Dimitri - Peter Jochimsen - E-Book

Dimitri E-Book

Peter Jochimsen

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Beschreibung

Lieber Dimitri, Sie haben mir ein Leben geschenkt, das ich nach meinen Erfahrungen und Kenntnissen von der menschlichen Seele und Gesellschaft vor Ihrer Geburt nicht für möglich gehalten hätte. Sie sind mein Leben. Mit allem, was wir drei zusammen erfahren haben, ist ein Leben lebenswert, hat es einen Sinn. Mein Leben hat einen Sinn gehabt.

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Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Habent sua fata libelli

Auch Bücher haben ihr Schicksal

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel

Kapitel

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Kapitel

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Kapitel

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Kapitel

1 . Kapitel

Er war ein höchst eigenartiges Kind. Schon damals hatte er eine so außergewöhnliche Ausstrahlung, dass die Frauen in seiner Umgebung ihn ständig in den Arm nehmen mussten. Sie wussten dabei nicht einmal, warum ihnen dies widerfuhr.

Auch Männer, alle Menschen um ihn herum, unterlagen zwanghaft dem Drang, ihn zu berühren, seinen Geruch in sich aufzusaugen, in ihren Nüstern zu spüren. Sie wollten seine unglaublich zarte Haut mit ihren Lippen berühren.

Geboren wurde er an einem Abend voller Sternschnuppen, am 22. Oktober.

„Halb Engel, halb Teufel“, hatte seine Hebamme gedacht.

Viel zu spät war sie in das gutbürgerliche Haus gerufen worden. Die Mutter hatte die Nähe zu dem Heißersehnten nicht teilen wollen.

Erst die unerwartet heftigen Schmerzen überzeugten sie, Hilfe anzunehmen.

Wie bei einer schon von weitem wahrnehmbaren außerordentlich leckeren Mahlzeit schien alle Welt ihn auf große Distanzen zu wittern.

„Leicht nussig“, dachte eine der Nachbarinnen.

Niemand konnte ihm widerstehen. Selbst alles Getier, Hunde, Katzen und Pferde, auch freilebende Vögel und andere wilde Lebewesen wurden, ohne Ausnahme, von ihm angezogen.

Es gab auch kein anderes menschliches Wesen in der Umgebung, das derartig gut aussah; so ebenmäßig und doch nicht glatt und von so starker kindlicher Energie, dass wirklich jeder Mensch in seiner Nähe daran teilhaben wollte.

Noch viel erstaunlicher war Folgendes: Dieser Zustand veränderte sich nicht.

Hatte man bei all zu vielen Kindern erlebt, wie schnell sie alltäglich, ja gewöhnlich in Aussehen und Form werden, obgleich sie als Säuglinge und Kleinkinder den Eindruck hervorriefen, etwas Besonderes zu sein. Es hielt an, als sei in diesem Jahr der Frühling von nichts und niemandem zu verdrängen, als wolle er sich für alle Zeit einnisten und Bestand haben.

Nun gibt es immer wieder diese vertraute und meist unschickliche Erscheinung, dass Eltern ihr Kind, die Frucht ihrer eigenen Leiber, als das einzig Wahre, die Beglückung schlechthin, empfinden, sich in ihr sonnen, sich wiederholt sehen. Meinen, alle anderen Zeitgenossen müssten in gleicher Weise von dem neuen Menschenwesen angerührt sein.

Wie peinlich, wenn jene, wider besseren Wissens, sich der Bequemlichkeit hingebend, mit in den für sie völlig unbegründeten Lobgesang einstimmen, mitunter sogar die anderen aus schierer, missverstandener Freundlichkeit zu übertreffen suchen.

All dies war bei Dimitri ganz und gar anders. Niemand musste sich bemühen und kein Mensch tat das.

Ehrfürchtiges Schweigen, Staunen, eine innere Berührtheit der eigenen, meist noch nie vorher empfundenen Art ließ die Betrachter das Besondere des Augenblicks auch akustisch und mit allen anderen Sinnen erfassen.

Ob sie wollten oder nicht.

Es konnte deswegen nicht ausbleiben, dass sehr weitläufig bekannte Personen herbeikamen, um diese wie ein Lauffeuer verbreitete Erscheinung mit zu erleben.

„Es ist ein Engelein vom Himmel gefallen“, würde ein angesehener Haushalt zu jener Zeit auf die Geburtskarten geschrieben haben.

So blieb es. Jeder im Viertel kannte ihn, wusste von diesem kindlichen Geist.

Niemand hatte Zweifel an dem überirdischen Charakter einer solchen Energie, einem derartigen Charisma.

Man wohnte in einer in besonderer Weise ausgezeichneten Region und genoss das. Denn tatsächlich stieg der Wert des gesamten Lebens um ihn herum durch sein bloßes Dasein.

Es wurde von diesem Kind auch nie erwartet, dass es sich daneben benehmen könne, eine Kategorie, die sowieso niemand mit ihm in Verbindung gebracht hätte. Es war unvorstellbar, dass er sich womöglich wie andere in seinem Alter im Schmutz wälzen könnte. Nicht einmal einen Flecken bekam seine Kleidung, wenn er von draußen nach Hause kam.

Das war nicht die Folge besonderer Ermahnungen durch die Eltern. Die staunten selbst, wenngleich sie, so dicht mit ihm zusammenlebend, schon bald durchdrungen waren von dieser Besonderung, sie ebenfalls als Auszeichnung verstanden und durch nichts überrascht werden konnten.

Wenn andere Knaben auf den nahen Spielplatz gingen oder in den Häuserzeilen der Stadt nach zum Spiel verwendbarem Material suchten, war er einzig und allein bei sich selbst.

Er schien dann nicht etwa zu träumen, eher wie ein Freigeist des 19. Jahrhunderts in Paris schritt dieser junge Mann, der eigentlich noch ein Kind war, durch seine Straßen. Nicht dandyhaft, ganz selbstverständlich, klug und nach dem Leben und seinen Dingen Ausschau haltend wandelte er dahin.

Das bereits schon, als er kaum frei gehen konnte.

Die von der Mutter an der eigenen Nähmaschine gefertigten Kleidungsstücke mögen ein Übriges getan haben, denn sie schneiderte sie nach Mustern aus eigens für diesen Zweck mühsam beschafften Fachzeitschriften.

Natürlich wählte sie dazu keine kindgemäßen Schnitte aus, sondern nahm ausschließlich jene, die der neuesten weltstädtischen Herrenmode entsprachen und übertrug die Risse auf die ihrem Sohn angemessene Größe.

Eine der höchst seltenen Gelegenheiten, zu denen sie die gemeinsame Wohnung verließ, galt eben dieser Beschaffung von Ideen und Vorlagen.

Niemand konnte sich wirklich daran erinnern, dass dieses Wesen je ein Säugling gewesen wäre, nicht einmal als Kindheit konnte die Zeit bis zu seinem 14. Lebensjahr bezeichnet werden.

