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"Warum nennst du sie Dolls?", fragte Valerie. "Sie haben große Ähnlichkeiten mit Porzellanpuppen.", antwortete Henry, "Sie sind auf ihre eigene Art schön, doch innerlich kalt und herzlos. Außerdem fürchten die Menschen das Wort Vampir." Als junge Frau kehrt Valerie Miller in ihr Heimatdorf Brockenhurst zurück, um nach ihrer verschwundenen Mutter zu suchen. Bei ihrer Suche bekommt sie Unterstützung von zwei jungen Männern. Was Valerie nicht ahnt: William und Henry hüten ein dunkles Geheimnis. Schon bald ist Valerie zu tief in einem Netz aus Lügen, Intrigen und uralten Riten gefangen um umzukehren. So muss sie entscheiden, wem von beiden sie eher vertrauen kann. Doch ihr Vertrauen wird auf eine harte Probe gestellt.
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Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Für Mama
Prolog
Kapitel 01
Kapitel 02
Kapitel 03
Kapitel 04
Kapitel 05
Kapitel 06
Kapitel 07
Epilog
Brockenhurst, 1834:
James schaute beunruhigt durch das kleine Loch in der Wand. Er hatte sich in einem der verborgenen Gänge von Wintersend Manor versteckt. Normalerweise benutzte sein Herr diese Gänge, um die Bediensteten zu kontrollieren oder um ungesehen von einem Flügel in einen anderen zu gelangen. Doch nun war es James, der seinen Herrn beobachtete. Er diente Lord Wintersend bereits seit einigen Jahren, doch langsam begann er an ihm und seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln. Er musste wissen, ob tatsächlich noch ein Funken Mitleid in seinem Herrn steckte, oder ob seine Grausamkeit keine Grenzen kannte.
Lord Wintersend hatte sich in den Schatten der Galerie zurückgezogen und lauschte den Schlägen der Turmuhr. Er schmunzelte. Nun hatte er den perfekten Zeitpunkt gefunden, um seine Gäste zu empfangen. Eine Viertelstunde lang würde er die kleine Familie in der Eingangshalle noch belauschen. Dann würde er entscheiden, wer von ihnen es verdient hatte zu überleben. Lord Wintersend lehnte sich gegen eine Marmorsäule, schloss die Augen und lauschte den Geräuschen, die zu ihm hinaufdrangen.
Dieses Ritual kannte James bereits von den anderen Gästen, die sein Herr empfangen hatte. Doch an diesem Abend konnte selbst James in seinem Versteck die Konversation zwischen den Gästen ohne Probleme mit anhören.
„Wie lange müssen wir denn noch auf diesen feinen Lord warten? Wenn er nicht bald auftaucht, werden wir uns ohne sein Einverständnis einen Schlafplatz in den Stallungen suchen.“, murrte eine junge männliche Stimme.
„Er glaubt wohl, er wäre etwas Besseres. Schau dir doch nur diese protzige Einrichtung an. Aber uns lässt er bei diesem Schneesturm in der kalten Eingangshalle warten. Wir sind noch nicht einmal gut genug für den Salon.“, fuhr er fort. Doch nun bemerkte James, dass die Zunge des jungen Mannes vom Alkohol träge geworden war. Ein verächtliches Schnauben aus der Galerie bestätigte seine Befürchtungen, dass auch Lord Wintersend den Alkohol herausgehört hatte.
„Wenn er glaubt, ich sei arrogant, dann soll es so sein.“, knurrte Lord Wintersend. Er drehte sich langsam um und schritt zur Treppe. James schnappte erschrocken nach Luft. Auf den Lippen seines Herrn lag ein Schmunzeln und seine Augen blitzen dunkel. Er kannte diesen Gesichtsausdruck. Er verhieß nichts Gutes. James' Gedanken rasten, als er über eine Möglichkeit nachsachte, um Lord Wintersend von seinem Vorhaben abzubringen. Er wusste, was nun folgte. Er hatte aufgehört zu zählen, die oft er diese Prozedur schon miterlebt hatte. Doch nie während seiner Zeit auf Wintersend Manor hatte sein Herr Gnade walten lassen und noch nie hatte jemand diese Vorfälle erwähnt. Man verschwieg diese Vorfälle und dachte nicht mehr daran. James schüttelte entschlossen den Kopf. Bei dieser Familie würde dein Herr eine Ausnahme machen müssen. Wenn er seine Gäste sah, würde er wissen warum James diese Forderung stellte. Genau so würde er es ihm sagen. James verschloss das kleine Loch in der Wand wieder mit einem Stein und machte auf dem Absatz kehrt, um den Gang zu verlassen, als er gegen Lord Wintersend pralle.
„Guten Abend, James. Wenn Eure Dienerschaft die Güte hätte, sich bereit zu halten, wäre ich Euch sehr verbunden.“, bat Lord Wintersend sarkastisch mit süffisanter Stimme. Er deutete sogar eine Verbeugung vor seinem Hausdiener an. James erbleichte vor Schreck.
„Gewiss Lord Wintersend. Doch Ihr wollt doch sicherlich nicht Familie Miller… Nun ja, Ihr wisst schon.“, stotterte James, unfähig seine Gedanken in Worte zu fassen. Seine Courage war wie verflogen.
