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Der Einzelne bedeutet nichts, die Gesellschaft alles! Der Glaubenssatz einer Stadt, die aus den Trümmern des letzten Weltkriegs entstanden ist und ihre Bürger vor einer kontaminierten Umwelt schützen muss - mit allen Mitteln. Tiefe persönliche Beziehungen sind verboten, da sie den Einzelnen nur von seiner Aufgabe ablenken. Ein Jeder lebt für sich allein. Die wahre Macht in dieser Zukunftsstadt haben die Medien. Sie allein entscheiden, was der Bürger sehen darf. Um den einfachen Bürger nicht zu verwirren, entscheidet ein Super-Computer, wer die Macht über die Geschicke der Stadt hat. Jade, eine gewöhnliche Bürgerin, verfängt sich ungewollt in den Machenschaften der Medienwelt und muss um ihr Leben kämpfen in einer Welt aus Lügen, in der der Einzelne nicht zählt. Wird Jade diesen Kampf gewinnen?
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Seitenzahl: 495
Veröffentlichungsjahr: 2020
Christian Maasberg
Digital Metropolis
© 2020 Christian Maasberg
Umschlag, Illustration: Daniel Maasberg
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-06317-4
Hardcover:
978-3-347-06318-1
e-Book:
978-3-347-06319-8
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Für Rania, Noah und Theodore
Digital Metropolis
Nachdem das Licht im Gemeinschaftsraum gedimmt worden war, verstummte das nervöse Murmeln der Zuhörer. Das Auditorium war wie immer bis zum letzten Platz gefüllt. Es hätte dabei leicht die doppelte Anzahl in die Halle gepasst. Die Vorträge waren eine Vorgabe der Obrigkeit, und so herrschte eine beinahe ehrfurchtsvolle Stille, als der Amtliche Lehrmeister vor das Publikum trat. Sein Blick ging prüfend über die erwartungsvollen Gesichter, als wolle er sich vergewissern, dass ein jeder aufmerksam war. Danach schritt er bedächtig auf einen erhöhten Teil der Bühne zu. Der Lehrmeister hatte von hier aus einen besseren Blick auf die Bürger, die gekommen waren, um der Geschichte ihrer Stadt zu lauschen:
„Tödliche Pandemien, die zum Teil künstlich in Labors gezüchtet wurden, Klimawandel, Energie- und Finanzkrisen, eine wachsende Weltbevölkerung, mit der unser schwächelnder Planet längst nicht mehr fertig wurde, wachsende Probleme bei der Nahrungs- erzeugung, eine schmerzende Ungleichheit in der Vermögensverteilung, Armut, Rassismus. Dies waren nur einige der Herausforderungen, mit denen sich unser ausgezehrter Planet in den vergangenen Jahrhunderten auseinandersetzen musste. Wie aber sieht die wirkliche Geschichte aus?
Er machte eine kurze Pause, während der er bewegungslos auf der Bühne stand und die Bürger still betrachtete. Er wollte dem Publikum Zeit geben, sich Gedanken zu machen.
Aufgrund der sozioökonomischen Probleme des 21. Jahrhunderts formten sich zwischen 2030 und 2035 drei Weltmächte, die um die Alleinherrschaft kämpften. Welche Idiotie es dabei gewesen war, zu glauben, die Menschen könnten den Frieden mit Waffengewalt sichern. Als wenn Frieden Gewalt bräuchte! Die Menschheit wurde damals jedoch fehlgeleitet von einem System, das sie trügerisch > Demokratie < nannten. Wobei der Einzelne nicht einmal verstand, was dieser hohle Begriff überhaupt bedeutete. In seiner grenzenlosen Naivität wiederholte der dumme, einfache Bürger lediglich bedeutsam klingende Lehrsätze, die Regierungen voller machthungriger Politiker und Generäle ihm zum Fraß vorwarfen. Der Einzelne konnte gar nicht verstehen, wie sehr diese Lüge > Demokratie < das Miteinander und die Sicherheit der Gesellschaft gefährdete. Er wurde getäuscht und mit Halbwahrheiten ruhiggestellt. Die Obersten manipulierten sein Gehirn in einer derart hemmungslosen Weise, dass niemand mehr verstand, was um ihn herum tatsächlich geschah.“
Der Amtliche Lehrmeister brauchte keine Einleitung. Seine Zuhörer kannten die Vergangenheit nur zu gut, nachdem sie beinahe zur Auslöschung der Menschheit geführt hätte. Sie bedeutete den schmerzhaften Grund für den Bau dieser Stadt, die Schutz vor einer Umwelt bot, in der niemand mehr überleben konnte. Seine Rede war lediglich der jährliche Auffrischungskurs, den ein jeder Bürger besuchen musste. Es war zugleich eine Mahnung, sich daran zu erinnern, wie gut es ihnen allen innerhalb der klaren Hierarchie dieser Stadt ging. Was auch immer die früheren Staatsformen den Bürgern vormachen wollten, sie hatten keine Kriege verhindern können. Gleichgültig, wie die Namen lauteten, am Ende scheiterten die Systeme an ihrer Unvollkommenheit. Nicht aber die absolute Gesellschaftsform, in der sie lebten. Seit der Formung der jetzigen Struktur hatte es keine einzige Auseinandersetzung mehr gegeben. Die Bürger wurden in einer Weise erzogen, die zerstörerische Streitereien unmöglich machten. Verschiedene Überwachungsorgane garantierten zudem die Sicherheit durch totalitäre Überwachung.
Wissenschaftliche Untersuchungen hatten zudem bestätigt, so wurde ihnen wiederholt eingetrichtert, dass ein Menschengehirn nicht in der Lage sei, ein irrsinniges Gebilde wie > Demokratie < zu verstehen. Es lehne diesen Irrglauben entschieden als Täuschung ab, da diese widersinnige Staatsform sämtlicher Logik widerspräche. Der gewöhnliche Mensch bevorzugte stattdessen einen starken Führer. Er benötigte jemanden, der ihm klar vorgab, wie und was er denken sollte.
Dieser Irrtum hatte in der früheren Welt wiederholt zu Auseinandersetzungen mit Abermillionen Toten geführt. All diese bedauerlichen Schicksale waren ein schmerzlicher Beweis für das menschliche Versagen und den Irrsinn dieser Missgeburt namens Demokratie. Dies alles nur, weil die Staaten nicht erkennen wollten, dass es stets Führer und Geführte geben musste.
Im heutigen System, so beruhigte der Amtliche Lehrmeister sein Auditorium, sei etwas derart Groteskes nicht mehr möglich. Der ehrwürdige Großcomputer nahm den Menschen unnötige Entscheidungen ab. Obwohl die Geschichte den Bürgern der Stadt nur allzu bekannt sein musste, sollten sie sich seine Beschreibungen der früheren Ordnung dennoch anhören, um gemeinsam über die Naivität der Vorfahren zu lachen.
Die Menschen in ihrer Ahnungslosigkeit hatten ernsthaft gedacht, wichtige Entscheidungen ohne Hilfe eines Computers treffen zu können, der sämtliche Fragen nüchtern betrachtete. Am Ende mussten sie unter Schmerzen erfahren, wie unrecht sie hatten. Im Unterschied zu der Sprunghaftigkeit des Menschen entschieden die unfehlbaren Algorithmen des Großcomputers stets neutral und leidenschaftslos. Sie waren aufgebaut auf exakten mathematischen Formeln, die sich weder durch Halbinformationen ablenken ließen, noch sich rechtfertigen mussten. Wenn die Menschen damals nur ähnlich gedacht hätten! Wie viel sinnlose Gewalt hätte verhindert werden können. Sie glaubten in ihrem beschränkten Denken aber, Waffen mit Waffen bekämpfen zu müssen:
„Auf der einen Seite gab es den Amerikanischen Bund, bestehend aus den Ländern Südamerikas, den USA und Kanada. Gegen diesen Bund stellte sich zunächst das frühere Europa nebst einigen Anrainerstaaten, den arabischen Ländern und dem Kontinent Australien. Der Europäische Bund, politisch und wirtschaftlich betrachtet eher unbedeutend, versuchte die Anliegen seiner Mitgliedsstaaten gegen vermeintlich unangebrachte Forderungen des stärkeren Amerikanischen Bundes zu verteidigen.
Obwohl die Militärausgaben in den Jahrzehnten zuvor angeblich deutlich reduziert worden waren, entschied der Amerikanische Bund mit seinen scheinbar unabhängigen Staaten, die militärischen Kräfte erneut auszubauen. Dies geschah in der naiven Hoffnung, dass dieses sinnlose Unterfangen helfen konnte, ungerechtfertigte Ansprüche gegnerischer Bündnisse abzuwehren. Unabhängige Länder, die zuvor noch wichtige Handelsabkommen mit dem Amerikanischen Bund hatten, lösten sich nach und nach von dieser Föderation ab, um neue Vereinigungen zu bilden, die das eigene Überleben garantieren sollten.
Als drittes Bündnis gab es schließlich den Asiatischen Bund, zu dem mächtige Länder wie Indien, China, Iran und ein Teil der ehemaligen Russischen Föderation gehörten. Der Asiatische Bund stellte sich gegen die Annäherung Arabiens und Australiens an den Europäischen Bund. Es wurde als Bedrohung der eigenen Souveränität betrachtet. Man fürchtete, dass durch eine engere Verbindung Australiens mit den arabischen Ländern und dem Europäischen Bund der bedeutsame Handel von wichtigen Rohstoffen mit Australien und dadurch die eigene Sicherheit gefährdet würden. Nachdem die Länder in ihren Ideologien und eigenen Problemen allerdings zu verschieden waren, kam es trotz mühsam zur Schau getragener Einheit wiederholt zu inneren Spannungen.
