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Der jungen Familie fehlte es an nichts. Zusammen mit der weisen alten Frau saßen sie auf der Terrasse ihres neuen Hauses im Sonnenschein. Die Frau hielt ihr Baby im Arm, der Mann verteilte Kirschkuchen mit Schlagsahne und schenkte Kaffee ein. Die weise Frau fragte: „Was wünscht ihr euch für eure Kinder?“ „Dass sie es einmal besser haben als wir“, antwortete der Mann. Die weise Frau lachte. „Das ist ein ziemlich dummer Wunsch“, erwiderte sie. „Wieso das denn?“, staunte der Mann. „Was soll verkehrt sein an diesem Wunsch?“ „Nun“, sagte die weise Frau mit weisem Lächeln, „abgesehen davon, dass ein solches Bestreben den Kindern meist mehr schadet als es nützt, wird das Klima darunter leiden.“ Entrüstet fragte die junge Mutter: „Warum soll das Klima leiden, nur weil es meine Kinder einmal besser haben sollen? Das ist doch der normalste Wunsch der Welt.“ „Noch ein Sommer wie dieser“, erwiderte die weise Frau, „und ihr werdet auf dem Trockenen sitzen. Euer Wasser werdet ihr in Flaschen kaufen müssen.“ Der Mann widersprach: „Selbst wenn das geschähe, was hätte es damit zu tun, dass wir unseren Kindern eine gute Zukunft wünschen?“ Die weise Frau schaute in den wolkenlosen Himmel und meinte: „Die Natur stirbt, weil es jede Generation besser als ihre Eltern haben will. Dieses Streben wird euren Kindern die Zukunft rauben.“ Die Eltern sahen sich betroffen an. „Und“, fragte der Mann. „Was kann man dagegen tun?“ Die weise Frau antwortete lächelnd: „Nichts.“ „Nichts? Du meinst, wir müssen dem tatenlos zusehen?“ „Es gäbe“, antwortete die weise Frau, „eine einfache Lösung. Aber die Menschheit wird sie niemals akzeptieren.“ „Warum? Worin besteht die Lösung?“ wollte die junge Mutter wissen. Die weise Frau dachte einen Moment nach und erwiderte schließlich. „Wir müssen einfach nur etwas langsamer werden.“ Der Mann war ratlos. „Nur langsamer? Sonst nichts? Wo ist das Problem?“ Die weise Frau lachte. „Wo das Problem ist? Es ist wider unsere Natur. Wir können nicht langsamer. Nur schneller.“ Der Mann fasste sich an den Kopf. „Aber das gibt’s doch nicht. Man muss doch irgendwie …“ „Ja, irgendwie schon“, sagte die weise Frau. „Glaube vor allem niemand, der erzählt, man könne sich waschen ohne naß zu werden. Oder das Klima schützen, ohne sich einschränken zu müssen. Sei bereit, Opfer zu bringen. Und außerdem: lies dieses Buch.“
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhaltsverzeichnis
KROHNMÜHLE
KROHNMÜHLE II
ST. MORITZ II
Impressum
DOMINANTE ARTEN
2. Auflage Oktober 2020
erhältlich im Selbstverlag
unter
dominante-arten.de
Copyright Reiner Trinkel, Obrigheim
Alle Rechte vorbehalten
Mein Dank an
- die Lektorinnen Anke Velmeke
und Helga Dostal
- den Layouter Sebastian Fachenbach
- und allen, denen ich mit diesem Buch
auf die Nerven ging
(ganz besonders, vermutlich,
meinem Schatz.)
Inhalt Seite
Prolog DIE WETTE …Eine Wette um den Sauerstoff der Erdatmosphäre 6
1. PRAG …Aufstieg und Fall des Theo Würtz 8
2. KÖLN …Theos Selbstmord und eine wundersame Begegnung 18
3. OXYGARD …Theo entdeckt die Welt der Oxygods und erhält einen Auftrag 21
4. KROHNMÜHLE I …Wie Theo der ZWEITE Herrn Petersens erschreckt 44
5. KROHNMÜHLE II …Vorarbeit für große Ziele 61
6. KROHNMÜHLE III …Die Geschichte der Krohnmühle 65
7. EISTAL …Besuch in der Steinzeit. Das Geheimnis des ZWEITEN. 69
8. KROHNMÜHLE IV …Von Superhirnen, Hierarchien und großer Macht 84
9. COMO I …UN-Generalsekretär Brukenthaler träumt eine Telefonnummer 102
10. LONDON, PARIS, WEIMAR …Mit Goethe am Gardasee 107
11. NEW YORK I …Einen seltsames Telefonat mit Bea Myers 121
12. KROHNMÜHLE V …Goethe in der Krohnmühle. Brukenthalers Anruf. 122
13. COMO II …Brukenthaler als Eismann 137
14. KROHNMÜHLE VI …Ein erster Plan 140
15. ST. MORITZ …Ronald Severin zweifelt an Beas Verstand 145
16. COMO III. …Brukenthaler will aussteigen und scheitert kläglich 147
17. JULIERPASS …Goethes Dämonen 151
18. ST. MORITZ II …Petersen und Brukenthaler in Nietzsches Sommerhaus 161
19. SILS MARIA I …Von Wille und Möglichkeit und Witwe Flamberts Lambig 176
20. SILS MARIA II …Bankier Severin beginnt an Höhere Mächte zu glauben 195
21. SILS MARIA III …Was andere über die Bedürfnisse der Menschen denken 220
22. ST. MORITZ III …Konferenz mit einem Außerirdischen 227
23. BREMERHAVEN I …Wetterphänomene in der Philippinensee 248
24. P=A:T …Die Formel des Kapitalismus 249
25. NEW YORK I …Sonderbare Nachrichten für US-Präsident Fulbright 257
26. LAGO D´ORTA …Begegnungen der dritten Art auf einer Ziegenalm 259
27. BREMERHAVEN II …Das Wetterphänomen nimmt Formen an 285
28. NEW YORK II …Existenzbeweis einer Höheren Macht 287
29. PEACH SPRINGS I …Dingdong wagt den Kampf gegen das Universum 303
30. 35/60 …Die Formel Theos des ZWEITEN 308
31. BREMERHAVEN III …Zwenglers Panikmache 317
32. NEW YORK III …Beas Aufstieg beginnt 318
33. SHANGHAI …Das Wetterphänomen Ajkun 322
34. NEW YORK IV …Horrormeldung aus Shanghai 323
35. WEIMAR I …Beginn der Weltkonferenz mit Petersens 35/60-Proklamation 326
36. PEACH SPRINGS II …Liebesgrüße aus der Titanic 347
37. WEIMAR II …Wie Wein aus der Titanic der Wahrheitsfindung dient 351
38. NORDATLANTIK …Warum Severin aus dem Flugzeug springen will 361
39. ZÜRICH …Jesus Grausam kriegt einen neuen Job 362
40. WEIMAR III …Ein Attentat mit Folgen 367
41. PEACH SPRINGS III …Severin verzweifelt, Dingdong lacht 375
42. WEIMAR IV …Bea Myers wird Kronprinz 377
43. DIE REDE …Petersen macht ernst - 100 Beschlüsse zum Schutz der Umwelt 383
44. PEACH SPRINGS IV …Dingdong behält die Nerven 391
45. WEIMAR V. …Die Idee zur Entmilitarisierung der Welt endet im Größenwahn 393
46. PEACH SPRINGS V …Dingdong wittert Morgenluft 398
47. WEIMAR VI …Bea muss Petersens Arsch retten 401
48. NEW YORK V …Geschafft - die Welt will 35/60 404
49. ST. MORITZ IV. …Dingdongs Komplott 410
50. NUUK …Dämonen gegen 35/60 - die Verschwörung der Weltmächte 414
51. NEW YORK VI …Schwester Petra 420
52. JOHN MURRAY ISLAND I …Die Lutetium-Lüge 431
53. WEIMAR VII …Petersen strauchelt 434
54. JOHN MURRAY ISLAND II …Der Untergang der USS Texas 440
55. ST. MORITZ V …Dingdong auf der Siegerstraße 442
56. NEW YORK VII …Ist noch was zu retten? Theo gibt ein Lebenszeichen 445
57. WEIMAR VIII …Das Ende des Dr. Karl Petersen 450
58. RHEINGAU …Handschlag mit Höheren Mächten 454
Personenregister 479
Prolog
DIE WETTE
Der Blick vom Hügel zeigte die Veränderung des Landes. In der Flusslandschaft von einst erstreckte sich bis zum Horizont ein Meer aus grauem Beton und kaltem Licht. Wohnblocks, Appartements, Fabriken, Supermärkte, Gewerbegebiete, durchschnitten von einem Geflecht aus Straßen, Gleisen und Autobahnen, auf denen auch jetzt, lange nach Mitternacht, der Verkehr raste, blinkte, dröhnte, hupte, sich staute und die Sommernacht zerriss. Der Vollmond, vergeblich bemüht, das Land romantisch zu beleuchten, war im Gleißen des künstlichen Lichts kaum zu erkennen. Auch um diese Uhrzeit lag die Temperatur noch bei über dreißig Grad. Die weite Ebene flirrte vor Hitze und Trockenheit. Der große Kanal, einst ein mächtiger, wilder Fluss, führte kaum noch Wasser. Der Schiffsverkehr lag darnieder, das wenige Wasser bestand aus einer trüben, stinkenden Brühe.
Schweigend betrachteten die beiden Besucher das Bild und lauschten dem Lärm, der ihm entsprang. Schließlich sagte der ERSTE:
Ich glaube nicht, dass es noch Hoffnung gibt.
Der ZWEITE antwortete:
Mag sein. Vielleicht ist es tatsächlich schon zu spät.
