Dilgas Versprechen - Martin J. Christians - E-Book

Dilgas Versprechen E-Book

Martin J. Christians

0,0

Beschreibung

Ein Krieger, der als Söldner lebt, zählt in der Welt nicht viel. Das hat Dilga früh gelernt und sich längst damit abgefunden. Gehetzt von einem sadistischen Oligarchen, flieht er in die ihm fremden Monsterberge. Dort endet die Jagd abrupt, denn der Oligarch kennt deren Gefahren. Dilgas Erleichterung wird zu Panik, als unvermittelt ein Satyr vor ihm steht. Was zunächst wie sein Ende aussieht, wird zu einem Schritt in ein neues Leben, in dem der Satyr eine wichtige Rolle spielt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 638

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Martin J. Christians

Dilgas Versprechen

Fantasy

Dieses eBook wurde erstellt beineobooks.com

Inhaltsverzeichnis

1.Kapitel

2.Kapitel

3.Kapitel

4.Kapitel

5.Kapitel

6.Kapitel

7.Kapitel

8.Kapitel

9.Kapitel

10.Kapitel

11.Kapitel

12.Kapitel

13.Kapitel

14.Kapitel

15.Kapitel

16.Kapitel

17.Kapitel

18.Kapitel

19.Kapitel

20.Kapitel

21.Kapitel

22.Kapitel

23.Kapitel

24.Kapitel

25.Kapitel

26.Kapitel

27.Kapitel

28.Kapitel

29.Kapitel

30.Kapitel

1.Kapitel

Wasser! Dilga stolperte vorwärts. Ein kleines Rinnsal sickerte aus der Felswand. Wie ein glänzendes Tuch rann das Wasser am grauen Stein herab und sammelte sich darunter in einem flachen Becken. Unsicher warf er einen Blick zurück.

Seine Verfolger waren zurückgeblieben. Aber warum? Seine Spur hatten sie unmöglich verlieren können. Er kannte diese Berge nicht und war von einer Sackgasse in die nächste gestolpert, nur um am Ende auf diesem Weg zu landen. Ein schmaler steiniger Pass, der sich immer weiter den Berg hinauf schlängelte.

Erschöpft sank er neben dem Bassin auf die Knie. Das Wasser war vollkommen klar, so dass er bis auf den Grund sehen konnte. Ein rissiger Boden, durch den das Nass wieder in den Berg zurück tröpfelte. Zögernd tunkte er eine Hand hinein. Es war kalt und versprach Frische. Wie Sandpapier fuhr seine Zunge über die spröden Lippen. Alles in ihm schrie danach sich auf den Bauch zu legen und zu trinken. Er roch an den Tropfen, die seine Finger hinab rannen, ohne einen Geruch feststellen zu können.

Dilga benetzte sich die Lippen. Unwillkürlich fuhr seine Zunge aus dem Mund und leckte einen Teil des Wassers ab. Sein ausgedörrter Körper verlangte nach mehr. Mit beiden Händen schöpfte er das kühle Nass. Am Ende war es gleich, ob ihn der Oligarch umbrachte oder vergiftetes Wasser.

Er beugte sich nach vorn über das Wasserloch und musste die Augen schließen. Ihm war schwindelig. Die gnadenlose Hetzjagd durch die winterlichen Berge forderte endgültig ihren Tribut. Seine Peiniger hatten ihn absichtlich das eine oder andere Mal entkommen lassen. Zu sehr genossen sie ihre Menschenjagd. Nicht auszudenken, welche neue Teufelei sie jetzt ausgeheckt hatten. Er zwang sich seine Augen wieder zu öffnen.

Ein riesiges funkelndes Auge starrte ihn aus dem Wasserloch heraus an. Entsetzt fuhr er zurück und prallte mit dem Rücken gegen ein Hindernis. Mit einem heiseren Schrei wirbelte er herum. In einem antrainierten Reflex fuhr seine Hand an die linke Seite. Vergeblich griff sie nach dem fehlenden Schwert.

Das Auge, das ihn aus dem Teich heraus angestarrt hatte, gehörte zu einem Monster. Einem Untier mit rotem Fell, das ihn um eine halbe Körperlänge überragte. Dazu kamen noch Schwingen, die es zusammengefaltet auf dem Rücken trug. Es stand aufrecht auf den Hinterbeinen, wie ein Mensch.

Die beiden Klauen, mit den messerscharfen Krallen, streckten sich nach ihm aus. Dilgas Blick blieb an den grausamen spitzen Zähnen hängen. Sein Verstand weigerte sich zu akzeptieren, was da vor ihm stand. Ein Satyr! Voller Panik kroch er aus der Reichweite der Pranken und stemmte sich auf die Füße.

Das Monster hielt den Kopf schräg und musterte ihn eine Weile, dann grapschte es nach ihm. Erschrocken schlug er die Klaue beiseite. Es zischte ärgerlich und griff erneut nach ihm.

Dilga wich aus. Verzweifelt hielt er Ausschau nach etwas, das ihm als Waffe dienen konnte. Aber es gab nichts.

Entschlossen trat er dem Satyr vors Schienbein und bereute es. Es fühlte sich an, als ob er gegen einen Baum getreten wäre. Aber wenigstens keuchte auch sein Gegner vor Schmerz.

Unvermittelt schlug der Satyr zu. Die Klaue traf ihn am Kinn. Seine Zähne schlugen aufeinander, dann schmeckte er Blut und ging zu Boden.

Das Untier beugte sich über ihn, packte seine Handgelenke und riss ihn hoch. Dilgas Herz raste vor Angst. Gleichzeitig blieb ein Teil von ihm ruhig, schätzte seine Möglichkeiten ab.

Der Satyr hatte sein Gewicht nach vorn verlagert. Mit aller Gewalt warf Dilga sich gegen sein Standbein. Der Satyr strauchelte, ließ aber nicht los.

Gemeinsam stürzten sie zu Boden. Das Monster war stark und unglaublich schnell. Einen Augenblick rangen sie miteinander, dann drückte der Satyr ihn mit seinem Gewicht zu Boden. Dilga rang nach Luft.

Der Satyr lachte. Verblüfft vergaß er seine Gegenwehr. Der Satyr lachte wie ein Mensch; nicht sehr laut und auch nicht bösartig. Es klang eher amüsiert.

»Genug gezappelt, Mensch?«

Es sprach! Das Monster hatte ihn angesprochen, mit einer angenehm dunklen Stimme und deutlich artikulierten Worten. Dass der Satyr keine hirnlose Bestie war, hatte er schon während des kurzen Kampfes gemerkt. Aber er war auch intelligent genug, um zu reden.

»Füge dich in dein Schicksal, Mensch. Du kannst mich nicht besiegen.«

Das rote Gesicht näherte sich Dilgas, bis der spitz vorstehende Bart ihn fast berührte. Heißer Atem streifte seine Wange. Er drehte den Kopf weg. Der Satyr hatte Recht. Ohne Waffen hatte er keine Chance gegen ihn.

Zum wiederholten Mal verfluchte er Oleg. Der verdammte Oligarch, der ihn gezwungen hatte, waffenlos und ohne Rüstung in die ihm fremden Berge zu fliehen. Er hatte nichts mehr, außer seiner dünnen Kleidung und den abgetragenen Stiefeln.

Der Satyr entfaltete seine schwarzen Flügel. Das ließ ihn noch riesiger erscheinen. Unwillkürlich zuckte Dilga zurück und stieß sich den Kopf am harten Felsen.

»Vorsicht, Mensch!«, lachte der Satyr.

Dieses Lachen zerrte schlimmer an seinen Nerven, als ein geiferndes Tier, das knurrend über ihm saß. Die Augen musterten ihn mit einer Mischung aus Spott und Neugier.

»Mensch?« Der Bart berührte seine Wange. Die Haare waren hart und kratzten auf seiner Haut, wie die Feile eines Schmiedes. »Du stirbst mir doch nicht vor Angst?« Der Satyr schnupperte. »Du hast Angst. Ich kann es riechen.«

Was wollte das Untier von ihm? Die Geschichten, die man sich über die Satyr erzählte, wirbelten in Dilgas Kopf durcheinander. Allen war gemein, dass sie als blutrünstige Bestien galten. In keiner wurde auch nur angedeutet, dass sie sprechen konnten. Er selbst hatte sie für eine Legende gehalten, mit der Eltern ihre unartigen Kinder erschreckten. Bis vor wenigen Minuten jedenfalls. Wenigstens wusste er jetzt, warum Oleg die Verfolgung eingestellt hatte.

»Rede mit mir, Mensch!«, forderte der Satyr ungeduldig. Eine der Klauen grub sich tief in seine ungeschützte Schulter und Dilga stöhnte. »Stumm bist du jedenfalls nicht«, stellte der Satyr zufrieden fest. »Soll ich dir wehtun oder sprichst du freiwillig mit mir?«

Das Herz schlug Dilga bis zum Hals. Dasser kaum atmen konnte, lag nicht nur am Gewicht seines Gegners. Sein leichenblasses Gesicht spiegelte sich in den Augen seines Kontrahenten und hatte im Augenblick wenig Ähnlichkeit mit dem eines kampferprobten Kriegers.

