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Mit "Dings oder Morgen zerfallen wir zu Staub" hat der junge Wiener Autor Roman Markus ein echtes Sommerbuch geschrieben – lebendig und witzig. »Dieser Sommer darf niemals enden«, sagt sich der Erzähler namens … Dings. Okay, der Start in die heiße Jahreszeit war zwar nicht so rosig, denn sowohl der Job beim Teletext als auch seine Freundin Doreen sind urplötzlich weg. Doch JC – nicht sein »bester, aber engster Freund« – und Jo, die wild und gut zu leben weiß, bringen ihn zurück ins Leben. Ein Kurztrip von Wien nach Berlin, ein Sommerjob als Filmvorführer im Bezirks-Kino, die Liebe und das Leben im Moment – all das katapultiert Dings raus aus der Monotonie des Alltags. Hinein in das Jetzt, in dem so manche Dummheit nicht fehlen darf: eine verheerende Würstelstand-Tour durchs Grätzl oder einige durchzechte Nächte. Wie in einem Großstadt-Roadmovie rast Dings von einer Situation in die nächste und entdeckt dabei seine Neugier und Lebensfreude völlig neu. Herrlich komisch und bilderreich schreibt Roman Markus über einen Mittzwanziger und den Sommer seines Lebens.
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2020
Roman Markus
DingsoderMorgen zerfallen wir zu Staub
Roman
Literaturverlag Droschl
Prolog
Ihre Zunge war ein ledriges Werkzeug, mit dem sie routiniert eine verbrauchte Stimme aus der Mundhöhle schabte. »Steh auf, Trankler, gemma. Schleich di endlich!« Die Worte waren mir ein Navigationsgerät aus der Dunkelheit, für mich hörten sie sich an wie »hier links abbiegen« und »Sie haben Ihr Ziel in hundert Metern erreicht.« Dort wartete der stechende Geruch von Erbrochenem auf mich. Ein Stückchen klebte mir im Mundwinkel, ich fuhr mit der Zunge darüber, tastete danach; ein runder, weicher Fremdkörper, wie eine unförmige Warze, die sich aus meiner Haut herausgeschält hatte und jetzt mein Unwohlsein nach außen demonstrierte. Unter großen Anstrengungen öffnete ich die Augen. »Heast, wos is? I glab, der heart mi gor net.« Die Frau hatte recht, ich verstand sie kaum, es war, als ob sie hinter einem dicken Stoffvorhang stand und von mir abgeschirmt wurde. Uns verband nichts, außer die zufällige Anwesenheit an diesem Ort.
Apropos: Ich lag in einem U-Bahn-Waggon, über mir sah ich die baumelnden Haltegriffe, die wie verstörte Papageien auf mich herabblickten. Zum Erbrochenen mischte sich der Gestank von kaltem Schweiß, und obwohl ich davon ausging, dass ich es war, der ihn verströmte, mochte ich lieber nicht an mir riechen. Schwerfällig rappelte ich mich auf, was einer Prüfung biblischen Ausmaßes entsprach und in einer allfälligen Neufassung unbedingt berücksichtigt werden sollte. Ich saß fast aufrecht, als meine Hand im Erbrochenen wegrutschte und ich auf die Sitzbank knallte, Kopf gegen Hartplastik, wir litten wohl beide.
Ich hätte weniger lächeln und weniger trinken sollen, aber das dachte ich mir nachher immer. Meine Lernfähigkeit in manchen Dingen war immer schon beschränkt, womöglich legte ich Erfahrungen auch nur im Arbeitsspeicher ab und verlor sie mit jedem Zubettgehen. Was ich dagegen nicht vergaß, war, wie sehr ich solche Abende hasste. Da traf ich auf Menschen, deren Bücher schlecht und wertlos wären, wenn jemand wie ich sie geschrieben hätte.
Der Waggon war scheinbar leer. Da stand nur diese Frau, die schrie und stampfte und spuckte. Am anderen, mir gegenüberliegenden Ende erkannte ich zwei Umrisse, sie wirkten wie aus Karton geschnitten, so flach und unwirklich sahen sie aus, und vermutlich blickten sie in meine Richtung. Die U-Bahn stand auffallend lange in der Station und machte keinerlei Anstalten weiterzufahren. Der Grund war natürlich ich. Schlagartig fuhr die Erkenntnis in mich rein, der Schock kam in Wellen und nahm für kurze Zeit den Umhang des Alkohols von mir. Kopfschmerzen drangen in mein Bewusstsein, hinter dem Bühnenbild meiner Stirn pochte eine Ader, die so dick war wie eine Schlange, die gerade ein Opossum fraß, und während diese Ader pulsierte, trieb sie mir nur einen Gedanken ins Hirn: Ich musste weg.
Ich stolperte an der schreienden und stampfenden und spuckenden Frau vorbei und schaffte es sogar auf den Bahnsteig. Dort kam ein glatzköpfiger Mann auf mich zu, er hatte einen bulligen Oberkörper und sein Pullover rang mit jeder Masche, um nur ja nicht aufzuplatzen. Den Kopf hielt er nach vorne gebeugt, als wolle er wogegen laufen, seine Fäuste schwang er wie Gewichte und dazu trug er noch so etwas wie eine Uniform. Und ich musste immer noch weg.