Der Kontinent Afrika schließlich teilte sich in drei souveräne Bündnisse auf. Die meisten Länder Nordafrikas gingen Abkommen mit dem Europäischen Bund ein. Der Osten und der Süden dagegen schlossen sich dem Asiatischen Bund an. Der Rest des Kontinents wechselte zwischen bedeutungslosen kleineren Bündnissen.
Die Länder erkannten jedoch nicht, wie sie schamlos ausgenutzt wurden. Ohne Rücksicht plünderten die reicheren Länder ihre Ressourcen und ließen vergiftete Gegenden zurück. Sie gewährten den verschuldeten Ländern im Gegenzug dazu überteuerte Kredite, um diese tiefer in einen Strudel der Abhängigkeit zu führen.“
Ein Hologramm mit einer Weltkarte des vorangegangenen Jahrhunderts erschien aus dem Nichts. Der Amtliche Lehrmeister deutete auf Grenzen, während er Länder nannte, die es seit einer Ewigkeit nicht mehr gab.
„Nach mehreren Konflikten zwischen den drei Hauptmächten um die Vorherrschaft wurden um das Jahr 2035 schließlich bedeutende Verträge ausgehandelt, die das Verhältnis der drei großen Bündnisse regeln sollten. Es entstanden weitere Handelsabkommen, gegenseitige Nichtangriffs- und Abwehrpakte für den Fall von Konflikten. Sie sollten das Vertragswesen zwischen den Allianzen festlegen, um diese noch enger aneinanderzubinden. Am Ende existierten derart viele Verträge, dass sich niemand mehr zurechtfand. All diese Abkommen konnten den Frieden allerdings nicht nachhaltig sichern. Sie bewirkten lediglich weitere Missverständnisse, die am Ende zu einer raschen Wiederaufrüstung der drei großen Mächte führten.
Es vermehrten sich zugleich deutliche Warnungen vor erneuten Eskalationen. Bedeutungslose Organisationen wie internationale Think Tanks, machtlose Nichtregierungsorganisationen und aufgeblähte Menschenrechtsverbände versuchten die breite Masse auf die Gefahr einer eskalierenden Situation aufmerksam zu machen und die Völker zugleich zu einer friedlichen Koexistenz aufzurufen. Wobei es bereits zu spät dafür war!“
Der Mann machte eine kurze Pause, in der er auf der großen Weltkarte auf verschiedene Punkte deutete.
„An den Grenzen verstärkten sich allmählich die Streitmächte der drei großen Allianzen. Am Ende schließlich sollten Roboter einen Kampf entscheiden, der von Menschen begonnen worden war. Die Antagonisten wollten angeblich nur die eigene Stärke demonstrieren, in der blinden Hoffnung, dadurch den Angriff möglicher Aggressoren zu verhindern. Dabei ging es lediglich um Geld und Macht.
Es kam schließlich zu ersten Kampfhandlungen, bei denen es eine Vielzahl an unschuldigen Opfern zu beklagen gab. Die anfänglichen Scharmützel eskalierten mit der Zeit in eine brutale Auseinandersetzung zwischen den drei Hauptmächten, aus dem sich kein Bündnis mehr heraushalten konnte. Zu Land, Wasser, in der Luft, selbst im Orbit und in den verschiedenen Computernetzwerken fanden erbitterte Kämpfe statt, die eine Unzahl unnötiger Menschenleben forderten. Trotz klarer wissenschaftlicher Warnungen wurden immer schwerere Waffen eingesetzt, die unvorhersehbare Folgen für Mensch und Natur hatten: Komplexe Waffensysteme wie Energiewaffen, Laser und Nanobots wurden verwendet, um erbarmungslose Zerstörung zu hinterlassen.
Man musste dem Gegner zuvorkommen, verteidigten die Politiker ihre Entscheidung. Sie wollten sicherlich nicht als diejenigen dastehen, die als erste die großen Geschütze abfeuerten. Es musste jedoch alles unternommen werden, um die eigene Sicherheit zu gewährleisten. So wurde am Ende von allen Seiten mit eben den Waffen geschossen, die durch zuvor abgeschlossene Verträge abgeschafft sein sollten. Wie man sich vorstellen kann, waren die Auswirkungen verheerend.“
Plötzlich flammten auf der Weltkarte Explosionen auf. Wenn sie anfangs noch verteilt auftraten, nahmen sie an Häufigkeit und Intensität zu. Die Zuhörer konnten am Ende nichts mehr erkennen außer einem blendenden Lichtkegel. Ein ohrenbetäubender Lärm ertönte durch die Halle, der die Zuschauer verunsicherte. Obwohl es nicht das erste Mal war, dass sie diesen Vortrag verfolgten, erschraken sie stets auf Neue. Die Vorstellung eines Krieges war zu fern für die Bürger. Sie kannten lediglich diesen fortwährenden Frieden, ohne dass sich jemand ernsthafte Sorgen zu machen brauchte.
„Ganze Landstriche wurden dem Erdboden gleichgemacht. Die Zahl der Toten überstieg die bereits hohen Prognosen der Wissenschaftler und Berater bei Weitem. Vernichtung und Schmerz machten den, angeblich so erfahrenen, Politikern zu spät den Unsinn eines thermonuklearen Krieges bewusst.
Als sich die drei Bündnisse nach schrecklichen Jahren voller Not und Leiden wieder an einen Tisch setzten, geschah dies im Bewusstsein, dass ein Ereignis wie dieses nicht noch einmal stattfinden durfte. So wurden abermals Verträge geschlossen, die das gemeinsame Leben bis ins Kleinste bestimmen sollten.“
Der Amtliche Lehrmeister deutete auf ein neues Hologramm vor ihm, das die Zuschauer bereits tausende Male gesehen hatten.
„Nach jahrzehntelangem Wiederaufbau fand erneut reger Handel zwischen den übrig gebliebenen Völkern statt, ein verzweifelter Austausch von Kultur und Wissen, um die Feindseligkeiten der Vergangenheit vergessen zu machen. Die Auseinandersetzungen der Vergangenheit schienen nach einiger Zeit auch tatsächlich wie vergessen.
Nichts mehr sollte die Menschen um 2100 an diesen vergangenen Krieg erinnern. Man klopfte sich erneut gegenseitig auf die Schultern und tat, als sei nichts geschehen. Die Völker mussten die Vergangenheit nur hinter sich lassen und durften nicht länger über Unterschiede sprechen. Dann konnte nichts passieren. Als Jahre später neue Bündnisse geschlossen wurden, konnte und wollte sich niemand mehr an das unglückliche Ende der letzten Vereinigungen erinnern. Es wurden neue, scheinbar stärkere Handelsabkommen geschlossen, die den freien Handel zwischen den Völkern bis ins Detail regeln sollten. Mit der Zeit wurden diese ausgeweitet, bis es abermals Hunderte solcher Abkommen gab, die die Sicherheit der Völker sicherstellen sollten. Wenn dies nur geholfen hätte…
Obwohl unzählige Verträge zwischen den Ländern geschlossen wurden, setzten mit der Zeit neue Feindseligkeiten ein. Die Menschen fühlten sich erneut vom Nachbarn bedroht. Es ging um Wasser, fehlende Ressourcen und noch bewohnbare Gegenden. Es kam trotz der schmerzhaften Lehren aus dem vorangegangenen Krieg erneut zu Spannungen, Drohungen und Gegendrohungen, die letztlich auf einen weiteren Krieg zuführten, der die Völker endgültig entzweien sollte.
Die Präsidenten der Länder riefen erneut zu den Waffen und warnten vor eben den Menschen, die zuvor noch Freunde und Verbündete gewesen waren. Neuartige Waffen wurden entwickelt, die die alten an Erbarmungslosigkeit übertreffen sollten.“
Der Offizielle sah sich suchend im Saal um und studierte die Wirkung seiner Worte in den erschrockenen Gesichtern der Zuhörer.
„Als der Staub sich dieses Mal legte, hatten weit weniger Menschen überlebt als bei den vorangegangenen Kriegen. Es gab keine einzige Familie, die nicht Opfer zu beklagen hatte, keine Stadt, die nicht vollständig zerstört war.
Es folgte eine erschreckende Ruhe nach dem Abwurf der letzten Bombe und dem Verklingen der Schreie. Es schien, als sei der Planet ausgebrannt. Erst nach Jahren wagten sich die ersten Überlebenden aus den riesigen Schutzbunkern auf die Straßen. Sie liefen in ihren Schutzanzügen durch eine zerstörte Welt auf der Suche nach Überresten einer Vergangenheit, die auf einmal so schön erschien. Die Menschen hatten alles gehabt, und doch war es nicht genug gewesen!
Es wurde versucht, dem Feind die Verantwortung zuzuschieben, obwohl ein jeder von ihnen wusste, dass sie alle zusammen schuld waren am Untergang der Zivilisation. Da standen sie und wussten nicht mehr, wie sie mit dem Nebenmann sprechen sollten. Sie waren sich selbst fremd geworden. Es herrschte eine tiefe Stille, die den Menschen zugleich lauter und bedrohlicher vorkam als all die gefallenen Bomben zusammen, als all das Geschrei der Sterbenden und ihr eigenes Weinen. Diese Stille quälte, da sie zum Nachdenken zwang.“
Der Amtliche Lehrmeister liebte diese Stelle, konnte er sein schauspielerisches Talent unter Beweis stellen: Es schien, als würde er selbst zu weinen beginnen, so sehr nahm ihn die Geschichte mit. Die Zuhörer blickten ihn erschrocken an und bemühten sich, Fassung zu wahren.