Er war nie, nicht einmal, gemaßregelt worden.

Nicht etwa, weil die ihn umgebenden erwachsenen Personen sich das in besonderer Weise vorgenommen hätten, eine erzieherische Absicht dahintergestanden hätte. Sie kamen nicht auf die Idee, in ihm ein Kind, ein unselbstständiges Wesen, zu sehen.

Wie in längst vergangenen Jahrhunderten von allen Menschen angenommen wurde, Kinder seien mit ihrer Sprache geboren, meinte man sicher zu sein, Dimitri könne bereits alles, gehorche einem inneren Plan, einer Art Uhr der persönlichen, höchst vereinzelten Entfaltung.

Wenn bei Anderen eine Entwicklung festzustellen ist, häufig mit bloßem Auge, ohne viel Nachdenken an den Handlungen beobachtet werden kann, so etwas wie Plateaus und Stufen des Fortschritts den Alltag bestimmen, durch die Kindheit zur Pubertät und langsam ins Erwachsenenalter führen, Dimitri war von Beginn an Dimitri und blieb es.

Man musste ihn nie zu etwas auffordern oder zwingen.

Wie selbstverständlich ließ er die Schule über sich ergehen, seinen Klavierunterricht nahm er an, als habe er ihn sich gewünscht und erbeten und es wurde nicht eine einzige Stunde, womöglich wegen irgendwelcher kindlichen Spiele, versäumt.

Erstaunlicher Weise kam nicht einer der vielen Erwachsenen in seiner Umgebung je auf den Gedanken, an seinen Aussagen und stillschweigenden Entscheidungen einen Zweifel zu hegen oder gar Kritik zu üben. Seine Meinungen, ja seine Worte, schienen für alle eine Art Befehlscharakter zu besitzen.

Besser: Sie hatten Bestand. Es war so.

So konnte es nicht ausbleiben, dass die Altersgleichen um ihn herum nicht sein eigentliches gesellschaftliches Umfeld bildeten. Er war so sehr fremd und besonders, so eigenartig Nichtkind, dass sein Name, Dimitri, nicht als Entgleisung der bürgerlichen, deutschen Eltern verstanden wurde. Obwohl es das eigentlich war, denn sie hatten keinerlei familiäre oder sonstige Verbindung in den kalten Osten.

Der Vater war ein schlecht bezahlter und wenig angesehener Schulmeister der einfachsten Art. Erst gegen Ende seiner Laufbahn wurde er, wohl wegen seiner Kriegsverletzung, zum Oberlehrer ernannt.

Er hatte irgendwann während der Seminarausbildung Leo Tolstoi gelesen und meinte, seiner Familie durch diesen Akt der einseitigen literarischen Verbindung und seinem eigenen Wesen etwas aristokratisch Schönes verleihen zu können.

Und tatsächlich war ihm das gelungen. An einem einzigen Tag, zu Weihnachten 1956, wurde er schwach und verließ die selbst gewählte Schweigsamkeit über die Besonderung des einzigen Kindes. Er flüsterte seiner Frau nach der Bescherung ins Ohr:

„Ein kleiner Tolstoi, Dein Sohn.“

Die Mutter tat, als sei nichts gesprochen worden.

Sie schaute zu ihrem Kind auf und strahlte vor Glück und Entzücken über diesen Mann in seinem von ihr selbst kunstvoll geschneiderten Herrenmantel mit Pelzkragen, dem seidig anmutenden Schal und seinen Handschuhen.

Alles hatte sie in dieser mageren Zeit das ganze Jahr über zusammengetragen, aus den zum Teil ohne zu fragen an sich genommenen Resten zusammengeschneidert. Es hatte sich überhaupt zu ihrem einzigen Lebenszweck entwickelt, ihn, den kleinen Sohn, äußerlich zu einem Herren auszustatten, ihn mit all dem zu versorgen, was seiner Wesenart angemessen zu sein schien.

Ja, sie schaute auf, wie es eben gerade möglich war. Entweder im übertragenen Sinne oder aber, wo möglich, kniete sie nieder und blickte tatsächlich zu ihm auf.

Dimitri erschien dieses, für andere ungewöhnliche, Verhalten selbstverständlich. Er nahm ihre Zuwendung in allem ernst gefasst und gelassen entgegen. Wie Herren es mit ihren Bediensteten halten. Aber auch sonst gab es niemanden, der die Blickrichtung und Lebensorientierung der Mutter anstößig fand.

Wie gesagt: Alle nahmen den Jungen als eine Größe wahr, die sich selbst besondert. Ein sich selbst erfüllendes, wundervolles Versprechen, ohne Zweifel. Denn Dimitri verbreitete dort, wo er weilte, eine keineswegs elegische oder gar traurige Stimme des Eigentümlichen.

Im Gegenteil, um ihn herum herrschte eine aufgeräumte Heiterkeit, so als seien alle damit zufrieden, einen unter sich zu haben, dem das natürliche Geschick zukommt, mehr zu sein, sich hervorzuheben, den anderen als Phänomen charismatischer Art das Denken und Entscheiden für den Augenblick abzunehmen.

Um den vom üblichen Verlauf der Dinge des Lebens zum eigentlichen Mann bestimmten Vater in unserer kleinen, auf ein Kind zentrierten Gruppe hinreichend zu verstehen, müssen wir hier noch sein, für den weiteren Verlauf bedeutsames, hohes Alter erwähnen. Er hatte die Sechzig schon erreicht, als er Dimitri das erste Mal zur Schule brachte. Seine Pensionierung stand bevor und sie würde allen Dreien ein bescheidenes, aber sicheres Einkommen auch über seinen Tod hinaus gewähren, kam doch eine weitere Quelle hinzu. Seine Kriegsverletzung, er war nur mit einem Bein aus Russland zurückgekommen, erwirtschaftete ein weiteres, schmales Extrabrot.

Da seine Frau, die er während eines Frontkurzurlaubs in einer Blitzvermählung geehelicht hatte, möglicherweise aus klugen Versorgungsperspektiven, mindestens zwanzig, wenn nicht sogar dreißig Jahre jünger war als er selbst (über dieses Thema wurde nicht gesprochen), gab es jene in der Verwandtschaft und unter den Nachbarn, die nicht immer die notwendige physische Ähnlichkeit zum vermeintlichen Erzeuger sehen konnten, zumal das äußere Bild, die Eleganz und das Charisma eher auf eine Vaterschaft eines berühmten Schauspielers oder Künstlers hinzuweisen schien.

Tatsächlich war die mittlere Ferne zwischen diesen Eltern für jeden spürbar, so, als hätten sich Menschen unter der Anleitung einer wirtschaftlich geprägten Lebensklugheit, vielleicht sogar in unausgesprochener Übereinstimmung, verständigt, dieses Kind als das ihre zu bezeichnen und anzunehmen.

Zum Gewinn und zur Beruhigung aller.

