Dilettanten - Dieter Link - E-Book

Dilettanten E-Book

Dieter Link

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Beschreibung

Tauche ein in das fesselnde Leben eines Mannes, der von den Wirren des Zweiten Weltkrieges im süddeutschen Raum geprägt wurde. In einer Zeit des Umbruchs und der persönlichen Entdeckungen navigiert er durch die Stürme der Geschichte, immer auf der Suche nach seinem eigenen Weg. Von einer behüteten Kindheit im Schatten des Nationalsozialismus bis zu den schmerzhaften Nächten der Bombardierung, begleiten wir ihn auf seiner Reise durch die Veränderungen seiner Umgebung und seiner eigenen inneren Landschaft. Entwurzelt durch Krieg und Flucht findet er Trost in der Natur und der Wissenschaft, während er sich von den Glaubensvorstellungen seiner Jugend abwendet. In einer Zeit der Entnazifizierung und des persönlichen Wandels erkundet er die Tiefen der Philosophie, Kunst und Literatur, auf der Suche nach Antworten und einem Platz in der Welt. Doch auch die Liebe entpuppt sich als komplexes Geflecht, geprägt von persönlichen Zweifeln und konfessionellen Gegensätzen. Immer auf der Suche nach Erfüllung, jongliert er zwischen beruflichen Ambitionen und künstlerischen Leidenschaften, während er sich in Beziehungen verliert und wiederfindet. Doch selbst in der idyllischen schwäbische Provinz kann er nicht vor sich selbst fliehen. Getrieben von inneren Konflikten und dem Verlangen nach Freiheit, muss er sich schließlich der Herausforderung stellen, dauerhaft zu binden, und sich seiner wahren Bestimmung stellen. Eine fesselnde Geschichte über Identität, Liebe und die Suche nach dem eigenen Platz in einer sich verändernden Welt - "Schatten und Licht: Die Reise eines Mannes durch eine Zeit des Umbruchs".

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dieter Link

D i l e t t a n t e n

Eine Lebensreise

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

ERSTE PERIODE

ERSTER VORHANG

ZWEITER VORHANG

DRITTER VORHANG

VIERTER VORHANG

FÜNFTER VORHANG

SECHSTER VORHANG

SIEBTER VORHANG

ACHTER VORHANG

ZWEITE PERIODE

NEUNTER VORHANG

ZEHNTER VORHANG

ELFTER VORHANG

ZWÖLFTER VORHANG

DREIZEHNTER VORHANG

DRITTE PERIODE

VIERZEHNTER VORHANG

FÜNFZEHNTER VORHANG

SECHZEHNTER VORHANG

SIEBZEHNTER VORHANG

ACHTZEHNTER VORHANG

NEUNZEHNTER VORHANG

ZWANZIGSTER VORHANG

Impressum

PROLOG

“Ein Dilettant hat es geschrieben,

Und Dilettanten spielens auch.“

Beim Durchblättern der Fotoalben - diese geben aber nur bis neunzehnhundertzweiundsechig ein fortlaufendes Bild, danach ist es notwendig sich den Diapositiven zuzuwenden: der Wohlstand hatte die Familie mit modernem Fotoapparat, Projektor und Leinwand beschert - kann man drei Perioden unterscheiden: mit Scheitel, ohne Scheitel, mit Scheitel. Wobei wir anmerken müssen, dass er den Scheitel beides Mal links trug, im Gegensatz zum Reichskanzler seiner ersten sieben Lebensjahre; links hauptsächlich deshalb, weil der Wirbel seines dünnen, glatten, blonden Haupthaares sich auf dieser Seite befand. Es wäre wohl verfehlt dieses links der ersten Periode als Opposition, als Protest auszulegen, wohingegen er das links der dritten Periode nicht ungern in Beziehung zu seiner politischen Einstellung gebracht sah.

Die erste Periode dauerte etwa bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr. Bei dem Wissen über die Anfangsjahre ist es schwierig zu unterscheiden, was tatsächliche Erinnerung war, BILDER, WIE SIE IN SEINEM GEDÄCHTNIS HERVORTRATEN - aus der frühen Kindheit gab es nur Bilder, keine Töne und Gerüche wie aus späteren Jahren - beziehungsweise, was sich durch nachträglich Gehörtes, durch Erzählungen von Eltern, Verwandten, Bekannten oder später auch auf Fotografien Gesehenes hinzugefügt hatte.

Wie kam es dazu, dass er seinen Scheitel aufgab? Die Frage musste eher lauten: wie kam es dazu, dass er erst um diese Zeit die Haare ungescheitelt zurückkämmte? Hatte nicht die männliche Jugend schon längst den seitlich hochgeschorenen Schädel der Väter verlassen und ihre Haartracht amerikanischen Vorbildern angeglichen? Wie wir erfahren werden, war er in Dingen der Mode immer nur in Maßen angepasst und wenn, meist später als andere. Und so leitete ein Gang zum Frisör die zweite, die ungescheitelte Periode ein.

Sie dauerte nur kurz. Denn sie war unbequem. Seine feinen Haare waren für eine größere Länge völlig ungeeignet; nach jeder Wäsche fielen sie nach vorne ins Gesicht. Sie flogen, wie sein Frisör, ein Vertriebener aus Eger, sich aus-drückte. Ein Anfeuchten brachte nur kurzfristigen Erfolg und nur das rasche fettig werden machte die Sache erträglich.

So war es von Vorteil, als mit Eintritt in das Berufsleben im Alter von vierundzwanzig Jahren der Scheitel zurückkehrte und blieb.

ERSTE PERIODE

ERSTER VORHANG

“Verzeiht, ihr Herrn, wenn ich verschwinde:

Mich dilettierts, den Vorhang aufzuziehn.“

DIE WAND EINES ZIMMERS. RECHTS EIN FAST BIS AUF DEN BODEN HERABREICHENDES FENSTER, EIN NIEDRIGES GELÄNDER AUSSERHALB VERSUCHT DAS HINABSTÜRZEN ZU VERHINDERN. VOR DER WAND IM DUNKEL EIN BÜFETT, DARAUF EINE POSTKUTSCHE AUS KARTON, GELB, MIT VERSCHIEDENEN FENSTERCHEN, DIE BEIM ÖFFNEN DER FENSTERLÄDCHEN EIN BUNTES BILD FREIGEBEN.

Großmutter hatte ihm einen Adventskalender in Gestalt einer Postkutsche geschenkt. Er sollte durch das am ersten Dezember beginnende tägliche Öffnen eines Fensterlädchens auf sein drittes Weihnachten hinführen. Im Innern der Kutsche entzündete Mutter bei Einbruch der Dunkelheit, von ihm immer sehnlich erwartet, eine Kerze, deren Schein die transparenten Bilder wunderbar zum Leuchten brachte.

Davon ebenfalls fasziniert war die gleichaltrige Tochter einer im Erdgeschoss wohnenden italienischen Familie. Papa arbeitete als Spezialist für Gemüsesuppen in einer Lebensmittelfabrik. Diese, im Besitz einer alteingesessenen Familie, diente der Stadt als Wetterprophet. Drehte nämlich der Wind auf Süd, das Nahen eines Tiefdruckgebietes ankündigend, so füllte der Geruch von Erbswürsten den Talkessel und jeder Eingeweihte rechnete mit Regen.