„Die Menschen fragten sich, wie sie mit dem Erbe umgehen sollten, das diese letzte Katastrophe hinterlassen hatte. Es herrschten Unverständnis und die tiefe Überzeugung, dass so etwas nie wieder geschehen durfte. Ein Weg musste zugleich gefunden werden, der die Völker vereinen und zukünftige Kriege unmöglich machen sollte. Falls sie eine Lehre aus dieser letzten Konfrontation gezogen hatten, dann diese: Selbst wenn alles zerstört war, sie lebten zumindest noch. Jeder weitere Krieg aber, das war ihnen deutlich bewusst, würde dies ändern. Die Politiker der einzelnen Länder kamen schließlich zu langen Sitzungen zusammen, in denen sie gemeinsam nach Wegen suchten, ein friedliches Zusammenleben zu garantieren. Auseinandersetzungen sollten in Zukunft von vornherein ausgeschlossen sein.
Nachdem die Städte vollkommen zerstört waren, einigten sich die Führer final auf den Bau einer einzigen, gigantischen Stadt, in der die letzten Überlebenden friedlich zusammenleben sollten. Es musste eine Stadt sein, die von allen Seiten vor einer kontaminierten Luft, vor tödlichem Regen, vor einer zu heißen Sonne und unberechenbaren Winden geschützt war.
Es wurden gigantische Luftfilter geschaffen, die zugleich einen Großteil der Elektrizität für die Stadt produzieren sollten. Via Sub-Nanotechnologie lassen sich seit der Entstehung dieser Stadt durch Umwandlung der physikalischen Struktur aus dem Nichts Gegenstände herstellen. Fahrzeuge, Kleider und Möbel, sogar Lebensmittel können dadurch in großen Mengen fabriziert und unter das Volk verteilt werden. In riesigen Kanalisationssystemen, die sich automatisch selbst reinigen, wird der Unrat der Bürger aus dem bewohnten Teil der Stadt gebracht, um gereinigt zu werden. Der Unrat einer perfekten Zivilisation kann dann wiederverwendet werden.
Eine gigantische Stadt, in der die verschiedensten Völker, Rassen und Religionen leben sollen. Ein gigantisches Dach, das jedem Überlebenden Schutz vor einer tödlichen Umwelt bietet und das man selbst aus dem Weltall als Zeichen der menschlichen Resistenz und Gemeinschaft erkennen kann.
Wie aber bringt man die unterschiedlichen Völker, Rassen und Religionen zusammen, ohne dass es zu erneut zu Auseinandersetzungen kommen würde?“
Der Mann blickte erwartungsvoll ins Publikum, ohne dass er eine Antwort erwartete. Kommentare oder bedeutungsloser Meinungsaustausch waren während der Schulung nicht erlaubt. Ein jeder sollte sich allein auf seine Worte konzentrieren.
„Dafür wurde eine neue Sprache entwickelt, die aus den noch existierenden bestehen sollte. Die neuen Bürger unseres Stadt-Giganten wurden nach dem Zufallsprinzip in den verschiedenen Abschnitten untergebracht. Die Stadt ist zudem so angelegt worden, dass es für die Bewohner der einzelnen Abschnitte keine Umwege gibt. Es wurde ein Straßensystem erstellt, das die Bewohner problemlos von einem Kommunalzentrum zum anderen gelangen lässt. Verschiedene Städte mit unterschiedlichen Geschichten unter einem gemeinsamen Dach.
Zum Schutz der Gemeinschaft wurde jedem Bürger ein Speicherplättchen eingepflanzt, welches das Zusammenleben optimiert. Auf diesem Chip, der auch heute noch in verbesserter Form verwendet wird, sind alle wichtige Daten wie Alter, genetische Merkmale und gesellschaftliche Stellung des Trägers gespeichert. Durch diese Chips können unter anderem Krankheiten sofort erkannt werden, um eventuelle Ausbreitungen von Seuchen zu verhindern. Ferner gewährleistet er eine fortwährende Kommunikation und grenzenlose Unterhaltung.“
Er hielt ein kaum sichtbares Scheibchen in die Kamera einer schwebenden Drohne. Das Bild wurde im selben Moment auf einem riesigen Hologramm gezeigt. Sämtliche Augen wanderten wie automatisch auf das projizierte Bild des Mikrochips, obwohl jeder der Bürger selbst einen im Kopf trug.
„Die Gründer unserer Stadt – mögen sie in Frieden ruhen – hatten für unser aller Heil entschieden, dass es keine weiteren Unterschiede zwischen den Bürgern geben durfte. Das bedeutet zugleich keine Familien, keine zwischenmenschlichen Beziehungen, keine Religionen. All diese Verbindungen hatten in der Vergangenheit lediglich zu unnötigen Ausgrenzungen von Teilen der Menschheit geführt und führten, wie die Vergangenheit deutlich zeigte, wiederholt zu tödlichen Auseinandersetzungen. Da missverständliche Empfindungen wie Zusammengehörigkeit und ein stets unberechenbares menschliches Verlangen unkalkulierbare Gefahren sind, können nur die Einschränkung persönlicher Rechte das Überleben der Gesamtheit garantieren. Es ist die letzte Chance für die Menschheit, und wir dürfen sie nicht wegen persönlicher Belange gefährden!
Es wurde ein Quantencomputer erschaffen, der den Überlebenden sämtliche Entscheidungen abnehmen sollte, um sie vor sich selbst zu schützen. Ohne den Menschen weiter zu einem anstrengenden Denken zu zwingen, für den er nicht geschaffen worden war, nimmt uns dieser heilige Computer sämtliche zeitintensiven Denkprozesse ab. Wir können uns dadurch völlig auf die vielen Annehmlichkeiten unserer perfekten Zivilisation konzentrieren.
Damit die Bürger nicht verwirrt werden, ist Geschlechtsverkehr ausschließlich der Obrigkeit gestattet. Nur wer in der Jugend wie diese einen notwendigen Unterricht bekommen hat, weiß damit umzugehen. Den normalen Bürger verwirrt dieser Akt lediglich. Er kann ihn weder begreifen noch weiß er ihn einzuordnen.
Ein jeder lebt für sich allein in einer vom Zentralcomputer zugewiesenen Wohneinheit, die von der Volljährigkeit bis zum Tod das Zuhause bedeutet. Wenn der Bürger dann zum letzten Mal sein Heim verlässt, wird sie gereinigt und dem nächsten Bürger zugewiesen. Jegliche persönlichen Gegenstände des Bewohners werden nach dem Ableben unverzüglich beseitigt, damit er nichts von sich zurücklässt, das seiner Existenz eine besondere Bedeutung geben könnte.
Die Stadt, in der wir leben, verkörpert alles für uns, ist Schutz, Luft, Nahrung, Mutter und Vater. Sie kann aus diesem Grund auch keinen Namen haben.
Lasst uns alle zusammen in Demut niederknien und dem allmächtigen Quantencomputer danken, der allein die Sicherheit unserer Gemeinschaft garantiert und uns zu einer großen, einzigartigen Familie werden lässt! Wir wären nichts ohne seinen Schutz, nichts ohne die Weisheit des allmächtigen Systems.“
Real TV
Es war an diesem Tag später geworden als sonst, wenn Zeit überhaupt eine Bedeutung hatte in einer künstlichen Welt, in der es nie dunkel wurde. Jade W10C erledigte letzte Arbeiten und signalisierte dem Computer durch eine kurze Geste den Dienstschluss. Das synthetische Licht, das unaufhörlich auf die Bürger dieser gigantischen namenlosen Stadt schien, beleuchtete grell diese Handlung, bevor sie die Lampe ebenfalls durch einen Wink abstellte.
Jade W10C arbeitete im 5. Departement der Aufsichtskontrolle, die sich um soziale Kontakte zwischen den verschiedenen Abschnitten der Stadt kümmerte. Das 5. Departement funktionierte wie ein Filter, der etwaige Spannungen zwischen den Stadtteilen abbaute, zu denen es unter diesem gewaltigen Dach jederzeit kommen konnte. Die Stadt als homogene Einheit konnte nur durch Administrationen wie das 5. Departement existierten, so wurde Jade wiederholt eingetrichtert. Dank gehorsamer Mitarbeiter wie ihr war es möglich, diese bedeutsame Aufgabe zu bewältigen.
Die Stadt war so stark wie ihr schwächstes Glied. Da es aber kein schwaches Glied geben durfte, hatte das Aufsichtsamt dafür zu sorgen, dass auf den Straßen stets Harmonie herrschte. Staatsbedienstete wie Jade kümmerten sich akribisch um die unteren Abteilungen und bestraften, falls sich störende Elemente kristallisierten. Das Aufsichtsamt war allerdings nie gezwungen, eine Strafe zu verhängen. Niemand wagte es, gegen die Vorschriften des Quantencomputers zu verstoßen. Es gab keine Stimme, die sich erhob, falls weitere Anordnungen erlassen wurden, niemand demonstrierte gegen neue Verbote, da Verordnungen und Gesetze allein dem Wohl der Allgemeinheit dienten.
Jade W10C sehnte sich nach der Ruhe ihres kleinen Appartements, in der sie keine aufdringlichen Anfragen störten, die den ganzen Tag aus dem Computerchip in ihrem Kopf drangen. Wie grausam es war, ständig erreichbar zu sein. Als wenn sie bestraft werden sollte, ließen ihr die Stimmen keinen Moment der Ruhe. Sie forderten und bestimmten, machten Anfragen oder gaben Anordnungen. Erst nach Dienstschluss herrschte vollkommener Friede von diesen Stimmen. Jade genoss die Ruhe ihrer kleinen Wohnung, die ihr half, am nächsten Tag wieder die fortwährenden Stimmen ihrer Mitbürger zu ertragen. Sie hatte nicht mitentscheiden können, als ihr der Posten zugeteilt worden war. Niemand konnte die Stelle ablehnen, die die Oberste Behörde für einen aussuchte. Die Oberste Behörde irrte in keiner Entscheidung. Sie wusste genau, welche Position den Qualifikationen des gehorsamen Bürgers entsprach.
