Dinopolus - Berthold Deck - E-Book

Dinopolus E-Book

Berthold Deck

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Beschreibung

Die Abenteuer von Dinopolus und seinen Freunden zaubern dir manchmal ein Lächeln ins Gesicht oder stimmen dich nachdenklich. Sie gehen direkt ins Herz und machen dir bewusst, worauf es im Leben wirklich ankommt: Freundschaft, Vertrauen, Mut und Glück. Gute Gründe, sich auf jeden neuen Tag zu freuen. Doch ist das wirklich alles? Dinopolus begibt sich auf die Reise nach Antworten. Eine Liebeserklärung an das Leben.

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EPUB
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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für Jeremias Benjamin

und Elias Lancelot

Ein Traum

Es war einmal ein kleiner Dinopolus.

Er war der letzte und damit einzige seiner Art.

Er war ein lieber Kerl und hatte viele Freunde.

Eines Tages hatte er einen seltsamen Traum.

Er träumte von einem laut stampfenden, wilden und donnernden Ungetüm. So ohrenbetäubend laut war der Krach,

dass er, ohne es genauer betrachtet zu haben, wach wurde.

Als er seinen Freunden davon erzählte,

schüttelten die nur ihre Köpfe.

Nein, von so einem Ungeheuer hatten sie noch nie gehört.

»Das gibt es nicht!«, sagten sie zu Dinopolus.

Er aber glaubte an seinen Traum und machte sich auf die

Suche. Er konnte noch eine ganze Weile das Getuschel

und Gelächter seiner Freunde hören.

Viele Tage wanderte er einsam träumend durch

die Landschaft. Dinopolus merkte zunächst gar nicht, wie

sich die Gegend um ihn herum immer mehr veränderte.

Flach war es hier. Und überall konnte er den Geruch

von frischer Erde wahrnehmen.

Und da war noch etwas. Ein seltsamer, fremder Geruch.

Der konnte nur von dem Ungetüm stammen.

Seine Nase führte ihn auf einen nahe gelegenen Hügel.

Und da, er konnte es kaum glauben, stand sein Traum.

Direkt vor ihm. Oh wie wunderbar!

Ein Traktor.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Dinopolus und der Berg des Ursprungs

Dinopolus und die Quelle des Lebens

Epilog

VORWORT

Dinopolus erblickte 1998 das Licht der Welt. Sein Dasein verdankt er Jeremias, der damals 3 Jahre alt und total von Traktoren begeistert war.

Jeremias und später auch sein jüngerer Bruder Elias forderten jeden Abend vor dem Einschlafen eine Gutenachtgeschichte. Meist verarbeitete ich darin Erlebnisse des Tages. Die kurzen Erzählungen waren mal besser und mal schlechter, abhängig von meiner Tagesform. Die witzigsten, spannendsten und originellsten wollten die Jungs natürlich immer wieder hören. So erlangten im Laufe der Zeit manche Geschichten bei meiner Frau Ruth und unseren beiden Söhnen einen familiären Kultstatus.

Eines Tages, ich hatte gerade wieder einen der Dauerbrenner erzählt, baten mich die beiden, die Geschichten aufzuschreiben. Zunächst war ich von der Idee nicht besonders angetan, da wir alle diese einfachen Texte schon auswendig konnten. Warum sollte ich sie da noch aufschreiben?

Doch dann erinnerte ich mich an meine eigene Kindheit zurück. Mein Vater hatte mir früher am Bett auch immer selbsterfundene Geschichten erzählt. Viele begeisterten mich über Jahre, jedoch wurde keine aufgeschrieben und heute sind ihre Inhalte für immer verloren. Wie schade!

Trotzdem dauerte es noch ein paar Jahre, bis ich wirklich anfing zu schreiben. Dinopolus war es schließlich, der die verschiedenen Geschichten zu einer großen Erzählung zusammenführte. Aus den schlichten Kindergeschichten wurde seine Lebensgeschichte. Dinopolus zeigte darin, dass jeder große Taten vollbringen kann (Buch I: Dinopolus und der Berg des Ursprungs).

Die Jahre vergingen, doch Dinopolus blieb. Er erinnerte mich beharrlich an die kleinen Geschichten, die noch nicht aufgeschrieben waren und denen das Schicksal des Vergessens drohte.