Renata, so hieß das lebhafte Mädchen, nützte jede Gelegenheit, ihrer Mama zu entkommen, den ersten Stock zu erklimmen, zu klingeln und halb keck, halb verlegen mit Gesten und mit für seine Mutter unverständlichen Worten anzudeuten, dass sie das Wunderbare sehen möchte, was natürlich gewährt wurde. Die Freude dauerte meist nur kurz, da das Fehlen durch Mama entdeckt und Renata mit vielen deutsch-italienischen Entschuldigungen in die elterliche Wohnung zurückgebracht wurde.

Drei Jahre später sollten die Jungen auf der Straße diesen Vertretern der südlichen Achsenmacht nachrufen: “Wir sind die tapf`ren Italiener, unser Land wird immer kleener.“

DIE EINFAHRT EINES HOFES. AUF DER EINEN SEITE EINE IN DEN BODEN EINGELASSENE RINNE, IN DER WASSER FLIESST. HINTEN AUF DER RECHTEN SEITE DES HOFES EIN AN DAS WOHNHAUS GRENZENDES FLACHES GEBÄUDE. DARIN EINE TÜRE. DARAUF EIN GELBER STERN

Seine Eltern waren mit ihm, dem einzigen Kind, umgezogen. In derselben Straße. Die neue Wohnung war bedeutend größer. Sie nahm den gesamten ersten Stock, die Beletage, eines Dreifamilienhauses ein. Zur Austreibung des Geistes der vorigen Bewohner, die unter Hinterlassung ihres Immobilienbesitzes emigriert waren, wurde das Innere gestrichen und tapeziert - der Geruch der Lackfarbe hing noch wochenlang in der Luft. Auch in dieser Stadt hatte in seinem Geburtsjahr die Synagoge gebrannt. Nur wenige hundert Meter weiter in Richtung zur Stadtmitte ragte noch ihre Ruine in den Himmel. Dies war für weitere in der Stadt verbliebene Menschen jüdischen Glaubens der letzte Anstoß gewesen, die Heimat zu verlassen. Mutter erzählte später gerne von den Einladungen bei ihren jüdischen Schulmädchen, höheren Töchtern wie sie, von Mazzen, vom Laubhüttenfest. Aber in wenigen Jahren mussten sich diese Menschen schlimm geändert haben. So war es besser, sie gingen. Und seine Eltern zogen in eines ihrer Häuser und wußten, dass sie sich nicht geändert hatten.

Das Parterre war von einem Parteigenossen mit Frau und zwei Kindern bezogen worden. Sie kamen aus einem fünfzehn Kilometer entfernten Dorf flussabwärts, waren nicht so fremdländisch wie die Italiener, doch deutlich unterschieden durch den Dialekt, natürlich einem Dialekt, der unschöner war als der eigene, der, wenn nicht ausgrenzte, doch eine Schwelle deutlich werden ließ. Seine Mutter achtete daher auch sorgsam darauf, dass die sprachliche Infizierung durch die beiden neuen Spielkameraden sich in Grenzen hielt.

In diesen Zeiten der noch unvermischten Bevölkerung, da eine Stadt, ein Dorf entweder evangelisch oder katholisch war, hatte auch jedes Dorf und jede Stadt, ja jeder Stadtteil seinen von einem fachmännischen Ohr durchaus zu unterscheidenden Dialekt. In Grenzgebieten, in denen verschiedene Sprachen aneinanderstießen, erfuhr dies seine größte Ausprägung. So auch hier am mittleren Neckar, wo vom Süden das Schwäbische, vom Nordosten das Fränkische und vom Nordwesten das Badische aufeinandertrafen. Zwischen Neckar und Rhein hatten sich aber auch vor allem in den Städten, aus der Zeit der französischen Einfälle im siebzehnten Jahrhundert viele Lehnwörter erhalten, die, weil schwäbisch ausgesprochen, für einen Franzosen wohl nicht mehr verständlich gewesen wären. Waschlavoir, Parterre, Souterrain und Trottoir gehörten so zu seinem ersten Wortschatz.

In der Mansarde wohnte ein Geschwisterpaar, sie Anfang, er Mitte Sechzig. Der Bruder war bei allen Nachbarn der Hessers Karle, war gutmütig, machte Botengänge, kehrte die Gehwege - die schwäbische Kehrwoche war einzuhalten -, wurde aber nie ausgenützt und immer respektvoll mit “Herr“ angesprochen.

Karle und seine Schwester passten eigentlich nicht so recht in dieses Haus, es sei denn als Alibi für die soziale Gerechtigkeit. Vielleicht hatte aber zu der Zeit einfach kein Parteimitglied für eine Wohnung dieser Größe Bedarf.

EINE OFENTÜR. DARIN EIN KLEINES FENSTER, ES LEUCHTET ROT.

Das Wohnzimmer wurde durch einen grünen Kachelofen beheizt. In der gusseisernen Ofentür befand sich zur Kontrolle des Feuers ein mit einer Glasscheibe verschlossener Durchbruch. Dahinter flackerten die roten, gelben, manchmal auch bläulichen Flammen des brennenden Kokses. Wenn in den winterlichen Abendstunden die Dämmerung dem Zimmer die Farben nahm, zog es ihn vor dieses Fensterchen und er starrte gebannt in die Glut.

Manchmal gab es eine noch geheimnisvollere Erscheinung. Aus Mutters Familie war eine Laterna Magica auf manchen Umwegen auf ein Regal in der Speisekammer gelangt. Viel zu selten wurde sie von Vater in der Küche mit Petroleum gefüllt, der Docht angezündet und vorsichtig auf den Wohnzimmertisch getragen. Mutter, die an der Türe gewartet hatte, schaltete jetzt die Beleuchtung aus: der Raum lag im Dunkel bis auf den flackernden Widerschein der Flamme an der Decke. Nun machte sich Vater an dem Apparat zu schaffen und plötzlich erschien auf der gegenüberliegenden Wand ein leuchtend buntes Bild. Es zeigte einen Knaben mit einer langen Nase, einem roten spitzen Hut auf dem Kopfe, einer grünen Jacke und einer blauen Hose: Zwerg Nase, denn die Bilder stellten alle Märchenfiguren dar. Nach einer für ihn immer viel zu kurzen Zeit verschwand das Bild nach rechts in der Dunkelheit und von links tauchte ein neues auf.

EIN CHRISTBAUM IN EINEM GROSSEN ZIMMER. EIN WEIHNACHTSMANN IN ROTEM MANTEL HOLT ETWAS AUS EINEM SACK.

Neben aller hausgemachten Ideologie und Mystik hatte die Partei das Weihnachtsfest bestehen lassen. Eine vorzügliche Gelegenheit, die Volksgemeinschaft zu stärken und den Gefühlen der Auslandsdeutschen - unsere deutsche Weihnacht - sowie denen der Soldaten an der Front und in der Etappe Nahrung zu geben.

Der Kreisleiter selbst machte am Weihnachtstag mit seinem als Weihnachtsmann verkleideten Chauffeur bei den Familien der Parteifunktionäre die Runde und bescherte die Kinder mit Spielzeug: vollplastische Nachbildungen von Führungsgrößen des Reiches, von Soldaten, dazu Panzer und Geschütze. Nach Kriegsende sollten die Figürchen in gleicher Herstellungstechnik, jedoch übertragen in die Geschichte der amerikanischen Siegermacht, aber kaum weniger kämpferisch, als mit dem Colt schießende Cowboys und lanzenschwingende Indianer in den Spielwarengeschäften angeboten werden; einige Jahre später folgten im Zeichen der Wiederaufrüstung der neuen Republik auch wieder Panzer und Geschütze, nicht verfremdet, sondern perfektioniert.