„Wenn du mich so anschaust, komme ich nicht umhin gewisse Ähnlichkeiten mit einem Kaninchen festzustellen. Das Kaninchen hat mich scheinbar belauscht. Ich nehme an, dass es die Aussagen des jungen Mannes ebenfalls gehört hat. So etwas kann nicht ungestraft bleiben. Er wird leiden. Es sei denn, mein Lieblingskaninchen ist bereit, freiwillig seinen Platz einzunehmen.“, fuhr Lord Wintersend fort und lächelte grausam. Dabei blitzen für einen kurzen Moment seine spitzen Eckzähne auf. James schluckte und zwang sich in die Augen seines Herrn zu blicken.
Das rote Glühen bestätigte seine Vorahnung: Er hatte die Bestie geweckt. In diesem Fall konnte er keine Gnade von ihm erwarten. James brachte schließlich ein schwaches Kopfschütteln zustande und Lord Wintersend wandte sich von seinem Diener ab. Er spürte Mitternacht nahen und positionierte sich auf dem Treppenabsatz.
„Perfekt.“, murmelte er, als er den Vollmond bemerkte, dessen Licht durch das runde Fenster auf die Treppe fiel.
„Guten Abend. Verzeihen Sie bitte, dass ich Sie habe warten lassen.“, grüßte Lord Wintersend mit gelangweiltem Unterton, während er betont langsam und elegant die Treppe hinabstieg. Sein Blick fiel sofort auf den jungen Mann, der in durchnässten Kleidern auf einem Diwan platzgenommen hatte. Seine Arme waren vor der breiten Brust verschränkt und er betrachtete seinen Gastgeber mit säuerlicher Miene.
„Ich kann mich nicht daran erinnern, Ihnen einen Sitzplatz angeboten zu haben, Mr. Miller.“, fuhr Lord Wintersend unbeirrt fort und bedeutete seinem Gast aufzustehen. Doch statt der Aufforderung nachzukommen, schüttelte der junge Mann nur seinen Kopf.
„Nein, das habt Ihr nicht, Sir. Doch ich hielt es nur für angebracht, nicht auf Eure Einladung zu warten. Ich, meine Frau und die Kinder haben einen langen Fußmarsch hinter uns. Denn die Postkutsche brachte uns nur bis Burley und wir mussten bis Brockenhurst laufen. Die Kinder und meine Frau sind sehr müde.“, erklärte er spitz. Lord Wintersend entging nicht, dass sich sein Gast zu allererst selbst genannt hatte. Dennoch lächelte er nachsichtig und fragte höflich: „Da es bereits nach Mitternacht ist, nehme ich an, dass Sie hier sind, um mich um eine Unterkunft zu bitten.“
Mr. Miller nickte zustimmend.
„Angenommen, ich würde Ihrer Bitte nachkommen, wie gedenken Sie mir diese Gefälligkeit zu vergelten?“
„Wir haben Geld. Es ist nicht viel, aber wohlmöglich genügt es Euch.“, erwiderte Mrs Miller anstelle ihres Mannes. Lord Wintersend warf einen flüchtigen Blick in ihre Richtung. Doch was er sah, ließ ihn sein ursprüngliches Vorhaben vergessen. Während die Frau in ihrer Rocktasche nach einigen Münzen suchte, rasten seine Gedanken. Er ließ seinen Blick ein weiteres Mal zu ihr gleiten. Ihre Haare waren unter einer durchnässten Haube verborgen. Doch über den Tag hinweg hatten sich einige blonde Strähnen gelöst und fielen ihr nun über den gewölbten Bauch. Hinter ihrem geflickten Rock lugten zwei Augenpaare hervor. Das blaue Paar blickte ängstlich zu ihrer Mutter empor. Das grüne Paar musterte Lord Wintersend neugierig.
„Uns würde ein Platz in den Stallungen genügen.“, erklärte Mrs Miller und riss ihn aus seinen Gedanken.
Er wandte sich erneut dem jungen Mann zu.
„Glauben Sie, ich würde mir die Mühe machen für diese erbärmliche Anzahl an Münzen auch nur meine Hand auszustrecken?“, fragte er herablassend und richtete sich vor Mr. Miller zu seiner vollen Größe auf.
„Wollt Ihr damit sagen, dass Ihr die Dreistigkeit besitzt, eine schwangere Frau abzuweisen? Ihr habt Ihren Zustand doch sicherlich bemerkt.“, entgegnete sein Gast. Lord Wintersend hörte, wie Mrs Miller entsetzt nach Luft schnappte. Er lächelte unbemerkt.
„Nein, Mr. Miller. Ich sage damit nur, dass ich von Ihrer Frau kein Geld annehmen werde. Sie sollte es besser in eine neue Garderobe investieren oder für das ungeborene Kind ausgeben.“, erklärte er.
„Es ist sehr freundlich von Euch, uns umsonst in Eurem Anwesen übernachten zu lassen.“, erwiderte Mr. Miller und ward seiner Frau einen triumphalen Blick zu. Lord Wintersend schüttelte lachend den Kopf und antwortete mit arrogantem Unterton:„Das habe ich nie gesagt. Ich verlange kein Geld. Über den Preis werde ich Sie nur zu gegebener Zeit informieren. Er wartete die Zustimmung Mr. Millers ab, ehe er fortfuhr: „Für heute dürfen Sie hier übernachten.
