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Eine Welle von Misstrauen schlägt dem jungen Lehrer Connor Wood entgegen, als er, aus Frankreich kommend, in der Grundschule einer schottischen Kleinstadt seinen Dienst antritt. Die Einheimischen stehen Fremden äußerst voreingenommen gegenüber, allen voran die alte Farmerin Mary MacFarlane, die das Gerücht verbreitet, hinter dem großen, schwarzhaarigen Mann verberge sich ein fanatischer Attentäter, der ihr Heimatland in die Luft sprengen wolle. Unterstützung findet sie in Connors konservativer Kollegin Meredith Montgomery, mit deren Hilfe sich die Verleumdungen auf absurde Art und Weise wie ein feinmaschiges Netz über die ganze Stadt legen, bis selbst die katholische Kirche mit Pfarrer MacGowan ihren Nutzen daraus zieht. Auch Hazel Blackwell, eine junge Gärtnerin, wird in den Strudel von Irrglauben, Intrigen und Spekulationen um die innere Sicherheit hineingezogen, denn mit seinen unkonventionellen Glaubensvorstellungen und mysteriösen Pflanzenexperimenten übt der Fremde eine unerklärliche Anziehungskraft auf die junge Frau aus. Kann Hazel Connor trauen? Warum verfolgen sie furchterregende Träume, seit der fragwürdige Lehrer aufgetaucht ist? Was glaubt dieser in der sagenumwobenen Höhle des Felsengottes Fairtheoir Túláin zu finden? Und welches Geheimnis verbirgt sich hinter seinen aquamarinblauen Augen, in denen ein mystisches Feuer zu lodern scheint? Hazel kann sich seinem Zauber nicht entziehen und gerät zwischen die Fronten aus Frieden und Fremdenhass.
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Seitenzahl: 506
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Mira Birkholz
Dolúrna
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Gerüchte
2 Ankunft in Portmullen
3 Misstrauen
4 Aquamarinfarbene Höhlen
5 Die Pflanzliste
6 Das Geheimnis des Heliotrops
7 Spionage
8 Der große Plan der Götter
9 Pflanzenmedizin
10 Hazels Traum
11 Der Keltische Jahreskreis
12 Böse Saat
13 Der große Plan der Mary MacFarlane
14 Mrs. Montgomerys Manipulationsmethoden
15 Von Drogen und Dämonen
16 Versuchung
17 Die Zeit steht still
18 Kirchen-Komplott
19 Flucht vor der Flut
20 Boykott
21 Ausflug mit einer Schlange
22 Verlorene Seele
23 Ein Opfer für die Götter
24 Und führe uns nicht in Versuchung…
25 Lucy im Visier
26 Verletzt
27 Neighbourhood Watch
28 Dämonenzauber
29 Schwarze Schatten
30 Auf der Flucht
31 Verrat!
32 Die Mission
33 Teuflische List
34 Seerettung
35 Hetzrede
36 Das goldene Amulett
37 Ein unglaublicher Verdacht
38 Dolúrna
39 Ogham-Zeichen
40 Eine Lüge für den Pfarrer
41 Ein Wunder
42 In der Falle
43 Pakt mit dem Pfarrer
44 “Greater love hath no man than this…”
45 Frieden
Impressum neobooks
„Hey, Jamie“, hallte es laut über den Hof, „hilfst du mir, die Töpfe von der Palette zu heben?“
„Hast wohl nicht genug gefrühstückt, Hazel?!“, lachte Jamie und schlenderte breit grinsend auf sie zu.
Die grüne Hose schmiegte sich eng an seinen Körper und ließ keinen Zweifel daran, dass Jamie mit einer Muskelmasse gesegnet war, die Ihresgleichen suchte. Das Becken leicht vorgeschoben bewegte er sich lässig über den Hof.
„Na, komm‘ schon!“, drängte Hazel.
Als Jamie endlich vor ihr stand, hielt sie ihrem Kollegen den gewölbten Bizeps unter die Nase. „Von wegen zu schwach! Ist das etwa nichts?!“
Trotzig warf sie ihre dunklen Haare in den Nacken und blinzelte ihn böse an.
„Na ja, ist nicht schlecht“, gestand Jamie, „für eine Frau…“
Und schon musste er den Kopf einziehen, um Hazels vermeintlichem Schlag auszuweichen.
„Pass‘ auf, was du sagst!“, drohte sie mit erhobenem Zeigefinger und versuchte, sich das Lachen zu verkneifen.
„Ich liebe es, wenn du wütend bist, Hazel Blackwell!“, stellte Jamie vergnügt fest und legte kumpelhaft den Arm um die Schulter seiner Kollegin.
Gemeinsam zogen sie den Hubwagen mit der schweren Holzpalette in den Verkaufsbereich, wo Caitlin bereits Platz geschaffen hatte.
„Ich hab‘ uns Jamie mitgebracht!“, verkündete Hazel stolz und fügte mit gespielter Demut hinzu: „Männer sind eben doch das stärkere Geschlecht.“
„Komm‘, Hazel, albere nicht rum“, schalt Caitlin, „bestimmt kommt gleich Magnus um die Ecke und schimpft, weil wir noch nicht fertig sind.“
„Ach, der soll sich nicht immer so aufregen!“, schimpfte nun Hazel über ihren Chef, der von seinen Mitarbeitern verlangte, dass sie in Windeseile perfekte Ergebnisse präsentierten.
Magnus Hartmann war aus Deutschland eingewandert und hatte vor gut zehn Jahren die Baumschule in Portmullen eröffnet. Niemand wusste so genau, warum er sich gerade diesen entlegenen Ort in Schottland ausgesucht hatte. Gab es nicht Gegenden, in denen günstigere Klimabedingungen herrschten und ein größerer Umsatz zu erwarten war, weil dort mehr Menschen lebten? Menschen, die wohlhabender waren, größere Gärten mit fruchtbareren Böden besaßen und die entsprechende Leidenschaft, jedes verfügbare oder nicht verfügbare Pfund in Pflanzen zu investieren?
Seit Jahren munkelten die Einwohner Portmullens, Magnus sei geflohen. Vielleicht vor dem Gesetz, einer Frau oder gar vor sich selbst. Mit großer Skepsis beobachtete man das Wirken dieses Mannes, der in all den Jahren immer ein Fremder geblieben war.
Hazels Chef schien nicht mit sich im Reinen zu sein. Dauerhaft unzufrieden wirkte er, gehetzt und ungeduldig. Niemals kam er zur Ruhe. Von morgens bis abends eilte er durch den Betrieb, zu Kunden, zu Lieferanten. Und je geschäftiger er war, desto mehr verwandelte sich sein Umfeld in ein heilloses Durcheinander von schmutzigen Werkzeugen, liegengelassenem Schnittgut und vergessenen Arbeitshandschuhen, die sich über das gesamte Baumschulgelände verteilten. Das Chaos, das er regelmäßig hinterließ, wünschte er wortlos von seinen Mitarbeitern beseitigt zu wissen. Ebenso verlangte er stillschweigend, dass sie Gespräche aller Art vermieden. Magnus war misstrauisch und vermutete hinter jedem Wort seiner Angestellten Privatgespräche, die sie von der Erledigung ihrer Arbeit abhielten. Dieses Misstrauen führte dazu, dass morgens keine Zeit für die notwendige Besprechung und Organisation einzelner Arbeitsbereiche blieb, denn alle Mitarbeiter stoben wie Hühner vor dem Fuchs in alle Richtungen davon, sobald Magnus aus irgendeinem Gebüsch gehuscht kam.
Hazel fand dieses Verhalten lächerlich, obwohl auch sie sich von den Kollegen fernhielt, wenn Magnus unverhofft auftauchte. Warum mussten erwachsene Menschen vor einem Mann fliehen, der nicht zu begreifen schien, dass die Arbeit zu zweit oder in Gruppen sich viel effektiver gestaltete? Das menschliche Miteinander, das Gespräch zwischen Menschen setzte Energien frei, aus denen Kreativität und Motivation erwuchsen! Doch diese ließ Magnus nicht zu.
Hatte das wirklich etwas mit der Selbstdisziplin zu tun, die man hier in Portmullen den Deutschen nachsagte? Bedeutete Selbstdisziplin den Verzicht auf zwischenmenschliche Beziehungen? Den Verzicht auf Dinge, die man sich nur kaufte, weil sie einem gefielen, obwohl man sie nicht brauchte? So wie die schönen keltischen Ohrringe, die Hazel gestern im Ort erstanden hatte? Beinhaltete Selbstdisziplin, dass man sich keinem Menschen öffnen durfte? Niemals sein Selbst preisgeben oder die Kontrolle über sich verlieren? Niemals weinen? Niemals vor Glück die Welt umarmen? Nein, das war nicht Hazels Mentalität!
Wenn es ihr – im Gegensatz zum Großteil der Bewohner Portmullens – auch völlig gleich war, woher ein Mensch stammte, so blieb doch auch Magnus ihr ein Rätsel.
Wie konnte man fröhlich und friedlich miteinander leben, wenn die Menschen sich jede Freude verwehrten, nicht miteinander sprachen, lachten und Dinge erschufen. Wenn sie sich keine Ruhe gönnten, keine Zeit zum Leben und zum Träumen? Wo blieb denn in all dieser hektischen Betriebsamkeit der Lebenssinn?
„Fass‘ mal mit an, Hazel!“, riss Caitlin sie aus ihren Gedanken.
„Du hast schon wieder geträumt, was?“, neckte Jamie.
„Wenn ich bloß wüsste, ob ich der Auserwählte bin!“
Grinsend musterte Jamie seine Kollegin.
Hazel war einen Kopf kleiner als er, ungewöhnlich breitschultrig für eine Frau, kräftig, aber doch geschmeidig in ihren Bewegungen, wie die Fischotter, die sie an der Küste beobachtet hatten. Ihre Haare glänzten in einem dunklen Braun und trugen einen Hauch Widerspenstigkeit zur Schau, die das Spiegelbild ihres Wesens darstellte. Hazels braune Augen ließen Jamie an zwei reife Haselnüsse denken, und regelmäßig zog er sie damit auf. ‚Hasel-Äuglein‘ nannte er sie spöttisch, worauf sie sich stets wütend auf ihn stürzte.