EINE SPIELZEUGBURG: IM BURGHOF EIN KARTENTISCH. DAHINTER GÖRING, DEN MARSCHALLSTAB AN DEN LEIB GEDRÜCKT. AM FUSS DER BURG EIN AUTO MIT OFFENEM VERDECK, DARINSTEHEND DER FÜHRER, DER RECHTE ARM WAR BEWEGLICH.

Der Führer und seine politischen Leiter waren seine Streitmacht gegen eingebildete Feinde oder gegen die wirklichen kleinen SA-Männer seines fünf Monate jüngeren Vetters. Die politischen Leiter hatten zu gewinnen und taten dies auch regelmäßig auf Grund der Nachgiebigkeit und der geringen inneren Beteiligung des Spielgefährten. Ihm jedoch war es ernst und es gab zornige Tränen, wenn sein auf Fronturlaub anwesender Onkel den Führer mit Erbsen aus einer kleinen Kanone niederstreckte.

EIN ECKHAUS. IN DER ECKE DER EINGANG ZU EINEM LADEN. STUFEN FÜHREN ZUR TÜRE HINAUF. AUF EINER DER STUFEN STEHT EINE MILCHKANNE, VOLL. HINGEHEN. DIE KANNE UMWERFEN. WEGLAUFEN.

Zwei ältere Jungen aus der Nachbarschaft, der Besitzerin der Kanne nicht wohlgesinnt, hatten ihn zu der Tat angestiftet, ohne Drohungen, ohne Einschüchterung, ohne “sonst bist du ein Feigling“, sie hatten nur angeordnet und er hatte gefolgt. Die Frau hatte die volle Milchkanne auf der Treppe abgestellt, war in das Lebensmittelgeschäft zurückgegangen, wohl um etwas Vergessenes einzukaufen. Ein Stoß, die Kanne fiel. Milch, Magermilch, aber war im vierten Kriegsjahr ein kostbares, nur auf Lebensmittelmarken erhältliches Gut. Die Strafe erfolgte am Abend. Vater vollzog sie mit Hilfe eines Meerrohres.

EIN PARK. DAS EINFAHRTSTOR OFFEN. DARIN EIN GROSSER MANN MIT KAHLEM KOPF. IN DER HAND EIN MESSER. DAVONLAUFEN.

Der Wohnung seiner Eltern gegenüber auf der anderen Straßenseite stand ein Sandsteinhaus. Sandstein war in der Stadt bis zu Jahrhundertwende der vorherrschende Baustoff gewesen. Die aus dem Muschelkalk des Tales heraufsteigenden Berge wurden nämlich von einer bewaldeten Schilfsandsteinschicht gekrönt. Sie hatte der Erosion getrotzt und die steilen Mergelhänge ermöglicht, die auf ihren südlichen Lagen Reben trugen und die Gegend zu einem der größten Weinanbaugebiete Deutschlands machten. Aus der Deckschicht aber hatten die Bewohner seit Jahrhunderten den Sandsein gebrochen. In zahlreichen Bauhütten bearbeiteten die Steinmetze und ihre Gesellen das zu Tal geschaffte Rohmaterial zu Quadern, Säulen, Kapitellen, zu Weinbergmauern, zur Stadtbefestigung, zu Bürgerhäusern, zum Rathaus und zum Wahrzeichen der Stadt, dem Renaissanceturm der gotischen Hauptkirche.

Südlich dieses Nachbarhauses erstreckte sich ein Park mit hohen alten Bäumen, auf Ost- und Südseite umschlossen von einem Holzzaun, die Pfosten am oberen Ende geschnitzt: eulenähnliche Fratzen, gestrichen mit rotbrauner Farbe, die weithervortretenden Augen und der Schnabel mit Weiß bemalt, abschreckend, Eintritt verboten!

Weit zurück, im Sommer vom Laub der Büsche und Bäume verborgen, lag die Villa eines Papierfabrikanten. Vor der Südfront des Gebäudes dehnte sich eine halbkreisförmige Terrasse, von welcher Stufen zu einer von Steinfiguren umgebenen Rasenfläche hinunterführten.

Der Park und das geheimnisvolle Haus mit seinen unbekannten Bewohnern reizten die Kinder der Umgebung so stark, dass sie trotz aller Furcht immer wieder kühne Vorstöße auf das Gelände unternahmen, wenn das Tor einmal offengeblieben war. Solches konnte von dem als Gärtner und Hausmeister fungierenden Bediensteten nicht hingenommen werden. Sich möglichst grimmig gebend, wohl auch mit der Sense drohend, vertrieb er die Eindringlinge und verschaffte sich so den Ruf eines wilden Mannes, vor dem nur die schleunigste Flucht das Leben retten konnte.

EIN BESONNTER BALKON. IN EINEM LIEGESTUHL EIN MANN MIT EINEM HOLZBEIN.

Das Flachdach des angebauten einstöckigen Gebäudes war als Terrasse gestaltet. Umgeben von einer niedrigen Mauer, mit Teerpappe ausgelegt und durch die Küchentüre zugänglich, war sie bei schönem Wetter ein gut zu beaufsichtigender Spielplatz, groß genug zum Dreiradfahren und zum Exerzieren mit Pappstahlhelm und Holzgewehr.

Das Gebäude selbst diente nach Zerstörung der Synagoge kurzzeitig als Versammlungsraum der jüdischen Gemeinde der Südstadt. Was es jetzt in sich barg, wusste er nicht, die Eisentüre war ständig verschlossen.

An die Rückseite grenzte eine Küferei. Hoch türmten sich im Hof die zum Trocknen kunstvoll geschichteten Bretter für die Fassdauben. Werktags klangen die Hammerschläge über die Mauer, hell beim Schmieden der Reifen, dumpf beim Aufziehen auf das sich formende Fass.

Der Küfer, ein wichtiger Handwerker in einer Weinstadt, hatte im ersten Weltkrieg ein Bein verloren. In sonnigen freien Stunden machte er es sich mit abgeschnallter Prothese auf seinem Balkon bequem, um dem Stumpf Licht und Luft zu gönnen, für den heimlichen Beobachter ein faszinierendes, aber auch unangenehm erschreckendes Bild.

EIN SCHWERER STAB. ER SOLL GEWORFEN WERDEN. ER WIRD GEWORFEN. GANZ NAH FÄLLT ER ZU BODEN.

Am Tag der Wehrmacht war es selbstverständliche Pflicht, auf das Mittagessen zu verzichten und gemeinsam mit anderen Volksgenossen in einer der auf den umgebenden Hügeln gelegenen, nach Kriegshelden oder Schlachtfeldern benannten Kasernen das Soldatenmahl zu empfangen: Eintopf aus der Gulaschkanone. Darum herum produzierte sich das Heer. Eine Pak schoß auf kleine, vor einer Wand vorbeifahrende Panzernachbildungen, bestahlhelmte Infanteristen tauchten blitzschnell aus Löchern auf, warfen Tellerminen vor ein sich näherndes Gleiskettenfahrzeug und tauchten wieder ab, Veteranen und Hitlerjungen schossen mit dem Gewehr auf Scheiben, und für die Kleinen hatte man eine besondere Überraschung: Werfen von Stielhandgranaten.