Ein paar Schritte stolperte ich rückwärts. »Da, sehen S’ das Gsindl!«, schrie die Frau und zeigte anklagend mit ihrem ausgestreckten Finger auf mich. »He, halt!«, rief der Mann oder auch nicht, da war ich mir nicht sicher, meine Wahrnehmung konnte mich täuschen, aber er rief irgendetwas. »Tschuldigung«, erwiderte ich murmelnd oder rülpsend und ging weiter rückwärts. Wie Eisschollen drifteten wir auseinander. Die Frau schrie, der Fahrer schrie, ich murmelte. Sie schrie, er schrie, und plötzlich hob ich den Arm, obwohl ich das nicht vorhatte, war selbst davon überrascht. Es sah so aus, als ob ich mich von jemandem verabschieden wollte, einem guten Freund. Aha, interessant, dachte ich. Dann Schreie, Schreie, und ich rannte los. Ich lief den Bahnsteig entlang, meine Schuhe hallten nicht wie in Filmen oder Hörspielen, Geräusche, die ja doch nur digital erzeugt wurden; stattdessen klatschten meine abgelaufenen Sohlen auf den glatten Boden, das Geräusch klang wie zwei Körper beim Sex. Spontan änderte ich meinen Kurs, ich bog nicht zur Treppe ab, sondern hielt stattdessen auf den Lift zu. Ich schlug auf den Knopf mit den zwei Pfeilen, die Türen öffneten sich und ich prallte hart gegen das Innere der Kabine. Mein Verfolger hatte auf den letzten Metern aufgegeben, er verfiel in einen Trott und sah mir in einer Mischung aus Müdigkeit und Erleichterung hinterher. Die Türen des Aufzugs hatten sich bereits geschlossen, es war zu spät für ihn.
Ich fuhr an die Oberfläche, raus aus dem künstlichen Licht, rein in die Dunkelheit. Ein halb abgelöstes Pickerl mit einer durchgestrichenen Zigarette sollte mich an ein Verbot erinnern. Früher durfte man hier noch rauchen. Früher war vieles anders.
•
Der Beginn einer guten Geschichte sollte einem Filmanfang ähneln. Gleich nach dem Aufblenden aus dem Schwarz geht es los mit diesen langen, sanften Hubschrauberflügen, die kilometerweit über den Boden hinweggleiten, sich aus der Vogelperspektive zuerst etwas hinabdrehen, um dann, nach links und rechts schaukelnd, zwischen Wolken wie Eiscremekugeln hindurchzutauchen, und sich schließlich zu den Hausdächern hinablassen, bis sie wenige Meter darüber verharren.
So auch hier. Unser Flug beginnt ganz oben, knapp unter der letzten Hülle der Atmosphäre, große Leute schlagen sich hier schon den Kopf am Weltraum an. Die Erdkrümmung ist deutlich zu sehen, da hinten ein UFO, die grünen Wesen, sie kommen übrigens von der Venus, winken uns zu, und weiter oben wird es dunkel, die russische Raumstation zieht über uns hinweg, doch wir kippen nach vorne und stürzen wie auf einer Achterbahn ungebremst nach unten. Ein Zischen in den Ohren macht uns klar, wir sind rasend schnell unterwegs und durchbrechen ein paar Schallmauern und Wolkenschichten aus Fernsehwerbungen – für Weichspüler, Brotaufstrich und Latexhandschuhe –, und dann geht es auch schon übers blaugrüne Wasser, wir fliegen einen Fluss entlang, mäandern von einer Biegung in die nächste, und schlussendlich schleudert es uns aus den unsichtbaren Bahnen, wir schweben über einer Stadt, nennen wir sie Wien, und kommen über Hausdächern zum Stehen, hinter denen gerade die Sonne untergeht. Das rote Ziegeldach wirkt selbst in der Dämmerung verwahrlost, eine Zeit, in der es das Licht mit den Tatsachen sonst nicht so genau nimmt. Moos, vereinzelte Blätter und Ruß haben sich wie ein passgenauer Mantel angelegt, Vogelnester liegen in der Dachrinne und jede zweite Schindel wurde durch eine überdimensionale Satellitenschüssel ersetzt. Jetzt regnet es zwar hinein, dafür ist aber das Fernsehprogramm gut. Blickt man die Fassade hinab, entdeckt man dicke Efeuranken, an denen wir uns nach unten hangeln können. Wir gelangen in einen gemütlichen Gastgarten, flackernde Lampions baumeln an etwas, das wie eine Wäscheleine aussieht, und darunter stehen bunte Gartenstühle aus dickem Draht, die knirschen, wenn sich jemand draufsetzt; außerdem haben viele von ihnen durch Zigaretten angeschmorte Stellen. Dazwischen steht ein Tisch mit einem rot-weiß karierten Wachstuch, der Stoff fühlt sich speckig bis klebrig an, niemand möchte in diesem Sommer seine nackten Unterarme darauf ablegen. Obenauf ist ein Aschenbecher drapiert, Zigarettenstummel und graue Aschereste formen einen Hügel, der an eine Mondlandschaft mit braunen Einsprengseln erinnert, die abgebrannten Filter als verbrauchte Raketenteile, daneben stehen zwei Biertulpen und vollgeschriebene Untersetzer. Kann sein, dass da auch etwas über lange literarische Beschreibungen steht, aber das kümmert uns nicht, und überhaupt: Ich bin ja noch gar nicht da und bewege mich erst auf die Biergläser zu.
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»So kann es nicht weitergehen.«
Das ist ein seltsamer Anfang für ein Gespräch, aber seltsam ist zugleich auch die passende Beschreibung für meinen Chefredakteur und jedes einzelne unserer Aufeinandertreffen.
Der Gestank von kaltem Rauch dominiert die schwüle Luft in diesem Büro, er kann quasi von überall herkommen: aus den Wänden, aus der Kleidung, aus dem Tisch und vermutlich sogar aus den Körpern aller, die einmal in diesem engen Kabuff mit seinen rissigen Kalkwänden einen Teil ihres Lebens weggeworfen haben. Ich versuche mir den Gesprächsanfang zu merken, um der langen Pause, die da folgt, entgegenzutreten, und kämpfe gegen einen tief in mir sitzenden Würgereiz an, der wie ein Bergwerk Galle zutage fördern möchte. Währenddessen steht er am Fenster, M., mein Chef, aber er hat nichts mit dem britischen Geheimdienst zu tun, verwendet nur gerne Abkürzungen, und kann auch Sean Connery und Roger Moore nicht auseinanderhalten. Mit den Fingern seiner linken Hand, die wie abgeschnittene Burenwürste aussehen, lockert er seinen Krawattenknoten, die Finger der anderen Hand stecken zwischen den vergilbten und mit einer Fett- und Staubschicht bestrichenen Lamellen der Jalousie, die ihn davor schützen soll, auf den grauen Parkplatz gegenüber zu blicken. Jetzt räuspert er sich, gleich geht es weiter. Ich stehe neben ihm, sein Profil zeichnet sich für mich vor einer Wand aus dicken Mappen und Ordnern ab. Mit Lackstift sind auf den Rücken Daten vermerkt, Tag für Tag, Woche für Woche, eine Zeitreise in die Geschichte der Welt, verpackt auf mehrere hundert Seiten, die wir täglich wie ein Feld bestellen und in vier bis fünf Hauptsätzen in den Äther gießen.
