Dolch und Münze (03) - Daniel Hanover - E-Book

Dolch und Münze (03) E-Book

Daniel Hanover

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Beschreibung

Der Tyrann Geder Palliako hat seine Nation in den Krieg geführt, doch jeder Sieg hat nur einen weiteren Konfliktherd entzündet. Nun will er den Frieden bringen, und es ist ihm egal, wie viele Menschen er dafür töten muss. Währenddessen spürt Hauptmann Marcus Wester in den Schatten der Welt einem uralten Geheimnis nach, das den Verlauf des Krieges in einer Weise verändern wird, die nicht einmal er absehen kann.

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Seitenzahl: 735

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Buch

Der große Krieg kann nicht aufgehalten werden.

Der Tyrann Geder Palliako hat seine Nation in den Krieg geführt, doch jeder Sieg hat nur einen weiteren Konfliktherd entzündet. Nun will er Frieden bringen. Egal, wie viele Menschen er dafür töten muss.

Cithrin bel Sarcour ist in die Kriegwirren verwickelt. Doch die größeren Gefahren drohen aus ihrer Vergangenheit und in ihrer Seele.

Verwitwet und in Ungnade gefallen, wurde Clara Kalliam zu einer loyalen Verräterin, die ihre Nation gegen sich selbst verteidigt.

Und in den Schatten der Welt spürt Hauptmann Marcus Wester einem uralten Geheimnis nach, das den Verlauf des Krieges in einer Weise verändern wird, die nicht mal er absehen kann.

Autor

Daniel Hanover ist das Pseudonym eines renommierten amerikanischen Autors.

Außerdem lieferbar

Dolch und Münze: 1. Das Drachenschwert – 2. Königsblut

Daniel Hanover

Dolch und Münze

Das Gesetz des Tyrannen

Aus dem Englischenvon Simone Heller

Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Dagger and the Coin 03: Tyrant’s Law« bei Orbit, New York.

1. Auflage

Taschenbuchausgabe August 2014 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.

Copyright © 2013 by Daniel Abraham

Published in agreement with the author, c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, USA

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013 by Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung und Umschlagillustration: © Max Meinzold, München

Redaktion: Alexander Groß

UH · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-12413-7

www.blanvalet.de

Für Katherine und Scarlet

Prolog

Milo vom Murro-Orden

Milo glitt in der Finsternis aus und fiel auf ein Knie. Er schürfte sich die Haut auf dem steinigen Strand auf, und das Blut färbte seine wollenen Beinkleider dunkel. Der alte Fischer – Kirot hieß er – hielt an und blickte zu ihm zurück, wobei er seine Laterne und eine weiße Braue fragend hob. Kommst du nun, oder bleibst du hier? Im Norden knisterte Eis auf den Wellen. Im Süden wartete das Dorf in tiefer Dunkelheit auf ihre Rückkehr. Milo zwang sich dazu aufzustehen. Was machte schon ein wenig Blut mehr? Er hatte bei Gott bereits genug verloren. Kirot nickte und nahm seinen langsamen Trott an der Küste entlang wieder auf.

Der Rhythmus ihrer Schritte setzte sich von den Wellen ab wie das komplizierte Muster eines Hochzeitstanzes. Milo konnte sich beinahe das Trillern der Geigen und das Pochen der Muscheltrommeln vorstellen. Ihm war zu Ohren gekommen, dass von allen dreizehn Rassen der Menschheit die Haavirisch das beste Musikgefühl hatten. Allerdings musste er zugeben, dass er dergleichen lediglich von anderen Haavirisch gehört hatte. Eine Frauenstimme erhob sich inmitten der Musik, ein Heulen, das sich auf sinnliche Weise mit den Streichinstrumenten vereinte, und Milo bemerkte, dass er Halluzinationen hatte. Sein Vater nannte es die Stimme des Wassers. Er hatte sie schon früher manchmal gehört, wenn er im trüben Licht vor der Dämmerung draußen gewesen war oder bei der Rückkehr zur Küste nach einem langen Tag auf den kalten Wassern des Nordens. Manchmal war es Musik, manchmal war es wie Stimmen, die sich unterhielten oder stritten. Einige unter den Ältesten und den Jüngsten behaupteten, dass diese Geräusche real waren, dass sie von den Versunkenen stammten, die nach ihrer Geschwister-Rasse riefen. Für Milos Vater war diese Erklärung nur Moder und Pisse. Es wäre lediglich der Verstand, der sich selbst etwas vorgaukelte, und das Brüllen von Eis und Wogen, das ihm den Anlass lieferte, um sich auszutoben. Und daher entsprach das auch dem, was Milo glaubte.

Die Küste war dort, wo sie seinem Dorf am nächsten war, zerklüftet: Klippen und steiniger Strand, fette grüne Krabben und Möwen weiß wie Schnee. In manchen Nächten tanzte grün-goldenes Polarlicht über den Himmel, aber heute hing eine tiefe, dunkle Wolkendecke über dem Land, und es roch, als würde es bald schneien. Der Mond kämpfte sich hin und wieder ins Freie, um einen Blick auf die beiden Männer zu erhaschen und sich dann scheu abzuwenden. Nein, es waren keine zwei Männer. Noch nicht. Ein Mann, und einer, der kurz davor stand. Heute Morgen war Milo als Junge aufgewacht, und er würde ein Mann sein, bevor er sich niederlegte, aber noch hielt er sich an jenem gefährlichen Ort dazwischen auf, war weder das eine noch das andere. Deshalb war er hier.

Er wusste, dass es am besten war, nicht unmittelbar in das Leuchten von Kirots Laterne zu blicken. Das winzige Licht würde ihn blenden. Es war besser, in die Schatten zu starren und dafür zu sorgen, dass seine Augen an die Dunkelheit angepasst blieben. Aber unwillentlich wanderte sein Blick zu der Flamme, und er besaß nicht mehr genug Willenskraft, um ihn erneut abzuwenden. Jedes der unzähligen kleinen Fischerdörfer an der Küste von Hallskar hatte seinen Orden, sein Ritual, seine Geheimnisse, Symbole und Rätsel. Einige von ihnen hatten sich über Generationen hinweg blutige Kämpfe wegen Zerwürfnissen geliefert, deren Ursprünge in den dunklen Wassern der Geschichte verschollen waren. Der Wodmann-Orden, bei dem sie sich das Gesicht blau und rot tätowierten, hatte die Schiffe des grüngesichtigen Lûs-Ordens versenkt, und der Lûs-Orden hatte die Wodmann-Pökelhäuser niedergebrannt, bis der Klan der Ältesten aus Rukkyupal gekommen war, um eine Versöhnung zu erzwingen. In manchen Orden musste man, um ein Mann zu werden, eine monatelange Reise in einem selbst gebauten Boot auf sich nehmen. In anderen fasteten die Jungen, bis die großen Wülste aus Haavirisch-Fett nur noch dünne Hautfalten waren. Für Milo und die Jungen des Murro-Ordens gab es die Initiation. Eine Nacht der Gesänge und der Verwöhnung, ein letztes Mal in den Unterkünften der Frauen schlafen und dann von der Morgen- bis zur Abenddämmerung eine Reihe von rituellen Kämpfen und Züchtigungen, die Milo einen wunden Rücken und schwache, zitternde Knie beschert hatten.

Und nach dem letzten dieser Kämpfe kam die geheime Initiation, über die kein Junge etwas wusste und über die kein Mann jemals sprach. Selbst jetzt war alles, was Milo sicher darüber sagen konnte, dass man bei Ebbe in der längsten Nacht des Jahres an der Küste entlangging.

Kirot knurrte und machte einen Schritt nach links. Milos umnebelter Verstand konnte keinen Grund dafür erkennen, bis er in die überfrorene Pfütze zwischen den Steinen trat. Stechende Kälte umfing seine Zehen. Jede andere Rasse – Erstgeborene, Tralgu, Yemmu und sogar die Kurtadam mit ihrem öligen Pelz – hätte sich mit einem nassen Fuß in einer Nacht wie dieser in tödliche Gefahr gebracht. Die Drachen hatten die Haavirisch geschaffen, um in der Kälte zu überleben, und Milo empfand die Nässe lediglich als eine weitere Beleidigung seiner Würde, nachdem bereits der ganze Tag davon erfüllt gewesen war.

Kirot seufzte laut auf, hielt an und nahm eine Knochenpfeife von seiner Mütze. Er stopfte Tabak in den Kopf, nahm den Holm zwischen seine dunkel angefaulten Zähne und beugte sich dicht zu der Laterne, um an der Pfeife zu saugen wie ein Säugling an der Brust. Sein Gesicht war ein Irrgarten aus Farben und Falten. Als er Milo anblickte, lag ein feierlicher Ausdruck darauf, der verriet, dass sie das Ziel, zu dem sie unterwegs waren, erreicht hatten. Der alte Fischer hielt ihm die Pfeife hin. Milo fragte sich, ob er so tun sollte, als würde ihn der Rauch zum Husten bringen. Es war den Jungen nicht gestattet, Tabak zu benutzen, wobei die meisten jedoch Gelegenheiten fanden, hier und da eine Prise von ihren Vätern oder älteren Brüdern zu stibitzen. Der knöcherne Pfeifenkopf war warm, und Milo atmete tief ein, wodurch die Glut hell aufleuchtete wie das Auge eines Dartinae. Er musste es richtig gemacht haben, denn Kirot lächelte.