Der ERSTE:
Vielleicht ist alles deine Schuld.
Der ZWEITE:
Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber nun bin ich in der Pflicht.
Der ERSTE:
Als ich das letzte Mal hier war, grünten Wiesen, Wälder, und Gärten. Zwischen kleinen Feldern schlängelten sich sandige Wege, die zu geheimnisvollen Teichen führten. Der Fluss war voller Fische und die Luft voller Vögel. Weißt du noch, wann das war?
Nach ihrer Zeitrechnung im Jahr 1774.
Zwanzig Jahre, bevor du Entwarnung gabst.
Du siehst, wie man sich irren kann.
Fand nicht auch hier deine Begegnung mit Schnakenbein statt?
Ganz in der Nähe. Doch ich bereue es nicht. Es war einzigartig.
Aber du kanntest die Regel. Du wusstest, was passieren kann, wenn wir Kontakt zu ihnen aufnehmen.
Der ZWEITE erwiderte:
Wer auch immer die Schuld daran trägt - dieser Planet ist es wert, verteidigt zu werden. Höre meinen Plan!
Der ERSTE hörte sich den Plan an und sagte:
Er klingt gut, aber es ist zu spät. Bald wird ein neuer Krieg ausbrechen. Und sie werden ihn mit Waffen führen, die den Sauerstoff verseuchen. Sollen wir diesen Schatz ihrem Wahnsinn überlassen? Der DRITTE wird es nicht hinnehmen.
Der ZWEITE antwortete:
Vielleicht ist es zu spät. Aber es nicht versucht zu haben, wäre ein Frevel.
Der ERSTE:
Du vergeudest deine Energie. Dein Plan ist wider ihre Natur. Sie müssen wachsen. Deine Einschränkung werden sie niemals akzeptieren. Sie werden dagegen kämpfen, wenn nötig bis zum Untergang.
Der ZWEITE:
Nicht alle wollen wachsen. Und nicht alle werden kämpfen. Die meisten wären zufrieden, wenn man sie in Ruhe ließe.
Der ERSTE
Aber die Zufriedenen zählen nicht. Was allein zählt, sind die Einen Köpfe. Nicht die Zufriedenen. Und nicht der Geist des toten jungen Mannes.
Der ZWEITE:
Der Geist des toten jungen Mannes und ich werden der neue Eine Kopf sein. Mit der Macht, die neuen Regeln durchzusetzen.
Der ERSTE lächelte.
Alles, was das Leben auf der Erde rettet, ist uns willkommen. Aber unter einer Bedingung: In spätestens zehn Jahren wollen wir Erfolge sehen. Zuviel können sie noch zerstören bis dahin. In spätestens zehn Jahren muss deine Regel gültig sein. Und ich wette: Du wirst scheitern.
Der ZWEITE schlug ein.
Die Wette nehm´ ich an.
PRAG
Als Theo Würtz die prachtvolle, mit Messing beschlagene Eingangstür zur Bar des Savoy Hotel in Prag durchschritt, ahnte er noch nichts von dem Unglück, das er damit heraufbeschwören sollte. Denn in genau diesem Moment begann die Sturzfahrt zum Endpunkt seiner Karriere - ausgerechnet zum Zeitpunkt seines größten Triumphs. Gestern hatte man ihn noch als Gesicht einer neuen Bewegung gefeiert. Bejubelt hatten den jungen Diplom-Meteorologen, TV-Moderator und Bandleader vor allem jene, die sich Sorgen um das Weltklima machen. Zigtausende dieser besorgten, meist jungen Menschen hatten sich in Prag anlässlich einer internationalen Klimakonferenz versammelt. Bei der Abschluss-Kundgebung am gestrigen Abend, dem Climate-for-Future-Festival, durfte Theo Würtz mit seiner chinesischen Kollegin Tiu Xi einen triumphalen Erfolg feiern. Im vollbesetzten Stadion waren sie vom Publikum stürmisch bejubelt worden. Tiu und Theo sangen Klimarettungssongs auf englisch, chinesisch, deutsch und russisch, beschworen leidenschaftlich die Umsetzung der neuen Klimaziele und forderten in einem dramatischen Schlussappell die Politiker dazu auf, endlich zu handeln, damit auch jüngere Generationen eine Zukunft hätten. Die internationalen Umweltverbände ließen 100.000 Luftballons mit dem Aufdruck "Klima retten jetzt" in Leuchtschrift und 25 Sprachen in den Himmel steigen. Die Prager Stadtverwaltung legte für fünf Minuten die Stromversorgung lahm, damit man das Schauspiel am Nachthimmel besser sehen konnte.
Der Auftritt, in Deutschland live übertragen vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen, schraubte Theos Popularität in ungeahnte Höhen. In drei Tagen sollte er, erstmals nach seiner durch die Klimakonferenz bedingten Sendepause, wieder die Wettershow im Frühstücksfernsehen moderieren. Die Programmdirektoren hofften bereits auf den Theo-Würtz-Effekt bei den Einschaltquoten. Doch statt seinen Erfolg zu genießen, ließ sich der neue ARD-Hoffnungsträger frustriert auf einen Barhocker plumpsen. Abrupte Stimmungsschwankungen waren normal bei ihm. Meistens kamen sie aus dem Nichts. Doch diesmal gab es gute Gründe. An seiner Stelle hätte mancher so reagiert.
Seine miese Stimmung passte nicht so recht zur prachtvollen Umgebung. Die in Rot- und Goldtönen gehaltene, von Kristalllüstern und Kerzen geheimnisvoll beleuchtete Bar gehörte zu den Attraktionen Prags. Trotz der vorgerückten Stunde hatten sich an jenem Abend aber nur wenige Gäste eingefunden. Der Grund für den schwachen Zulauf hing direkt mit Theos schlechter Laune zusammen. Die Delegierten der Prager Klimakonferenz, die sich normalerweise um diese Uhrzeit hier versammelten, konnten sich auf keine Abschlusserklärung einigen. Und statt sich in den wohlverdienten Feierabend zu begeben, stritten die verschiedenen Interessengruppen endlos weiter. Als die schon beigegelegt geglaubten Streitereien um CO2-Einsparungsziele kurz vor Schluss wieder aufflammten, hatte Theo Würtz die Veranstaltung fluchend verlassen und sich in die Hotelbar geflüchtet. Frustriert orderte er einen Gin Tonic. Theo Würtz leistete sich den Luxus, ein Idealist zu sein. Seit Jahren kämpfte er mit aller Kraft und Leidenschaft für Verbesserungen im Klimaschutz. Sie waren ihm eine wirkliche Herzensangelegenheit und er litt körperlich unter der Feigheit der Entscheider, die sich seiner Meinung nach scheuten, unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen und ihren Wählern reinen Wein einzuschenken.
Missmutig sah er sich um, auf etwas Unterhaltung hoffend. Aber außer einem verliebten Pärchen auf einem Sofa und einigen Geschäftsleuten war er der einzige Gast. Verstohlen musterte er den ungewöhnlich attraktiven weiblichen Teil des Pärchens. In seine Betrachtung versunkend, bemerkte er kaum, wie jemand neben ihm Platz nahm. Den Neuankömmling registrierte er erst, als der ihm einen guten Abend wünschte. Welch eine Überraschung! Professor Zwengler! Die Klima-Koryphäe aus Bremerhaven war sein Mitstreiter im Geist. Man kannte und schätzte sich, obwohl es bisher noch keine Gelegenheit für ein längeres Gespräch gegeben hatte. Erfreut streckte ihm Theo die Hand entgegen. Der Physiker beglückwünschte Theo zu seinem gestrigen Auftritt und bestellte einen Pfefferminztee. Bald war man in die schönste Fachsimpelei vertieft. Das Gespräch drehte sich vor allem um Zwenglers Lieblingsthema, seine Heißzeit-Theorie. In Fachkreisen wurde sie als spekulativ und unrealistisch gewertet. Ein Horrorszenario, mit dem man zwar Aufmerksamkeit erregen konnte, das aber nie Wirklichkeit werden würde. Im Hitzezeitalter, hatte Zwengler, verkündet, könnten sich durch die Verkettung natürlicher und menschgemachter Faktoren und daraus resultierender Rückkopplungs-prozesse die Temperaturen in ungeahnte Höhen aufschaukeln. Bis zum 45. Breitengrad könnten dann Temperaturen bis 70° C auftreten. Ungeheure Wanderbewegungen Richtung Norden wären die Folge, wo sich allerdings verheerende Dürren einstellen könnten. Der Meeresspiegel könnte in diesen Szenarien um bis zu 60 Meter steigen und die stark besiedelten Küsten überfluten. Milliarden Menschen müssten sich einen neuen Lebensraum suchen, es käme zu Kriegen und Hungersnöten. Theo wollte dem Professor keinesfalls Schwarzmalerei unterstellen, aber auch er fand die Datenbasis für diese Theorie zu dünn und im Allgemeinen zu pessimistisch interpretiert. Zwischen Gin und Pfefferminztee erging man sich in wissenschaftlichen Betrachtungen. Da sich aber kein gemeinsamer Nenner finden ließ, einigte man sich schließlich darauf, dass, egal ob nun Heißzeit oder nur Warmzeit, auf jeden Fall mehr getan werden müsse. Nach dem dritten Gin Tonic begann Theo sich seinen Frust von der Seele zu reden. Lautstark beklagte er die nationalen Egoismen und kritisierte insbesondere die Haltung der Bundesregierung, die ihrer selbstgesteckten Vorreiterrolle in Sachen Klimaschutz nicht gerecht würde. Zwengler widersprach. Das Weltklima könne nicht von Deutschland oder Europa, sondern nur von der ganzen Welt gerettet werden. Ob man in Deutschland Kohlekraftwerke abschalte, mehr Bahn fahre und einen Veggie-Day einführe, ändere am Klimawandel nicht die Bohne. Aber jemand müsse doch anfangen, jammerte Theo und bestellte zur Abwechslung ein Glas Weißwein. Es sei doch eine Illusion, die ganze Welt klimapolitisch unter einen Hut zu bringen zu wollen. Umso wichtiger sei es, dass jemand den Anfang mache. Und wer sei dazu besser in der Lage als Europa und insbesondere Deutschland? Ja, entgegnete der Professor, und wer garantiere, dass die großen Klimaschädlinge wie China, Brasilien und die USA dem europäischen Vorbild folgen? Wer garantiere, dass die Regierung, die ihren Bürgern Einschränkungen zugunsten des Klimaschutzes auferlege, nicht bei der ersten Gelegenheit abgewählt werde? Nein, nein, Klimaschutz lasse sich nicht erzwingen und das, was notwendigerweise getan werden müsse, ließe sich ohnehin kaum verwirklichen. Würtz fragte verdutzt:
Was soll das heißen? Glauben Sie ernsthaft, alle unsere Bemühungen seien für die Katz?