Der dieses Spiel betreuende Gefreite reichte dem Knaben das Gerät. Nur mit großer Anstrengung brachte er den Stab mit dem schweren Kopf nach oben, beim Ausholen zog es ihn nach hinten, und der Wurf fiel so schwach aus, dass die Granate zwei Meter vor ihm auf den Boden des Kasernenhofes schlug. ‚Bei einer scharfen wäre dies etwas zu kurz gewesen’ scherzte der Soldat.

GRÜNE EISENBAHNWAGGONS. ROTE KREUZE IN WEISSEN KREISEN. BRAUNGEBRANNTE SOLDATEN IN HELLEN ANZÜGEN.

Auf dem Südbahnhof war ein Lazarettzug mit Verwundeten des sich auf dem Rückzug befindlichen, aber bei der Bevölkerung immer noch vom Ruhm vergangener Siege zehrenden Afrikakorps abgestellt worden. Das Eintreffen des Transportes hatte die Zeitung am Tage zuvor angekündigt. So strömte eine große Menge von Schaulustigen, meist Mütter mit ihren Kindern, schon am Vormittag herbei um die Helden zu bestaunen. Die braunbeige Uniform verlieh diesen Männern eher das Aussehen von Expeditionsteilnehmern, von Entdeckungs-reisenden in exotische Länder, als von Soldaten, ausgesandt andere Menschen zu töten.

Wenig heldisch wirkten auch die Verbände an den verschiedensten Körperteilen, das Umladen der nicht Gehfähigen auf Tragbahren in die bereitstehenden Sanitätsfahrzeuge. Einige der Zuschauer begannen auf dem Nachhauseweg erstmals zu ahnen, was sich hinter den Meldungen des Wehrmachtsberichtes verbarg.

MENSCHEN AUF DER STRASSE. AM HIMMEL WEISSE STREIFEN. FLUGZEUGE.

Die Alliierten hatten sich die Arbeit geteilt: am Tage kamen die Amerikaner, bei Nacht die Engländer. Ohne große Störung durch deutsche Jagdflugzeuge beziehungsweise durch Flugabwehrkanonen drangen die Bombengeschwader in den Luftraum des Reichsgebietes ein. Wahrend die Angriffe der Lancaster-Bomber der Royal Air Force noch etwas Heimliches, Vorsichtiges, Ängstliches an sich hatten, ein nächtlicher Überfall mit der Gefahr des Entdeckt- und Gestelltwerdens, zogen die ‚Fliegenden Festungen’ der Luftwaffe der Vereinigten Staaten unbekümmert, selbstbewusst ihre Bahn, zeichneten weiße parallele Kondensstreifen in den tiefblauen Himmel.

Ohnmächtig und erleichtert blickten die Nachbarn, die mit ihm und seiner Mutter ob der Gewöhnung schon fast sorglos auf die Straße getreten waren, nach oben. Ein großer Pulk überflog von Westen nach Osten die Stadt. Langsam schwoll der Motorenlärm ab: diesmal waren sie davongekommen.

FEUCHTE MAUERN. EIN HOLZGESTELL. SCHWACHE BELEUCHTUNG.

Aus den oberirdischen Bewohnern waren Kellerkinder geworden. Zu jeder Tages- und Nachtzeit trieb das Heulen der Sirenen, die wie schwarze Pilze über die Dächer der Stadt verteilt waren, die Menschen in die Luftschutzräume: Fliegeralarm. Alle Keller waren auf ihre Tauglichkeit untersucht worden, die Fenster und Luken mit dicken Blechplatten gegen Splitter verschlossen. Durchbrüche zwischen den Gewölben der benachbarten Häuser sollten die eventuelle Flucht begünstigen. So hauste man viele Stunden zwischen feuchten Kellerwänden von denen die Tünche abblätterte, schlief auf Holzpritschen neben Kartoffelsäcken, Brikettstapeln und Kokshaufen. Es roch modrig. Schwache Glühlampen oder Petroleumfunzeln verdunkelten mehr als sie erhellten.

Die Kellerräume ihres Hauses waren als nicht ausreichend sicher für die Familie eines Hoheitsträgers befunden worden. Aus diesem Grunde mussten die Besitzer des gegenüberliegenden Sandsteingebäudes mit besserer Statik Unterschlupf gewähren. Eine Zwangsgastfreundschaft, die, den weiteren Weg scheuend, selten in Anspruch genommen wurde.

Noch während des Alarmes stand Mutter, rasch angezogen, an seinem Bett und schüttelte leicht seinen Arm. Er war sofort hellwach. Dies wurde in der Verwandtschaft allgemein gerühmt. Sein Vetter dagegen reagierte auch auf stärkere Weckreize nur mit Brummen und wurde meist im Halbschlaf nach unten getragen.

Im Treppenhaus trafen sie mit Karle und seine Schwester zusammen. Die alte Frau verschwand fast hinter einem rosafarbenen Deckbett. Darauf wollte sie auch im Keller nicht verzichten: vom Lehmboden zöge es so feuchtkalt herauf. Karle sprach zu ‚seinem Bub’ beruhigende Worte bis sie sich in den Lattenverschlägen verteilten.

Ein taubstummer Schreiner hatte in seinen freien Abendstunden den Eltern ein Holzregal gezimmert. Mit den darauf ordentlich gereihten verschrumpelten Äpfeln, den gefüllten Marmelade- und Einmachgläsern, bot es seinen in zwei alten Korbstühlen nebeneinandersitzenden Eltern den einzigen angenehmen Anblick. Er war auf einem Feldbett zugedeckt worden. So vergingen eintönig die Viertelstunden bis der Dauerton der Sirenen Entwarnung verkündete.

EINE LEICHT ABWÄRTSFÜHRENDE STRASSE. AM ENDE EINE KIRCHE. AUS DEM DACH SCHLAGEN FLAMMEN IN DEN BLAUEN HIMMEL.

An diesem spätsommerlichen Sonntag hatten einige hundert ‚Fliegende Festungen’ die Stadt überquert. Ihr Ziel war die Rüstungsindustrie im fränkischen Raum. Um die Mittagszeit, als mit Gelassenheit die Rückkehr der ihrer Bombenlast ledigen Flugzeuge erwartet wurde, erschienen diese auch über dem östlichen Bergrücken - und Sekunden später dröhnte die Luft durch die Explosionen der Bombeneinschläge. Es blieb ungeklärt, ob einige der zurückfliegenden Viermotorigen ihre Fracht nicht losgeworden waren, oder ob es sich um eine getrennt operierende Staffel gehandelt hatte.

Nach dem Entwarnungssignal waren sie nach oben gegangen. Das Süd- und das Bahnhofsviertel seien getroffen und auch in der Innenstadt würde es brennen, wussten Vorübereilende zu berichten. Zusammen mit den beiden dialektgeschädigten Nachbarskindern schlossen sie sich den Schaulustigen an. Durch das ehemalige Judengässle, jetzt Heinrich-Drauz Gasse nach einem verstorbenen ‚Alten Kämpfer’, vorbei an den immer noch rußgeschwärzten Mauern der ausgebrannten Synagoge, kam man zu der dem alten, zugeschütteten Stadtgraben folgenden Allee. Hier gab es den ersten Menschenauflauf. Rätselnd umstand die Menge ein zerbeultes zigarrenförmiges grünes Blechgebilde, welches, offensichtlich von oben kommend, die Oberleitung der Straßenbahn mit herabgerissen hatte und auf den Schienen liegengeblieben war: ein abgeworfener oder abgefallener Zusatztreibstofftank eines Flugzeuges, klärte ein Sachkundiger auf.