»Hör mir zu«, sagte Kirot, und Milo erschrak, als er eine Stimme vernahm, die nicht aus den Tiefen seines Verstandes herauftrieb. »Von allen Orden aller Dörfer der Haavirisch kennt allein unserer das große Geheimnis der Welt. Hörst du zu? Es gibt Dinge, die nur wir wissen.«

»Ich verstehe«, erwiderte Milo.

»Josen, Sohn des Kol. Erinnerst du dich an ihn?«

Milo nickte.

»Er ist nicht in einem beschädigten Netz zu Tode gekommen«, sagte Kirot. »Er hat außerhalb des Kreises der Männer über das gesprochen, was du gleich erfahren wirst. Sein eigener Vater hat ihn getötet. Auch deiner wird dich töten, wenn du unsere Geheimnisse preisgibst. Was du hier erfährst, wird niemals jemand wissen, nur wir. Hast du das verstanden?«

Milo nickte.

»Sag es«, beharrte Kirot. »Dies ist nicht die Zeit für Unklarheiten.«

Die Wärme des Rauchs klärte Milos Geist und linderte die Schmerzen seines Körpers. Er nahm noch einen Zug und atmete durch die Nase aus. Eine besonders große Welle krachte an die steinerne Küste und ließ Speere und Dolche aus Eis hinter sich, während sie sich in die tintenschwarze See zurückzog.

»Wenn ich über das spreche, was ich heute Nacht hier erfahre, werde ich es mit dem Leben bezahlen.«

»Und es wird nicht einmal jemand den Grund dafür erfahren«, erklärte Kirot. »Deine Mutter nicht. Deine Frauen nicht, falls du einmal welche hast. Jeder wird meinen, dir wäre ein trauriges Unglück widerfahren. Mehr nicht.«

»Ich verstehe«, sagte Milo.

Kirot streckte seine breiten Schultern, und die Rückenwirbel knackten wie brechende Zweige. »Du weißt doch, wie es ist, wenn man aus einem wohligen Schlaf erwacht?«, fragte er. »Du befindest dich gerade in einem warmen, kleinen Traum, wo du mit deiner verstorbenen Tante Ziegenmilch trinkst oder dergleichen Unsinn, und dann kommst du zu dir, und es verblasst alles. Vielleicht hast du einfach nicht gut geschlafen, oder ein Hundekläffen hat dich in der Nacht geweckt, auf jeden Fall bist du zugleich hier und dort. Das spielt aber keine Rolle, denn der Traum, der vollkommen zuverlässig und echt wirkte, hört einfach auf und verschwindet aus deinen Gedanken. Dann ist es an der Zeit, sich zur täglichen Ausfahrt aufzumachen, und du kannst nicht einmal mehr sagen, wovon du eigentlich geträumt hast.«

Milo nahm einen weiteren Zug von der Pfeife. Inzwischen zitterten ihm die Knie weniger, und seine Rückenschmerzen waren stärker geworden. Er atmete ein weiteres Mal ein, bis ihm Kirots leicht verärgerter Blick auffiel. Milo schüttelte den Kopf.

»Ich frage dich noch einmal, und pass diesmal auf. Du weißt doch, wie es ist, wenn man aus einem wohligen Schlaf erwacht?«

»Ja.«

»Also gut. Dieser Traum, der verblasst? Das ist die ganze Welt. Du, ich. Das Meer, der Himmel. Jedes verdammte Ding, das es gibt. Es ist alles ein Traum, den die Drachen träumen, und wenn der letzte Drache jemals erwacht, sind wir im Arsch. Alles, was hier geschehen ist, wird ungeschehen gemacht und verdampft zu nichts.«

Er sprach mit der nüchternen Stimme, die zu Unterhaltungen über das Wetter und die Aussichten auf einen guten Fang gehörte. Milo wartete auf das restliche Gleichnis. Eine weitere Welle warf Stein und Eis auf. Im trüben Licht der Laterne wirkte Kirot verlegen.

»Also gut«, sagte der alte Mann und wandte dem Meer den Rücken zu. »Es hat keinen Sinn, hier zu warten. Komm mit.«

Anfangs dachte Milo, sie würden zurück zum Dorf gehen, und Freude und Enttäuschung kämpften in seinem von der Müdigkeit betäubten Verstand um die Vorherrschaft. Kirot brachte ihn jedoch nicht zurück zu den verdunkelten Häusern – er führte ihn zu der aufragenden Klippe. Im Laufe der Jahrhunderte hatten die Gezeiten am harten Gestein des Landes genagt, das Erdreich entfernt und die Gebeine der Welt offengelegt. Sie waren von Höhlen und Tunneln durchzogen, finstere Tümpel inmitten der Finsternis. Zu einem davon war Kirot unterwegs, und die Laterne baumelte neben ihm. Milo war insgeheim dankbar, dass der Mann seine Pfeife nicht zurückverlangt hatte.

Die Höhle neigte sich zum Land hin. Tang und Treibholz erschwerten den weiteren Weg, ein willkommener Unterschlupf für Krabben und Eisschlangen. Der Geruch nach Salz und Fäulnis hing schwer in der kühlen Luft. Kirot hob die kleine Laterne und watete murmelnd weiter, hinein in die Schwärze. Milo folgte ihm. Die Höhle dehnte sich weiter nach innen aus und wurde nach einer Biegung zu einem Tunnel. Der mit Kieseln durchsetzte braune, graue und schwarze Fels veränderte sich zu einem beinahe leuchtenden Grün. Milo hatte einmal ein Messer aus Drachenjade gesehen, unzerbrechlich und ewig scharf. Das hier sah genauso aus. Eine schwarze Linie zeigte an, wie hoch das Wasser bei Flut stieg. Milo hätte nicht gedacht, dass sie schon so weit bergauf gegangen waren, aber sein Verstand war noch immer nicht ganz bei ihm. Vielleicht hatte er irgendwo in diesem Tunnel einen Aussetzer gehabt. Vielleicht waren auch in dem Tabak, den Kirot ihm gegeben hatte, ein paar Samen einer nicht ganz unbedenklichen Pflanze.

»Hier«, flüsterte Kirot. »Schau, aber sei verdammt noch mal leise.«

Er streckte die Laterne vor. Das Gesicht des alten Mannes wirkte grimmig und unbehaglich, der Angst so nahe, wie Milo es noch nie gesehen hatte. Langsam mischte sich Furcht in Milos Erschöpfung und seinen Schmerz, während er nach dem Licht griff. Der eiserne Henkel kratzte an seiner Handfläche, als er fest zupackte. Mit einem Nicken schickte Kirot ihn weiter vor, zog dann die Pfeife zwischen Milos Zähnen heraus und ging auf seinen breiten Beinen in die Hocke, als mache er sich dafür bereit, ewig hier in der Dunkelheit zu warten. Milo ging weiter.

Der Tunnel öffnete sich zu einer größeren Kammer. Milo war im Laufe seines Lebens schon in unzähligen Salzkammern gewesen, natürlichen Spalten, in denen weicherer Stein oder Mineralien von der Verwitterung abgetragen worden waren und Löcher im Fleisch der Welt zurückließen. Einmal hatte er sogar die Überreste eines Schmugglerlagers gefunden: verfallene Waffen aus Stahl und zerschlagene Gefäße. Der Ort, den er nun betrat, hatte keinerlei Ähnlichkeit mit einer dieser natürlichen Höhlen. Die grünen Wände waren lotrecht und eckig, schwarze Linien waren hineingeschnitzt, deren Anblick Milo nicht lange ertragen konnte. Von Löchern, in denen eiserne Fackelhalterungen vor Unzeiten verrostet waren, zogen sich dunkle Schlieren herab. Und vor ihm, inmitten der riesigen Höhle, befand sich die Statue eines Drachen, größer als ein Haus. Seine Schuppen waren schwarz wie das Meer bei Mitternacht und von mehreren Schichten Moos und Flechten bedeckt. Die geschlossenen Augen waren größer als Milos Kopf, und die breiten Klauen, die auf dem Boden ruhten, hätten seinen ganzen Körper bedecken können, ohne dass noch etwas von ihm zu sehen gewesen wäre. Große Schwingen lagen gefaltet an seinen Flanken.

Milo stellte fest, dass er weinte. Er hatte keine Worte, um die imposante Schönheit dessen, was vor ihm war, zu beschreiben, oder den Schrecken, den es hervorrief. Er murmelte einen leisen Fluch, und angesichts der Drachenstatue vor ihm wirkte er wie ein Gebet. Mit flatterndem Herzen streckte er sich und legte eine Hand auf die breiten Schuppen.

Stein. Kalt, hart und tot.