Ja, Hazel hatte etwas Burschikoses an sich, etwas Wildes. Doch das machte sie für Jamie umso attraktiver.
„Glaubst du ernsthaft, ich träume von dir?“
Beim Lachen warf Hazel ihr Haar über die Schulter, damit es ihr nicht die Sicht auf den großen Terrakotta-Topf nahm, den sie mit Jamie und Caitlin vorsichtig von der Palette hob und in ein Regal stellte.
„Von mir träumt doch jede Frau!“, strahlte Jamie, während er unter leichtem Schnaufen den schweren Kübel absetzte.
„Darauf kannst du lange warten!“, erklärte Hazel, strich sich das Haar aus dem Gesicht und band mit geübten Fingern ihren Zopf neu.
„Sie träumt von einem Mann mit blauen Augen!“, schaltete sich Caitlin triumphierend ein und erntete einen bitterbösen Blick von Hazel.
Erstaunt hob Jamie die Augenbrauen.
„Meine sind grün“, stellte er nachdenklich fest.
„Siehst du?!“, konterte Hazel. „Schon bist du raus!“
„Und sie müssen unbedingt blau sein? Ich kann mir doch blaue Kontaktlinsen besorgen, Hasel-Äuglein!“
„Das ist nicht das gleiche!“, behauptete Caitlin lachend.
„Dann bräuchtest du nämlich noch ein schwarzes Toupet und geschmeidige Handprothesen, die Hazel zärtlich streicheln können!“
„Du glaubst, das kann ich nicht?!“, empörte sich Jamie.
„Keine Ahnung!“, Caitlin lief rot an.
Forsch griff Hazel seine Hand und begutachtete sie.
„Viel zu rau!“, befand sie kritisch.
„Und einen silbernen Ring trägst du auch nicht!“, bemerkte Caitlin.
„Wieso Ring?“
„Na, Hazel hat doch geträumt, dass…“
„Jetzt ist aber Schluss!“, protestierte Hazel zornig. „Dir werde ich noch mal was anvertrauen, Caitlin!“
„Ach, Hazel, das war doch bloß Spaß!“
„Geheimnisse erzählt man nicht weiter! Auch nicht aus Spaß!“
Wütend und verletzt drehte Hazel sich um, und fast wäre sie Magnus in die Arme gelaufen, der soeben hinter dem mächtigen Buchsbaum-Kegel hervor hüpfte, flink und hurtig wie ein Mauswiesel.
Ließ der Name „Magnus“ auch einen hünenhaften Nordländer vermuten, so hatte der deutsche Chef doch eher die Statur eines kleinen schwedischen Trolls, die es ihm umso leichter machte, sich nicht nur vor seinen Mitarbeitern, sondern auch vor vermeintlichen Kunden zu verstecken. Denn zu seinem Misstrauen gesellte sich die Scheu vor Menschen. Vielleicht hatte Magnus sich deshalb nach Schottland zurückgezogen. Hier am Mull von Kintyre konnte man stundenlang durch die Landschaft streifen, ohne einem Menschen zu begegnen.
Nun aber trat er auf seine Mitarbeiter zu, um sie daran zu erinnern, wer hier das Sagen hatte.
„Jamie“, begann er vorwurfsvoll, „du solltest doch die Bäume anbinden! Im Sturm fallen die alle um, und wenn sie Schaden nehmen, können wir sie gleich verschenken!“
Jamie sah zu Hazel und verdrehte die Augen, so dass sie schon fast wieder lachen musste.
„Ja, mach‘ ich gleich“, beruhigte er Magnus, fügte aber hinzu, „ich helfe nur eben den Mädels mit den schweren Töpfen.“
„Das kann ich auch“, erwiderte Magnus und riss Jamie den Kübel aus der Hand.
„Caitlin“, sprach er weiter, „hat schon jemand die Saisonpflanzen gewässert? Das ist bei Sonne und Wind das Wichtigste!“
„Nein, äh, ich wollte erst“, stammelte sie nervös, „ich mach‘ das eben.“
Und schon blieb Hazel mit dem gehetzten Magnus zurück, der von ihren breiten Schultern auf einen Rücken schloss, der auch den schweren Kübeln gewachsen war. Mit etwas Selbstdisziplin ginge es schon. Und mit Tempo!
Nach knappen zehn Minuten stand der letzte Topf im Regal, und Magnus sprach belehrend:
„Siehst du, so schnell kann man abladen und wegräumen! Da braucht man nicht zu dritt hier rumstehen und lange reden!“
Mit einer forschen Handbewegung wies er auf die Reihe Kübel, die lieblos angeordnet das Regal ausfüllte.
„Die Ware muss immer so präsentiert werden, dass die Kunden sie gut sehen können!“
Hazel stand mit vor Anstrengung geröteten Wangen vor dem kleinen Mann und kämpfte gegen ihre Wut im Bauch und den Schmerz im Rücken, während ihr Chef ruckartig den Hubwagen wendete und plötzlich ein großer Terrakotta-Kübel ins Wanken geriet. Hazel stürzte darauf zu, doch dieser hatte bereits den Rückweg zur Palette angetreten, auf der er mit lautem Knacken und Krachen in unzählige Stücke zerbarst.
Mit geweiteten Augen starrte Magnus auf Hazel, auf den Topf und wieder auf Hazel.
„Du darfst sie nicht zu nah an den Rand stellen!“
Daraufhin kehrte Magnus ihr den Rücken zu und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Nur nicht so lautlos, denn noch vom Hof her konnte Hazel die scharfe Stimme ihres Chefs vernehmen, die ohne Unterlass leise Verwünschungen auszustoßen schien.
„Der spinnt doch!“, rief nun auch Hazel, die ihre Wut nicht länger unterdrücken konnte.
Caitlin kam herbeigeeilt, nicht ohne hastig den Kopf in alle Richtungen zu wenden, um ja nicht ins Blickfeld des tobenden Chefs zu gelangen.
„Es tut mir so leid, Hazel!“, jammerte sie.
„Dass ich den schönen Topf kaputtgeschmissen habe?!“
Unwirsch strich Hazel sich eine verschwitzte Haarsträhne aus dem feuchten Gesicht. Weiße Terrakotta-Spuren auf der Wange und in ihrem Pullover zeugten von unkontrollierten Bewegungen, die Magnus mit seinem Tempo forciert hatte.
„Quatsch! Ich meine, ja, das auch, dass er kaputt ist, der Topf, äh, nein, ich meine das mit deinem Traum! Dass ich es verraten habe.“
Kläglich sah Caitlin sie an.
Mit ihrem spitzen Gesicht und dem feinen blonden Haar wirkte sie wie ein kleines Mäuschen, das sich vor der Katze duckte. Ihre Finger verknoteten sich ineinander, während ihre hellen Augen hastig von Hazels Gesicht zu ihren Füßen huschten.
„Ich wollte doch auch mal was Freches sagen“, erklärte sie kleinlaut und senkte den Blick.
„Zu Jamie, meine ich.“
Überrascht blickte Hazel sie an.
„Du bist doch nicht etwa?“ Hazel brach in Gelächter aus. Caitlin schüttelte heftig den Kopf.
„Du bist tatsächlich in Jamie verknallt!“ stellte Hazel prustend fest.
„Ach, Quatsch.“
„Wieso?! Ist doch aufregend, Caitlin!“, strahlte Hazel ihre Kollegin an.
„Komm‘, das müssen wir ihm gleich erzählen!“
„Wehe, Hazel! Wehe, wenn du das tust!“
Entsetzt blickte Caitlin in zwei unschuldig wirkende Haselaugen.
„Du hast mich doch auch verraten“, grinste Hazel herausfordernd.
„Das tut mir ja auch leid!“
Unglücklich senkte Caitlin den Blick und pulte nervös das Preisschild von einem der Töpfe. Hazel hatte Mitleid mit ihrer Kollegin, die sich immer kleiner machte als sie ohnehin schon war.
„Ach, vergiss‘ es einfach. Frieden, okay?!“, schlug sie vor, und Caitlin nickte erleichtert.
„Ich find’s total spannend, dass du in Jamie verliebt bist!“
„Ach, das hat wohl nicht viel Sinn“, befürchtete Caitlin. „Er steht doch auf dich. Und dann ist da ja noch Emily.“
Emily war Caitlins achtjährige Tochter, deren Vater vor vier Jahren verschwunden war. Eines Morgens war Caitlin erwacht, und außer einer kurzen Notiz „Such mich nicht! Jake“ hatte er nichts zurückgelassen. Doch, seine kleine Tochter, die Caitlin über alles liebte.
„Wenn Jamie keine Kinder mag, wird aus uns sowieso nichts! Emily wird bei mir immer an erster Stelle stehen“, erklärte Caitlin.
„Bevor ich mich auf einen neuen Mann einlasse, muss ich mir schon ziemlich sicher sein, dass er zu uns passt. Emily soll sich nicht andauernd umgewöhnen, nur weil ich mich in den falschen Mann verliebt habe! Sie ist so labil, seit Jake verschwunden ist. Es reicht schon, dass sie nach den Sommerferien einen neuen Klassenlehrer bekommt.“
„Willst du den etwa auch mit frechen Bemerkungen locken?“, fragte Hazel übermütig.
„Natürlich nicht!“; Caitlin wehrte entschieden ab.
„Wer ist er denn? Dein Mr. Winter?“
„Nein, „mein“ Mr. Winter ist in Pension gegangen. Der wird Emily nicht mehr ärgern. Wenn ich daran denke, wie er mich in Mathe schikaniert hat, könnte ich ihm noch heute vor sein Holzbein treten!“
„Caitlin!“, rief Hazel überrascht. „Du kannst ja richtig zur Furie werden!“
„Ja, und wenn dieser neue Lehrer Emily auch nur ein Haar krümmt, dann…“
„Glaubst du, er hat auch ein Holzbein?“, kicherte Hazel.
