere vertraute Gesicht. Gesichter mit denen man eine Geschichte erlebte oder sich solche erzählte. Er sah aber auch missendes Vertrauen in Blicken, die seine kreuzten. Zum Beispiel die vom Ordnungsamt oder der Polizei, aber auch von ehemaligen Freunden, Bekannten und Gefährten aus einer anderen Zeit. Gewiss teilte man auch erlebte Geschichten, und wie das mit dem Homo Sapiens nun mal so ist, dachte man eher an die Schlechten, als an die Guten, die richtig Guten. Die, die man erst auspackte, wenn man auch in der richtig guten Gesellschaft war. All diese Geschichten führten zurück in eine gänzlich andere Zeit. Eine Zeit die man heute nur aus YouTube, Netflix oder Hollywood kannte. Jedenfalls die aktuelle, eher etwas minderbemittelte, verlorene Generation XYZ, die leider keine Ahnung vom Leben hatte. Wie denn auch? Es war kein Vorwurf, aber wenn man sich tagtäglich ansah wie sich darüber unterhalten wird, wie und von wem man geil wurde, oder auch von was man geil würde. Was man sich ins Gesicht klatschen und spritzen sollte und was nicht. Ob man einfach schwanger werden sollte oder nicht. War ja eigentlich auch nur eine Form von Marketing heutzutage. Oder ob man einfach dabei zusah wie jeder Sänger, Rapper, DJ oder ähnliches wurde. „Sie tun mir einfach leid“, dachte sich Benny gemütsvoll. Mit der ganzen Technik konnte er und kann er nach wie vor nicht umgehen. Eher der Analoge Typ. So kam es auch, dass er seiner Zeit von der ganzen neuaufkommenden digitalen Technik, wie sie beispielsweise in Tron gezeigt wurde, Abstand hielt. Einige Zeit lang dachte er tatsächlich, dass dies ein Ausblick in die Realität war, wie sie auch tatsächlich stattfinden würde. Doch dann, eines ruhigen Sommerabends an der Alster, akzeptierte er für sich selbst, egal wie weit die Technik unser Leben beeinflusste und veränderte, dass „Sein“ wird immer das gleiche scheiß Elend sein.
Elendig waren auch seine Erinnerungen als er sich an die bereits vergangene Zeit zurückerinnerte, so wie er ein sehr vertrautes Gesicht sah.
Wie bereits angesprochen war es ja bekanntlich oft so eine Sache an was, und wie man sich an was erinnerte.
Ebenso ist es bekanntlich so eine Sache, wenn man leicht abschweift und nun erneut an einem bereits erzählten Punkt wieder zurückkommt, aber ich schweife ab.
Benny sah einen zerknirschten, kahlrasierten, alt aussehenden Mann auf sich zukommen. An sich nichts Ungewöhnliches für sein Umfeld als auch für seine Umgebung. Jeder zweite Türsteher, Rausschmeißer oder Promoter der ranzigen Spelunken passte in diese Beschreibung. Er wollte sich schon fast endgültig abwenden, um dem mittlerweile dröhnenden Drum Solo von Moby Dick zu lauschen, welches ihn von der Außenwelt isolierte und ihn so sehr zu einem extraterrestrischen Lebewesen machte, welches er auch oft gerne sein wollte. Doch er blickte genau hin. Ihm fiel auf, dass der 3mm Schnitt der auf ihn zukam nur ein Auge hatte. „Oden!“, schoss es ihm wie ein Kaliber 50 durch den Kopf.
Oden, genau Oden, nicht Odin, was sicherlich bei dem einen Auge auch passend gewesen wäre, war nur einige Meter von ihm entfernt.
Bevor Oden, Oden, war er ein ganz normal sterblicher Mann aus St.Pauli. Job im Milieu, alles gut. Rechnungen konnten bezahlt werden und man konnte einfach Leben. Wie viele damals. Heute war es mit dem „einfachen“ Leben eher schwieriger, jedenfalls für die Generation Benny, Oden und Co. Doch auch für die Generation Roman Alstermann war es nicht unbedingt leichter oder einfacher.