Er hatte gehört, dass es so etwas in den großen Städten gab. Abbilder von Drachen, die so alt waren, dass sie nach lebenden Vorbildern gefertigt worden waren, die Abdrücke von riesigen Klauen, wundersame Bestiarien und Türme. Er hatte von den großen, rätselhaften Schiffen gehört, die die Fischer draußen im gefrierenden Nebel sahen, die sich aber niemals der Küste näherten. Seine Welt war schon immer voller Geschichten und Wunder gewesen, doch niemals hatten sich ihm diese Dinge gezeigt. Bis heute. Er ließ sich fallen, denn seine malträtierten Beine knickten unter ihm ein. Der Boden des versunkenen Tempels war kalt und steinig, und er schämte sich nicht für die Tränen, die ihm heiß über die Wangen liefen. In seiner Brust schien sich eine Wärme auszubreiten, eine Hitze, die daher rührte, dass er ein Geheimnis hatte. Und noch viel mehr daher, dass er endlich ein Mann war. Er stellte sich Kirot vor, wie er vor Jahrzehnten mit schwarzem Haar und glattem Gesicht hier gesessen hatte, wo Milo jetzt saß. Er stellte sich seinen Vater vor, seine älteren Brüder. Sie alle trugen gemeinsam das Geheimnis, und keine noch so große Freundschaft, Zuneigung oder Treue konnte diese Kluft überbrücken. Doch er hatte sie nun überquert. Er wusste, was sie wussten. Er war jetzt einer von ihnen, kein Kind mehr, sondern ein Mann des Murro-Ordens. Und, ja, es war ein Geheimnis, das er mit ins Grab nehmen würde.

Die Laternenflamme flackerte, und Milo bemerkte den fettigen Gestank des Öls. Er wollte sich nicht in der Dunkelheit des Tempels wiederfinden und den Weg zurück zum alten Kirot in tintiger Schwärze suchen müssen. Er stand auf, konnte sich aber nicht zum Gehen überwinden. Es musste doch noch etwas geben. Irgendeine Geste seinerseits, durch die er sich all das aneignete.

»Ich werde dieses Geheimnis hüten«, sagte er, und seine dünne Stimme hallte durch den Raum. »Kein Lebender wird es mir entreißen.«

Er hatte das Gefühl, angenommen zu werden, spürte fast so etwas wie Dankbarkeit, die von dem reglosen Stein vor ihm ausging. Natürlich war das Einbildung, nicht echter als die Stimme des Wassers, aber es spielte keine Rolle, dass es nicht echt war. Er würde diesen Augenblick bei sich behalten – er, unter der Welt begraben, mit dem Meer in seinem Rücken und dem Drachen vor sich, ewig.

Wie das Donnern einer riesigen Welle tönte ein Geräusch heran, und Milo kam wieder zu sich. Die große Statue regte sich, kräuselnde Wellen liefen über ihre breite Flanke hinweg, Staub regnete herab. Sie verlagerte ihre Vorderbeine, hob den Kopf, das riesige Maul öffnete sich zu einem weiten Gähnen. Das Fleisch darin war schwarz und feucht, und der heiße Atem stank nach Öl und stechenden Branntwein-Dämpfen. Der riesige Kopf senkte sich, nahm einen neuen Platz auf den gefalteten Klauen ein und wurde wieder reglos. Milo hörte etwas, das ihn an das Gelächter eines kleinen Mädchens erinnerte, hoch, leise und krampfartig, und er wusste, dass es von ihm kam.

Eine schwielige Hand packte ihn am Haar und zog ihn zurück, und eine weitere Hand legte sich fest auf seinen Mund und erstickte seinen Schrei. Kirot wirkte verärgert; er schnappte sich die nach wie vor brennende Laterne und schob Milo durch den Tunnel. Schon bald wurden die Wände um sie herum wieder weich und rund, und das knisternde Brüllen der Wellen kehrte zurück. Als sie am Steinstrand ankamen, hielt Kirot inne und hob die Laterne.

»Ich sage dir, dass die Welt endet, wenn der Drache erwacht«, schimpfte der alte Fischer, »und dass du leise sein sollst, und was machst du, Junge?«

»Es tut mir leid.«

Kirot spuckte angewidert aus. Als er wieder etwas sagte, troff seine Stimme vor Abscheu. »Milo, Sohn des Gytan vom Murro-Orden, ich bezeuge, dass du jetzt ein Mann bist. Und pass auf, dass dir das nicht zu sehr zu Kopfe steigt.«

Clara Annalise Kalliam,

ehemalige Baronin von Osterlingbrachen

Clara erwachte mit dem vertrauten Geräusch der lauten Stimmen auf der Straße unter ihrem Fenster. Die Morgendämmerung hatte die schwarze Dunkelheit ihres kleinen Zimmers in der Unterkunft noch nicht in Grau verwandelt, aber bald würde es so weit sein. Ihr Fenster war nicht aus Glas, sondern aus geöltem Pergament, durch das ein wenig Licht und eine Menge Kälte eindrangen. Sie zog sich die Wolldecken bis unters Kinn, schmiegte ihren Körper an die dünne Matratze und lauschte, wie die Eheleute unten auf der Straße abermals zankten, so wie es an den meisten Tagen der Fall war. Er war ein Säufer und ein kleiner Junge im geschundenen Körper eines Mannes. Sie war eine Furie, die einem Mann das Blut aussaugte und an seiner Freiheit nagte. Er ging mit Huren ins Bett. Sie gab das ganze Geld, das er verdiente, ihrem Bruder. Ihre Litanei des ehelichen Unfriedens war so alltäglich und langweilig, wie sie auch traurig war. Und das Traurigste daran war, dachte Clara, dass keiner von beiden die Liebe hören konnte, auf die sich all ihre Verbitterung gründete. Niemand brüllte und heulte auf der Straße wegen jemandem, der ihm nichts bedeutete. Sie fragte sich, was die beiden wohl davon halten würden, wenn sie zu ihnen hinausging und ihnen sagte, wie überaus glücklich sie waren.

Als sie schließlich aufstand, war es hell genug, um zu sehen, dass die Kälte des Winters ihren Atem in Rauch verwandelte. Sie zog rasch ihre Unterkleider über und anschließend ein Gewand, bei dem sich die Schnürbänder an der Seite befanden, wo sie sie ohne die Hilfe einer Dienstmagd erreichen konnte. Wären die Umstände anders gewesen, hätte sie noch Trauer getragen, aber wenn der eigene Ehemann als Verräter am Thron vom Lordregenten erschlagen wurde, veränderten sich die Regeln der Trauer ein wenig. Sie begnügte sich mit einem kleinen Stoffstreifen, der um ihr Handgelenk geschlungen war und rasch vom Ärmel verdeckt werden konnte. Sie wusste, dass er da war. Das genügte.

Bei zunehmendem Licht wusch sie sich das Gesicht und steckte sich das Haar hoch. Die Geräusche der Straße veränderten sich. Karren ratterten, Fuhrleute brüllten. Hunde bellten. So klang Camnipol im Griff des Winters. Dawson hatte es verabscheut, sich im Winter in der Hauptstadt aufzuhalten. Winterpflichten hatte er es genannt, und seine Stimme hatte dabei vor Ekel gebebt. Ein Mann seiner Abstammung hatte die Wintermonate auf seinen Ländereien oder bei der königlichen Jagd zu verbringen. Nur dass es inzwischen natürlich keine Ländereien mehr gab. Lordregent Geder Palliako hatte sie für die Krone in Besitz genommen, um später jemandem eine Gunst damit zu erweisen, dem er eine Belohnung zukommen lassen wollte. Und Clara lebte von einem Taschengeld, das ihre beiden jüngeren Söhne zusammenkratzten. Ihr Ältester, Barriath, war fortgegangen, Gott wusste, wohin, und ihre leibliche Tochter war damit beschäftigt, sich an den Namen ihres Gemahls zu klammern und sich flehentlich zu wünschen, der Hof möge vergessen, dass sie einst Kalliam geheißen hatte.

Im Gemeinschaftsraum saß Vincen Coe am Feuer und wartete auf sie. Er trug sein ledernes Jägergewand, obwohl in der Stadt nicht zur Jagd geblasen wurde und der Herr, dem er gedient hatte, tot war. Die vollkommen lächerliche Liebe, die er Clara gegenüber beteuerte, brachte seine Augen zum Leuchten und zeigte sich auch darin, wie unsicher er wirkte, als sie den Raum betrat. Es war alles andere als würdevoll, aber es schmeichelte ihr, und ohne es zu wollen, fand sie es liebenswert.

»Ich habe für Euch heute früh eine Schale von dem Haferbrei beiseitegestellt«, sagte er. »Und ich brühe gerade frischen Tee auf.«

»Danke«, erwiderte sie, während sie sich neben den eisernen Ofen setzte.

»Habe ich die Erlaubnis, heute mit Euch zu gehen, meine Dame?« Diese Frage stellte er jeden Tag, wie ein Kind, das um die Gunst eines heiß geliebten Tutors bat.

»Ich würde mich sehr über deine Anwesenheit freuen, danke«, sagte sie, wie es oft geschah. Oft, aber nicht immer. »Ich habe heute einiges zu erledigen.«

»Ja, Madam«, sagte Vincen und fragte nicht, worum es dabei ging, denn er wusste es.

Sie würde die Krone stürzen und, falls es ihr gelang, Geder Palliako vernichten.

Sie hatte noch keinen konkreten Plan, aber sie hatte ihr ganzes Leben am Hof verbracht. Sie hatte eine ganze Reihe von verschwiegenen Feldzügen zur gesellschaftlichen Sabotage und Vernichtung erlebt. Das Geheimnis dahinter war kein Geheimnis: Man baute Freundschaften und Verbindungen auf, unterhielt sich über Nichtigkeiten und hörte genau auf das, was geredet wurde. Die Frauen, denen es misslang, waren immer die ungeduldigen, diejenigen, die versuchten, den anderen ihre Meinung aufzuzwingen oder einen falschen Skandal einzufädeln. Es gelang so gut wie nie, Gelegenheiten zu schaffen, und auf sie zu warten, gelang beinahe immer.