„Nein, aber er kommt nicht von hier.“
„Was ist daran so schlimm?“
„Eigentlich nichts. Aber es wird erzählt, er komme aus Frankreich!“
Mit großen Augen sah Caitlin ihre Kollegin an und erwartete einen Ausruf des Erstaunens, wie sie ihn von den Eltern in Emilys Klasse gehört hatte, doch Hazel blieb gelassen.
„Ist doch schön. Dann kann er ihnen Französisch beibringen.“
„Aber er unterrichtet doch Biologie und Geschichte!“
„Na und? Dann lernen sie eben was über französische Bienen und Blumen“, grinste Hazel, „und über die Französische Revolution sowieso.“
„Hoffentlich kommt es in der Schule nicht zur Revolution!“
„Warum?“
„Das Kollegium steht dem Fremden misstrauisch gegenüber. Und die Eltern auch.“
„Mensch, Caitlin! Frankreich ist doch quasi nebenan! Glaubst du, der kommt aus einer Höhle gekrochen?!“ Hazel hielt sich den Bauch vor Lachen.
„Nein, das nicht“, räumte Caitlin ein, „aber ein Fremder ist er doch!“
„Bevor ich hier angefangen habe zu arbeiten“, bemerkte Hazel spitz, „war ich für dich auch eine Fremde!“
„Ja, schon. Aber du kamst immerhin aus England!“
„England ist auch nur einen Katzensprung von Frankreich entfernt! Einmal über den Kanal schwimmen – zack – und schon bist du da!“
„Ja, das kannst du vielleicht, Hazel! Du bist die große Schwimmerin, aber Grenze bleibt Grenze. Und er kommt ganz aus Dijon!“
„Ach, Caitlin! Gebt ihm doch erst einmal eine Chance! Vielleicht ist er ja ganz nett. Ist doch völlig egal, wo er herkommt, solange er seinen Job gut macht!“
„Du hast leicht reden! Du hast ja kein Kind.“
„Na, ihr beiden?!“
Plötzlich raschelte es im Buchsbaum, und Jamies freches Gesicht kam zum Vorschein.
„Habt ihr auch schön die Blümchen gegossen? Und die Töpfchen hübsch aufgestellt? Ups, was ist denn das? Lauter Scherben! Hat mein Hasel-Äuglein einen Wutanfall bekommen?“
„Den bekomme ich gleich, wenn du nicht sofort verschwindest!“
Hazel hob eine Scherbe auf und warf damit nach Jamie.
Caitlin stand wie angewurzelt und strahlte ihn an.
„Sieh‘ doch nur“, rief Hazel, „Caitlin hat viel schönere Augen als ich! Das sind echte Himmels-Äuglein!“
Caitlin wurde rot.
„Wie ein Engel sieht sie aus! Ist dir das noch nie aufgefallen?“
Jamie drehte sich um und musterte Caitlin. Er grinste über das ganze Gesicht.
„Engelchen und Teufelchen!“, spottete er und suchte das Weite, bevor ihn Hazels nächste Scherbe treffen konnte.
„Ist er nicht süß?!“, schwärmte Caitlin.
„Na ja“, überlegte Hazel, „ein bisschen schon. Aber keine Angst, Caitlin, Mr. Blue-Eye bleibt mein Traummann!“
Die Abendsonne tauchte die Gipfel der fernen Berge in ein rotgoldenes Licht und ließ das Weidegras hinter dem Haus frischgrün leuchten. Am Bach beugte sich die Krone einer windzerzausten Erle über das Wasser, als wollte sie im Abendlicht ihr Spiegelbild betrachten, während ihr langer Schatten sich auf der Wiese ausbreitete wie ein überdimensionales Wesen aus einer anderen Welt.
Connor hob die Hand über die Augen, damit ihn die untergehende Sonne nicht blendete, und schritt barfuß durch das feuchte Gras, um zu einer Reihe von Sträuchern zu gelangen, die sein Land von dem seiner Nachbarn trennte. Wie Connor vermutet hatte, handelte es sich um Haselnusssträucher. Er lächelte. Natürlich waren es Haselnusssträucher. An den Zweigen erkannte er bereits jetzt im Spätsommer die Fruchthüllen mit ihren kleinen hellgrünen Nüssen darin. Sanft strich Connor mit dem Zeigefinger über ihre noch weich behaarte Schale. Erneut wandte er sich der Sonne zu und griff nach dem goldenen Amulett, das er an einem schwarzen Lederband um den Hals trug. Connor streckte es der Sonne entgegen und sprach fremdartige Worte, die Mrs. MacFarlane nicht verstehen konnte.
Ein seltsamer Mann. Das hatte sie ja gleich gewusst, doch Matthew hatte ihr nicht glauben wollen. Hier war der Beweis! Anstatt sich im neuen Heim häuslich einzurichten, lief er ohne Schuhe ziellos über die Wiese, starrte in den Himmel, befühlte Gebüsche und sprach nun zu allem Überfluss auch noch fremde Worte in die Luft. Ja, er führte Selbstgespräche! Und etwas Glänzendes hielt er in die Sonne, so dass ihr Schein sich in seinem Gesicht spiegelte. Seltsame Muster schimmerten auf seiner Haut und ließen ihn wie vergoldet erscheinen.
Mrs. MacFarlane rieb sich die Arme. Sie fröstelte in ihrer Kittelschürze. Wie gut, dass der neue Nachbar so vertieft war in sein merkwürdiges Spiel. Dadurch hatte er sie hinter den dicht belaubten Büschen nicht bemerkt. Das musste sie unbedingt Matthew erzählen! Und wehe, er glaubte ihr wieder nicht. Doch vorerst musste sie hier ausharren, denn der Fremde durfte sie unter keinen Umständen bemerken, während sie zum Haus zurückging. Und verpassen wollte sie auch nichts.
Connor hielt seine Augen geschlossen und spürte den warmen Widerschein der Sonne auf seiner Stirn. Ohne nachzudenken setzte er einen Fuß vor den anderen und bewegte sich langsam vorwärts. Dabei streckte er weiterhin das Amulett in das rotgoldene Licht.
Vielleicht ist er betrunken, überlegte Mrs. MacFarlane. Oder er hat Drogen genommen. In wirren Schlangenlinien stakste er durch das Gras wie ein Storch, der zu viel Whisky getrunken hatte. Insgeheim musste sie bei diesem Gedanken lachen.
Plötzlich blieb er stehen. Langsam öffnete er die Augen und sah sich um. Connor stand nun am Ende seines Landes, nah am Bach, der sich hier wie ein Kind durch das Gras schlängelte, um als ausgewachsener Mann in den Portmullen Loch zu münden. Vermutlich lag unweit von hier seine Quelle. Connor war zuversichtlich. Das war der richtige Ort. Eine Markierung brauchte er nicht zu hinterlassen. Blind würde er ihn wiederfinden. Er steckte das Amulett unter sein kariertes Flanellhemd und nahm nun den Hunger wahr, der ihn zum Haus zurückführte. Doch was war das? Der Schrei eines Vogels? Connor blickte um sich. Nur das Rascheln des Haselnusslaubes im stetigen Wind war zu vernehmen. Seltsam, überlegte er. Connor hätte schwören können, dass es sich um den Laut eines Menschen gehandelt hatte.
Plötzlich hörte er eine dunkle Männerstimme rufen.
„Mary! Mary, wo bist du denn?!“
Keine Antwort.
„Mary!“, erklang die Stimme nun näher an Connors Ohr.
„Mary, ich hab‘ Hunger! Komm‘ rein!“
Da erblickte Mr. MacFarlane den neuen Nachbarn.
„Oh, guten Abend, Mr. Wood! Sie sind doch Mr. Wood, nicht wahr?“
Connor wendete den Kopf und sah einen kleinen rundlichen Mann mit zerschlissener grüner Cordhose und grauem Hemd, das ihm vorne aus der Hose gerutscht war. Darunter lugte ein strammer Kugelbauch hervor. Auf dem Kopf trug der Mann eine alte Schiebermütze aus kariertem Tweed, und sein Gesicht war rot gefärbt von Wind und Wetter. Vielleicht auch vom Whisky. Weiße Bartstoppeln wirkten wie bereiftes Gras in einer winterlichen Moorlandschaft. Mit großen grünen Gummistiefeln kam er mühsam auf Connor zugestapft, um ihm über den Weidezaun eine grobe Hand zu reichen.
„Willkommen auf Kintyre!“, begrüßte Mr. MacFarlane ihn freundlich, kletterte ächzend über den Maschendraht und erklärte: „Ich bin Matthew.“
„Danke, Matthew, ich bin Connor.“
„Connor, hast du meine Frau gesehen? Im Haus ist sie nicht. Bleibt also nur der Garten“, schlussfolgerte Matthew und fügte verschwörerisch hinzu: „Markttag ist ja erst übermorgen!“
Connor schmunzelte. Das hatten wohl alle Märkte gemeinsam. Alte tratschende Dorffrauen, die den halben Tag mit Geschwätz über Nachbarn und vermeintliche Freunde auf dem Wochenmarkt zubrachten.
„Nein“, erwiderte er, „ich habe sie nicht gesehen. Aber Moment, ich habe etwas gehört!“
Plötzlich raschelte der Wind heftig in den Haselnusssträuchern, und Mary MacFarlane trat hervor. Mit den Händen wischte sie abgerissene Blätter von der Kittelschürze fort und strich verlegen ihren Rock glatt. Dann richtete sie ihre grauen Haare, in denen kleine Zweige steckten wie der Kopfschmuck einer Geisha.
„Mary!“, rief Matthew überrascht. „Wo hast du dich denn herumgetrieben?!“
Sein schallendes Gelächter drang mit dem Wind bis hinüber zur Bucht von Portmullen.
Böse funkelte sie ihren Ehemann an.