»Menschen reden doch sonst so gern. Ich höre sie, wenn sie durch meine Berge lärmen«, lachte er bösartig. »Sie schreien selbst dann noch, wenn sie ihre Luft lieber zum Rennen verwenden sollten.«

»Was willst du?«, fragte Dilga unsicher.

Genugtuung blitzte in den dunklen Augen auf. Der Satyr hatte einen weiteren Sieg über ihn errungen und er genoss es. »Reden.«

»Reden?«, hakte Dilga ungläubig nach.

»Dein Geruch ist interessant«, bemerkte der Satyr.

Interessant? Hoffentlich bedeutete das nicht lecker! Sein Inneres verkrampfte sich. Viele Geschichten erzählten, dass die Satyr Menschenfresser waren. Sie rissen einem bei lebendigem Leib die Knochen auseinander, hieß es. Dilga unterdrückte seine Angst. Er musste etwas sagen. Irgendetwas, um das Monster zufrieden zu stellen.

Der Satyr ließ seine Schultern los. Nur mühsam unterdrückte er den Reflex sich zu wehren. Damit rechnete sein Gegner bestimmt. Eine der Klauen tastete seinen drahtigen Körper nach versteckten Waffen ab. Dumm war der Satyr auf keinen Fall. Er hoffte, dass er noch die Gelegenheit bekam, mit diesem Aberglauben aufzuräumen.

Überraschend gab der Satyr ihn frei. Dilga stützte sich rücklings auf die Ellbogen. Seine Rippen schmerzten und das Atmen bereitete ihm Mühe, aber wenigstens hatte er sich nichts gebrochen.

»Wie heißt du?«

Dilga zögerte mit der Antwort. Vielleicht war es ein Fehler seinen Namen zu nennen. Namen bedeuteten Macht. Andererseits - solange sie miteinander sprachen, blieb er am Leben »Dilga.«

»Kannst du aufstehen, Dilga?« Der Satyr wich zurück.

Dilga rappelte sich mühsam auf. Dabei nutzte er die Gelegenheit sich nach einem Versteck umzusehen. Ohne Erfolg. Es gab hier nichts als karge Felsen.

»Komm!«, befahl der Satyr, packte ihn an der Schulter und schob ihn vor sich auf den Weg.

Automatisch gaben seine Beine dem Zwang nach. Seinem Verstand fiel es zunehmend schwerer sich gegen die Panik Gehör zu verschaffen. »Wohin bringst du mich?«

»In meine Höhle.«

Im Geist sah Dilga ein dunkles Höhlenlabyrinth vor sich, dessen Gänge menschliche Knochen säumten. »Was willst du von mir?« Die Angst verlieh seiner Stimme einen heiseren Klang.

»Dich zum Essen einladen.«

Dilga schluckte. Erneut suchte er das Gelände verzweifelt mit seinen Blicken ab. Hier gab es nicht einmal größere Pflanzen. Nur Moose und Flechten, die bereits braun wurden, obwohl der Winter gerade erst begonnen hatte.

Der Satyr ließ ihn los. Er wusste, dass ein Mensch ihm hier ohne Pferd nicht entkommen konnte. Dilgas Blick folgte dem steiler werdenden Pfad und blieb am Abgrund hängen, der den Weg ein Stück weiter rechts begrenzte.

Mit einem weiten Satz sprang er nach vorn und rannte los. Der Satyr lachte. Wahrscheinlich war eine Jagd ganz nach seinem Geschmack. Dilga erhöhte seine Anstrengungen. Ihm blieben keine Optionen. Vor ihm schlängelte sich der Pfad immer höher in die Berge, gesäumt nur von steilen Felswänden und dem Abgrund.

Seine Panik wich einem dumpfen Gefühl der Verzweiflung. Diesmal gab es kein Entkommen für ihn. Sein Weg endete hier! Aber er würde nicht wie ein Schaf zur Schlachtbank laufen. Dilga änderte seine Richtung, bog vom Weg ab und rannte auf den Abgrund zu. Hinter ihm brüllte der Satyr. Er hatte begriffen, was Dilga tun wollte. Der Abgrund öffnete sich vor ihm. Dilga schloss seine Augen und sprang.

Der Sturz war kurz und die Landung hart. Ein moosbedeckter Felsvorsprung hatte seinen Fall gestoppt. Benommen rappelte Dilga sich auf und starrte direkt in das Gesicht des Satyrs. Der streckte ihm eine Klaue entgegen.

»Sei nicht dumm, Dilga!«, sagte er eindringlich. »Es gibt keinen Grund dein Leben wegzuwerfen.«

Der Blick der riesigen Augen bannte ihn. Er konnte sich nicht abwenden. Der Satyr beugte sich weiter vor. Dilga schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zurück.

Der Vorsprung war nicht breit. Noch ein Schritt und er brauchte sich nur nach hinten fallen lassen. Der Satyr stieß sich vom Felsen ab und Dilga hörte ihn hinter sich landen.

Wie in Trance drehte er sich um. Tränen schossen ihm in die Augen. Dass kein langes Leben auf ihn wartete, hatte er immer gewusst. Aber dass es so enden sollte! Er wich zurück und spürte den Felsen in seinem Rücken. Unvermittelt trat sein Fuß ins Leere und brach bis zum Knie durch die dünne Moosdecke. Dilga verlor das Gleichgewicht und schlug mit dem Hinterkopf gegen die Felswand. Um ihn herum wurde es dunkel.

*

2.Kapitel

Das Erste was er fühlte waren Kopfschmerzen. In einer unbewussten Geste fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen und schmeckte Blut. Dilga öffnete die Augen. Es blieb dunkel. Einen Moment wallte Panik in ihm hoch. Hatte er sein Augenlicht verloren?

Er versuchte sich zu erinnern, wo er war. In Gedanken sah er Milanas Gesicht vor sich. Das seidig schimmernde, goldene Haar, ihre makellose weiße Haut und diese Augen. Der spezielle Blick, mit dem sie ihn angesehen hatte und dann die Kälte in ihnen und die Gier nach Blut, als sie ihrem Vater vorgeschlagen hatte ihn zu Tode zu hetzen.

Vorsichtig richtete Dilga sich auf. Seine Beine waren taub. Er konnte sie bewegen, aber er fühlte sie nicht. Was war mit ihm passiert? Es kostete ihn Kraft vom Boden aufzustehen. Ihm war schwindelig und auf Beinen zu stehen, die man nicht spürte, war nicht einfach. Tastend schob er einen Fuß nach vorn und verlor das Gleichgewicht. Hart schlug er mit der Schulter gegen Stein. Sein Stöhnen wurde mehrfach zurückgeworfen. Er war also nicht unter freiem Himmel.

Hatte man ihn gefangen genommen und in ein Verlies geworfen? Nein! Diese Mühe hätte Oleg sich kaum gemacht. Er hätte ihn sofort getötet und sicher nicht schnell. Dilga lehnte sich an den Fels und konzentrierte sich auf seine Erinnerung. Sie waren ihm dicht auf den Fersen gewesen und er konnte kaum noch gehen vor Durst, dann hatte er Wasser gefunden und auf einmal war da ein Satyr gewesen.

Der Satyr! Sein Herz schlug schneller. Deutlich erinnerte er sich an ihn. Das Monster hatte mit ihm gesprochen und gesagt, dass es ihn zum Essen mitnehmen wollte. Erneut wallte Panik in ihm hoch. Dilga taumelte ein paar Schritte vorwärts. Abermals ließen seine Kräfte ihn im Stich. Er sank auf die Knie und übergab sich.

Unbarmherzig warfen die Wände auch dieses Geräusch zurück. Tränen rannen ihm über die Wangen. Er hatte seinen Tod immer auf dem Schlachtfeld gesehen. Mit Glück durch einen gut gezielten Schwerthieb. Aber hier zu sitzen und darauf zu warten, aufgefressen zu werden, war grausam. Unvermittelt dachte er an Delia. Seine Mentorin. Sie hatte sich seiner angenommen, nachdem er von zu Haus fortgelaufen war. Ihr Motto war: »Solange du am Leben bist, hast du eine Chance!« Was würde sie tun? Gar nicht erst in so eine dämliche Situation geraten!

Dilga zwang sich zur Ruhe. Er atmete mehrmals tief ein und aus. Seine Chance war vielleicht nicht groß, aber solange er nicht aufgab, hatte er zumindest eine. Als erstes musste er diese Höhle erkunden und den Ausgang finden. Wer weiß, möglicherweise fand er sogar etwas, das er als Waffe verwenden konnte. Auf keinen Fall würde der Satyr einen willenlosen Gefangenen vorfinden, wenn er zurückkehrte.

Entschlossen rappelte er sich auf. Das Gefühl in seinen Beinen war zurückgekehrt. Dilga nahm das als gutes Omen und ging los; langsam und vorsichtig, bis er eine Wand fand, an der er sich entlang tasten konnte.

*

Dilga glaubte nicht länger in der Speisekammer des Satyrs zu sein. Seine Erinnerung war mittlerweile vollständig zurückgekehrt und er hatte sich zusammengereimt, was geschehen sein musste. Er war durch ein Loch in den Berg gestürzt und hatte großes Glück gehabt, dass er diesen Sturz überlebt hatte.