Jade musste an ihre Kindheit und die Schule denken: Sie war wie alle Kinder am gewaltigen Großrechner der Stadt angeschlossen gewesen, um mit eben den Informationen geimpft zu werden, die sie später einmal benötigte. Wenn sie damals nur geahnt hätte, wie es sein würde, diesen Chip im Kopf zu tragen, der befahl, was sie wann zu erledigen hatte, sie wäre nicht so freudig zum Unterricht erschienen.
Die Stimmen verwirrten, ließen ihr keine ruhige Minute. Ständig waren da fremde Menschen, die Anordnungen gaben, Anträge einreichten oder Auskünfte verlangten, die freundlich, verärgert, müde, verstimmt klangen. All diese Anrufer bedeuteten Schicksale, mit denen sie nichts zu tun haben wollte. Sobald sie allerdings das Büro verließ, verstummten diese bis zum nächsten Tag.
Die Erinnerung an einen der letzten Abende ließ sich jedoch nicht so einfach abschalten. Die Bilder hatten sie bis in ihre Träume verfolgt, bedrängten sie seit dem Erwachen und würden sie selbst auf dem Heimweg begleiten. Sie fragte sich immer öfter, welchen Sinn diese fest geformte Gemeinschaft hatte. Jade fühlte einen Zweifel, vor dem sie sich fürchtete. Sie begann Dinge infrage zu stellen, die nicht hinterfragt werden durften. Wobei sie nicht einmal wusste, woher diese Ungewissheit kam, wenn zuvor alles in Ordnung gewesen zu sein schien.
Nach der monatlichen Unterweisung im gewaltigen Gemeinschaftsraum ihres Abschnitts hatte sie sich mit ihrer Freundin Nancy C58V in ihrer Lieblingsbar, dem Frozen Brain Activity, getroffen, um einige Gläser Brain Tumour zu trinken. Sie liebte die nüchtern gestaltete Bar mit den transparenten Möbeln, der sphärischen Musik, den vielen Berühmtheiten, denen eine gewöhnliche Bürgerin ansonsten nicht begegnete. Lichtdrohnen schwebten einige Meter über den Gästen und änderten fortwährend Farbe und Helligkeit, um die Wirkung der Drinks zu verstärken. Die diskreten Kellner flogen unbemerkt zwischen den Tischen umher, unterstützt von kleinen surrenden Drohnen.
Das Getränk hatte köstlich an ihrem Verstand gekitzelt und sich wie eine Raupe zum Kern ihres Verstands durchgefressen. Sobald dieses sich kreiselnde, bohrende, wühlende Gefühl erst das Zentrum erreicht hatte, verlor Zeit an Bedeutung. Sie löste sich wie die Personen um sie herum, wie das Glas in der Hand, wie die Luft, die sie atmete, in Atome auf. Es blieb ein Gefühl ohne Sinn und Bedeutung, ohne Fragen und Antworten. Sie spürte am Ende nur noch diese unbeschreibliche Leichtigkeit, die ihr ganzes Sein zu erfüllen begann und sie in den Urzustand allen Seins beförderte. Wie herrlich und vernichtend dieser Moment jedes Mal war, wie unvergleichlich rein und unschuldig.
Nachdem die Wirkung sich allmählich eingepegelt hatte, nisteten sich aus dem Nichts allmählich fantastische Bilder in ihrem Kopf ein, unmerklich, heimtückisch, unberechenbar. Wenn es anfangs noch gewöhnliche Bilder waren, verwandelten sie sich im nächsten Moment bereits in bizarre Kunstwerke, die sie mit sich in ein verzerrtes Reich zogen. Und in diesen grellen Farben und geheimen Fantasien bekam sie das Gefühl, wiedergeboren zu werden. Sie erlebte ein neues Universum, das sie die verschwommene Realität vergessen ließ. Es erfüllte sie ein brennendes Verlangen, für immer mit den unterschiedlichen Bildern zu verschmelzen, kein Erwachen, keine Wirklichkeit, einzig diese bizarre Welt beispielloser Impressionen, in der allein blendende Farben herrschten.
Dieser vollkommene Moment war irgendwann allerdings zu Ende gewesen und brachte die Wirklichkeit zurück. Die Farben, die Jade zuvor noch fest umschlossen hielten, lösten sich auf, und der kristallklare Ton, den sie sanft in sich getragen hatten, verklang allmählich. Nach und nach rückten die Konturen der anderen Gäste wieder näher, und es bildeten sich diese klaren Formen, die sie gewohnt war. Es wäre nach dem Himmelsflug verlockend gewesen, ein weiteres Glas Brain Tumour zu bestellen, um etwas länger in Richtung Ewigkeit zu fliegen. Nachdem sie allerdings nicht allzu oft einen Ausgehschein ausgestellt bekam, um ihre Freundin zu treffen, hatte sie es vorgezogen, in der Wirklichkeit zu bleiben.
Die Ausgeherlaubnisse für gewöhnliche Bürger ihrer Stufe waren begrenzt, man musste sorgsam mit ihnen umgehen. Ihre Freundin dagegen genoss gewisse Privilegien, um die sie beneidet wurde. Nancy wusste genau, was in der Stadt gerade geschah, wer sich mit wem traf und wer das Sagen hatte. Nancy C58V arbeitete im 2. Departement der Aufsichtskontrolle, der Abteilung für die Erziehung des Volks. Die mächtige Aufsichtskontrolle entschied, was im allgegenwärtigen TeleVisor gezeigt wurde, welcher Schauspieler eine Lizenz erhielt und wer verschwinden musste, wer für die Karriere leben und wer sterben sollte.
Da saß sie nun der einzigen Freundin gegenüber, die die Stadt einer gewöhnlichen Bürgerin wie ihr gewährte. Es war seltsam, aber obwohl sie die Frau seit der Kindheit kannte, war sie noch nie in deren Wohnung gewesen oder hatte andere Freunde von ihr getroffen. Eine jede Freundschaft beschränkte sich auf die gelegentlichen Treffen. Mehr war nicht gerne gesehen. Es störte die gewollte Distanz zwischen den Bürgern. Sie hatte somit auch keine Ahnung, was sich ansonsten in ihrem Leben ereignete.
Nancy sah im Vergleich zu ihr extravagant aus. Die Freundin fiel auf in ihrem auf den schlanken Körper geschneiderten purpurfarbenen Kleid. Kleine Kügelchen, mit denen ihr Oberkörper gepierct war, funkelten wiederholt. Obwohl sie beide jung waren, wusste die gegenübersitzende Trendsetterin so viel mehr aus sich selbst zu machen. Sie wollte auffallen, wollte, dass man über sie redete.
Nancy wusste genau, was sie mit ihrem Körper anstellen musste, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie liebte es, Haar-, Haut- und Augenfarbe ständig zu verändern. Es ging darum, einem flüchtigen Trend zu folgen, der sich täglich ändern konnte, abhängig was die Schauspieler in den Serien und Filmen trugen. Wenn ihre Haut heute noch schwarz war, konnte sie morgen bereits perlweiß oder sogar grün sein. Nancy liebte es, sich in andere Frauen zu verwandeln. Stets war da dieses Verlangen, mit ihren beeindruckenden Kleidern aus der Menge hervorzustechen, um Aufmerksamkeit zu bekommen.
Im Vergleich dazu sie, blass, unscheinbar, mit einem reizlosen Körper. Sie hatte nicht wie die Freundin schöne Kurven, die sie weiblicher machten. Braunes, glanzloses Haar, ein ausdrucksloses Gesicht, müde Augen. Sie waren ein seltsames Paar: Auf der einen Seite eine gewöhnliche Bürgerin wie sie, unbedeutend, nicht besonders wortgewandt und auf der anderen Seite diese schöne, intelligente Frau, die schlagfertig war und genau wusste, was sie vom Leben erwartete. Seitdem Jade denken konnte, hatte sie ihre Freundin beneidet. Sie wollte stets wie sie sein, mit diesen Sonderrechten und besonderen Beziehungen, die ihr ein ausschweifendes Leben ermöglichten. Dennoch verband sie seit ihrer Kindheit eine starke Freundschaft, in der es keine Geheimnisse gab.
Nancy verwaltete im Bereich Öffentlichkeitsarbeit um die 50 Schauspieler und Sänger. Wobei sich die Anzahl an Künstlern, für die sie verantwortlich war, jederzeit ändern konnte. Zu viele Gesichter lenkten das Publikum ab, hatte die Behörde entschieden.
Die Bürger hätten Probleme, sich auf die Kernbotschaft zu konzentrieren, gleichgültig wie diese aussieht. Sobald ihre Kartei zu groß wurde, musste zwingend eine vorgegebene Anzahl gestrichen werden. Die Freundin hatte die Aufgabe, zu entscheiden, wer nicht mehr länger den Erwartungen entsprach. Die Schauspieler würden in der Rolle, die sie spielten, entweder einen Unfall erleiden oder in einer belanglosen Nebenrolle verschwinden, um bald vergessen zu werden. Das Publikum musste stets unterhalten sein und durfte sich nicht langweilen!
Während die Wirkung des Drinks allmählich nachließ, fragte Jade sich erneut, ob es all diese Schauspieler überhaupt gab oder es sich nicht nur um virtuelle Personen handelte, Geschöpfe gefühlloser Computer, die mühelos gefühlvolle Gestalten schaffen konnten. Nancy hatte ihr einmal gezeigt, wie leicht künstliche Figuren am Rechner erschaffen wurden: Die Konturen eines Gesichts wurden mathematisch erschaffen, und der Rechner veränderte diese Information innerhalb von Sekunden in eben das Gesicht, das basierend auf Algorithmen vom Publikum gewünscht wurde.