Ihr erster Halt war, wie an den meisten Tagen, eine Bäckerei in der Nähe des westlichen Randes des Spalts. Der Bäcker war einer der wenigen Yemmu, die sich in Camnipol niedergelassen hatten; sein Körper war breit und dick, und auf den Hauern, die aus seinem Unterkiefer ragten, befanden sich Schnitzereien und Einlegearbeiten mit Stammeszeichen aus der Keshet. Er sah aus wie ein Ausstellungsstück aus einer Kuriositätenschau, aber er sprach ohne Akzent.

»Ah! Die Taubenkönigin! Tretet ein, tretet ein.«

Clara lächelte, auch wenn sie eigentlich dachte, dass der Spitzname, den der Mann für sie hatte, ein wenig vermessen war. »Und wie geht es dir heute, Melian? Ich hoffe, deine Frau fühlt sich besser.«

»Viel besser, meine Dame«, sagte der Bäcker, während er einen Stoffbeutel mit altbackenen Brötchen und übrig gebliebenem Gebäck von gestern hinter dem Tresen hervorholte. »Ich werde ihr ausrichten, dass Ihr nach ihr gefragt habt.«

Claras Taschengeld war großzügig, wenn auch nicht luxuriös. Sie hätte sich damit einigen Komfort mehr leisten können, wenn sie sich nicht entschieden hätte, es für andere Dinge auszugeben. Der Geruch nach frischem Brot war an jedem Tag, an dem sie hier Halt machte, eine Versuchung: schwer und erdig, süß von der Melasse und reichhaltig durch die eingebackenen Walnüsse. Sie schob zwei schmale Münzen über den Tresen, und der Bäcker wischte sie in seine breite, wartende Hand.

»Die Tauben speisen heute gut«, bemerkte er grinsend. Von seinen verzierten Hauern abgesehen, waren seine Zähne breit und vergilbt von Zeit und Kaffee.

»Vielleicht sind sie diesmal dankbar«, sagte Clara mit einem Lächeln, während Vincen den Beutel nahm und ihr die Tür aufhielt.

Wo die Straßen nicht schwarz vom Schlamm waren, waren sie weiß von altem Eis. Aus tiefhängenden hellen Wolken fielen immer wieder Güsse aus gefrorenem Regen mit Tropfen so groß wie die Zähne eines Kleinkinds, zu fest, um als Schneeflocken durchzugehen, und zu weich für Hagel. Die Luft roch feucht und kalt. Die großen Familien hatten die Stadt verlassen, aber der Verkehr auf den Straßen war kaum zurückgegangen. Das vergangene Jahr hatte eine Menge Arbeit gebracht. Der kurze, siegreiche Krieg gegen Asterilreich und dann die verhängnisvolle Revolte innerhalb der Stadtmauern. Der Wiederaufbau war auf den Straßen klar ersichtlich: Karren mit großen Balken wandten sich nordwärts, wo die Besitztümer der Adligen gebrannt hatten. Große Marmor- oder Granitplatten wurden zu Palästen befördert, an denen Mauern oder Fassaden zerbrochen oder so angesengt waren, dass man sie nicht mehr säubern konnte. Und selbst jetzt noch schleppten Gefangene Schutt – alte Barrikaden, zerstörte Kutschen und manchmal sogar noch Leichen, wenn die Toten von niederer Geburt waren – zur Mitte der großen Brücken und ließen den Abfall in das ferne Durcheinander am Grunde des Spalts fallen. Die Stadt, wie sie gewesen war, war fort. Mit der Geschäftigkeit eines Ameisenhaufens, den jemand umgetreten hatte, bemühte sich Camnipol darum, sich neu zu erschaffen. Clara hielt nicht viel von dem, was daraus wurde.

Der Gefangenenbogen war die südlichste der großen Brücken, die über den Spalt führten, und die älteste und einfachste. Die Stämme der riesigen Bäume, die gefällt worden waren, um sie zu bauen, waren schwarz mit Teer verklebt, um Insekten fernzuhalten und zu verhindern, dass die Brücke einstürzte. Der Wind war eisig und ließ das große Bauwerk knarren wie ein Schiff auf See. Die Verurteilten der Stadt hingen darunter in Käfigen; große Eisenketten und dicke, geflochtene Lederstränge waren das Einzige, was sich zwischen den Gefangenen und dem tiefen Abgrund unter ihnen befand. Auf der Mitte des Bogens versammelten sich – wie jeden Morgen – die Familien und Freunde der Gefangenen und versuchten, ausreichend Nahrung und Wasser durch die Leere nach unten zu befördern, um die Gefangenen am Leben zu erhalten, bis ihre Strafe abgesessen war. Wurde ein Mann verurteilt, der keine Frau und kein Kind besaß, die jeden Tag kamen und Wasser und Brot hinabließen, dann war sogar ein einwöchiger Arrest ein Todesurteil. Die Krone verspürte keine Verpflichtung, sich um Kriminelle zu kümmern. Clara hatte Geschichten über Bruderschaften von Halsabschneidern und Dieben gehört, die Abgaben eintrieben, wie jede der großen Bruderschaften, und gewährleisteten, dass man ernährt wurde, wenn man mit dem Magistrat in Konflikt geriet. Sie hatte sogar ein paar Männer auf dem Bogen gesehen, die möglicherweise einer solchen Gruppierung angehörten. Zum Großteil jedoch waren es Familienmitglieder. Schmutzige, kleine Frauen, die Körbe an Schnüren hinabließen. Männer mit verzweifeltem Blick, die ihren Frauen und Geliebten Käsestücke in die geöffneten Hände fallen ließen. Es gab Geschichten darüber, dass sich Leute zu weit hinausgelehnt hatten und die Gefangenen hilflos zusehen mussten, wie ihre Retter durch die Leere stürzten, um weit unter ihnen zu sterben.

Und dann gab es da noch die anderen. Jungen zum Großteil, die kamen, um über den Rand des Bogens zu pissen oder tote Tiere und fauliges Gemüse auf die Köpfe der Gefangenen hinabregnen zu lassen. Die Stadtwache unternahm nichts, um sie aufzuhalten. Sie ermutigte sie sogar. Es gab auch Geschichten darüber, dass einer dieser Jungen den Halt verlor, aber die erzählte man sich nicht mit dem bitteren Unterton einer Tragödie.

Clara überquerte den Bogen von einem Ende zum anderen und leerte langsam ihren Beutel. Dort war Shuler, die Frau des Taschendiebs, die für ihren halb erfrorenen Mann ein Brötchen vom Vortag annahm. Hier kam Cassian der Tralgu, die Spitzen seiner hundeähnlichen, beweglichen Ohren beinahe blau vor Kälte, um seinen Vater unten im Käfig zu besuchen. Dort Berrin, dessen Schwester man verurteilt hatte, weil sie sich vor der Steuer drückte. Hier Taracali, deren Sohn den Hund der Nachbarn getötet hatte. Clara gab ihnen allen etwas zu essen, blieb stehen, um mit jedem kurz zu reden, ihren Namen und ihre Geschichten zu erfahren, sie am Arm, an der Schulter oder der Hand zu berühren. Sie kam als Vertreterin der Gnade, bezeugte alles, ohne zu urteilen, und nahm Anteil, ohne zu bemitleiden.

Und auch wenn sie es nicht wussten, scharte sie sie als Verbündete um sich.

Als der Beutel leer war, steckte ihn Vincen gefaltet an den Gürtel, und sie machten sich zusammen zum östlichen Ende der Brücke auf, bogen dann nach Norden ab, auf die Königshöhe zu. Die Straßen wurden breiter und die Gebäude prunkvoller, während sie weitergingen. Schon bald wandelten sie und Vincen zwischen den Häusern der Reichen und nicht lange danach zwischen denen der Adligen. Hier hatte die Dienerschaft die Straßen gesäubert, die schwarzen Pflastersteine waren von Pferdemist und altem Eis befreit. Handwerkerkarren machten Kutschen und Sänften Platz. Die Häuser waren bis zu drei oder vier Stockwerke hoch, und die Anwesen hatten Gärten und Anlagen mit blattlosen Bäumen und braunen Hecken. Clara hatte den Großteil ihres Lebens in solchen Straßen verbracht, war in Kutschen gefahren und hatte sich nichts dabei gedacht. Es lag nur wenige Monate zurück, dass sie die Baronin von Osterlingbrachen und die Gemahlin des Lordmarschalls gewesen war. Und schon fühlte sie sich, als würde sie in ein fremdes Land reisen. Sie hielt an einer Kaffeestube inne und kaufte drei Hühnerpasteten und einen Schlauch mit verdünntem Wein, und das Mädchen hinter dem Tresen tat so, als würde es sie nicht kennen.

Als Clara wieder auf der Straße war, wandte sie sich nach Osten. Richtung Norden wäre sie schneller gewesen, aber der Tempel der Spinnengöttin, die Geder Palliako aus der Keshet mitgebracht hatte, befand sich in jener Straße, und Clara wollte die roten Seidenbanner und das achtfache Siegel nicht sehen. Es war der Einfluss dieser neuen Priester auf den Thron, der Dawson zum Handeln getrieben hatte, und durch sein Handeln war ihr Leben vernichtet worden.