Oder Pech, dachte er sarkastisch. Immerhin hatte er ja den Plan gehabt, sich lieber in den Tod zu stürzen, als von dem Satyr gefressen zu werden. Er seufzte. Diese Wand nahm einfach kein Ende. Sie gehörte zu einem endlosen Tunnel, von dem zu beiden Seiten weitere Gänge abzweigten. Er stolperte und fing sich mit beiden Händen am rauen Fels ab. Mit einer Hand streifte er einen steinernen Vorsprung. Eine Art Felsnase, die in Kniehöhe aus dem Stein ragte. Er setzte sich darauf und lauschte. Außer einem gelegentlichen Rascheln und dem Pfeifen von Wind war nichts zu hören.

Dilga massierte sich die Schläfen. Die heftigen Kopfschmerzen hatten nachgelassen, dafür fühlte er den Durst wieder deutlich und ihm war kalt. Aber daran würde sich auch nichts ändern, wenn er hier herumsaß. Er zwang sich wieder auf die Beine. Mit ausgestreckten Händen, wie ein Blinder, tastete er sich weiter an der endlosen Wand entlang.

Quälend langsam kam er voran. Minutenlang oder auch Stunden. Vielleicht waren es sogar Tage. Er konnte es nicht sagen. Er hatte längst jedes Gefühl für Zeit verloren und stolperte einfach nur immer weiter. Wie in einem Alptraum. Aber vielleicht war es genau das: Ein Traum! Sein Körper lag zerschmettert im Abgrund und sein Kopf träumte sich in den Tod.

Aber spürte man in einem Traum so deutlich Durst? Seine Zunge lag wie ein pelziger Klumpen in seinem Mund. Außerdem war er müde und erschöpft. Dilga stolperte und fiel auf die Knie. Wenn das hier ein Traum war, aus dem es ohnehin kein Erwachen mehr gab, dann konnte er sich doch einfach hier hinlegen und ausruhen.

Wieder sah er Milanas Gesicht vor sich. Das war alles ihre Schuld. Dieses verzogene arrogante Luder. Oleg wollte ihn auspeitschen lassen, aber seiner Tochter war das nicht genug gewesen. Sie war ebenso grausam wie schön und sie wollte seinen Tod. Aber keinen schnellen!

Oleg hatte ihm einen lächerlichen Vorsprung gewährt und auf Hunde verzichtet. Aber seine Waffen und die Rüstung hatten sie ihm abgenommen. Nicht einmal ein Messer hatten sie ihm gelassen. Oder etwas Wasser. Vor Wut krampften sich seine Hände zusammen. Einen Augenblick stellte er sich vor, Milanas Hals zwischen seinen Fingern zu haben. Sie sollte nicht triumphieren!

Er sprang viel zu schnell auf. Es fühlte sich an, als ob ihm jemand einen Stoß versetzte und er fiel nach vorn. Mit einer Hand landete er auf etwas Weichem, das empört quiekte. Eine Ratte und sie verbiss sich in seinen Daumen. Dilga schrie auf und schleuderte das Tier durch die Luft. Es klatschte und sie quiekte erneut, dann hörte er sie davon huschen. Blut tropfte von seinem Daumen. Er leckte es ab. Ratten brauchten Wasser, schoss es ihm durch den Kopf. Schwankend lehnte er sich an die Wand und lauschte auf das Geräusch der trippelnden Pfoten.

*

Die Ratte hatte er nicht wieder gefunden und auch kein Wasser. Ohne sich dessen bewusst zu sein, war Dilga an einem Felsen heruntergerutscht und saß auf dem Hintern. Ihm war abwechselnd heiß und kalt und immer wieder musste er sich übergeben. Das war unangenehm und tat weh, da er längst nichts mehr im Magen hatte.

Mühsam stemmte er sich wieder hoch. Er brauchte mehrere Versuche, bis er wieder auf den Beinen stand. Blind vor Erschöpfung und Entkräftung schleppte er sich voran. Die Geräusche drangen verzerrt an seine Ohren und er bewegte sich wie durch einen finsteren, substanzlosen Äther. Etwas berührte seine Wange, sanft und weich wie Spinnenweben. Angewidert wischte er sich übers Gesicht. Er verabscheute Krabbeltiere. Das Gefühl der Berührung blieb und es dauerte einen Augenblick, bis er begriff, dass er einen Luftzug fühlte. Das konnte einen Ausgang aus diesem Berg bedeuten. Der Gedanke gab ihm neue Energie und er taumelte weiter.

Ein Schlag traf seine Stirn und Dilga brach in die Knie. Ergeben wartete er auf den nächsten Schlag. Vergeblich. Mühsam stemmte er sich wieder hoch und tastete blind vor sich in der Luft herum. Seine Finger fanden einen natürlichen Torbogen.

Der Tunnel wurde niedriger. Er musste sich einen anderen Weg suchen, wenn er nicht gebückt gehen wollte. Ein paar Meter zurück war er an einer Abzweigung vorbeigekommen. Dilga kehrte um. Er fand die Abzweigung und stapfte hinein. Nach einigen Metern fühlte er mit der Hand, mit der er sich immer noch an der Wand entlang tastete, Feuchtigkeit. Vorsichtig leckte er seine Finger ab. Das war Wasser! Ein feiner Film Flüssigkeit rann die Wand hinunter. Gierig hielt er seine Zunge darunter. Es war warm und schmeckte metallisch, aber es war ohne Zweifel Wasser und es löschte seinen schlimmsten Durst.

Dilga lachte und weinte gleichzeitig, während er mit der Zunge das Nass vom Felsen leckte. Mit jedem Tropfen kehrte seine Kraft etwas mehr zurück und mit ihr die Hoffnung. Erschöpft sank er schließlich neben dem Wasserfilm gegen die Felswand. Da erst hörte er das Klacken. Es war direkt vor ihm und so leise, dass es knapp über der Hörgrenze lag.

Alarmiert richtete er sich auf. Das klang nach Holz, das gegen eine Wand schlug. Vielleicht war das hier eine alte Mine. Wenn er einen bearbeiteten Schacht fand, konnte der ihn hinausführen. Er stemmte sich hoch und lief los. Narrten ihn seine Augen oder war dort vor ihm Licht? Er mobilisierte seine Reserven und rannte. Sein Blick saugte sich an dem hellen, unsteten Fleck fest. Er war gelbrot und flackerte anheimelnd, wie ein Kaminfeuer.

In dem engen Tunnel hallten seine Schritte wie Hammerschläge. Es war ihm egal. Er wollte nur noch heraus aus dieser scheußlichen Dunkelheit. Seitenstiche stoppten ihn schließlich. Die kurze Pause reichte aus, dass seine Vernunft sich wieder Gehör verschaffte. Was er hier tat war Wahnsinn. Einfach blind und ohne jede Vorsicht zum Licht zu rennen. Tageslicht flackerte nicht! Das dort vorn sah nicht nur aus wie ein Feuer. Das war ein Feuer!

Wenn dies wirklich eine Mine war, konnte es ein Grubenbrand sein und dem kam man besser nicht zu nah. Bestenfalls unterhielten es Menschen und selbst dann konnte er nicht sicher sein, dass sie ihn willkommen hießen. Das war sogar eher unwahrscheinlich. Er wollte sich lieber nicht vorstellen, wie er aussah und roch. Er schalt sich einen Narren. Mit seinem ungestümen Rennen hatte ersich vielleicht schon verraten und man erwartete ihn mit gezogenen Waffen. Allerdings hörte er keine Stimmen. Überhaupt keine Geräusche, bis auf das Klacken, das lauter geworden war und irgendwie rhythmisch.

Langsam und bedeutend vorsichtiger, setzte er seinen Weg fort. Es wurde stetig heller und dann endete der Tunnel in einer großen Höhle, in deren Mitte ein beachtliches Feuer brannte. Dilga blieb am Eingang stehen. Das Feuer brannte in einer Feuerkuhle. Deutlich sah er die faustgroßen Steine, die rundherum aufgeschichtet lagen. Der restliche Boden der Höhle war mit hellem Sand bestreut, den man sorgfältig geglättet hatte.

Die Wärme und das Licht lockten ihn weiter. Er trat ein und sah sich um. Auf der gegenüberliegenden Seite führten zwei Gänge aus der Höhle hinaus. Aus einem davon kam das hölzerne Klacken. Er ging um das Feuer herum und stand plötzlich vor einem Altar. Ein niedriger, roh behauener Holztisch, mit bunten Vogelfedern geschmückt und mit Opfergaben vollgestellt. Dilga leckte sich die Lippen. Die Opferschalen waren einfache Tontöpfe, ohne Farbe oder Muster. Aber darin lagen verlockend aussehende Früchte. Trauben, Äpfel und irgendwas mit einer dicken Schale, das er nicht kannte.

Er schaute sich kurz um und vergewisserte sich, dass niemand zusah, dann nahm er sich einen Apfel und biss hinein. Saftig und ein wenig sauer. Er aß ihn auf und inspizierte den überladenen Tisch weiter. Ganz hinten, fast völlig verdeckt, standen zwei Pokale. Sie waren aus Metall und in ihnen glitzerte eine Flüssigkeit, klar wie Wasser. Nur die Oberfläche schimmerte ölig. Er griff danach. Zwischen den Pokalen hockte ein mumifizierter Vogel. Zwei kleine Hölzchen stützten den getrockneten Körper. Das Genick war gebrochen, damit der Schnabel in einem scharfen Winkel nach oben zeigen konnte. Direkt auf einen steinernen Götzen.