»Als Teilzeitteletextredakteur haben Sie Pflichten. Zu diesen gehört das Formulieren von Meldungen, die Prägnanz, Kraft und Stärke besitzen sollen. Dies ist unabkömmlich«, sagt M.
Ich finde es wie immer witzig und zugleich bemerkenswert, wie er seine Alltagssprache dem gleichen Aufbau unterwirft, mit dem wir hier den Teletext produzieren. Eine Handvoll Hauptsätze, nur nicht zu viele Worte, am wichtigsten ist die Nachricht.
»Deshalb gibt es nur eine Konsequenz: Kündigung.«
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Moment, Stopptaste, Rewind, das Band läuft nochmal zurück. Was hat der da gerade gelabert?
»Deshalb gibt es nur eine Konsequenz: Kündigung.«
In meiner Zeit beim Teletext habe ich viel erlebt. Gerade die letzten Monate hatten es in sich: Glasnost, Perestroika (hab ich einmal falsch geschrieben, ist aber niemandem aufgefallen), die Wende, Popstars und der Mauerfall, alles ist neu. Die 100er haben wir an manchen Tagen so oft mit neuen Schlagzeilen bestückt, irgendwann hab ich aufgehört zu zählen. Und dann war da der Kollege, mit dem ich einmal Nachtdienst hatte. Es gab vermutlich neue Entwicklungen im Ostblock, kurz nach Mitternacht haben wir erste Meldungen von internationalen Nachrichtenagenturen erhalten. Die Bestätigung der Beschlüsse irgendeiner neuen Verhandlungsrunde war noch ausstehend, wir aber müde und ungeduldig, also haben wir schon was vorgeschrieben. Titel fiel uns noch keiner ein, was war daher naheliegender als »Irgend so ein Schaß«? Fanden wir komisch. Stunden später wurden wir von der nächsten Schicht abgelöst. Und die hat dann sogleich die unbestätigte Meldung mit dem als Provisorium gedachten Titel ins System gespielt. Das war zwar nur eine 130er-Meldung, aber komisch fand das dann niemand mehr. Einzig unser Chefredakteur hat erstaunlicherweise stumm darüber hinweggesehen. Und jetzt die Kündigung. Weswegen? Die Frage finde ich gut.
»Weswegen?«, frage ich also.
Da setzt er zum nächsten Block einer Teletextmeldung an, beginnt natürlich mit der Überschrift, schürzt seine Lippen unter dem Schnurrbart: »Kreativität und Mut sind gefragt.« Endlich dreht er sich vom Fenster weg und sieht mich an, mit seinen Burenwurstfingern nestelt er in seinen Hosentaschen. Ich unterbreche ihn sogleich.
»Beim Teletext? Wir kommen doch über fünf Hauptsätze nicht hinaus. Sie sagen doch selbst immer: Jedes Wort ist zu viel!«
Das scheint ihn zu überraschen, aber eine Unterbrechung nach der Überschrift geht gerade noch, da ist sowieso eine Leerzeile als Abstand dazwischen. M. schnappt nach Luft, da sind wieder seine Burenwurstfinger. »Gerade beim Teletext sind Mut und Kreativität unabkömmlich.« Da ist er schon in seinem Meldungsblock. »Mit diesen Hauptsätzen wird Geschichte berichtet. Umso mehr braucht es Männer, die die Geschichte verstehen und sich etwas herausnehmen. Ich habe genug Redakteure, die meine Anweisungen ohne nachzudenken wortwörtlich ausführen. Dieses Jahrzehnt verlangt nach etwas Neuem, nach Mut und Leidenschaft. Nicht nach jemandem wie Ihnen.«
Damit ist der letzte Meldungsblock beendet. Ich rausche aus dem Büro, aber nicht ohne vorher noch die einfallslosen Berichte zu kritisieren, die seinen Wurstfingern entsprungen sind. In puncto Rhetorik, Schlagfertigkeit und Diskussionskultur sicher keine Glanzleistung von mir. Ich will dann noch eine letzte Meldung in den Teletext stellen und wenigstens einmal für Furore sorgen, aber mein Kollege meint nur, ich soll nicht nerven und ob ich eh weiß, wo die Tür ist.
Also gehe ich. Nie wieder Teletext.
•
Eine Faust kommt selten allein. Was nach einem Film von Bud Spencer und Terence Hill klingt, ist in meinem Fall zwar nicht auf Zelluloid gebannt, dafür aber auch nicht weniger schmerzhaft.