Für keine Generation war es und wird es nie leicht sein, mit dem zu Leben was auf sie zustieß und mit dem was die Alten für sie hinterließen. Man stand immer im Schatten anderer, denn in seinem eigenen konnte man nun mal nicht wirklich stehen. Gesellschaften kamen und gingen, wandelten sich mit der Zeit. Gelebte Dynamik, die sich derer und unser Aller auferlegt beziehungsweise auferlegte. Natürlich gab es auch die, die sich dagegenstellten und versuchten eine geistige Revolution zu starten. Revolutionen entstammen letztlich auch nur aus Evolutionen, und lassen wir Gandhi mal außen vor, war eine Revolution immer blutig. Es musste nicht mal körperlich blutig sein, Gewalt war nicht immer physisch. Seelen konnten ebenso bluten. Viele stellen und stellten sich gegen das gegenwärtige System. Erfolg blieb aus, denn die Masse schlug man nicht, beziehungsweise schlug man nie. So obsiegte jedoch die persönliche Klasse über die sture Masse.
Odens bürgerlicher Name, also der Name der auf seinem persönlich angefertigten Personalausweis stand, lautete Lasse.
Lasse Gistfyr.
Passionierter Hobby Angler und Moped, sowie Roller Schrauber, suchte auf Gaias grüner Erde seinesgleichen. Lasse verfügte über ein individuelles Merkmal, welches nicht viele Menschen mit ihm teilten. Jedenfalls kannte er niemanden der sein Schicksal teilte.
Alles begann als schöner Sommerurlaub im Regen. Als Männer der Hanse war man nicht aus Zucker und daher störte es nicht, wenn es im Urlaub an den schwedischen Seeplateaus ein wenig schiffte oder sickte, wie man so sagte. Benedikt und damals noch Lasse wollten genüsslich zusammen Urlaub machen. Begünstigt wurde das Verlangen dadurch, dass Lasse noch einen Tag vorher seine Frau rausgeworfen hatte, weil er halt keinen Bock mehr auf sie hatte. Mit einem schönen: „Ach ey! Hör auf mich voll zu labern Alte! Du hast deinem eigenen Bruder den Lachs gebuttert und meinst es ist ganz natürlich in der Familie so was zu machen, ey du! Ich kann nicht mehr! Hau ab man!“
Was Lasse natürlich nicht wusste war, dass es tatsächlich in der Familie seiner Ex-Frau Gang und Gebe war, zu Weihnachten einen traditionellen Lachs an Butter zu servieren. Wahlweise auch Kräuterbutter oder Knoblauchbutter. Alles an Butter nur kein Geschlechtsverkehr. Nichtsdestotrotz war die Formulierung seiner Ex-Frau, der guten Britta, nicht glücklich gewählt. Lasse war kein Mann für Interpretationen und ließ auch keine zu. Was Lasse aber auch nicht wusste war, dass seine treue Britta eine Affäre mit ihrem Cousin hatte. So oder so wäre es also in der Familie geblieben. Nach diesem vermeidlichen Schock musste er raus, einfach raus und sich Ruhe beim Angeln gönnen.
Benny, der gerade zufällig auch nichts zu tun hatte, wollte seinem guten Freund natürlich Beistand leisten und schlug daher einen romantischen Angelausflug vor, dem nichts an männlicher Freundschaftsromantik fehlen sollte.
In Wahrheit basiert nämlich Brokeback Mountain auf der Geschichte von Benny und Oden. Ang-Lee war damals auf Skandinavien Rundreise, bekam davon mit, machte einen Hollywood Deal draus, und niemand weiß bis heute das alles nur diebisch inspiriert ist. Warum aber sollte der gute Ang nicht mal seine Ang-el ins Wasser halten? Entspannt jeden irgendwann. Früher oder später.