Einige meinten, in der so überaus kurzfristig angesetzten Heirat einen Beweis für deren Notwendigkeit zu sehen. Ebenso stichhaltig wäre bei einer induktiven Beweisführung die Heranziehung eines weiteren Indizes gewesen:

Die Drei, Mutter, Vater und Dimitri, lebten unter den sie umgebenden wirtschaftlichen Nachkriegs Verhältnisse überaus bequem.

Der Älteste von ihnen ging Tag für Tag unsicheren Schrittes zu seiner Volksschule, kam dort den sich im Jahresverlauf wiederholenden Verpflichtungen treu nach, und führte nebenbei auch noch die, zugegeben, nicht sehr umfangreichen Bücher von seiner achtzigjährigen Nenntante Erna, die einen kleinen Lebensmittelladen um die Ecke unterhielt.

Das tat er schon seit seiner Jugend, denn in einer ersten Ausbildung hatte er das Handwerk des Kolonialwarenhändlers erlernt, eben bei besagter Kauffrau.

Nur alles dies hätte schon die Miete für die hochherrschaftliche Sechs-Zimmer-Wohnung im ersten Stock eines wunderschönen, reich verzierten Mietshauses aus dem ausgehenden neunzehnten Jahrhundert aufgezehrt.

So konnte die hinter seinem Rücken verbreitete Nachrede, es gäbe einen leiblichen Vater des Dimitri, der diesem eine regelmäßige und stattliche Apanage zahle, nicht ausbleiben.

Eine Zeit lang schrieb der nachbarschaftliche Neid diese Rolle dem im Hause Dimitris regelmäßig einkehrenden Hausarzt zu. Auch ein älterer Herr schon, allerdings alleinstehend, ohne eigene Kinder und jede sonstige Verpflichtung.

Die Zungen der interessierten Allgemeinheit wetzten sich besonders an der Tatsache seiner regelmäßigen Besuche, die immer gerade dann stattfanden, wenn der Herr Oberlehrer in seiner Schule weilte.

Diese Vermutung brach allerdings in sich zusammen, als endlich einer der interessierten Betrachter sich entschloss, die wirtschaftlichen Verhältnisse des Mediziners genauer zu untersuchen.

Er war wegen seiner überaus schlecht gehenden Praxis trotz der sparsamen eigenen Lebensführung kaum in der Lage, einen bedeutenden Beitrag für den Unterhalt anderer Personen zu leisten. Seinen geliebten Mittagstisch im „Blücher“, das Tagesgericht schon für 1,50 DM zu jener Zeit, hatte er bereits einige Tage ausfallen lassen müssen. Wegen Knappheit seiner Barmittel, wie es hieß.

So verfestigte sich die Vorstellung von dem rätselhaften Erzeuger-Künstler mit unbegrenztem Ruhm und unerschöpflichen Mitteln.

„Dimitri wird nie arbeiten müssen. Er ist mit einem goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen. Diese blendende Erscheinung, diese Faszination ist ihm angeboren und ganz bestimmt nicht die Frucht eines holzbeinigen Schulmeisters.“

So und ähnlich dachten die unmittelbaren Nachbarn, auch wenn zu der Annahme, die Familie Habecht sei vermögend, kein Anlass gegeben war.

Dimitri wurde seinen Zeitgenossen zu einem Akteur, zu einer Erscheinung und dem natürlichen Gegenstand ihrer Betrachtung.

Sie reduzierten sich damit ganz freiwillig und aus sich selbst heraus zum Publikum, dem dieser Junge, Jüngling, Mann in ihrer Nachbarschaft zu einer Geschichte zwischen Traum und Wirklichkeit, zu einem Lichtblick, der Mitte der eigenen Phantasien und Betrachtungen über die Möglichkeiten des Lebens, die sie selbst doch nie erreichen würden, verhalf.

Keiner war da, der nicht davon überzeugt war, Dimitri würde selbstverständlich und notwendig in die Fußstapfen des tatsächlichen Vaters treten, von dem im aufregenden Wechsel die schönsten Karrieren angenommen wurden.

Mit der Entwicklung der Medien im Laufe der Fünfziger und Sechziger Jahre wechselte natürlich der Ort der Phantasie. Kamen zunächst berühmte Bühnen- und UFA-Schauspieler der 30er und 40er Jahre als vermeintliche „Väter“ in Frage, wurden daraus Film- und schließlich Fernsehstars.

Dabei vergaßen die Nachreden sehr schnell Vernunft, Biologie, angemessene Alterszusammenhänge und physiognomische Gegebenheiten rational miteinzubeziehen. Warum auch? Das hätte den wunderbaren Schauer der reizenden Vermutung womöglich beeinträchtigen können. Selbstverständlich besaß Dimitri einen Schlüssel zu dieser überaus schönen Wohnung zum Park, dort in der verkehrsfreien, vom Krieg völlig verschonten Straße.

Mit dem Fahrrad fuhr er nie, es schien irgendwie nicht das angemessene Fortbewegungsmittel zu sein. Wenn schon kein Auto mit Chauffeur zur Verfügung stand, so sollten doch jedenfalls die Hosenbeine nicht von dem schwarzen Fett der Kette eines Fahrrades beschmutzt werden. Seine Mutter hatte sich so daran gewöhnt, Dimitris Heimkehr nicht gleich nach dem Schulschluss zu erwarten, dass sie jederzeit auf das erhoffte Geräusch seines Schlüssels in dem alten Schloss der Wohnungstür hoffte.

Nicht Angst oder Sorge hielten sie gespannt. Sie war voller Erwartung und Vorfreude. Sein Erscheinen erhellte ihr die Wohnung, das Leben. Ihr ganzes Sein war ein einziges Warten auf dieses Kind, diese Sonne, dessen Haut glatt und trocken und weich war. Was sie wusste, ohne ihn wirklich zu berühren.

Sie lebte ganz unter ihrer eigenen Oberfläche, als sei diese nur dafür da, seine Strahlen aufzunehmen, sich an ihnen zu wärmen und ihm zu dienen. Bequem sollte er es haben, ohne rücksichtsvolle Verkrampfung. Vertrauensvoll selbstverständlich.

Hätte man es in ein Wort fassen müssen, so bliebe nur, es als Demut zu bezeichnen.

Diese Selbstaufgabe hatte sicher etwas sehr Übertriebenes, geradezu Exaltiertes an sich, zumal es ansonsten für sie nur die Beschaffung, das Sorgen für Dimitri gab. Nur war es für sie und ihn, Mutter und Vater, keineswegs besonders. Es war ihr einziges Bestreben, ihm jeden Raum für Gelehrigkeit und Großzügigkeit zu erlauben, zu schaffen.

Nie kam ein Wort der Nachfrage, des Zweifels, der Zukunftssorge oder gar der Vorausbestimmung, ihren Sohn betreffend, über ihre Lippen.

Im Gegenteil hing ihr Blick an ihm, wenn er geruhte, sie mit seiner Anwesenheit zu beglücken.

