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Kurzgeschichten zum zweimal Lesen. Von skurril bis esoterisch, immer knapp neben dem, was man erwartet. Teils ernst, teils verschmitzt. Verblüffende Perspektiven. Kurze Reisen ins Erstaunen. Auflösungen, die man so nicht möchte - oder gerade doch.
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2020
Erwin Böning
Doch meistenskommt es anders
Erwin Böning,
lebt und arbeitet in Oldenburg.
„Doch meistens kommt es anders“ ist sein zweites Werk nach dem Roman
„Schlüssel zum Gestern“ (2020)
Titelbild: Erwin Böning, „Buntstifte“ (2005), Acryl auf Leinwand (Ausschnitt)
© 2020 Erwin Böning
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-12856-9
Hardcover:
978-3-347-12857-6
e-Book:
978-3-347-12858-3
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Kurzgeschichten zum zweimal Lesen.
Von skurril bis esoterisch, immer knapp neben dem, was man erwartet. Teils ernst, teils verschmitzt. Verblüffende Perspektiven.
Kurze Reisen ins Erstaunen. Auflösungen, die man so nicht möchte – oder gerade doch.
Inhalt
1. Maya
2. Eri
3. Digitalisierung
4. Reise nach Synapsien
5. Ebenen
6. E-Bewusstsein
7. Helfersyndrom
8. Kraft der Kunst
9. Probabilistische Wettervorhersage
10. Ramona-Chantal
11. Rosi
12. Judas
13. Volkswirtschaft
14. Isa
15. Rena
1. Maya
Ich hatte einen schlechten Lauf. Eigentlich schon seit Jahren. Dabei fing es eigentlich gar nicht so schlecht an.
Im ersten Leben bin ich Gitarrist. Früher habe ich geübt wie ein Besessener. Auf jeden Fall jeden Tag; manchmal zwei Stunden oder noch länger.
Ich glaube, ich war auch richtig gut. Mein einziger Traum war es, Gitarrist in einer Top-Band zu werden. Einer Band, die jeder kennt – überall auf der Welt. In meinen Wachträumen stehe ich vorne auf der Bühne eines Fußballstadions, dass bis auf den letzten Platz ausverkauft ist und spiele ein Gitarrensolo. Die anderen Bandmitglieder begleiten mich leise – minutenlang.
Wegen der Scheinwerfer kann ich nur die ersten drei Reihen erkennen: Alle Fans sind wie erstarrt und sehen mit großen Augen und offenem Mund zu mir herauf. Dann brüllender Zwischenapplaus, die Band nickt mir anerkennend zu ……
Irgendwann wurde der Traum immer seltener und verlor an Farbe und Strahlkraft. Zum Einstieg brauchte ich dann ein paar Bier, später auch einen Schnaps. Nach einer Weile kam der Traum dann auch trotz mehrerer Schnäpse und mehrerer Biere nicht mehr.
Ich habe strikt weiter geübt und mich bei vielen Künstleragenturen in ganz Deutschland beworben. Eine hat mich sogar zum Vorspielen nach Hannover eingeladen. Sie zeigten sich dort von meinem Können auch durchaus angetan. Sie haben meine Daten erfasst und es hieß: „Da wird sich gewiss etwas machen lassen“.
Leider habe ich nie wieder etwas von ihnen gehört – bis letztes Jahr.
Da ich von der Musik nicht leben konnte, bin ich irgendwann mit einfachen Lagerarbeiten angefangen. Später bekam ich einen richtigen Arbeitsvertrag: Regale einräumen in einem Baumarkt. Knochenarbeit und schlecht bezahlt. In der ersten Zeit habe ich noch ganz besonders auf meine Hände geachtet. Nur keinen Finger einklemmen oder schlimmer verletzen, denn der Traum, berühmter Gitarrist zu werden, lebte weiter. Zunächst.
Abends war ich häufig zu müde und kaputt, um noch zu üben. Der Traum schlich sich langsam aus meinem Leben – die Biere und Schnäpse blieben.
Ganz allmählich sackte ich immer weiter ab. Das Geld reichte vorne und hinten nicht. Mittags gab es Kantinenfraß und am Wochenende Junk-Food: Pizza, Döner, Hamburger, Fischstäbchen, Bratwurst.