Mit zunehmendem Alter nahmen die Fragen nach Glück und Zufriedenheit in Dinopolus Gestalt an. Und wieder waren es die alten Gutenachtgeschichten, die ihn seine Antworten finden ließen (Buch II: Dinopolus und die Quelle des Lebens). Da beide Bücher inhaltlich zusammengehören, habe ich mich entschlossen, sie in einem Band (Buch I in überarbeiteter Fassung) zu veröffentlichen.

Die Sammlung meiner kleinen Erzählungen ist jetzt komplett. Dinopolus hat seine eigene Geschichte daraus gemacht. Er hat sie nun erzählt!

Jetzt ist es an uns, Geschichte(n) zu schreiben.

DINOPOLUS UND DER BERG DES URSPRUNGS

I´m high on my hill and I feel fine

Orion, let´s sip the heaven´s heady wine

Jethro Tull/Ian Anderson

I'm a wheel, I'm a wheel

I can roll, I can feel

And you can't stop me turning

Cause I'm the sun, I'm the sun

I can move, I can run

I'm the day, I'm the day

I can show you the way

And look I'm right beside you

I'm the night, I'm the night

I'm the dark and the light

With eyes that see inside you

Come down with fire

Lift my spirit higher

Someone's screaming my name

Come and make me holy again

I'm the man on the silver mountain

I'm the man on the silver mountain

Rainbow/Ronnie James Dio, Ritchie Blackmore

Dinopolus schlief. Er lag eingekuschelt in das samtige Schwarz der Nacht, am Himmel funkelten die Sterne, und der Mond schenkte ihm die Wärme seines sanften Lächelns.

Dinopolus träumte.

Riesenhafte Bäume standen eng beieinander. In ihren dichten Kronen verirrten sich die Lichtblicke der Sterne. Zwischen den knorrigen Stämmen sah Dinopolus ein schwaches, flackerndes Leuchten. Was mochte das wohl sein? Neugierig machte er sich auf den Weg. Nach kurzer Zeit erreichte Dinopolus eine Lichtung, in deren Mitte ein riesiges Feuer brannte. Das Holz knackte und knisterte. Die Flammen zuckten. Funken sausten in den dunklen Himmel und tanzten mit den Sternen durch die Nacht.

Dinopolus ging langsam auf das Feuer zu. Er konnte dessen Wärme bereits spüren, als eine tiefe Stimme zu ihm sprach: »Setz dich zu mir, Dinopolus. Ich habe dich schon erwartet!«

Überrascht näherte sich Dinopolus und erkannte eine Gestalt direkt am Feuer. Wie aus Stein gemeißelt, saß dort vollkommen bewegungslos ein großer, alter Bär. In der Lichtfülle der Flammen schien sich sein dichtes, graues Fell leicht zu bewegen.

Dinopolus ließ sich neben dem mächtigen Bären nieder. Obwohl ihm Fragen wie »Woher kennst du meinen Namen? Wieso hast du gewusst, dass ich komme?« im Kopf herumschwirrten, schwieg Dinopolus.

»Die Antworten auf deine Fragen findest du in dir selbst«, sagte der Bär.

Dinopolus blickte erstaunt auf. »Konnte der geheimnisvolle Bär seine Gedanken lesen? Und was war das für eine seltsame Antwort?« Der alte Bär schaute regungslos in die Flammen und auch Dinopolus ließ sich vom Licht des Feuers verzaubern. Gebannt blickte er in die sich immer neu teilenden Feuerzungen und verfolgte den Flug der emporsteigenden Funken.

Tiefer und tiefer tauchte er ins Zentrum des Feuermeers hinab. Neben sich hörte Dinopolus ein tiefes Brummen, das sich langsam zu Worten formte.