„Ich habe nachgesehen“, zischte sie, „ob die Nüsse schon reif sind.“
„Aber Mary“, wunderte sich Matthew, „wir haben August!“
„Na und“, erwiderte sie schnippisch, „manchmal spielt die Natur eben verrückt.“
„Solange du nicht verrücktspielst!“, lachte Matthew und zeigte mit dem Finger auf einen dichtbelaubten Zweig, der vorne in Marys Haussandale steckte.
„Hast du denn alles gesehen, was du wolltest?“
„Ich habe nur nach den Nüssen gesehen!“, behauptete sie trotzig und warf ihren Kopf in den Nacken. Dabei sah sie mürrisch an Matthew vorbei und begegnete ungewollt Connors Blick, der stumm die Szene verfolgt hatte.
„Hallo, Mrs., äh, Mary! Ich bin Connor. Connor Wood“, stellte er sich freundschaftlich vor und streckte ihr die rechte Hand entgegen.
„Guten Tag, Mr. Wood“, sprach sie steif und verschränkte die nackten Arme vor der üppigen Brust, die sich wie ein Verteidigungswall hinter der bunt gemusterten Kittelschürze aufbäumte.
„Ich bin Mrs. MacFarlane“, erläuterte sie und ließ keinen Zweifel daran, dass sie auf einer förmlichen Anrede bestand.
„Guten Tag, Mrs. MacFarlane“, sprach Connor, „wie schön Sie es hier haben!“
„Ach was, schön“, wehrte sie mit einer abfälligen Handbewegung ab, „hier gibt es immer Arbeit! Hier hat man keine Zeit, unnütz in der Gegend herumzustehen und...“, unterbrach sie sich selbst.
Connor schmunzelte und erklärte: „Ich habe mir den Garten angesehen. Ich werde auf der Wiese einige Bäume pflanzen. Ich hoffe, das stört Sie nicht.“
„Das ist schön, nicht wahr, Mary!?“
Über den Zaun hinweg knuffte Matthew seine Frau aufmunternd in die Seite, doch sie drehte sich unwirsch um.
„Man sagt“, berichtete der Farmer, „vor sechstausend Jahren sei Schottland zu achtzig Prozent von Wäldern bedeckt gewesen! Leider wurden die meisten Bäume zum Heizen verbraucht und für den Schiffs- und Hausbau, so dass es zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nur noch vier Prozent gewesen sein sollen. Stell dir vor, Connor“, freundschaftlich legte Matthew ihm die Hand auf den Arm, „die haben einfach alles abgeholzt!“ Er überlegte. „Na ja, wer will schon frieren?!“
„Matthew, ich friere!“ Das war Marys Stichwort gewesen.
„Dann geh‘ doch schon ins Haus“, schlug ihr Mann vor.
„Ich werde mich noch etwas mit Connor unterhalten.“
„Matthew!“ Drohend bohrte sich Marys Blick in seine Augen.
„Du wolltest doch essen!“
„Stimmt!“, gab er lachend zu. „Aber woher weißt du das? Dann hast du mich also die ganze Zeit rufen hören?!“
Empört stemmte er seine dicklichen Arme in die ebenso dicklichen Hüften.
„Ach, Schluss jetzt“, bestimmte seine Frau, packte ihn energisch am Ärmel und zog ihn von Connor fort. Mühsam stieg er über den Zaun zurück.
„Auf Wiedersehen, Connor!“, rief Matthew über die Schulter, während er unbeholfen hinter seiner resoluten Frau hinterher stolperte.
„Wir reden morgen“, fügte er lachend hinzu, „oder übermorgen!“
Verschmitzt zwinkerte er Connor zu. Übermorgen war Markttag und seine Frau in ihrem Element.
Die Hände in den Hosentaschen vergraben schlenderte Connor nachdenklich zu seinem Haus zurück, das im Dämmerlicht weiß leuchtete. Die Sonne war längst untergegangen und hatte alle Makel im Dunkel versteckt. Graue Löcher im Putz, von den Fensterrahmen abblätternde rote Farbe, einen Sprung im Glas des Küchenfensters und das leicht eingesunkene graue Wellblechdach. Es gab noch viel zu reparieren, fürchtete Connor. Viel lieber wollte er mit der Arbeit im Garten beginnen. Und wer wusste schon, wie lange er hier wohnen würde.
In der Küche beheizte er den alten Herd mit Torfsoden, die in einem geflochtenen Weidenkorb aufgeschichtet waren. Qualmend breitete sich der kräftige Geruch des Torffeuers im Zimmer aus, während Connor in einer schmiedeeisernen Pfanne Rührei zubereitete. Dazu gab es kerniges Bauernbrot und eine Flasche Schottisches Ale. Während er nun am Küchentisch seine erste warme Mahlzeit einnahm, seit er im Cottage eingetroffen war, ließ er den Tag noch einmal Revue passieren.
Bei Sonnenaufgang hatte Connor Llanfairpwllgwyngyll verlassen und war mit seinem Auto die knapp vierhundertvierzig Meilen von Anglesey nordwärts bis nach Portmullen gefahren, wo Mr. Gillespie, der Makler, ihn empfangen und zum Cottage am Rande der Stadt geführt hatte. Nachdem die letzten Formalitäten erledigt worden waren, hatte Connor sein Gepäck ins Haus getragen und flüchtig die drei bescheiden möblierten Zimmer des alten Cottages begutachtet. Da die kleinen staubigen Fenster aber so wenig Licht hereinließen, hatte Connor nichts mehr im Haus gehalten. Er war durch die hintere Küchentür hinaus in das Sonnenlicht getreten, hatte tief die salzige Seeluft eingeatmet und war neugierig durch den Garten gestreift.
Zu beiden Seiten der Holztür befanden sich schmale Beete, die einst mit Malven bepflanzt worden waren, welche nun aber eine wilde Gemeinschaft mit allerlei Zuwanderern aus der freien Landschaft eingegangen waren. Daran schloss sich eine Rasenfläche an, in der ebenfalls die wilden Verwandten die Regie übernommen hatten. Dadurch war die Gleichförmigkeit der Grünfläche verloren gegangen, und deutlich konnte Connor unterschiedliche Blattstrukturen und Farbschattierungen wahrnehmen. Vereinzelt wuchsen Heide- und Heidelbeersträucher dazwischen, die sich eng an den Boden schmiegten, damit der frische Seewind sie nicht auspeitschen konnte. Das hatte er bereits mit der Reihe Ebereschen getan, die grau und struppig, mit Flechten besetzt, der Naturgewalt standhielten und wie zum Trotz besonders üppig mit leuchtend orangeroten Früchten behängt waren.
Connor lächelte. Sie waren also schon da. Ansonsten gab es einige Bäume weiter hinten auf der Weide, die wohl einst einer Schafherde als Futterplatz gedient hatte. Davon zeugten vertrocknete schwarze Hinterlassenschaften, mit denen Connor seine Neuanpflanzung düngen wollte.
Er hatte seine Hemdsärmel aufgekrempelt und im Schuppen nach einem Spaten gesucht. Nur knapp war er dem Angriff einer metallenen Gießkanne entkommen, die sich aus einem der Regale auf ihn gestürzt und die komplette Webarbeit einer ganzen Spinnenkolonie mit sich geführt hatte. Doch nachdem Connor seine Haare von den feinen Fäden befreit und die Kanne nach draußen vor die Tür gestellt hatte, war er zwischen verrosteten Werkzeugen und alten Ackergeräten sehr bald auf einen Spaten gestoßen. Damit hatte er hinter dem Haus auf der Wiese ein Loch gegraben und den Erdaushub betrachtet. Sorgfältig hatte Connor an der Erde gerochen und sie zwischen den Fingern geknetet und zerrieben, bis er zu dem Schluss gekommen war, dass es sich um ausreichend fruchtbaren Boden handelte, der seinem Zweck dienen würde.
Als die Sonne sich langsam den Berggipfeln genähert hatte, war Connor barfuß die Wiese hinunter gelaufen und hatte nach dem passenden Standort gesucht.
Während Connor die letzten Brotkrümel vom Teller sammelte, erinnerte er sich wieder an die neugierige Mrs. MacFarlane im Haselbusch. Hatte sie wohl das Ritual mit dem Amulett beobachtet? Sicherlich hielt sie ihn für verrückt, und noch bevor er seine Arbeit antrat, würde der halbe Ort davon überzeugt sein, er sei ein irrer Fremder, der tagsüber mit der Sonne sprach und nachts den Mond anheulte. Connor schüttelte lachend den Kopf.
Plötzlich überfiel ihn eine steinerne Müdigkeit. Schwerfällig erhob er sich von dem abgestoßenen Holzstuhl, auf dem ein gelbgrün geblümtes Sitzkissen lag, dessen Stoffbezug in der Mitte schon durchlässig war wie ein Sieb. Genüsslich streckte Connor sich, verzichtete auf das Zähneputzen im winzigen Bad und legte sich mit seinem Schlafsack auf das wenig Vertrauen erweckende alte Bett, auf dem möglicherweise der Vorbesitzer des Hauses verstorben war. Wo mochte seine Seele heute Nacht sein? Vielleicht würde Connor ihr begegnen, überlegte er schläfrig. Doch nicht immer erkannte man die Seele eines anderen. Und nur ganz selten kam es vor, dass man die Seele eines einst geliebten Menschen wiedertraf. Connor lächelte in die Dunkelheit hinein. Eines Tages würde er ihr begegnen.
Mit einem blauen Baumwollpullover bekleidet, dazu Jeans und sportliche Freizeitschuhe, stand Edwin Guthrie im Lehrerzimmer vor dem versammelten Kollegium der Portmullen Junior School. Um seinen Hals hing an einem Band eine braungeränderte Brille, die vor seiner Brust fröhlich hin und her pendelte, während er Connor kräftig die Hand schüttelte.
„Und damit begrüße ich Sie im Namen aller Kolleginnen und Kollegen herzlich an unserer kleinen Schule, Mr. Wood!“, beendete der Schulleiter seine Begrüßungsrede.