Der ranzig romantische, restaurierte, rumänisch aussehende Bulli aus der Schieberwerkstatt des Vertrauens wurde von Benny fast im Vorgarten von Lasse geparkt. Da eine Hupe nicht existierte und es nur ein Nebelhorn gab, dröhnte dieses freudig zur Ankunft durch die gesamte gehobene Sozialwohnsiedlung. Lasse, aufgeregt, und bestimmt wird er es im Nachhinein leugnen, auch ein wenig erregt, sprang sofort aus seinem Flicken Sessel auf, griff sich seine „neo-Retro“ Sporttasche von Adidas und stürmte zur Tür. Benny der inzwischen den Bulli irgendwie eingeparkt hatte, kämpfte sich aus dem Vehikel und stolzierte zur stuck verzierten Eingangspforte des Großmeisters der Störe, Lasse. Dreimal pochte es, wie im verräterischen Herz von Edgar Allan Poe, zum vierten Mal kam es nicht, da Lasse bereits spitzbübisch die Tür aufgemacht hatte. Sie blickten sich beide eine Weile sprachlos an, dann endete das seltsame Schweigen mit einem High Five, der nachschallte wie der Start einer F-16. Es folgte eine beherzte und innige Umarmung der beiden, in der Benny sagte: „ Ahhh Lasse du alter Haudegen ey komm her!“ Lasse erwiderte keck: „Du haariger Bastard, komm an meine Brust und lass dich drücken!“
„Zu lange war es her, zu lange lag das letzte Mal Angeln schon zurück“, dachte sich Benedikt. „Das wir uns tatsächlich jetzt erst wiedersehen…Wahnsinn. Wo ist die scheiß Zeit nur geblieben?“, ergänzte Benny gedanklich als sie schon strahlend auf dem Weg zum Bulli waren.
Der klapprige Dieselmotor röhrte einmal kurz auf, Gang wurde eingelegt und der persönliche „Road Trip“ Hit-Mix wurde aufgedreht. Es knatterte „The Wizard“ aus der trockenen Lautsprecher Membran, als zeitgleich und lässig die Sonnenbrillen aufgesetzt wurden, und das Gaspedal dezent zu stark gedrückt wurde. Egal, endlich Strecke machen, das war es, wo es jetzt nur noch drauf ankam. Das Fahrzeug setzte sich Richtung Stadtgrenze Hamburgs in Bewegung. Sie hatten nun Holstein und Dänemark vor sich bevor sie endlich am Ziel, Janköping, Schweden ankommen sollten. Schweden war schon immer ein beliebtes Ziel von Benedikt und Lasse. Als Kinder sind sie fast jeden Sommer mit der evangelischen Freizeitjugendgruppe dort ins Kirchensommerferienlager gefahren. Wahlweise an den Vättern oder Vänern See. Wo die Mücken nicht ganz so apokalyptisch schlimm waren, als wären sie direkt als Bestrafung für die jungen Sünden der jungen Menschen aus den tiefsten Höllengefilden selbst entsandt worden. Beide waren sich mit Janköping schnell einig, da sie den Vättern See bevorzugten und dieser auch schneller zu erreichen war.