»Dinopolus! In jedem von uns brennt ein Feuer. Es gibt uns Energie, Kraft und Wärme. Einige von uns gehen mit ihren Flammen sorglos um. Wenn diese dann weniger werden, nehmen sie sich oftmals einfach etwas von der Glut anderer, ohne zu fragen. Nur wenige bedanken sich im Gegenzug und geben dir auch umgekehrt wieder einen Teil von ihrem neu entfachten Feuer und der dadurch gewonnenen Wärme ab. Viele lassen das ihre nur schwach brennen, um sich Kraft und Wärme für die Zukunft aufzuheben. Sie nehmen sich vom Feuer der anderen, damit ihre eigenen Flammen genug Energie haben. Diese Feuer brennen nicht heiß und ihnen fehlt die Glut. Sie geben so wenig Wärme ab, dass die Kälte um sie herum bleibt. Unter denjenigen, die solch ein kaltes Feuer in sich tragen, gibt es sogar einige, welche das der anderen ausgehen lassen, nur damit ihr eigenes kräftiger und leuchtender brennt.«

»Achte auf die Feuer, die Wärme ausstrahlen! Nur ihre Träger gehen auch mit deinen Flammen behutsam um«, hörte sich Dinopolus sagen. Verwundert schaute er sich nach dem alten Bären um. Doch an dessen Platz stand lediglich ein großer, grauer Felsen. »Habe ich das alles nur geträumt?«, fragte sich Dinopolus und wachte auf.

Er öffnete seine Augen. Die Sonne blinzelte vorsichtig über den Rand des Meeres. Ihre fröhlichen Strahlen überzogen Dinopolus mit warmem Licht. Die Tautropfen auf den Blättern und auf den Spitzen der Grashalme schaukelten gut gelaunt im Wind und bedankten sich für den Morgengruß der Sonne mit einem leuchtenden Glitzern in allen Farben des Regenbogens.

Dinopolus streckte und reckte sich. Anschließend ging er, wie jeden Morgen, zum Baden ans Meer. Er planschte so heftig im Wasser, dass die Sonne sich immer wieder schnell hinter einer kleinen Wolke verstecken musste, um nicht nass gespritzt zu werden. Nach seinem Bad ließ sich Dinopolus am Strand von ihr trocknen. Unterdessen beschloss er noch heute seinen besten Freund, die alte Waldmaus, zu besuchen. Wenig später machte er sich auf den weiten Weg.

Unterwegs traf er auf einen rundgeformten Kieselstein. Seine glatte Oberfläche schimmerte rötlich im Sonnenlicht. »Guten Morgen, schöner Kieselstein«, sagte Dinopolus und schenkte dem Stein ein freundliches Lächeln. Doch der Kieselstein antwortete nicht. Dinopolus ließ sich davon aber seine gute Laune nicht verderben. Vergnügt ging er weiter.

Anschließend begegnete er einem gewaltigen Baumstamm, der fast die ganze Breite des Weges für sich benötigte. Dinopolus machte einen kleinen Bogen um ihn herum und grüßte freundlich: »Guten Morgen, lieber Baum!« Aber auch der Baum schwieg. Verwundert lief Dinopolus weiter. Auf seiner Stirn zeigte sich eine erste schmale Falte. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sich Dinopolus allmählich ein wenig zu ärgern begann.

Kurze Zeit darauf kam er einem lustig gepunkteten Fliegenpilz entgegen. »Was für ein nettes Kerlchen«, dachte Dinopolus und grüßte ihn mit einem deutlichen: »Guten Morgen, Fliegenpilz.« Erneut bekam Dinopolus keine Antwort. Der dunkelrote Pilz schien sich sogar von ihm abzuwenden. Jetzt war Dinopolus der Ärger deutlich anzusehen. Zwei weitere Falten erschienen auf seiner Stirn und der vergnügte Gesichtsausdruck verschwand.

Nachdenklich stapfte Dinopolus weiter. Plötzlich stand er vor einer Pfütze. Ruhig und gelassen spiegelten sich die warmen Grüntöne des Waldes und der hellblaue Himmel in ihr. Für einen Moment vergaß Dinopolus seinen Ärger und grüßte glücklich: »Guten Morgen, Pfütze.« Nichts passierte. »Vielleicht hat sie mich nicht gehört«, dachte Dinopolus und sagte nochmals laut und deutlich: »Guten Morgen, Pfütze!« Alles blieb ruhig. So ruhig, dass Dinopolus den Wind leise in den Baumwipfeln hörte.