Alle Umstehenden applaudierten und schüttelten Connor der Reihe nach die Hand.
„Vielen Dank, ich werde mein Bestes geben, um ihrem guten Ruf gerecht zu werden, von dem mir mehrfach berichtet wurde, seit ich vor vier Tagen in Portmullen eingetroffen bin.“
Tatsächlich hatte Matthew ihn darüber aufgeklärt, es würde im Ort spekuliert, ob er wirklich der passende Nachfolger für den pensionierten Mr. Winter sei, der schließlich auf Kintyre geboren war und bis auf die Zeit seines Studiums in Glasgow hier gelebt hatte. Die Leute seien misstrauisch gegenüber diesem „Fremden“, wie sie ihn nannten und fürchteten, er könne der Ausbildung ihrer Kinder schaden. Wer wusste schließlich, ob er korrekt Englisch sprach? Und was trieb ihn überhaupt von Frankreich nach Schottland, fragten sich nicht nur die betroffenen Eltern.
Mary vermutete das Schlimmste, hatte Matthew erzählt und sich ausgeschüttet vor Lachen, als er Connor von ihrer Theorie berichtet hatte. Mary glaube, Connor gehöre einer Sekte an und sei des Landes verwiesen worden, weil er mit Zauberei versucht habe, das Böse im Land zu verbreiten. Vielleicht war er so etwas wie ein Terrorist, hatte sie Matthew in der Küche zugeflüstert, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass alle Fenster und Türen verschlossen waren. Mit seiner kräftigen Statur und dem pechschwarzen, lockigen Haar sehe er aus wie einer dieser Attentäter, die in irgendeinem Terrorcamp in einem dieser gefährlichen Länder ausgebildet worden war. Wie einer, der an den islamischen Gott glaubte und sich selbst in die Luft sprengte, damit er sich dessen Gnade würdig erwies. Und nun wolle der fremde Mr. Wood seine radikalen Ideen möglicherweise nach Schottland einschleppen, schließlich habe sie ihn bei seinem Hokuspokus auf der Wiese beobachtet!
Connor hatte Matthew entsetzt angestarrt und keine Worte gefunden.
Doch dieser hatte nur gelacht und ihm erklärt: „Weißt du, Connor, meine Frau hat ihr ganzes Leben in diesem Ort verbracht. Sie wurde hier geboren, ist hier zur Schule gegangen, zugegeben nur wenige Jahre, hat auf dem Hof der Sinclairs Hauswirtschaft gelernt und schließlich einen Mann geheiratet, der ihr nicht die große Welt bieten kann!“
Matthew hatte mit den Schultern gezuckt.
„Dadurch hat Mary nie etwas Anderes kennengelernt, außer des Markttratsches vielleicht“, fügte er kopfschüttelnd ein, „und der Reportagen im Fernsehen, die von Terroranschlägen und der bedrohten inneren Sicherheit unseres Landes berichten.“
„Ihr Weltbild scheint ziemlich verzerrt zu sein“, hatte Connor ernst festgestellt.
„Ja“, seufzte Matthew, „und leider steht sie damit nicht allein. Ihre Freundinnen, die regelmäßig zum Teeklatsch kommen, teilen Marys Meinung und stehen Fremden sehr misstrauisch, wenn nicht gar feindselig, gegenüber.“
„Das erklärt ihr Verhalten im Haselnussgebüsch“, hatte Connor versucht, dem Thema etwas Heiteres abzugewinnen.
Matthew war sich mit beiden Händen über die Augen gefahren, als wollte er fortwischen, was er gesehen hatte.
„Manchmal mache ich mir Sorgen um sie, Connor“, hatte er ihm anvertraut.
„Mary denkt sich Geschichten aus und glaubt schließlich daran. Nun gut, ich könnte vielleicht darüber lachen – wenn sie auf unserem Hof blieben. Aber Mary trägt sie hinaus in den Ort und infiziert andere Menschen mit ihren irrsinnigen Ideen.“
„Willst du damit sagen, Matthew“, hatte Connor halb ernst, halb lachend gefragt, „die Einwohner von Portmullen halten mich für einen Terroristen? Für jemanden, der das Böse bringt?“
Matthew hatte gezögert.
„Wenigstens glauben viele, du seist eine Gefahr für ihre Kinder“, hatte er zügig das Thema beendet und Connor auf den herrlichen Morgen aufmerksam gemacht.
„Ich werde versuchen“, versprach Connor seinen neuen Kollegen, „den Kindern unserer Schule ein guter Lehrer zu sein und sie all das zu lehren, was sie für ihr weiteres Leben benötigen werden.“
Die ältere Dame, die ihm genau gegenüberstand, räusperte sich geräuschvoll.
„Und gerne“, fügte Connor lächelnd hinzu, „werde ich mich mit wertvollen Ratschlägen meiner neuen Kollegen auseinandersetzen.“
Er blickte in die strahlenden Augen einer jungen Frau, die sich ihm bereits als Lucy vorgestellt hatte, noch bevor Mr. Guthrie im Lehrerzimmer erschienen war.
„Herzlich willkommen, Connor! Ich bin Duncan“, beendete nun ein junger Kollege in Jeans und Turnschuhen die Förmlichkeiten und trat erneut an Connor heran, klopfte ihm auf die Schulter und erklärte, er sei im letzten Sommer in Frankreich gewesen und habe sowohl die Kultur, als auch das gute Essen genossen.
„Ja“, bestätigte Connor lachend, „davon gibt es reichlich! Kultur und Essen, meine ich!“
„Und erst die guten französischen Weine!“, schwärmte Duncan und schloss verträumt die Augen, als sehe er die Weinberge wieder vor sich und sitze in einem schummerigen Lokal mit einer Flasche rotem Bordeaux.
„Bevor wir uns nun in privaten kulinarischen Vorzügen ergehen“, warf die ältere Dame spitz ein, „möchte ich Sie bitten, Mr. Wood, etwas über sich zu erzählen. Schließlich wollen wir doch wissen, mit wem wir zusammenarbeiten werden!“
Erstaunt blickte Connor sie an.
„Ja, gerne, Mrs. – wenn Sie mir Ihren Namen nennen würden, könnte ich Sie persönlich ansprechen.“
„Mein Name ist Montgomery“, erklärte sie mit erhobenem Kopf, „Meredith Montgomery.“
„Danke, Mrs. Montgomery, gerne würde ich Ihnen Rede und Antwort stehen“, Connor sah zur Uhr, „aber wenn ich mich nicht täusche, beginnt in wenigen Minuten der Unterricht, und Mr. Guthrie möchte mich zu meiner Klasse begleiten.“
Pikiert sah Mrs. Montgomery an Connor vorbei und sprach: „Die Gelegenheit wird sich zu einem späteren Zeitpunkt bieten.“
„Davon bin ich überzeugt.“
Nachdem Mr. Guthrie den Schülern ihren neuen Lehrer vorgestellt hatte, stand Connor allein vor einer Schar neugieriger Kinder, die ihn mit großen Augen betrachteten.
„Stimmt es, dass du aus Frankreich kommst?“ platzte ein kleiner Junge heraus, nachdem er die Spannung nicht mehr ausgehalten hatte.
„Ja, das ist richtig.“
„Was hast du da gemacht?“ wollte ein Mädchen wissen, dessen Zöpfe fröhlich auf und ab wippten.
„Ich habe dort Kinder unterrichtet. So wie ihr es seid.“
„Und warum bist du da jetzt nicht mehr?“
„Haben die auch gedacht, dass du gar kein Lehrer bist?“
„Wer hat dir denn erzählt, ich sei kein Lehrer?“, fragte Connor überrascht.
„Och, das hat die Lauren meiner Mama erzählt. Und die hat es von Emma.“
„Nein, das war doch Sue, die das erzählt hat, meine Tante!“
„Stimmt nicht, Mrs. Humphrey, die Schneiderin, hat gesagt, dass Mr. Wood ein Zauberer ist!“
Connor lachte.
„So, nun beruhigt euch mal“, bat er. „Natürlich bin ich ein Lehrer, sonst hätte euer Schulleiter Mr. Guthrie mich doch gar nicht eingestellt. Und der ist schließlich selbst Lehrer und muss das wissen.“
„Ja, schon, aber vielleicht hat er nicht gemerkt, dass du zaubern kannst!“
„Wenn ich zaubern könnte, würde ich dafür sorgen, dass ich all eure Namen schon kenne“, lenkte Connor die Kinder ab.
„Wir können ja Namensschilder basteln!“, rief ein groß gewachsenes Mädchen und griff schon nach einem Stück Papier.
„Das ist eine gute Idee“, stimmte Connor zu, „wenn man sich mit Namen anspricht, kann man sich viel besser kennenlernen, und das wollen wir doch, oder?“
„Ja!“, riefen die Kinder im Chor und begannen eifrig, Tischkarten zu basteln.
In der Pause traf Connor auf dem Schulhof Lucy. Sie hatte ihm den Rücken zugekehrt und beobachtete eine Gruppe mehrerer Jungen, die sich balgten wie junge Hunde. In ihrem schmalen weinroten Rock und der weißen Bluse wirkte sie beinahe wie eine zu groß geratene Schülerin in Uniform. Ihr brünettes Haar trug sie im Pagenschnitt, und von Zeit zu Zeit versuchte sie es hinter ein Ohr zu streichen, doch war es dafür nicht lang genug und fiel sofort wieder zurück in ihr Gesicht.
„Hallo, Lucy!“, sprach Connor sie von hinten an, und Lucy schrak zusammen. Sie schlug mit der Hand vor ihre Brust und drehte sich herum.
„Hast du mich erschreckt!“, prustete sie und strich verlegen ihr Haar hinter das Ohr. Sachte glitt die braune Strähne zurück und streichelte mit der hervorstehenden Spitze ihre gerötete Wange.
„Das war nicht meine Absicht.“
Langsam fing Lucy sich wieder.
„Was war dann deine Absicht?“, fragte sie dennoch verunsichert.