Wenn es in Wirklichkeit nur so einfach wäre, Gestalt und Aussehen zu ändern. Wie gerne sähe sie so aus wie eine dieser künstlichen Schöpfungen auf dem TeleVisor. Sie wollte im Spiegel ebenfalls in Augen blicken, die ein derart durchdringendes Blau hätten und sich in Sekunden in ein feuriges Rot verwandeln konnten. Selbst wenn es unbedeutend war, wie jemand aussah, sie ekelte sich vor dem eigenen Spiegelbild. Im Vergleich zu den Menschen, die Jade tagtäglich auf dem TeleVisor betrachtete, fand sie sich selbst bleich und nichtssagend. Den Bürgern wurde dabei von frühester Kindheit an beigebracht, dass Geschlecht und Aussehen unwichtig waren. Obwohl darin eine gewisse Heuchelei lag. Schauspieler setzten ständig Erotik ein, um die Zuschauer zu bannen. Alles in dieser Stadt war lediglich Schein, um Spannungen zu verhindern und eine gewisse Ordnung aufrechtzuerhalten.
Um ein perfektes System zu wahren, das ihr Zusammensein gewährleistete, musste es genaue Vorschriften geben, die den Alltag und das Miteinander bis ins Detail regelten. Selbst die Anzahl an Kindern wurde vom Staat klar bestimmt. Eine jede Frau hatte sich ab einem bestimmten Alter an die Abteilung für Bevölkerungsplanung zu wenden, die darüber entschied, ob sie genetisch vollkommen gesund war. Sollte die Untersuchung positiv verlaufen, wurde ein > Erlaubnisschein < für ein Nachkommen ausgestellt, ob die Bürgerin dies wollte oder nicht. Danach suchte der Zentralrechner einen genetisch passenden Partner aus. Sobald dieser gefunden worden war, wurden der Frau Eizellen entnommen, um sie im Labor künstlich zu befruchten.
Jade wusste nicht weshalb, aber sie verspürte in letzter Zeit wiederholt Sehnsucht nach einem Baby. Sie sehnte sich danach, Mutter zu werden, selbst wenn ihr bewusst war, dass einem der Nachwuchs unverzüglich nach der Geburt weggenommen wurde. Ohne die Mutter zu informieren, wo und wie das Neugeborene groß aufgezogen würde, brachten es die Pfleger in einem der vielen Heime unter. Dort wurde es zu einem funktionierenden Mitglied der Gesellschaft erzogen.
Dennoch wünschte Jade sich ein Baby, als könne sie dadurch etwas von sich hinterlassen. Sie verspürte ein Stechen in der Brust, sobald sie an einer Gruppe Kinder vorbeiging oder eines von ihnen stehen blieb und sie neugierig anblickte. Es war, als wenn ihr auf einmal etwas im Sein fehlte, ohne zu verstehen, was dies sein konnte. Dabei hatte sie alles, was sie zum Leben benötigte. Die Oberste Behörde erinnerte sie zumindest wiederholt daran.
Dann war sie im Frozen Brain Activity diesem Fremden begegnet, der stärker auf sie wirkte als irgendein Mann zuvor. Es war etwas Besonderes an ihm gewesen, das sie von Beginn an nervös machte. Sie fühlte sich von ihm angezogen, wollte ihn spüren, mit ihm verschmelzen, um zu einem neuen Ganzen zu werden. Selbst wenn sie diese unbekannten Bedürfnisse nach Nähe nicht verstand, irgendetwas geschah während dieser Minuten zwischen ihnen.
Er war unerwartet am Nebentisch gesessen, als die Wirkung ihres Drinks nachzulassen begann und sie ihre Umgebung wieder klarer wahrnahm. Während ihm selbst ein Drink serviert wurde, brauchte sie noch einen Moment, um sich in der Wirklichkeit wieder zurechtzufinden. Die Fetzen der Rauschbilder, die sie tief hinabgezogen hatten in eine andere Welt, klebten an ihr, als wenn die blassen Erinnerungen sie tiefer in dieses fantastische Reich ziehen wollten. Nachdem sein eigener Trip endlich vor ihm stand, lehnte der Mann sich erwartungsvoll zurück, griff nach dem langstieligen Glas mit ockergelber Flüssigkeit und nahm den ersten Schluck.
Wenn Jade ihn anfangs noch ignoriert hatte - so wie man als Frau unbekannte Männer ignorierte - es änderte sich mit der Zeit. Sie bekam mit, wie er wiederholt zu ihr herüberblinzelte. Als sie begann, ihn ebenfalls zu fixieren, fiel es ihr schwer, den Blick wieder von ihm zu lösen. Sicherlich, er sah sehr attraktiv aus, nicht aber, dass sie das interessierte, so redete sie es sich zumindest ein. Etwas Besonderes an ihm fesselte sie allerdings und ließ sie nicht mehr klar denken. Als wenn er dort sitzen musste, damit sie sich kennenlernen konnten, wirkte alles normal, durfte nicht anders sein.
Der Mann fragte die beiden Frauen am Ende, ob er ihnen nicht etwas Gesellschaft leisten dürfe. Sie war sich dabei sicher, dass sie sich an diesem Ort hatten treffen müssen. Seine Gegenwart begann ihr zu gefallen, ohne dass sie verstand, wie dies möglich sein konnte. Weder die Leiterin der Erziehungsanstalt, in der sie die Kindheit verbringen musste, noch ihre beste Freundin hatten jemals ähnliche Gefühle in ihr entstehen lassen. Sie wusste nicht einmal, was dieses seltsame Empfinden überhaupt bedeutete, dieses peinliche Erröten, wenn er sie ansah, oder dieses seltsame Kribbeln, als er zufällig ihren Arm berührte. Es fiel ihr schwer, klar zu denken.
Nancy hatte nur gelacht, als sie ihr hinterher von diesen eigentümlichen Gefühlen erzählte, die sie in der Gegenwart dieses Fremden empfand. Sie tat es mit der Wirkung des Cocktails ab. Wahrscheinlich, so lachte Nancy über sie, hatte sie sich noch auf irgendeinem Trip befunden, der sie nicht loslassen wollte. Egal wie ihre Freundin dieses seltsame Gefühl erklären wollte, sie konnte es nicht verleugnen. Etwas Starkes war zwischen diesem Fremden und ihr geschehen, das ein ungewohntes Vibrieren hinterlassen hatte, das sie mit nichts vergleichen konnte. Nichts in dieser Zwischenwelt, in der sie sich auf einmal wiederfand, ergab noch Sinn.
Obwohl das Treffen erst einige Tagen zurücklag, schien es bereits so viel länger her. Sie versuchte, ihre unverständlichen Gefühle ebenfalls auf die Wirkung des Drinks zu schieben. Da es Zeitverschwendung war, derart widersinnigen Gedanken nachzuhängen, wollte sie lieber an den Vortrag denken, an dem sie teilgenommen hatte. Die "Geschichte der Menschheit" verwirrte sie, konnte sie das ständige Streben der damaligen Zivilisation nach Herrschaft trotz all der wissenschaftlichen Beschreibungen nicht verstehen. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass Menschen sich gegenseitig mit Waffen bekämpft hatten, wenn einzig die kompromisslose Gemeinschaft, in der man den eigenen Willen unter das Kollektiv setzte, Überleben garantierte. Es war eine Vergangenheit voller Primitiver gewesen, absolut unverständlich in der perfekten Welt voller Regeln, in der sie lebte.
Ein weiterer Arbeitstag ging zu Ende. Nachdem sie das Arbeitslicht per Befehl ausgeschaltet und sich von ihrem Stuhl erhoben hatte, verschwand die Projektion, mit deren Hilfe sie ihre Arbeit erledigte. Raum war wichtig in einer Stadt, die nur langsam wachsen durfte. Der Arbeitsplatz würde während ihrer Abwesenheit von einem anderen Beamten genutzt werden, der der gleichen Aufgabe nachging in einer Stadt, die niemals schlief. Er würde später abgelöst von einem dritten, der die Arbeit verrichtete, bis sie am nächsten Tag wiederkam.
Jade legte müde den Weg zum Lift zurück, der sie hinunter zur Hauptstraße brachte. Sie würde dort in einen Shuttle-Bus steigen, der sie zu einem der größeren Hoover-Transporter beförderte.
Die Passagiermaschinen waren breite, von einer Vielzahl größerer Magnete getragene Transporter, die einige Meter über dem Boden schwebten. Die Shuttle-Busse der verschiedenen Stationen dockten kurz neben diesen Ungetümen an, um Leute aufzunehmen oder zu entlassen. Sie schwebten danach sofort wieder zurück zu ihrer jeweiligen Haltestelle. Es war ein vollautomatischer Prozess, in dem es keine Verzögerungen geben durfte. Mächtige Luftschiffe schwebten weit über ihnen, dicht unter dem Dach. Sie versorgten die Stadtteile mit wichtigen Ressourcen.
Jade liebte es, nach der Arbeit im Hoover-Transporter zu sitzen und die Passagiere zu beobachten. Es gefiel ihr, sich vorzustellen, woher sie gerade kamen und was sie während ihres Tags erlebt hatten. Sie malte sich aus, wie es wäre, mit ihnen ein kurzes Gespräch zu führen, um sie kennenzulernen. All diese Menschen führten im Vergleich zu ihr sicherlich interessantere Leben, in denen sie eben das erlebten, was ihr selbst versagt blieb. Ohne wissen zu können, wie diese genau aussehen konnten, wollte sie lediglich in Träumereien versinken.