Schon sehr früh hatte Dimitri sich rigide jeden Körperkontakt untersagt.

Wie gerne hätten sie beide seine wunderschöne Haut berührt, ihm gesagt, wie ungewöhnlich glatt, trocken und weich sie sei. Sie unterließen es auch aus Scham, zuzugeben, wie niedrig sie sich selbst ihm gegenüber fühlten.

Die Eltern meinten, überhaupt keinen Tag erinnern zu können, an dem ihr Sohn sich nicht selbst gereinigt hatte.

Natürlich werden sie seine Windeln gewechselt haben und sicher werden sie ihn auch in die Badewanne gelegt und eingeseift, abgespült und abgetrocknet haben, aber diese Bilder waren aus ihren Gedächtnissen spurlos getilgt worden.

Sie wollten wohl auch nicht daran erinnert werden, wie ihr Idol, ihr Prinz, ihr Ein und Alles jemals von irgend etwas, und sei es von ihnen selbst, abhängig gewesen war.

Nun möchte man meinen, der Vater habe unter der ihn so ausschließenden, geradezu devoten Ergebenheit der Mutter gegenüber diesem Kind leiden müssen. Aber weit gefehlt.

Er selbst pflegte diese Haltung auf seine etwas spröde und hölzerne, männliche Art mindestens genauso.

Der Mann kam seinen außerhäuslichen Pflichten konsequent nach und musste zudem sämtliche Besorgungen, auch für den Haushalt, die jenseits der riesigen Wohnung stattfanden, ausnahmslos alle zusätzlich erledigen.

Seine Frau konnte in Erwartung ihres beliebig ein und aus gehenden Sohnes diese nicht verlassen. Nur die Einkaufstouren zur Beschaffung der für Dimitris Kleidung notwendigen Stoffe und Kurzwaren erlaubte sie sich; dafür wählte sie mit Bedacht solche Tage, an denen die Schule die Abwesenheit ihres Sohnes bis in den Nachmittag hinein erforderlich machte.

Aber er wartete im Grund seines Herzens mindestens genauso angespannt auf dieses Kind, dessen Ausstrahlung auch für ihn Alles geworden war.

Wer meinte, er wäre entsetzt gewesen, wenn die Meinungen und Phantasien seiner Nachbarn und Bekannten über dieses Kind und seine biologische Beziehung zu ihm an sein Ohr gedrungen wären, versteht diesen Mann nicht.

Es hätte nicht in sein Bewusstsein dringen können, wäre nicht zu ihm, seinem Ich, seinem So Sein, vorgedrungen; denn er war durch dieses Kind. Ohne es würde er nicht existieren und dies auch keinesfalls wollen.

Sein ganzes Trachten war darauf ausgerichtet, Dimitri für alle Zeit so versorgt zu wissen, dass ihm nie zugemutet werden würde, wie ihm selbst, jeden Tag einer gehassten Beschäftigung nachgehen zu müssen, ohne diese Abneigung auch nur ein einziges Mal äußern zu können, sie realisieren zu dürfen.

Er konnte in seinen ehrlichen Minuten, wenn er zu sich sprach in seinem kleinen Arbeitszimmer, in dem er mit sich selbst zu diskutieren pflegte, in dem er auch schlief, in seiner Höhle, sich keinerlei herkömmliche Beschäftigung für Dimitri vorstellen.

Für ihn war es ein unverbrüchlicher Satz, ein Gesetz:

Dimitri hatte in seinem Leben nicht zu arbeiten, sich keinerlei Verpflichtung oder gar einer Unterordnung auszusetzen. Wie dieser für ihn in seinen Visionen wohl unsterblich, auf jeden Fall unanfechtbar war.

Er hatte auf allen ihm zugänglichen Feldern der heimlichen Wertanhäufung alles getan, um Dimitri materiell gänzlich unabhängig werden zu lassen.

Selbst die Briefmarkensammlung hätte seiner Einschätzung nach für ein mindestens fünfjähriges, höchst komfortables Leben hingereicht.

Seine Frau ahnte zwar dieses sammelnde und anhäufende Treiben ihres Mannes, aber es interessierte sie nicht. Sie war zu sehr von den Möglichkeiten ihres Sohnes überzeugt. Sie wusste, dass nur wenige sich seinem Charisma, seiner Einflussnahme entziehen konnten.

Über eine materielle Zukunft dachte sie deswegen überhaupt nicht nach.

Ihr war die Erscheinung, der Augenblick dieses Wunders das Leben. Sie brauchte nur den Hauch einer Beachtung, seinen Atemzug, seine Existenz.

Sie wollte gar nicht nachdenken, nicht voraus und nicht zurück, sie wollte lieben und verehren und genoss den Augenblick der Anwesenheit, des, wenn auch unkörperlichen Kontaktes.

Einmal, als er gerade zur Schule gekommen und dann am Abend in sein Bett gegangen war, hatte sie nicht widerstehen können. Sie hatte ihm zur Nacht, dann, wenn sie das Privileg hatte, sein Licht zu löschen, einen Kuss auf die Stirn gegeben und über sein Haar gestrichen.

Dimitri war ohne ein Wort wieder aufgestanden, hatte seine Nachtkleidung gegen den Tagesanzug getauscht und sich an seinen Schreibtisch gesetzt. Die ganze Szene, seine Bewegungen, seine Mimik und Gestik, war eindeutig gewesen:

„Begnüge dich mit meiner Anwesenheit; lasse es in Zukunft sein, mich zu berühren. Ich dulde das keinesfalls.“

Beide Eltern waren sich in der höchst unterschiedlichen Erscheinung ihrer Beziehung zu ihrem Sohn im Grunde sehr ähnlich, vereint in diesem Zustand:

Sie liebten ihn abgöttisch, unzerstörbar. Sie waren nur durch ihn und für ihn, liebten sich gegenseitig in ihm.

Wussten gleichermaßen: Ihre Existenz hing von diesem Menschen ab. Diesem Kind, das keines war, nie gewesen war. Das ganz sicher als Erwachsener nicht so sein würde, wie andere Menschen in ihrer Erfahrungswelt es je gewesen sein konnten.

Für den Herrn Oberlehrer war es sonst keineswegs denkbar, sich einem seiner Schüler, er unterrichtete an der Hardenberg-Knabenschule, in irgendeiner Weise unterzuordnen. Habecht liebte es, sehr streng auf die Einhaltung aller erdenklichen Regeln und Verbote zu achten. Er setzte diese auf das Penibelste durch.

Man nannte ihn dort auch unter den Kollegen:

„Habe Recht“, abgeleitet von seinem Nachnamen Habecht.

Sein Holzbein tat ein Übriges, denn ihm wurde nachgesagt, seine Meinungen behielte er so stur, ja hart bei, wie es sein Holzbein sei.