„Ich wollte dir nur Gesellschaft leisten“, erklärte Connor und fügte schmunzelnd hinzu, „und dir Rede und Antwort stehen!“
„Keine Sorge, das brauchst du bei mir nicht. Ich lasse mir keine Geschichten erzählen, die aus örtlichen Märchenbüchern stammen.“
Lucy stockte und blickte hastig um sich. Dann fuhr sie leise fort.
„Meredith ist da anders. Sie lässt sich vom Gerede anderer Leute leicht beeindrucken und glaubt am liebsten an das Böse im Menschen.“
„Das klingt, als wäre sie nicht deine beste Freundin!“, stellte Connor trocken fest.
„Das kann man wohl sagen!“, entfuhr es der jungen Lehrerin ungezügelt.
„Als ich hier vor vier Jahren anfing, hat sie behauptet, ich hätte mein Examen nur mit Hilfe besonderer Unterstützung meines Professors bestanden! Dabei hat sie ihre Augenbrauen hochgezogen, als hätte sie persönlich meiner „besonderen“ Prüfung beigewohnt!“, ereiferte Lucy sich.
„Nichts als schmutzige Unterstellungen waren das damals! Ich glaube...“
Erneut blickte Lucy forschend in alle Richtungen, um sich zu vergewissern, dass niemand sie belauschte.
„Ich glaube“, fuhr sie flüsternd fort, „Mrs. Montgomery muss sich vor Mr. Guthrie immer als unfehlbar darstellen, weil sie nicht die pädagogischen Fähigkeiten besitzt, die er von ihr erwartet.“
„Puh, das sind ja Offenbarungen an meinem ersten Schultag! Wie soll ich mir denn nun mein eigenes Bild von der Kollegin machen?!“ Connor grinste.
„Ich glaube“, kicherte Lucy verschwörerisch, „das hast du schon vor der ersten Stunde getan!“
„Wie kommst du darauf?“
„Ich habe dich beobachtet. Deine Augen!“
„Na, da muss ich wohl in Zukunft eine dunkle Brille aufsetzen!“, scherzte Connor.
„Wenn ich so leicht zu durchschauen bin!“
Erstaunt blickte Lucy ihn an. Hatte er wirklich etwas zu verbergen, so wie sie alle behaupteten? Hoffentlich würde er ihre Offenheit nicht zu seinen Gunsten ausnutzen! Ja, war es womöglich Dummheit gewesen, ihm ihre geheimsten Vermutungen anzuvertrauen? Warum nur vertraute sie ihm so blind? Sie kannte diesen Mann doch gar nicht! Welche Fähigkeiten besaß er? Na, das würde sie noch herausfinden.
Plötzlich kam ein Ball geflogen, und Connor konnte ihn gerade noch auffangen. Dem Ball folgte fast ebenso schnell der kleine Tom aus seiner Klasse, der ihn vorhin nach seiner Herkunft gefragt hatte. Seine Wangen waren knallrot vom Fußball spielen, und atemlos fragte er Connor: „Krieg‘ ich ihn wieder?“
„Na klar“, antwortete dieser, „allerdings musst du vorher noch ein Wort sagen!“
Lässig drehte Connor den Fußball auf der Fingerspitze und wartete auf Toms Antwort.
„Äh“, begann er zu überlegen. „Sie meinen den Zauberspruch?“
Mit leuchtenden Augen sah er hinauf zu seinem großen Lehrer. Connor lachte.
„Nein, Tom, ein Wort reicht schon.“
„Äm, Simsalabim?“
Nun lachte auch Lucy, die zwar die Zusammenhänge nicht begriff, sich aber über Toms kleine Stirn amüsierte, die sich in tiefe Denkfalten gelegt hatte.
„Schade, Tom, es kommt kein Hase aus dem Ball gesprungen!“
„Ach, bitte, Mr. Wood!“, bettelte Tom nun ungeduldig.
„Ja, bravo!“, rief Connor. „Das war das richtige Zauberwort!“
Und bevor Tom sich versah, war sein Lehrer mit dem Ball in der Hand zum Rasenplatz gelaufen, wo er einen Einwurf machte, von dem die Kinder ihren Eltern begeistert berichten würden.
„Spielen Sie doch mit, Mr. Wood!“, rief Jason übermütig, und fast wäre Connor seiner Bitte gefolgt. Doch dann besann er sich seines Amtes und Matthews Worte, aus denen er schloss, dass er als „Fremder“ unter ständiger Beobachtung stand. Und tatsächlich erblickte Connor Mrs. Montgomery, die sich zu der staunenden Lucy gesellt hatte und argwöhnisch sein Treiben überwachte.
„Ihr müsst leider ohne mich spielen“, erklärte er den enttäuschten Jungen und kehrte gemäßigten Schrittes auf den Schulhof zurück.
„Mr. Wood“, erklang sofort Mrs. Montgomerys nasale Stimme, „Sie sind an dieser Schule, um die Kinder Disziplin zu lehren und nicht, um sie zu belustigen! Wie sollen sie denn Respekt erlernen, wenn ihr Lehrer wie ein wild gewordener Stier über das Schulgelände rennt und mit ihnen Ball spielt?!“
Das Wort „Ball“ betonte sie mit gerümpfter Nase, gerade so, als handelte es sich um unangenehm riechende Ausscheidungen eben dieses Stiers, mit dem sie Connor verglichen hatte.
„Da haben Sie vollkommen Recht, Mrs. Montgomery“, stimmte Connor ihr zu, „aber haben Sie nicht auch manchmal das Gefühl, Sie müssten zu Ihren Wurzeln zurückkehren und noch einmal Kind sein? Mit allem, was dazu gehört. Neugier, Übermut, Unbefangenheit und Leichtsinn. Für alles offen sein, was das Leben einem bietet! Risiken eingehen, Abenteuer erleben und nicht an das Morgen denken!“
Meredith stand mit offenem Mund auf dem Schulhof. Ihr sorgfältig toupiertes, blondes Haar rührte sich nicht im Wind, denn der dichte Sprühnebel von Haarspray hatte ihm jede Lebendigkeit genommen. Oberhalb ihrer Augen trug Meredith zwei aufgemalte braune Halbmonde, mit denen sie die spärlich ausgeprägten Augenbrauen zu betonen gedachte. Leider wirkten sie aber eher wie traurige Münder zweier Clowns, bemerkte Connor, und verliehen ihr ein maskenhaftes Aussehen. Auch den dazugehörigen Augen fehlte jede Heiterkeit. Starr waren sie auf Connor gerichtet und sprachen von Verachtung. Nervös zuckte der Muskel neben ihrem rechten Nasenflügel. ‚Musculus levator labii superioris alaeque nasi‘ schoss es Connor in den Kopf. Ein Muskel, den das Säugetier zum Zähnefletschen benötigte. Wäre Mrs. Montgomery ein Hund, überlegte Connor, würde sie ihn in diesem Moment anknurren. Vielleicht steckte in ihr die Seele eines Rottweilers oder eines Dobermanns! Möglicherweise erlitt der arme Hund die Strafe, in diesem Körper weiterleben zu müssen. Da hätte Connor auch geknurrt! Fast musste er lachen, riss sich aber zusammen. Diese Sorte Mensch, die Meredith verkörperte, war genau Connors Zielgruppe, und er hoffte stark, dass sein Vorhaben endlich gelingen mochte. Mit dieser Verachtung, mit diesen Vorurteilen würde niemals Frieden herrschen. Vielleicht befand er sich exakt am richtigen Ort für seine Mission, denn in Portmullen schien sich eine massive Front von intoleranten und konfrontationsbereiten Mitmenschen aufgebaut zu haben. Das würde seine Pläne zwar erheblich erschweren, aber möglicherweise ein positives Ergebnis forcieren. Hier bestand wirklich erhöhter Handlungsbedarf!
Nachdem Mrs. Montgomery sich von Connors unglaublicher Äußerung erholt hatte, stammelte sie schließlich: „Mr. Wood, Sie sind ein Kindskopf! Ich weiß nicht, ob Ihr Verhalten und Ihre Ideologie den Erwartungen unserer Schule gerecht werden!“
In diesem Moment ertönte das Klingelzeichen, das die nächste Stunde ankündigte, und Lucy ging widerwillig ins Schulgebäude zurück. Jedoch nicht, ohne sich noch einmal nach Connor umzudrehen. Welch ein außergewöhnlicher Mann.
„Mrs. Montgomery“, sprach dieser nun ruhig, obwohl die Kinder bereits den Schulhof verließen, „es geht nicht um meine Ideologie. Ich möchte die Kinder lediglich zum Lernen motivieren. Und das funktioniert in diesem Alter über ihren Spieltrieb. Spielen macht erfinderisch und neugierig. Es macht die Kinder offen für neue Ideen und baut Schranken ab. In einem durch Unbefangenheit geprägten Umfeld wird es auch dem schwächsten Schüler gelingen, sich für Lerninhalte zu begeistern. Und mit der Begeisterung geht der Erfolg einher, Mrs. Montgomery! Dieser Erfolg wiederum führt zu einem friedvollen Miteinander, denn niemand mehr wird Neid, Versagensängste oder Konkurrenz spüren, die unweigerlich Aggressionen erzeugen. Überlegen Sie doch, Meredith“, geriet Connor immer mehr in Euphorie, während sein Gegenüber angesichts des offenkundigen Authoritätsverlustes sichtlich zusammenzuckte, als Connor sie beim Vornamen nannte.
„Bedenken Sie, dass Aggression keinen Respekt kennt! Und disziplinieren lässt sie sich mit Worten schwer. Gewaltlosigkeit ist mein Ziel, Mrs. Montgomery! Und die erreicht man meiner Meinung nach mit Verständnis, Einfühlungsvermögen und Toleranz. Und mit gelegentlichem Kindsein, denn nur dadurch erhält sich der erwachsene Mensch das Verständnis für die junge Generation und kann sie lehren, durch ein vorurteilsfreies und gewaltloses Miteinander Frieden in der Welt zu schaffen. Und das ist es doch, was wir uns alle wünschen, nicht wahr, Mrs. Montgomery?“
Mit diesen Worten ließ er sie stehen und begab sich zu seinen Schülern, die lärmend durch den Klassenraum liefen.