»Guten Morgen«, rief Dinopolus noch einmal und stampfte dabei wütend in die Pfütze. Das Wasser spritzte auf, aber die Pfütze antwortete nicht. »Jetzt reicht´s mir aber«, schrie Dinopolus und hüpfte mit allen vier Beinen in die Pfütze, rutschte auf einem Stein unter der Wasseroberfläche aus und plumpste in das aufgewühlte Wasser. Von oben bis unten mit Schlamm bedeckt, erhob er sich. So konnte er sich unmöglich bei der Waldmaus sehen lassen. Über die Pfütze schimpfend trottete er mit gesenktem Kopf nach Hause.

»Einen wunderschönen guten Morgen, Dinopolus!«

Überrascht blickte sich Dinopolus um. Niemand war zu sehen. Da knackte es im Unterholz. Dinopolus konnte gerade noch etwas großes Graues hinter den Büschen verschwinden sehen. »War das vielleicht der Bär aus seinem Traum gewesen?«

Dinopolus spürte seinen Zorn verrauchen. Er sah den Wolken hinterher und sein Blick traf die Sonne. Ihre Strahlen wärmten ihn. Alles war wieder gut.

Am nächsten Morgen machte sich Dinopolus erneut auf den Weg, die alte Waldmaus zu besuchen. Dabei begegnete er wieder dem Kieselstein, dem dicken Baumstamm, dem Fliegenpilz und der schlammigen Pfütze. Dieses Mal war er auf ihr Schweigen vorbereitet. Trotzdem grüßte er mit einem breiten Lächeln und einem fröhlichen »Guten Morgen«.

Wenig später trat Dinopolus aus dem Wald. In der Ferne waren schon die Felsenberge zu sehen. Der Weg dorthin schlängelte sich zwischen einzelnen Bäumen nach oben, bis er schließlich hinter einem großen Steinbrocken verschwand. Nach einiger Zeit erreichte Dinopolus den Felsen und atmete tief durch. Jetzt war es nicht mehr weit bis zur Hütte der Waldmaus. Ein schmaler Fußpfad führte von hier weiter zu der breiten Felsplatte, auf der, im Schutz der steilen Bergwand, die kleine Holzhütte der Waldmaus stand. In der Höhle direkt daneben war das Gästezimmer für die größeren Besucher untergebracht. In ihrem Innern befanden sich Stroh für ein Nachtlager, kuschelige Decken, eine Feuerstelle mit Holzscheiten, eine Laterne und einige Kerzen. Auch eine Vorratskammer lag versteckt am Ende eines schmalen Ganges. Um sie zu finden, mussten sich die Augen aber erst an die Dunkelheit gewöhnt haben.

Dinopolus klopfte an die Tür der Hütte. Niemand öffnete. Die Waldmaus war nicht zu Hause. Da die Fensterläden nicht geschlossen waren, wusste Dinopolus, dass sie bis zum Abend zurück sein würde.

Um sich die Wartezeit zu verkürzen, setzte er sich daher gemütlich an die Kante der Felsplatte und ließ seine Beine über das tiefe Nichts des Abgrundes baumeln. Was für ein herrlicher Ausblick! Der Wald schien in weiter Ferne den Saum des Himmels zu berühren. Die Sonne befand sich bereits auf dem Weg dorthin. Ihr Kopf war schon rot vor Anstrengung und brachte sogar das Himmelsblau zum Schwitzen. Ihre Glut überflutete den ganzen Himmel und tauchte die Felsenberge in ein wärmendes Licht. Ein letztes Mal blinzelte die Sonne über das Laubdach des Waldes und verschwand.

Sie hatte gerade ihre nächtliche Reise begonnen, da kam die alte Waldmaus nach Hause.

»Schön dich wiederzusehen«, riefen die Maus und Dinopolus fast gleichzeitig und fielen sich in die Arme.

»Das muss gefeiert werden«, sagte die Waldmaus. »Dinopolus, mach doch schon mal das Feuer an, während ich rasch einen Kessel hole.« Ihr Rucksack fiel unsanft zu Boden und dann war sie bereits in ihrer Hütte verschwunden. Ein lautes Poltern ließ Dinopolus vermuten, dass die alte Waldmaus doch etwas mehr Zeit für ihr Vorhaben benötigen würde. Inzwischen flackerte der Schein des Feuers die Felswände empor. Dinopolus holte die Kuscheldecken aus der Höhle und setzte sich dicht an die Flammen.