Eigentlich wollte ich zum Würstler und mich standesgemäß betrinken, aber ich hatte kein Kleingeld und dann war mir zu viel los. Ich hätte von einer der Wientalbrücken brunzen sollen, habe aber nicht mal in den Kanal gespuckt. Ich komme also nach Hause, früher, weil ich bin ja gekündigt. Es ist ganz frisch, und ich habe noch Spuren an mir, wie ein Säugling nach der Geburt: Blut, Nabelschnur, Fruchtwasser. Bei mir sind die Zeugnisse von etwas Früherem allerdings die Hose mit Bügelfalte, das lachsfarbene Hemd, die breite Krawatte mit Fischmuster und das beige Sakko, das in Übergröße an mir herunterhängt wie ein Jutesack. Dabei war ich niemals begeisterter Anhänger der restriktiven Kleiderordnung im Büro, aber als lebende Gegenthese dazu musste ich täglich durch das Rundfunkgebäude gehen und traf auf Direktoren, Politiker, Publikumsräte und Sektionschefs in Maßanzügen, den Kugelbauch vor sich herschiebend wie die tödliche, alles zermalmende Steinkugel in Indiana Jones. Einzige Rettung bot eine bürotaugliche Rüstung, Zeichen dafür, dass ich nicht aufbegehrte und »ihre« Spielregeln anerkannte. In Jeansjacke, T-Shirts mit pazifistischem Aufdruck oder zerrissenen Hosen wäre ich unten durch gewesen und als Feind gebrandmarkt worden. Aber das Kapitel, das mit der Arbeit, habe ich gerade hinter mir, also keine Anpassung mehr.
Ich sperre die Wohnungstür auf und will gerade mein Sakko wie ein kaputtes Schwert von mir werfen, stolpere aber sofort über einen offenen Koffer, krache gegen den Schrank und bruchlande am Boden. Autsch. Was zum Henker soll das? Da spricht doch jemand. »Doreen?«
Ein Nuscheln, dann das Klappern von Plastik, könnte ein aufgelegter Telefonhörer sein. Die Tür öffnet sich ins dunkle Vorzimmer wie das Tor zu einer anderen Dimension, Licht fällt herein und eine schmale Silhouette zeichnet sich ab.
»Was machst du denn schon hier?« Die Stimme trägt einen weit geschnittenen Zweiteiler, die blonden, lockigen Haare hochtoupiert, Hände in die Hüften gestemmt. Meine vorangestellte Frage hatte sich gerade von selbst beantwortet: ja, Doreen.
Ich will auch ihre Frage beantworten und lege ihr kurz die Lage dar, dabei bleibe ich so verrenkt liegen, das Kinn knapp über dem Boden, der Rumpf im Koffer, die Beine verdreht im Garderobenschrank. Mein Nacken beginnt zu schmerzen, weil ich in einem steilen Winkel zu ihr aufschauen muss.
»Warum wundert mich das nicht.« Das ist eine Feststellung, keine Frage. Ein schlechtes Zeichen, von dem Koffer, in dem ich gerade liege, mal abgesehen. »Doreen, was machst du da?«
»Scheiße«, flucht sie und wiederholt es gleich ein paar Mal, sie zischt das Wort vor sich hin, »scheiße, scheiße, scheiße.« Dann geht sie in die Hocke, faltet unschlüssig ihre Hände, streichelt mir dann doch den Kopf wie den eines kranken Hundes, kurz vor dem Einschläfern. Sie setzt an und ich frage mich gleichzeitig, wie lange wir jetzt eigentlich zusammen waren. »Schau, es ändert sich so viel in der Welt. Gleich um die Ecke, hier, bei uns. Jetzt steht uns erstmals die ganze Welt offen, diese Möglichkeiten hatten unsere Eltern nicht. Der Kalte Krieg steuert auf ein unaufgeregtes Ende zu, offene Grenzen, neue, sich ausbreitende Kunstrichtungen und Elektronik, die Wunder vollbringt. Es gibt keine Grenzen mehr, keine Gründe, uns etwas nicht vorzustellen und es dann zu verfolgen, bis wir es erreicht haben.« Doreen sieht mitleidig auf mich hinab. Und ich vermisse die Teletextmeldungen.
»Die Chancen will ich ausnützen. Alle. Oder zumindest möglichst viele. Ich mag hier nicht versauern, nicht jetzt schon. Ich will mich auch noch nicht festlegen, wer weiß, vielleicht will ich das ja auch nie. Schon gar nicht festlegen will ich mich auf jemanden, der sich am liebsten nur festlegen möchte – auf seine Arbeit, sein Zuhause, seinen Lebensstil, die Lieblingsspeise und das Fernsehprogramm. Wie eine magnetische, klammernde Krabbe. Auf jemanden wie dich.«
Doreen geht nach Berlin, und zwar jetzt. Dort existiert der Zeitgeist, dessen Teil sie um jeden Preis sein will, zu dem sie werden will, den sie mitgestalten, in sich spüren und wo sie sich spüren will. Vielleicht will sie sich auch von einem Künstler vögeln lassen, zumindest vermute ich das, würde es ihr gerne unterstellen. Tue es aber nicht.
Am Boden liegend denke ich nach, lasse die Frau über mir Revue passieren, sehe Gedanken an mir vorbeirauschen. Ich sage dann nur: »Okay.« Ihr Parfüm werde ich nie vergessen, genauso ihren oberösterreichischen Dialekt. Unsere Liebe zieht vorbei wie ein davoneilender Zug, das Rauschen verklingt in der Ferne, wie eine angeschlagene Saite in einem Klavier, die immer leiser wird und mit dem letzten Vibrieren aus der Wahrnehmung entschwindet und stirbt.
Crescendo.
Doreen küsst mich auf die Stirn und steigt über mich hinweg. »Kannst du bitte von meinem Koffer runtergehen?«
Ich liege immer noch am Boden.
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»Du bist beim Teletext rausgeflogen, weil du zu wenig kreativ und risikofreudig bist?« Mein vermeintlich engster Freund, er ist auch gleichzeitig mein unzuverlässigster Freund, spuckt mir die Worte mit Speichel- und Bierfetzen entgegen. Mittlerweile habe ich drei Bier getrunken, auf die Adjektive und den Tröpfchenangriff kommt es mir nicht mehr an.
Jetzt sind wir also in diesem gemütlichen Gastgarten angekommen, flackernde Lampions baumeln an einer Wäscheleine und die bunten Gartenstühle haben Sitzflächen aus dickem Draht, der knirscht, wenn man sich draufsetzt. Auf dem Tisch mit dem rot-weiß karierten Wachstuch stehen ein halbvoller Aschenbecher und mehrere Biertulpen.