Eine annähernd menschliche Figur, vollkommen haarlos, mit einem birnenförmigen Körper und einer blassgrünen Haut. Ein Oger! Dilga zog die Hand zurück. Dabei stieß er einen der Pokale um. Ein scheußlicher Gestank breitete sich aus. Das hier war eine Kultstätte der Oger. Kleine grüne Menschenfresser! Sie waren kaum mannshoch und nicht sehr stark, aber sie traten immer in Rudeln auf. Und sie verstanden sich blendend darauf, ihre Opfer mit Gift zu betäuben. Hektisch sah er sich um. Noch schienen sie sein Eindringen nicht bemerkt zu haben. Dilga wandte sich dem Ausgang zu, aus dem kein Geräusch zu hören war und rannte erneut.

*

Der Länge nach stürzte er zu Boden. Sein Fuß hatte sich in einem Hindernis verheddert. Dilga fluchte lautlos. Das hatte man davon, wenn man die Nerven verlor! Er zog das Bein an. Sein Fuß hing fest. Woran, konnte er in der Dunkelheit nicht erkennen. Anscheinend hatte sich das Hosenbein in etwas verfangen. Er tastete mit den Händen danach. Mehrere harte krumme Dinge, die übereinander aufragten, wie eine stark verbogene Harke. Dumm, dass er aus der Höhle kein Licht hatte mitnehmen können. Aber wenn er in einer Ogerhöhle mit einer Fackel herumlief, konnte er sich ebenso gut eine Zielscheibe auf die Brust malen.

Es gelang ihm sein Hosenbein zu befreien. Hatten die Oger Fallen gelegt? Der Gedanke gefiel ihm nicht. Mit beiden Händen versuchte er in der Finsternis zu erkunden, was ihn aufgehalten hatte. Es war keine Falle. Nur ein Brustkorb! Dilga stieß ihn von sich. Der Form nach könnte es ein Mensch gewesen sein.

Vielleicht hatte der eine Waffe bei sich gehabt. Erneut tastete er im Dunkeln herum und fand weitere Knochen. Einen erkannte er als Unterarmknochen, aber zu dick für einen Menschen. Trotzdem suchte er weiter. Das hier war ein fast vollständiges Skelett, nur der Kopf fehlte und die Knochen wiesen Kerben auf. Das Fleisch war von ihnen abgeschabt worden und einige hatte man gespalten, um an das Mark zu kommen.

Seine Hand streifte eine primitiv gearbeitete Keule. Nägel stachen aus dem eiförmigen Kopf heraus. Sie war viel zu schwer für ihn. Das war die Waffe eines Gogs. Dilga verzog das Gesicht. Reichten ein intelligenter Satyr und menschenfressende Oger nicht aus? Musste es ausgerechnet auch noch ein Gog sein? Diese haarigen Menschen, mit der Intelligenz eines Schwachsinnigen, hassten andere Menschen.

Wenigstens wusste er jetzt, warum man diese Berge die ›Monsterberge‹ nannte. Dilga lauschte in der Dunkelheit. Gogs waren immer paarweise unterwegs, oder in kleinen Gruppen. Dieser musste sich verlaufen haben. Wahrscheinlich hatte der Gog sich am Altar aus den Pokalen bedient. Der Gestank und der tote Vogel hielten einen Gog nicht ab. Angespannt setzte er seinen Weg fort und folgte dem Tunnel in die Richtung, die er vor seinem Sturz eingeschlagen hatte. Mittlerweile plagte ihn wieder Durst und jetzt auch Hunger, außerdem war er furchtbar müde. Mechanisch stapfte er voran. Immer einen Fuß vor den anderen setzend. Von Zeit zu Zeit hob er den Kopf und starrte nach vorn in die Dunkelheit. Irrte er sich oder wurde es dort heller? Er ging weiter. Schneller. Er hatte sich nicht getäuscht. Das dort vorn war Licht. Und diesmal ohne Zweifel Tageslicht!

Die Wände des Tunnels wichen zurück und vor ihm lag eine riesige Grotte. Helles Sonnenlicht fiel von oben hinein. Einen Moment stand er einfach da und genoss das Licht und seine Wärme. Er blinzelte nach oben. Weit über ihm öffnete sich der Berg und er konnte den Himmel sehen. Die helle, gelbe Wintersonne und weiße Wölkchen zogen dort oben vorbei.

Irgendwie musste er da hoch! Geblendet vom Licht sah er sich um. Mitten in der Höhle war ein Loch im Boden. Er trat näher und schaute auf eine natürliche Galerie. Sie war fast einen Meter breit und endete in einem kleinen Wall. Dahinter fiel der Boden noch weiter ab. Er beugte sich vor und spähte hinunter.

»Dilga?«, rief der Satyr und sah ihn an.

Erschrocken zuckte Dilga zurück. Es widerstrebte ihm, wieder in die Dunkelheit zu fliehen, aber wenn er hier stehen blieb, war er in wenigen Minuten ein Gefangener des Satyrs. Schließlich konnte der fliegen.

Unvermittelt dröhnte ein abscheuliches Brüllen durch die Höhle, dann rollten ohrenzerreißende Echos durch den Gang. Er zögerte, blieb stehen und wandte sich um. Der Satyr fluchte, soviel konnte er erkennen, auch wenn er die Sprache nicht verstand. Sein Blick wanderte zwischen der Dunkelheit und dem Licht der Höhle hin und her. Unten wurde jetzt gekämpft. Er hörte das dumpfe Poltern einer Keule und den unverwechselbaren Klang einer Schwertklinge, die gegen Stein schlug oder auf Holz traf.

Ein Schwert? Verwirrt schaute er auf das Loch im Höhlenboden. Wie unter einem Zwang bewegten seine Beine sich zurück zu dem Loch. Unten kämpfte der Satyr mit einem Gog. In der Hand des Satyrs funkelte eine makellos geschmiedete Schwertklinge. Fasziniert blieb Dilga stehen und sah dem Kampf zu. Der Gog schwang eine riesige Keule und kämpfte mit roher Kraft, während sich der Satyr leicht wie ein Tänzer drehte. Mühelos wehrte er die gewaltigen Schläge des Gogs ab, der langsam begriff, dass er gegen den Satyr chancenlos war.

Auch Dilga hatte am Ausgang des Kampfes keinen Zweifel, trotzdem floh er nicht. Neugier und Angst rangen in ihm um die Oberhand. Warum war der Satyr hier? Hatte er sich die Mühe gemacht nach ihm zu suchen? Die Chance, dass er den Sturz überlebt hatte und den Weg hierher fand, war gering. Oder? Vielleicht nicht, wenn man diese Berge kannte. Und der Satyr kannte sie, daran zweifelte Dilga nicht. Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr.

Direkt unter ihm, auf der Galerie, lag ein kleiner magerer Oger und beobachtete den Kampf. Vielleicht war es nur ein Späher, vielleicht lauerten aber schon dutzende dieser niederträchtigen Kreaturen auf den Ausgang des Kampfes. Sie würden über den überlebenden Sieger herfallen und ihn töten. Er sollte das für sich nutzen und fliehen; sich lautlos zurückziehen, ehe die Oger auch auf ihn aufmerksam wurden. Dilgas Blick blieb an dem kurzen schartigen Schwert hängen, das die Kreatur am Gürtel trug. Leise löste er die Verschnürung, die sein Hemd vorne zusammenhielt und zog das Band heraus. Fest wickelte er es um seine Hände, dann sprang er. Dilga landete auf dem Rücken des Ogers und spürte, wie dessen dünne Wirbelsäule unter seinem Gewicht brach. Ehe der Oger schreien konnte, schlang Dilga ihm die provisorische Garotte um den Hals und erstickte ihn.

Er nahm der Leiche das Schwert ab und richtete sich auf. Keine Sekunde zu früh, denn vier weitere Oger drängten aus einem der Tunnel. Sie kreischten und stürzten sich auf ihn und als ob das ein Signal war, wurde es plötzlich in der Höhle lebendig. Von überall her drangen die Schreie der Kreaturen und sie strömten in die Höhle wie eine Flutwelle. Der Gog brüllte und schlug mit seiner Keule zwischen sie. Er fegte sie zur Seite und suchte sein Heil in der Flucht. Auch der Satyr mähte die kleinen Angreifer nieder und versuchte sich ihnen fliegend zu entziehen.

Dilga stürzte sich auf seine Gegner. Dem Ersten trat er gegen das Knie. Der Oger verlor die Balance und fiel über die Brüstung. Mit beiden Händen packte Dilga das Kurzschwert, schwang es wie eine Sichel vor sich und fegte einem der Angreifer den Kopf weg. Die beiden anderen wichen vor ihm zurück. Aggressiv setzte er nach. Die Oger verteidigten sich verzweifelt, aber sie hatten genauso wenige Chancen gegen ihn, wie er gegen zwei Satyr.

Einer der Beiden warf plötzlich sein Schwert weg und floh in den Gang hinein. Dilga fluchte. Er musste das beenden, oder er sah sich gleich einem ganzen Rudel dieser Unholde gegenüber. Mit einem harten Schlag von oben, warf er die verbliebene Kreatur auf die Knie. Ein zweiter Hieb spaltete ihr den Schädel. Er hob das zweite Kurzschwert auf und folgte dem fliehenden Oger in den Tunnel. Nicht weit vor sich hörte er die nackten Füße über den Stein platschen. Er zögerte kurz, bog dann aber in einen Seitentunnel ab und floh selbst.