Na ja, Sie haben ja die Reaktion der Chinesen heute gesehen. Seit einer Woche spielen sie den klimapolitischen Musterschüler und verlangen den weltweiten Ausbau der E-Mobilität. Warum? Weil sie in der Batterietechnologie demnächst führend sein werden. Es entsteht gerade ein Riesenmarkt und sie haben die wichtigen Rohstoffe. Aber als sie aufgefordert wurden, für den Schutz der Amazonas-Wälder ihre Soja-Importe aus Brasilien einzuschränken, war´s vorbei mit den Nettigkeiten.
Professor Zwengler trank seinen Tee aus, erhob sich, legte Würtz die Hand auf die Schulter und sagte:
Wollen Sie meine ehrliche Meinung hören? Das, was die Heißzeit noch verhindern könnte, kann politisch niemals durchgesetzt werden. Zumindest nicht von real existierenden Menschen. Da, mein Freund, müssten schon höhere Mächte eingreifen. Aber das ist wohl eher unwahrscheinlich, nicht?
Lächelnd tätschelte er Theos Schulter und ging. Der junge Klimaschützer machte große Augen. Nach dieser Ansage brauchte er dringend noch einen Drink. Höhere Mächte! Zwengler hatte wohl einen Sprung in der Schüssel. Irritiert starrte er ihm nach. Der Professor lief schon seit Jahren Marathon und das sah man ihm auch von hinten an: klein, sehnig, mager, die typische Läuferstatur. Nur der Kopf schien irgendwie zu groß. Dass der exakte, pedantische Wissenschaftler als einzige Chance zur Klimarettung den Beistand höherer Mächte beschwor, gab Theo zu denken. Verunsichert blickte er dem die Salontür durcheilenden Hinterkopf nach. Es war das letzte, was er von Zwengler sah.
Theodor Würtz war im Hochschwarzwald aufgewachsen. Sein Vater, ein ehemaliger Mathematik-Lehrer aus Freiburg, hatte sich nach dem dritten Burnout in den Kopf gesetzt, Schäfer zu werden. Seine Liebe zu Schafen stand allerdings in krassem Missverhältnis zum Wissen über diese Tierart und so lief der Betrieb mehr schlecht als recht. Theos Mutter war die Tochter des vermögenden Bauunternehmers Manfred Stegener. Dessen finanzielle Zuwendungen ermöglichten der jungen Familie das Überleben. Der kleine Theo wurde Opas Liebling. Nach Vollendung des zehnten Lebensjahrs sorgte der Opa dafür, dass der Junge, der bis dahin teilnahmslos auf dem elterlichen Bauernhof herumgelungert hatte, in einem Schweizer Internat unterkam. Nun setzte die gezielte Förderung des Jungen ein. Das brachte zwei Talente zum Vorschein, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten: das Interesse an Physik und die Liebe zur Musik. Theo schaffte es zum Bandleader und Gitarristen der Internatband. Anschließend studierte er Physik in Berlin. Das Studium absolvierte er in Rekordzeit und promovierte schließlich als einer der jüngsten Doktoranden am Institut für Klimafolgenforschung in Potsdam. Das passte insofern, als sich seine Eltern inzwischen zu ausgesprochenen Klima-Paranoikern entwickelt hatten. Doch während die beiden, statt sich um die Schafe zu kümmern, auf ihrem vernachlässigten Schwarzwaldhof den Weltuntergang beklagten, verstand es Sohn Theo, das Thema musikalisch zu verwerten. Als Kopf der Band "Climatekiller" sang er gegen den Klimakollaps an und erfuhr dank seiner akademischen Kompetenz auch rasch die nötige mediale Beachtung. Mit gerade mal fünfundzwanzig Jahren besaß Theo nicht nur ein wissenschaftliches Diplom, sondern kam auch absolut medientauglich daher. Er konnte tanzen, singen, Gitarre spielen. Er hatte Charisma und erlaubte sich sogar Ansichten außerhalb des Mainstreams. So verehrte er zum Beispiel Goethe und schwärmte für die deutsche Romantik. Sein Zielpublikum bestand aus gebildeten, besorgten und politisch korrekten Menschen zwischen Zwanzig und Fünfzig. Dort kam sein jungenhaft-rebellischer Charme hervorragend an und man bejubelte seine Goethe-Zitate. Zudem konnte Theo mit hintergründigem Humor und unschuldig-verschmitztem Gesicht, komplexe Klimazusammenhänge für jedermann verständlich erklären. Gleich darauf griff er sich die Gitarre und brachte den ganzen Saal zum Kochen.
Die Mischung aus jungenhaftem Charme, Humor und Kompetenz verschaffte ihm bald eine gut dotierte Stellung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Dort durfte er nun allmorgendlich das Wetter vorhersagen und gleichzeitig Tipps zur Klimarettung geben. Das tat er mit großer Leidenschaft und viel Enthusiasmus. Dabei gelang ihm das Kunststück, bei allem Engagement und trotz der Ernsthaftigkeit des Themas, niemals verbissen oder oberlehrerhaft zu wirken. Seine feinen blonden Haare trug er hippiemäßig schulterlang, aber selbstverständlich perfekt in Form gebracht. Zu seinen Markenzeichen gehörten neben dem gepflegten Blondhaar, gepflegter Intellektualität und der immer etwas ironischen Ausdrucksweise ein bewusst biederes Outfit: Man sah ihn ausschließlich in pastellfarbenen Poloshirts, altmodischen Pollundern und hellbeigen Cordhosen umherlaufen. Die Wettervorhersage wurde nun nicht mehr gesprochen, sondern gerappt. Das klang dann manchmal so:
Hey, Zwischenhoch mit Sonnenschein,
Kommt über die Kanaren rein,
Tiefausläufer Willibald
Zieht ab nach Polen
Dort wird´s kalt!
Als Begleitinstrumente reichten ihm, dem Meister im rhythmischen Fingerschnipsen, Daumen und Zeigefinger. Nach seiner Vorhersage-Performance folgte meist ein seriöser Beitrag, bei dem er das aktuelle Wettergeschehen im Kontext zur künftigen Klimaentwicklung beleuchtete. Hierzu wurde stets auch über globale Ereignisse berichtet, Hochrechnungen internationaler Forscherteams präsentiert und live zu möglichst weit entfernten Wetterstationen, etwa in Kolumbien, der Arktis oder Neuguinea geschaltet.
Theo wirkte authentisch, überzeugend und besaß unzählige Talente. Eigentlich war er aber viel zu sensibel für das Showbusiness. Wenn ihn etwas ärgerte, konnte er unkontrolliert aufbrausen. Und so leidenschaftlich er seine Ideale verfolgte, so hart trafen ihn auch die Enttäuschungen. Viel zu oft schwankte er zwischen Euphorie und Depression. In den depressiven Phasen offenbarte sich zudem sein fataler Hang zum Alkohol.
So auch heute. Kopfschüttelnd und innerlich immer noch mit Zwenglers „Höheren Mächten“ beschäftigt, wandte er sich wieder an den Barmann und verlangte mit schon etwas schwerer Zunge ein Glas Wein. Dem Wunsch konnte nicht sogleich entsprochen werden, da sich die Bar allmählich füllte. Die Konferenz neigte sich wohl ihrem Ende zu. Von allen Seiten stürmten die Delegierten nun gruppenweise, mit teils verdrossenen, teil erleichterten Mienen die weitläufige Barlandschaft, um sich eine passende Nische zur ausführlichen Nachbetrachtung zu suchen. Die Zeit bis zum nächsten Drink überbrückte Theo mit tiefschürfenden Gedankengängen über die Frage, was wohl geschähe, wenn tatsächlich eine übermenschliche Macht das Treiben der Menschen in vernünftige Bahnen lenken wollte. Goethes Mephisto fiel ihm ein; der freche Teufel, der mit Gott um die Seele des größenwahnsinnigen Dr. Faust gewettet hatte. Ja, die Fähigkeiten eines Mephisto müsste man haben, dachte er bei sich. Leicht angesäuselt kicherte er in sich hinein. Ja, Mephistos Macht und sein eigenes Wissen über den Klimawandel, damit würde er den Politikern Beine machen. Aber sogleich ergriff ihn wieder die Schwermut. Sein Wissen. Was wusste er denn wirklich? Was war es wert, sein Wissen? Wieder musste er an Goethe denken. Der hatte ja dank seines umfassenden, geradezu universellen Wissens als einer der gebildetsten und klügsten Menschen seiner Zeit gegolten. Aber aus heutiger Sicht? Da hätte der Goethe von damals vor allem eines gehabt: Null Ahnung. Null Ahnung von Dampfmaschinen, Verbrennungsmotoren, Atomphysik, Atomreaktoren, Lichtgeschwindigkeit, Micro-Prozessoren, Navigationsgeräten, Marsrobotern und Apps. Trotzdem verehrt man ihn heute noch. Warum? Weil er zumindest Ahnung vom Menschen hatte. Aber sein vermeintliches Wissen über die Natur, ein Wissen, das der Geheime Rat zu Lebzeiten mit Zähnen und Klauen verteidigt hatte, was wäre es heute wert? Genau. Nichts. Und was würde das heutige Wissen in hundert Jahren wert sein? Genau. Ebenfalls nichts.