So beginnt mein Sommer in den frühen Neunzigern.
Vielleicht beginnt er aber auch ganz anders und ich bin bloß ein schlechter Erzähler.
Vielleicht stimmt nur ein Teil, ich sitze tatsächlich in diesem Gastgarten, eingepfercht von Plastikstühlen und Gute-Laune-Musik vom Band. Die junge Frühsommerluft zieht wie ein unlustiger Entertainer zweiter Klasse von Tisch zu Tisch, der sich zu viel Mühe gibt, sein eigenes Untalent und Scheitern allerdings erkennt und daher zu einer traurigen, mitteilsamen Gestalt wird. Es ist warm, die Nikotinschwaden in diesem Innenhof wabern an mir vorüber wie dicke Meereswellen samt Walfischen, Algen, Öl und einigen anderen Chemikalien.
Ich schwitze, ekelerregend. Schweiß steht mir auf der Stirn, sammelt sich unter den Achseln und dicke, fette Perlen rollen mir den Rücken hinunter und in die Arschritze. Ich lecke mir über die Lippen, will den Salzgeschmack spüren, doch da ist fast nichts, mir fehlt die Fantasie zum letzten Deut. Stattdessen nehme ich einen Zug von meiner Zigarette. Ich bin durstig und mir fällt ein, dass ich bereits etwas bestellt habe.
Vor mir stehen drei Biergläser.
Das erste Bier habe ich bestellt, um meine Zeit beim Teletext zu betrinken.
Das zweite Bier habe ich bestellt, um meine Zeit mit Doreen zu betrinken.
Das dritte Bier habe ich bestellt, um meine eigene Zeit zu betrinken, und damit der sanfte, beruhigende Rausch schneller kommt und mich wie eine kühlende Decke auf eine Parkbank schleppt.
Gerade, als ich zum ersten Glas greife, klopft mir plötzlich jemand auf die Schulter. »Das ist aber großzügig von dir!« Jan-Christian grinst sein Zahnarztzahnpastawerbelächeln, er krempelt die Ärmel hoch, als gäbe es schwere physische Arbeit zu erledigen und nimmt Platz. Jan-Christian, kurz: JC, ist mein engster Freund. Nicht mein bester, mein engster. Engster. Bester. Es gibt Unterschiede.
»Abend«, murmle ich knapp. Das ist unser Stammbeisl, ich habe ihn nicht angerufen und eingeladen, auch wenn ich mit dem Gedanken gespielt und ihn schlussendlich getötet habe. Schlussendlich, was ist schon schlussendlich? Es wundert mich nicht, ihn zu sehen.
»Aber ernsthaft«, er lacht und begutachtet fachmännisch die drei Gläser, »erwartest du noch jemanden, oder was?« Er zögert, greift nicht gleich zum Glas. Ich bemerke das und überlege mir, welches soziologische Experiment sich daraus entwickeln ließe. Soziale Interaktionen halte ich für etwas Seltsames, dabei glaube ich immer, sie durch gezielte Manipulationen bereits vorab planen zu können.
Gönnerhaft deute ich der Reihe nach auf die drei Biertulpen und erzähle ihm die Geschichten dahinter. Kein Teletext. Keine Doreen. Rauschbeschleuniger. Beim letzten Wort schmunzle ich, ärgere mich aber gleichzeitig, drei Biere auf einmal bestellt zu haben, das dritte wird doch warm, bis ich so weit bin. Oder ich muss schneller trinken.
Langsam, als handle es sich dabei um eine königliche Geste in einem sechsstündigen Schlachtenfilm, schiebe ich ein Glas zu JC. Ich überlege, ob ich ihn einladen soll, aber mir wird bald das Geld ausgehen.
»Mir wird bald das Geld ausgehen«, sage ich dann auch laut. JC nickt, ich nicke. Wir trinken.
Die nächste Runde geht auf ihn, sagt er zumindest, so wie fast immer. Wir bestellen uns noch vier Bier, jeder trinkt zwei. Es schmeckt, ich stelle mir meinen Rachen vor, wie er in Zeitlupe, ganz wie in einer dieser Bierwerbungen, von flüssigem Gold mit Luftbläschen geflutet wird. Dabei hasse ich den Ausdruck, flüssiges Gold ist bestimmt heiß, hätte mir den Rachen verbrannt, verätzt und hätte sich wahrscheinlich binnen kürzester Zeit durch meinen Körper gefressen und tödliche Löcher hinterlassen. Was die Menschen nur so am Gold fasziniert.
Wir sprechen kaum, JC hat Respekt, er umschifft die brenzligen Themen gekonnt wie ein erfahrener Steuermann Seeminen. Dann scheint er den Kurs allerdings zu ändern, hält direkt auf mich zu und geht auf Konfrontationskurs. Im Sturm der dritten Runde fragt er: »Und was machst du jetzt?« Danach stützt er sich auf seinen Unterarm wie ein Nachrichtensprecher aus den 70ern, spricht im Flüsterton: »Du könntest die Gelegenheit nützen und an diesem Zeugs da weiterschreiben.«
Den Gesprächsfetzen verscheuche ich wie eine lästige Gelse, der Einwurf ist mir nicht mehr als eine Handbewegung wert, ich schreite stattdessen zur vorangegangen Frage, die habe ich mir nämlich schon den ganzen Nachmittag bis zur Erschöpfung gestellt. »Keine Ahnung.«
»Aber du hast dir doch sicher schon was überlegt?«
»Ja, eh. Ich werde die Tage aus Doreens Wohnung ausziehen. Sie steigt noch heute in den Flieger, sucht sich dann spontan was. Ich will da nur noch raus, schon aus Prinzip.« Das ist zumindest das, was ich JC erzähle. In einer parallelen Wahrheit wollte ich einstweilen in der Wohnung bleiben, ich hab ja sonst nichts. Doreen hat mich gebeten zu gehen, irgendwer zieht bald in unsere Wohnung, eine Freundin oder eine WG, ich weiß es nicht mehr, es ist mir auch egal.