Außerdem erzeugte es in seiner einfachen Mechanik die immer gleichen, sich rhythmisch wiederholenden Klack-Geräusche, die sich auf „ha-be-recht“ zu reimen schienen.

Ihm war das alles nicht unbekannt. Er pflegte dort dieses Bild von sich selbst.

Was ging es die Welt an, wie er wirklich war?

Nur in seinem halben Zimmer, dem kleinsten Raum in der ganzen Wohnung, selbstverständlich, schnallte er sein Bein ab. Habecht war damit verletzbar wie seine Seele, die doch nichts anderes konnte und wollte, als lieben, sich aufgeben, sich seinem Kind, dem Dimitri unterzuordnen.

Ihm, so dachte er sich selbst gegenüber ganz offen und frei, ein Diener zu sein. Wenn es sein mochte, ihm auch zu gehorchen.

Dimitri, der verstand, dass sein Vater ihm den schönsten und größten Raum der Wohnung zum „Studierzimmer“, wie es genannt wurde, „Dimitris Studierzimmer“, gemacht hatte, liebte es, seinen Vater in den zweiräumigen, zur Wohnung gehörenden, Keller zu begleiten.

Dort waren all die Dinge sehr ordentlich sortiert aufbewahrt, die der Vater für den Sohn zusammentrug.

Dimitri hatte, im Gegensatz zu seiner Mutter, eine ernsthafte Vorstellung von den Werten und befasste sich gerne mit ihnen.

Er berührte sie mit einem gewissen Wohlgefallen und gab damit seinem Vater und Diener ein unbeschreibliches Gefühl des Glücks, der Erfüllung seiner Träume und Hoffnungen.

Dimitri ließ sich gerne immer wieder die Listen zeigen, in denen die verschiedenen Sammelgebiete, sorgfältig gegen eine befürchtete Verschmutzung und Durchfeuchtung geschützt, katalogisiert wurden. Seine Bewegungen waren dann die eines Eigentümers, der mit seinem Verwalter den Bestand durchgeht. Ihm unterliefen dabei keinesfalls arrogante Bewegungen und Texte. Er war der dankbare, die Arbeit seines Personals sehr wohl anerkennende Eigentümer, der auch ein Auge für das Gelingen und den damit verbundenen Erfolg seiner Leute hat.

So konnte Dimitri schon mit zehn Jahren absehen, wie sehr der Burgunder eines Tages im Wert steigen musste, dass es keineswegs unwichtig ist, wie die Flaschen liegen, die Etiketten gepflegt werden, die Bilder, einige noch in Kriegszeiten und frühesten Nachkriegstagen auf dem Schwarzmarkt ergattert, zu versorgen sind.

Er hätte die Namen ihrer Maler und jede Lücke im Bestand auswendig aufsagen können.

Natürlich konnte er die Schmuckstücke nach Material und Lagerungsart differenzieren.

Bei all dem lief alles wie selbstverständlich ab.

Ein unbeteiligter Zuschauer hätte wohl auch an diesen beiden männlichen Wesen in ihren Lagerräumen nichts Ungewöhnliches entdeckt. Die Unterhaltung, Mehrung und Versorgung eines stetig wachsenden Vermögens, mehr nicht.

Wenn da nicht die ungewöhnliche Körpergröße des Herren gewesen wäre.

Dimitri hatte bei diesem ritualisierten Familienstück eine sehr private Methode der Anerkennung seines Hauptlageristen und Einkäufers entwickelt:

Er klopfte mit dem Knöchel seines angewinkelten rechten Zeigefingers gegen das Holzbein seines Vaters, wenn dieser vor ihm, als erster aus dem Keller herauskommend, die Treppe hinaufschritt.

Dann klang es fünfmal „tock, tock, tock, tock, tock“ aus dem hohlen Bein des alten Mannes und es schien zu heißen:

„Hast Du gut gemacht!“

Wie das Schlagen eines Spechtes.

Mitunter glaubte „Habe Recht“ in der schlaflosen Nacht dieses Geräusch zu hören. Unweigerlich kamen ihm jedes Mal die Tränen des Glücks. Kommentarlos wirklich. Es existierte, das Glück.

Er war versucht, es selbst herzustellen, aber es wäre ihm doch wie ein Frevel vorgekommen, diesen Gruß, diese Belohnung seines Dimitris, selbst zu produzieren.

Das sollte nur von dessen Hand geschehen, denn der war schließlich auch der rechtmäßige Eigentümer all der Schätze; er selbst nur der zur Mehrung und zum Erhalt eingesetzte, zeitlich begrenzte Besitzer.

Habecht gönnte es sich gerne, feine Unterschiede wie die zwischen Eigentümer und Besitzer sorgfältig juristisch und sprachlich zu entwickeln. Dass es jemanden gab, dem er dies dann vortrug, wusste im Hause Habecht niemand.

Oft konnte er im Laufe dieser Gedanken an die liebevolle Bestätigung durch das Kind seine Tränen nicht zurückhalten und erwischte sich dann bei der Sorge, seine Frau könne ihn hören und so an der Kraft seiner Gefühle teilhaben.

Die Mutter wusste entfernt um den Inhalt der Kellerräume, suchte ihn aber nie, nicht ein einziges Mal, auf.

Sie hoffte im Gegenteil, der Vater möge mindestens so lange leben, bis er Dimitri in der Versorgung dieser, sowie anderer geheimer Besitztümer so ausgebildet habe, dass der eigentliche Eigentümer selbst daran würde weiterarbeiten können.

Sie versorgte den Hausstand, soweit es auf die Wohnung beschränkt blieb, verließ weiterhin das Haus einzig und allein, um Stoffe und Nähutensilien zu besorgen, denn sie meinte, das ihrem Mann nicht überlassen zu können, und organisierte außerdem per Telefon alles, was Dimitri für seine privaten Unternehmungen benötigte.

Wenn er in den Zoo gehen oder ein Theater besuchen wollte, vielleicht eine Fahrt ins Umland gewünscht wurde, Bücher bestellt werden mussten.

Als diese Beschäftigung immer geringer wurde, denn der junge Mann begann mit ungefähr zehn Jahren auch dies selbst in die Hände zu nehmen, warf sie sich fast ausschließlich auf die Herstellung der schönsten Bekleidung der Stadt. Dass sie an jedem Lernschritt des jungen Mannes heimlich teilnahm, sich alles einverleibte, was das „System Dimitri“ im Innern erreichte, blieb ihr Geheimnis.

Nun wurde wirklich ausnahmslos alles selbst entworfen, zugeschnitten und zusammengenäht.

Sie ließ sich dazu zwar weiterhin Modezeitungen und Zuschnittmuster kommen, übertrug die Vorgaben und Ideen aber nicht mehr auf die, zumindest für diese Bekleidung immer noch ungewöhnliche Größe ihres Sohnes.

Sie entwickelte einen eigenen Stil, wurde seine Hausdesignerin und schuf, so ist man geneigt zu sagen, den „Dimitri-Look“.