Vor dem Sonnenaufgang sind Sie wieder verschwunden. Erwarten Sie nichts Großartiges. Meine Dienerschaft hat sich bereits für die Nacht zurückgezogen.
Ich werde niemanden für Ihr Wohlbefinden aufwecken lassen.“ Während er sprach winkte er James herbei. Er flüsterte ihm einige Anweisungen zu, doch sein Blick wanderte immer wieder zu Mrs Miller, die sich unbehaglich auf die Lippen biss. James fragte sich, was sein Herr wohl als Preis einfordern würde.
Doch er wagte es nicht, ihn danach zu fragen. So nahm er schweigend seine Befehle entgegen.
„Ich werde Sie zu Ihrem Nachtlager im Westflügel führen, Mr. Miller. Ihre Frau und Töchter werden im Damenflügel untergebracht. Mein Hausdiener wird die forthin geleiten.“, hörte er Lord Wintersend verkünden. James verbeugte sich in Richtung der Damen und wies sie an, ihm zu folgen. Der Damenflügel erstreckte sich weit in das Grundstück hinein und James teilte ihnen, wie befohlen, das letzte Zimmer im Gang des ersten Stocks zu.
„Ich wünsche Ihnen, Miss Rebecca und Miss Valerie eine ruhige Nacht, Mrs Miller.“, grüßte er und verabschiedete sich. Eilig lief er zu Lord Wintersend’s Lesezimmer. Doch auf dem Weg schaute er in der Küche vorbei und scheuchte die Dienstmädchen auf, die dort ihr Nachtmahl einnahmen. Sie sollten auf Geheiß von Lord Wintersend im ersten Stock des Damenflügels ein gehaltvolles Mahl für drei Personen servieren. Als er schließlich das Lesezimmer erreichte, lag sein Herr bereits mit einem Buch und einem Glas Wein auf dem Sofa vor dem Kamin. Noch ehe James auch nur ein Wort sagen konnte, antwortete Lord Wintersend ihm auf seine wichtigste Frage.
„Ich werde ihnen heute ihr Leben lassen. Schwangere Frauen und Kinder vaterlos zurückzulassen ist unter meiner Würde.“ James stieß erleichtert die Luft aus. Er dankte Lord Wintersend und bemerkte, dass seine Augen nun wieder das gewohnte grün angenommen hatten.
„Aber wenn ich eines habe, James, dann ist es Zeit.
Und meine Zeit wird kommen.“
16 Jahre später:
Mit dem Neumond erhielt auch der erste Frost Einzug in Heathwing Hall. Trotz der Kälte war das Fenster des Pförtnerhäuschens weit geöffnet. Der Pförtner selbst saß angespannt in der Stube und starrte auf die Zeiger der Kaminuhr.
„Sie kommen zu spät. Die Postkutsche wird ohne sie abfahren.“, wiederholte er immer wieder während er zusah, wie sich die Zeiger unerbittlich der vollen Stunde näherten. Als er es in seinem Sessel nicht mehr aushielt, begann er vor dem Kamin auf und ab zu laufen. Das Feuer war bereits seit einer Stunde erloschen, doch er schien es nicht bemerkt zu haben.
Er warf einen weiteren Blick auf die Uhr und rannte beinahe zum Fenster. Der Pförtner versuchte angestrengt einen Schatten oder eine Bewegung in der Dunkelheit auszumachen. Seine Finger trommelten dabei leise gegen den Sims. Endlich vernahm er ein leises Knirschen auf dem Kiesweg. Kurz darauf lösten sich zwei Gestalten aus der Dunkelheit. Sie passierten schweigsam das Tor und verschwanden wieder aus James‘ Blickfeld als sie sich in Richtung Holyhead aufmachten. Der Pförtner atmete erleichtert aus.
„Wenn sie sich beeilen, schaffen sie es noch rechtzeitig.", murmelte er und schloss das Fenster.
„Guten Abend, James.“, grüßte eine hohe männliche Stimme. Der Pförtner fuhr erschrocken herum. An der Türschwelle stand ein junger Mann. Trotz seines geringen Alters hatte er bereits weißes Haar, das ihm bis auf die Schultern reichte. Mit seinem dunkelroten Gehrock, dem Zylinder und einem juwelenbesetzten Gehstock wirkte er in der kargen Einrichtung des Pförtnerhäuschens fehl am Platz. Ohne eine Antwort des Pförtners abzuwarten, trat er in die Stube und betrachtete voller Abscheu die abgenutzten Möbel.
Naserümpfend ließ er sich auf dem äußersten Rand des Kaminsessels nieder und schlug elegant die Beine übereinander.
„Spare dir sämtliche freundlichen Worte, James. Ich möchte an diesem Ort nicht länger als nötig verweilen.“, begann der junge Mann und strich mit langen Fingern eine imaginäre Fluse von seinem Gehstock.
„Ich kam heute her, um sicherzustellen, dass sich Miss Valerie auf dem Weg nach Brockenhurst befindet.“, erklärte er.
„Sie ist vor einigen Momenten gemeinsam mit ihrem Bruder John aufgebrochen, Lord Meridum.“, berichtete James und deutete zur Bestätigung aus dem Fenster. Der junge Lord bedachte James mit einem herablassenden Blick.
„Ich habe es selbstverständlich ebenfalls beobachtet.“, entgegnete er.