Endlose unzählige Rote Wellen in der Innenstadt brachte auch die Köpfe der beiden zum erröten, da sie sich in gepflegter Alt Herren Manier darüber aufregten, dass sie nicht weiterkamen. Ein Glück das beide Fenster runter waren damit sie wenigstens frische Luft abbekamen, aber auch ein Glück das die Passanten ein besseres Entertainment Programm geboten bekamen als man es im deutschen Fernsehen hatte. Damals gab es keine wirkliche Alternative daher war das zur Abwechslung des Alltages stattfindende Schauspiel sehr wohltuend. Frei Schnauze einfach alles raus. „Ey Alte! Nimm deine dicken Titten vom Lenker weg, dann kannste auch mit dem Auto weg! Man ey!“, war nur einer der kreativen Auswürfe der beiden. Ein zurückschallendes: „Halt die Fresse du dummes Schwein!“ brachten die beiden natürlich nicht zum Aufhören, eher lachten sie wie zwei kleine Schuljungen die Mädchen blöd und nervig fanden. Eine gefühlte Ewigkeit und Tiraden kaskadisch lyrischer Wut und Frust Äußerungen später, rollten sie nun endlich auf dem norddeutschen Highway Richtung der dänisch – deutschen Grenze. In ihrem Hochgeschwindigkeitsfahrzeug machten sie gut Strecke während sie die rings rum liegende sanfte und herbe Landschaft begafften. Es war ein leichter und doch auffrischender Wind der zyklisch durch die beiden heruntergekurbelten Seitenfenster ihres Fahrzeugs um sie herum zirkulierte. Lasse spürte es im Bart und Benedikt in den Haaren wehen, als sie anfingen alles was sie umgab zu vergessen. Einige oberflächlich, proletenhafte Wortwechsel später, in denen man natürlich nur die wichtigsten Fragen des Lebens geklärt hatte, wie z.B. Sex, Fußball, Hamburg und nochmal Sex, näherten sie sich dem Grenzübergang kurz hinter Flensburg. Es wurde noch schnell aufgetankt, der Bus bekam ebenfalls eine Ladung Sprit ab, danach ging es auch schon weiter. Das vorerst letzte Mal ein gutes Pils, dachten sich die beiden, als sie synchronisiert das Flensburger aufploppen ließen. Nun endlich, bereit das Heimatland hinter sich zu lassen, holperten sie, bestehend aus einer Mischung von Anfahren, kurz kommen lassen und abbremsen, zur Grenzkontrolle. Es war schon erstaunlich wie schnell die Zeit verging, wenn man Spaß hatte, oder einfach nur die Landschaft an sich vorbeirauschen hörte und ebenso vorbeiziehen ließe. Aus zwei Stunden wurden dann auch mal gerne 10 Minuten.
Die Grenzbeamten winkten sie mit der universal verständlichen Handbewegung „Näher kommen“ ran. Aus irgendeinem nicht erklärlichen Grund nickten die beiden breitgebauten Buben eingeschüchtert die Zöllner an. Der sonst gewohnte Bleifuß wurde zum Klumpfuß und wie zu erwarten würgte Benny ab.
Im Hintergrund hörte man schon die ersten boshaft, philharmonischen Hup Allegro, die zur Weiterfahrt drängten. Lasse streckte die Hand raus und winkte nach hinten ab, parallel dazu zeigte er mit dem Zeigefinger nach vorne, um Benny zu signalisieren, dass es weiter gehen muss. Benedikt verstand, und fuhr ohne abzuwürgen zum bereits skeptisch aussehenden Kontrolleur.
„Pässe und Fahrzeugpapiere bitte!“, schnellte eine akribische Stimme in Bennys Ohr. Lasse, der sich nervös aus dem Fenster lehnte, als ein zweiter Beamter mit Maschinenpistole antrat, um, um das Fahrzeug zu gehen, zeigte zitternd seinen Pass vor und brachte nur ein trotziges „Bidde Meister“ heraus. Willenlos händigte Benny beide Pässe mit einem Nicken über. Der ohnehin schon angespannten Situation half es nicht weiter, dass beide in neonfarbenen, Adidas Trainingsjacken, dazu passende Trainingshose, mit Zuhälter ähnlichem Schmuck und Biker Sonnenbrille im Van saßen. Man hätte glatt denken können die beiden schmuggeln 10 Kilo feinsten Schnee. Benedikt hielt es nicht mehr aus. Der Schweiß rann schon in seine Kimme. Er musste etwas sagen. Doch was sagt man am Besten in so einer Situation? Gedanklich ging er die möglichen Szenarien von „Wir haben keine Drogen, nur Waffen geladen“ über „Lass uns weiter sonst vögel ich deine Frau“ bis hin zu „Was soll das denn jetzt?! Ich zahle immerhin Steuern!