*

Mit einer letzten Anstrengung zog er sich den Sims hinauf. Er war am Ende seiner Kräfte. Frustriert starrte Dilga auf die Wand. Hier ging es nicht weiter. Von unten hatte es wie ein Weg ausgesehen. Tatsächlich war es nur eine Nische im Felsen, nicht einmal hoch genug um aufrecht darin zu stehen. Ausgelaugt rollte er sich auf den Rücken und schaute in die Dunkelheit, dabei lauschte er angestrengt auf das Trappeln der kleinen Bestien.

Sie hatten ihn unbarmherzig verfolgt. Ihn durch die Tunnel gejagt und immer weiter vom Licht weggedrängt. Er war sich nicht sicher, ob er die Richtung noch wusste. Wenigstens schien er sie abgehängt zu haben. Er drehte sich auf den Bauch und spähte in den Tunnel hinunter. Alles war ruhig und von ihren qualmenden Talglichtern war nichts zu sehen.

Erschöpft sank sein Kopf auf die Unterarme. Die Ruhe war angenehm. Es tat gut hier zu liegen, sich zu strecken und den Muskeln eine kurze Entspannung zu gönnen. Kalt war ihm nicht mehr, aber der Durst war lästig. Warum hatte er nichts von dem Obst aus der Höhle mitgenommen? Der Apfel war ihm doch gut bekommen. Seine Gedanken glitten fort. Dunkelheit breitete sich über seinem Bewusstsein aus.

»Du stirbst«, tadelte ihn eine Frau.

Delia! Das war ihre Stimme. Sie hatte sich über ihn gebeugt. Deutlich sah er ihr Gesicht über sich. Die kurzen schwarzen Haare, ihre dunklen Augen und die sonnengebräunte Haut. Er streckte die Hand nach ihr aus, konnte sie aber nicht berühren. Sie zog die Stirn kraus. Ihre Augen wurden noch dunkler und begannen zu funkeln. Sie war wütend auf ihn.

»Steh auf, du verdammter Narr!«, schimpfte sie.

Dilga protestierte. Er wollte nur einen Moment hier liegen, sie ansehen und den Frieden genießen. Aber sie war unnachgiebig. Wie immer! Sie wandte sich von ihm ab, um ihn allein in der Dunkelheit zurück zu lassen. »Delia!«

Dilga öffnete die Augen und starrte auf den dunklen Stein vor seiner Nase. Er lag auf dem Bauch in der Felsnische und war eingeschlafen. Fluchend stemmte er sich hoch. Auf keinen Fall würde er so sterben. Hilflos und allein in der Dunkelheit. Er schwang die Beine über die Kante und rutschte ab. Seine Hände fanden keinen Halt. Hart schlug er auf dem Boden auf. Zum Glück war die Nische nicht so hoch gewesen, wie er beim hinaufklettern gedacht hatte.

Einen Moment blieb er sitzen, den Rücken an den Felsen gelehnt, und sortierte seine Sinne. Sollte er jemals hier herauskommen, dann würden Oleg und seine Tochter für alles bezahlen. Hass und Wut gaben ihm neue Kraft. Mühsam stand er auf und zog das Kurzschwert aus dem Gürtel. Das zweite Ogerschwert hatte er verloren. Dicht an der Wand entlang, ging er weiter. Der Weg führte jetzt deutlich bergauf und nach einiger Zeit wurde es heller. Er blieb stehen und rieb sich die Augen.

Das war kein Trugbild. Er konnte seine Finger sehen, schemenhaft zwar, aber immerhin. Misstrauisch starrte er auf seine Faust, die sich fest um den kurzen Griff der Waffe geschlossen hatte. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor. War das wirklich, oder lag er schon wieder schlafend in irgendeiner Ecke? Achselzuckend ging er weiter. Egal ob es ein Traum war oder Wirklichkeit. Er wollte hier raus und wenn das sein letzter Traum war, sollte er wenigstens ein gutes Ende haben.

Das Licht nahm stetig zu und bald konnte er Farben erkennen. Nicht, dass es da viel zu sehen gab. Seine Stiefel und die Hose waren von einem schmutzigen graubraun und das Hemd, das einmal weiß gewesen war, zierten jetzt alle möglichen Flecken. Einige davon aus getrocknetem Blut; Ogerblut und sein eigenes. Unvermittelt führte vor ihm eine Treppe nach oben. Dorthin, woher das Licht kam. Er grinste wild. So schnell ihn seine Beine trugen, rannte er die Stufen hinauf. Er spürte einen kalten Luftzug. Das war frische Luft! Nicht die nach Salz und Metall riechende Luft aus dem Inneren der Berge. Da oben gab es Wind und Licht. Und einen Ausgang. Erst langsam drangen die dünnen Fistelstimmen der Oger zu ihm durch. Im letzten Moment duckte er sich.

Vielleicht ein Dutzend dieser Kreaturen standen im Halbkreis um einen aufgeschichteten Holzstapel herum und sahen einem alten Oger zu, der sich mit zwei Hölzern abmühte ein Feuer zu entzünden. Die Haut des Alten war grau und mit allerlei Tand geschmückt. Dilga sah Knochen, Federn, Metall und eine Gabel, ohne Zweifel von Menschenhand geschaffen.

Das war ein Schamane, ein Rottenführer und Giftmischer. Sie entfernten sich niemals weit von ihren Stammhöhlen. Suchend sah Dilga sich um. Den Familienbau der Rotte konnte er nicht entdecken. Dafür sah er einen Ausgang aus der Höhle; auf der anderen Seite der Gruppe. Das war einfach nicht fair! Er hatte nicht mehr die Kraft, sich einen anderen Weg zu suchen.

Das getrocknete Gras, in dem der Schamane seine Hölzer rieb, begann zu qualmen. Bald würde dort ein großes Feuer lodern. Vier Oger brachten ein abgezogenes Schwein, das an einem Spieß hing. Er musste dort hinaus und zwar jetzt! Dilga starrte sein schartiges Kurzschwert an. Um da durch zu kommen und den Ausgang zu erreichen, brauchte er viel Glück und damit schien es zurzeit bei ihm nicht sehr gut bestellt zu sein. Er schloss die Augen. Vielleicht fand er wenigstens einen schnellen Tod im Kampf.

Das Schwert fest in der Hand sprang er auf und über die letzten Treppenstufen hinauf. Er riss die Waffe hoch über den Kopf. Brüllend rannte er direkt auf das Feuer zu. Echos warfen seine heisere Stimme zurück. Es klang, als ob ihm eine ganze Armee folgte. Die Oger sahen sich erschrocken um. Der alte Schamane richtete sich auf und hob einen knorrigen Stock, an dem ein Schädel baumelte, in die Höhe. Die Flammen in seinem Rücken verliehen ihm ein gespenstisches Aussehen.

Dilga packte das Schwert und stieß es dem nächsten Oger in die Seite. Die Kreatur fiel zu Boden und schrie erbärmlich, während sie mit beiden Händen versuchte, ihre heraus quellenden Gedärme festzuhalten. Erneut hob er sein Schwert und hieb einem weiteren Oger den Kopf ab. Der rollte dem Schamanen vor die Füße. Die vier Träger ließen ihren Spieß mit dem Schwein fallen. Dilga sprang drüber und stieß einen der Träger ins Feuer. Schrill gellten ihre Schmerzens- und Wutschreie durch die Höhle. In seinem Rücken brüllte voller Wut der Schamane.

Dilga rannte um sein Leben. Blasrohrpfeile fielen hinter ihm zu Boden. Er sollte Haken schlagen, um seinen Feinden das Zielen zu erschweren. Aber dazu reichte seine Kraft nicht mehr aus. Blind vor Erschöpfung und Angst rannte er weiter, seine Augen fest auf das Ziel gerichtet. Etwas streifte seinen Arm. Der kurze Pfeil blieb in seinem Ärmel stecken, ohne seine Haut zu verletzen. Er wischte ihn zur Seite. Dann spürte er einen Stich im Oberschenkel. Es brannte. Verzweifelt rannte Dilga weiter. Hinter sich hörte er seine Verfolger. Sie waren ihm dicht auf den Fersen. Um ihn herum prallten weitere Pfeile gegen die Felsen, dann stach ihm unvermittelt die Sonne in die Augen und in seinem Bein explodierten feurige Wellen. Er taumelte und fiel nach vorn in das Licht. Der Berghang hinter dem Ausgang war sehr steil und auf ihm lag Schnee. Dilgas taubes Bein knickte weg und er rutschte aus. Mit rudernden Armen stürzte er vornüber und rollte den steilen Hang hinunter.

Immer schneller rutschte er in einer Wolke aus nassem Schnee abwärts. Die Taubheit aus seinem Bein breitete sich über seinen ganzen Körper aus. Sie verhinderte, dass er die Prellungen spürte, die der lange Sturz ihm zufügte. Er rollte und rutschte, bis ihm übel wurde. Schließlich endete die rasende Fahrt. Dilga lag mit dem Gesicht im Schnee, aber er fühlte die Kälte nicht. Auch nicht die Feuchtigkeit, die durch seine dünne Kleidung drang. Er fühlte überhaupt nichts mehr.

