3,00 €
Marco Maiocchi ist ein erfolgreicher deutscher Rapper, der sein Leben genießt. Er logiert in Heidelberg und plant seine nächste große Tour. Als er der quirligen Physiotherapeutin Magdalena begegnet, ist sein Interesse geweckt. Allerdings schwankt er zwischen Neugier und Vorsicht. Einerseits würde er sie gerne näher kennenlernen, andererseits ist eine Beziehung das Letzte, was er gerade braucht.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2022
Jana Nina Fabiani
DITO!
© 2021 Jana Nina Fabiani
Verlag & Druck:
tredition GmbH,
Halenreie 40–44,
22359 Hamburg
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Kapitel 1
Heute ist ein sonniger Junitag. Ich bin noch müde vom gestrigen Fußballspiel mit Markus und seinen Freunden. Normalerweise spielen sie Eishockey, aber zurzeit sind alle Eishallen außer Betrieb. Diese Tatsache bescherte mir gestern ein Fitnesstraining der besonderen Art. Ich bin in den Genuss gekommen, beim Sommertraining einer DEL-Eishockeymannschaft mitzutrainieren.
Anschließend gingen wir zum Essen in die Innenstadt. Leider endete der Abend abrupt, da ein paar Jugendliche die Adlerspieler erkannt hatten und Selfies mit ihnen machen wollten. Um unerkannt zu bleiben, habe ich mich rasch von den anderen verabschiedet und nach dem Begleichen der gesamten Rechnung sofort das Lokal verlassen.
Nun durchforste ich die sozialen Medien. So wie es im Moment aussieht, habe ich noch rechtzeitig das Weite gesucht. Normalerweise liebe ich ja den Rummel um meine Person. Zurzeit bin ich jedoch auf „Barbados“, wie meine Schwester zu sagen pflegt, wenn ich mir eine kleine Auszeit gönne.
Na ja, es ist nicht so, dass ich derzeit nicht arbeite. Ich schreibe Songs und plane meine neue Tour. Aber es ist deutlich entspannter, als auf Tour zu sein und nebenher in verschiedenen Tonstudios neue Songs mit befreundeten Künstlern aufzunehmen oder parallel Videos für die neuen Lieder zu drehen.
Ja, im Vergleich zu solchen Zeiten sind die kreativen Phasen eine echte Erholung. Ähnlich wie bei den Profisportlern, die zwar ihre Sommerpause haben, sich aber dennoch in kleinen Gruppen zum gemeinsamen Training treffen. Einfach zum Spaß. Ohne Druck und Verpflichtung.
Während ich auf der Dachterrasse meines Hotels sitze und über den gestrigen Tag sinniere, beobachte ich die Passanten aus der Vogelperspektive. Gleich, ob tagsüber oder in der Nacht, in einer Großstadt gibt es immer etwas Interessantes zu beobachten und es verleiht einem ein Gefühl von sicherer Distanz, wenn man ganz weit oben ist, fernab vom Geschehen. Es ist ein schönes Gefühl und man wünscht sich, dass es für immer so bleibt.
Ein unerwartetes Bild reißt mich aus meinen Gedanken. Es ist ein Mädchen. Oder eine Frau? Von hier aus kann ich ihr Alter nicht deuten. Aber sie ist relativ klein und schlank. Ihre langen blonden Haare fliegen in rhythmischen Bewegungen durch die Luft, weil sie tanzt. Ganz offensichtlich gibt sie sich vollkommen den Beats hin und beachtet die erstaunten Fußgänger nicht, die für eine kurze Zeit stehen bleiben, um sie für einen Moment zu beobachten. Manche schütteln den Kopf und andere wiederum scheinen von ihren anmutigen Moves fasziniert zu sein. Ihnen geht es wie mir, sie wünschen sich, die Musik in ihren großen weißen Kopfhörern zu hören. Jetzt vollführt sie eine Drehung, ähnlich wie beim Ballett. Die entgegenkommenden Passanten gehen rasch auf die Seite, um ihr Platz zu machen. Als sie aufhört zu tanzen, applaudieren einige von ihnen. Sie verbeugt sich elegant und läuft mit erhobenem Haupt weiter. Ihre Bewegungen sind anmutig und wirken anziehend.
Ich kann meine Augen nicht von ihr abwenden. In der Hoffnung, sie noch länger beobachten zu können, lehne ich mich über die Terrassenbrüstung. Die Gefahr ignorierend, von den Passanten erkannt zu werden oder gar runterzufallen. Meine Neugier zahlt sich aus, sie betritt den Personaleingang des Hotels, in dem ich mich für zwei Wochen einquartiert habe. Ich halte es in meiner Suite nicht mehr aus und gehe raus. Darauf spekulierend, dass ich ihr im Treppenhaus begegne, nehme ich die Treppe, aber diesmal habe ich kein Glück. Weit und breit kein blondes Mädchen in Sicht. Merde!
Enttäuscht, gehe ich wieder nach oben, wobei ich bei jeder Stufe an das gestrige Training denken muss. Obwohl ich täglich drei Stunden trainiere, spüre ich das Training mit anschließendem Fußballspiel in jeder Faser meines Körpers.
Da fällt mir ein. Wenn Profieishockeyspieler Fußball spielen können, spielen Profifußballspieler auch Eishockey? Denkbar wäre es. Vielleicht kooperieren die Profivereine miteinander.
In der Suite angekommen, setze ich mich an meinen Computer, baue Beats und schreibe. Während andere Menschen im Urlaub ihre freie Zeit mit einem Kaffee und einem Buch verbringen, chille ich in meinem Ministudio to go und verarbeite die Eindrücke der letzten Zeit zu Texten. Das entspannt mich und ich bekomme den Kopf frei.
Abends erhalte ich eine Nachricht von einem Kollegen, der in der Gegend wohnt und mich zu einer Privatparty in einem Club in Mannheim einlädt. Er schickt mir die Adresse. Zunächst lehne ich das Angebot ab, aber dann fällt mir ein, dass ich eigentlich Urlaub habe und vielleicht auch mal die Sau rauslassen sollte. Also setze ich mich in meinen neuen Wagen und überrasche alle mit meiner Anwesenheit.
Kapitel 2
Am nächsten Morgen oder eher am Nachmittag stelle ich erleichtert fest, dass ich niemanden von der Party mitgenommen habe. Als ich mich umdrehe, schmerzt mal wieder mein Rücken und ich beschließe, im hoteleigenen Schwimmbecken ein paar Bahnen zu ziehen. Rückenschwimmen ist die einzige Schwimmart, die heute schmerzfrei klappt. Alles andere verstärkt den Rückenschmerz. Beim Schwimmen erinnere ich mich wieder an die gestrige Party. Reichlich Alkohol, Drogen und willige Frauen, wohin das Auge reicht. Es ist immer das Gleiche. Ich habe es satt! Keine einzige Frau, der man trauen könnte. Alle wollen sie nur Geld, Schmuck und schickes Leben. Auf Kosten anderer und um jeden Preis. Widerlich!