Die Kinder aber drängten Mutter weiter, und an der nächsten Kreuzung öffnete sich der Blick auf die Rückseite des christlichen Gotteshauses. Aus dem bereits eingebrochenen Dach des dreischiffigen Chores schlugen hohe Flammen. Schwarze Rauchwolken verdunkelten nicht nur den Himmel über der Kirche sondern den gesamten Horizont. Dort mussten weitere Brände wüten. Der Kreisleiter hätte trotz mutigen Protestes des Pfarrers das Löschen verboten, flüsterte man. Die Feuerwehren seien beim Rathaus und bei den Wohnhäusern im Einsatz.

EIN LANGER KORRIDOR. AM ENDE EIN FENSTER AUS VIELEN BUNTEN GLÄSERN. EIN KLUMPEN KNETMASSE. EIN KLIRREN.

Von der Wohnungstüre aus stellte ein langer Korridor nach links und rechts die Verbindung zu den Zimmern her; als Spielort bei schlechtem Wetter durchaus geeignet und von den Eltern zugelassen. Es war ein besonderes Ereignis, wenn sich Vater zum Fußballspiel bereiterklärte. Dies war selten der Fall. Vater war als Parteiangestellter in mehreren Funktionen tätig und kam meist erst nach Hause, wenn der Bub ‚umgelegt’, wie er sich ausdrückte, das heißt von Mutter oder Großmutter mit einer Gutenachtgeschichte zum Einschlafen gebracht worden war. Auch Vaters Wochenenden gehörten meist der Partei.

Das erlaubte Kicken regte zu weiteren sportlichen Aktivitäten an, wie dem Weitwurf mit einem Tennisball unbekannter Herkunft. Auch aus Knetmasse ließ sich ein Ball formen. Nach mancherlei Modellierungen zu Schlangen, Brezeln und Schneemännern hatten die anfänglich verschieden bunt gefärbten Stangen sich immer mehr vermischt, so dass sie am Ende nur noch zu einer Kugel melierten Aussehens taugten. Obwohl diese Kugel weich und knetbar war, gab doch das gelbe Glas einer der bleigefassten Scheiben, aus denen das die eine Seite des Korridors abschließende Fenster bestand, nach und fiel in Splittern auf den Hof. Ein Glaser, ebenfalls Parteigenosse, reparierte am nächsten Tage den Schaden mit klarem Glas, ein gelbes war nicht zu erhalten. Ein Schönheitsfehler, der sich nach fünf Wochen erledigte. Ein größerer, ein irreparabler Schaden war eingetreten.

ZWEITER VORHANG

Der Dezember begann milde. Nieselregen aus niedrig dahinziehenden Wolken wechselte mit flüchtigen Sonnenstrahlen. Heute war der Himmel trüb verhangen, doch es war bisher trocken geblieben. Jetzt, gegen halb vier, dämmerte es bereits.

Im Korridor schien noch die Sonne. Die gelben Scheiben des bunten Fensters vermittelten diesen Eindruck bei jedem Wetter. Er spielte auf dem Kokosläufer mit Struppi, einem wenige Wochen alten Rauhhaardackel. Das Spiel war nicht ungefährlich: bei jeder freudigen Erregung des jungen Hundes, beim Wiedersehen nach längerer Abwesenheit, bei Witterung des gefüllten Fressnapfes, fielen ein paar Tropfen auf den Fußboden. Infolge Vaters Erziehung würde aber bestimmt bald das Prädikat ‚stubenrein’ zu vergeben sein. Später würde er dann abgerichtet werden, denn Struppi war zum Jagdhund bestimmt. In jedem Zeitalter war die Jagd ein Vorrecht der Herrschenden und Besitzenden gewesen. Auch die Parteigrößen, allen voran Reichsjägermeister Göring, rissen dieses Privileg an sich. Teils aus verworrener Rückbesinnung auf die germanischen Ahnen, die mit Saufeder und Hirschfänger die deutschen Wälder durchstreift und Rotwild und Wildschwein erlegt hatten, und von denen sie sich in direkter Linie abgestammt fühlten, teils aus Ehrgeiz, sich den im Innersten beneideten Honoratioren, den reichen Fabrikanten gleichzustellen, von denen sie sich trotz aller Unterwürfigkeit verachtet fühlten. Der Kreisleiter hatte Vater aufgefordert, mit ihm zusammen die Jägerprüfung abzulegen, was dieser ohne Leidenschaft tat. Im Laufe der Zeit aber genoss er den Aufenthalt im Walde. Bald füllten die Trophäen, auf schräg aus Birkenstämmen geschnittenen Scheiben angebrachte Rehgeweihe - Sechser, Spießer - mit dem noch daran befindlichen bleichen Schädeldach eine Wand des Herrenzimmers.

Mutter kam aus der Küche. “Langsam wird's dunkel. Komm, wir lassen die Rollos herunter.“

Sie gingen gemeinsam ins Wohnzimmer. Der Hund trottete auf krummen Beinen hinterher. Es klingelte.

“Wer kommt denn jetzt noch?“ Mutter ging öffnen.

“Ah, Karoline, grüß Gott“, hörte er sie sagen. “Komm herein. Ich war gerade beim Verdunkeln. Nur noch das Herrenzimmer, dann können wir das Licht einschalten. Du weißt ja, wie genau sie das nehmen.“

“Bei uns in Gartenfeld ist es ebenso. Seitdem die Straßenbeleuchtung nicht mehr angezündet werden darf, stößt man auf dem Trottoir fast mit den Passanten zusammen. Sie verteilen jetzt solche Plaketten, die bei Nacht leuchten.“ Sie zeigte auf das Revers ihres Mantels, an dem ein Knopf angesteckt war. Der gelbweiße Überzug phosphoreszierte, wenn man ihn zuvor unter eine Lampe gehalten hatte.

“Emil sagt immer: Diese Verdunklung nützt auch nichts; wenn die eine Stadt finden wollen, finden sie die auch. Auch im Finstern. Wenn das einer hört, holen sie ihn noch ab. Sag um Gotteswillen Wilhelm nichts davon. - Aber ich wollte euch nur etwas Wurst vorbeibringen. Du weißt ja, dass es auf dem Lande eher möglich ist, etwas zu ergattern. Als Schmied hat Emil doch Beziehungen zu allen Bauern.“

Die Hausmacherwurst wurde als lebensmittelkartenfreie Zusatzverpflegung dankbar entgegengenommen und mit der Einladung zum Kaffee vergolten.

Nach höchster Verwunderung über das Wachstum des Buben, nach ausgiebiger Durchsprache des Befindens der ländlichen und der städtischen Verwandtschaft und nach dem Bedauern der jüngst aus dem Bekanntenkreis für den Führer Gefallenen wurde Base Karoline unruhig.

“Ich glaube, ich gehe jetzt besser. Sonst gibt es noch Fliegeralarm und ich komme nicht mehr zum Bahnhof. Oder es überrascht mich auf dem Bahnhof. Auf die Eisenbahnanlagen haben sie es ja besonders abgesehen. - Wilhelm werde ich sowieso nicht mehr treffen.“

“Nein. Er kommt nie vor Sieben aus der Kreisleitung. Der Kreisleiter, du kennst ihn, ist meist unterwegs und überlässt Wilhelm die ganze Arbeit.“

Nach gegenseitigem Auftragen von Grüßen wurde die Base aus Gartenfeld im Treppenhaus verabschiedet.