*

3.Kapitel

Ihm war schrecklich kalt und er konnte sich nicht bewegen. Dilga wusste nicht, ob seine Augen offen oder geschlossen waren. Das einzige was er fühlte, war der harte Boden und das Brennen an seinem Bein. Er hatte das Bewusstsein verloren, wie lange er schon hier lag, konnte er nicht einmal schätzen.

Jemand berührte ihn. Eine Hand tastete seinen Körper ab. Die Oger! Sie hatten ihn gefunden. Er schluchzte lautlos. Finger legten sich auf seinen Hals, er hörte ein Grunzen und geriet in Panik. Er wollte sich wegrollen, aber es wurde nicht einmal ein Robben daraus, nur ein hilfloses Zucken. Aber das reichte aus, dass die Hand zurückgezogen wurde.

»Der lebt noch«, sagte eine Stimme.

Wie durch dichten Nebel drang sie an sein Ohr. Das war kein Oger. Da sprach ein Mensch.

»Hat sich jedenfalls bewegt«, stellte eine zweite Stimme lakonisch fest.

Dilga versuchte zu sprechen, aber seine Zunge gehorchte ihm nicht.

»Hat er was bei sich?«, fragte eine weitere Stimme.

Sie war deutlich höher als die anderen, die er bisher gehört hatte. Seine Taschen wurden durchsucht. Dann drehte man ihn auf den Rücken. Grobe Hände rissen sein Hemd am Kragen auseinander.

»Nichts«, stellte eine der Stimmen enttäuscht fest.

Dilga drohte das Bewusstsein zu schwinden. Er wehrte sich dagegen.

»Hier.« Das war wieder die erste Stimme. »Kürze sein Leiden ab!«

Ein Schatten fiel über ihn. Nein! Er wollte leben! Verzweifelt versuchte Dilga sich hochzustemmen, aber sein Körper gehorchte ihm nicht.

»Der hat noch nicht aufgegeben«, lachte der Lakonische erstaunt.

»Wo ist er verletzt?«, brummte ein dunkler Bass. »Ich sehe kein Blut.«

»Zum Schlafen wird er sich hier wohl nicht hingelegt haben.«

»Ob das Marodeure waren?«, sinnierte der Mann, der vorgeschlagen hatte, ihn von seinen Leiden zu erlösen.

Diese Vorstellung schien ihnen Angst zu machen. Der Mann, der sich neben ihn in den Schnee gekniet hatte, stand wieder auf. Eine Weile debattierten sie herum. Dilga konnte nicht mehr verstehen, was sie sagten. Ihre Stimmen entfernten sich immer weiter.

Ein heller Schmerz fuhr plötzlich durch seinen Oberschenkel und holte ihn ins Bewusstsein zurück. Blut lief ihm warm übers Bein. Der mit der dunklen Stimme hockte jetzt neben ihm. Dicht über seinen Schultern hörte Dilga ihn sprechen. Das Wort Oger fiel, dann redete jemand über Kochtöpfe und sie lachten rau. Wieder drohten ihm seine Sinne zu entgleiten.

Mit schier übermenschlicher Kraft gelang es ihm die Augen aufzureißen. Über ihm schwebte ein breites Gesicht, das zur Hälfte hinter einem wilden schwarzen Bart verschwand. Dunkle Augen starrten ihn überrascht an. Hinter dem Bärtigen stand ein Mann mit einer Mütze und einer Axt, die er zum Schlag erhoben hatte.

»He!« Der Bärtige lächelte kurz.

Dilgas Augäpfel verdrehten sich in ihren Höhlen. Die Welt kreiste um ihn herum, dann wurde es dunkel.

*

Das Erste, was Dilga registrierte, war die angenehme Wärme und der Geruch nach Essen. Er lebte! Erleichtert öffnete er die Augen. Über sich sah er eine hölzerne Decke an der Würste zum Trocknen hingen. Die Männer, deren Stimmen er gehört hatte, hatten ihn gerettet. Matt schloss er die Augen wieder und horchte in sich hinein.

Er war nackt. Man hatte seine Wunden verbunden und ihn in eine Decke gewickelt. Vorsichtig versuchte er die Finger und Zehen zu bewegen. Die Taubheit war aus seinem Körper verschwunden und er schien sich auch nichts gebrochen zu haben. Einen Augenblick genoss er die Geborgenheit, dann öffnete er seine Augen ein zweites Mal.

Diesmal schaute er sich um. Er war in einer einfachen Hütte. Sie hatte nur einen Raum und einen offenen Dachboden. Oben konnte er mehrere Schlafstellen erkennen. Einfache, mit Stroh gefüllte Matratzen, wie die, auf der er lag. Das Zimmer war spartanisch eingerichtet. Es gab einen Tisch mit zwei Bänken, ein paar Regale und einen Kamin, in dem ein behagliches Feuer brannte. Außerdem hing ein Topf über den Flammen, aus dem es verlockend duftete. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen.

Am Tisch stand ein grobschlächtiger Riese und säbelte mit einem Messer dicke Scheiben von einem Brotlaib ab, die er auf einige Teller verteilte. Vorsichtig hob Dilga den Kopf.

Der Mann hörte ihn und wandte sich zu ihm um. »Wieder alle Sinne beisammen?«

Dilga nickte. Er fühlte sich schwach, aber sonst gut. »Danke!«, sagte er.

»Wofür?«, fragte der Riese erstaunt.

»Dafür, dass du mich gerettet hast.«

Das Grinsen wurde eine Spur bösartig. »Da dankst du dem Falschen. Das war nicht meine Idee. Mort wollte dich nicht deinem Schicksal überlassen.« Der Mann nahm eine flache Schüssel und kam zu ihm herüber. »Schaffst du das allein oder muss ich dich füttern?«

Es gelang Dilga sich soweit aufzurichten, dass er die Schale entgegennehmen konnte. Mit Genuss schlürfte er etwas von der kräftigen Fleischsuppe. Sie war würzig und schmeckte köstlich.

Der Mann zog sich einen Schemel heran und setzte sich neben ihn. »Mein Name ist Barton.«

»Dilga«, erwiderte er, ohne im Essen inne zu halten.

»Du musst mir ein paar Fragen beantworten, Dilga.«

Er kaute einen dicken Fleischbrocken und bekundete sein Einverständnis mit einem Nicken.

»Wer bist du und wie bist du in diese Lage gekommen?«

Jetzt musste er vorsichtig sein. Er hatte keine Ahnung, was das für Männer waren. Womöglich gehörten sie zu Oleg. Kurz fasste er die Ereignisse zusammen. Dass er seinen Dienstherrn verärgert hatte, geflohen war und einige Monster getroffen hatte.

»Ein Söldner«, stellte Barton fest und verzog das Gesicht.

Dilga konnte es ihm nicht verdenken. Die meisten Söldner waren keine Zierde der Menschheit.

»Für Oleg hast du gearbeitet?«, fragte Barton misstrauisch und sah ihn eigenartig an. »Du redest von dem Oligarchen aus Tyralon?«

Wie Barton den Namen aussprach, verriet Dilga, dass er den Mann nicht schätzte. Aber da war noch etwas anderes in seinen Augen und seiner Stimme. Etwas, das Dilga nicht deuten konnte. Er schlürfte den Rest Suppe, gab Barton die leere Schüssel zurück und nickte schweigend.

Barton blieb sitzen und drehte die leere Schale in seinen Händen. »Wir sind hier in Askalon!«, sagte er schließlich.

Es dauerte einen Moment, bis Dilga diese Information verarbeitet hatte. Askalon! Die Monsterberge trennten das Königreich von Tyralon. Er war auf der anderen Seite der Berge. Das war doch nicht möglich! Oder doch? Es war wenigstens vier Tage her, dass Milana seine Fesseln gelöst hatte.

Draußen näherten sich Schritte. »Da kommen die anderen.« Barton machte keine Anstalten aufzustehen.

Krachend flog die Tür auf und vier Männer kamen in die Hütte. Sie trugen schwere Nagelstiefel, grobe Hosen und waren in dicke Mäntel gehüllt. Um ihre Gesichter hatten sie Schals geschlungen, so dass man nur ihre rot gefrorenen Nasen und die Augen sah. Trotzdem erkannte Dilga den mit dem wilden schwarzen Bart, der sich über ihn gebeugt hatte.

»Unser Gast ist wach«, brummte der Bärtige mit seinem tiefen Bass. Er wickelte seinen Schal ab und hängte den Mantel an einen Haken neben der Tür.

»Das ist Mort. Ihm verdankst du dein Leben«, erklärte Barton und deutete auf den Schwarzbart.

»Wir hatten wenig Hoffnung, dass du es schaffst«, sagte Mort und kam zum Bett herüber. »Du bist immer noch ziemlich blass!«

Die anderen Drei schälten sich aus ihren Mänteln und gesellten sich zu Mort. Mit Ausnahme von einem, der eine speckige Mütze auf seiner Glatze trug, waren sie genau solche Hünen wie Barton. Grobschlächtige Männer, deren Muskelberge ihre Bewegungen linkisch wirken ließen.