Später rufe ich im Spa-Bereich an, um einen Massagetermin auszumachen. Man sagt mir, dass die heutigen Termine zwar alle vergeben seien, aber für mich würden sie eine Ausnahme machen. Ich soll um 22:00 Uhr runterkommen. Das nenne ich Service!
Um zehn liege ich auf einer Massageliege und warte. Ich hasse es, warten zu müssen und nehme mir vor, mich darüber zu beschweren. Mein Rücken tut weh. Ich brauche dringend etwas Entspannung. Also warte ich.
„Nein! Seit wann massieren bei uns Frauen die Männer? Juan, wenn das jemand mitkriegt, werden wir beide gefeuert!“, höre ich eine zischende Frauenstimme hinter der Tür.
„Ich weiß, ich weiß! Sorry! Ich will dir echt keinen Ärger machen“, antwortet ein Mann, „aber Doreen fühlt sich in letzter Zeit nicht gut. Wenn die Wehen losgehen, möchte ich auf keinen Fall, dass jemand anderes als ich sie ins Krankenhaus fährt!“
Tja, Kumpel, das ist jetzt echt blöd. Aber je schneller ihr mit der Massage beginnt, umso schneller werdet ihr fertig. Also räuspere ich mich laut.
„Merde! Ich wollte noch lernen!“, höre ich sie schimpfen.
„Bitte, Magda!“, fleht ihr Kollege.
„Ach, was soll‘s, verschwinde!“, sagt sie ungehalten. Sie verabschieden sich und sie betritt mein Behandlungszimmer.
Bei ihrem Eintreten schaue ich auf und bin überrascht festzustellen, dass es sich um das Mädchen handelt, welches ich gestern auf der Straße tanzen sah. Sie ist noch kleiner, als ich sie eingeschätzt hatte und bildhübsch. Schlanke, sportliche Figur mit einer Oberweite, die jeden Mann zum Träumen bringt. Um ihr zur Begrüßung die Hand zu geben, stehe ich auf und überrage sie um einen Kopf. Was bei einer Körpergröße von eins neunzig nicht schwierig ist. Sie reicht mir gerade mal bis zur Schulter und muss zu mir aufschauen. „Marco“, stelle ich mich etwas selbstgefällig vor.
„Magda“, teilt sie mir freundlich ihren Namen mit und lächelt. Ihre grünen Augen erhellen sich und ihr Blick verfehlt seine Wirkung auf mich nicht. Vor ihr sollte ich mich in Acht nehmen.
„Es ist bei uns im Haus unüblich, dass weibliche Mitarbeiter männliche Gäste massieren und umgekehrt. Aber mein Kollege musste nach Hause. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich Ihre Behandlung übernehmen. Ansonsten müssten Sie sich bis morgen gedulden“, bietet sie mir an.
„Hören Sie! Mein Rücken schmerzt und Geduld ist nicht gerade meine Stärke. Es ist mir egal, wer mich massiert. Hauptsache, Sie fangen bald an“, sage ich unhöflicher als beabsichtigt.
Ganz offensichtlich hat sie die Charaktereigenschaft Geduld für sich gepachtet. Mit einer ruhigen Geste bittet sie mich, Platz zu nehmen, stellt anschließend die Massageliege tiefer und ölt sich die Hände ein. Obwohl sie klein und zierlich ist, packt sie kraftvoll zu. Sie hat Power. Mit geschmeidigen, meist wohltuenden Griffen tut sie meinem Körper gut. Ich merke, wie ich mich entspanne. Sie weiß, was sie tut und dosiert den Druck so, dass der Schmerz gut zu ertragen ist. Ihr Fingerspitzengefühl und ihre Geduld faszinieren und beruhigen mich. Ich werde dösig und schlafe ein. „Aufwachen, Schlafmütze!“, höre ich ihre Stimme in meinem Traum.
Ich werde von einem sanften Schulterdruck und einem süßen, kehligen Lachen geweckt.
„Haben Sie mich gerade Schlafmütze genannt? Das erzähle ich Ihrem Vorgesetzen“, sage ich mürrisch.
Sofort vergeht ihr das Lachen.
„Sorry, konnte nicht widerstehen“, sage ich und lache nun meinerseits.
„Ging mir auch so“, erwidert sie.
Als ich mich hochstemme, verspüre ich einen leicht stechenden Schmerz in beiden Schultern.
„Sie müssen beim Hochdrücken aufpassen. Während sie geschlafen haben, hingen Ihre Arme seitlich an der Massageliege herunter. Möglicherweise fühlen sich Ihre Schultern und Oberarme taub an. Ich habe versucht, Ihre Arme auf die Liege zu legen, aber ganz offensichtlich fanden Sie es nicht bequem“, berichtet sie belustigt.
„Aua! Sie haben recht. Sie tun weh und mein Kreuz ebenfalls“, jammere ich.
„Ich vermute, dass ihre Lendenwirbel blockiert sind und sie deshalb immer noch Kreuzschmerzen haben.“ Sie soll nicht darüber sprechen, sondern etwas dagegen tun, verdammt!
„Wo sind Ihre Kleider?“, fragt sie unvermittelt.
Verständnislos deute ich auf den Stuhl und sie holt sie.
„Was haben Sie damit vor?“, frage ich irritiert.
„Ich will sie bei Vinted verkaufen“, sagt sie und grinst. Sie soll sich nicht auf meine Kosten amüsieren, sondern etwas gegen die Schmerzen unternehmen.
„Schlüpfen Sie rein und setzen Sie sich! Zuerst mache ich Ihre Schultern wieder fit und dann, wenn Sie es mir erlauben, löse ich die Blockaden“, antwortet sie und drückt mich sanft wieder auf die Liege.
Sie stellt sich seitlich vor mich und massiert zuerst meine linke, wechselt dann die Seite und knetet meine rechte Schulter durch. Während sie stoisch den Blick auf meine Schultern richtet, nutze ich die Gelegenheit, sie genau unter die Lupe zu nehmen. Aus der Nähe betrachtet, ist sie noch schöner als auf den ersten Blick. Sie hat breite Wangenknochen, eine wohlgeformte Nase und volle Lippen. Ihre Lippen laden zum Küssen ein. Zarte Fältchen umgeben ihre grünen Augen und ihren schönen Mund. Wenn sie lächelt, weiß man, weshalb sie da sind. Ich mag Lachfältchen. Wenn ihre äußere Schönheit in zwanzig Jahren nicht mehr so stechend sein wird wie jetzt, werden ihre Lachfältchen immer noch Zeugen ihrer inneren Schönheit sein.