Gewiss hätte sie mit ihren Werken in der Welt der Mode für Furore sorgen können, ihr genügte die Anerkennung durch den Träger ihrer Anzüge, Hemden, Hosen, Jacken, Strümpfe und Mützen.

Sie machte ausnahmslos jedes Kleidungsstück selbst.

Bald reichte der Schrank des jungen Mannes nicht mehr. Es wurde auf dem zehn Meter langen Flur der wunderbar großzügigen Wohnung von dem alten Tischlermeister Wiedling, der gleich um die Ecke seine Werkstatt hatte, ein Einbauschrank aus Teakholz gefertigt.

Genau nach den Anweisungen der Dame des Hauses, die allerdings wiederum nur die Zeichnungen ihres Sohnes ausführte.

Es gab Schubladen für Strümpfe, eine für Woll-, also Winterstrümpfe, die andere für die leichten, jene für den Sommer. Eine weitere Lade für Taschentücher und Tücher aller Art. Für den Hals, zum Einstecken wie für alle möglichen anderen Zwecke.

Es gab Schrankteile nur für Anzüge, für Pullover, für Hemden, für die Unterwäsche und so fort. Kurzum, es war genug Platz auch für die Zukunft vorhanden.

Um einen eigenen Umkleideraum zu schaffen, ließ die Mutter zur Abtrennung der Schrankabteilung auf dem Flur quer verlaufende Schienen an der Decke anbringen und fertigte weiße Vorhänge.

Dimitri pflegte dann, wenn er sich ankleidete, diese zu schließen, um ganz für sich zu sein. Die Mutter hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, nur in seiner Abwesenheit die Bestände zu prüfen, zu ordnen und zu pflegen. Er selbst sollte alles immer nur frisch und wohlbehalten vorfinden, aber an der damit verbundenen Arbeit keinen Anteil nehmen.

Mit Vergnügen ließ der junge Mann dann in der Abgeschiedenheit hinter dem Vorhang die Türen seines Armoires hin und her gleiten, prüfte die Gängigkeit der Laden und schaute sich seinen Kleiderbestand in Ruhe an.

Er wählte aus, stellte zusammen, erfreute sich an dem eigenen Aussehen mit Hilfe des mannsgroßen, in eine Tür von innen eingearbeiteten Spiegels.

Das äußere Erscheinungsbild Dimitris war keineswegs wegen der Bekleidung, sondern ganz sicher von sich aus blendend, wenngleich bis zum sechzehnten Lebensjahr von einer kindlichen Statur geprägt.

Der erwachsene Schnitt und einige Schneiderkniffe machten ihn schnell auf den ersten Blick älter. Dennoch blieb er ein Kind, bestenfalls ein Jugendlicher, von der Figur her.

Zart würden die ihn genannt haben, die seine Beine, seinen Oberkörper ohne Bekleidung hätten sehen können. Ein hingehauchter Flaum von weichen, blonden Härchen bedeckte seine Unterschenkel, ansonsten blieb Dimitri lebenslang, bis auf die Haupthaare, ein unbehaarter Mann. Selbst die Schamhaare wollten sich im körperlichen Sinne dem Erwachsenwerden verweigern.

Die Kniegelenke schienen unter der wunderbar weichen Haut hervordrängen zu wollen, wie überhaupt das gesamte Skelett an diesem feinen Körper dem Blick freigegeben wurde, nur bedeckt von der sich anschmiegenden, elastischen, zartseidenen Haut.

Sein Hintern zeichnete sich rund und fest, aber keinesfalls groß und aufdringlich in seinen Hosen ab.

Seine Eltern kannten ihn nicht in seiner Nacktheit.

Auch in der Schule gab es für niemanden eine Gelegenheit, ihn ohne Bekleidung zu sehen. Wäre ihm das zur Pflicht geworden, hätte dieser Dimitri den Besuch der Lehranstalt sofort eingestellt.

Der Vater, der körperliche Nähe, Berührungen aller Art und auch jede sportliche Betätigung hasste, hatte, mit Hinweis auf ärztliche Atteste, die asthmatischen Erscheinungen, Ausdruck vielfältiger Allergien, vorgeschoben, um das Kind vom Schulsport zu befreien.

Es hatte niemand daran Anstoß genommen, nicht nur, weil der Vater eben selbst Lehrer war:

Es schien folgerichtig, dass dieses Kind, dieses Wesen, eben nicht mit normalen Maßstäben zu beurteilen war, und dementsprechend ausgesprochen individuell behandelt werden musste.

Dimitri speiste, wie ein wählerischer und bewusster Mensch das pflegt, nicht in Massen.

Er wählte bei jeder Mahlzeit etwas aus, stellte es auf seinem Teller zusammen und ließ meist mehr als die Hälfte zurück.

Da sein Vater grundsätzlich nach ihm aß, war dieser Rest dann sein Essen.

Er verzehrte es gern, hatte sein Sohn es ihm doch nachgelassen.

Ein schlanker, feingliedrig zierlicher, auf jeden Fall wacher und beweglicher Junge. Seine Haare waren, einmal wild, dann wieder geordnet, nach hinten gekämmt, jeder Zeit aber frisch und lebendig.

Sie lebten auf seinem Kopf ein eigenes Leben.

Dimitri brauchte sich um sie nicht wirklich zu kümmern. Sie wurden nicht fettig, lagen nie an und schienen zu keiner Zeit geschnitten zu werden, was natürlich nicht stimmte.

Die Mutter hatte ein Arrangement mit dem Friseur getroffen, welches eine Haarpflege pro Woche auf der einen Seite beinhaltete, dafür auf der anderen der Vater einmal im Monat die Bücher führte und die gröbsten Schnitzer wieder glattbügelte.

Dimitri konnte von allen Seiten gefilmt werden, so würde ein Regisseur gedacht haben. Eine Schokoladenseite gab es nicht und damit eben auch nicht das Gegenteil.

Mit Unreinheiten der Haut hatte dieser junge Mann, auch als Kind, nie zu kämpfen. Es mag eine Rolle gespielt haben, dass seine Mutter ihm sehr früh den Gebrauch nicht nur von Wasser und Seife, sondern auch von verschiedenen Reinigungswassern, Lotionen und Ölen nahegebracht hatte.

Sie stellte sie mit Hilfe von Kräutern, Wachsen, Fetten, Blüten und Cremes selbst her.

Natürlich musste der Vater zu diesem Zweck alles Notwendige besorgen. Er zog dann, wenn es wieder einmal so weit war und die Vorräte zur Neige gingen, mit der langen Beschaffungsliste in seiner Aktentasche los und sammelte alles ein. Wie gesagt, nicht etwa belastet durch die Mühe, sondern froh, die einzelnen Dinge für Dimitri herbeibringen zu können. Wenn es noch so aufwändig sein mochte.