“ Letztlich brachte er allerdings ein plumpes: „Gibt’s irgendwelche Probleme mein Herr?“ hervor. Der Beamte unterbrach den Abgleich und sah Benny nach seiner Frage grübelnd in die Augen. Er blickte wieder hinab auf die Papiere, „Noch nicht“, brummte er nachdenklich vor sich her. Schwitzend sahen sich Benny und Lasse an, mit dem Gedanken keinen schönen Urlaub machen zu können und für immer an der Grenze festzusitzen. Nun zugegeben ganz so dramatisch wäre es schon nicht gewesen. Dennoch machten sich die beiden erhebliche Sorgen. „OK! Alles klar, hier die Ausweise und Papiere. Viel Spaß in Dänemark, Freunde! Weiterfahren und angenehme Fahrt noch.“ Die Stimme des Zollbeamten wirkte noch eine Weile in Benedikts Ohren nach, doch sein Körper reagierte noch nicht. „Weiterfahren! Bitte!“ Lasse stieß ihn heftig an, um ihm zu signalisieren, dass er verdammt nochmal weiterfahren soll. „OK, OK, Ja“, brachte Benny hektisch hervor. Sein so genannter Bleifuß rammte das Gaspedal binnen weniger Sekunden auf den Fahrzeugboden. Der erste Gang wurde gekonnt eingelegt, und schnell eine Drehzahl von 4000rpm erreicht. Die Reifen glühten. Mit einem Satz preschte das Auto unaufhaltsam nach vorne. Abgeriebene schwarze Spuren die sich in den Asphalt brannten, sowie eine milchig weiß, rauchige Wolke an der Stelle wo der Van noch vor wenigen Sekunden stand, waren die Zeugen dieser abenteuerlichen Aktion, die unsere beiden Helden direkt ein Stück näher an ihr Reiseziel katapultierte. Achtziger Metal dröhnte aus den billigen Lautsprechern des Vans, als sie die Zollkabinen im Rückspiegel immer kleiner werden sahen. „Erste Etappe geschafft:“, dachte sich Lasse. Beide waren spürbar wieder zur humoristischen Höchstform aufgelegt. Ihre Zweite Etappe sollte bald folgen, der Grenzübergang zwischen Dänemark und Schweden, danach, endlich, am Ziel. Eine Weile genossen sie wieder den Fahrtwind, wie er sich durch ihre Haare schlängelte und sich kühl gegen ihre Haut andrückte. Dieses Freiheitsgefühl war das was sie wollten. Unbeschreiblich, wenn aus einem Wimpernschlag eine Ewigkeit wurde, wenn sich alles echt und greifbar anfühlte. War das leben? Der Horizont vollzog seine natürliche und physikalische Metamorphose, ein schönes Abendrot schmiegte sich zwischen Erde und Himmel. Die romantische Ästhetik endete abrupt, als Lasse sagte: „Ey Alter, scheiße. Ich muss kacken.“
„Hose runter und Arsch raus!“, entgegnete ihm Benny sich auf die Straße konzentrierend. Lasse, perplex, und überfordert mit der Alstermann´schen Direktheit, wusste nicht, was er außer „W-W-Was?!“ sagen sollte. „Ja, was´n? Mach doch einfach bitte schnell, is´ doch niemand hier außer mir. In der Nähe ist auch keiner, also was los? Bin ich hier mit dem Lasse, also mit dem Lasse, unterwegs, oder doch nur mit ´nem Lasso?“, fügte Benedikt gestikulierend hinzu. Den tiefgründig philosophischen Vergleich zwischen seinem Namen und einem Lasso nicht nachvollziehend, fragte Lasse Benny vorsichtig: „Einem Lasso?“ Benny, eine Hand am Lenkrad, mit der anderen eine Zigarette suchend, schaute verwundert zu Lasse rüber. Leicht das Fahren vernachlässigend, setzte er weltmännisch zur Erklärung an: „Ja, hör mal Alter, is´doch klar. Ein Lasso kannst du werfen und wiederzurückholen, aber am Ende bleibt es ein trockenes, aufgewickeltes Stück Seil. Ich frage dich also, willst du etwa nur zwei Bestimmungen im Leben haben und nicht frei sein?“ Nachdenklich fühlte sich Lasse zurückgelassen, er dachte über die bedeutungsschwangeren Worte seines besten Freundes nach. Plötzlich schmetterte er seine Faust auf das Armaturenbrett und begann anschließend den Knoten seiner Trainingshose zu öffnen. Benedikt, leicht erschrocken von der Spontanität seines Beifahrers, klopfte ihm Mut machend und grinsend auf die Schulter. Erleichtert fand Benny endlich eine Zigarette, die er sich postwendend ansteckte. Er bemerkte, dass Lasse die Hose schon auf der richtigen Höhe hatte. „Auf geht’s Partner.“, sagte er lachend zu Lasse, als er mit seinen Fingern an den Lautstärkeregler des Radios ging.