Unsere Blicke treffen sich und sie räuspert sich.
„Wären Sie so nett, sich auf die Seite zu legen?“, bittet sie mich und schaut mir direkt in die Augen.
„Ich verstehe nicht“, sage ich verdattert.
„Damit ich Ihre Blockade im Lendenwirbelbereich lösen kann, müssen Sie sich zuerst auf die rechte Seite legen“, erklärt sie geduldig.
Ich tue, wie geheißen. Sie winkelt mein linkes Bein an und schiebt es nach vorne. Dann zieht sie mein rechtes Bein lang und drückt meinen Oberkörper nach hinten. Ihr Gesicht ist ganz nah an meinem.
„Entspannen Sie sich. Ich mach das schon“, sagt sie ruhig und hat keine Ahnung, welche Wirkung das auf mich hat.
In meinem Rücken höre ich nur ein Klack nach dem anderen. Die Spannung verflüchtigt sich und der Schmerz lässt nach. Ich fühle mich schon viel besser! „Umdrehen!“, befiehlt sie.
Es gefällt ihr, mich herumzukommandieren. Genieße es, Baby! Allzu oft kommt es nicht vor, dass eine Frau das darf. Aber gerade habe ich nichts dagegen.
„Na, wenn es der Sache dient“, sage ich und drehe mich auf den Rücken.
„Nicht auf den Rücken, sondern auf die andere Seite, bitte. Ich mache jetzt das Gleiche, bloß spiegelverkehrt“, informiert sie mich.
Wie zuvor drapiert sie mich auf der Seite und kommt mir dabei wieder ziemlich nah. Dabei bemüht sie sich darum, jeglichen Augenkontakt zu vermeiden. Ich werde das dumpfe Gefühl nicht los, dass sie sich von mir genauso angezogen fühlt, wie ich mich von ihr. „Sie wollen heute noch lernen?“, frage ich und gebe mich als unfreiwilliger Zeuge des vorherigen Gesprächs zwischen ihr und ihrem Kollegen zu erkennen. „Na ja, wenn ich meine Ausbildung zur Physiotherapeutin noch in diesem Jahrhundert abschließen möchte, sollte ich etwas dafür tun“, sagt sie altklug. „Das Jahrhundert ist noch jung“, gebe ich zurück.
„Aber ich nicht mehr!“, antwortet sie mit einem bezaubernden Lächeln.
Mich beschleicht das Gefühl, dass ich den ganzen Abend mit ihr verbringen könnte, ohne mich auch nur eine Minute zu langweilen. Rasch verscheuche ich diese nichtsnutzigen Gedanken.
Nachdem sie mich eingerenkt hat, zieht sie ihre Augenbrauen zusammen und es bildet sich ein Dreieck über ihrer Nase, welches sie streng und ernst wirken lässt. Sofort horche ich auf. Ich will das Sonnenscheingesicht zurückhaben! Also frage ich sie, was los sei.
„Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll“, setzt sie an.
Alles klar! Immer dieselbe Leier. Und ich dachte schon, sie wäre anders. So schnell irrt man sich.
„Ah, ich verstehe. Diese Leistung war bei der Massage nicht dabei und kostet deshalb extra. Kein Problem“, erwidere ich und bemühe mich dabei um eine sachlich klingende Stimme. Obwohl ich zugeben muss, dass mich diese Vorgehensweise ärgert. Geradlinigkeit ist mir lieber.
Ich stehe auf und hole ein paar Scheine aus meiner Bauchtasche raus.
„Nein, Sie haben das vollkommen falsch verstanden!“, protestiert sie und hebt die Hände hoch.
Ich halte ihr das Geld entgegen, aber sie macht keine Anstalten, es zu nehmen.
Sie errötet.
Wenigstens schämt sie sich. Diese kleine geldgierige Hexe! Wut macht sich in mir breit. Ich dachte, sie wäre in Ordnung, aber wie immer will sie nur das eine von mir. Meine Kohle.
Nun lege ich das Geld auf die Liege, aber sie gibt es mir wieder. „Jetzt lassen Sie doch den Blödsinn! Das meinte ich doch gar nicht“, ruft sie verärgert aus.
„Ach ja, und was genau meinten Sie?“, frage ich misstrauisch.
„Ich wollte Sie bitten, Ihre Sporthose nochmal auszuziehen“, erklärt sie mir und stößt mich damit vor den Kopf.
Ihre Forderungen werden immer fragwürdiger. Ich bin sicher kein Moralapostel, aber es enttäuscht mich, dass ich mit meiner Einschätzung ihres Charakters so komplett danebenlag.
„Hören Sie zu! Die Massage war echt super und danke fürs Einrenken, aber auf mehr habe ich gerade echt keinen Bock“, motze ich sie gereizt an.
„Mann! Sie scheinen von Ihrer Wirkung auf die Frauenwelt sehr überzeugt zu sein. Ich wollte mir lediglich nochmal ihre Beine anschauen, weil ich eine Vermutung habe, was ihre Rückenschmerzen verursachen könnte“, sagt sie wütend. Aufgebracht steht sie vor mir und schaut mich zornig an. Ihre grünen Augen sprühen Funken.
Irgendwie finde ich ihren Gefühlsausbruch amüsant. Am liebsten würde ich loslachen. Um sie nicht noch mehr zu verärgern, versuche ich einen Lachflash zu verhindern, indem ich mir von innen auf die Wangen beiße. Aber sie erkennt den Schalk in meinen Augen und prustet los. Ich stimme mit ein.
„Also, ich warte!“, sagt sie.
Dabei verschränkt sie die Arme, stellt sich wie ein Feldwebel auf und schaut mir herausfordernd in die Augen. Weil ich nicht sofort reagiere, zieht sie eine Augenbraue hoch, was bei mir nur ein Kopfschütteln auslöst. „Wie Madame befiehlt“, antworte ich resigniert und lande abermals auf ihrer Massageliege.
Sie zieht an meinen Beinen, als würde es darum gehen, einen Größenwettbewerb zu gewinnen. Vergleicht meine Beine und erklärt mir, dass die unterschiedliche Beinlänge eine mögliche Ursache für meine Rückenschmerzen sein könnte. Dies sei nicht ungewöhnlich und könne leicht behoben werden. Sie empfiehlt mir, einen Orthopäden aufzusuchen, um mir von ihm orthopädische Schuheinlagen verschreiben zu lassen.