»Bist du dir sicher?«, könnte JC fragen, stattdessen rülpst er in sein Bier. »Warum eigentlich?«, fragt er dafür, einen Finger gerade ins Ohr drehend. Sein Hemd sieht schon durchgeschwitzt aus, scheiß schwüles Wetter, aber soll er ruhig auch leiden.
»Hab ich dir doch schon alles erzählt«, wehre ich die Frage wie ein gelangweilter Tischtennisprofi den Ball ab. »Anscheinend bin ich allen Menschen, die irgendwie mit mir zu tun haben, ganz einfach zu angepasst, zu wenig spontan. Das muss alles mehr so zack zack zack kommen«, und währenddessen stelle ich einen Croupier dar, der unsichtbare Karten austeilt.
Dann schreien wir irgendwann laut »Prost!«, knallen unsere Gläser gegeneinander, Bier schwappt über und bekleckert meine Hose. Dann das übliche Männergerede, wir tapezieren uns mit Klischees aus, neuer Job muss her, neue Frau auch. Soll mir gleich eine aussuchen, die oder die – nein, die da! Später werde ich mich für das Verhalten genieren, im gefährlichen Mix aus Hitze und Alkohol und JC kann ich gerade nicht genug prahlen und männlich sein; uga uga.
Wir sind am Start von Runde vier, immer noch doppelte Bewaffnung, zumindest sehen wir es so, als JC, kreidebleiches Gesicht, plötzlich mein Handgelenk packt.
»Alles in Ordnung mit dir?«, stoße ich auf.
»Ich hab die Lösung«, keucht er wie in einem Asthmaanfall, »ich hab die Lösung für dich. Und sie.«
»Sie? Welche Sie? Sie sie?« Ich lache, zuerst denke ich nämlich an einen Hund, dann an die Kaiserin und dann an einen Briten, der die See sieht. Herrlich.
»Nein, ohne Scheiß, ich hab die Lösung. Für dich, für sie, für mich. Uns alle!« Begeistert springt JC auf, stopft Brieftasche und Pager in die Hose und fordert mich hektisch auf, es ihm gleich zu tun. Mit der Ergänzung: »Du zahlst, ich organisier uns ein Taxi!«
Bereitwillig torkle ich zur Kellnerin. Über den Lampions ist es bereits dunkel, und ich habe endlich den erwünschten Grad meiner Trunkenheit erreicht, bin daher ohne Einwände zum Zahlen bereit.
Vor dem Lokal treffe ich auf JC. Ein Taxi gibt es nicht, stattdessen drückt er mir ein Bier in die Hand und wir steigen in die nächste U-Bahn.
•
Niemand schmeißt uns raus, obwohl wir es lustig haben und uns nicht gerade zurückhalten, selbst oder gerade dann, als das Bier wie ein Geysir aus der Dose schießt. Wir lachen, wir stinken, und dann packt JC mich an der Hand. Er hat schöne Hände, denke ich mir, so zart, und dann fällt mir ein, ich habe gar keine Ahnung, wann Männerhände schön sind.
Wir schlagen in einen Klub ein, und zwar wie eine auf den Erdboden fallende Antriebsstufe einer Rakete.
Von außen wirkt er schick und teuer, womöglich ist meine Wahrnehmung aber auch durch Alkohol und Neonlicht getrübt. Wir blechen für den Eintritt, dann geht es über eine steile Wendeltreppe runter in den Keller. Menschen stehen eng aneinandergeschoben und wirken dabei wie industriell kultiviertes Obst, sie tauschen sich und ihre Körperflüssigkeiten aus, momentan vor allem Schweiß durch Verdunstung. Andere atmen den Stoff wieder ein. Alle sind sich sehr nahe. Uns ist das egal, wir stürmen durch die Menge wie zwei Kinder, die das Zuckerlgeschäft überfallen wollen. Durch eine schwere Stahltür geht es in einen schmalen Gang, an dessen Ende erwartet uns ein roter Raum. Nein, er wird grün. Blau. Gelb. Die Leute tanzen lethargisch, Elektropop schlägt blechern aus den Lautsprecherboxen, mehrere Lieder scheinen sich zu überlagern, es ist kaum etwas zu verstehen. Vielleicht liegt das aber nur an meinem Zustand. Zum Glück strahlt mich JC wie ein Autoscheinwerfer an, voller Vorfreude. »Wir gehen zu Kairos«, sagt er endlich, das erste verständliche Wort seit gefühlten Stunden.
»Kairos?«
»Eigentlich ja Katka.«
»Katka?«
»Eigentlich ja Katja, aber egal, irgendwas mit K halt, komm!«
Wie ein Bulldozer schiebt uns JC mit suchendem Blick durch die Menge, dann landen wir in einer Ecke bei Kairos oder Katka oder Katja. Eine Frau in unserem Alter, also relativ jung, rote Haare, sie liegt ausgestreckt auf einer Sitzgruppe, daneben ein Tisch. Während ein Arm auf der Rückenlehne ruht, stützt der andere sie ab. Ein Bein liegt ohne Schuh auf der Bank, das andere ist vermutlich unter den Tisch gerutscht. In ihrem Mundwinkel hat sie etwas Zigarettenartiges stecken, bemerkt es scheinbar gar nicht. Die Frau sieht aus, als ob sie in der stickigen Hitze dieses Kellers zerlaufen wäre und sich wie eine klebrige Süßigkeit über die Sitzgruppe verteilt hätte.