„Valerie sagt, dass ihr Vater verstorben sei. Entspricht das der Wahrheit?“, fragte James nervös.
Lord Meridum lachte kalt.
„Es hat dich eigentlich nicht zu interessieren, aber ich verrate es dir dennoch. Es stimmt, er ist gestorben.
Genauer gesagt wurde er ermordet. Von mir.“, erzählte er und erhob sich aus dem Sessel. James schluckte.
„Aber…“, begann er, doch Lord Meridum stieß den Pförtner hart gegen die Wand.
„Alexander Miller’s Tod war nur Mittel zum Zweck.
Wenn Valerie zurückkehrt, wird sich das Blatt endlich wenden. Sie muss der Schlüssel sen. Warum sonst sollte Wintersend ein solches Aufsehen um ihr Leben machen? Es wird nicht mehr lange dauern, bis ich endlich bekomme was mir zusteht. Wintersend und seine Sippschaft haben lange genug mein Haus, mein Vermögen und meinen Titel für sich beansprucht.
Doch Miss Valerie wird das nun netterweise ändern.“, fuhr Lord Meridum fort und drückte James unbeirrt gegen die Wand.
„Ihr habt einen Plan?“, fragte James, der mühsam nach Luft schnappte.
„Den habe ich. Und ich lasse nicht zu, dass ihn irgendjemand gefährdet.“, knurrte er und zog einen Brief aus seiner Westentasche.
„‘Liebe Valerie, ich konnte es dir leider nicht persönlich sagen. Die Wände hier haben Ohren und folgendes ich nicht für die falschen Leute bestimmt. Doch ich konnte dich nicht gehen lassen, ohne dich vorher zu warnen. In Brockenhurst lauern schreckliche Gefahren auf sich. Bleibe nicht dort und traue Niemandem! ‘ Und so weiter und so weiter. Aber dir brauche ich den Inhalt ja nicht vorzulesen.“, zitierte er und warf den Brief in die Kohlen des Kamins. James stieß einen erstickenden Laut aus, während er zusah wie sein eigener Brief an Valerie Feuer fing und zu Asche wurde. Lord Meridum zog einen Dolch aus seinem Gürtel. Die Rubine im Griff schimmerten im Licht einer Kerze und warfen ihr rotes Glühen auf die silberne Klinge.
„Eine Schönheit, nicht wahr? Alexander Miller war der Erste, der nähere Bekanntschaft mit meinem neuen Spielzeug schließen durfte. Wenn du dich nicht strikt an meine Anweisungen hältst, wirst du der Nächste sein.“, zischte er und drückte den Dolch leicht an James‘ Hals. Der Pförtner gab einen zustimmenden Laut von sich.
„Ich sehe, du verstehst mich. Dann höre jetzt genau zu. Du weißt, ich hasse es mich zu wiederholen. Ich kann es mir aktuell nicht leisten dich umzubringen.
Denn Wintersend glaubt dich immer noch in seinen Diensten zu haben und ahnt nicht, dass du im Grunde auf seinem Anwesen für mich recherchierst.
Daher wirst du sofort aufbrechen und ihm erzählen, dass Valerie auf dem Weg nach Brockenhurst ist. Er muss es unbedingt von dir erfahren. Er wird sich etwas überlegen, um sie auch dort weiterhin zu beschützen. Finde heraus, wie er das anstellen wird.“,
befahl Lord Meridum. James nickte vorsichtig, um sich nicht an der Klinge des Dolches zu verletzen.
„Gut. Wenn du Erfolg hast und Wintersend Manor wieder mir gehört, lasse ich dir eventuell sein Leben.“ Er ließ von James ab und steckte den Dolch zurück in seinen Gürtel.
„Wird Valerie diesen Plan überleben?“, fragte James und verbarg seine zitternden Hände hinter seinem Rücken.
„Nein.“, antwortete Lord Meridum und schickte sich an, das Pförtnerhäuschen zu verlassen.
„Da fällt mir noch eine unangenehme Sache ein. Dieses Hausmädchen, ich glaube ihr Name war Anne, stand in meinen Diensten und hat mir deinen Brief an Valerie überreicht. Mit Valerie’s Abreise war sie nicht mehr von Nutzen. Es wäre möglich, dass du auf dem Weg in die Stadt über ihre Leiche stolperst. Entsorge sie.“ Lord Meridum nickte dem Pförtner kurz zu, ehe er das Häuschen endgültig verließ. Nur langsam begriff James, war gerade vorgefallen war. Gedankenverloren griff er nach seinem Koffer und begann die wenigen Habseligkeiten einzupacken, die er über die Jahre angesammelt hatte. Ein paar Skizzen und Briefe landeten gerade auf seiner Sommergarderobe, als es zaghaft an der Tür klopfte. Davor wartete eine junge Frau, deren rötlichen Haare sich aus ihrem strengen Zopf gelöst hatten. Ihre Wangen waren gerötet und ihr Atem ging stoßweise.
„Sind sie schon weg?“, fragte sie keuchend. James nickte und trat beiseite, um sie einzulassen.
„Sie sind vor ein paar Minuten aufgebrochen.“, antwortete James und bot seinem Gast eine Tasse Tee an.