Wie viel konnte bei so einer Aktion auch schon schief gehen? Zwei Typen in einem Van, der eine kackte, Entschuldigung, versuchte aus dem Fenster eines fahrenden Fahrzeugs zu kacken, während der andere sich gleichzeitig ums fahren, Musikprogramm und Rauchen kümmerte. Eigentlich nichts, die Wahrscheinlichkeit sprach für die beiden. Wie so oft konnte jedoch jede Wahrscheinlichkeit entgegen einer irrationalen Eventualität widerlegt werden und somit faktisch eine rationale Lüge sein. Oder anders formuliert: Wenn Gott Schach spielt ist das, wie Fußball nur ohne Würfel, denn er würfelt nicht.
Grade in dem Moment, als Lasse erfolgreich seine Notdurft verrichtete und Benny ebenfalls erfolgreich den passenden Sound gefunden hatte, geriet der Wagen kurz ins Schleudern. Ein brauner, wurstähnlicher Klumpen flog beinahe wieder zurück ins Auto. Wie auch immer das physikalisch gepasst hätte, es hätte gepasst. Benny verschluckte vor Überraschung die Kippe. Beinahe hätte er doch tatsächlich eine tierähnliche Kreatur überrollt. Er konnte nicht rechtzeitig identifizieren was es genau war, es ging alles so schnell. Lasse drückte schnell alles raus was er hatte, zog sich verkrampft die Hose hoch und rutschte wieder auf den Beifahrersitz. Benedikt Alstermann der Tiermörder, das wäre es jetzt gewesen. Beide schauten zur Sicherheit nochmal aus dem Fenster aber sie sahen nichts. Pedal wieder am Anschlag, Metal auf dem richtigen Pegel und eine Rußwolke später bretterte der Wagen weiter Richtung Schweden.
„Habe ich wirklich nichts und niemanden überfahren?“, überlegte Benny noch Stunden später als sie schon längst genügend Kilometer zwischen sich und der beinahe Unfallstelle gebracht hatten. „Ey Lasse, da war nichts oder?“, lehnte sich Benny leise fragend zu Lasse rüber. „Nee Alter, alles jut würd´ ich sagen hab eh nicht viel mitbekommen, hing mit dem halben Arsch draußen! Fast wäre ja auch was danebengegangen Alter! Hab mich also um meinen Arsch gekümmert!“, antwortete er etwas zu hektisch für die an sich ruhige Situation. Benny überkam ein seltsames Gefühl. War sein bester Freund etwa behindert? So wie er gerade die Ereignisse wiederholte musste Benny aus irgendeinem Grund an einen Behinderten denken. Vielleicht lag es daran, dass Lasse extra so geredet hatte, oder vielleicht kannte Benny diese Seite bisher nur noch nicht an Lasse. Jedenfalls ließ er sich mit der Antwort Zeit, so dass dieses, gewisse unbequeme Schweigen auftrat, in dem, egal was man sagt, alles einfach falsch klang.
„Alter? Alles Ok?“, unterbrach Lasse Benny beim Nachdenken. Benedikt schaute ihn stirnrunzelt an und sagte nur schlicht mit einer kurzen Pause: „Ja, alles in Ordnung.“ „Bei dir auch?“, fragte er ergänzend. Lasse nickte lachend.
„Oh Schweden wann und wo bist du nur?“, dachte Benny sehnsüchtig als sie anständig und gemütlich über den nordeuropäischen Highway brannten.