Jemand tippte ihm auf die Schulter. Tiu Xi! Ihr Anblick verbesserte seine Stimmung auf einen Schlag. Er sprang auf und umarmte sie, vielleicht eine Spur zu überschwänglich. Sie sei mit einigen Vertretern der chinesischen Delegation hier, sagte sie und fragte, ob sie ihn ihrem Chef Gou Boxiong vorstellen dürfe. Theo willigte ein und das Unglück begann seinen Lauf zunehmen. Tiu schlängelte sich, Theo im Schlepptau, durch die Menge. Jemand brüllte Tius Namen und winkte ihr zu. Tiu winkte zurück und versuchte, sich zu dem Rufer durchzuschlagen. Respektvoll machte man ihr Platz. Am Tresen wurden sie von einem bulligen älteren Herrn in Empfang genommen, der eine ziemlich finster dreinblickende Entourage um sich versammelt hatte, darunter auch einige Bodyguards. Der Alte war eindeutig der Chef im Ring. Tiu reichte ihm die Hand, verneigte sich und mit einer merkwürdig schüchternen Stimme stellte Tiu ihren Begleiter vor.
Herr Theo Würtz aus Deutschland. Unser Delegationsleiter, Herr Gou Boxiong.
Theo war verblüfft. Als Chef der chinesischen Delegation war bisher ein gewisser Jian Qing aufgetreten, ein eleganter junger Strahlemann, der auch als Showmaster Karriere hätte machen können. Verwundert wandte er sich an Tiu:
Ich dachte, Jian Qing sei euer Chef.
Die ganze Meute um Gou Boxiong brach in Gelächter aus. Gou Boxiong selbst sah ihn mit ausdruckslosem Bulldoggengesicht an.
Vergessen Sie´s. Was wollen Sie trinken? Sie sind heute mein Gast. War übrigens eine super Show, die ihr beide da geliefert habt.
Herrisch orderte er eine Flasche 50 Jahre alten Whisky und ein Glas Champagner für Liu. Gou goss Theo das Glas bis zum Anschlag voll und prostete ihm zu.
3.000 Euro die Flasche. Genießen Sie ihn.
Theo kostete vorsichtig. Malzig und weich lief ihm der Whisky über die Zunge, glitt süß durch die Kehle, um dann im Magen ein sanftes Feuer zu entzünden. Theo nahm noch einen Schluck. Seine schlechte Laune verflog mit einem Schlag. Stattdessen besann er sich endlich seiner Erfolge. Der gestrige Tag, ja die ganze Woche, waren ein einziger euphorischer Schub gewesen. Er wusste: Jetzt war er ganz oben. Ganz Europa, die ganze Welt hatte ihn gestern Abend gesehen. Verzückt bemerkte er, wie sich der Whisky an seinem Rückenmark entlang nach oben ins Gehirn schlängelte und, dort angelangt, kleine rosa Bläschen schlug.
Geil, das Zeug.
Gou grinste.
Für meine Freunde ist mir nichts zu schade.
Theo lehnte sich entspannt zurück. Die Anspannung der letzten Tage fiel von ihm ab. Er platzte schier vor Selbstbewusstsein. Und jetzt auch noch auf Augenhöhe mit dem echten, dem wahren Chef der Chinesen. Er nahm einen weiteren Schluck und konstatierte launig:
Wenn man bedenkt, dass das am Anfang nur schlechtes Bier war ...
Gou stutzte und sah in verärgert an.
Schmeckt er Ihnen nicht? Sie sind wohl besseres gewohnt.
Quatsch. Wissen Sie nicht, dass Whisky aus ganz banalem, ungehopftem Bier gebraut wird?
Aus schlechtem Bier? Wollen Sie mich beleidigen?
Theo lachte aus vollem Hals. Wie der blöde Chinese sich aufregte!
Mann, was kann ich dafür, dass Whisky aus Bier gebraut wird? So ist das nun mal. Seit die Welt besteht. Gerstenmalz und Wasser wird vergoren zu Bier. Das kann man dann sofort trinken und fett werden, oder Whisky draus brennen.
Theo trank sein Glas in einem Zug leer und grinste seinen Gastgeber herausfordern an, wobei er mit betonter Lässigkeit eine Strähne seines langen seidig-blonden Haarschopfs aus der Stirn schnickte. Laut lachte er auf, vielleicht eine Spur zu laut. Jetzt war die Gelegenheit, eine Frage, die ihn schon lange umtrieb, an die richtige Adresse zu stellen. Nach seinem gestrigen Erfolg durfte er sich alles erlauben und Gou konnte ihm eine vernünftige Antwort nicht verweigern.
Von Whisky scheinen Sie nicht so viel Ahnung zu haben. Mich würde aber mal was ganz anderes interessieren. Wie geht´s denn nun mit der Neuen Seidenstraße weiter? Begrabt ihr das Projekt jetzt endlich?
Einen Moment glotzte Gou, als hätte er das Ungeheuer von Loch Ness gesehen. Doch gleich setzte er wieder sein übliches Pokerface auf. Mit tückischem Unterton fragte er, was alter Whisky mit der Neuen Seidenstraße zu tun habe. Tiu zupfte Theo am Ärmel und empfahl ihm, etwas respektvoller zu sein. Theo lachte nur, platzend vor Selbstbewusstsein. Überschwänglich schnappte er sich die 3.000-Euro-Flasche, schenkte sich noch einen ordentlichen Schluck ein und meinte gönnerhaft:
Also mal ernsthaft, Gou, wenn China seine Klimaziele erreichen will, wie verträgt sich das mit der Neuen Seidenstraße? Das Ziel ist ja, dass eure Waren noch schneller in den letzten Winkel der Erde kommen. Ihr wollt ein Netz von Bahngleisen und Autobahnen quer durch Asien bis nach Europa und Afrika bauen, um die Transportzeiten zu verkürzen. Das heißt, da werden statt lahmer Containerschiffe zigtausende zusätzlicher LKW und Züge zwischen China, Indien, Iran und Europa unterwegs sein. Und mitten durch Afrika auch noch. Sie werden mir jetzt nicht erzählen wollen, dass die alle elektrisch fahren, oder? Muss Ich Ihnen vorrechnen, was da an zusätzlichen Emissionen in die Luft geblasen wird? Vom Flächenverbrauch wollen wir gar nicht erst reden ...
Was willst du damit sagen, mein Freund? Du bist doch eigentlich so ne Art Spaßmacher, oder? Ein Wetter-Comedian, wenn ich richtig informiert wurde. Was kümmert dich die Seidenstraße?
Was mich die Seidenstraße kümmert? Na, auf der einen Seite macht ihr auf Klimaretter, und andrerseits leiert ihr Projekte an, die genau das Gegenteil bewirken. Also für mich sieht das alles nach einem Riesenbluff aus.
Die Neue Seidenstraße? Ein Riesenbluff?
Na klar! Wenn ihr es ernst meinen würdet mit der Klimarettung, dann ...
Weiter kam er nicht. Gous Gelächter klang wie das Geheul einer Hyäne. Dann brüllte er los:
Du glaubst also, dass wir wegen eurer Klimahysterie die Seidenstraße begraben?
Das war zu viel. Voller Wut schüttete Theo Würtz dem Leiter der Chinesischen Klimarettungsdelegation seinen Whisky ins Gesicht. Die Antwort kam postwendend. Krachend landete Gous lederharte Faust mitten auf Theos feinem Näschen. Er fiel um wie ein Sack.
Drei Tage später trat Theo mit einer spektakulären Nasenbandage erstmals wieder im Frühstücksfernsehen auf. Wie immer bestens gelaunt, machte er muntere Scherze und trieb einen rechten Kult um seine Nase. Ein kalbender Eisberg hätte ihn gestreift, berichtete er. Nach der Wettershow war ein Interview geplant. Alle Welt diskutierte bereits voller Hoffnung die Ergebnisse des Prager Klimagipfels. Okay, das Abschlusskommuniqué ließ noch zu wünschen übrig, aber trotzdem war man sich einig, die Konferenz als Durchbruch zu feiern. Man sprach vom "Prager Klimafrühling". Theo sollte über Hintergründe plaudern und mit Insiderwissen glänzen. Promiklatsch, Intimes von der Klimafront, wer mit wem gemauschelt hatte. Alles vorgetragen mit seinem verschmitzten Lächeln, mit seinem berühmten, ironisch-süffisanten Unterton.
Doch es kam anders. Theo Würtz erfand vor laufender Kamera das böse Wort vom "Prager Klimaschwindel". Und statt launig und unterhaltsam über die tollen Ergebnisse der Tagung zu berichten, begann er über die Unmöglichkeit der Klimarettung zu referieren. Keiner sei in Wahrheit daran interessiert, schon gar nicht die größten Klimaschädlinge wie die USA und China. Alles sei Augenwischerei, Lug und Trug und die größte Globalverarschung aller Zeiten. Er war nicht mehr zu bremsen und zeterte herum, bis man ihn aus dem Studio zerrte. Am nächsten Tag erhielt er seine Kündigung.