Gerade noch war sie mir sympathisch. Aber jetzt könnte ich ihr mit meinen nicht gleichlangen Beinen, aber gleichgroßen Füßen in den Hintern treten. Orthopädische Einlagen!? Lächerlich! Ich bin doch kein Opa! Bestimmt ist es bloß die Rache dafür, dass ich ihr Geld geboten habe.
„Sind Sie jetzt beleidigt?“, fragt sie.
„Nein, alles gut“, antworte ich, um Fassung bemüht.
Ich stehe auf und ziehe mich an. Währenddessen räumt sie den Raum auf. Als sie fertig ist, verabschiedet sie sich und geht hinaus. Ohne sie wirkt der Raum unfreundlich und kalt. Mich beschleicht das Gefühl, ein unwillkommener Eindringling zu sein. Ich wünschte, sie würde mehr Interesse an mir zeigen und wieder reinkommen. Aber das tut sie nicht.
Während ich im Flur auf den Lift warte, ertappe ich mich dabei, dass ich hoffe, sie nochmal zu sehen. Gerade als der Lift unten ankommt, höre ich sie in den Personalräumen fluchen. Die Lifttüren öffnen sich, aber ich steige nicht ein.
Ganz offensichtlich in Eile kommt sie mit ihrem wippenden blonden Pferdeschwänzchen raus und haut mich mit ihrem verlegenen Lächeln um.
„Sorry, dass ich so ungehalten war! Aber ich verpasse noch den Zug“, versucht sie ihr Fluchen zu erklären, während sie an mir vorbeieilt. Sie läuft zum Treppenhaus und holt die weißen Kopfhörer aus ihrer Tasche. „Ich könnte Sie fahren“, biete ich ihr an.
Mittlerweile bin ich sicher, dass sie das tanzende Mädchen von heute Morgen ist. Am liebsten würde ich sie fragen zu welcher Musik sie getanzt hat, möchte ihr aber noch nicht verraten, dass ich sie dabei beobachtet habe.
„Vielen Dank, aber das schaffe ich schon“, sagt sie und verschwindet im Treppenhaus.
Zum zweiten Mal am heutigen Abend schafft sie es, dass ich mich einsam fühle. Ich hasse die Macht, die sie über mich zu haben scheint!
Kapitel 3
In den nächsten Tagen lasse ich mich noch ein paar Mal massieren, aber jedes Mal handelt es sich um einen männlichen Masseur. Meine Versuche, sie zu finden oder etwas über sie zu erfahren, laufen ins Leere. Nicht einmal der Masseur Juan ist diese Woche greifbar. An der Rezeption hieß es nur, dass seine Frau ein Kind bekommen habe und er deshalb nicht da sei. Ich komme mir lächerlich vor und beschließe, die Suche nach ihr auf sich beruhen zu lassen.
Die Planung für die nächste Tour ist in vollem Gang und beansprucht bis Ende der Woche meine gesamte Zeit. Markus, der diese Woche eigentlich Urlaub hätte, hilft mir dabei und begleitet mich zu den Verhandlungen. Durch die Eishockeyspiele kennt er die Veranstalter persönlich, was für eine vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre sorgt. Er begleitet mich für ein paar Tage nach Köln, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Es verschafft uns Zeit für gute Gespräche über die Familie, über Gott und die Welt. Durch ihn merke ich, dass mir in meinem Leben etwas Grundlegendes fehlt. Für den Erfolg und den Ruhm habe ich mein ganzes Leben lang hart und viel gearbeitet. Aber die Sehnsucht nach einer mich liebenden Frau und glücklichen Kindern ist in mir präsent und lässt sich auch nicht leugnen. Allerdings ist das Misstrauen mein größtes Problem. Ich vertraue nur wenigen Menschen und außer meiner Schwester und meiner Mutter ist niemand davon weiblich. Aber die beiden sind ja auch schon kampferprobt, denn es war nicht immer einfach mit mir. Sie haben mich in jeder Lebensphase unterstützt und stets an mich geglaubt.
Am Ende der Woche sind die Verhandlungen abgeschlossen und die meisten Termine sind festgezurrt. Wir kehren zurück. Mittlerweile sind die Nächte unerträglich heiß geworden und ich überlege in die Berge zu fahren. Oder doch lieber nach Oslo oder St. Petersburg, um dort die weißen Nächte zu genießen. Wer die Wahl hat, hat die Qual.
Um mich auf andere Gedanken zu bringen, gehe ich um fünf Uhr morgens joggen. Ich kann sowieso nicht schlafen und dabei kann ich über mein nächstes Reiseziel nachdenken. Heidelbergs Altstadt ist absolut sehenswert. Hinzu kommt, dass sie um diese Uhrzeit noch so schön verschlafen wirkt. Ich höre die Vögel zwitschern. Es ist sonnig und friedlich. Auf den Straßen ist kaum etwas los. Vielleicht fällt sie mir deshalb sofort auf. Magda läuft gestikulierend am Neckar entlang und sieht dabei ein bisschen verrückt aus. Sie bemerkt mich nicht. Ich verlangsame mein Tempo und bleibe hinter ihr. So kann ich sie besser beobachten. Sie telefoniert. Als ich ihre Gesprächsfetzen mitbekomme, stelle ich verblüfft fest, dass sie sich mit einem Mann namens Richard auf Französisch unterhält. Um sie nicht überholen zu müssen, wechsle ich die Straßenseite und laufe dort langsam weiter.
Sie spricht fließend Französisch und das beeindruckt mich. Na gut, mein Französisch ist auch nicht von schlechten Eltern. Aber mein Vater ist ja auch Franzose. Vielleicht ist ihr Vater ebenfalls Franzose? Oder ihr Ehemann? Eher ihr Freund, weil sie keinen Ehering trägt. Das weiß ich genau. Ich beneide Richard. Ich will, dass sie mit mir Französisch spricht. Nur mit mir!
Sie muss mich entdeckt haben, denn nun spricht sie deutlich leiser als vorher. Weiß sie, dass ich sie verstehe? Natürlich weiß sie es, wenn sie Musik hört! Ich bin zurzeit der erfolgreichste deutsche Rapper. Momentan werden meine Lieder im Radio rauf- und runtergespielt und täglich millionenfach gestreamt. Sie müsste auf dem Mond leben, um den Hype um meine Person nicht mitzubekommen.