Der erste Ruf hätte alles sein können – Wut, Freude, weil man eine alte Freundin erblickte, ein Fuhrmann, der mit seinem Pferd schimpfte. Der zweite war ohne Zweifel ein Schmerzensschrei. Sie warf Vincen einen Blick zu. Wortlos bogen sie in die schmale Seitenstraße ab und hielten auf die kleine Menge zu, die sich in einem Hinterhof versammelt hatte. Vincen ging vor ihr, schob sich mit sanftem Druck seiner Schultern voran, dem man sich nicht widersetzen konnte, der aber auch wenig Grund zur Provokation bot. Sie blieb dicht bei ihm, und dabei lag ihre Hand in der seinen, damit sich die Menge nicht um ihn schließen konnte. Bald waren sie ganz vorne angekommen. Allzu bald.

Die junge Timzinae trug Dienerschaftskleidung. Die dunklen Chitinschuppen, die ihren Körper bedeckten, waren wegen des Blutes darauf noch dunkler. Sie kauerte sich auf dem Bordstein zusammen, den Kopf in den Händen geborgen, und der Mann mit dem Knüppel, der hinter ihr stand, schlug noch einmal zu. Er trug die vergoldete Bronzerüstung der Leibgarde des Lordregenten, und neben ihm, in brauner Robe, stand einer der Priester. Clara betrachtete die Gesichter der Menge um sie herum. Manche waren blass und entsetzt, aber der Großteil wirkte erregt. Gierig.

»Wir können nicht helfen, meine Dame«, flüsterte Vincen Coe ihr ins Ohr. »Wenn wir es versuchen, machen wir es nur noch schlimmer für sie. Wir sollten gehen.«

Gib ihnen Antwort, bat Clara das Mädchen stumm. Sag ihnen, was sie wissen wollen.

Aber der Gardist stellte keine Fragen, und der Priester schaute teilnahmslos zu. Clara wandte sich ab, schob sich nun ohne Vincens Hilfe durch die Menge. Ihre Kiefer schmerzten. Als sie wieder auf der Hauptstraße ankam, zitterten ihre Beine bei jedem Schritt.

»Liegt es nur an mir, was meinst du?«, fragte sie. »Oder sieht es wirklich so aus, als ob so etwas immer öfter geschieht?«

»Es sind die Timzinae, meine Dame. Man erzählt sich, dass sie die treibende Kraft hinter diesem ganzen Aufruhr waren.«

»Das waren sie nicht«, erklärte Clara mit einem freudlosen Lachen. »Dawson hätte genauso wenig Anweisung von einem Ausländer entgegengenommen, wie er dem Befehl seiner eigenen Hunde gefolgt wäre.«

»Ja, Madam«, sagte Vincen.

»Was?«

»Nichts. Es ist nur … Ihr habt Ausländer gesagt, meine Dame. Das Mädchen da hinten wurde vermutlich als Untertanin von Antea geboren. Es gibt nicht sonderlich viele Timzinae in Camnipol, und sie bleiben unter sich, aber sie stammen trotzdem von hier.«

»Du weißt, was ich gemeint habe.«

»Ja, Madam.«

Sie hatte eigentlich beabsichtigt, daraufhin nichts mehr zu sagen, ihre Empörung nach innen zu wenden und, so gut es ging, Entschlossenheit an den Tag zu legen. Sie wollte mit ungebeugtem Kopf über jene Straßen gehen, die nicht länger ihr gehörten, und sie wollte es schweigend tun. Als die Worte gegen ihren Willen aus ihrer Kehle drängten, klangen sie gebrochen, leise und unangenehm. »Was ist mit uns geschehen? Simeon ist fort. Dawson ist fort. Was ist mit meinem Königreich geschehen?«

Aus Vincens Kehle kam ein leises Geräusch. Genauso, wie sie nicht vorgehabt hatte, etwas zu sagen, hatte sie erst recht nicht erwartet, dass er antworten würde. Seine Stimme war leise und sanft, beinahe traurig. »Zu Hause in den Brachen, da hatten wir einen Hund. Ein guter Jäger. Gute Nase. Wenn die königliche Jagd kam, hat er das Rudel geführt. Nur dass ihn einmal ein Hirsch aufgespießt hat. Er hat ihn am Bauch erwischt und ihn durch die Luft geworfen. Wir haben ihn wieder zugenäht, ihm Zeit zur Heilung gelassen. Er ist nicht gestorben, aber danach hat er an sich selbst genagt. Angefangen hat er mit den Pfoten, hat einfach darauf herumgekaut, bis sie bluteten. Wir haben alles getan, was wir konnten, um ihn davon abzubringen. Ihn in Verbände gehüllt. Eine bittere Salbe auf seine Pfoten gestrichen. Ihn einen Maulkorb tragen lassen, bis die Haut heilen konnte. Er war immer noch ein guter Jäger, und der freundlichste Hund, den man sich wünschen konnte, aber er hat einfach nicht aufgehört, sich wund zu beißen. Manchmal kommt es nach einem Schock zu so etwas.«

»Und du glaubst, das passiert gerade? Das Reich ist so schlimm verletzt worden, dass es sich selbst zu Tode beißt?«

»Ja«, sagte der junge Mann, und sein Tonfall ließ ihn älter wirken.

»Und bin ich dabei der Zahn oder die bittere Salbe?«

»Ich würde auf den Maulkorb setzen, Madam«, erwiderte Vincen. Ein listiges Lächeln entfaltete sich auf seinen Zügen. »Ich bin nur noch nicht dahintergekommen, wie ich ihn dem Bastard anlege.«

Sie kamen an Lord Skestinins kleinem Anwesen vorbei. Die Läden waren über den Winter geschlossen, und Eiszapfen, so lang wie Schwerter, hingen von den Dachrinnen. Jorey und Sabiha – ihr jüngster Sohn und seine Gemahlin – waren dem Hof gefolgt, und Skestinin selbst verbrachte die Zeit mit der Flotte im Norden. Sie vermisste ihren Sohn, aber im Augenblick war es das Beste, wenn Jorey sich ohne Verweis auf seine in Ungnade gefallenen Eltern beweisen konnte. Sie war nicht so naiv, darauf zu vertrauen, dass ihr edles Blut Jorey davor schützte, auf der Straße verprügelt zu werden, wenn Geder Palliakos Gunst sich von ihm abwandte. Nicht in diesem neuen Camnipol.

Jenseits der Häuser und Anwesen erhob sich die Königshöhe. Vor dem winterlichen Himmel war der Stein dunkel, und die Taubenschar, die darum kreiste, wirkte so unwirklich und grau wie der Schnee, durch den sie flog. Clara stand reglos da, ließ den Verkehr auf der Straße an sich vorüberziehen. Ihre Wangen fühlten sich in der Kälte steif an.

Bis sie an den Zelten der Bauhandwerker ankamen, waren die Pasteten kalt, aber Clara ließ sich davon nicht anfechten. Die Ruinen waren früher eine Stallung und ein offener Markt gewesen; beides war in der Nacht niedergebrannt, in der der fehlgeschlagene Umsturz begonnen hatte. Man hatte die verkohlten Holzpfähle entfernt, den Boden eingeebnet, und ein neues Pflaster und Träger wurden errichtet. Weiße Ziegel stapelten sich zwei Mann breit und drei Mann hoch, an den Seiten waren biegsame Holzgerüste befestigt. Männer in dicker, lederner Arbeitskleidung schoben Schubkarren voller Kalk und Stützbalken umher. Ihre Worte waren rau und ungebildet und nicht anders als das, was Clara schon tausendmal im Dienerschaftstrakt ihres eigenen Hauses gehört hatte. Es dauerte nur ein paar Augenblicke, um das Gesicht zu finden, das sie suchte.

»Benet! Da bist du ja. Ich habe einfach überall nach dir gesucht.«

»H-Herrin Kalliam?«, fragte der Junge. Früher war er ein Gärtnergehilfe gewesen, der in ihren Blumenbeeten Unkraut gejätet hatte. Nun hatte er schwielige Hände, und sein Gesicht war blass von Ziegelstaub und Hunger.

»Deine Tante hat erwähnt, dass du dir hier eine Arbeit gesucht hast, aber du wirst natürlich noch nicht bezahlt, bis du die Arbeit getan hast, oder? Ich dachte, ich bringe dir einfach ein kleines Mittagessen. Das macht dir doch nichts?«

Die Augen des Jungen wurden so groß wie die eines Südlings, als Vincen das Essen auf den Ziegelstapel neben ihm stellte.

»Ich … will sagen … danke, meine Herrin. Ihr seid zu freundlich.«

»Ich will mich nur über den alten Haushalt auf dem Laufenden halten«, sagte Clara mit einem Lächeln. »Es lag an keinem von euch, dass die Dinge so gekommen sind. Es scheint mir falsch, dass ihr dafür leiden sollt. Jetzt iss, bitte. Und bestehe nicht auf Förmlichkeiten, darüber sind wir inzwischen weit hinaus. Erzähl mir doch alles über das … nun, was immer du hier gerade baust.«

Es war ein kurzer Rundgang. Benet war sehr mit der Pastete beschäftigt und damit, seinen Aufseher nicht zu verärgern, aber Clara bekam eine grobe Ahnung. Räume aus Ziegelsteinen und Böden aus Pflastersteinen. Schmale Fenster und breite Gänge. Die Stallungen und der Markt waren fort, und sie würden nie wiederkehren. Das, was von ihren Gebeinen noch übrig war, würde die nächste Schicht aus Trümmern werden, auf denen die Stadt errichtet war, Zeitalter um Zeitalter, immer weiter hinab wie die Ringe eines Baumes. Hier entstanden die neuen Baracken. So nannten sie es. Clara wusste es besser.