„Meine Schwiegermutter hat mich nicht früher gehen lassen. Sie meinte, ich müsse noch viel über die Führung eines ordentlichen Haushaltes lernen. Ist es nicht schlimm genug, dass mein Mann mir nicht gestattet auf die Beerdigung meines Vaters zu gehen, weil ihm die Reise zu anstrengend erscheint? Und jetzt konnte ich mich nicht einmal von meinen Geschwistern verabschieden.“, seufzte sie traurig. James tätschelte ihr unbeholfen die Schulter.
„Ich bin sicher, dass du sie eines Tages wiedersehen wirst, Rebecca.“, wagte er einen Versuch sie zu trösten.
„Also ist es wahr? Valerie wird in Brockenhurst bleiben? Was sagt John dazu?“, fragte sie aufgebracht.
James zuckte entschuldigend mit den Schultern.
„Ich kenne seine Meinung zu dem Thema nicht. Aber er hat sie offensichtlich zurück nach Hause begleitet.“, antwortete er ehrlich. Rebecca schnaubte verärgert. Doch dann bemerkte sie die Unordnung in der Wohnung.
„Du gehst ebenfalls fort?“, fragte sie, als ihr Blick auf den halb gepackten Koffer fiel.
„So ist es. Eine dringende Angelegenheit zwingt mich noch heute abzureisen.“, erklärte er händeringend.
„Alle verlassen mich. Erst meine Geschwister. Jetzt mein bester Freund. Bald habe ich hier niemanden mehr, dem ichmich vollauf anvertrauen kann.“, murmelte sie betrübt.
„Du hast doch nun deinen Mann. Und Valerie wird dir sicherlich bald schreiben oder dich besuchen kommen. Du kennst sie doch.“, erwiderte James. Rebecca nickte und stellte ihre Teetasse beiseite.
„Dann werde ich doch nicht länger aufhalten. Versprich mir, dass du mir gelegentlich schreiben wirst.“, bat sie und umarmte den Pförtner zum Abschied.
„Bist du sicher, dass Anne von diesem Pub gesprochen hat?“, fragte John. Das kleine Eckhaus wirkte auf Valerie’s Bruder wenig einladend. Die Vorhänge waren zugezogen und kein Laut drang zu den Geschwistern hinaus. Eine einsame Laterne baumelte über dem Eingang im Wind.
„Das muss es sein.“, antwortete Valerie und deutete auf ein Holzschild neben der Tür. Im Schein der Laterne blitzen der blutrote Schriftzug „The Devil’s Dwelling“ und eine hässliche Teufelsfratze mit einem Dreizack auf.
„Es schein geschlossen zu sein. Suchen wir uns eine andere Bleibe. Wir sollten unseren Onkel Andrew fragen.“, brummte John, als er an der Tür rüttelte. In diesem Moment öffnete sich die Kirchentür am anderen Ende der Straße und unzählige Menschen strömten hinaus. John blickte stirnrunzelnd zu seiner Schwester. Es war bereits nach Mitternacht. Um diese Uhrzeit wurden in der Pfründe von Heathwing Hall keine Gottesdienste abgehalten. Doch Valerie zuckte nur mit den Achseln.
„John und Valerie Miller. Ich habe euch fast gar nicht wiedererkannt. Ihr seid groß geworden.“, rief eine rundliche Frau mit grauem Dutt über die Straße und eile mit ausgebreiteten Armen aus die Geschwister zu. Sie schloss zunächst John und anschließend Valerie in ihre Arme.
„Ich kann es noch gar nicht richtig glauben.“, sagte sie kopfschüttelnd während sie Valerie im Schein der Laterne musterte.
„Bedränge die Kinder doch nicht. Vermutlich wissen sie überhaupt nicht mehr, wer du bist.“, brummte ein älterer Mann hinter ihnen.
„Verzeiht. Mein Name ist Madame Dusange, aber jeder hier nennt mich einfach nur Clementine. Das gilt auch für euch. Dieser Brummbär dort ist mein Gatte, Arthur Dusange. Uns gehört das Dwellings.“, erklärte sie, während Mr. Dusange einen Schlüsselbund aus der Westentasche zog und die Tür schwungvoll öffnete. Clementine beeilte sich die Lampen zu entzünden und ein Feuer im Kamin zu entfachen. Mr.
Dusange geleitete die Geschwister zu zwei bequemen Sesseln am Kamin und schenkte ihnen einen Pint Leger ein. Während sie an ihrem Bier nippte, blickte sich Valerie verstohlen im Pub um. Der wuchtige Tresen nahm einen großen Teil des Raumes ein.
Der restliche Platz wurde von langen Tischen beansprucht, auf denen jeweils acht Stühle gestapelt waren. Die Wand neben dem Kamin war mit zahlreichen Erinnerungsstücken dekoriert. Portraitzeichnungen und Skizzen reihen sich neben kleinen Sträußen getrockneter Blumen, Briefen und Anstecknadeln aneinander. Selbst eine weiße und eine braune Haarlocke konnte Valerie zwischen zwei Radierungen erkennen. Während sie die Portraits näher betrachtete hörte sie ihren Bruder fragen: „Wie ist Ihnen der seltsame Name The Devil’s Dwelling eingefallen? Ich muss zugeben, dass er auch mich immer noch abschreckend wirkt.“
„Dieser Name ist schrecklich. Man sagt, der Pub wurde nach einem Gast benannt, der hier sehr häufig eingekehrt ist. Er wurde von vielen für den Teufel höchstpersönlich gehalten. Als er ein Verhältnis mit der Magd einging und der Wirt sie daraufhin entließ, nahm das Unglück seinen Lauf. Denn seither bleibt keine Magd länger als ein paar Monate. Einige liefen fort, andere kamen auf rätselhafte Weise um ihr Leben. Doch die meisten verschwanden spurlos. Erst vor einigen Wochen hat uns wieder eine weitere Magd verlassen. Niemand hat sie seitdem gesehen.“, erzählte Clementine, die mit vier Schalen dampfenden Eintopfs aus der Küche kam.