Barton stellte sie ihm vor. Bela, der auch ohne seine grauen Haare als Ältester der Fünf zu erkennen war. Arndt, dessen misstrauischer Blick ihn förmlich durchbohrte und Sägg, der Kleinste der Runde. Er war der mit der hohen Stimme, die vorgeschlagen hatte, ihn von seinem Leiden zu erlösen. Die Fünf waren Holzfäller, die das ganze Jahr über in den Monsterbergen lebten. »Unser Gast heißt Dilga«, führte Barton die Vorstellung fort. »Er ist ein Söldner und aus Tyralon geflohen.«

Sie starrten ihn an. Genauso, wie zuvor Barton.

»Tyralon?« Arndt dehnte die Silben des Wortes.

»Wie?«, fragte Sägg. Ihr Misstrauen war greifbar.

»Vielleicht setzen wir uns an den Tisch, dann kann er uns beim Essen mit seiner Geschichte unterhalten.« Mort deutete mit dem Kopf zum Tisch. Ohne Zweifel war er der Anführer der Gruppe. »Bist du kräftig genug, um dich zu uns zu setzen und zu antworten?«

Dilga nickte. »Wo sind meine Sachen?« Fragend sah er Barton an.»Ich hab sie gewaschen und geflickt.« Barton stand jetzt am Feuer und füllte eine Suppenterrine aus dem Kessel. »Du kriegst sie nachher wieder.« Er stellte die Terrine auf den Tisch und füllte die Schalen.

Dilga blieb nichts anderes übrig, als sich in die Wolldecke gewickelt an den Tisch zu setzen. Eingezwängt zwischen Bela und Barton nahm er eine weitere gefüllte Suppenschale entgegen. Mort reichte ihm eine Scheibe Brot dazu. Die Männer langten kräftig zu, während sie seiner Erzählung lauschten. Außer der Suppe, gab es Brot, Schmalz, Zwiebeln und saures Bier.

»Einem Satyr bist du entkommen«, stellte Mort anerkennend fest. »Das sind die schlimmsten Monster hier in den Bergen!«

Das bezweifelte Dilga, doch bis er diese Männer besser kannte, behielt er seine Einschätzung lieber für sich.

Sie stellten ihm weitere Fragen, vergewisserten sich, dass sie seine Geschichte richtig verstanden hatten. Es fiel ihnen sichtlich schwer ihm zu glauben.

»Wieso musstest du aus Tyralon fliehen?«, wechselte Mort das Thema.

Bisher hatte er sich nur wenig am Gespräch beteiligt. Jetzt brachte seine Frage die anderen zum Schweigen. Dilga spürte ihre Blicke und überlegte sich seine Antwort sorgfältig.

»Ich hab mich ungebührlich verhalten und Oleg beleidigt.« Das war eine Erklärung, die sie glauben konnten und sie war nicht weit von der Wahrheit entfernt. Milanas Begehren abzulehnen, stand ihm nach den Bräuchen nicht zu.

»Hast du ihn bestohlen?«, hakte Sägg nach.

Dilga schüttelte den Kopf. Er war müde und hatte keine Lust, noch länger auf ihre Fragen zu antworten. Außerdem stieg ihm das Bier zu Kopf.

»Du fällst ja vor Müdigkeit fast von der Bank«, meinte Barton mitfühlend. »Ich denke wir sollten ihn jetzt in Ruhe lassen. Schließlich ist er gerade erst aufgewacht.« Dankbar nickte er Barton zu.

*

Dank Bartons Kochkünsten, erholte sich Dilga in wenigen Tagen. Heute wollte er zum ersten Mal die Hütte verlassen. Mort hatte ihm zu seinen eigenen Sachen noch einen gefütterten Umhang, einen Schal und ein paar dicke Socken gegeben. Die Sachen waren nicht neu und an einigen Stellen geflickt, gleichwohl waren sie großzügige Geschenke. Die Männer hatten selbst nicht viel und im Winter war ihr Leben hart. Trotzdem hatten sie bisher nicht einmal eine Gegenleistung von ihm verlangt und das machte ihm Sorgen.

Sie hatten Angst vor ihm, je mehr er zu Kräften kam. Mit Ausnahme von Bela vielleicht. Der Alte unterschied sich in mancherlei Hinsicht von seinen Kameraden. Dilga band sich den Schal um und verließ die Hütte. Vor der Tür blieb er einen Moment stehen und genoss die frische Luft und die Wintersonne. Der Platz vor dem Haus war sorgfältig vom Schnee befreit worden, so dass Dilga die abgedeckten Beete sehen konnte. Bela baute hier, gemeinsam mit Barton, zum Sommer hin Kräuter und Gemüse an. Das hatten sie ihm am vergangenen Abend erzählt.

Ein breiter Weg, der an der Tür begann, führte den Berg hinunter. Nach rechts lief ein kleiner Pfad zu einem Schuppen. Dort bewahrten die Männer ihren Vorrat an Brennholz auf. Vor dem Verschlag standen mehrere große Körbe, in denen sie Späne und andere Holzabfälle sammelten. Daneben stapelten sich die Baumstämme, die sie im Spätsommer und im Herbst geschlagen hatten. Beeindruckt betrachtete Dilga die Baumgiganten. Allein sie zu fällen musste eine Menge Arbeit gewesen sein. Ganz zu schweigen davon, sie anschließend hierher zu schleppen. Das konnten die Männer unmöglich ohne ein Zugtier geschafft haben.

Er ging zu dem Stapel hinüber. Die Äste entfernten sie bereits im Wald, soviel wusste er aus seiner Kindheit. Dilga legte eine Hand an einen der rauen Stämme und versank einen Moment in seinen Erinnerungen. Holzfäller! Die waren fast so geheimnisvoll gewesen wie Gaukler und Söldner. Sie kamen nur selten ins Dorf und blieben für sich, auch wenn sie Familie unter den Bauern und Handwerkern hatten. Mort und seine Leute schienen das ähnlich zu halten.

Dilga schüttelte die Erinnerung ab und setzte seine Runde um das Haus fort. Auf der Rückseite reichte der Wald fast bis an die Hütte heran. Hier lag alles im Schatten und der Schnee türmte sich an der Wand. Er zog seinen Umhang fester zu und beeilte sich wieder in die Sonne zu kommen. Auf der Vorderseite, neben dem einzigen Fenster, hatte er eine Bank gesehen. Jetzt saß Mort dort und rauchte.Dilga zögerte einen Moment, dann setzte er sich zu ihm.

»Die Anderen werden bald zurück sein«, meinte Mort schmauchend.

Bela war mit Arndt und Sägg losgezogen, um ihre Fallen zu kontrollieren. Die Männer gehörten zum Eigengut des Königs und hatten von ihm die Erlaubnis zur Jagd. »Fangt ihr viel?« Mort schüttelte den Kopf. »Im Sommer geht es noch, aber im Winter höchstens mal ein halb verhungertes Kaninchen oder einen Vogel, dem zum Fliegen die Kraft fehlt.«

»Ich habe gesehen, dass ihr einen Jagdbogen habt.«

»Der gehört Barton«, lachte Mort. »Den hat er sich als Tilgung einer Schuld aufschwatzen lassen. Er dachte, er könnte damit unseren Speiseplan aufbessern. Aber außer ein paar Bäumen und Sträuchern hat er nicht viel geschossen.«

Dilga fiel in das Lachen ein. Die meisten unterschätzten, welche Fertigkeit es verlangte mit einem Bogen umzugehen. Mort bot ihm seinen Tabaksbeutel an und er schüttelte den Kopf. Rauchen war keine gute Idee wenn man hin und wieder unentdeckt bleiben wollte. Der Rauch haftete einem noch nach Tagen an. Da half auch das geschickteste Schleichen nichts, wenn man von diesem Gestank umgeben war.

»Wie hattest du vor, durch den Winter zu kommen?«, fragte Mort neugierig. Das Wort Marodeur lag in der Luft, auch wenn Mort es nicht direkt aussprach.

»Darüber habe ich bisher noch nicht nachgedacht«, antwortete Dilga ausweichend.

»Hast du dich schon einmal durch Stehlen am Leben gehalten?«, bohrte Mort direkt.

Endlich war es heraus. Die Männer fürchteten, was er tun könnte, jetzt da er wieder gesund war. »Ich ermorde niemanden. Schon gar nicht, wenn er mein Leben gerettet hat«, stellte er klar.

Mort zog bedächtig an seiner Pfeife und stieß den Rauch in Kringeln aus. »Habe ich darauf dein Wort?«, fragte er, nach einem kurzen Schweigen.

»Aye. Ich gebe dir mein Wort und das Versprechen, dass ich nicht tatenlos zusehen werde, wenn man euch schaden will.«

*

Die Drei hatten kein Glück gehabt. Durchgefroren und erschöpft kehrten sie zur Hütte zurück. Dilga half Mort gerade dabei, einen der Strohsäcke, die ihnen als Bettstatt dienten, neu zu stopfen. Barton hatte die Rückkehrer ebenfalls gehört und lugte voller Hoffnung aus der Bodenluke, die in den Keller führte. Dort bewahrten sie den Hauptteil ihrer Vorräte auf; eingelegtes Gemüse, gepökeltes Fleisch, lagerfähiges Obst und Käse. Am Vortag war Dilga mit Barton zusammen unten gewesen, um drei größere Schinken und das Rückenteil eines Rindes umzulagern. Im Winter musste man vor allem Fleisch und Käse regelmäßig kontrollieren, damit sich keine Maden oder andere Schädlinge daran gütlich taten.