Ein erneutes Scheppern kündigte die Rückkehr der Waldmaus an. Dinopolus half ihr den schweren Kupferkessel in die Glut zu stellen. »Ich koche uns ein leckeres Süppchen«, sagte die Waldmaus und strahlte voller Vorfreude über das ganze Gesicht. »Es gibt Kleeblattbrühe mit frischen Waldpilzen.« Kaum waren die Zutaten im Kessel, duftete es verführerisch.

Die Dunkelheit verschluckte bereits das Abendrot, als die beiden Freunde die ersten Löffel der Suppe in vollen Zügen genossen.

»Das war köstlich«, stöhnte Dinopolus und hielt sich seinen prallen Bauch.

Auch die alte Waldmaus kuschelte sich gesättigt in ihre Decke. Dann rülpste sie so laut, dass sich einige kleine Steine aus der brüchigen Felswand lösten und lautstark ins Tal donnerten. Selbst der Mond erschrak und wäre fast vom Himmel gefallen, wenn er sich nicht im letzten Moment an einer vorbeiziehenden Wolke festgeklammert hätte.

Die Waldmaus saß aufrecht vor den Flammen. Die Kuscheldecke hatte sie wie einen Umhang über ihre Schultern gelegt. »Ich muss dir unbedingt erzählen, was mir gestern passiert ist«, begann die Waldmaus.

Erwartungsvoll schaute Dinopolus sie an und rutschte ein bisschen tiefer unter seine Decke.

»Mitten in der Nacht spürte ich plötzlich ein dumpfes Dröhnen. Sofort wachte ich auf. Weißt du, wenn man so dicht an den Felsen wohnt wie ich, muss man immer mit herunterfallenden Gesteinsbrocken rechnen. Doch diesmal polterte es nicht, sondern die Erde bebte. Der Boden unter meinen Füßen schwankte. Geschirr fiel aus den Regalen. Alles wackelte, schepperte und klirrte. Dann herrschte plötzlich Stille. Nur mein Herz schlug so laut wie eine Buschtrommel. Ich blickte mich in meiner Hütte um. Es herrschte ein einziges Durcheinander. Eine Bande Räuber hätte nicht schlimmer wüten können.

Was war das gewesen? So etwas hatte ich hier oben in den Felsenbergen noch nie erlebt. Erschöpft ließ ich mich auf einen Stuhl fallen. Langsam hörte das Zittern meiner Beine auf. Auch mein Herz fand in seinen normalen Rhythmus zurück. Nach einem Tässchen Beruhigungstee beschloss ich einmal draußen nachzusehen. Es musste ja eine Erklärung für das Beben geben.

Ein wenig ängstlich öffnete ich zögerlich die Tür. Die Sonne war zwar noch nicht von ihrem nächtlichen Ausflug zurück, jedoch leuchtete ihr heller Schein schon schwach über den Meeresrand. Irgendetwas stimmte hier nicht. Es dauerte eine Weile, bis ich die Veränderung bemerkte. Direkt vor mir ragten vier graue Baumstämme in den Himmel. Himmel stimmt eigentlich nicht ganz. Denn über mir befand sich nur ein undurchdringliches Grau. Das konnte doch gar nicht sein! So mächtige Baumriesen konnten unmöglich in einer einzigen Nacht wachsen. Sie waren aber da und standen direkt vor meiner Hütte. Es gab einfach keine andere Erklärung für die heftigen Erschütterungen und das laute Dröhnen in der Nacht.

›Graue Bäume gibt es doch gar nicht‹, hörte ich mich laut sagen. Meine Augen zeigten mir jedoch etwas anderes. Es gab sie doch! Ich musste handeln.

Die Idee traf mich wie ein Blitz. Natürlich! Ich eilte in meinen Geräteschuppen. Irgendwo musste sie doch sein, aber wo? Im hintersten Winkel unter ein paar leeren Kartoffelsäcken lag sie – meine Kettensäge! Mein Entschluss stand fest. Die Bäume mussten weg. Je eher, desto besser. Ein kurzer Probelauf, ein paar Tropfen Öl und die Säge war einsatzbereit.