Beflügelt von dem Gedanken, dass sie wieder da ist, steigere ich mein Lauftempo und sprinte zum Hotel. Bevor ich reingehe, jogge ich noch ein paar Runden um den Block. Mein Puls muss sich verlangsamen und möglicherweise begegne ich ihr nochmal. Nach fünf Runden ums Hotel schwindet meine Hoffnung und ich befürchte, dass ich sie verpasst habe oder noch schlimmer, dass sie vielleicht gar nicht zum Hotel unterwegs war, sondern zu einer Freundin. Verdammt! Wieso bin ich davongelaufen, anstatt sie anzusprechen?
Enttäuscht betrete ich das Foyer. Automatisch suche ich den Raum nach ihr ab, aber auch dort ist sie nicht. Gerade als ich im Begriff bin, zu der Stelle zurückzulaufen, wo ich sie vorhin überholt habe, öffnen sich die Lifttüren und sie steigt, bereits in Arbeitskleidung, aus.
Ich bin so ein Idiot! Sie hat den Angestellteneingang benutzt.
Sie sieht mich an und lächelt. Ich gehe davon aus, dass sie auf mich zukommt und laufe ihr entgegen. Aber sie biegt ab und wendet sich der Rezeptionistin zu. Sie erkundigt sich danach, ob etwas für sie oder den Spa-Bereich vorliegt.
Wird sie den Lift nehmen? Ich bewege mich darauf zu, lasse aber auch das Treppenhaus nicht aus den Augen. Als ich sie an der Tür zum Treppenhaus vorbeilaufen sehe, hole ich den Aufzug.
Nach wenigen Sekunden steht sie neben mir. Ich schaue zu ihr runter und sie grüßt mich mit einem schüchternen Hallo.
„Bonjour Mademoiselle!“, antworte ich.
Schweigend stehen wir vor dem Aufzug und warten. Während ich den Kopf zum Lift drehe, stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn sie unter mir läge. So zierlich und klein wiegt sie bestimmt bloß halb so viel, wie ich. Müsste ich aufpassen, um sie nicht zu erdrücken?
Der Lift ist da. Sie steigt als Erste ein und bleibt vor der Tür stehen. Ich laufe an ihr vorbei. Dabei vernehme ich ihren Duft und stelle fest, dass ich ihn vermisst habe. Bei diesem Gedanken komme ich mir total bescheuert vor und beschließe, dieser Farce so schnell wie möglich ein Ende zu setzen. So kann es nicht weitergehen: Ich muss nach anderweitigen Ausflugszielen suchen! Der Lift hält an, und die Türen öffnen sich. Bevor sie aussteigt, dreht sie sich zu mir um und sagt: „Ich glaube, dass sie andere Laufschuhe brauchen.“ Dann verlässt sie den Aufzug.
Verdattert stehe ich da. Was meint sie damit?
Sie läuft weiter und ich stelle mich in den Türspalt, damit sich die Lifttüren nicht schließen. Ich werde ihr nicht folgen. Das muss ein Ende haben.
„Was ist mit meinen Schuhen?“, rufe ich ihr hinterher. „Ich habe Sie vorhin beim Joggen beobachtet. Sie tragen falsche Schuhe“, sagt sie selbstsicher.
Sie hat mich beobachtet. Aha!
„So ein Quatsch! Das sind Laufschuhe und ziemlich teure noch dazu“, verteidige ich mich, während ich aus dem Lift steige und auf sie zugehe. Das Wortgefecht gewinne ich!
„Nicht immer ist es eine Frage des Geldes!“, sagt sie und schaut mich herausfordernd an.
„Sondern?“, ich weiß, dass ich ihr auf den Leim gehe, aber neugierig wie ich bin, kann ich einfach nicht anders.
„Es kommt eher auf die Passform an“, antwortet sie. „Was stimmt denn nicht mit der Passform?“, frage ich amüsiert.
„Sind Ihre Füße verschwitzt?“, möchte sie wissen.
„Logisch! Schließlich bin ich zehn Kilometer gelaufen!“, antworte ich etwas pampig.
Was soll diese Frage? Und warum lasse ich mich darauf ein?
„Perfekt! Würden Sie sie bitte ausziehen?“, fordert sie mich auf.
„Wenn Sie neue Schuhe brauchen, kaufe ich Ihnen lieber welche in Ihrer Größe“, sage ich genervt. Das kann ich mir nicht verkneifen.
„Haha, ich möchte Ihnen an Ihrem Fußabdruck zeigen, was ich meine“, sagt sie lächelnd.
Ich steige aus meinen Schuhen und hoffe, dass sie nicht eine Freundin damit beauftragt hat, mich bei dieser Scharade hier zu filmen, um den Film später ins Internet zu stellen.
Sie nimmt meinen rechten Schuh und zeigt mir eine Stelle in der Schuhsohle, die sie als einen Keil bezeichnet. Anschließend geht sie in die Hocke und erklärt mir anhand meines Fußabdrucks auf dem Boden, dass dieser Keil meine Füße zu stark nach innen kippt. Sie beschreibt, welche Folgen sich daraus für meine Knie und Hüften ergeben.
Ich setze mich neben sie und sie schaut mir in die Augen.
„Klingt überzeugend“, sage ich und muss grinsen, weil wir wie zwei Kinder nebeneinander in der Hocke sitzen und einen Fußabdruck betrachten. Käme jetzt jemand herunter, würde er uns für bekloppt halten. Bei diesem Gedanken beginne ich zu lachen. Sie stimmt nicht mit ein und schaut mich fragend an.
„Sorry, ich lache nicht über das, was Sie gesagt haben. Ich lache nur über das Bild, das wir zwei in diesem Moment abgeben“, sage ich und beiße mir seitlich auf die Unterlippe, um nicht nochmal loszuprusten. Sie legt ihren Daumen drauf und zieht sie mit einem sanften Druck wieder raus. Dieser kurze Moment fühlt sich magisch an und am liebsten würde ich ihren Daumen küssen, sie mit aufs Zimmer nehmen und mit ihr Dinge machen, die ich mir schon die ganze Woche ausgemalt habe.
Leider werden wir durch die sich uns nähernden Stimmen überrascht und stehen beide augenblicklich auf. Zügig ziehe ich meinen Schuh wieder an, und sie verabschiedet sich mit einem hochroten Kopf und einem distanzierten Ich muss los!
Kapitel 4
Am Abend höre ich erneut eine Debatte im Nebenraum, für die ich verantwortlich bin. Ich genieße den verbalen Fight. Zehn zu eins, dass ich am Ende der Sieger sein werde.
„Juan, du kannst mir nicht deine Überstunden aufbrummen. Ich habe keine Zeit!“, höre ich Magda sagen.