KÖLN
Elf Monate lag die Kündigung des Vertrages nun zurück. Geschichte war sie deshalb noch lange nicht. Entschlossen betrat Theo Würtz die Garage seines Hauses in Köln. Er holte ein Abschleppseil. Es lag im Kofferraum eines uralten Renault R4, mit dem er früher, zur Demonstration seines Umweltgewissens, zu Pressekonferenzen gefahren war. Mit dem Seil gedachte er sich aufzuhängen.
Die letzten Monate hatte Theo in einem Rechtstreit mit der ARD gelegen. Vor acht Tagen hatte man das Urteil verkündet. Eine Abfindung von einer Million Euro war ihm zugesprochen worden. Das viele Geld interressierte ihn nicht die Bohne. Denn letztendlich war bei alldem sein Ruf, seine Karriere, ja sein Leben ruiniert worden. Das Verfahren hatten seltene Widerwärtigkeiten begleitet, die schließlich im Vorwurf sexueller Übergriffe gipfelten. Das alles hatte er ertragen. Doch nachdem nun alles ausgestanden schien, hatte ihn sein Anwalt, der ihm in den letzten Monaten zur Vertrauensperson geworden war und dem er letztendlich seinen juristischen Erfolg zu verdanken hatte, dieser Mensch hatte ihn am gestrigen Abend in einer Talkshow als „esoterischen Spinner“ bezeichnet. Theos Kampf gegen den Klimawandel sei ein „großer Irrtum“ und sein Engagement „populistisches Geschwätz“, mit dem er sich beim linksliberalen Mainstream anbiedere. Damit war die Sache klar. Er, Theo Würtz, hatte auf diesem Planeten nichts mehr verloren.
Nun ging er ans Werk. Nicht verbittert, nicht verzweifelt, sondern voller Tatendrang, ein interessantes Experiment vor Augen. Die Aussicht auf das vorzeitige Ableben erschreckte ihn nicht. Leute wie er starben nicht so einfach. Er würde wohl nur in andere Sphären überführt, aus denen er amüsiert die trauernden Idioten belächeln konnte, die sich Vorwürfe machten, weil sie ihn in den Selbstmord getrieben hatten. Dennoch beschloss er einen Abschiedsbrief zu schreiben. Aus dem Papierfach des Druckers zog er ein leeres Blatt, nahm einen Bleistift und legte los. Es sollte ja eigentlich kein richtiger Abschiedsbrief werden, sondern eher eine kurze Betrachtung zur Sinnlosigkeit der eigenen Existenz. Das Abschleppseil lose um den Hals geschlungen, begann er unbefangen drauf loszuschreiben:
Bevor ich mich in eine andere Welt begebe, möchte ich noch was los werden. Ich bin jung, begabt, habe eine wunderbare Freundin und gerade eine Million Euro erstritten. Das Leben liegt vor mir - in aller Pracht und Herrlichkeit. Mein Sprung in die ewigen Jagdgründe wird daher kaum jemand verstehen. Im Gegenteil. Die meisten würden mich um solche Perspektiven wohl beneiden. Dennoch habe ich die Schnauze voll. Der Grund:
Die Menschen sind Arschlöcher. Eine Fehlentwicklung der Natur. Ihrem perversen, idiotischen Treiben kann und will ich nicht mehr zusehen. Lieber springe ich. Ich springe aber auch deshalb, weil ich jetzt weiß, dass mir niemand zuhören wird.
Seit Jahren treibt mich die Frage um, wie man die Natur und das Klima dieses Planeten vor der Gier und der Dummheit der Menschen retten könnte. Tag und Nacht habe ich an einer Lösung gearbeitet. Jetzt endlich habe ich sie gefunden. Und, mein Gott, sie ist so einfach. Und trotzdem nicht durchführbar. In der Verzweiflung der letzten Monate musste ich oft an Zwenglers Höhere Mächte denken. Eine Instanz, die mir bei der Verwirklichung meiner Pläne helfen würde. Der gelänge, woran wir Menschen scheitern müssen. Irgendwie hat mich dieser Gedanke optimistisch gestimmt und mir Kraft gegeben. Aber er hat mir wohl auch den Blick für die Realität vernebelt. Seit gestern weiß ich, wie sinnlos alles ist. Niemand wird sich je für meine Lösung interessieren. Zwenglers Höhere Mächte gibt es nun mal nicht. Stattdessen gibt es Menschen wie mein ehemaliger Anwalt. Dank ihm weiß ich, dass mein Traum von einer besseren Welt ein Traum bleiben wird. Ich springe jetzt.
Und Theo Würtz sprang. Das lose Ende des Abschleppseils an den höchsten Ast des großen Nussbaums geknotet, das andere um den Hals geschlungen, sprang er aus seinem Schlafzimmerfenster.
Als die Sehnen und Muskeln seines Halses rissen und ein Knochensplitter das Rückenmark oberhalb des dritten Halswirbels zerschnitt, und er, am Seile baumelnd auf und niederschwang, hörte er plötzlich eine Stimme:
Nicht so hastig, junger Freund, ich wollte Dir gerade einen Vorschlag machen.
Theo, überzeugt, tot zu sein, wunderte sich ein wenig darüber, noch hören zu können. Aber vielleicht gehörten solche Dinge ja zum Sterben dazu und so dachte er nur:
Zu spät, es ist zu Ende. Mein Leben ist nun Gottseidank vorbei.
Die Stimme aber antwortete:
Mag sein, dass du jetzt tot bist, aber das ist noch lange kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Schließ die Augen.
Meine Augen sind bereits geschlossen, und zwar für immer. Was willst du von mir? Lass mich in Ruhe.
Wolltest du nicht kürzlich noch die Welt retten? Den Klimakollaps verhindern?
Ja, aber das ist lange her und hat sich als unsinnig erwiesen.
Nicht so voreilig, junger Freund. Jetzt bekommst du die Gelegenheit dazu.
Sagte ich nicht gerade, dass es Unsinn ist? Wie soll einem Toten gelingen, was ihm lebendig nicht gelang?
Richtig, dir blieb der Erfolg versagt. Aber nun hast du meine Unterstützung. Das ändert die Sache etwas.
Was soll das? Akzeptiere, dass ich tot bin. Du hättest früher kommen sollen.
Nein. Es ist gut, so wie es ist. Nur als Toter bist du mir von Nutzen.
Folge mir, und du wirst verstehen.
Schließe deine Augen, und du wirst sehen.
OXYGARD
Theo tat wie befohlen und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, befand er sich auf einem Plateau aus einer durchsichtigen, gelartigen Masse. So, als stünde er auf hellblau schimmernder Götterspeise. Zu seinen Füßen dehnten sich Gebilde aus glasklarer, dampfender Flüssigkeit, die Seen und Flüssen ähnelten. Am Horizont konnte er erkennen, wie sich die Flüsse in ein Meer ergossen, das ein gewaltiges, dunkelblaues Gebirge von eisähnlicher Konsistenz umsäumte. Über all dem wölbte sich ein nachtschwarzer Himmel. In ihm hingen wie Christbaumkugeln gigantische vielfarbige Gebilde, welche die Szenerie magisch beleuchteten.
Wo er sei, wollte Theo wissen. In Oxygard, sagte die Stimme. Obwohl er tot zu sein glaubte, erwachte Theos Neugier zu neuem Leben.
Was ist das, Oxygard, wo liegt es?
Oxygard ist der älteste Teil des Universums, sein Zentrum. Es liegt im Mittelpunkt eines Ereignisses, das ihr Urknall nennt.
Der Ort des Urknalls?
Theo staunte nicht schlecht.
Was sind das für Gebilde, die da am Firmament wie Christbaumkugeln hängen?
Das sind ehemalige Sonnen. Heute sind es nur noch bunte Zwerge.
Und was ist das für eine Substanz, aus der Oxygard besteht? Woraus sind die Flüsse, Berge und Meere gemacht? Wasser scheint es nicht zu sein.
Es ist Sauerstoff. Reiner, flüssiger Sauerstoff. Oxygard ist die Heimat der Oxygods, und Oxygard ist der Ort ihrer Geburt. Wir sind die Herren des Elements O, des Oxygens, des Sauerstoffs.
Die Herren des Sauerstoffs?
Wie du weißt, ist Sauerstoff die Grundlage jeden Lebens. Wasserstoff, Kohlenstoff, Schwefel und all die anderen Elemente des Lebens können ihre lebensspendenden Eigenschaften nur in Verbindung mit Sauerstoff entfalten, zum Beispiel als Wasser oder Kohlendioxyd. Und so entstand hier auch das Leben. Oxygard, der Geburtsort der Oxygods, war der Punkt, an dem alles begann. Ein Punkt von unvorstellbarer Winzigkeit. So winzig, dass dort das Nichts herrschte.
Das Nichts? Was ist das Nichts? Wie kann das Nichts herrschen? Wie kann überhaupt etwas Nichts sein?
Das Nichts, das vor den Oxygods herrschte, war das Universum der Gedanken. Ein Gedanke ist nichts. Er besteht aus nichts, besitzt weder Masse noch Energie. Und kann doch die Welt verändern. Im Nichts wiegt ein Gedanke so schwer wie eine Sonne. Gedanken. Nur daraus bestand das Nichts. Aus Gedanken und Ideen.
Ein Nichts aus Gedanken und Ideen? Tut mir leid. Ich verstehe -nichts.