Die Wohnung verlotterte zusehends – und ich wohl auch. Kleidung wurde mir egal, es interessierte sich ja ohnehin keiner für mich. Die Frauen machten einen weiten Bogen um mich und bei den Männern reichte es bestenfalls einmal zum „Saufkumpel“.
Ich war alleine und lebte ein sinnleeres Leben, als mich der Anruf der Agentur aus Hannover erreichte. Ob ich noch spiele, wollte man wissen, frei sei und überhaupt noch Interesse habe? Ich bejahte alles und wollte natürlich sofort wissen, worum es denn ginge. Das könne man mir am Telefon leider nicht sagen, ich möchte doch bitte am übernächsten Tag nach Hannover kommen, dann würde man mir alles zeigen und erklären. Alles Insistieren half nichts; mehr Klarheit war nicht zu bekommen.
Also trank ich am nächsten Abend etwas weniger, duschte mich am folgenden Morgen ausgiebig, rasierte mich mal wieder und kramte die vermeintlich besten Klamotten aus dem Schrank. Im Dienst meldete ich mich mit krächzender Stimme krank. Das letzte Geld des Monats ging für die Fahrkarte drauf, Auto und Führerschein hatte ich schon lange nicht mehr.
Ich kam pünktlich in der Künstleragentur an, musste aber trotzdem noch eine Viertelstunde warten. Dann brachte mich die ausnehmend hübsche Empfangsdame zu „meinem“ Agenten. Ein gegelter, schmieriger Typ in einem schlechtsitzenden Anzug. Sein Rasierwasser gehörte nicht zu den hochpreisigen – dafür hatte er reichlich davon aufgelegt.
Ich durfte ihm gegenüber Platz nehmen, er blickte mich eine Weile stumm an, um dann zu sagen: „Sie Glückspilz, Sie ausgesprochener Glückspilz“.
Die Sache war die, dass die weltbekannte Rockband „The Frozen Androids“, von der ich noch nie etwas gehört hatte, eine Südostasien-Tournee plante.
Mein Agent: „Alles ist organisiert, alle Termine stehen, alle Hotels sind gebucht. Und was passiert? Zwei Bandmitglieder fallen wegen einer Salmonellen-Infektion für längere Zeit aus. Die Tour muss aber auf jeden Fall stattfinden, sonst sind die Jungs pleite“.
Ich wäre auf Grund meines Spiel-Stils, meines Alters und auch meines Aussehens prädestiniert, kurzfristig einzuspringen. Eine fantastische Chance auf eine Mords-Karriere, das Sprungbrett auf die großen Bühnen dieser Welt. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Das Ganze ehrte mich natürlich sehr und meine alten Träume begannen wieder vor mir aufzutauchen. Im Stillen und in aller Ehrlichkeit war mir natürlich klar, dass man vermutlich auch keine so große Auswahl an Künstlern für diesen speziellen Zweck hatte finden können. Wer kann sich schon so kurzfristig – es sollte in der kommenden Woche losgehen – von allen beruflichen und sozialen Verpflichtungen frei machen? Wer richtig gut ist, hat sicherlich einen Job, den er nicht einfach so für ein halbes Jahr Ostasien aufgibt. Auch die Bedingungen waren bei ehrlicher Betrachtung eher irdisch: Alle Flug- und Reisekosten würden übernommen, Übernachtungen in Mittelklassehotels, Verpflegung und achtzig Euro Taschengeld pro Tag.
Für die sechs Monate waren vierundachtzig Konzerte in acht Ländern vorgesehen. 3.800 km Distanz zwischen den äußeren Spielorten. Das klang nach einer harten Zeit.
Ich sagte trotzdem zu. Nicht nur, weil mich die Aufgabe reizte, sondern auch, weil ich so endlich den Schritt tun konnte, den menschenverachtenden Lager-Job zu kündigen. Heimlich hoffte ich auch, im Stress des Veranstaltungs-Zirkus mein Alkohol-Problem loszuwerden. Man sagt ja immer, es geht nur, wenn man in ein völlig anderes Setting kommt. Und das wäre ja hier der Fall: Andere Menschen, andere Länder und ganz andere Aufgaben.
Einerseits freute ich mich auf das Abenteuer, andererseits hatte ich auch einen gehörigen Respekt davor.