In diesem Moment gab es erneut einen dumpfen Schlag. So gewaltig, dass ich wie ein gefällter Baum zu Boden stürzte. Stille! Dann dröhnte es: Wommm. Und wieder. Wommmm. Wommmmm. Ich musste wissen, was da draußen geschah. Trotz des ständigen Bebens, Wommm, Wommm, konnte ich mich vorsichtig der Tür nähern und es gelang mir sogar diese zu öffnen.

Unfassbar, was ich dort sah! Vergeblich nach Halt suchend klammerte ich mich an den Türrahmen. Womm. Die Baumstämme bewegten sich. Abwechselnd erhoben sie sich in die Luft und krachten dann erneut mit lautem Womm zu Boden. Das Grau bewegte sich. Die Baumriesen entfernten sich mit jedem Womm weiter von meiner Hütte. Das Geräusch wurde leiser und die Erschütterungen ließen nach. Die riesigen Bäume verwandelten sich in ein vierbeiniges Grau und nahmen die Umrisse eines gewaltigen Elefanten an. Es dauerte einen Moment, bis ich die Wahrheit begriff. Es war tatsächlich ein Elefant. Er musste sich in den Felsenbergen verirrt haben und hatte vor meiner Hütte auf die Rückkehr der Sonne gewartet. Wie konnte ich mich so täuschen?«

Danach saßen die alte Waldmaus und Dinopolus noch lange am wärmenden Feuer.

Am frühen Morgen wanderte das Licht der Sonne gemütlich über den Wald und kletterte die Felsenberge hinauf.

Dinopolus schlief noch tief und fest. Nur die alte Waldmaus war bereits auf den Beinen und bereitete das Frühstück zu. Mit den ersten Sonnenstrahlen, die das Felsplateau erreichten, kräuselte sich feiner Dampf aus den Teetassen und die Waldbeeren funkelten verlockend.

Die Sonne kitzelte Dinopolus und er öffnete die Augen. Die Waldmaus lachte über seinen verschlafenen Blick und sagte:

»Komm, lass uns frühstücken!«

Hungrig griff Dinopolus zu. »Was für ein herrlicher Tag«, rief er und das Echo der Felswände gab seinen Ausruf in alle Himmelsrichtungen weiter. Nur das Echo? Oder hörte er da nicht noch den Klang einer anderen Stimme?

Tatsächlich! Wenige Augenblicke später trat ein Wichtelmännchen aus dem Schatten der Felsen. »Wirklich ein wunderschöner Morgen«, bestätigte der Wichtel und blickte die alte Waldmaus und Dinopolus freundlich an. Er bemerkte den verwunderten Ausdruck in den Gesichtern der Freunde und fragte höflich nach einem heißen Tee.

Die Waldmaus eilte in ihre Hütte, um eine Tasse zu holen und Dinopolus brachte dem Gast eine weiche Kuscheldecke aus der Höhle. Nachdem der Wichtel genüsslich den Tee geschlürft und auch ein paar der Waldbeeren gekostet hatte, blickten ihn die beiden Freunde erwartungsvoll an.

Dinopolus konnte seine Neugier nicht länger zurückhalten und fragte: »Was führt dich an den Rand der Felsenberge? Wo kommst du her? Wieso haben wir dich nie zuvor gesehen?«

»Halt! Mach mal langsam«, erwiderte der Wichtel. »So viele Fragen kann ich mir ja gar nicht merken. Falls ihr wollt, werde ich euch meine Geschichte erzählen.«

»Oh ja«, riefen die Waldmaus und Dinopolus wie aus einem Munde.

Der Wichtel bat um eine weitere Tasse des frisch gekochten Tees und machte es sich auf der Kuscheldecke bequem. »Ich komme aus der Mitte der Felsenberge«, begann er.

Neugierig blickten ihn Dinopolus und die alte Waldmaus an.