„Das ist natürlich reiner Aberglaube. Als Clementine und ich nach Brockenhurst kamen war der Pub über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Warum hätte ich den Namen also ändern sollen?“, fügte Mr. Dusange hinzu. Clementine nickte bekräftigend, doch ihr Lächeln wirkte aufgesetzt.
„Das waren genug Schauergeschichten für heute.
Nach eurer langen Reise müsst ihr müde sein. Ich zeige euch gleich die Zimmer.“, lenkte Clementine ein. Valerie und John folgen der Wirtin eine schmale Treppe hinauf in den ersten Stock. In ihrem Zimmer angekommen ließ sich Valerie auf das kleine Bett sinken. Clementine hatte ihr bereits eine Schüssel Wasser und eine Kerze gebracht. Sie wünschte ihr noch eine ruhige Nacht, ehe sie in den zweiten Stock hinaufstieg. Kaum war die Wirtin verschwunden klopfte es leise an der Tür und John trat ein.
„Hast du gehört, was sie gesagt hat? Viele der Mägde sind spurlos verschwunden.“, flüsterte sie. John seufzte und setzte sich neben seine Schwester.
„Und hast du Mr. Dusange gehört? Es ist alles reiner Aberglaube.“, entgegnete er.
„Aber es könnte möglich sein. Ich glaube fest daran, dass unsere Mutter noch lebt. Sie ist nur verschwunden, wie all die Mägde auch. Nach all den Jahren hätte man doch sonst irgendwas gefunden.“, erwiderte Valerie hoffnungsvoll. John verwarf sein Argument und schüttelte nur den Kopf. Er hatte sich mit seiner Schwester schon viel zu häufig über dieses Thema gestritten. Auch wenn er es nicht zugeben wollte, so hoffte er in seinem Herzen, dass Valerie Recht behalten sollte. Doch seine Vernunft sprach dagegen.
„Du lässt dich nicht davon abbringen, oder? Du willst sie unbedingt finden.“, fragte er schließlich.
„Das werde ich. Daher habe ich auch beschlossen in Brockenhurst zu bleiben. Vielleicht erlaubt Mr.
Dusange, dass ich im Pub arbeiten darf. Oder Onkel Andrew hat einen Platz für uns beide in der Bäckerei.
Es gibt vermutlich genug für drei zu tun.“, bekräftigte Valerie. Die Geschwister unterhielten sich noch eine Weile über Valerie’s Vorhaben, ehe John sich ebenfalls ins sein Zimmer zurückzog.
Am nächsten Morgen wurde sie früh von Clementine geweckt. Valerie hatte kaum ein Auge zugemacht.
Ihre Gedanken waren immer wieder zu der Geschichte zurückgekehrt, die Clementine ihnen am Vorabend erzählt hatte.
„Alles Gute.“, wünschte die Wirtin, als sie mit John das Wirtshaus verließ und zur Kirche hinüber ging.
Vor dem Gotteshaus wartete ein älterer Mann. Seine Arme waren vor der Brust verschränkt und er blickte grimmig drein.
„Sind Sie Mr. Andrew Miller?“, erkundigte sich John.
„Wer will das denn wissen?“, blaffte er unfreundlich zurück. Eine starke Alkoholfahne wehte zu den Geschwistern hinüber. John stellte seine Schwester und sich vor und Andrew zog die Stirn in Falten, als müsse er angestrengt über etwas nachdenken.
„Waren es nicht mal drei Kinder? Was ist denn mit der dritten passiert? Hat sie auch das Zeitliche gesegnet?“ erwiderte er. Valerie keuchte, entsetzt über die Dreistigkeit ihres Onkels, auf. Doch noch ehe sie oder John antworten konnten, zuckte Andrew gelangweilt mit den Schultern.
„Ist mir eigentlich auch gleichgültig. Ein Bald weniger, um das ich mich kümmern muss. Mein Bruder will, dass ich seinen Sohn zum Bäcker ausbilde, damit er eines Tages den Betrieb übernehmen kann. Das Rohmaterial ist allerdings nicht sehr vielversprechend.“, knurrte er missmutig, während er prüfend John’s Oberarme abtastete.
„Ein hübsches Gesicht wäre für den Verkauf gut geeignet. Deines nicht. Da Alexander nie erwähnt hat, was mit dir geschehen soll, habe ich keinerlei Verpflichtungen mich auch noch um dich kümmern zu müssen.“, sagte er zu Valerie, nachdem er sie gründlich gemustert hatte. Valerie nahm sich vor, noch heute bei Clementine für die Stelle als Magd vorzusprechen.