Wir trafen uns knapp eine Woche später in Frankfurt auf dem Flughafen. Die Band bestand aus acht Mitgliedern, von denen die zwei erkrankten fehlten. Hinzu kam eine Handvoll Techniker, Übersetzer und Organisatoren. Man kannte sich seit vielen Jahren, entsprechend gelöst war der Umgang.
Ich ersetzte den Lead-Gitarristen. Die Tunes waren einfach, das meiste waren Cover-Versionen von Songs, die ich ohnehin im Repertoire hatte, der Rest ließ sich intuitiv lösen.
Der gleichfalls erkrankte Bass wurde durch eine junge Frau ersetzt. Eine dunkelhäutige Amerikanerin mit Namen Maya. Sie strahlte eine unbändige Herzlichkeit und Fröhlichkeit aus und war von Anfang an jedem sympathisch. Wenn sie einen mit ihren weißen Zähnen anlachte und ihre Augen dabei aus dem dunkelbraunen Gesicht strahlten, ging einem regelmäßig das Herz auf.
Besonders bemerkenswert waren auch ihre mindestens hundert Rastazöpfe, die in alle Richtungen vom Kopf abstanden. Jeder einzelne nur zehn bis fünfzehn Zentimeter lang, aber am Ende mit einer bunten Abschluss-Perle versehen.
Der Flug dauerte elfeinhalb Stunden
Das erste Konzert fand schon am darauffolgenden Abend in einer asiatischen Millionenstadt statt, von der ich vorher noch nicht einmal den Namen gehört hatte.
Alles verlief planmäßig. Mittelgroßer Saal, gut zur Hälfte gefüllt, artiger Applaus, zwei bis drei Zugaben, fertig.
Und so sollte es in den nächsten Wochen und Monaten bleiben: Flug oder Bahnfahrt zum nächsten Auftrittsort, Einchecken im Hotel, Soundcheck, Auftritt, Feierabend, kurze Nacht und dann weiter zum nächsten Auftritt. Schon nach kurzer Zeit wussten wir nicht mehr, in welchem Land, geschweige denn in welcher Stadt wir uns befanden. Manchmal sahen die Schriftzeichen an den Hotels anders aus als an denen vom Vortag, so dass ich annahm, dass wir wohl in einem anderen Land angekommen waren.
Das mit dem Alkohol hatte ich tatsächlich im Griff und das lag ausschließlich an Maya.
Die Band und das gesamte Team waren nett, blieben aber unter sich. Maya und ich waren und blieben Fremdkörper. Nach den Konzerten klatschte man sich ab, verabredete sich für den Folgetag und ging seiner Wege. Die Band tauchte regelmäßig in das lokale Nachleben ein, Maya und mich ließ man auf der Bühne stehen und wir hatten Zeit zur freien Verfügung: In Ländern, deren Sprache wir nicht kannten, deren Schrift wir nicht lesen konnten und deren Sitten und Gebräuche uns fremd waren.
Ich ging regelmäßig auf mein Hotelzimmer und freute mich, wenn die Klimaanlage funktionierte, was nicht immer der Fall war. Bei den gebuchten Mittelklassehotels lag die Betonung eindeutig auf „mittel“ und nicht auf „klasse“. Bei ehrlicher Betrachtung waren die meisten Häuser Bruchbuden. Aber da wir fast nie länger als eine Nacht blieben, lohnte es sich nicht, sich über irgend etwas zu beschweren oder unnütz aufzuregen.
Was das Erhellendste überhaupt war und mich bei Stimmung hielt, war der Blick auf Maya bei den Konzerten. Sie stand halbrechts vor mir und spielte einen fantastischen Bass. Sie strahlte eine absolute Sicherheit aus und war wie mit ihrem Instrument verwachsen. Sie trug uns durch die schwierigsten Passagen, immer mit einem Lächeln, wohlwollend und man spürte ihre Liebe zur Musik.
Auch das Publikum liebte Maya. Nach unseren kurzen Soli erhielten wir stets Szenenapplaus – sie etwa doppelt soviel wie ich. Aber das störte mich nicht.