Überhaupt würde der halbwegs objektive Betrachter über Dimitri Jahrzehnte später im Wissen um seine immerwährende Jugendlichkeit sagen:

Man hat es ihm schon als Kind angesehen, das wird einmal ein Mann, der nie alt werden wird.

Seine Finger unterschieden sich von denen aller anderen Kinder, die sahen schon sehr früh wie die Hände eines erwachsenen Menschen aus, genauso, wie die Augen nie Kinderaugen waren. Durch sie sah von Anfang an ein wissendes und durchschauendes Wesen in die Gesichter der Anderen. Auf weite Entfernung eher Knopfaugen, mit scharfen Pupillenrändern und irgendwie zu klein für das Auge mit zu viel Weiß drum herum. Allerdings ein Weiß, das so rein, klar und strahlend in keinem anderen Auge bis dahin zu sehen war.

Kam man ihm näher, blieb es bei dem Eindruck einer fast schwarzen Tiefe, aber gleichzeitig setzte die Kraft ein.

Magnetisch und fesselnd verbanden sie ihn mit seinen Betrachtern, nur, dass er bestimmte, wann der Blick zu lösen sei, er das Kraftfeld, die anderen die Folgenden waren. Ohne Ausnahme.

Schon das Kind hatte diese Kraft, dies unausweichliche Vermögen, seine Mitmenschen in den Bann zu ziehen, sie zu fesseln und zu dirigieren, ohne sie gleichzeitig das Gefühl einer Unterordnung gegenwärtig werden zu lassen.

Dabei ist das Gesicht gleichzeitig viel zu eben, zu schön. Es ist das Gesicht eines Schönlings, möchte man meinen und doch setzt der Blick sich fest, fällt das Lösen schwer. Die Nase, das Kinn, der Mund könnte jeder aus dem Gedächtnis zeichnen. Die Farbe der Augen … die Gesamtheit des Gesichts … keiner wird es vergessen haben.

Und doch, Dimitris Augenbrauen sind tatsächlich nicht ganz und gar wohlgeraten, sie wachsen über der Nase zu sehr zusammen, um einem bis dahin bekannten Ideal zu entsprechen. Außerdem fransen sie zu den Außenseiten ein ganz klein wenig aus, als wollten sie von sich behaupten: Wir sind eben doch nicht gezupft und in Reihe gebracht, lieber Betrachter.

Dies ist Natur!

Unter den Augen und überhaupt im Ganzen, sonst sehr symmetrischen und ebenmäßigen Gesicht, mit seiner fast künstlich wirkenden Reinheit, befinden sich eben doch ein paar Erhebungen, die sich auf der Kinnpartie wiederholen.

Es ist ein sehr lebendiges, reines und schönes Gesicht und es passt so gut zu diesem zierlichen, feingliedrigen Körper. Solche Knaben werden die Künstler in der Antike für die Fertigung ihrer Statuen als Vorgabe gewählt haben.

Die Kraft seiner Überzeugung zog der Junge aber aus seinen Bewegungen, dieser Fülle und dem Zusammenspiel der sprachfreien Mitteilungen einer jeden kleinen Geste und der immer freundlichen und einfühlenden Mimik, die ausnahmslos jedem Betrachter das Gefühl vermittelt, die wichtigste Person der Welt zu sein. Vermutlich ist sie das auch für ihn.

Das wird das Geheimnis dieses Charismas gewesen sein.

Wunderschön auch seine Ohren, die wohl jeder liebevoll in die Hände genommen hätte, wenn es denn von ihm zugelassen worden wäre.

Die Zähne! Kein Lachen eines Mundes gibt derart natürlich reine, strahlende, ja geradezu blendende, lebendige Zähne frei. Ohne jede Nachhilfe der ärztlichen Kunst hatte er ein Gebiss, das für sich genommen schon den Neid eines jeden Menschen hervorzurufen geeignet war. Trotzdem tat er das nicht. Dimitri gönnte jeder seinen Vorsprung an Schönheit und Eleganz, denn er war von derart strahlendem, einnehmendem Wesen, von einer so eleganten Naivität, dass kein Mensch ihm zugetraut haben würde, er könnte seine Gabe, seine Ausstrahlung im eigenen Interesse gegen andere einzusetzen in der Lage sein.

Die Dimension des Schlechten und Bösen hatte bei ihm keine Chance. Ein solcher Mensch würde niemanden etwas antun. Seine Eltern selbst taten doch alles für ihn. Sie machten es ja auch in aller Freiwilligkeit, ohne jede Verpflichtung, in der reinsten Demut ihrer Herzen.

Außergewöhnlichkeit an sich ist sicher noch kein Merkmal für die Reinheit einer menschlichen Seele, aber bei ihm schien diese Anmutung mit der Erscheinung einher zu gehen.

Oder spielte der junge Mann nur? War er ein charismatischer Darsteller von Natur und Art her?

Es kam niemand auf die Idee, ihm dies zu unterstellen, doch sprachen viele, auch im Zusammenhang mit seiner gemutmaßten Abstammung, von einer Karriere als Schauspieler.

Natürlich blieb den Eltern diese Erwartung nicht verborgen.

Der Vater, inzwischen in die Pension entlassen, entschloss sich, seinen Sohn von nun an selbst zu unterrichten.

Es wurde ein sehr mühsames Unterfangen, im Landesschulamt die Sondererlaubnis für das Recht der „Abgeltung der Schulpflicht durch Entlassung in die Unterrichtspflicht“ zu erwirken.

Letzten Endes half aber die Einlassung des der Familie bekannten Mediziners, dass Dimitris „besonders sensible Wirklichkeitsauffassung“ und sein Hang zum „Petit Mal“, sowie die „latente Anämie“ den Ausschlag gaben.

Fortan hatte der Vater, der über die notwendige Lehrbefugnis nun einmal verfügte, die Verpflichtung, für die Unterweisung von Dimitri Sorge zu tragen.

Von da an geschah etwas, was gewiss alle Kollegen von „Habe Recht“ in Erstaunen versetzt hätte.

Er begann mit einem wohl organisierten, von ihm äußerst aufwändig vorbereiteten Lernangebot. Es gab keinen Unterricht nach altbekannter Methode, wie sie auch von Habecht in seinem Beruf Jahrzehnte lang gepflegt worden war; ganz im Gegenteil:

Der Oberlehrer machte seinem Sohn jeden Tag in der Zeit zwischen 7 und 15 Uhr ein exzellentes Bildungsangebot.

Die Grundlagen der Kulturtechniken hatte Dimitri ja bereits in der Schule erlernt. Natürlich konnte er lesen, schreiben und rechnen. Allen war bekannt: In der Zuordnung zu bekannten Lehrplänen und Lernzielkatalogen hätte man diesen Schüler in etwa dem 6. Jahrgang des Gymnasium einzuordnen gehabt.

Geborener Held vielleicht, aber war er begabt, intelligent? Zudem, war er ein verstandesmäßig gut ausgestattetes Kind? Er, der nie Kind gewesen war.