„Sie scheinen Ihren Bruder nicht sonderlich zu vermissen, Mr. Miller.“, hörten sie jemanden sagen. Valerie’s Blick richtete sich auf einen alten Pfarrer, der aus der Kirche getreten war. Sein weißes Haar war kurz und sein runzeliges Gesicht lag halb unter einem langen Bart verborgen. Er ging gebückt und schritt langsam auf die kleine Gruppe zu.
„Wir standen uns nicht sehr nah.“, gab Andrew kurz angebunden zurück und ging dem Pfarrer entgegen.
Valerie und John taten es ihm gleich.
„Da fragt man sich doch, wie die beiden es geschafft haben, über so viele Jahre hinweg einen gemeinsamen Betrieb zu führen.“, flüsterte der Pfarrer, als die Geschwister ihn erreicht hatten.
„Mein Name ist Vater Philipp, ich bin der Priester dieser Pfründe.“, stellte er sich ihnen vor. Er geleitete die Geschwister in die Kirche.
„Ihr müsst ein wenig Nachsicht mit eurem Onkel haben. Obwohl er sagt, dass ihn der Tod seines Bruders nicht sonderlich mitnimmt, so ist doch der Alkohol seitdem sein liebster Weggefährte. Immerhin darin waren sich euer Vater und Onkel einig.“, erklärte er ruhig.
„Unser Vater war kein Trinker.“, wiedersprach John heftig.
„Ach kein? Du kannst es ja auch gut beurteilen, Junge. Schließlich hast du die letzten neun Jahre jeden Tag mit ihm in der Backstube verbracht und ihn nachts aus dem Dwellings in dein Bett schleifen müssen. Ach nein, das war ja ich. Hat er euch wenigstens in der Zeit, die ihr in Heathwing Hall wart auch nur einmal geschrieben? Sieh es ein. Dein Vater hat es nie verkraftet, dass seine Frau gestorben ist.“, rief Andrew zu ihnen hinüber.
„Ist sie das?“, murmelte Vater Philipp gerade laut genug, dass John und Valerie ihn hören konnten Valerie warf einen vielsagenden Blick zu ihrem Bruder. Doch ehe er den Priester darauf ansprechen konnte, bat er: „Reden wir doch bitte nicht schlecht über einen Toten so kurz vor der Totenlesung. Ich denke, dass Niemand sonst erwartet wird. Wir können beginnen.“
Während des Gottesdienstes hörte Valerie kaum auf die Worte des Priesters, sondern dachte über Andrew’s Worte nach. Es stimmte, dass ihr Vater ihnen in den neun Jahren, die sie auf Heathwing Hall verbracht hatten, nicht einmal geschrieben oder sich erkundigt hatte, wie es ihnen bei ihren Verwandten erging. Selbstverständlich hatten John, Rebecca und Valerie ihm häufig geschrieben. Valerie hatte angenommen, dass ihr Vater nur zu beschäftigt war, um zu antworten. Doch Andrew’s Aussage ließ sie ihre Vermutung anzweifeln.
Am Nachmittag kehrten John und Valerie in das Dwellings zurück. Clementine hantierte in der Küche herum, während Mr. Dusange vor dem Kamin über das Tagesgeschehen in London las. John schickte sich an in sein Gästezimmer zu gehen, um seinen Koffer zu holen. Andrew hatte darauf bestanden, dass John, sollte er das Erbe seines Vaters antreten wollen, noch am selben Tag in die Wohnung über der Bäckerei einzog. Am morgigen Tag wollte er mit der Lehre beginnen.
„Das musst du nicht tun.“, flüsterte Valerie ihrem Bruder tu. Sie hatte Andrew eine Zeit lang während des Gottesdienstes beobachtet und konnte sich keinen unsympathischeren Menschen vorstellen.
„Unser Vater hat mir die Bäckerei vererbt. Mir allein.
Ich möchte lieber den Rest meines Lebens dort verbringen als in Heathwing Hall beim Ausmisten der Pferdeställe.“, gab er stolz zurück. Mr. Dusange sah von seiner Zeitung auf, grummelte einen Gruß und schickte John hinauf zum Kofferpacken.
„Es ist allein seine Entscheidung. Wenn er mit eurem Onkel abreiten möchte, dann musst du ihn ziehen lassen. Doch die wichtigere Frage, die du dir stellen solltest lautet: Wie sieht deine Zukunft aus? Es klang nicht danach, als gäbe es in der Bäckerei auch einen Platz für dich.“, mischte sich Clementine ein. Die Wirtin hatte ihre Unterhaltung gehört und war in den Schankraum gekommen, noch mit einer halb geschälten Kartoffel in der einen und einem Schälmesser in der anderen Hand. Valerie wiederholte, was Andrew vor dem Gottesdienst zu ihr gesagt hatte.
Clementine zog überrascht eine Augenbraue in die Höhe.
„Andrew war nie ein Freund der Feinfühligkeit, aber nie ein Lügner. Man sagt sich, dass du gerne eine Weile in Brockenhurst bleiben möchtest und dass deine Mutter der Grund wäre. Es trifft sich, dass wir eine neue Magd brauchen. Wenn du dir für die Arbeit nicht zu schade bist, kannst du die Stelle gerne haben.“, bot Clementine ihr an und hielt Valerie ihre Hand hin. Erfreut schlug sie ein.
„Ich werde mein Bestes geben. In Heathwing Hall habe ich einen Teil der Zeit aus Dienstmädchen verbracht. Doch in der Küche habe ich nie gearbeitet und das Servieren oblag den Butlern.“, erklärte Valerie. Clementine lachte vergnügt.