Kurz darauf läutete das Telefon. “Es war Vater. Wir sollen schon essen. Bei ihm wird es später.“

Das Nachtessen bestand aus geschmälzten Leberspätzle, der sehr geschätzten Verwertung vom Mittagessen übriggebliebener Leberknödel.

Anschließend hantierte Mutter in der Küche, während er sich mit dem Dackel vor den Kachelofen setzte. Beide genossen die abgestrahlte Wärme und blickten fasziniert durch das Fensterchen der Ofentüre in die Flammen.

Doch bald wurde die Idylle durch das Aufheulen der Sirenen unterbrochen: Voralarm. Der weitere Ablauf war eingeübt: Schuhe anziehen, Griff nach Mantel, Decken und der Handtasche mit Papieren und einigen Wertsachen. Zuvor aber musste Struppi in der Küche eingesperrt werden, wo er kein Unheil anrichten konnte: die Tischbeine im Esszimmer zeigten bereits Spuren seiner kleinen spitzen Zähne. In den Luftschutzkeller durften Tiere nicht. Sie hatten wie Juden die Luftangriffe heldenhaft ungeschützt zu überstehen. Doch heute spürte der Hund die Absicht und kroch rasch unter den schweren eichenen Schreibtisch. Alles Zureden und selbst der Duft eines hingehaltenen Leberspätzle, eines seiner Leibgerichte, vermochten nicht, ihn hervorzulocken.

“Lassen wir ihn. Es pressiert. Sonst sind Brenners schon im Keller und hören uns nicht.“

Sie hasteten über die menschenleere Straße. Herr Brenner, ein großer schlanker Mann um die vierzig öffnete. Wieder heulten die Sirenen.

“Kommen sie schnell herein! Sie geben schon Vollalarm.“

Unten im Keller war bereits die gewohnte Gemeinde versammelt. Die von der Partei so oft propagierte Volksgemeinschaft verwirklichte sich täglich und nächtlich in gemeinsamer Furcht. Frau Brenner saß neben ihrer Schwägerin auf der unteren Pritsche eines doppelstöckigen Holzbettes. Eine Nachbarin wickelte sich gerade in ihre Decke. Auch sie war wegen Unsicherheit des eigenen Kellers diesem Luftschutzraum zugeteilt worden.

An Mutters Hand ging er zum Stammplatz an der der Straße zugewandten Kellerseite. Herr Brenner schloss hinter ihnen die schwere, eiserne, gut dichtende Türe und verriegelte sie mittels zweier oben und unten angebrachter Hebel. Sie waren allein.

Jetzt begannen wieder die bangen Minuten, die sich zu Viertelstunden und Stunden dehnen konnten, voll Ungewissheit, ob sie Entwarnung oder etwas Anderes, Unvorstellbares bringen würden.

Nach zwanzig Minuten hatten sie Gewissheit. Schwaches dumpfes Grollen drang durch die Türe. Sie lauschten, den Atem anhaltend. Jetzt war es wie Donner und jetzt: eine mächtige Detonation ließ den Keller erzittern. Frau Riesser, die Nachbarin, schrie auf.

“Diesmal wird es ernst“, presste Herr Brenner hervor, “hoffentlich hält die Decke.“

Ein weiterer Einschlag übertönte das jetzt ununterbrochene Donnergrollen. Frau Riesser hielt sich die Ohren zu. Aber bald merkte sie das Unnütze dieses Tuns. Der Bauch, die Brust, die ganze Haut hörte.

Mutter nahm ihn auf ihren Schoß und schloss ihn fest in die Arme. Er zitterte. Wann kommt der nächste Einschlag? Wird er uns töten? Mutter zeigte äußerlich keine Furcht. Sie tröstete: “Bald ist der Angriff vorbei. Dann holt uns Vater heraus.“ Wilhelm, wo mochte er jetzt sein? War er noch in der Kreisleitung, die einen guten Keller hatte, oder war er auf dem Heimweg überrascht worden?

Die Lippen der feinnervigen, empfindsamen Schwägerin bewegten sich. Sie faltete die Hände. Dann betete sie laut mit immer schriller werdenden Stimme.

“Lieber Gott, hilf uns...“

Eine neue Explosion erschütterte das Haus. Die Sprengbombe musste ganz in der Nähe niedergegangen sein.

“...hilf uns, unser Herr, lass uns nicht sterben...“

Das elektrische Licht erlosch. Herr Brenner tastete nach den Streichhölzern und entzündete - es schien endlos zu dauern - die Petroleumlampe.

“...ich will auch nie wieder etwas Böses tun“, schrie sie heraus. Frau Brenner legte den Arm um sie.

“Beruhige dich, Klara. Denke an Alfred. Er musste so jung von uns gehen. Wenn es uns trifft, sind wir bei ihm.“ Brenners Sohn war vor zwei Jahren an durchgebrochenem Blinddarm gestorben.

“Ich will aber nicht sterben!“ Ihre Stimme war schwächer geworden. “Hilf mir, O Herr!“

In diesem Augenblick gab es einen alle bisherigen Detonationen übertreffenden Donnerschlag, gefolgt von sekundenlangem Krachen und Poltern. Aus den Fugen der Decke rieselte Staub.

“Das Haus ist getroffen! Hoffentlich sind wir nicht verschüttet.“

Er klammerte sich an seine Mutter. Alle waren still geworden .Nur Frau Riesser schluchzte. Die Einschläge wurden seltener. Der Angriff schien vorbei zu sein. Nur ab und zu noch hörte man leiser werdendes Donnern. Herr Brenner erhob sich von der Holzkiste, auf welcher er die letzte Stunde gesessen hatte.

“Wir müssen noch warten. Manchmal kommt nach einiger Zeit eine zweite Angriffswelle um die Menschen, welche die Luftschutzräume verlassen haben, zu treffen. Oder sie werfen Bomben mit Zeitzünder.“

Und wirklich gab es kurz darauf mehrere Explosionen. Doch Frau Brenner drängte: “Ich halte das hier nicht mehr aus. Und sieh dir Klara an. Lass uns nach oben gehen. Ich will wissen, was passiert ist. Hier ersticken wir noch.“

Ihr Mann entriegelte die Türe und öffnete sie vorsichtig. Rötlicher Schein drang in den von der Petroleumlampe nur spärlich erhellten Keller. Das Haus brannte. Die Treppe vom Erdgeschoss zum ersten Stock stand in Flammen. Das Treppengeländer war schon zusammengebrochen. Glühende Holzteile lagen auf der steinernen Kellertreppe. Sie wichen zurück.

“Wir müssen raus bevor die Treppe herunterbricht. Macht die Decken nass und hängt sie um.“

Er tauchte das Tuch in einen der beiden mit Wasser gefüllten Eimer, die für Löschzwecke in der Ecke standen. Welch lächerliche Vorschrift, dachte er im Stillen, damit einen solchen Brand bekämpfen zu wollen. Frau Brenner und ihre Schwägerin folgten seinem Beispiel. Als Mutter ihn bei der Hand nahm, hielt er sie ängstlich zurück.

“Nein, ich will nicht durch das Feuer. Bitte, bitte, bleiben wir hier.“

Auch die Nachbarin wollte den gefährlichen Gang nicht wagen und bat Mutter, dazubleiben. Halb froh, ihrer Furcht nachgeben zu können, halb ärgerlich, die vielleicht letzte Rettungsmöglichkeit ungenützt verstreichen zu lassen, willigte sie ein.