An diesem Abend aß Clara, die Füße auf den kleinen eisernen Ofen gelegt, eine der übrig gebliebenen Pasteten, und Vincen verschlang die andere. Abatha Coe – Vincens Base und die Besitzerin des Hauses – ging mit griesgrämigem Gesicht und dem Geruch nach gekochtem Kohl ihrer Arbeit nach. Der junge Erstgeborene, der sich ein Zimmer im unteren Stockwerk weit hinten genommen hatte, kam und beschwerte sich über ein undichtes Fenster. Das Cinnae-Mädchen, dünn und blass wie eine keimende Pflanze, kehrte von ihrer wie auch immer gearteten Tagesbeschäftigung zurück, nahm eine Schale vom Eintopf des Hauses und zog sich zurück, um allein zu essen. Clara rauchte ihre kleine tönerne Pfeife und grübelte. Vincen, treu wie ein Hund, ließ ihr die Stille, solange sie danach verlangte, und brach sie mit ihr, als sie dafür bereit war.

»Dieser Hund«, sagte sie. »Mit dem ihr Schwierigkeiten hattet, weil er an sich herumgebissen hat. Was ist aus ihm geworden?«

Vincen öffnete den Rost des Ofens und ließ einen Kiefern-Ast hineinfallen. Das Licht des Feuers tanzte über sein Gesicht. Er wirkte melancholisch, schön und jung. Ein vollkommen unangemessener Mann.

»Man kann nicht alle Hunde retten, Madam«, sagte er.

»Nein«, erwiderte sie. »Das habe ich mir schon gedacht. Diese Gebäude, mit denen Benet und die anderen sich abplagen. Das sind keine Baracken.«

»Für mich haben sie mehr wie Zwinger ausgesehen«, stimmte Vincen zu, aber Clara schüttelte den Kopf.

»Nein, keine Zwinger«, sagte sie. Und dann: »Weshalb, denkst du, baut Geder Palliako Gefängnisse?«

Lordregent Geder Palliako

Der Hirsch stand auf einer Lichtung, umzingelt von den Jagdhunden. Seine Augen waren vor Angst geweitet, von seinen Lippen troff Schaum. Im Bellen und Heulen gingen die Rufe der Jäger beinahe unter. Hinter den Hunden saßen die Männer der Jagd in ihren Sätteln. Die ledernen Jagdrüstungen und dicken Wollumhänge waren vom Schnee grau geworden und hingen an den edelsten Männern Anteas wie Moos an Steinen. Alle Blicke waren auf Geder gerichtet; er konnte sie spüren.

Der Jäger, der ihm den Speer reichte, war ein Jasuru mit bronzenen Schuppen und scharfen schwarzen Zähnen. Geder nahm den Speer in die Hand und richtete ihn auf das Ziel. Er war schwerer, als er erwartet hatte. Es ist wie beim Tjosten, sagte er sich. Nur ein kleiner Übungsstich mit einem Hirsch als Ziel. Ich kann das schaffen.

Er schaute kurz zu Aster, und der Blick des Prinzen ermutigte ihn. Geder zwang sich zu einem Lächeln, dann beugte er sich vor und griff an. Sein Pferd lief ruhig wie ein Fluss unter ihm, und es kam ihm weniger so vor, als würde er sich dem Hirsch nähern, sondern vielmehr, als würde das Tier immer größer. Der Aufprall erschütterte seinen Arm und riss an seiner Schulter. Er spürte, wie er aus dem Sattel gehoben wurde, und einen entsetzlichen Augenblick lang schien es ihm unvermeidlich, in das Chaos aus Hunden, aufgewühltem Schnee und Blut zu stürzen. Der Hirsch schrie auf. Die Spitze des Speers hatte ihn nicht durchbohrt, sondern war an der Flanke entlanggeglitten. Ein großes Stück Haut und Fleisch hing herab, und Blut strömte daraus hervor. Das Geweih richtete sich auf Geder, als der Hirsch zum Angriff überging, und der Jäger gab sein Signal. Ein Dutzend Pfeile trafen den Hirsch in den Hals, die Flanke, die Schenkel.

Der Hirsch stolperte nach vorn, verlor den Halt und brach in die Knie. Sein Atem war sichtbar wie Rauch. Geder blickte in die schwarzen Augen hinab, und dort schien sich etwas Intelligentes zu regen. Und Hass. Blut strömte aus dem Maul des Tieres, und es senkte den Kopf auf die verschneite Lichtung. Von den Jägern stieg Jubel auf, und Geder hob grinsend die Hand. Es war kein eleganter Todesstoß gewesen, aber er hatte sich nicht lächerlich gemacht.

»Wem gebührt die Ehre?«, fragte Geder, während die Jäger nach vorn kamen, um den Kadaver zum Zerlegen vorzubereiten. »Daskellin? Ihr wart weit vorne. Wer hat dieses Ding als Erster eingeholt?«

Canl Daskellin, der Baron der Wassermark, verbeugte sich im Sattel und deutete nach links. »Ich glaube, es war Graf Ischian, Lordregent. Ich war dicht hinter ihm, aber er war schneller als ich.«

Geder drehte sich im Sattel. Graf Ischian verbeugte sich. Er war schon älter, seine Farben waren blau und gelb, und er war durch Blutsbande mit zahlreichen Häusern des Hofes verbunden. Seine Ländereien befanden sich jedoch in Asterilreich. In dem Krieg, der noch nicht lange zurücklag, hatte er auf der anderen Seite gekämpft. Inzwischen stand seine Treue nicht mehr infrage. Er hatte vor Geders privatem Tribunal gestanden, und die Gabe der Göttin hatte seine Ehrlichkeit bestätigt. Aber es schien falsch, die ganze Ehre der königlichen Jagd jemandem zuteilwerden zu lassen, der während der letztjährigen Jagd noch ein Feind gewesen war.

»Dann sollt Ihr beide gleichermaßen die Ehre haben«, entschied Geder. »Und nun wollen wir zum Anwesen zurückkehren, bevor wir uns noch alle in Eisskulpturen verwandeln.«

Ehe er zu ihrem Mittelpunkt geworden war, hatte Geder kaum je an der Jagd teilgenommen. Er war so schnell vom Erben des Grafen von Bruchhalm zum Lordregenten von Antea aufgestiegen, dass keine Zeit geblieben war, sich an die Kreise der Macht zu gewöhnen. Selbst jetzt, als einflussreichster Mann des Reiches, fühlte er sich, als würde er ein wenig außerhalb von allem stehen. Viele Männer auf der Jagd ritten schon seit ihrer Kindheit gemeinsam, seit sie jünger gewesen waren als Aster jetzt, und auch wenn Geder über ihre Treue verfügen mochte, so konnte er doch nicht auf ihre Freundschaft dringen. Hinzu kam die Tatsache, dass viele der großen Häuser erst vor Monaten einen Aufstand gegen Geder angeführt hatten und nun für immer verschwunden waren. Sir Alan Klin, Geders Erzfeind, war inzwischen Futter für die Würmer am Boden des Spalts. Lord Bannien, über den das Gerücht umgegangen war, er wäre reicher als die Krone selbst, war nun ein Gefangener, seine Familie zerbrochen; seine Titel hatte man ihm entzogen, und seine Schatzkammer finanzierte den Wiederaufbau von Camnipol. Dawson Kalliam, Geders Gönner und der Vater von Geders bestem Freund, war im Krieg gegen Asterilreich Lordmarschall gewesen und dann zur Seele und zum Mittelpunkt des Aufstands geworden. Hätten sich die Dinge anders entwickelt, wäre es Lord Kalliam gewesen, der auf dieser Lichtung den Hirsch stellte, und Geder, der im Grab eines Verräters vermoderte. Jorey Kalliam ritt mit der Jagd, aber selbst nachdem er seinem Vater abgeschworen hatte, schienen dessen Verbrechen seine Gedanken zu verdüstern. Und nun, da das eroberte Asterilreich in das größere Reich eingefügt wurde, kam man in die Verlegenheit, sich mit jenen anfreunden zu müssen, die kürzlich noch Feinde gewesen waren.

Der Tod des Königs, die Ernennung zum Lordregenten, ein erfolgreicher Krieg und ein verheerender Aufstand. Es war ein schreckliches Jahr für das imperiale Antea gewesen. Und der herannahende Frühling würde vielleicht nicht viel einfacher werden.