„Bitte, Magda!“, fleht Juan leise.
„Männlicher Kollege ist für die männlichen Gäste zuständig. Kapier‘ es doch, die Regeln wurden schließlich nicht grundlos so festgelegt! Bin ich männlich?“, fragt sie gereizt.
„Nein, natürlich nicht! Du bist die Weiblichkeit in Person, eine Göttin!“, sagt er übertrieben charmant und versucht, sie damit um den Finger zu wickeln.
„Ich gehe jetzt! Mach du deinen Job!“, höre ich sie sagen.
Der Versuch, sie einzulullen, ist eindeutig fehlgeschlagen. Der Bursche tut mir echt leid. Ich will schon aufspringen und ihr hinterherlaufen, als ich Juans Flehen vernehme.
„Bitte, Magda! Lass mich nicht im Stich. Das muss doch niemand erfahren. Heute ist Freitag. Es sind schon alle im Wochenende. Ich muss nach Hause, um Doreen mit dem Baby zu helfen“, argumentiert er.
„Arrg!“, höre ich nur und weiß, dass ihre Verteidigungsmauer bröckelt.
„Und er hat gut bezahlt“, sagt er und ich vermute, dass er ihr das Geld zeigt.
Das hätte er nicht tun sollen.
„Spinnst du jetzt total?“, höre ich sie noch im Nebenraum mit Juan schimpfen, und in der nächsten Sekunde steht sie vor mir und wedelt mit den Scheinen vor meiner Nase.
„Geht‘s noch? Sie bringen ihn in Teufelsküche! Ist Ihnen das denn nicht klar?“, fragt sie verärgert.
Ich nehme ihr die Scheine aus der Hand.
„Das Geld war für Juan und nicht für Sie“, sage ich und schaue mich nach ihm um. Er kommt näher und ich strecke ihm die Hand entgegen. Anschließend verschwindet er in Windeseile durch die Tür.
„Ich fasse es nicht, dass es Ihnen egal ist, ob er Ihretwegen Ärger bekommt“, faucht sie mich an.
„Es ist mir nicht egal! Es wird keinen Ärger geben, da die Einzigen, die davon wissen, wir drei sind. Keiner von uns ist daran interessiert, dass die Sache auffliegt“, belehre ich sie und amüsiere mich köstlich über ihren Unmut.
Sie gibt mir ein Zeichen, dass ich mich hinlegen soll und richtet schweigend ihre Arbeitsutensilien her.
Die Tür geht auf und Juan erscheint im Türspalt.
„Magda, ich habe alle Räume gelüftet und aufgeräumt. Schönes, freies Wochenende wünsche ich dir und euch beiden einen angenehmen Abend“, hören wir ihn rufen, bevor er die Tür wieder zuschlägt. Sie antwortet ihm nicht. Anscheinend ist sie immer noch sauer.
Wieder verläuft die Behandlung sehr wortkarg. Sie wirkt nachdenklich und konzentriert. Diesmal bearbeitet sie auch meine Waden, was sich als schmerzhaft erweist, weil sie sich darum bemüht, meine Verspannung herauszumassieren.
„Ihre Schuhe sind das reinste Folterinstrument“, höre ich sie leise meckern.
Kann schon sein, dass sie recht hat. Aber diese Joggingschuhe verschaffen mir auch die Gelegenheit von ihr massiert zu werden. Schon deshalb sind das meine Lieblingsschuhe. Bei diesem Gedanken muss ich grinsen.
„Müssen Sie heute Abend wieder lernen?“, frage ich unvermittelt.
„Nein! Sie werden gerade von einer frischgebackenen staatlich anerkannten Physiotherapeutin behandelt. Ich habe alle Prüfungen bestanden“, verkündet sie stolz.
„Gratuliere“, sage ich euphorisch, weil ich mich für sie freue.
„Danke“, erwidert sie schlicht.
„Das müssen wir feiern. Darf ich Sie zum Essen einladen?“, frage ich sie daraufhin.
„Ich date keine Gäste“, antwortet sie prompt.
„Noch so eine Regel Ihres Arbeitgebers?“, frage ich belustigt.
Sie geht nicht darauf ein und schweigt sich eisern aus. Normalerweise genieße ich die Gesellschaft von Menschen, die nicht dem ständigen Drang unterliegen, anderen etwas erzählen zu müssen. Aber im Moment wäre es mir lieber, wenn ich sie aus der Reserve locken könnte.
Beim Einrenken kommt sie mir wieder so nah, dass ich meine gesamte Willenskraft aufbringen muss, um sie nicht zu küssen. Zum Glück vermeidet sie jeglichen Blickkontakt, was die Sache erheblich erleichtert. Sie duftet fantastisch und ihre kundigen Hände vollbringen wahre Wunder.
„Fertig!“, verkündet sie mit einem breiten Lächeln.
„Na, da freut sich aber jemand über seinen Feierabend!“, entfährt es mir.
Sie entgegnet nichts darauf und beginnt das Zimmer aufzuräumen. Ich bin gerade im Begriff den Raum zu verlassen, als mir etwas einfällt.
„Haben Sie einen Tipp für mich, wo ich mir ein paar geeignete Laufschuhe kaufen kann?“, frage ich.
„Kommt darauf an, wofür sie geeignet sein müssen. Zum Protzen oder fürs bequeme Laufen?“, fragt sie mich frech.
„Autsch! Na, das hat gesessen. Sie können ja richtig gemein sein“, erwidere ich überrascht.
„Ich kann alles!“, sagt sie und guckt mich herausfordernd an.
Als ich verwundert und belustigt meine Augenbrauen hochziehe, läuft sie rot an und senkt ihren frechen Blick. Bingo! Ich bin wieder im Spiel. Eines kann sie schon mal nicht, nämlich meinem Blick standhalten.
„Nein, im Ernst. Ich wollte Sie nicht verletzen“, nimmt sie den Faden wieder auf.
Ach, Madame macht sich Sorgen um meine Gefühle. Kümmere dich mal, um deine eigenen, Baby!
„Wo man in dieser Gegend überteuerte Schuhe kaufen kann, wissen Sie besser als ich. Aber ich könnte Ihnen einen Laden zeigen, in dem Sie nach einer professionellen Beratung bequeme Laufschuhe kaufen könnten. Das sind aber Firmen, die sich auf den Laufkomfort spezialisiert haben. Das Design und die Farbgebung spielen bei diesen Schuhen dann nur die zweite Geige“, erklärt sie besserwisserisch.
„Nachdem Sie es mir so schmackhaft gemacht haben, würde ich aus reiner Neugier schon hingehen“, erwidere ich und setzte mich wieder auf die Liege.