Frisch geduscht trat Hazel aus dem kleinen Haus in der Crosshill Avenue, wo sie bereits seit drei Jahren in einer Zwei-Zimmerwohnung lebte. Feucht glänzte noch ihr Haar, doch das Trocknen würde der Fahrtwind übernehmen. Mofa statt Föhn, das war ihre Devise, denn es machte doch viel mehr Spaß, mit fliegendem Haar durch die abendliche Stadt zu fahren, als im stickigen Bad kostbare Zeit zu vergeuden. Deshalb blieb der Helm auch heute am Lenker hängen, während Hazel in Jeans und Lederjacke auf ihr Fahrzeug stieg, die schwarze Sonnenbrille aufsetzte und das Mofa unter lautem Knattern startete. Blaugraue Abgaswolken stoben aus dem Auspuff, doch Hazel fuhr ihnen flink davon. Böse Blicke erntete sie regelmäßig von ihrer Nachbarin Jenny, die die erste Etage mit ihr teilte, denn Hazels Mofa stieß seinen giftigen Atem am liebsten unterhalb ihres Schlafzimmerfensters aus.
Endlich hatte Hazel Feierabend. Magnus war heute wieder schwer zu ertragen gewesen, und sie war froh, den Hauch von Freiheit zu spüren, der zusammen mit dem spätsommerlichen Seewind um ihren Kopf wirbelte. Stürmisch zog er an ihrem Haar, während sie die Ralston Road hinunter zur Main Street fuhr, die geradewegs zum Hafen führte, wo Bens Boot am Kai lag.
Sie liebte es, abends durch die Straßen der Stadt zu fahren, vorbei an Emilys Grundschule, der Royal Bank of Scotland und dem imposanten Town House, dessen Turm sich steil in den Himmel streckte, als wollte er nach schönem Wetter Ausschau halten. Unterwegs winkte sie Hannah zu, Caitlins älterer Schwester, die in der Main Street bei einem Juwelier arbeitete, und Riley, dem Mechaniker, der Hazels Mofa schon im Schlaf zerlegen und wieder zusammensetzen konnte. Gerade hatte er seine Werkstatt in der Shore Street abgeschlossen und fuhr nun in seinem grünen Pickup grüßend an Hazel vorbei. Aus dem offenen Fenster rief er laut: „Hi, Hazel!“, doch seine Worte verloren sich im Motorenlärm, so dass Hazel wie eine Taubstumme den Gruß von seinen Lippen ablas.
Am liebsten hätte sie die Augen geschlossen und davon geträumt, irgendwo im Süden durch eine italienische oder französische Stadt zu fahren, den Geruch von Pizza in der Nase, melancholische Chansons im Ohr und die Lippen heiß von Giorgios Kuss oder Pierres, Philippes oder Antonios. Rotwein und Baguette, ein warmer Sandstrand, an dem glühend rot die Sonne unterging und sanfte Klänge auf der Gitarre, bis die Sterne hell am Himmel leuchteten.
Möwen kreischten über dem Hafen, eine kühle Brise, die einen Hauch Malt mitführte, kroch in Hazels Nacken und holte sie nach Schottland zurück. Das Wasser war aufgewühlt, Boote tanzten auf den Wellen Ceilidh, Segel flatterten wie große Bettlaken an der Wäscheleine eines Meeresgotts, und Metallösen schlugen klingelnd an unzählige Masten. Viele Touristenyachten lagen unten am Steg. Doch mit dem Sommer würden sie den Hafen verlassen und das Regiment an die einheimischen Fischkutter zurückgeben, denen sie mit ihrem strahlenden Weiß und der exklusiven Ausstattung alljährlich die Schau stahlen. Nicht nur Bens altes Fischerboot hatte vom alltäglichen Kampf mit dem Meer Rost angesetzt, sondern auch die wenigen anderen, die noch übrig geblieben waren. Vorbei war die Zeit, in der die meisten Familien in Portmullen ihren Lebensunterhalt mit dem Fischen verdienten. Heute lebte man überwiegend von der Landwirtschaft und dem Tourismus. Selbst die Glanzzeit der Destillerien war Vergangenheit. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hatte es im Ort vierunddreißig Whisky-Brennereien gegeben, und Portmullen hatte sich stolz als Whiskyhauptstadt der Welt bezeichnet. Doch lediglich drei Destillerien waren davon übrig geblieben. Ob allerdings der Konsum von Whisky abgenommen hatte, wagte Hazel zu bezweifeln. Auch ihr Freund Ben unterstützte die örtlichen Brennereien großzügig und sorgte somit dafür, dass sein hart verdientes Geld den Einwohnern die Arbeitsplätze sicherte.
Häufig besuchte Hazel Ben abends im Hafen, wo sie an Deck seines Bootes das goldene Lebenswasser genossen, von dem immer eine Flasche an Bord war. Mit dem Rücken an die Kabinenwand gelehnt, das Glas in der Hand, saßen sie im Windschatten, beobachteten den Sonnenuntergang und sprachen über tägliche Ereignisse, Hazels Chef, Bens Fangstrategien, Musik, Sport und manchmal, wenn sie in Stimmung waren, auch über ihre Träume und Lebensziele.
Es gab Leute, die ihre Nasen rümpften, wenn sie Hazel mit Ben sahen. Es gehörte sich einfach nicht, dass eine junge Frau abends im Hafen auf einem Fischerboot Whisky trank, noch dazu allein mit einem Mann, den sie laut Mrs. MacFarlane nicht einmal zu heiraten gedachte.
Üblicherweise begegnete Hazel Mrs. MacFarlane nur im Ort, wenn sie mittags die Gärtnerei verließ, um schnell ihre Einkäufe zu erledigen. Dann hatte die alte Farmersfrau regelmäßig eine Gruppe ebenso alter Damen um sich geschart und vertraute ihnen hinter vorgehaltener Hand die neuesten Skandale an, von denen die betroffenen Personen häufig nicht einmal etwas ahnten.
Doch heute Abend entdeckte Hazel die graue Dauerwellenfrisur zwischen den Yachten. Auf dem schmalen Holzsteg lief Mrs. MacFarlane unruhig hin und her und drehte dabei den Kopf nervös in alle Richtungen, gerade so, als wäre sie eine Schmugglerbraut und auf der Hut vor der Küstenwache. Hazel stellte ihr Mofa am Kai ab, drehte ihr zerzaustes Haar zu einem provisorischen Zopf und näherte sich den Fischerbooten. Was tat Mrs. MacFarlane dort zwischen den teuren Yachten der Urlauber? Die alte Dame im bunt gemusterten Nylonrock trippelte mit ihren ausgetretenen Kunstleder-Sandalen aufgeregt umher, bis sie sich plötzlich hinter einem der Schiffsrümpfe duckte und neugierig den Hals reckte. Wie eine Giraffe, die heimlich das saftige Laub vom verbotenen Baum naschen wollte. Hazel folgte ihrem Blick und entdeckte Ben, der an Deck seines Bootes stand und sich mit einem Mann unterhielt, den Hazel noch nie gesehen hatte. Er war so groß, dass er Ben in die Augen sehen konnte, obwohl der Steg tiefer gelegen war als das Bootsdeck. Im Näherkommen bemerkte sie, dass er zu einem rotkarierten Hemd eine dunkelbraune Wildlederhose trug und eine Weste aus dem gleichen Material, dazu derbe Wanderstiefel. Seine schwarzen Locken reichten bis auf den Hemdkragen und wirbelten im Wind wild um seinen Kopf herum. Wie zufällig sah Hazel zurück in Mrs. MacFarlanes Richtung, und tatsächlich schien sie die beiden Männer zu beobachten, die sich angeregt unterhielten. Kaum hatte Hazel die alte Frau entdeckt, verschwand ihr grauer Kopf hinter dem schützenden Bug der Yacht. Nicht zu glauben! Sie führte sich auf wie Miss Marple persönlich. Fehlte nur noch ihr Freund Mr. Stringer. Wer war wohl dieser große Mann neben Ben, und was hatte er zu verbergen, dass er hier zu dieser Tageszeit unter Mrs. MacFarlanes detektivischer Beobachtung stand? Plötzlich blickte Ben auf, zog sich die Mütze vom Kopf und schwenkte sie in der Luft.
„Hi, Hazel!“, kamen seine Worte angeflogen.
Ben wirkte kleiner als sonst und schmaler, obwohl der Wind seine blaue Arbeitshose und die leuchtend gelbe Windjacke tüchtig aufblies.
„Hi, Ben!“, rief sie zurück und beschleunigte ihren Schritt.
Gerade als Hazel die Männer erreicht hatte, drehte sich der Fremde um.
Die tiefstehende Abendsonne verlieh seinem Gesicht einen goldenen Ton, in dem die Augen wie zwei Fremdkörper wirkten. Leuchtendes Aquamarinblau bildete einen kühlen Kontrast zum warmen Rotgold seiner Haut und schien wie von einer anderen Welt, die tief begraben am Meeresgrund ruhte. Wie zwei verborgene Höhlen im Felsgestein von Kintyre entführten sie Hazels Blick hinab in die Tiefe, in der sie die Verlockung der Fremde spürte und gleichzeitig den vertrauten Klang des ewigen Meeres wahrnahm, der sie Zeit ihres Lebens begleitet hatte. Aquamarinblaues Wasser strömte durch diese Höhlen und spülte Hazel mit sich fort. Immer tiefer und tiefer wurde sie gezogen, doch sie fürchtete sich nicht. Diese Welt, in die sie eindrang, war ihr fremd und vertraut zugleich. Sie spürte, dass sie nicht allein war. Eine unerklärliche Macht ließ sie erschauern.