Die Ländereien von Naimen Flor schmiegten sich in ein Tal im Südosten des Reiches, nicht weit von der Grenze zu Sarakal entfernt. Kavinpol, die große Stadt mit ihren Hafenanlagen am Fluss und ihren Lagerhäusern lag im Westen. Im Sommer wurde der üppige Boden von Flor von zwei Flüssen genährt, und das Getreide und Obst aus diesem Besitz hätten ein Heer für eine ganze Jahreszeit ernähren können. Das Anwesen selbst erhob sich aus der Ebene wie ein Berg aus Granit und Basalt, die man aus dem Gebirge im Süden über das Land geschleppt und zu einem Gebäude zusammengesetzt hatte, das beinahe so hoch war wie die Königshöhe in Camnipol. Die Drachenstraße führte durch das Herz des Bauwerks, obwohl die ewige Jade im Augenblick unter Eis und Schnee begraben lag, sodass es jede gewöhnliche Straße hätte sein können, bis sie durch die breiten Tore geritten und den Schutz des überdachten Bereiches erreicht hatten.

In der Kälte hatte Geders Nase zu laufen begonnen, und seine Ohrläppchen schmerzten, als hätte ihn etwas gebissen. Er überließ sein Pferd dem Stallknecht und eilte in die Gemächer, die Sir Flor für ihn bereitgestellt hatte. Und ganz besonders zur Badewanne. Sie war mit Kupfer überzogen und so tief, dass man darin stehen konnte, und das Wasser, das aus dem Maul eines steinernen Drachen hineinlief, dampfte und roch nach Sandelholz. Und das Beste daran war, dass das Zimmer, in dem sie sich befand, klein war. Üblicherweise waren stets seine Leibgarde und die Leibdiener zugegen. Er verabscheute es, und wenn er auch die Schlacht gegen seine Diener gewonnen hatte, so konnte er sich nicht dazu aufraffen, seine Garde nach draußen zu schicken, wenn er badete. Nach Dawson Kalliams Anschlag auf sein Leben fand Geder die Wächter eigentlich sogar beruhigend. Aber dieses private Bad konnte man von außen bewachen, und Geders Nacktheit würde nicht einmal für jene zur Schau gestellt werden, deren Pflicht es war, sein Leben zu verteidigen.

Während das warme Wasser die Schmerzen in seinen Rücken- und Oberschenkelmuskeln linderte, beobachtete er, wie die Flamme in der Lampe flackerte, sich wieder beruhigte und abermals flackerte. Er ließ die Gedanken daran zu, wie es wäre, wenn eine gewisse Bankiersfrau, die zum Teil Cinnae war, ihm gegenübersäße, genauso nackt wie er, und ihre blasse Haut im Licht leuchten würde. Als er anfing, körperlich auf diese Vorstellung zu reagieren, zwang er sich dazu, sich etwas anderem zuzuwenden.

Von außerhalb war Geder die königliche Jagd immer wie ein bloßes Vehikel höfischer Intrigen erschienen. König Simeon reiste durch das Reich, beehrte Freunde und Verbündete mit seiner Anwesenheit, tötete ein paar Tiere und hielt eine Menge Bankette ab. Es hatte wie eine jener Veranstaltungen gewirkt, bei denen Geder eine schlechte Figur machte, nur dass sie sich über Wochen hinzog und von männlichen, athletischen Heldentaten durchbrochen wurde, von Dichterwettkämpfen und improvisierten Vorträgen. Erst nachdem er Lordregent geworden war und das Reich seinem Befehl gehorchte, fing er an zu verstehen, dass die Jagd auch ein zweckmäßiges Werkzeug war.

Nicht alle Männer des Hofes kamen nach Camnipol. Nicht alle Gegebenheiten eines Reiches konnten auf einer Karte dargestellt werden. Die Jagd mochte vielleicht wirken, als würde sie ziellos durch die Ländereien und Anwesen des Reiches streifen, aber der Weg, dem sie folgte, war genauso festgelegt wie die Drachenstraßen selbst. Es war kein Zufall, der ihn hierhergeführt hatte, sondern Notwendigkeit.

Er stieg aus dem Wasser, trocknete sich ab und legte seine Unterwäsche an, bevor er seinen Leibdienern das Zeichen gab, dass sie eintreten und ihn fertig anziehen konnten. Er wäre glücklich damit gewesen, den Rest des Tages in der Wärme und Einsamkeit zu verbringen, aber das Festmahl stand an, und nun, da er eine Weile in den Wäldern rund um Flor verbracht hatte, war es Zeit, sich um die Angelegenheit zu kümmern, die ihn tatsächlich hergeführt hatte.

Er stieß zu Basrahip und Aster, die zusammen in einem Wohnraum saßen. Die Wände waren mit rotem Samt verkleidet, und die Lampen brannten mit dem schweren Geruch von Walöl. Die Stimme des Priesters grollte wie der Donner eines fernen Gewitters. Der junge Prinz in seinen seidenen und goldenen Gewändern blickte in das Gesicht des riesigen, braun gekleideten Priesters auf, als wäre er eine Allegorie der Jugend zu Füßen der Weisheit. Geder hielt im Eingang inne, um zuzuhören.

»Da er aber sah, dass die Welt seinem Zugriff entglitten war, wurde Morade auf dem Totenbett vom krankhaften Stolz seiner Art eingenommen. Er setzte eine schreckliche Waffe frei. Drei Jahre lang brannte die Welt. Jeder Wald zerfiel zu Asche. Jede Stadt wurde zu Staub. Die dreizehn Rassen der Menschheit suchten Schutz, wo sie nur konnten, bewahrten Tiere in Pferchen und Fische in Tonkrügen auf, für den Tag, an dem sie befreit werden konnten, um die Welt abermals zu füllen.«

»Drei Jahre?«, fragte Aster mit ehrfürchtiger Stimme.

»Ja, junger Prinz. Drei Jahre lang wurde alles verwüstet. Und so wurde die Freiheit der Menschheit aus Asche und Hunger geboren. Nur die Timzinae, die Lieblinge der Drachen, hielten die alten Sitten am Leben und opferten zur Erinnerung an das Reich der Drachen Kinder aus den anderen Rassen. Alle Übrigen erfanden sich neu, pflanzten die Wälder wieder an und bauten die Städte wieder auf. Und ohne die Führung durch die Göttin verloren sie alle ihren Weg, wie es die Göttin vorausgeahnt hatte. Abseits von allem hielt sie ihren Tempel in den Bergen von Sinir verborgen, die ihr heilig sind, damit wir uns auf den Tag vorbereiten konnten, an dem ein großer Mann käme und wir erkennen würden, dass es an der Zeit war, wieder in die Welt einzutreten.«

»Das war Geder, oder nicht?«, fragte Aster.

»So war es«, erwiderte Basrahip mit einem breiten, sanften Lächeln.

»Wo Ihr schon von ihm sprecht …«, sagte Geder und betrat das Zimmer. Aster wandte sich zu ihm um. Er wirkte robuster und gesünder, seit sie zur Jagd aufgebrochen waren. Nach wie vor ertappte Geder den Jungen bei Augenblicken der Trauer, aber es wurden weniger. Wann immer Geder sich deswegen Sorgen machte, rief er sich in Erinnerung, dass Aster vor nicht einmal einem Jahr seinen Vater verloren hatte, und selbst das belastbarste Kind trauerte nun einmal sehr viel länger um einen verstorbenen Elternteil.

»Prinz Geder«, sagte Basrahip, während er sich erhob.

»Lordregent«, berichtigte Geder. »Aster ist ein Prinz. Ich bin Lordregent.«

»Natürlich«, erwiderte Basrahip, wie er es immer tat. Die Berichtigung trug nur niemals Früchte.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Aster.

»Ja, bestens«, antwortete Geder. »Aber ich muss mir Basrahip eine Weile ausleihen. Noch vor dem Festmahl.«

»Natürlich, Prinz Geder«, sagte Basrahip mit einer Verbeugung. Als Geder die Augen verdrehte, kicherte Aster.

Geder und Basrahip schlenderten gemeinsam durch die langen Korridore. Hier, im Herzen der Festung, waren die Decken höher als vier Männer übereinander, und durch eine geschickt angebrachte Reihe von Öffnungen fiel Sonnenlicht herein, ohne dass die Wärme der Kohlebecken entwich. Der Farbton des Lichts reichte Geder, um zu erkennen, dass die Winternacht bald hereinbrechen würde. Vor und hinter ihnen gingen Diener und Wächter, womit sie für ihn und Basrahip eine bewegliche Blase der Ungestörtheit schufen.

»Das kann doch nicht stimmen, oder?«, wollte Geder wissen.

Basrahip hob fragend die Augenbrauen.