Die einzige Unterhaltung war die ständige Berieselung durch diesen inneren Fernseher, den sie nie völlig abschalten konnte. Ob sie es wollte oder nicht, es wurden ihr tagein, tagaus fiktive Geschichten in den Kopf projiziert. Selbst wenn sie die Augen schloss, um sich eigenen Vorstellungen hinzugeben, der innere Bildschirm bestimmte darüber. Ob sie es wollte oder nicht, der kleine Chip in ihrem Kopf beeinflusste fortwährend, was sie dachte oder empfand.
Niemand störte sich allerdings daran, da niemand es anders kannte. Die Bürger wollten sowieso nur das sehen, was ihnen auf dem inneren Bildschirm gezeigt wurde. Es war eine Sucht, die unbedingt befriedigt werden musste, damit sie sich glücklich fühlten. Als wenn sie dadurch selbst etwas erlebten! Gleichgültig, wohin sie gingen, sie wurden den ganzen Tag über von einer Serie begleitet, die nie aufhörte. Bis sie das Gefühl hatten, selbst Teil dieser Serie zu sein, die erst zu Ende ging, wenn sie die Augen zum Schlafen schlossen. So war es auch bei ihr in diesem Moment. Als wenn die Schauspieler direkt neben ihr standen, wurde sie Teil einer Handlung, ohne länger zwischen Fiktion und Realität unterscheiden zu können.
Sie blickte sich um: Die Passagiere saßen - ruhig gestellte Körper - auf ihren Plätzen und verfolgten unterschiedliche Serien. Dann und wann erschraken sie, lachten kurz auf oder wirkten angeekelt, ansonsten keine Reaktionen. Sie alle wurden geformt durch das, was sie sahen, als hätten sie daneben kein eigenes Leben mehr.
Seit einiger Zeit bedrängten Jade Zweifel am Sinn dieses Chips, der ihnen vorgab, was sie sahen, Zweifel an einer Gesellschaft, die ihr immer fremder erschien. Sie begann die Ordnung zu hinterfragen, wobei Kritik am System nicht erlaubt war. Es gefährdete die Sicherheit der Gemeinschaft, war ungesund. Zweifler wurden deshalb mit aller Härte bestraft. Es wurde ein regelrechtes Schauspiel aus ihrer Bestrafung gemacht, zu der ein jeder Bürger eingeladen wurde. Jeder durfte teilnehmen, wenn die Sünder gerichtet wurden, jeder einen der elektrischen Elektrostöcke in die Hand nehmen, um Menschen zu quälen, die sich gegen das System stellten. Wer es sich erlaubte, die Gemeinschaft zu hinterfragen, verlor seine Berechtigung, weiter in ihr zu existieren!
Es schauderte Jade, als sie sich daran erinnerte, wie sie das letzte Mal an einer dieser Hinrichtungen teilgenommen hatte. Eine Frau war auf einer breiten Bühne gestanden und hatte verzweifelt auf die schreiende Menge geblickt, die ihren Tod feierte. Panische Angst war in ihren Augen zu erkennen gewesen, Unverständnis über ihr Schicksal. Dann begannen auf ein Signal hin die elektrischen Stöcke auf sie einzuschlagen. Wenn sie selbst anfangs noch still danebengestanden war und apathisch der Hinrichtung zugesehen hatte, griff das Feuer der Menge mit der Zeit ebenfalls nach ihr. Sie holte mit ihrem Stock weit aus und forderte gleich den anderen eine strengere Bestrafung für das Vergehen. Ohne zu wissen, was diese angestellt hatte, wollte sie deren Vernichtung. Selbst als die geschundene Frau wimmernd auf dem Boden lag, wollte die geifernde Menge nicht aufhören. Erst nachdem die Sünderin leblos zu ihren Füßen gelegen war, über und über mit Blut bedeckt, hatten die selbst ernannten Henker genug. Sie ließen ihre Stöcke gleichgültig fallen und kehrten schweigsam in einen Alltag ohne Überraschungen zurück. Jade war dagegen wie gebannt auf der Bühne stehen geblieben, konnte nicht einmal gehen, nachdem sich die Menge verteilt hatte. Sie erschrak vor dem, was sie gesehen hatte, erschrak vor ihrer eigenen Handlung, erschrak vor den gierigen Blicken der Menschen, die Spaß am Schmerz einer Fremden hatten. Jade verstand nicht, wie sie an dieser grausamen Hinrichtung teilnehmen konnte. Es gefiel ihr, diese fremde Frau zu quälen, deren einzige Schuld es gewesen war, Fragen zu stellen.
Sie wollte nicht länger an diesen Tag denken, sondern sich lieber auf den Feierabend konzentrieren und das Programm, das im TeleVisor, diesem inneren Fernseher, ausgestrahlt wurde. Zum Glück gab es außerdem Real TV!
Wenn andere Programme gekünstelt wirkten, so nicht Real TV. Real TV war Wirklichkeit, war ein Delirium, in dem nichts unmöglich war. Real TV stellte den Verstand in Zweifel. Nichts wurde gespielt oder vorgemacht in Real TV. Das Programm glich dem Brain Tumour, verwischte die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, um den Zuschauer in einen Strudel aus Spannung und Brutalität zu ziehen. Im Real TV wurde wirklich gelogen, betrogen und gemordet, es floss echtes Blut, damit der Konsument unterhalten wurde. Wenn Menschen aufgeschlitzt wurden, dann geschah es tatsächlich. Nichts wurde gestellt in diesem Programm. Die Wirklichkeit vermischte sich am Ende mit der Fiktion, bis man Mühe hatte, länger zu unterscheiden zwischen diesen beiden Welten. Am meisten faszinierte, dass man die Aufnahmen zeitgleich aus den Blickwinkeln der Akteure miterleben konnte. Man überließ die Entscheidung, was man gerade sah, entweder dem Computer, oder man gab einen kurzen mentalen Befehl, die Kamera zu wechseln, um aus den Augen des Richters oder des Gerichteten zu blicken. Man fühlte sich dadurch mehr wie ein Teil der Handlung, um vollends mit den Figuren zu verschmelzen. Es gab keinen Unterschied mehr zwischen einem selbst und dem fiktiven Charakter, aus dessen Augen man blickte.
Die Schauspieler selbst genossen seit frühester Kindheit eine besondere Erziehung, um später im Real TV aufzutreten. Diejenigen, die Glück hatten, erhielten sogar eine größere Rolle, die sie bis zu ihrem Verschwinden einnehmen durften. Die Mehrzahl war allerdings nicht so glücklich. Sie blieben irgendwann auf der Strecke, um im nächsten Moment vergessen zu werden. Es war die vollkommene Unterhaltung, ohne dass der Bürger länger nachzudenken brauchte.
Die Produktionsfirma, die hinter Real TV stand, brachte ein Vermögen für Unterhalt und Ausbildung der zukünftigen Schauspieler auf, nur um sie oft innerhalb weniger Minuten krepieren zu sehen. Dennoch wollte ein jeder zu diesem besonderen Zirkel gehören. Es machte das Individuum bedeutend und hob es über die normalen Bürger. Schauspieler genossen bestimmte Vorteile und erlebten einen Luxus, in dem es ihnen an nichts fehlte. Dies alles für einige Monate, Wochen oder Sekunden, bis sie früher oder später vor der Kamera krepieren würden.
Sicherlich, es war Wahnsinn, wenn man sich vorstellte, dass diese Menschen für den eigenen Genuss sterben sollten. Aber es war umso spannender, ihnen dabei zuzusehen. Man glaubte, neben ihnen zu stehen und ihre Gefühle, Ängste oder Schmerzen zu spüren. Es war ein Rausch, an dessen Ende die völlige Verschmelzung mit dem Hauptdarsteller lag. Der implantierte Chip gab dem Schauspiel einen besonderen Kick und ließ die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen.
Selbst wenn man angeblich versucht hatte, mit Computern künstliche Charaktere zu schaffen, die den Menschen bis ins Detail glichen, es war nicht dasselbe gewesen. So gut sie es anstellten, man sah es an den Bewegungen und der Mimik, dass die Figuren am Rechner erstellt worden war. Oder man bildete es sich ein, da man wusste, dass die Gewalt nicht wirklich geschah. So gut die Programmierer waren, nichts konnte echtes Blut, wahre Schmerzen und Schreie, die absolute Gewalt ersetzen. Eben dafür gab es Real TV - ein Katalysator für die unterdrückten Aggressionen.
Nachdem Jade Platz an einem der Fenster der Passagiermaschine gefunden hatte, begann sie die Fahrgäste zu mustern, die brav zwischen Arbeitsplatz und Zuhause pendelten. Alles in dieser Stadt geschah zum Wohl der Allgemeinheit. Stets wurde einem vor Augen gehalten, dass man niemals an sich selbst denken solle, sondern immer nur an die Gesellschaft. > Der Einzelne bedeutet nichts, die Gesellschaft alles! <
So sehr es ihr ansonsten gefiel, die Gesichter der Passagiere zu mustern, sie wirkten auf einmal leblos auf sie, fahl und eingefallen. Niemand unterhielt sich, sie alle existierten in ihren eigenen hermetisch abgeschlossenen Welten, in denen sie ungestört bleiben wollten. Sie begann sich zu fragen, weshalb in dieser Stadt niemand lächelte.
Jade bekam Angst vor Überlegungen, die erneut das System infrage stellten. Sie musste vorsichtig sein, durfte sich nicht in abstrusen Gedanken verlieren. Gedanken wie diese konnten gefährlich sein und verklärten den Blick auf das Wesentliche. Niemand durfte allerdings am System zweifeln, wenn er oder sie nicht wie diese bemitleidenswerte Frau von blutrünstigen Mitbürgern bestraft werden wollte.