„Es ist ein kleiner Laden und weil es so spät ist, müsste ich dort anrufen“, gibt sie zu bedenken.
„Dann rufen Sie doch an“, sage ich und wedle dabei mit der Hand, um sie anzutreiben.
„Ich bin gleich wieder da!“, ruft sie und verlässt leichtfüßig, wie eine Fee, den Raum.
Mist, was mach‘ ich hier? Wo soll das hinführen? Will ich ihr wirklich das Herz brechen? Ich weiß, dass ich sie will und auch, dass ich sie haben kann. Ihre Reaktion auf mich und ihre Körpersprache verraten mehr als tausend Worte. Aber ich kenne mich. Für mich ist es nur ein Spiel, das mich langweilen wird, sobald ich die Partie gewonnen habe.
Sie kommt mit dem Handy am Ohr herein, setzt sich neben mich und führt ihr Gespräch weiter. Ihren Shopper hat sie neben der Tür abgestellt.
„Aber wäre es wirklich kein Problem für euch, wenn wir heute noch vorbeikämen?“, vergewissert sie sich abermals.
Im nächsten Moment legt sie die Hand auf das Mikro und fragt mich: „Welche Schuhgröße tragen Sie?“
„46“, antworte ich.
Sie gibt diese Information an ihren Gesprächspartner weiter und eine Sekunde später läuft sie rot an. Anschließend vernehme ich nur noch ein verunsichertes Ja, Nein und am Schluss ein verärgertes Woher soll ich das wissen?
Was geht da vor sich? Bei meiner Körpergröße ist diese Schuhgröße gängig.
Sie beendet das Gespräch und steckt ihr Handy in die Hosentasche. Dann stellt sie sich mir gegenüber und sagt: „Es ist so, dass der Laden heute wegen Inventur geschlossen ist, aber für mich würden sie eine Ausnahme machen. Wir dürfen kommen.“
Zufrieden steht sie vor mir und wartet auf eine Antwort. Ich lehne mich auf der Liege zurück und stütze mich auf den Fäusten ab. Dabei spannt sich mein Bizeps an. Als sie es bemerkt, kann sie ihren Blick nicht sofort abwenden und muss kurz schlucken. Sie scheint über meine Wirkung auf sich überrascht zu sein. Eilig tritt sie den Rückzug an und läuft zu ihrer Tasche. Ja, ja, immer die Kontrolle behalten wollen. Das kenne ich.
„Dann haben wir jetzt doch ein Date“, sage ich, um sie zu ärgern.
„Nein, das ist kein Date. Das ist eine Dienstreise“, entgegnet sie.
„Was auch immer. Ich bin dabei“, erwidere ich gut aufgelegt.
Ich halte ihr die Tür auf und wir laufen nebeneinander zum Lift. Meine Gedanken überschlagen sich und ich muss mich beherrschen, um sie nicht auf der Stelle zu küssen. Deshalb widerstehe ich dem Impuls, nach ihrer Hand zu greifen und hoffe, dass sie genauso darüber enttäuscht ist wie ich selbst. Am Lift angekommen, sage ich ihr, dass ich noch kurz aufs Zimmer müsste, um mich umzuziehen und die Autoschlüssel zu holen.
Sie schlägt vor, dass wir uns in fünfzehn Minuten an der Straßenbahnhaltestelle in der Nähe des Hotels treffen. Wir steigen in den Fahrstuhl ein und sie versucht auf das E für Erdgeschoss zu drücken. Aber ich komme ihr zuvor und drücke auf meine Etagennummer. Also fährt sie erstmal mit nach oben. Als die Tür aufgeht, will ich nicht ohne sie aussteigen. Mit der Begründung, dass ich keine fünfzehn Minuten brauchen werde, greife ich nach ihrer Hand und ziehe sie hinter mir her. Erleichtert stelle ich fest, dass sie mir widerstandslos folgt.
Sie kommt mit rein. Bleibt allerdings, mit ihrer Tasche auf der Schulter und mit verschränkten Armen, im Eingangsbereich stehen. Die Situation scheint für sie prekär zu sein und sie fühlt sich sichtlich unwohl. Sicherlich hätte sie lieber unten auf mich gewartet. Um sie nicht noch mehr auf die Folter zu spannen, hole ich rasch meine Brusttasche. Mit einem Blick vergewissere ich mich, dass alles drin ist, was ich für den Abend brauche. Schlüssel, Geld, Bankkarten und Kondome. Alles drin. Perfekt! Als ich zu meinem Schrank gehe, frage ich sie, wie ich mich anziehen soll.
„Sportlich, leger oder eher schick?“, möchte ich wissen.
„So wie jetzt ist doch perfekt“, sagt sie schlicht.
„Perfekt?“, frage ich skeptisch.
„Normal halt. Können wir jetzt bitte gehen?“, drängt sie.
Zumindest mein T-Shirt möchte ich noch wechseln. Dann setze ich mein schwarzes Cap auf und nehme ein weißes mit. Das Logo darauf habe ich selbst designt. Es ist mein Markenzeichen.
„Na, endlich!“, ruft sie erleichtert aus, als sie mich sieht und läuft zur Tür.
„Halt! So können wir noch nicht gehen“, rufe ich ihr hinterher.
„Wieso nicht?“, fragt sie irritiert.
„Sie müssen die hier aufsetzen, damit man Sie nicht erkennt“, erwidere ich und halte ihr die weiße Kappe entgegen.
„Ich soll ebenfalls eine Mütze tragen!? Auf diese Weise werden wir noch schneller die Aufmerksamkeit auf uns lenken“, sagt sie skeptisch.
Sie will nicht mit mir gesehen werden. Das ist ernüchternd.
„Bin ich Ihnen peinlich?“, frage ich erstaunt.
„Nein, Sie wollten doch unerkannt bleiben. Bei Ihrem derzeitigen Bekanntheitsgrad können wir froh darüber sein, dass die Jugendlichen permanent auf ihre Handys starren. Aus diesem Grund haben sie kaum ein Auge für ihre Mitmenschen. Aber es braucht nur einen, der Sie erkennt und schon ist Ihr Gesicht überall. Wenn es ganz blöd läuft, ist meins auch noch drauf“, erklärt sie mir.
„Und Sie wollen kein Foto von uns beiden?“, frage ich ungläubig.
„Wieso sollte ich?“, fragt sie verärgert.
„Für mehr Follower, mehr Likes, mehr – weiß der Geier. Sie werden staunen, wie viele Frauen sonst was dafür geben würden, um neben mir auf einem Foto zu sein“, antworte ich wahrheitsgemäß.