»Was?« Ihr Blick ist unerwartet hart für so eine zerflossene Person, ihre klirrenden Worte gelten JC. Mit dem Wechsel der Musik ändert sich auch die Situation, ich fühle mich wie bei der Anbetung einer Göttin, womöglich sollen wir auch noch geopfert werden. In meinem Kopf tauschen wir unsere Kleidung gegen kratzige Leinengewänder, die Turnschuhe gegen Sandalen. Katka oder wie auch immer wird palmgewedelt und mit Trauben gefüttert, sie hat ein geflochtenes Diadem aus Gold auf dem Kopf, ein Haarschopf hängt ihr in die Stirn, dahinter versteckt sich ein Undercut. Sie trägt ebenfalls Sandalen und verhüllt ihren Körper in feinster Seide und geschwungenen Metallstreifen; eine griechische Gottheit macht auf Punk, ihr Outfit erinnert mehr an B-Movie als an historische Authentizität. JC redet mit mir, flüstert fast, so gut das bei der Lautstärke der Musik halt geht:
»Schlechtes Timing, hätte ich dir früher sagen sollen. Aber Katka ist so eine Sache, ist auch nicht immer leicht aufzutreiben. Sie studiert schon seit Jahren an der TU und der WU und überhaupt an der Uni. Kunst vermutlich auch. Interessiert sie alles Möhre, aber ihr Stiefvater rückt dafür Geld raus. Der Typ muss stinkreich sein, Immohai, New Economy, whatever. Jedenfalls hat er wohl irgendeinen Komplex, steht angeblich auf sie. Sie nützt das eiskalt aus und wirft sein Geld mit beiden Händen raus.«
Ich verstehe langsam, zumindest glaube ich das. Aus meinem Mund kommen aber erst wieder andere Worte, ganz konkret nur eines: »Was?«
»Oida, bitte!« Genervt schnellen JCs Pupillen an den oberen Rand seiner Augenhöhlen, ich warte auf ein Scheppern der Jalousien, aber wir sind halt in keinem Zeichentrickfilm. Schade. »Du checkst auch wirklich nix, oder? Halt die Klappe und schau zu, ich schenk dir jetzt einen Sommer.«
Und er tut es wirklich.
•
Es verhält sich nämlich so: Zu den vielen Nebenbeschäftigungen von Katkas Stiefvater zählen tatsächlich auch Immobilienspekulationen. Aus diesem Grund gehört ihm seit Kurzem ein altes Eckhaus in einem der inneren Bezirke, früher war das mal ein rege besuchtes Kino. Das Haus sollte längst abgerissen werden und einem neuen Apartmentbau Platz machen, doch Katka hat mit den Augen geklimpert und eine klare Wunschliste aufgesetzt. Autonom zu sein lag mit einiger Verspätung auch hier im Trend, also baute sie ihre Clique in eine Zelle um, wechselte die Musikkassetten und benötigte nur noch ein Haus zum Besetzen. Statt den Abbruchbaggern bei der Arbeit zuzusehen, darf sie mit ihren Freunden nun Hausbesetzer spielen, das Gebäude wird im Bezirk sogar liebevoll »Klein-Berlin« genannt. Also behaupten zumindest die Hausbesetzer. Dummerweise ist das Leben in einem besetzten Haus aber gar nicht so angenehm, gerade im Kontrast zu einer frisch bezogenen Dachgeschoßwohnung im 1. Bezirk. Das hat dann wiederum doch noch Katkas Stiefvater verärgert, weil er das Gebäude schon längst hätte verschwinden lassen können. Es verhält sich in ihrer Beziehung nämlich so: Wenn sie das Spielzeug nicht mehr benützt, wird es von ihm ohne Umwege ausgemustert. Findet Katka also unter ihren wohlernährten Freunden mit den goldenen Löffeln im Rektum keinen Trottel, der sich ein bisschen um das Kino kümmern möchte, ist Klein-Berlin Geschichte.
Ich bin perfekt.
JC tritt vor, er hat in meiner Vorstellung noch immer Sandalen und kratzige Leinengewänder an. »Katka, hör mir zu. Ich sehe hier zwei Probleme und eine gemeinsame Lösung. Hier, es geht um den armen Tropf da, Dings«, dabei deutet er abschätzig auf mich. Und dann holt er aus und rattert einen Monolog runter, von dem ich nur die Hälfte mitbekomme, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das an meinem alkoholgetränkten Zustand liegt oder an seinem. Ein paar Stichworte schießen aber wie Feuerwerke daraus hervor und bleiben beim Herunterfallen in meinem Sieb von Hirn hängen: Schicksalsschläge, Getreide, Fürsprecher, Eisenbahnbrücke, Donaudampfschifffahrt, Helden.
Mein Blick geht ungläubig zwischen JC und Katka hin und her, ein Tischtennisspiel wäre für meine Augen weniger anstrengend. Was geschieht hier gerade? Die Frau bewegt sich nicht, blinzelt nicht einmal. Ist sie etwa tot?
Ein Raunen entfährt ihrer Kehle, ein Ton, er baut sich auf und verebbt wieder. JC schaut mich an, er lächelt und ich begreife. »Das heißt ja«, flüstert er, was in einem Klub mit Musik dieser Lautstärke allerdings wenig Sinn ergibt. David Bowie ist lauter als er, aber mir genügt die Mimik.
Die Szene verwandelt sich wieder zurück in die Normalität, wir sind unauffällig gekleidet wie am Anfang der 90er und nebenbei: völlig durchgeschwitzt. JC beugt sich zu Katka runter und flüstert ihr etwas ins Ohr, dann mustern mich beide kurz. Schließlich nickt er, greift unter den Tisch, dann sieht er ihr in die Augen. Noch ein Murmeln, ihr Mundwinkel zuckt, dann stellt er sich wieder auf, macht eine angedeutete Verbeugung. Ich mache es ihm nach und verstoße gleich gegen JCs Rat, nämlich die Klappe zu halten. »Danke für die Hilfe, ich …« Weiter komme ich nicht, JC boxt mir auf den Arm und schleift mich sofort von Katka weg und wir verschwinden in der Menschenmenge. Das Licht wechselt wieder die Farben, rot, grün.