»Die Mitte der Felsenberge ist ein riesiges Tal. Beim Blick von den Bergspitzen sieht es wie ein von mächtigen Felsen eingerahmtes, buntes Bild aus. Wir nennen es das Zentrum der Welt. Vor langer, langer Zeit nannten es die Alten sogar das Paradies. Bis vor wenigen Monaten war es das auch für mich gewesen.« Traurig senkte der Wichtel seinen Blick. »Bei uns herrschten Glück und Zufriedenheit. Alle Lebewesen begegneten einander mit Respekt und Demut. Das Land war wunderschön. Es gab saftig grüne Berghänge, blühende Wiesen, fruchtbare Böden, Seen, in denen sich der Himmel spiegelte, klare Bäche, rauschende Wasserfälle und kühl sprudelnde Quellen. An manchen Tagen wurde unser Tal von geheimnisvollen Regenbögen überspannt. Dann blickten wir alle ehrfürchtig in den Himmel und eine tiefe Dankbarkeit erfüllte uns. In diesen Augenblicken konnte jeder die Mitte fühlen.

Doch dann änderte sich alles. Nicht sofort. Eher schleichend, wie ein Gift, das langsam tötet. Es begann mit dem seltsamen Besucher, der eines Morgens in unser Tal kam. Auf den ersten Blick sah er wie ein einfacher alter Mann aus. Er trug lange, graue Haare und einen weißen Bart, dessen Länge ihm beim Laufen ab und zu Schwierigkeiten bereitete. Sein zerschlissener Mantel und der spitze, graue Hut sahen aus, als ob sie mit Ruß überzogen wären. Über der Schulter hing ein unscheinbarer, abgenutzter Rucksack und in der rechten Hand hielt er einen Stab aus schwarzem Holz. Wie jeder Fremde wurde er von uns herzlich aufgenommen.

Da er sich nur selten in einem der Dörfer sehen ließ und nie längere Zeit an einem Platz blieb, geriet er schon bald in Vergessenheit. Seine Hütte stand, nur schwer erreichbar, auf einem gewaltigen Felsbrocken inmitten des Drachenflusses. Der Weg führte über viele glitschige Steine an den gefährlichen Stromschnellen vorbei. Es gab nur wenige Gelegenheiten, den Alten kurz zu sehen, sodass niemandem Zeit blieb, einen zweiten Blick auf ihn zu werfen. Er wirkte zwar nicht unfreundlich oder gar gefährlich, aber es ging etwas Dunkles von ihm aus.

Eines Morgens zogen kleine graue Wolken über unser Tal. Sie sahen anders aus als Regenwolken. Dunkler, fast schon schwarz. Mittags verschwanden sie, ohne dass es geregnet hatte. Abends dachte schon niemand mehr daran. Am nächsten Morgen zogen erneut Wolken auf, welche allerdings etwas größer als am Vortag waren. Sie erinnerten mich an lange, schmale Finger einer Hand, die den Anschein erweckten, nach unserem bunten Tal greifen zu wollen. Während am Anfang niemand weiter darauf achtete, waren sie bald nicht mehr zu übersehen. Mit jedem Tag wurden sie gewaltiger und bedrohlicher. Sie wickelten sich um die Regenbogen, verdeckten die Sonne und hüllten die Felsenberge in Dunkelheit. Die Seen sahen aus wie Teer, weil sie die Schwärze des Himmels wiedergaben. Die Blumen und die Früchte des Bodens verdorrten, da ihnen das Sonnenlicht fehlte und das ehemals klare Wasser der Bäche wirkte trüb und undurchsichtig.

Die Feen und Elfen waren die ersten, die unsere Mitte verließen. Dann folgten die Einhörner und alle anderen Zauberwesen. Zuletzt verließen die Wichtel das Tal. Nur ich beschloss zu bleiben. Ich wollte herausfinden, wer oder was die Dunkelheit herbeigerufen hatte.« Der kleine Wichtel trank wieder etwas Tee und seufzte leise.

Dinopolus und die Waldmaus warfen sich ernste Blicke zu und in ihren vor Wehmut feucht gewordenen Augen spiegelte sich das Licht der Sonne wider.