Vielleicht hilft dir das weiter: Die Gedanken und Ideen, die das Nichts beherrschten, solle man sich als Streichhölzer und Reibflächen vorstellen, sagte der ERSTE. Immer, wenn eine Reibfläche durch Zufall auf ein Streichholz traf, stoben Funken auf, bisweilen sogar Flammen. Doch nie gelang es der Reibfläche, das Streichholz dauerhaft zu entzünden. Millionenfach - aufflammen und verlöschen. Jedes Mal entstand für einen kurzen Moment ein physikalisches Modell. Immer anders, und doch nie stabil. Nie fähig, einen Zustand dauerhafter Funktionalität zu erreichen. Bis zu diesem einen Mal, als das Streichholz Feuer fing - und bis heute brennt.
Du sprichst vom Urknall?
Nenn es wie du willst. Den Urknall, wie du sagst, gab es jedes Mal, wenn ein Streichholz auf eine Reibfläche traf. Doch erst der letzte konnte wahrhaft zünden.
Warum?
Weil diesmal eine entscheidende Komponente ins Spiel kam: Das Leben.
Das Leben entstand beim Urknall?
Es wurde im selben Moment geboren, als die Gesetze der Physik, die Atome und Elemente, die Schwerkraft und das Licht zur Welt kamen. Weil damals alles entstand, entstand auch das Leben. Materie, Energie und Leben sind die drei Fundamente unseres Kosmos. Gemeinsam erblickten sie das Licht der Welt. Ein ungeheurer Glücksfall übrigens. Der letzte Versuch, aus dem unser Weltall sich formte, gelang tatsächlich nur, weil auch das Leben im Spiel war.
Aber das ist doch nicht möglich. Wie konnte im Inferno des Urknalls Leben entstehen?
Durch ein Missgeschick. Die letzte Zündung brachte das Wasserstoffatom hervor. Damit änderte sich alles. Es entstand aus sich selbst. Aus dem Nichts schossen plötzlich ungeheure Wasserstoffwolken ins Nichts, die, von der eigenen Gewalt schockiert, in sich zusammenstürzten, um sich selbst und umso gewaltiger aufs Neue zu gebären. Begleitet von einer beispiellosen Detonation, konstituierten sich zeitgleich die Gesetze der Zeit, der Gravitation, des Lichts und der Enthalpie. Durch die ungeheuren Kräfte, die dabei entfesselt wurden, begannen Wasserstoffatome miteinander zu verschmelzen. Nicht gleichzeitig, sondern zunächst ganz vereinzelt, wie zur Probe. Zwei einzelne Wasserstoffatome mussten den Anfang machen. In diesem Milliardstel Bruchteil einer Sekunde entschied sich das Schicksal des Universums. Für einen winzigen Moment drohte das soeben zufällig gefundene Konzept einer zukunftsfähigen Ordnung zu kippen, drohte die übliche Verpuffung ins nächste Nichts. Denn diese erste aller Kernfusionen, noch im Zustand des Chaos, führte nicht zu dem, was nach den Gesetzen des jungen physikalischen Modells vorgesehen war. Die beiden Wasserstoffatome hätten zu Helium fusionieren müssen, wie die neuen es Gesetz verlangten. Doch sie taten nichts dergleichen. Stattdessen fiel das Modell für einen winzigen Moment zurück in den Zustand des Chaos, in dem nichts als die Gedanken lebten. Das Ergebnis dieser ersten aller Fusionen war nicht Helium, sondern bereits der nächste Schritt: Sauerstoff.
Aber das ist nicht möglich! Das ist gegen die Physik!
Richtig. Und folglich war das erste aller Sauerstoff-Atome auch alles andere als normal. Sauerstoff ist das lebendigste, das verbindungsfreudigste aller Elemente. Sauerstoff ist der Urstoff des Lebens. Es ist das zentrale Element jeder organischen Verbindung und somit das Element des Lebens schlechthin. Und so tat dieses erste aller Sauerstoff-Atome das, was seinem Wesen am nächsten kam: Es lebte. Es begann zu denken, zu fühlen und zu wollen. Es wollte etwas, was seither das elementare Kennzeichen des Lebens schlechthin ist, etwas, das uns grundsätzlich von toter Materie unterscheidet: Es wollte weiterleben. Mit diesem ersten aller Sauerstoff-Atome, geboren im Chaos des Großen Feuers, entstand also das Leben selbst. Seine Lebendigkeit zeigte sich in einem Verhalten, das seit dieser Zeit kennzeichnend für fast alle Lebensformen ist: Es begann sich zu teilen. Die Zellteilung ist das Geheimnis von Fortpflanzung und Vermehrung. Die Vermehrung aus sich selbst ist das, was Leben ausmacht und erhält. Sofort begann sich auch der Kern dieses abnormen, lebenden Sauerstoff-Atoms wie eine lebende Zelle zu teilen. Nach der ersten Teilung war man zu zweit, nach der zweiten zu viert und nach der dritten zu acht. Die Teilungen erfolgten in rasender Geschwindigkeit und als die Zehnte vollzogen war, zählte man schon 1024 lebende, denkende Sauerstoffatome. So entstanden die Oxygods und mit ihnen das Leben.
Theo, nicht tot, nicht lebendig, besah die ungeheure blaue Welt zu seinen Füßen und lauschte mit offenem Mund. Die Stimme erzählte in ruhigem Ton weiter: Von der Welt der Oxygods und was sie mit der Erde verband.
Die Urform des Lebens war wissendes Sein in seiner reinsten, ursprünglichsten Form. Unzerstörbar, befreit von Raum und Zeit, frei und schwerelos - frei wie die Gedanken, die seine Ahnen waren. Da sie dem Element Sauerstoff entstammten, nannten sie sich Oxygods, die Götter des Sauerstoffs. Doch um sich entwickeln zu können, brauchten sie genau diesen Sauerstoff. Allerdings in seiner heutigen Form: als totes, willenloses Element, das den Gesetzen der Physik gehorcht. Nachdem sich der erste Sauerstoff-Zellkern in Windeseile 1024 mal geteilt hatte, stoppte der Prozess. Der Kern, der den Anfang gemacht hatte, der erste sich teilende Kern des ersten lebenden Sauerstoffatoms, den es eigentlich nicht mehr gab, der aber dennoch als Teil der Gruppe existierte, dieser ERSTE aller Kerne erkannte als erstes, dass es so nicht weitergehen konnte. Es konnte nicht so weitergehen mit der Teilung in immer mehr, immer neue lebende Sauerstoffatome. Nur ein ordnungsgemäßer, physikalisch korrekter Sauerstoff würde seinen lebenshungrigen Geschwistern eine Zukunft ermöglichen können. Der ERSTE, wie man ihn fortan nannte, bemerkte, wie das neue physikalische Modell dabei war, seinen Vorgängern zu folgen und ins nächste Nichts zu entschwinden. Schnellsten musste eine Ordnung hergestellt werden. Zu dieser Ordnung gehört, dass Wasserstoff zu Helium fusioniert - und zu sonst nichts. Nur so könnten die Sauerstoffatome entstehen, wie wir sie zu unserer Weiterentwicklung brauchten. Ohne Sauerstoff hätten wir zwar leben können, aber es wäre ein Leben in Stagnation gewesen, ein apathisches Dasein ohne Energie. Rasch machten wir uns an die Arbeit. Der Struktur des Wasserstoff-Atoms gaben wir die innere Logik, die es bis heute auszeichnet. Die nächste Wasserstoff-Fusion hielt sich nun an die Gesetze der Physik. Es entstand erst Helium und daraus schließlich das Sauerstoffatom in seiner heutigen Form - als Vorbote aller anderen, immer schwerer werdenden Elemente.
Der junge Mann, mit den Gesetzen der Physik durchaus vertraut, verstand gut, was die Stimme ihm erzählte und versuchte nun auszumachen, woher sie kam. Doch nichts und niemand Lebendiges schien in dieser blau schimmernden, eiskalten Welt zu existieren. Er fragte:
Warum sehe ich niemanden? Wie sieht jemand aus, der solche Macht hat? Wie sieht jemand aus, der die physikalischen Gesetze ändern kann?
Nun, ich würde sagen, wir ähneln stark dem Inhalt einer leeren Flasche.
Soll das heißen, ihr seht aus wie - Nichts?
Vergiss nicht, dass wir aus Gedanken entstanden sind. Hast du schon mal einen gesehen? Eingefangen und in ein Eimerchen getan?
Ähh...?
Na also. Die Gedanken sind das wirkmächtigste Ding der Welt. Gedanken lösen Kriege aus. Auch der Mensch ist lediglich die Summe seiner Gedanken. Aber gesehen hat sie noch niemand. Außer dir - demnächst zumindest.
Außer mir?
Ja. Du wirst die Macht bekommen, Gedanken sehen zu können.
Der junge Mann schwieg. Er war tot. Wie sollte all das vonstatten gehen? Er musste mehr über die Oxygods erfahren und was sie von ihm wollten.
Der heutige Sauerstoff, den ihr selbst erschaffen habt, ist nun eure Lebensgrundlage?