»Essen wir halt Gemüsesuppe.« Barton klettere aus dem Loch und legte einen halben Laib Käse auf den Tisch. »Ich reibe etwas davon rein, dann wird es schön sämig.«

»Ich hätte gern mal wieder ein gescheites Stück Fleisch«, maulte Arndt.

»Wie wäre es mit Wild oder einem fetten Vogel?«, fragte Dilga beiläufig.

»Oh ja! Mit Soße und frischen Beeren.« Sägg schnalzte mit der Zunge und setzte sich auf seinen Platz. Er zog sein Messer aus dem Gürtel und kratzte eine großzügige Portion Schmalz aus dem Tontopf.

»Du meinst das ernst?«, stellte Barton erstaunt fest.

»Wenn du mir deinen Bogen leihst.« Das Feixen verstummte. Sie begriffen, dass er keinen Spaß machte.

»Du würdest für uns jagen?«, hakte Barton ungläubig nach.

»Ich steh in eurer Schuld und ich möchte sie gern abtragen.«

»Ich schenk dir das Ding, wenn es dafür Fleisch gibt«, versprach Barton mit leuchtenden Augen.

»Ich kann dir auch beibringen, wie man mit einem Bogen schießt«, bot Dilga Barton an. Barton winkte lachend ab. Er kramte den Bogen hinter der Kiste mit den Lederresten hervor. Dilga nahm ihn und testete die Zugkraft der Sehne. »Die muss in absehbarer Zeit ausgetauscht werden.« Er hob den Bogen und visierte eine der Würste an der Decke an. »Und etwas zum Schießen wäre auch nicht schlecht.«

»Klar!« Barton deutete nach draußen. »Pfeile hab ich im Schuppen noch ein paar.«

»Kannst du die Sehne selbst austauschen?« Bela, der bereits am Tisch saß und an einem Stück Brot knabberte, musterte ihn aufmerksam.

Dilga nickte. »Einen Jagdbogen kann ich reparieren und notfalls auch Pfeile herstellen. Solche ohne Metallspitze jedenfalls.«

»Klasse!«, freute Barton sich, wie ein Kind. »Wenn du willst, können wir morgen auf die Pirsch gehen.«

»Sicher!« Die Aussicht seinen Muskeln etwas Bewegung zu verschaffen, gefiel Dilga.

Die Männer setzten sich an den Tisch und Barton trug die heiße Suppe auf. Ein einfaches Rezept, mit Gemüse und einer nahrhaften Wurzelsorte. Dilga füllte sich seine Schale und streute etwas von dem Käse, den Barton mit einer hölzernen Reibe zerkleinert hatte, auf seine Suppe.

*

Er hatte Glück gehabt und ein gut genährtes Wildschaf geschossen. Das gab nicht nur Fleisch, sondern auch Wolle und Leder. Selbst Arndt und Sägg hatten ihm begeistert auf die Schulter geklopft. Mort hatte das Schaf zerlegt und Dilga hatte Barton bei der Zubereitung des Essens geholfen. Er hatte unterwegs ein paar Kräuter gesammelt, von denen er wusste, dass sie den Geschmack von Wild ausgezeichnet hervorhoben. Jetzt saßen sie zusammen und ließen sich den Braten schmecken.

»Kann ich dich überreden den Winter über hier zu bleiben?« Mit seiner Frage unterbrach Mort Barton, der zum wiederholten Mal begeistert erzählte, dass Dilga das Schaf mit einem einzigen Schuss erlegt hatte, über eine Distanz von gut fünfzig Schritten.

»Da musst du nicht lange bitten.« Mit Gewalt brach Dilga ein einzelnes Rippchen des Schafs ab und legte es auf sein Brett.

»Weil wir dein Leben gerettet haben?« Sägg ignorierte großzügig, dass das nicht seine Idee gewesen war.

Dilga nickte und fügte hinzu: »Und weil es ein warmes Bett in einer lausig kalten Jahreszeit bedeutet.«

»Nicht leicht für Söldner im Winter«, stellte Mort fest. Dilga nickte schweigend und trank einen Schluck Soße.

»Dann ist es abgemacht? Ich begleite dich morgen gern wieder«, meinte Barton.

»Das könnte dir so passen!« Mort warf Barton einen finsteren Blick zu. »Dich vor der Arbeit drücken. Wir wechseln uns ab damit, Dilga zu begleiten. Morgen gehe ich mit!« Eine Weile stritten sie gutmütig miteinander. Barton versuchte zu argumentieren, warum er am besten geeignet war, Dilga zu begleiten. Er verwies darauf, dass er den Küchendienst versah und wenn Dilga ihm dabei half, sei es nur logisch, dass sie sich auch die Jagd teilten.

»Wenn du so gern jagen willst, kannst du mich morgen begleiten um unsere Fallen zu kontrollieren«, bot Sägg an.

»Wenn ich mich recht erinnere, hat Dilga angeboten für uns zu jagen und nicht als Koch zu arbeiten«, wandte Bela ein. »Auch wenn ich sagen muss, dass du dich mit Kräutern besser auszukennen scheinst als Barton.«

Barton war, was Kräuter anging, so etwas wie Belas Schüler. Das hatte der Holzfäller ihm auf ihrem Ausflug erzählt. »Eigentlich nur ein Nebeneffekt.« Dilga verstand die unausgesprochene Frage. »Ich hab vor einigen Jahren angefangen mich für Heilkräuter zu interessieren.«

»Du verstehst dich aufs Heilen?« Bela war beeindruckt.

»Das ist zu viel gesagt. Nein!« Dilga schüttelte den Kopf. »Ich kann kleinere Blessuren und Wunden versorgen. Das ist alles.« Und auch das war nicht die ganze Wahrheit. Eigentlich hatte Delia angefangen, ihn mit Giften auszubilden. Dilga zog das breite Jagdmesser, das Barton ihm überlassen hatte, aus dem Gürtel und zerteilte den restlichen Braten in der Mitte, so dass es einfacher wurde, sich kleine Stücke abzubrechen.

»Woher hast du das?« fragte Arndt fast feindselig.

»Ich habe es ihm gegeben«, antwortete Barton mit vollem Mund. »Für den Fall, dass ein Schuss nicht ausreicht.« Er rülpste. »Gnadenstoß ist nicht meine Sache, wie ihr ja wisst.«

Dilga schob das Messer wieder in seinen Gürtel und sah Arndt ruhig an. Er wusste genau, was in dem Mann vorging. »Ihr seid zu Fünft, Arndt!«, sagte er dann.

»Aber wir sind keine Kämpfer«, erwiderte Arndt trotzig. »Von uns käme keiner heil durch ein Ogerlager.«

»Das bin ich auch nicht«, wehrte Dilga ab.

»Trotzdem bist du ein Söldner.« Arndts Stimme verriet seinen Rückzug.

Dilga las in den braunen Augen noch immer Angst. »Welchen Vorteil hätte ich davon, euch zu töten?«

»Wir haben hier eine Menge wertvolles Holz«, argwöhnte Arndt.

»Genau!«, kichernd wedelte Barton mit der Hand in die Richtung, wo auf dem Hof die riesigen Baumstämme lagerten. »Ich sehe schon wie Dilga einen davon huckepack davon trägt und mit dem Verkauf reich wird.«

Einen Moment blieb es still, dann löste sich die aufkeimende Spannung in einem lauten Gelächter. Selbst Arndt stimmte mit ein. »Tut mir leid, Dilga!«, sagte er versöhnlich.

Mit einem Nicken akzeptierte Dilga Arndts Entschuldigung. Er nahm ihm seine Angst nicht übel. Viele Söldner würden genau das tun, was Arndt fürchtete.

*

4.Kapitel

Der Winter versprach angenehm zu werden. Die Holzfäller stellten keine großen Ansprüche an ihn. Sie waren zufrieden, wenn es alle paar Tage frisches Fleisch gab. Langsam fingen sie sogar an, ihm zu vertrauen. Selbst Arndt und Sägg gingen nicht länger einen halben Schritt hinter ihm, wenn sie ihn auf seinen Jagdausflügen begleiteten.

Dilga stellte den Beutel auf der Bank ab und beobachtete Bela, der das Feuer im Kamin schürte. Der Alte war ein angenehmer Begleiter, der mehr über Wildkräuter und ihre Wirkungen wusste als er. Außerdem war er schlau und gewitzt. Es hatte nicht lange gedauert, bis er herausgefunden hatte, dass Dilga sich auch mit den giftigen Pflanzen auskannte.

Der Alte drehte sich um und grinste ihn an. »Bist du jetzt sauer auf mich«, fragte er heiter.

»Nein«, seufzte Dilga. »Aber ich wäre dir dankbar, wenn du das für dich behältst.«

»Keine Sorge«, versprach er. Bela stellte zwei Tontöpfe mit Stößeln auf den Tisch. Gemeinsam sortierten und verarbeiteten sie die Kräuter. »Ist ganz schön lästig, wenn Sägg und Arndt nachts abwechselnd wach bleiben«, schmunzelte Bela.

»Sie haben Wache gehalten?«

Bela nickte. »Aber nur die Beiden. Wir anderen haben geschlafen.«