Meistens trug sie Hot-Pants, so dass man ihre makellosen Beine in voller Länge sehen konnte. Dazu ein figurbetontes Oberteil, der Bauchnabel blieb gerne frei. Soviel Weiblichkeit gepaart mit dem eher männlichen Bass übte einen besonderen Reiz auf alle aus. Die Blicke vieler Zuschauer in den ersten Reihen waren ausschließlich auf sie gerichtet, was man absolut verstehen konnte und was sie offensichtlich sehr genoss.
Ihre Bewegungen waren flüssig und harmonierten zu hundert Prozent mit der Musik. Ich hätte schwören können, dass sie tänzerisch ausgebildet war.
Es war nach dem dritten oder vierten Auftritt. Ich lag noch ungeduscht auf dem Bett und versuchte das Restadrenalin abzubauen und wieder auf einen vertretbaren Ruhepuls zu kommen. Ich freute mich über die funktionierende Klimaanlage – draußen waren fast vierzig Grad – als es an der Tür klopfte.
Lust hatte ich keine, die Tür zu öffnen, aber es konnte ja etwas Wichtiges sein. Also quälte ich mich hoch und schlurfte zur Tür. Draußen stand Maya. Mein Englisch ist weiß Gott nicht toll, vielleicht Niveau siebte Klasse Realschule Note vier. Trotzdem verstand ich sofort, dass ihre Klimaanlage überhaupt nicht funktionierte und ihr Zimmer zudem auf der Sonnenseite lag, so dass man mit vierzig Grad bei weitem nicht hin kam.
Sie wollte sich nur ein halbes Stündchen abkühlen und – wenn möglich – kalt duschen. In ihrer Dusche war die Armatur verlorengegangen, leider auf der Stellung „hot“.
Ich freute mich sehr über diesen Besuch, und, um es kurz zu machen, wir haben fortan jeden Abend und jede Nacht der Tour gemeinsam verbracht. Entweder bei ihr – je nach Klimaanlage, Dusche, Sanitärausstattung und Licht – oder bei mir. Die Chance auf ein vernünftiges Hotelzimmer haben wir damit verdoppelt.
Die Abende waren kurz. Die Anstrengung der Tage steckte in den Knochen und morgens galt es, früh wieder dabei zu sein.
Wir haben uns ausländische Filme angesehen, mal mit und mal ohne englische Untertitel, nebeneinander auf dem Bett gelegen und Musik aus dem Smartphone gehört oder Karten gespielt. Manchmal haben wir uns auch, so gut es ging, nur unterhalten. Viel habe ich nicht über sie erfahren, aber es waren grandiose Abende.
Wie ich herausfand, waren wir fast gleichaltrig, wobei ich von meinen neununddreißig Jahren sechs abgezogen hatte, um keinen zu großen Altersunterschied entstehen zu lassen. Sie trug weder an der rechten noch an der linken Hand einen Ring, der auf eine feste Beziehung hingewiesen hätte und ich habe sie nie mit ihrem Handy telefonieren gesehen.
Mir ging es genauso, es gab niemanden, dem ich von unseren Tourerlebnissen hätte berichten können oder müssen.
Wir blieben auch die Nächte zusammen, haben uns beim Um- und Ankleiden zugesehen und gemeinsam geduscht, wenn das Wasser knapp war. Aber es kam nie zum Äußersten.
Maya machte mir die enorm stressige Zeit im heißen Asien erträglich, so dass mir der Alkohol nur selten fehlte.
Die Tournee zog sich gewaltig in die Länge. Die letzten Tage und Wochen wollten einfach nicht vergehen. Das immer gleiche Programm, schäbige Hotels und ungenießbares Essen. An den wenigen freien Tagen haben wir unsere Wäsche gewaschen und uns selbst wieder so weit auf Vordermann gebracht, dass die nächsten Auftritte, Nachtfahrten, Ein- und Auszüge kommen konnten.
Der Kontakt zu den eigentlichen Bandmitgliedern blieb auf niedrigstem Niveau. Immer höflich und freundlich – sie wussten schon, was sie an uns hatten – aber kein Wort zu viel, kein Versuch der Annäherung und schon gar keine Einladung, und sei es nur auf ein alkoholfreies Bier.