Seitdem sie denken konnte, hatte es einzig diese Stadt und klare Richtlinien gegeben, denen man zu folgen hatte. Obwohl die Vorgaben nicht biegsam waren, sie lenkten zumindest das Verhältnis der Bürger zueinander. Es gab keine Missverständnisse, da ein jeder genau wusste, wo sich sein Platz befand, was er durfte und was nicht. Wenn die Menschen nur immer in Gesellschaften wie dieser gelebt hätten. So viel Schmerz und Leiden wären vermieden worden.
So gehorsam sie den Vorgaben aber folgte, es gab da diese Zweifel, die ihren Blick verklärten. Es fehlte etwas, ohne dass sie genau wusste, was es war. Sie konnte es nicht beschreiben, spürte lediglich, dass es im Leben mehr geben musste. Sie konnte erst glücklich sein, wenn sie dieses ungewisse Etwas gefunden hatte.
Nachdem sie die Augen geschlossen hatte, überließ sie sich den fiktiven Bildern des inneren Bildschirms, die sie zweifellos ablenken würden. Wie einfach es war, das Leben und den Alltag zu vergessen, um ungewollte Gedanken zu verhindern. Sie musste nur kurz über das innere interaktive Menü gehen und den passenden Kanal aussuchen, der ihr zeigen würde, nach was ihr in diesem Moment war: Schmerz und Kurzweil! Real TV machte süchtig. Man bekam Angstzustände, wenn man nicht jeden Tag mehrere Stunden die fesselnde Spannung brutaler Serien und rohe Gewalt erleben durfte. Während sie für einige Minuten in einer Blutorgie versank, verschwand wie erwartet die Welt um sie herum.
Der Chip in ihrem Kopf sendete kurz vor ihrer Haltestelle ein kurzes Signal, das ins Netzwerk ging und eine Reaktion auslöste. Der passende Shuttle-Bus wurde aktiviert und dockte kurz darauf an der Seite an, um die Passagierin abzuholen. Es war eine vollautomatische Stadt, in der es keine Pannen geben durfte.
Jade freute sich auf ihre Wohnung, in der sie sich erholen konnte für einen weiteren anstrengenden Tag. So etwas wie Zurückgezogenheit und Ruhe gab es ansonsten nicht in einer perfekten Welt, in der ein jeder stets zu funktionieren hatte. Stillstand blockierte das System und ließ es schwach werden.
Nachdem Jade wieder festen Boden unter den Füßen hatte, musste sie einige Meter zu einem Lift zu gehen, der sie vierzig Stockwerke nach oben beförderte. Als sie endlich auf ihrer Etage angekommen war, stand sie nach wenigen Schritten bereits vor der Tür ihres kleinen Appartements. Es war ein erlösendes Gefühl, vor den Gesichtsscanner zu treten, der zusammen mit dem Chip in ihrem Kopf entschied, wer Einlass erhielt, und danach die Begrüßung des Erkennungscomputers zu vernehmen. Langsam öffnete sich die Tür und ließ sie in ihr kleines Reich eintreten: ein schmales Bett, ein Tisch mit Stuhl, eine Couch und eine Vitrine. Es war die einzige Einrichtung für Bürger ihrer Klasse. Zu viele Körper verklärten den Blick, so hatte die Behörde entschieden, es lenkte den Bürger lediglich ab von den essenziellen Aufgaben der Gesellschaft.
Wie jeden Abend ging sie wie gewohnt zur Vitrine und griff nach einer Schachtel Tabletten. Es war ihr Ritual, den Feierabend einzuleiten und den Kopf abzuschalten. Sie würde eine der grell leuchtenden Pillen nehmen, die sie für eine Weile belebte, um ihr danach erfrischenden Schlaf zu schenken. Nach einem ermüdenden Tag verlangte sie lediglich nach Entspannung in den Bildern des inneren Bildschirms, der genau wusste, was sie sehen wollte. Erholung nach der Hektik, Versinken in einer fantastischen Geschichte, die längst zu ihrer Realität geworden zu sein schien. Sie brauchte sich keine eigenen Gedanken mehr machen, konnte sich einfach so treiben lassen. Die Tablette würde die Bilder in ihrem Kopf später beenden und sie ungestört einschlafen lassen. Es war das durchgeplante Leben eines freien Wesens, das genauso aussah wie das der anderen. Nachdem sie es nicht anders kannte, konnte sie sich nicht einmal vorstellen, wie es wäre, mit einem Menschen zusammenzuleben und jeden Morgen dasselbe Gesicht zu sehen. Nein, allein der Gedanke reichte bereits aus, um ihr Gesicht vor Ekel zu verziehen. Der Mensch war Einzelgänger und konnte nur glücklich sein, wenn er seinen vorgegebenen Tag allein erleben durfte. Es war ihnen so in der Kindheit beigebracht worden, und niemand zweifelte an diesem Lehrsatz.
Der Essenswunsch, den sie auf einem Terminal in der Küche eingegeben hatte, materialisierte sich innerhalb von Sekunden in einer undurchsichtigen Box. Sie setzte sich mit dem Gefäß auf die Couch, um dort ihren Feierabend, was auch immer dieses Wort bedeutete, einzuleiten. Es war dabei nicht anders als am Vortag, nicht anders als es morgen sein würde. Es war der gewohnte Ablauf, der ihr ein Gefühl von Sicherheit schenkte.
Um sich von der Monotonie abzulenken, versuchte sie sich erfolglos an ihre Kindheit zu erinnern. Der bestimmende Chip in ihrem Gehirn schien jedoch eine Decke über die Vergangenheit gelegt zu haben. Da war nichts außer der Überzeugung, dass sie in der Gesellschaft ihre vorbestimmte Rolle zu erfüllen hatte, ohne diese zu hinterfragen. > Der Einzelne bedeutet nichts, die Gesellschaft alles! <
Sie wechselte nach einer kurzweiligen Show schließlich zu Real TV. Die Ereignisse auf dem Bildschirm nahmen sie wie erwartet vom ersten Moment an gefangen, katapultierten sie in eine Welt, in der allein rohe Gewalt herrschte. Widersinnige Geschichten, die einem gebannten Publikum gezeigt wurden, sollten unterhalten, ohne Fragen aufzuwerfen. Sie saß bewegungslos da und überließ sich einer brutalen Welle, die sie gnadenlos überrollte. Bald war sie Teil dieser unerbittlichen Gewalt. Köpfe wurden mit Äxten gespalten, Lanzen tief in Brüste gestoßen, bis das Blut in alle Richtungen spritzte. Das Geschrei hallte unerträglich in ihr wider, machte Lust auf mehr. Gefolterte Kinder und aufgeschlitzte Erwachsene, sie alle schrien verzweifelt nach Gnade, ohne dass sie ihnen gewährt wurde. In all diesem Wahnsinn gab es keinen Unterschied zwischen Alter, Geschlecht oder Stellung. Ein jeder sollte leiden, als wenn die Menschen allein dafür auf die Welt gekommen waren.
In all dem Wahnsinn und Chaos erblickte Jade unerwartet ein Gesicht, das ihr bekannt erschien. Wäre es nicht unmöglich gewesen, hätte sie geschworen, den Mann aus der Bar vor sich auf der inneren Leinwand zu sehen. Mit Wollust zerteilte der gerade einen Widersacher, der sich ihm in den Weg gestellt hatte. Während er später lachend einem zweiten Mann ein rostiges Rohr in den Bauch rammte und danach eine Frau skalpierte, indem er ihr die Kopfhaut mit Haaren zusammen abzog, behielt er sein gutes Aussehen. Als er verführerisch in die Kamera blickte, musste sie zugeben, dass er ihr gefiel.
Konnte es sein, dass der Mann, den sie seit ihrer Begegnung nicht vergessen konnte, unerwartet auf dem Screen in ihrem Kopf erschien? So widersinnig die Vorstellung war, dass sie sich mit einem Schauspieler unterhalten haben konnte, es war unmöglich, dass sie sich irrte. Nachdem sie ihn allerdings im Frozen Brain Activity gesehen hatte, brauchte sie sich nicht zu wundern. Es tauchten dort des Öfteren Filmleute auf, die nach einem anstrengenden Tag etwas Ablenkung suchten.
Dann erschien er erneut vor ihr auf dem inneren Bildschirm, um sie vollkommen zu verzaubern. Obwohl er lediglich eine Nebenrolle hatte, sie schien ihr die bedeutendste. Für sie war er der eigentliche Star des Films, neben dem alle anderen Akteure verblassten.
Ein Gefühl unbekannter Begierde brachte sie durcheinander. Sie begann sich nach ihm zu sehnen, bekam nicht mehr länger mit, um was es in dem Film überhaupt ging. Was hätte sie nur dafür getan, diesen Mann ein zweites Mal zu treffen! Sie lebten allerdings in zwei Welten, die selten aufeinandertrafen. Es würde bei dieser einen Begegnung bleiben, und es war vermutlich besser so. Sie musste zugeben, dass es ihr schwerfiel, sich in diesem Gefühlschaos zurechtzufinden.
Die nächsten Tage verliefen ereignislos. Jade erschien pünktlich zur Arbeit, übernahm den Platz von einer anderen Person und verbrachte den Tag damit, fremden Stimmen in ihrem Kopf Auskünfte zu geben oder Beschwerden anzunehmen, die sie an die zuständigen Stellen weiterleitete. So vergingen die folgenden Wochen, ohne dass etwas Besonderes geschehen wollte.