Brenners wandten sich um. “Wir wagen es. Wenn wir Helfer finden, versuchen wir Sie herauszuholen.“

Rasch schloss Mutter hinter ihnen die Türe. Zuviel beißender Rauch war bereits hereingeströmt. Jetzt waren sie nur noch zu Dritt. Frau Riesser zog sich in ihre Ecke zurück. Mutter setzte sich mit ihm auf Brenners Bett.

“Unser Haus brennt bestimmt auch“, begann die Nachbarin mit jetzt ruhiger, resignierender Stimme, “wir hatten uns so schön eingerichtet. Mein Mann hatte eine gute Stelle. Bevor er eingezogen wurde, war er Kraftfahrzeugmeister bei Auto-Fleischmann. Nun ist er an der Ostfront. Erst vorgestern kam ein Feldpostbrief. Er schreibt zwar zuversichtlich, aber ich spüre, dass er sich Sorgen macht. Sie bekommen ja auch mit, dass die Städte bombardiert werden. Er war immer traurig, dass wir keine Kinder bekommen haben. Jetzt musste man direkt dankbar dafür sein. Sie haben es gut. Ihr Mann ist zu Hause.“

Mutter fühlte den Vorwurf. Was sollte sie antworten? Dass Wilhelm bereits den ersten Weltkrieg mitgemacht hatte? Aber das war lange her und ohne Bedeutung. Sie stand auf und sah nach dem Ölstand in der Lampe.

“Es reicht noch eine ganze Weile. Brenners müssen erst kürzlich nachgefüllt haben.“

Er fand in der Tasche seines Mantels ein Stück Papier, blau, transparent, rechteckig, etwa handgroß: Menschenhaut. So nannten seine Mitschüler - nach der Einschulung hatte der Unterricht gerade vier Wochen gedauert, dann wurden die Schulen wegen der häufigen Fliegeralarme geschlossen - dieses Material. Legte man es auf die Handfläche, so wölbte es sich infolge der Wärme der Haut. Es lebte. Abgelenkt durch dieses Spiel bemerkte er nicht, wie die Frauen ihre Mäntel auszogen. Der sonst so kühle Keller erwärmte sich langsam. Mit Erschrecken stellten sie fest, dass die metallene Türe wie ein Ofen strahlte. Dahinter musste das zusammengefallene Gebälk des Treppenhauses glühen. Dieser Fluchtweg war ihnen endgültig abgeschnitten.

“Wir müssen die Türe kühlen.“

Also hängten sie eine der Wolldecken über den etwas hervortretenden Türsturz und befeuchteten sie mit dem Löschwasser. Jede Viertelstunde wurde die Prozedur wiederholt.

Mutter sah zum ersten Male auf die Armbanduhr. “Es ist nun halb zwölf. Wir müssen unbedingt versuchen, hier herauszukommen. Trotz der kühlenden Decke wird es immer wärmer. Spüren Sie es nicht auch? Die Luft wird schlecht. - Warum haben wir es eigentlich nicht schon längst durch diese Türe hier probiert? Dahinter soll der Vorratskeller liegen. Er müsste auch ein Fenster haben. Wahrscheinlich zum Park. Vielleicht ist es nicht vergittert.“

Frau Riesser war mit allem einverstanden. Sie vertraute sich Mutters Führung an. Die Türe ließ sich öffnen. Enttäuscht sahen sie durch den Spalt den flackernden Schein von Flammen. Es brannte auch hier. War auch dieser Weg versperrt? Nein, der Raum war noch begehbar. Nur in der Ecke war ein Teil der Decke eingebrochen. Herunterfallende brennende Balken hatten ein Holzregal entzündet, welches die ganze Außenwand einnahm und mit Büchsen und Gläsern voll Eingemachtem beneidenswert reichlich gefüllt war. In der Wandmitte oberhalb des Regals war das erhoffte Fenster - und es war unvergittert, niedrig zwar, aber frei. Und darunter waren Pfosten und Fachbretter noch unversehrt.

“Frau Riesser, Sie steigen zuerst hinauf und öffnen das Fenster. Verletzen Sie sich nicht an den zersplitterten Scheiben!“

Büchsen fielen zu Boden, als die rundliche Frau, mühsam von Mutter geschoben, nach oben kletterte.

“Ich komme nicht durch.“ Die lichte Weite des Fensterrahmens unterschritt ihre Leibesfülle.

“Kommen Sie zurück! Ziehen Sie Ihr Kleid aus!“

“Aber ich kann doch nicht im Unterrock nach draußen.“

“Los, machen Sie schon, es geht um unser Leben. Das Regal hält nicht mehr lange!“

Sie schlüpfte aus dem Kleid, behielt es aber in der Hand und machte den zweiten Versuch. Er gelang. Dann hob Mutter ihn auf die obersten Bretter, wo er zum Fenster kroch und Frau Riesser ihm hinaus half. Aufatmend standen sie zu Dritt im Garten, an den sich nach Süden, abgegrenzt von einer leicht zu durchdringenden niedrigen Hecke, der große Park anschloss. Doch die Erleichterung wich sofort der Erschütterung. Die hohen alten Bäume erglänzten in rotem Schein. Alle Häuser des Straßenzuges brannten. Hinter allen Fensteröffnungen loderten die Flammen. Es erinnerte ihn an seinen Adventskalender. Mutter stand erstarrt. Dort drüben verbrannte alles was sie besessen hatten: die Aussteuer, die schönen Möbel, ihre Kleider, alle Erinnerungsstücke, die Fotoalben, eine unangebrochene Flasche italienischen Vermouths - und Struppi. Sie besaßen nichts mehr. - Immer wieder explodierten Zeitbomben und mahnten, dass die Gefahr noch nicht vorbei sei.

“Ziehen Sie sich an. Hier können wir nichts mehr tun. Bringen wir uns in Sicherheit.“

Im Park trafen sie auf in Gruppen herumstehende Menschen, die wie sie die Keller verlassen und Schutz vor der Hitze und den einstürzenden Dächern und Mauern suchten. Männer, Frauen und auch einzelne Kinder liefen von Gruppe zu Gruppe und frugen nach dem Verbleib von Verwandten und Bekannten. Frau Riesser stieß auf ihre Hausgemeinschaft. Sie wollte bei ihr bleiben. Mutter verabschiedete sich: “Wir gehen in die Schillerstraße und sehen nach unseren Verwandten, Tante Hilde und Onkel Ernst. Vielleicht ist deren Haus stehengeblieben. Falls Sie meinen Mann sehen, sagen Sie ihm bitte Bescheid!“

Sie durchquerten den Park; kein Gärtner verwehrte den Durchgang. Auch die geheimnisvolle Villa stand in Flammen. Die Steinskulpturen schienen sich in der flackernden Beleuchtung zu bewegen. Durch das große Einfahrtstor an der westlichen Seite gelangten sie in die Gültigstraße.

Außerhalb der schützenden Parkmauer erfasste sie plötzlich ein Sturm, der den leichten Buben fast von den Beinen riss. Die enorme Hitze des aus hunderten von Einzelbränden zusammengeschmolzenen Flächenbrandes sog die Luft wie in einem Orkan stadteinwärts. Aus den Fensterhöhlen der hier nur vereinzelt brennenden Häuser schossen fast waagrecht Flammen- und Funkenstöße und gefährdeten die nicht getroffenen Gebäude. Einzeln und in Gruppen hasteten die dem Stadtkern Entfliehenden nach Süden, stemmten sich dem Sturm entgegen.