»Dieses dreijährige Feuer«, erklärte Geder. »Ein Feuer, das so lange brannte, hätte eine Schicht aus Asche auf der ganzen Welt zurückgelassen. Und es gibt Städte, die schon vor dem Fall der Drachen dort standen, wo sie jetzt sind.«

»Wenn es sein muss, muss es sein«, erwiderte Basrahip. »Aber die Jahre des Feuers entsprechen der Wahrheit.«

»In Nordstade gibt es doch Wälder mit Bäumen, die älter als das sind. Vielleicht nicht viele, aber ich habe ein Traktat darüber gelesen, wie man das Alter eines Baumes anhand der Anzahl der Ringe erkennen kann, und darin stand, dass die größten Mammutbäume in Nordstade …«

Basrahip schüttelte seinen Bullenkopf. »Ihr setzt zu viel Vertrauen in leere Worte. Es haben keine Wälder überlebt, die nicht nach den Jahren des Feuers angepflanzt wurden. Allen Tieren, die überlebten, wurde während der Jahre des Feuers von der Menschheit Unterschlupf gewährt. Wenn Ihr behauptet, dass die Welt auf Asche errichtet sein muss, dann sucht danach, und Ihr werdet sie finden. Oder wenn Ihr sie nicht findet, dann müsst Ihr selbst herausfinden, was daraus geworden ist. Aber das Feuer entspricht der Wahrheit.«

»Es ist nur, in all den Geschichtsbüchern, die ich gelesen habe – selbst in jenen, die spätestens eine oder zwei Generationen nach dem Fall geschrieben wurden –, hat niemals jemand eine solche Katastrophe erwähnt. Man möchte glauben, darüber wäre geschrieben worden. Ich meine, die völlige Zerstörung von allem ist nicht gerade das, was ich weglassen würde, wenn ich ein Geschichtsbuch schreibe.«

Basrahip winkte mit einer riesigen Hand ab. »Worte auf Papier sind nicht einmal Lügen. Sie sind leer. Die Stimme, die sie ausspricht, ist die Eure, und Ihr habt, wenn Ihr sie sagt, nichts weiter im Sinn, als dass sie hier auf dieser Seite stehen und genau diese Worte sind. Weniger Bedeutung kann ein Ding eigentlich nicht haben. Meine Priesterschaft hütet die Wahrheit schon seit der Zeit vor den Drachen. Alle Wahrheit. Ihr wisst, dass niemand die Göttin belügen kann.«

»Nun ja«, sagte Geder, der verlegen wurde. »Natürlich weiß ich das. Ich meine, Ihr habt es immer wieder bewiesen, nicht wahr?«

»Und Ihr wisst, dass man sich ihrer Wahrheit nicht lange widersetzen kann.«

»Auch das habe ich gesehen«, stimmte Geder zu.

»In jeder Generation haben die Priester der Göttin die wahre Geschichte der Welt mit Stimmen weitergegeben, denen man sich nicht widersetzen kann, an Akolythen, die jede Falschheit herausgehört hätten. Was sind Eure Bücher und Schriftrollen im Vergleich dazu? Das, was ich sage, wurde von der lebenden Stimme durch die Zeitalter getragen. Eure Bibliothek wurde gänzlich von einer Hand geschaffen, nicht von einer Stimme. Verratet mir eins: Würdet Ihr sagen, dass alle Bücher wahr sind?«

»Also … nein. Natürlich nicht. Einige Traktate, die ich gelesen habe, waren eindeutig …«

»Und würdet Ihr sagen, dass Ihr unfehlbar wissen könnt, welche wahr sind und welche nicht?«

»Nein, aber das bedeutet nicht, dass sie nutzlos sind. Ich meine, beim Großteil davon könnt Ihr annehmen, dass sie …«

Basrahip hielt an, nahm Geder bei den Schultern und blickte ihm tief in die Augen. »Ich frage Euch Folgendes, Prinz Geder: Wenn Ihr ein Mahl vor Euch hättet, von dem Ihr wüsstet, dass ein Teil davon vergiftet ist, und wenn Ihr auch wüsstet, dass Ihr nicht wissen könnt, wo sich das Gift genau befindet, wäre es dann weise, davon zu essen?«

»Natürlich nicht«, erwiderte Geder.

»So ist es auch mit Büchern«, sagte Basrahip. »Hört auf meine Stimme, mein Freund. Dort ist die Göttin, und sie wird Euch nicht in die Irre führen.«

Naimen Flor sah aus wie ein Schilfrohr. Sein schmaler Körper wuchs empor zu einem langen, breiten Gesicht und weizenfarbenem Haar, das er kurz zurechtgestutzt trug. Er erhob sich, als Geder in die von Kerzen erhellte Geheimkammer trat. Falls er nervös war, ließ seine Stimme nichts davon erkennen.

»Man hat mir gesagt, Ihr wünscht mich zu sprechen, Lordregent?«

»Ja, so ist es. Bitte setzt Euch. Wir brauchen hier keine Formalitäten. Ihr kennt Hochwürden Basrahip, nicht wahr?«

Sir Flor neigte den Kopf in einer Geste, die sorgsam zwischen einem Nicken und einer Verbeugung angesiedelt war. Eine Diplomatie des Körpers. Geder ließ sich auf einem mit grüner Seide gepolsterten Diwan nieder und beugte sich vor, die Ellbogen auf den Knien. Basrahip nahm einen Platz an der gegenüberliegenden Wand ein, wo er unbeteiligt lächelte und in das Feuer schaute, das auf dem Rost tanzte. Flor blickte von einem zum anderen, dann setzte er sich Geder gegenüber und beachtete den Priester nicht länger. Geder warf Basrahip einen Blick zu, und der Priester nickte. Er war bereit.

»Seid Ihr mir treu ergeben, Sir Flor?«

Der dünne Mann schien die Frage erwartet zu haben, denn er antwortete sofort. »Natürlich, Lord Palliako.«

Basrahip nickte. Es war die Wahrheit, aber Geder hob einen Finger. »Ich meine nicht dem Thron von Antea. Seid Ihr mir treu ergeben?«

Flor runzelte die Stirn. »Vergebt mir, mein Lord, aber ich sehe keinen Unterschied. Ihr seid der Lordregent. Wenn man Antea treu ergeben ist, ist man Euch treu ergeben.«

Ein weiteres Nicken. Nun, es war nicht ganz so gut wie unverstellte persönliche Ergebenheit, aber es würde genügen.

»Ich benötige Eure Einschätzung, Sir Flor. Wie ist es um Eure Ernte im Frühjahr bestellt?«

»Sie wurde noch nicht ausgebracht. Ich nehme an, sie werden in etwa einem Monat den Boden für die ersten Salate umstechen.«

»Ich möchte, dass Ihr Eure Felder für Winterweizen nutzt. Und alles Land, das Ihr erübrigen könnt und das wenig Ertrag abwirft, werde ich mir von Euch für die kommende Saison ausleihen müssen.«

Flor blinzelte, dann zuckte er mit den Schultern. »Natürlich, mein Lord. Darf ich fragen, weshalb?«

Geder lehnte sich zurück. Tatsächlich war das der Teil, den er genoss. Etwas zu wissen, was jemand anders unbedingt wissen wollte, stellte eine Art von Macht dar. Vielleicht sogar die beste Art. »Es sind gefährliche Zeiten für Antea«, begann Geder. »Der Eindruck, der im Ausland entsteht, ist der, dass die Belastungen durch den Krieg und den Aufstand uns geschwächt haben. Dass wir vielleicht verwundbar sind. Solange die Welt uns für schwach hält, werden wir in Gefahr sein.«

»Ja, davon habe ich gehört«, sagte Flor. »Und ich gebe zu, dass ich mir Sorgen mache, es könnte etwas daran sein. Die Streitkräfte, die benötigt werden, um einen Aufstand in Asterilreich zu …«

»Es wird keinen Aufstand geben«, unterbrach ihn Basrahip. »In den beiden großen Städten gibt es Tempel der Göttin. Sie werden Prinz Geder gehorchen.«

»Habt Ihr gehört, dass Dawson Kalliam Berater von den Timzinae hatte?«, fragte Geder. »Dass er sich, bevor er seine Verschwörung begann, mit einem Dutzend Timzinae getroffen hat?«

»Ich habe ein paar Gerüchte gehört.«

»Es ist allgemein bekannt«, meinte Geder mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Sarakal und Elassae sind die Länder, die von Timzinae angeführt werden. Die Feinde des Reiches gehen davon aus, dass unsere Aufmerksamkeit im Norden und Westen liegen wird. Dass unsere Grenze zu Sarakal spärlich verteidigt und schwach sein wird. Sie irren sich. Ich benötige Euer verfügbares Ackerland, um ein vorübergehendes Feldlager für eine Armee zu errichten. Und den Weizen für Brot, um die Männer zu versorgen, und Futter für die Pferde.«

Flors Gesicht wurde blass, als er sich die Ausmaße der Belastung vorstellte, die eine freie Garnison für seine Ländereien darstellen würde. Man konnte ihm zugutehalten, dass er keinen Einwand erhob. »Wie lange werden wir die Armee beherbergen?«

»Nicht lange. Zwei Wochen, drei vielleicht. Das hängt davon ab, wie lange es der Lordmarschall für nötig erachtet. Dann werden sie weiterziehen.«

»Um die Grenze zu halten?«

»Um sie zu überqueren«, erwiderte Geder.

Cithrin bel Sarcour,

Stimme der Medean-Bank in Porte Oliva

Cithrin stand im Bug des Schiffes. Das Meer erstreckte sich vor ihr ins frühe Dämmerlicht hinaus, weiß, rosarot und blau, als wäre es aus Perlmutt neu geschaffen worden. Die Luft war erfüllt vom Geruch des Salzwassers und Teers, dem Knarren von Holz und Tauen. Sie trug einen schwarzen Wollumhang, in den sie sich fest eingewickelt hatte, und die Kapuze war hochgezogen, um ihr schlohweißes Haar zu bedecken. Das Kinn hielt sie erhoben, den Blick nachgiebig. Für den Kapitän, einen der Seeleute oder ein Mitglied ihrer Wache würde sie als Frau auf der Höhe ihrer Macht erscheinen, beschäftigt mit ihren eigenen Gedanken. Tatsächlich hatte sie am letzten Abend zu viel getrunken, und ihr Kopf fühlte sich an, als hätte ein Spatz sein Nest darin gebaut.