Ihr Leben sollte sich jedoch ändern. Jade konnte ihr Glück kaum fassen, als sie unerwartet einen Anruf vom Planungsdepartement erhielt. Eine unpersönliche Stimme informierte sie mit knappen Worten, dass man gerade auf ihre Daten blickte und sich mit ihr über ihre mögliche Funktion als Mutter unterhalten wollte. Jade W10C solle sich am übernächsten Tag pünktlich um 10.15 Uhr im Planungsdepartement einfinden. Bevor sie noch Fragen stellen konnte, hatte die Stimme das Gespräch bereits abgebrochen. Dabei verstand sie nicht einmal, woher diese Freude kam, wenn sie zuvor niemals darüber nachgedacht hatte, Mutter zu werden. Sie hatte, gleich den anderen, mit tiefem Ekel auf Kinder geblickt, wenn sie denn zufällig welche sah. Sie ergaben keinen Sinn, bedeuteten nur eine Unannehmlichkeit in einem vollautomatischen Dasein.
Es schien auf einmal, als könne sie ihrem Leben nur eine Bedeutung geben, wenn sie ein Kind bekommen würde. Es war zugleich unwichtig, weshalb die Behörde gerade sie ausgewählt hatte. Sie wollte dieses unvergleichliche Wunder erleben und ein Kind in sich zu tragen.
Sie verließ das Büro an diesem Abend mit einem Gefühl zwischen Nervosität und Freudentaumel. Es schien wie ein Traum, der wahr geworden war. Wie benommen saß sie im Hoover-Transporter und versuchte sich vorzustellen, was sich in ihrem Leben wohl ändern würde. Dass sich etwas verändern musste, stand außer Zweifel, selbst wenn es nur für kurze Zeit sein sollte. Zugleich begann sie sich Gedanken über die Schwangerschaft zu machen, ohne klare Vorstellungen davon zu haben. Niemand sprach darüber, weder in der Schule noch später, wenn ein Mädchen allmählich zur jungen Frau wurde. Es wurde darüber geschwiegen, als sei es etwas Schmutziges, wofür man sich schämen müsste.
Sie hatte in der letzten Nacht sogar von diesem Mann aus der Bar geträumt: Er war mit ihr Hand in Hand vor einem riesigen Wasserbecken gestanden und hatte ihr Komplimente ins Ohr geflüstert. Über ihnen kein Dach, sondern einzig blauer Himmel, wie sie es in Aufnahmen von der Zeit vor den Kriegen gesehen hatte. Eine riesige strahlende Kugel weit über ihnen verwöhnte sie mit beschützender Wärme, die wundervoll auf der Haut prickelte. So saßen sie eine Ewigkeit schweigend am Wasser und ließen die Beine bedächtig in das gewaltige Becken hängen. Niemals zuvor in ihrem Leben hatte sie eine derartige Unendlichkeit an Wasser gesehen, in das sie sich am liebsten gestürzt hätte, um darin einzutauchen. Es war schwer gewesen, sich so etwas vorzustellen, musste man stets sparsam umgehen mit dem Nass. Wasser bedeutete Leben und durfte unter keinen Umständen verschwendet werden!
In ihrem Traum hatte das Wasser eine Farbe wie der Himmel über ihnen gehabt. Am meisten faszinierte sie dieser unvorstellbare Reichtum an Wasser. Das Blau dehnte sich in alle Richtungen aus, schien kein Ende zu nehmen. Es wirkte so unwirklich, wie aus einer Zeit, die sie nicht einmal kannte. Sie bekam beinahe Angst vor dem Moment und der Bedeutung. Der Mann an ihrer Seite umarmte sie schließlich, um ihre Unsicherheit zu vertreiben. Er war ihr Retter, der sie aus der Trostlosigkeit befreite, um ihr eben das zu geben, wonach sie sich sehnte.
Als er ihr später die Kleider auszog, musste es so sein, war Teil ihrer kleinen Geschichte. Sie sollten den Körper des anderen spüren, da sie füreinander geschaffen waren.
Dann veränderte sich der Schauplatz unerwartet, und sie hielt dieses Baby in ihren Armen. Es kuschelte sich vertrauensvoll gegen ihre vollen Brüste und sah sie mit suchendem Blick an. Sie konnte deutlich den Vater in ihm erkennen, den Mann, für den sie diese unbestimmten Gefühle empfand. Der ganze Rahmen wirkte dabei derart real, dass sie keine Zweifel verspürte. Eine helle Welt voller Bäume, Wiesen und Seen formte sich schließlich aus dem Nichts vor ihren Augen. Es war eine Unordnung aus Farben, zugleich eine Fremdartigkeit, die sie erschreckte. In ihrem ganzen Leben hatte sie nichts Vergleichbares gesehen.
Als sie zurück auf ihr Baby blickte, erkannte sie, dass es verschwunden war. Dies alles ergab keinen Sinn mehr. Dann stand sie plötzlich allein vor einer unbekannten Welt, die sich aus dem Nichts langsam um sie herum zu formen begann. Sie wollte sich keine Sorgen um ihr Kind machen, wollte lediglich den Moment genießen. Er gehörte ihr allein.
Jade ging langsam einen Berg hinunter in Richtung eines dichten Waldes. Dort angekommen, blieb sie an einem weiteren See stehen, in dessen Oberfläche sie ihr Spiegelbild sah. Obwohl es ihre Konturen waren, es schien ihr, als betrachte sie einen anderen. Es war ein friedvoller Mensch, der zu sich selbst gefunden hatte und nicht mehr länger zu suchen brauchte. Sie bückte sich neugierig und strich mit der Hand über das ruhige Wasser, das sich kühl und rein anfühlte. Es war schwer, sich vorzustellen, dass sie an diesem Ort bedrückende Gedanken empfinden konnte. Dieser Fleck unberührter Natur war zu vollkommen dafür. Sie wollte deshalb auch nicht länger nachdenken, sondern einfach nur vergessen. Sie würde sich auf die Wiese legen und die Sonne genießen, diesen Himmelskörper, zu dem sie keine wirkliche Beziehung verspürte.
Jade stellte sich vor, wie sie später zurück in die Stadt gehen würde, um ihren Bewohnern von der Welt dort draußen zu erzählen. Wenn sie die Welt vor den Mauern hatte sehen dürfen, so sollten es alle können. Nein, die Stadt war nicht mehr nur ein dunkler, trostloser Abgrund, in dem nichts Schönes existierte. Sie schien ihr mit einem Mal hell und freundlich, trug eine Lebensfreude in sich, die lediglich neu entfacht werden musste.
Als Jade aufwachte, brauchte sie Zeit, um Traum von Realität zu unterscheiden. Waren ihre Träume ansonsten ohne Bilder, verstand sie nicht, wie sie so etwas Bizarres hatte träumen können. Die Bilder mussten aus ihrem Inneren gekommen sein, um sie in eine ferne Vergangenheit zu entführen. Die Luft in ihrem Traum war derart rein gewesen, dass sie das Gefühl gehabt hatte, zu atmen. Sie glaubte die Küsse des Mannes zu spüren, der aus dem Nichts erschienen war, um eine plötzliche Leere in ihr zu füllen.
Sie musste an das Gespräch mit der Beamtin vom Familienplanungsdepartement denken. Sie sollte demnach die unvorstellbare Möglichkeit bekommen, in ihrem Leben etwas Bleibendes zu schaffen. Wenn es nur mit dem Mann aus ihren Träumen sein konnte! Sie versuchte sich vorzustellen, in seinen starken Armen zu liegen und seinen Duft einzuatmen. Die Sehnsucht nach ihm bereitete ihr Schmerz, aber sie genoss dieses Gefühl irgendwie.
Nancy saß bereits an ihrem gewöhnlichen Tisch, als Jade die Bar betrat. Die Freundin gab noch rasch einige Daten auf einer Hologramm-Tastatur ein, bevor sie lächelnd aufstand, um sie zu begrüßen. „Schön, dass du endlich da bist. Warum so spät? Gab es Probleme?“
„Sorry, dass es so spät geworden ist. Ich musste noch etwas erledigen.“
„Macht nichts. Bin einfach noch ein paar Daten für ein Meeting durchgegangen. Was möchtest du trinken?“
Wie sehr Jade sich freute, die Freundin zu sehen. Aber erst als die Drinks vor ihnen auf dem Tisch standen, konnte sie ihr vom Termin im Familienplanungsdepartement berichten.
„Bist du eigentlich gespannt, wie der Vater aussieht?“ Nancy schien sich für sie zu freuen, selbst wenn es Jade leicht gekünstelt erschien. Nein, die Freundin würde diese Sehnsucht nach einem Nachkommen nicht verstehen. Trotz der gemeinsamen Vergangenheit und ihrer früheren Nähe hatten sie sich längst voneinander entfernt. Sie selbst hatte sich bis vor Kurzem ebenfalls nicht vorstellen können, an dem Gedanken Freude zu finden. Wie die Freundin hatte sie die Vorstellung, Mutter zu werden, eher abstoßend empfunden. „Obwohl du ihn zum Glück nur einmal siehst, ich würde dennoch gerne erfahren, wer der Vater meines Kindes ist. Stell dir vor, er wäre hässlich. Ist im Grunde egal. Du bekommst das Kind sowieso nicht zu sehen.“
„Ich will es mir nicht vorstellen.“ Dabei sah Jade den Vater ihres möglichen Kindes deutlich vor sich, konnte an nichts anderes mehr denken.
„Sieht er womöglich so aus wie unser alter Bekannter dort drüben?“ Nancy deutete auf eben den Mann, der Jade bis in ihre Träume verfolgte. „Seitdem du gekommen bist, beobachtet er dich ständig. Ich finde sein Verhalten ziemlich aufdringlich!“ Sie verzog angewidert das Gesicht. „Ist es nicht der Typ vom letzten Mal? Das Gesicht kommt mir bekannt vor.“