War er das wirklich? Er war etwas Besonderes, ein Einzelfall ganz sicher. Aber war er intelligent, schnell, wach, wirklich begabt?

Seine Mutter hatte ihm bereits mit fünf Jahren den Schlüssel zur Wohnung übergeben. Sie hatte ihn schon mit drei Jahren gelehrt, die Uhr zu lesen und zu verstehen, sie mit dem Tagesablauf und dem Kurs der Sonne in Verbindung zu bringen.

Es war ihm die Rolle eines Erwachsenen zugebilligt worden, er wurde in Allem, auch und gerade in seiner eigentümlichen Besonderheit und der äußerlichen Selbstständigkeit gefördert und bestätigt.

Er wurde vergöttert.

Aber hatte das seine Auffassungsgabe gefördert?

Der Vater und Hauslehrer als Planer und Organisator seines zukünftigen Lernens, soweit es kognitive Strukturen betraf, war davon ohne jeden Zweifel überzeugt. Für ihn gab es diese Frage gar nicht. Es konnte gar nicht anders sein. Wie denn?

Also plante er alles das, was ihn schon immer an der Schule geärgert hatte, eben nicht mit ein. Habecht schuf ein unglaubliches Angebot an Lernfeldern und Wissensgebieten herbei.

Der Musikunterricht wurde weiter von dem Klavierlehrer bestritten, Sportunterricht gab es nach wie vor einfach gar nicht. So etwas wie „Werken“ wurde auf den Keller verlagert und fand dort als erlebte Lagerhaltung und angewandte Betriebswirtschaft am Beispiel einer dinglichen Mehrung von Vermögenswerten im Sinne einer zukunftsorientierten Sammlung statt.

Umso ernster wurden die Sprachen und die schönen Künste genommen.

Physik, Chemie, Biologie und Mathematik wollte der Vater bis zu einem Wissensniveau gleich dem des Abiturs entwickeln. Das schien ihm ausreichend.

Die schönen Künste und die Sprachen dagegen, die würde er zu einem Stand vorantreiben, wie es an keiner deutschen Schule je geschehen war; dazu war er entschlossen und sich dabei ganz sicher, dieses erreichen zu können.

Schon lange Zeit hatte er in der Schule beobachtet, dass nicht die konkrete Form der Vermittlung des Unterrichtsstoffes das Geheimnis des Lernerfolges war, sondern einzig und allein der Wille des einzelnen Schülers bestimmte, was dieser schließlich in welcher Zeitspanne lernen würde, wenn das Angebot an Material und Wissen hinreichend waren.

Er war sich aber gleichzeitig gewiss, dass sein Schüler längst wusste, mit dem Erlernen bildender Zusammenhänge etwas ihm selbst Dienliches zu betreiben.

Dimitri dachte nicht darüber nach, wofür er lernte, sondern wollte Ausgewähltes zur eigenen Bereicherung aufnehmen, das wusste er.

Also machte er einen Arbeitsplan für die einzelnen Lerngebiete, ein Curriculum der höchst individuellen „dimitrischen“ Art, wenn man so will. Teilte dies in Abschnitte von Vierteljahren auf und brachte diese als Lernziele zu Papier.

Diese Bogen des angesteuerten Wissens wurden an die noch verbliebenen freien Wände des Flures geheftet und mit verschiedenen Farben unterlegt.

Dann fertigte er einen Stundenplan, in dem nur die folgenden Blöcke Aufnahme fanden:

7 - 9

Latein und romanische Sprachen

9.15 - 11

Geschichte, Deutsche Literatur und Philosophie

11.15 - 13

angewandte Mathematik und kaufmännisches

Rechnen sowie Bilanzbuchhaltung

13 - 14

Speisen und Ruhen

14 - 15

Diskussion und Lernzielplanung des nächsten Tages.

Englisch wurde schlicht über die Extralektüre von Kriminalromanen angeboten.

Dimitri segnete den Plan nach einigen Nachfragen ab, bat sich aber eventuelle, spontane Veränderungen für solche Tage aus, an denen er beabsichtigte, andere Vorhaben in den Vordergrund zu stellen. So nahm er sein Theaterabonnement immer zum Anlass, vorab die Texte der aufgeführten Stücke zu lesen.

„Ich werde Ihnen dann an solchen Tagen am Nachmittag vortragen, was ich über den Autor und das Stück in Erfahrung gebracht habe.“

Dimitri hatte seit seinem ersten Schultag seine Eltern mit dem Sie angesprochen, gleich nachdem er, wie seine Klassenkameraden auch, erfahren hatte, dass Lehrpersonen zu siezen sind.

Überhaupt war ein Unterschied zwischen dem familialen Rollenspiel und dem Erlebnisraum Schule auf den ersten Blick für einen Laien nicht recht erkennbar.

Keine der beteiligten Personen musste sich umstellen. Alle waren zufrieden. Sie freuten sich über die hinzugewonnene Intimität im Lernen und Entwickeln.

Aus dem Vater war ein Lernhelfer geworden, die Mutter hatte die Rolle eines weiblichen Pedells und einer Kantinenwirtin dazubekommen. Ansonsten nahm sie völlig unbeachtet an dem Unterricht teil. Und lernte.

Ein unerwarteter (sicher auch nicht geduldeter) Besucher hätte sich in einer hoch individualisierten Lehranstalt mit dem Deckmantel „Familie“ wiedergefunden.

In dieser Zeit wurde die Kellersammlung durch eine wunderschöne kompakte Bibliothek deutschsprachiger Erstausgaben von bedeutenden Theaterstücken und Prosatexten des 19. und 20. Jahrhunderts ergänzt.

Auch wenn das Verhalten altersgleicher Kinder und Jugendlicher in jener Zeit ganz anders aussah und unsere Drei das sehr genau miterlebten, hinderte es sie nicht daran, ihren Weg strikt weiter zu verfolgen.

Die anderen Kinder der Nachbarschaft gingen derweil nicht gerne zur Schule. Ebenso wohl auch das Lehrpersonal. Im Gegenteil, die meisten hassten sogar schon das Unterrichtsgebäude, empfanden alles dort als Zwang. Für jemanden mit geliehener Macht war es ja auch entwürdigend genug, jeden Tag so zu tun, als lerne man in dem Bewusstsein, es sei gut.

In der so genannten Freizeit waren die wilden Spiele auf der Straße notwendigerweise nicht von Toleranz und Einfühlsamkeit geprägt. Es ging um das Weiterreichen der erlittenen Schmach, der erfahrenen Unterdrückung und Sinnentleerung in den zugestellten Räumen des Besserwissens und des Hasses.

Konsequent und einsam, jeder für sich gegen die Anderen.

Von Dimitri würde es keine Beteiligung auf einem süßlich gestellten Klassenfoto mit offenmündigen Kindern geben. Solche, auf denen jeder sieht, sie sind schon zerstört, gleichförmig, langweilig, zurechtgestutzt dumm.