„Du vergisst, dass unsere Gäste aus einfachen Arbeitern und Geschäftsleuten bestehen. Ein Lord oder eine Lady kommen eher seltener vorbei.“, scherzte sie mit einem Augenzwinkern. Valerie stimmte in ihr Lachen mit ein. Doch als sie sich ein Tablett griff, wurde Clementine wieder ernst.
„Du wirst heute gewiss nicht mit der Arbeit beginnen. Ruhe dich erst einmal aus und lebe dich hier ein.
Als Magd gehört dir die Dachkammer. Sieh sie dir an und richte dich dort ein. Mehr erlaube ich nicht.“ Valerie tat wie ihr geheißen und stieg die Treppe bis in das Dachgeschoss hinauf. Auf halbem Weg machte sie bei den Gästezimmern halt und erzählte John von den Neuigkeiten, der zufrieden nickte. Das Dachgeschoss war zu Valerie’s Erstaunen sehr geräumig. Ein Teil des Zimmers war durch Holzlatten abgetrennt.
Dahinter verbargen sich ein Waschtisch, eine kleine Kommode und der Nachttopf. Der größere Bereich war mit einem Schreibtisch, einem Stuhl und einem Bett ausgestattet, das unter einem kleinen Dachfenster stand und das restliche Tageslicht auf einen abgetretenen Teppich warf. Die Einrichtung war einfach, doch Valerie hatte sich auf Heathwing Hall ein halb so großes Zimmer mit einem weiteren Dienstmädchen namens Anne geteilt. Sie nahm sich vor Anne bald zu schreiben, doch zunächst musste sie einen Brief an ihre Schwester Rebecca verfassen. In ihrem Koffer lagen noch einige Bögen Briefpapier aus Holyhead und eine Schreibfeder, die sie in ihrer Kindheit von ihrem Lehrer Mr. Henry bekommen hatte.
Zumindest hatten sie ihn als Kinder immer Mr. Henry genannt. Erst später hatte Valerie herausgefunden, dass sein eigentlicher Name Henry Smith war und er als Stallbursche auf einem Anwesen arbeitete. Sie setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einige Zeilen an Rebecca. Es war seltsam die Erlebnisse des Tages für ihre Schwester zu Papier zu bringen. Noch vor wenigen Wochen hatten sie jede freie Minute gemeinsam verbracht und sich über alles unterhalten können. Doch seitdem Rebecca geheiratet hatte, kam sie Valerie kaum noch besuchen und nun waren sie über dreihundert Meilen voneinander entfernt.
Als sie ihren Brief schließlich mit einen Gruß an Rebeccas Ehemann, Mr. George Harisson, beendet hatte, verstaute sie die Feder wieder in ihrer Schatulle. Dort bewahrte sie all ihre kostbaren Besitztümer auf: zahlreiche Briefe, den Kamm ihrer Mutter und ein Notizbuch lagen bei der Schreibfeder. In der Zwischenzeit war draußen die Nacht heraufgezogen und im Pub herrschte reges Treiben. Da Valerie noch nicht schlafen konnte, blickte sie eine Weile aus dem Fenster. Es ging zum verwinkelten Hof des Pubs hinaus, in dem einige leere Fässer und ein Karren lagerten. Der Vollmond warf sein helles Licht auf die engen und nassen Gassen, in denen sich noch vereinzelt Arbeiter, Dienstmädchen, Laufburschen und leichte Mädchen herumtrieben. Hier und da wurde ein Wohnraum in den kleinen Häusern durch ein Kaminfeuer oder das Licht einer Kerze erhellt. In der Ferne konnte Valerie ein Gebäude ausmachen, das durch ein Stück Wald vom restlichen Dorf abgeschnitten war. Es schien zahlreiche Fenster zu haben, denn Valerie sah viele Lichtpunkte aufleuchten.
„Kommst du zurecht? Ich habe dir eine Kleinigkeit zum Abendessen mitgebracht.“, fragte Clementine von der Tür aus und stellte ein Tablett auf dem Tisch ab. Es duftete herrlich nach frisch gebratenem Fleisch und Kartoffelstampf. Valerie bemerkte erst jetzt, wie hungrig sie war. Seit dem Frühstück hatte sie keinen Bissen mehr zu sich genommen. Sie bedankte sich und machte sich über das Essen her.
„Und hast du etwas Skandalöses beobachten können? Etwas, über das man die nächsten Wochen tratschen kann?“, fragte Clementine, als sie selbst einen Blick aus dem Fenster warf und versuchte etwas Spannendes in der Gasse zu entdecken. Valerie verneinte lachend, da Clementine zu klein war, um aus dem Fenster zu blicken und immer wieder zu kleinen Sprüngen ansetzte um etwas zu sehen. Sie fragte die Wirtin nach dem Gebäude, dass sie vorhin entdeckt hatte.
„Das ist Wintersend Manor. Es ist der Wohnsitz von Lord Wintersend und seinen Schwestern. Das Gebäude ist wunderschön. Doch es wäre besser, wenn du dich davon fernhältst. Lord Wintersend ist ein wundersamer Kauz.“, erklärte sie. Aus dem Erdgeschoss ertönte lautstarkes Rufen nach der Wirtin.