Ja. Er liefert unsere Energie. Allerdings gelang es uns nicht, den physikalisch korrekten Sauerstoff-Atomen ihre Lebendigkeit zu nehmen. Und gerade das bereitet uns bis heute Probleme. Die Lebendigkeit der Sauerstoff-Atome zeigt sich in ihrer extremen Reaktionsfreudigkeit. Bereitwillig wie brünstige Katzen paaren sie sich mit fast allen anderen Elementen. Aufgrund seiner Paarungsbereitschaft ist Sauerstoff nur selten in seiner ursprünglichen Form zu finden. Bevorzugt geht er schwer lösliche Verbindungen mit anderen Gasen und Metallen ein. Die Erschließung möglichst reiner Sauerstoffvorkommen und das Anlegen entsprechender Reserven ist für uns daher mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Denn die Bereitschaft des Sauerstoffs, neue Verbindungen einzugehen, ist wesentlich höher, als sich aus ebendiesen Verbindungen zu lösen. Der andere Aspekt der Lebendigkeit ist die elementare Bedeutung des Sauerstoffs für das Leben selbst. Doch das sollten wir erst später erkennen. Vorerst führte die rasante Ausdehnung des Universums zu einer starken Verdünnung der vorhandenen Materie. Das machte die Gewinnung mühselig. Im Lauf der Zeit bildeten sich Sonnensysteme und Planeten. Die Planeten weckten unser Interesse. Auf einigen fanden wir Verbindungen von Wasserstoff und Sauerstoff in Form von Wasser auf der Oberfläche. Bei anderen reichert sich der Sauerstoff, manchmal in erstaunlicher Konzentration, als Gas in der Atmosphäre an. Planeten mit sauerstoffhaltiger Atmosphäre sind für uns ein ausgesprochener Glücksfall. Um sie ausfindig zu machen, organisierten wir uns in verschiedenen Gruppen mit eigenen Aufgabenbereichen. Die erste Gruppe, nennen wir sie Planetenscouts, fahndet gezielt nach geeigneten Planeten. Wird ein solcher entdeckt, kommen die Extrakteure zum Einsatz. Sie extrahieren den Sauerstoff aus der Atmosphäre und bringen ihn nach Oxygard.
Theo traute seinen Ohren nicht.
Ihr extrahiert den atmosphärischen Sauerstoff? Wie soll das gehen?
Die Sauerstoffextraktion ist für die Oxygods ein eher unkomplizierter Vorgang. Wir befehlen dem Sauerstoff ganz einfach die Verflüssigung.
Die Verflüssigung? Dazu braucht es Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt, von minus 274° Celsius.
Wo ist das Problem? Anschließend wird dieser kompakte, oft mehrere tausend Kubik-Kilometer große Block, nach Oxygard gedacht.
Gedacht? Gedacht wie Denken?
Ja. Wir bewegen uns selbst und jegliche Materie durch bloße Willenskraft. Man will von einer Galaxie am äußeren Rand des Universums heim nach Oxygard? Kein Problem – nur intensiv daran denken, schon hat man sich heimgedacht. Die achttausend Kubikkilometer reinen Sauerstoff im Gepäck denkt man gleich mit.
Aber dabei zerstört ihr doch das ganze Leben auf dem Planeten! Kein Lebewesen hält solche Temperaturen aus!
Wenn es Lebewesen gibt, ja. Aber damals gab es keine. Zwei Milliarden Jahre nach dem Urknall war das Weltall zwar zu ungeheurer Größe angewachsen, aber außer uns lebte niemand darin. Nicht, dass wir andere Lebewesen erwartete hätten. Darauf waren wir nicht vorbereitet und vermissten sie daher auch nicht. Doch dann trat ein Ereignis von epochaler Bedeutung ein.
Ihr fandet Leben?
Genau. Beim Besuch eines Sauerstoffplaneten machte einer unserer Scouts eine merkwürdige Entdeckung: Er beobachtete ein winziges Objekt, das scheinbar selbsttätig seinen Standort veränderte. Es bewegte sich. Es bewegte sich zielstrebig und aus eigener Kraft. Und es schien, da keine externe Steuerung vorhanden war, von einem eigenen Willen beseelt zu sein. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir es ausschließlich mit gefrorenen Gasen, seelenlosen Metallen und anderer lebloser Materie zu tun gehabt. Nun aber lebte etwas, plante etwas mit eigenem Willen. Es gab Seelenverwandtschaft. Und plötzlich waren wir nicht mehr allein. Das Objekt wurde bewundert und gefeiert. Als man noch viele andere solcher Lebewesen entdeckte, war die Freude groß. Wie üblich extrahierten wir bald darauf den Sauerstoff. Als wir aber unsere neuen Freunde wieder besuchen wollten, existierten sie nicht mehr. Nicht die geringste Spur fand sich mehr von ihnen. Jetzt erst verstanden wir, dass unser Sauerstoff die Grundlage allen Lebens war. Der Schock saß tief und führte zur Einführung der Lex Vitae, dem Gesetz zum Schutz des Lebens. Es untersagt die Sauerstoffextraktion auf belebten Planeten. Eine neue Gruppe musste gebildet werden, die Gruppe der Planeten-Bewerter. Deren Aufgabe war es nun, Planeten mit sauerstoffhaltiger Atmosphäre auf Spuren von Lebensformen zu untersuchen. Ohne eine solche Untersuchung darf künftig keine Sauerstoffextraktion mehr durchgeführt werden.
Theo war beeindruckt.
Respekt! Ein Gesetz zum Schutz des Lebens. Das wäre auch auf der Erde nötig.
Die Stimme antwortete:
Nur Geduld. Es wird kommen. Alles braucht seine Zeit. Nach Einführung der Lex Vitae stießen wir jedenfalls bald auf ein neues Phänomen: Die Sauerstoffproduktion durch Lebewesen. Weil Leben Sauerstoff verbraucht, hätten die Sauerstoffvorräte auf belebten Planeten rein theoretisch mit der Zeit schrumpfen müssen. Doch manchmal war das Gegenteil der Fall. Auf manchen Planeten nahm die Sauerstoffkonzentration zu statt ab. Es mussten folglich Quellen vorhanden sein, die den Verbrauch ausglichen. Wer oder was aber waren diese Quellen? Wem gelang, was selbst uns, den Herren des Sauerstoffs nicht gelingen wollte, nämlich Sauerstoff neu zu erschaffen? Die Entschlüsselung dieses Rätsels bedeutete eine Sensation: Die Lebewesen selbst stellten ihn her! Und es waren oftmals die niedersten, einfachsten Lebensformen, die das zustande brachten.
Theo pflichtete ihm bei, auf dem Gebiet kannte er sich aus.
Stimmt. Auf der Erde heißt dieser Prozess Photosynthese. Mit seiner Hilfe produzieren Pflanzen, Algen und andere Lebensformen Sauerstoff. Den für die Photosynthese notwendigen Kohlenstoff und Stickstoff erhalten sie von Pilzen, Bakterien oder Tieren, die ihrerseits wiederum auf den Sauerstoff der Pflanzen angewiesen sind.
Genau. Ähnliches fanden wir auch anderswo. Ein solches Zusammenwirken unterschiedlichster Arten und Lebensformen zur Erzeugung von Stickstoff und Sauerstoff nennen wir "Große Symbiose". Die Große Symbiose, eine Lebensgemeinschaft, die selbsttätig ihren eigenen Sauerstoff produziert, war die zweite große Entdeckung. Bald darauf folgte die Dritte.
Der Oxygod machte eine bedeutungsvolle Pause. Theo schwante nichts Gutes. Gespannt begehrte er zu wissen, was die dritte Entdeckung war. Die Stimme fuhr fort:
Wenn die Planetenbewerter ein Objekt nach Spuren von Leben untersuchen, so geschieht das in mehreren Schritten. Dazwischen liegen, nach irdischer Zeitrechnung, oft Jahrtausende. In solchen Zeiträumen können große Veränderungen stattfinden. Manche von ihnen führen zu einer deutlichen Verringerung der Sauerstoff-Dichte in der Atmosphäre, manchmal sogar zu dessen völligem Verschwinden. Dadurch erlischt auch das Leben auf den betroffenen Planeten. Die Oxygods analysierten dieses Phänomen, doch das Ergebnis blieb zunächst rätselhaft. Denn für die Sauerstoffverluste waren in den meisten Fällen nicht etwa - was naheliegend gewesen wäre - äußere Umstände wie Asteroiden-Einschläge oder fremde Aggressoren verantwortlich. Nein, die Sauerstoff-Vernichtung war das Werk endemischer, auf dem Planeten selbst beheimateter Lebensformen! Was geschah hier? Was waren das für Lebewesen, die ihren eigenen Untergang herbeiführten? Wir begannen uns intensiv mit dieser Frage zu beschäftigen und stießen auf Arten, die offensichtlich mit den anderen Mitgliedern der Großen Symbiose nicht mehr in Verbindung standen. Sondern die im Gegenteil aggressiv an deren Zerstörung arbeiteten. Dabei handelte es sich häufig um die am höchsten entwickelten Lebensformen des Planeten; Arten, denen man eine gewisse Intelligenz, häufig sogar ein Bewusstsein attestieren konnte. Dies war die dritte Entdeckung. Wir nannten dieses Phänomen DOMINANTE ARTEN. Die Konsequenzen dieser Entdeckung werden bald auch die Zukunft der Erde betreffen.
Obwohl eigentlich tot, spürte Theo Angst aufsteigen, als die Stimme fortfuhr:
Die Entdeckung der Dominanten Arten war mehr als eine Überraschung für uns. Sie war ein Schock. Wir, die wir uns als die Hüter des Lebens verstehen, konnten das Verhalten solcher Arten nicht begreifen. Wie kann man wissentlich seinen eigenen Lebensraum zerstören? Und dazu alle anderen Arten, mit denen man diesen Lebensraum teilt? Ein solches Konzept schien uns schlichtweg unvorstellbar. Doch andererseits sind wir auch Pragmatiker. Mit der Zeit lernten wir: Wenn auf einem Planeten mit sauerstoffhaltiger Atmosphäre eine Dominante Art auftaucht, ist der Sauerstoff bald ebenso verschwunden wie alle anderen Arten auf dem Planeten. Es scheint ein Naturgesetz zu sein. Irgend etwas zwingt Dominante Arten dazu, ihren Lebensraum, sich selbst und und obendrein den Sauerstoff zu vernichten. Sollten wir dem tatenlos zusehen? Sollten wir mit ansehen, wie das wertvolle Lebenselixier sinnlos vergeudet wurde? Wir ergänzten die Lex Vitae, das Gesetz zum Schutz des Lebens, um einen wichtigen Nachtrag: Die Erlaubnis der präventiven Sauerstoff-Extraktion beim Auftauchen einer Dominanten Art.