Die Freundschaft zwischen Maya und mir hingegen wuchs und gedieh. Kurz vor Ende der Tour habe ich mir vorgenommen: „Wenn alles vorbei ist, frage ich sie, ob sie sich ein Leben mit mir zusammen vorstellen könne. Mehr als nein sagen kann sie ja nicht – und auslachen wird sie mich nicht, so gut kenne ich sie.“
Dann war es endlich geschafft. Der Vorhang fiel zum letzten Mal. Die wenigen Habseligkeiten waren gepackt und der Abschied stand bevor. Jeder hatte den Heimflug von unserer letzten Tourneestadt individuell geplant.
Nach dem letzten Auftritt hatte ich Maya im allgemeinen Durcheinander aus den Augen verloren. Wir mussten uns beeilen, weil wir beide noch am gleichen Abend unsere Flieger erreichen wollten.
Ich hatte ausgecheckt und saß in der Hotellobby und wartete auf sie. Nach und nach kamen die einzelnen Bandmitglieder vorbei und verabschiedeten sich artig, der Bandleader drückte mir den letzten Scheck für die letzte Woche in die Hand. Der Spuk war vorbei, eine Erfahrung, die man nicht vergisst, aber auch kein zweites Mal benötigt.
Maya kam nicht. Ich versuchte, sie auf ihrem Zimmer anzurufen. Nichts.
Konnte sie schon weg sein?
Nach über anderthalb Stunden entschloss ich mich aufzubrechen. Wenn ich nicht bald ein Taxi nähme, könnte es mit dem Flug eng werden.
Ich wollte gerade aufstehen, da kam sie aus einem der fünf Fahrstühle, sah sich kurz um und brachte ihren Schlüssel zur Rezeption. Beinahe hätte ich sie nicht erkannt. Die Rastazöpfe hatte sie aufgelöst und ihr Haar glatt gebürstet. Sie trug ein beigefarbenes Kostüm mit einem Rock bis zu den Knien, eine weiße, gerüschte Bluse und eine kleine Perlenkette. Hinzu kamen Nylonstrümpfe, eine schwarze Lackleder-Handtasche und spitze, hellbraune Pumps mit mittelhohen Absätzen.
Nichts war übrig von der quirligen, flippigen Maya.
Ich stand langsam auf und ging auf sie zu. Als sie mich erkannte, konnte man trotz der dunklen Haut erkennen, dass sie errötete.
Wir standen dicht voreinander, sie reichte mir die Hand, bedankte sich für die schöne Zeit und entschuldigte sich dafür, dass sie sofort weiter müsse, das Taxi warte und sie wäre ohnehin schon hinter der Zeit.
Ein letzter Blick und sie zog ihren riesigen Koffer zum Ausgang. Hinter der automatischen Tür drehte sie sich noch einmal um, winkte kurz und verschwand Richtung Taxistand.
Obwohl der Moment der Begegnung nur kurz war, hatte ich den Anhänger ihres Koffers gelesen und mir eingeprägt. Sie hieß gar nicht Maya. Diesen Künstlernamen hatte sie aus ihrem richtigen Namen zusammengesetzt.
Ich setzte mich wieder in die Lobby und googelte ihren Namen im Internet. Sie hatte tatsächlich einen eigenen Wikipedia-Eintrag: Margareth Yale-Cummingham, 40 Jahre alt, Professor of Bass and Strings at Saint Mary's University of Minnesota, verheiratet mit dem dreiundvierzigjährigen Physiker Ted Cummingham, vier Kinder; die Familie lebt in Winona (Minnesota, USA). Seit neunzehn Jahren Hochschullehrerin, eine ausgesprochene Koryphäe auf ihrem Gebiet.
Ich bestellte mir ein großes Bier und dazu einen doppelten weißen Rum. Danach ging es mir ein bisschen besser, ein zweites Bier half nochmals weiter.
Den Flieger hatte ich verpasst.
Mir ging eine Lehrweisheit aus dem Mathematikunterricht vor fünfundzwanzig Jahren durch den Kopf: „Wenn zwei Graphen sich schneiden, haben sie am Schnittpunkt exakt die gleichen Koordinaten, x und y, egal woher sie kommen und wohin sie gehen.“
2. Eri
Eigentlich hasste Andreas Kohlfahrten.
Kohlfahrten sind gesellschaftliche Ereignisse in Norddeutschland, beziehungsweise kulturelle Events, die ausschließlich im Winterhalbjahr stattfinden.