„Ich hoffe, Sie nicht zu sehr zu enttäuschen, aber ich gehöre nicht Ihrem Fanclub an“, erwidert sie übertrieben feierlich.
„Ist nur eine Frage der Zeit“, antworte ich gelassen und strecke ihr die Mütze erneut entgegen.
Sie kramt in ihrer Tasche und ich vermute schon, dass sie da drin Platz für die Kappe macht. Aber weit gefehlt! Sie holt ein Haargummi raus, bindet ihr Haar zusammen und steckt es hinten durch die Öffnung im Basecap. Dann läuft sie zum Spiegel und mustert sich darin.
Ich stelle mich hinter sie und beobachte sie dabei, wie sie rechts und links an ihren Strähnchen zupft. Dann fummelt sie hinten am Haarbündel herum und verlagert das Haargummi weiter nach oben, sodass sie die Kappe tiefer über die Augen ziehen kann. Dabei wippt ihr Busen hin und her. Ihre Rundungen sind perfekt. Ich genieße den Anblick.
Während sie vor mir steht, nutze ich die Gelegenheit, um sie in Ruhe aus der Nähe zu betrachten. Erneut stelle ich fest, dass ihr schlanker und dennoch kurvenreicher Körper eine starke Anziehungskraft auf mich ausübt. Vergebens versuche ich über den Spiegel Blickkontakt aufzubauen, denn sie gibt sich die größte Mühe meinem Blick auszuweichen.
Als sie sich zu mir umdreht, fragt sie nur: „Kann man es so lassen?“
„Anna Kournikova würde neben Ihnen unscheinbar aussehen“, sage ich, weil sie damit sehr sportlich ausschaut und mich irgendwie an sie erinnert.
„Nicht Ihr Ernst! Anna Kournikova ist fast einen Kopf größer als ich, wunderhübsch und megadurchtrainiert. Neben ihr wäre ich unsichtbar“, sagt sie völlig überzeugt.
Was ist mit dieser Frau los? Guckt sie nicht in den Spiegel?
„Von wegen unsichtbar. Für Ihren Körper brauchen Sie einen Waffenschein“, kontere ich gewitzt und deute mit dem Zeigefinger auf sie.
Im Lift fällt mir ihr Telefonat wieder ein. Ich wusste doch, dass ich sie noch etwas fragen wollte.
„Was wollte der Typ am Telefon vorhin noch wissen, als Sie ihm meine Schuhgröße durchgegeben haben?“, frage ich unvermittelt.
„Was meinen Sie?“, fragt sie unschuldig.
Aber an der Röte, die von ihren Wangen Besitz ergreift und an ihrer Art, wie sie ständig nach unten schaut, erkenne ich genau, dass etwas im Busch ist.
„Ja, nein, woher soll ich das wissen?“, äffe ich sie nach.
Ihr Gesicht brennt lichterloh. Jetzt will ich es erst recht wissen und schaue sie deshalb eindringlich an. „Er wollte wissen, ob alles an Ihnen so groß ist, wie Ihre Füße“, sagt sie leise.
„Ja, nein, woher soll ich das wissen?“, wiederhole ich noch einmal genüsslich.
„Bitte, hören Sie auf“, sagt sie, ohne mich anzuschauen.
Wir kommen in der Tiefgarage an. Die Lifttüren öffnen sich und sie schlüpft an mir vorbei. Ich kann dem Impuls nicht widerstehen und greife nach ihrem wippenden Pferdeschwanz. Sie holt tief Luft und bleibt stehen. Ich trete einen Schritt vor, sodass ich dicht hinter ihr stehe. Ihren Kopf drehe ich leicht zur Seite. Ihre neue Frisur gefällt mir. Wie einfach man sie damit steuern kann. Ich beuge mich nach vorne und bin dicht an ihrem Ohr. Da sie meine Mütze trägt, vermischt sich ihr Duft mit meinem. Hmm!
„Nur zur Info: Wären Sie beim Ja geblieben, hätten Sie nicht gelogen“, flüstere ich ihr ins Ohr.
Im nächsten Moment rechne ich mit einer schallenden Ohrfeige und wundere mich über ihre Reaktion. Denn sie lehnt sich leicht gegen mich und ihre Atemfrequenz beschleunigt sich. Mit dieser Wirkung habe ich nicht gerechnet.
Auf dem Weg zum Wagen höre ich meinen Magen knurren. Hoffentlich geht sie später noch mit mir essen. Momentan sieht es ganz so aus, als wäre sie mir zugeneigt. Aber Fortuna ist ja bekanntlich eine Bitch. Abwarten, was der Abend so bringt.
Mein Wagen blinkt und die Flügeltüren erheben sich, als ich ihn aufschließe. Neugierig beschleunigt sie ihre Schritte und sagt fast ehrfürchtig: „Wow! Ist das ein McLaren 720S im Prior Design?“
„Bingo! Die Kandidatin hat 1.000 Punkte!“, erwidere ich.
Eigentlich habe ich diesen Wagen erst seit Kurzem. Woher weiß sie, welches Model das ist? Kann es sein, dass sie sich doch für mich interessiert und irgendetwas in den sozialen Netzwerken darüber gelesen hat? „Ich fasse es nicht! Sie haben ihn in einer Performance-Werkstatt aufmotzen lassen!“, ruft sie entrüstet aus, nachdem sie eine Runde um den Wagen gedreht und einen ausgiebigen Blick in den Innenraum geworfen hat.
„Veredeln würde den Zweck treffender beschreiben“, weise ich sie zurecht.
„Erstaunlich, dass man ein derartiges Schmuckstück noch edler und eleganter gestalten kann. Echt eindrucksvoll! Nun ist der Wagen garantiert einmalig“, beendet sie ihre Lobrede.
„Noch ein schmeichelndes Adjektiv und Sie bekommen den Vorsitz in meinem Fanclub“, ziehe ich sie auf.
„Edel, elegant, eindrucksvoll, einmalig und eingebildet“, schließt sie ihre Aufzählung. Dabei schaut sie mir herausfordernd in die Augen und läuft weiter.
„Wo gehen Sie hin?“, frage ich erstaunt.
„Sie haben ganz sicher noch einen Wagen hier. Einen, der nicht so extravagant ist. Mit diesem wären Sie schon längst aufgeflogen“, antwortet sie und schaut sich um. Plötzlich hält sie in der Bewegung inne.
„Da! Wusste ich es doch. Wir nehmen den“, sagt sie und zeigt auf meinen Audi, der ebenfalls meine Initialen auf seinem Nummernschild trägt.