»Was war das denn jetzt?«, will ich wissen.
»Sie mag es nicht, wenn man sich bei ihr bedankt. Das tut man nicht. Übrigens, hier.« Er drückt mir einen spitzen Gegenstand in die Hand, beim nächsten Lichtwechsel erkenne ich einen Schlüsselbund. »Aha.«
»Aha?«
»Hilf mir mal schnell. Was mach ich damit?«
»Du bist wirklich die Härte, ehrlich.« In JCs Synapsen muss es funken, die Dinger glühen bald wie Sternspritzer, wenn er nicht aufpasst. »Glückwunsch, du bist jetzt Kinobetreiber.«
»Warte, was?«
Und da lässt mich JC auch an dem Deal teilhaben, den er gerade in meiner Anwesenheit ausgehandelt hat, ohne dass ich auch nur das Geringste mitbekommen habe: Ich ziehe bis zum Ende des Sommers in das alte Kino, lege hin und wieder eine Filmrolle ein und achte auf das Gebäude, damit es nicht vorzeitig in sich zusammenfällt. »Über den Kinosälen gibt es ein paar Wohnungen und Büroräume, da wirst du schon was Passendes finden. Außerdem gibt’s jede Woche eine Handvoll Schillinge bar auf die Hand, quasi Kost und Logis plus Taschengeld. Was willst du für den Sommer mehr?« JC bricht ab, er nimmt zwei Cocktails von einem vorbeiwandernden Tablett. Die Kellnerin dreht sich zu ihm um, doch er reckt nur den Daumen nach oben.
»Was?«, frage ich erneut, scheinbar in einer Zeitschleife steckend.
»Schau, es ist ganz einfach. Du passt auf das alte Kino auf, dann lässt der Alte Katka in Ruhe. Als Belohnung kriegst du ein kleines Taschengeld, damit kommst du den Sommer locker über die Runden. Im Herbst reißen sie das Haus dann sowieso ab, aber da bist du schon längst wieder draußen.«
»Äh …« Ich muss besonders blöd schauen, doch JC lacht und deutet mir an, den Schlüsselbund besser gleich einzustecken.
»Das wird dir guttun, wirst sehen. So lernst du endlich auf deine ganzen Pläne zu verzichten. Lebe von heute auf morgen, zerbrich dir nicht immer den Kopf! Um das Leben so zu leben, brauchst du keinen Rausch, auch wenn es damit leichter geht. Die Chance kommt nie wieder, take it or leave it. Nur für diesen Sommer. Jetzt im Kino.«
Der Tag war verrückt. Verrückt verrückt verrückt. Damit könnte ich zurück zu … nein. Falscher Gedanke, schlechter Gedanke. Nach vorne, einfach so. Das ist verrückt. »Musst du morgen arbeiten?«, frage ich JC, doch der schüttelt nur den Kopf.
»Na dann lass uns noch was trinken«, sage ich und nehme ihm eines der Gläser aus der Hand. »Ich bin ab morgen Hausbesorger und Filmvorführer in Personalunion, wie schwer kann das schon sein?«
Ein Schlag auf die Schulter. »So gefällst du mir! Muss nur auch nüchtern so gehen.«
Wir halten auf irgendeinen Punkt in der Nähe der Bar zu. »Sag, hast du was mit ihr? Mit Kairos, Katka, Katja?«
»Kairos?«, fragt er mich verwirrt, der dröhnende Bass trommelt ihm auf die Schädeldecke, bringt die Gehirnwellen aus dem Rhythmus. »Wer soll das sein?«
»Na Katka, hast du doch gerade gesagt!«
»Blödsinn!«, erwidert er und verbannt den Spitznamen sogleich in das Reich meiner Erfindungen.
Nach dem nächsten Getränk muss ich speiben.
•
Nachher fühle ich mich, als ob ich den euphorisch betrunkenen Teil übersprungen hätte, statt Heiterkeit stürze ich in einen kalten See aus Melancholie. In diesem Land, mit dieser Mentalität, ist Alkohol oftmals das letzte anerkannte Mittel, um wieder ein paar Stunden im alles zersetzenden Hamsterrad rennen zu können.
Eigentlich hasse ich mein Leben.
Diese kalte Traurigkeit im Rausch.
Der Umstand wird mir bewusst, als ich nach endlosen Fahrten mit U-Bahn und Bim endlich an die frische Luft komme. Der schale Geschmack von Bier und Kotze liegt wie ein schwerer Pelzvorleger in meinem Mund, meine Kleidung dünstet den Gestank der vergangenen Stunden aus. Müde gehe ich durch die Straßen, den Geist gänzlich vom Körper getrennt. Arbeit, Beziehung, Alkohol, Zigaretten, eine leere Wohnung, ist das das Leben? Als Kind, als Jugendlicher, als Student hatte ich mir das Später immer anders vorgestellt. Aber wie? Und wann?
Ich zünde mir meine letzte Zigarette an. Da hinten dämmert es bereits.
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Der nächste Tag.
Was stellt man mit frisch gewonnener Freiheit an, wenn einem diese ungefragt aufs Auge gedrückt wird? Man kann es wie ich machen, ausschlafen und feststellen, wie sehr man vom eingeschlagenen Weg abgekommen ist.
Eigentlich bin ich schon viel früher aufgewacht, der leichte Schlaf vom Alkohol durchtränkt und von der Angst gepeinigt, zu verschlafen und es nicht rechtzeitig in die Redaktion zu schaffen. Natürlich habe ich vergessen den Radiowecker abzustellen, das Ding hat mich mit seinen teufelsrot leuchtenden Zahlen und »Bruttosozialprodukt« aus dem Bett gerissen und wie einen nassen Sack auf den Boden geschmissen. Mein Hass auf den öffentlichen Rundfunk steigt aufgrund der frühmorgendlichen Musikauswahl explosionsartig an, meine Kündigung ist da guter Nährboden.