Nach einer kurzen Pause erzählte das Wichtelmännchen weiter. »Still, leise, dunkel und unheimlich war es jetzt in unserem einstmaligen Paradies. Selbst das Wasser hatte seinen Spaß am Plätschern, Glucksen und Rauschen verloren. Nachdem ich einige Tage im Tal umhergewandert war, beschloss ich, mir den alten Mann am Drachenfluss näher anzuschauen. Ich schlich mich vorsichtig in die Nähe seiner Hütte und versteckte mich hinter einem Felsbrocken. Mein Plan war es nämlich unentdeckt zu bleiben, um mehr über den seltsamen alten Mann herauszufinden. Ich wartete dort, bis er mit seinem Stab und dem Rucksack in den Wald aufbrach. Bald war das Geräusch knackender Zweige so weit entfernt, dass ich es wagen konnte, mir die Hütte genauer anzusehen.

Die Tür bestand aus grob gehauenen Brettern und so konnte ich mich leicht durch eine schmale Ritze zwängen. Das Innere der Hütte wurde von einem leichten Nebel verhüllt. Es roch nach der Glut und Asche eines erloschenen Feuers. Aus dem Kessel stieg beißender Rauch auf, der sich mit dem Geruch nach Kräutern und scharfen Gewürzen vermischte. Überall lagen beschriftete Säckchen, Beutel und Glasröhrchen herum. Die Regale an den Wänden bogen sich unter der Last von Dosen, Glaskaraffen, Einmachgläsern mit Inhalten, die ich euch lieber nicht beschreiben will, Pergamentrollen, getrockneten Kräutern, Tierhäuten und Fellen. Dazwischen stapelten sich dicke Bücher mit goldenen Buchrücken, seltsamen Symbolen und Zeichen. Es gab so viel zu sehen, dass ich nicht bemerkte, wie schnell die Zeit verging. Schwere Schritte vor der Tür rissen mich aus meinen Betrachtungen. Schnell schlüpfte ich durch ein Astloch unter den Hüttenboden. Durch dessen Fugen, die immer wieder genügend Platz freigaben, um hindurchzuschauen, konnte ich den Innenraum gut überblicken.

Die schwere Holztür öffnete sich und der Mann trat ein. Er wirkte so grau und farblos wie das verlassene Tal. Kaum hatte er seinen Rucksack neben dem Kessel entleert, sortierte er auf dem Küchentisch seine Mitbringsel. Einiges davon verstaute er in verschiedenen Gefäßen auf den Regalen. Den Rest warf er unter leise gemurmelten Beschwörungen in den Kessel. Ich zweifelte keine Sekunde daran, dass dieser Mann ein Zauberer war. Viele Worte konnte ich nicht deutlich verstehen. Nur die letzten Sätze prägten sich mir ein, da seine Stimme immer lauter und kräftiger wurde: ›Krötenschleim und Spinnenbein, werde schön und werde fein!‹ Dann brodelte und gluckste es und dunkler Rauch quoll aus dem Kessel. Er füllte die Hütte aus und quetschte sich dann durch alle Spalten und den Schornstein nach draußen. Ich fragte mich, ob das die Ursache für die Dunkelheit im Zentrum der Felsenberge sein konnte?

Um das herauszufinden, beschloss ich, ein paar Tage unter dem Holzboden zu bleiben. Sobald der Zauberer die Hütte verließ, ging ich nach draußen und sammelte Holz und einige Rindenstücke. Daraus zimmerte ich mir ein Bett, einen Tisch und einen Stuhl. Sogar eine kleine Kochnische konnte ich mir einrichten, da ich glücklicherweise einen Topf und ein wenig Reiseproviant in meinen Lederbeutel gepackt hatte. Für eine Notunterkunft war das gar nicht so übel. Zufrieden ging ich schlafen. Nach einer traumlosen Nacht wachte ich mit dem Entschluss auf, mir heute mein Lieblingsessen zu kochen. Nudeln mit Tomatensoße. Gut gelaunt machte ich mich an die Arbeit. Auch der Zauberer über mir begann neben seinem Kessel mit Vorbereitungen zum Kochen. Meine Vorfreude auf das Mittagessen schien sich auf den Zauberer zu übertragen. Er grinste breit über sein ganzes Gesicht und immer, wenn er etwas Neues in den Kessel warf, kämpfte sich seine Zungenspitze quer durch den Bart.