Sich in der Straßenmitte haltend, erreichten sie die Schillerstraße. Hier war alles unzerstört. Onkel Ernst stand mit anderen Leuten vor dem Haus auf dem Gehweg.

“Erzählt, wie ist es euch ergangen?“

Mutter schilderte die fürchterlichen Stunden.

“Kommt mit in den Keller: Ihr müsst etwas essen und trinken und euch dann ausruhen.“

Auf einem Feldbett schlief er erschöpft ein.

Am nächsten Tag war der Himmel fast wolkenlos. Doch der hoch aufsteigende Rauch trübte die tiefstehende Sonne. Der Geruch von verbranntem Holz, Jahrhunderte altem Gebälk und frischer Bäume, von geschmolzenem Asphalt, von Gummi und Schwefel und Phosphor drang durch alle Straßen, legte sich auf alle Gegenstände, setzte sich in der Kleidung fest.

Vater war gekommen. Die Pflicht duldete keinen längeren Aufenthalt. Also machten sie sich alleine an die Bestandsaufnahme: wer hatte überlebt, wessen Haus stand noch?

Die Wohnung seines Vetters war durch eine Sprengbombe zerstört. Er und seine Mutter hatten in einem nahegelegenen Eisenbahntunnel Schutz gefunden.

Das Haus von Tante Berta und Onkel Hans stand noch. Sie beherbergten ausgebombte Familien der Nachbarschaft.

Großmutter war Ende November verreist. Das Gebäude, in dem sich ihre Wohnung befunden hatte, war niedergebrannt.

Als sie sich von hier in Richtung ihres eigenen zerstörten Haushaltes wandten, kam ihnen auf der von Trümmern freien Straßenmitte Oma Greiner entgegen: in Hausschuhen müde daherschlurfend, mit strähnigen, noch graueren Haaren, verschmutztem Mantel, ein Stück Brot in der Hand.

“Habt ihr Helga gesehen? Wir dachten, sie sei vielleicht hierhergegangen. Opa und ich sind gleich nach Ende des Angriffes aus dem Keller gestiegen. Helga wollte noch unten bleiben.“

Sie ging weiter. Sie sollte Helga nicht finden. Helga war unten geblieben.

Dann standen sie wieder vor ihrem eigenen Haus. Sie blickten in leere Fensterhöhlen. Aus den im Inneren niedergebrochenen Trümmern rauchte es noch. Der Keller schien unbeschädigt. Die Decke war also widerstandsfähiger als von den Experten erwartet. Hessers waren sicher gerettet. - Aber dann war auch die Kiste mit dem Silberbesteck gerettet. Dieser Teil der Aussteuer war als einziger für wertvoll genug erachtet worden, ihn in Seidenpapier einzuwickeln und in einer Holzkiste im Keller zu verstecken. Besteck. Wie lächerlich. Zu welchem Geschirr, auf welchem Tisch, auf welchem Stuhl sitzend, in welchem Esszimmer sollte man es jetzt gebrauchen?

Zwischen dem Schutt auf dem Trottoir leuchtete etwas Weißes. Ehe ihn Mutter zurückhalten konnte, lief er hin. Es war eine an den Rändern angesengte Postkarte.

“Von Onkel Karl aus Italien. Sie war in der Schublade des Schreibtisches. Wahrscheinlich hat die explodierende Jagdmunition sie herausgeschleudert.“

Noch ein gerettetes Besitztum.

“Ach, bin ich froh, Sie zu sehen.““ Herr Brenner näherte sich von gegenüber. “Es war uns unmöglich, zu Ihnen vorzudringen. Heute morgen stellten wir dann fest, dass der Keller leer war, Sie also herausgekommen sein mussten.“

Mutter antwortete kühl. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie eigennützig Brenners gestern Abend gehandelt hatten.

“Gehen sie mit dem Kind nicht weiter. Dort unten liegen die Toten vom Eckhaus auf der Straße. Sie sind im Keller erstickt. Und auf der Allee liegen Berge von verbrannten Leichen.“

Aus dieser Richtung kam jetzt der Kreisleiter mit seinem Gefolge, dem Ortsgruppenleiter, einem Parteiangestellten, zweier Luftschutzwarte und dem Chauffeur zu Fuß. Nach knappem “Heil Hitler“ kein persönliches Wort, kein Bedauern, keine Frage nach dem Befinden, sondern barsch: “Wo sind meine Gewehre?“

Mutter zeigte in die Ruine: “Dort, Herr Kreisleiter.“

“Was heißt das? Sie meinen, sie sind im Keller?“

“Nein, sie liegen in den Trümmern, verbrannt, geschmolzen, mit alldem was wir und die anderen besessen haben.“

Der stämmige, jähzornige Mann stellte sich breitbeinig vor sie hin, sein Gesicht lief rot an.

“Sie haben meine Gewehre, meine nagelneuen Gewehre, eine Doppelbüchse und einen Drilling, nicht mit in den Keller genommen? Sie wussten, wie schwer sie zu beschaffen waren und haben sie bei einem Angriff in der Wohnung gelassen? Es ist unglaublich! Denken Sie denn nur an sich? Ich habe Ihren Mann für zuverlässig gehalten, aber ich habe mich anscheinend getäuscht.“

Die anderen waren betreten ein paar Schritte weitergegangen. Mutter blieb äußerlich ganz ruhig.

“Herr Kreisleiter, unsere Stadt, Ihre Stadt, wie Sie immer so gerne sagen, liegt in Schutt und Asche, es hat Tausende von Toten gegeben. Wir haben nur noch, was wir auf dem Leibe tragen. Und Sie reden von Jagdgewehren!“

Der Widerspruch Ungewohnte entgegnete gemäßigter: “Ach, seien Sie still. Erst unlängst hat Ihr Mann mir den besten Sechser weggeschossen. Der war für mich bestimmt. Mir gehört die Jagd. Ich werde sie alle noch zur Rechenschaft ziehen.“

Grußlos ging er weiter. Sein Gefolge schloss sich ihm an.

In den nächsten Tagen liefen die Hilfsmaßnahmen an. Die überlebenden Volksgenossen wurden mit dem Nötigsten versorgt: mit Unterwäsche und warmer Oberbekleidung, mit Schuhen, Mützen, Handschuhen, mit Geschirr und Besteck - in eine Gabel war ein polnisch klingender Name mit vielen Konsonanten eingraviert; geraubtes Gut aus dem Osten? - und mit all den kleinen Gebrauchsgegenständen, die man ganz selbstverständlich griffbereit hat und sich ihrer erst bewusst wird, wenn man sie nicht mehr besitzt.

Die Ausgebombten suchten sich entweder Notunterkunft bei Verwandten und Bekannten, wurden Fremden in der Stadt zugewiesen, oder sie wurden auf die Landgemeinden der Umgebung verteilt. Sie wurden evakuiert - ein neuer Begriff war geboren. Und sie waren unwillkommen. Die Volksgemeinschaft begann in die Brüche zu gehen.

Er wurde mit den Eltern und weiteren Familien der Parteiclique in einem Gasthof des nächstgelegenen Dorfes einquartiert.

---ENDE DER LESEPROBE---