„Hazel, was ist los?“
In der Ferne hörte sie Bens Stimme, doch wie gebannt konnte Hazel ihren Blick nicht von diesen Augen abwenden. Unter der Oberfläche des Mannes, der mächtig wie ein Felsmassiv vor Hazel stand, brodelte eine Meeresflut, die sich im Sturm aufbäumte und mit weißer Gischt an das Gestein spritzte, aufgewühlt und ungebändigt.
„Hazel?“, rief Ben erneut. „Hazel, geht’s dir nicht gut?“
Unter Anstrengung gelang es ihr, den Blick fortzureißen und Ben zu begrüßen.
„Doch, doch“, stammelte sie, „hi, Ben!“
„Was ist denn mit dir los, Hazel? Hast du zu tief in die Flasche geguckt?“, wunderte sich Ben, der seine Freundin selten so abwesend und verunsichert erlebt hatte.
„Nein, ist schon okay! Willst du uns nicht miteinander bekannt machen?“
Ihr Blick wanderte erneut zu dem fremden Mann, um dessen Gesicht herum ein Kranz schwarzer Locken im Seewind tanzte.
„Ach so, ja“, begann Ben, „seinen Namen kenn‘ ich auch noch nicht! Dies ist jedenfalls Hazel, wie du sicher schon bemerkt hast!“ grinste er den Fremden an und zeigte auf seine Freundin.
„Und ich bin Connor“, sprach eine ruhige, dunkle Stimme.
War es die kühle Luft, überlegte Hazel, oder ihr feuchtes Haar, das ihr eine Gänsehaut über den Körper jagte? Ihre Nackenhaare stellten sich auf, und der Schauer lief hinab über ihre Arme, ihre Brust, bis zu den Oberschenkeln.
„Hallo, Connor“, hörte sie sich antworten, und sein Name klang wie ein Echo in ihrem Kopf.
Connor streckte ihr seine Hand entgegen, die Hazels groß und kräftig umschloss. Sie zuckte zusammen und fragte sich, ob er es auch gespürt hatte. Wie ein Blitz, wie elektrische Ladung war ein Gefühl durch ihren Körper geschossen, das sie nie zuvor gespürt hatte.
Ben beobachtete den großen Mann mit Argwohn.
„Du kannst sie jetzt wieder loslassen!“, bemerkte er trocken.
Hastig zog Connor seine Hand zurück und räusperte sich, während Hazel ihre Hand tief in der Tasche ihrer Lederjacke vergrub. Erst jetzt bemerkte sie den breiten, silbernen Ring an seinem kleinen Finger. Hazel erstarrte.
„Ich habe Ben um Auskunft gebeten“, erklärte Connor. „Ich interessiere mich sehr für die Küstenregion von Kintyre. Und da ein Fischer das Land von der Seeseite am besten kennt, habe ich Ben gefragt.“
„Er wollte wissen, ob es hier Höhlen gibt.“
Hazel schaute Ben stolz an.
„Da hat er ja den Richtigen gefragt!“, lachte sie, wendete den Kopf zu Connor und erklärte:
„Wenn hier einer etwas über alte Schmuggler-Höhlen weiß, dann Ben!“
„Na, schmuggeln möchte ich nicht“, stellte Connor klar, „es handelt sich mehr um ein historisches Interesse.“
„Bist du Archäologe?“, fragte Hazel gespannt. „Oder Geschichtsprofessor?“
Connor lachte. „So etwas Ähnliches.“
„An der Westküste von Kintyre gibt es ein paar Höhlen“, berichtete Ben, „doch die wenigsten Leute kennen sie. Man kann sie nur vom Meer aus einsehen und nur bei Ebbe betreten. Wenn die Flut zurückkommt, muss man sie wieder verlassen haben, sonst wird man eingeschlossen und ertrinkt. Der Wasserpegel steigt dort nämlich so stark an, dass die Höhlen komplett durchspült werden.“
Aquamarinfarbene Höhlen. Hazel zuckte erneut zusammen.
„Verrätst du mir, Ben, wo ich solch eine Höhle finden kann?“, fragte der große fremde Mann. Ben zögerte.
„Es wird erzählt“, begann er geheimnisvoll, „dass es in der Nähe von Killocraw eine Höhle gibt, die weit unter das Land reicht und früher einmal Sitz des keltischen Felsengotts Fairtheoir Túláin gewesen sein soll. Doch niemand, den ich kenne“, erklärte Ben düster, „hat sie jemals betreten.“
„Warum nicht?“
Ben lachte nervös.
„Es soll ein Fluch auf der Höhle liegen.“
Hazel lachte.
„Das glaubst du doch selbst nicht, Ben!“
Er senkte den Blick.
„Nein. Nein, nicht wirklich. Aber wer weiß, ob nicht doch etwas Wahres dran ist?!“
„Was für ein Fluch?“, erkundigte sich Connor gebannt.
„Man sagt, in der hintersten Kammer soll es von Schädeln wimmeln!“, hauchte Ben.
Hazel schauderte.
„Und die restlichen Knochen der Skelette?“, fragte Connor.
„Die soll Fairtheoir Túláin ins Meer geworfen haben, damit die Köpfe auch nach dem Tod nicht wieder fortlaufen konnten!“
„Und was wollte er mit den Köpfen?“, fragte Hazel gespannt.
„Der Kopf galt als Sitz der Seele“, erklärte Connor nun, und Ben sah ihn mit geweiteten Augen an.
„Ja“, bestätigte er, „und Fairtheoir Túláin wollte die Seelen gefangen halten, weil sie in sein Haus eingedrungen waren, um den heiligen Kessel zu stehlen.“
„Was für einen heiligen Kessel?“, staunte Hazel.
„Der Kessel erweckte die Toten zum Leben, und er war immer gefüllt mit Speisen. Niemals war er leer, egal, wie viel daraus gegessen wurde!“
„Wow!“, rief Hazel aus. „Und heute sammelt der alte Fairtheoir Túláin immer noch Schädel? Zur Strafe und zur Abschreckung?“
„So wird es erzählt“, bestätigte Ben.
„Aber du kennst niemanden, der in der Höhle war?“ Connor blickte ihn fest an.
„Du glaubst mir nicht?“
„Doch, ich glaube dir, Ben, aber ich möchte mir gern die Höhle ansehen, und da ist es von Vorteil, wenn man sich vorher eingehend informiert.“
„Du willst in die Höhle?“ Entgeistert blickte Hazel in die hellblauen Augen und sah schon Connors Seele über dem brodelnden Kessel schweben.
„Ja, ich möchte herausfinden, inwieweit die Überlieferung der Wahrheit entspricht.“
„Na, dann viel Spaß!“, erklärte Ben. „Ich werde deinen Schädel nicht befreien!“
„Aber du zeigst mir, wo die Höhle ist?“
„Wenn du dich unbedingt in Lebensgefahr begeben willst...“
„Dann komm‘ ich aber mit!“, entschied Hazel plötzlich und fragte sich, woher sie den Mut nahm, sich kopfüber in solch ein Abenteuer zu stürzen. Und woher den heftigen Antrieb, diesem fremden Mann in die Unterwelt von Kintyre zu folgen.
Ben sah sie entsetzt an.
„Hazel, das kann gefährlich werden!“
„Ach, ich pass‘ schon auf meinen Kopf auf. So eine wilde Seele wie meine lässt Fairtheoir Túláin sowieso wieder frei, wenn er erst gemerkt hat, wie ungemütlich sein beschauliches Höhlenleben plötzlich wird!“ Sie lachte laut los.
„Ihr nehmt mich nicht ernst“, stellte Ben beleidigt fest und verstand nicht, warum seine Freundin so Feuer und Flamme war, mit diesem Mann in ihr Unglück zu laufen. Natürlich kannte er die Euphorie, mit der Hazel sich in neue Ideen stürzte, ihren Übermut, ihre Leichtfertigkeit. Doch heute Abend hatte sie sich zu vorschnell dem verrückten Plan dieses fremden Mannes hingegeben. Eine seltsame Anziehungskraft ging von ihm aus, und Ben machte sich Sorgen.
„Du, Hazel, Emily hat erzählt, der neue Lehrer ist ganz nett“, berichtete Caitlin erleichtert, während sie rosa blühende Sommerheide in Reihen auf den Verkaufstisch stellte.
Doch plötzlich sah sie beunruhigt auf.
„Aber er ist ganz anders als Mrs. Montgomery, die jetzt die erste Klasse übernommen hat. Emily sagt, er ist über den Schulhof gerannt und hat mit den Jungen Ball gespielt!“
Hazel sah sie strahlend an: „Ist doch toll! So einen Lehrer hab ich mir früher auch immer gewünscht!“
„Ja, schon. Aber wenn er sich wie ein Schüler benimmt, haben sie doch keinen Respekt mehr vor ihm!“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Das hat Mrs. Montgomery uns immer erklärt. Sie sagte, sie müsse streng sein und dürfe keinen persönlichen Kontakt zwischen sich und den Kindern dulden, weil diese sonst nicht lernten, erwachsenen Menschen mit Gehorsam und Respekt zu begegnen.“
„Findest du nicht, Caitlin“, Hazel blickte sie ernst an, „Emily braucht einen Lehrer, der sie ein wenig aus der Reserve lockt und ihr Freude am Lernen vermittelt?“
„Du meinst, weil sie so still ist?“
„Ja, ich denke Emily braucht jemanden, der mit ihr fühlt, sie zum Lachen bringt und ihr Mut macht, anstatt sie noch mehr einzuschüchtern!“
Betreten senkte Caitlin den Blick.
„Du meinst, sonst wird sie so ein verschüchtertes graues Mäuschen wie ich?!“
Hazel schwieg und trennte die verschiedenen Heidesorten mit einer grünen Reihe kleiner Buchsbäume von einander, damit die Kunden sie besser unterscheiden konnten.
„Du hast ja Recht, Hazel“, stellte Caitlin resigniert fest. „Emily fehlt Leichtigkeit in ihrem Leben, Ausgelassenheit. Seit Jake weg ist, haben wir nicht mehr viel Spaß. Und bei Mrs. Montgomery durften die Kinder nicht lachen.“