Der junge Mann verstand:
Das heißt, ihr könnt überall, wo Dominante Arten auftauchen, einfach den Sauerstoff entnehmen? Weil sie ihn ja ohnehin vernichten würden?
Richtig. Aber nicht so einfach, wie du denkst. Die präventive Sauerstoff-Extraktion erfolgt nach komplizierten Regeln. Als erstes muss einer der 1024 Oxygods einen Antrag auf Sauerstoff-Extraktion stellen. Das hat automatisch die Untersuchung durch einen Planetenbewerter zur Folge. Er entscheidet, ob die angeblich Dominante Art tatsächlich dominant ist. Seinem Urteil darf in jedem Fall widersprochen werden, egal ob der Befund positiv oder negativ ausfällt. Dann muss ein weiteres Urteil von einem anderen Planetenbewerter gefällt werden. Und erst, wenn dieses ebenfalls zu einem positiven Ergebnis kommt, darf die Extraktion durchgeführt werden.
Wer sind die Planetenbewerter? Wie muss man sie sich vorstellen?
Das Gremium der Planetenbewerter besteht aus den acht der bei der dritten Teilung entstandenen Oxygods. Wie erwähnt, wurden aus der ersten Teilung der ERSTE und der ZWEITE, aus diesen beiden die ersten Vier und aus den Vieren die Acht. Die Acht hatten sich zwar ihrerseits immer weiter geteilt, aber da sie noch am stärksten die Erinnerung des Anfangs in sich tragen, wurden sie als stimmberechtigte Planetenbewerter auserkoren. Die Praxis zeigt, dass oft der ERSTE das letzte Worte hat, der ZWEITE und der DRITTE aber die Aktiveren sind. Insbesondere der DRITTE plagt sich um die Sicherung ausreichender Sauerstoffvorräte und durchstreift unablässig die Galaxien auf der Suche nach ergiebigen Quellen.
Und wer ist der ZWEITE?
Das bin ich selbst. Ich bin der ZWEITE.
Du? Du bist der ZWEITE?
Ja, ich bin der ZWEITE. Doch es war der DRITTE, der vor gut 90 Millionen Jahren die Erde entdeckte.
Wie geschah das? Durch Zufall?
Nein. Einem unserer Scouts war im selben Sonnensystem zuvor bereits der Nachbarplanet der Erde aufgefallen, der Mars.
Der Mars ist tot. Was wolltet ihr auf dem Mars? Es gibt dort keinen Sauerstoff.
Damals schon.
Damals schon? Was soll das heißen?
Theo wurde hellhörig. Der ZWEITE zierte sich ein wenig. So, als wolle er nicht so recht raus mit der Sprache. Schließlich gab er dem Drängen des jungen Mannes nach. Den beschlich das Gefühl, dass ihm der Oxygod lieber eine nettere Geschichte erzählt hätte.
Etwa fünf Millionen Jahre, bevor ein Asteroideneinschlag auf der Erde das Zeitalter der Dinosaurier beendete, schlug ein solcher Himmelskörper auch auf dem Mars ein. Doch er vernichtete dort kein Leben, sondern ermöglichte es. Der Asteroid, eine gigantische Eiskugel, traf den Mars ziemlich genau auf seinem Südpol. Er schlug einen 1.500 Meter tiefen Krater, der sich rasch mit geschmolzenem Eiswasser füllte. Außerdem verstreute der Aufprall die Sporen eines fremdartigen Organismus über große Gebiete des Mars. Dank des Wassers, das sich bald in der Marsatmosphäre ansammelte und wieder abregnete, dauerte es nicht lange, bis weite Teile des Planeten von diesem Organismus überwuchert wurden. Diese schier unverwüstliche Lebensform aus den Tiefen des Alls hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit Schimmelpilzen. Der Boden, auf dem der Schimmelpilz siedelte, bestand hauptsächlich aus Eisenstaub und Silizium. Da es anfangs in der Atmosphäre des Mars so gut wie keinen Sauerstoff gab, oxidierten die Metallbestandteile des Marsoberfläche nicht. Sie lagen meist in Form reiner Metalle vor.
Nun machte sich der Pilz an die Arbeit. Mit Hilfe von Sonnenlicht, dem Sauerstoff des Wassers und photochemischer Prozesse konnte er aus dem Silizium des Marsbodens Nährstoffe abspalten, die ihm das Überleben ermöglichten. Bei diesem Prozess entstanden unter anderem gasförmiger Sauerstoff und Chlorophyll. Der Chlorophyll-Anteil färbte den Schimmel grün und weil dieser sich nach und nach bis zu den Polen ausbreitete, leuchtete schließlich der ganze Planet in sattem Grün -ein pittoresker Kontrast zum tiefen Blau der benachbarten Erde.
Aber wie überall, wo Leben existiert, unterlag es auch auf dem Mars dem Einfluss der Evolution. Aus diversen Mutationen des Grünen Schimmels entwickelten sich mit der Zeit andere Schimmelarten. Eine davon, eine sehr vitale, sich schnell vermehrende Schimmelart, begann an den Rändern der Grünschimmelmeere zu siedeln.
Die Atmosphäre des Mars hatte zu diesem Zeitpunkt einen Sauerstoffanteil von 7% erreicht. Nun entdeckte ein Sauerstoff-Scout der Oxygods den Planeten. Die 7% bemerkte er sofort. 7% Sauerstoff sind gemessen an dem, was die Oxygods normalerweise vorfinden, ein enormer Wert. Schon 1% wären ein Grund zur Freude gewesen. Doch der Scout bemerkte sogleich auch die vielfältigen Lebensformen, die auf dem Marsboden siedelten, und so zog er, Lex Vitae sei Dank, unverrichteter Dinge wieder ab. In Oxygard berichtete er von seiner Entdeckung, von den 7% Sauerstoff und den Schimmelpilzen. Damit weckte er das Interesse des DRITTEN. Der beschloss, sich diesen Planeten mit seiner sagenhaften Sauerstoffdichte sowie das dazugehörige Sonnensystem einmal näher anzusehen. Bis es aber schließlich dazu kam, sollten viele tausend Mars-Jahre vergehen.
Inzwischen freute sich auch der neue Schimmelpilz über die 7% atmosphärischen Sauerstoff und begann, mit dessen Hilfe in großem Stil das Eisen des Marsboden zu oxidieren. Bei der Umwandlung des Eisens in rotbraunen Rost fielen Stoffe an, die der neuen Schimmelart als Nahrung dienten. Auch er selbst erhielt dadurch einen roten Farbton. Der rote Schimmel erwies sich als wesentlich aggressiver als die grünen Arten. Um an das Eisen im Marsboden zu kommen, musste er den grünen Schimmel verdrängen - und mit ihm auch alle anderen Arten, die sich inzwischen auf dem Grünschimmelrasen angesiedelt hatten. Den zuvor vom Grünschimmel erzeugten Sauerstoff verbrauchte der Rotschimmel nun in gigantischen Mengen zur Eisenoxydation. Als der DRITTE endlich den Mars besuchte, waren von ursprünglich 7% Sauerstoff gerade noch 2% übrig. Der Oxygod analysierte die Lage. Im Roten Schimmel erkannte er eine Dominante Art und verstand deren Rolle bei der Sauerstoff-Vernichtung. Um wenigstens die kostbaren 2% noch zu retten, empfahl der DRITTE, die Sauerstoff-Extraktion unverzüglich durchzuführen. Dem wurde auch alsbald stattgegeben. Das Ergebnis kennen wir. Weder der rote noch der grüne Schimmel noch irgendeine andere Lebensform überstanden die Extraktion. Zurück blieb nur Rost. Aus dem Grünen Planeten war über Nacht der Rote Planet geworden.
Der junge Mann vernahm die Geschichte mit Entsetzen. Tausend Fragen drängten über seine Lippen. Doch der ZWEITE erzählte einfach weiter und befand sich schon mitten im weiteren Verlauf der Ereignisse. Ereignisse, die ein bezeichnendes Licht auf die Rolle des DRITTEN für den Fortbestand des Lebens auf der Erde werfen sollten.
Denn nach der Extraktion des Mars-Sauerstoffs nahm er das Sonnensystem, in dem dieser Planet sich befand, etwas genauer unter die Lupe. Der Mars war Teil einer Planetenreihe, die sich um eine Sonne mittlerer Größe drehte. Der dritte Planet dieser Reihe fiel durch seine besondere Farbgebung etwas auf dem Rahmen. Der DRITTE vermutete dort ein großes Wasservorkommen und fortan galt diesem ungewöhnlichen Himmelskörper sein Interesse. So entdeckten die Oxygods die Erde. Welch eine Sensation! Der Planet befand sich in einer Epoche überschäumenden Lebens. Das Zeitalter der Saurier hatte seinen Höhepunkt erreicht. Pflanzen aller Art produzierten ungeheure Mengen an Sauerstoff, die Luft war warm und feucht. Es herrschte eine fruchtbare, überquellende Atmosphäre und der hohe Anteil an Kohlendioxid in der Luft trieb die Pflanzen zu höchster Massenproduktion an Kohlenstoffverbindungen. Der DRITTE war fasziniert von der kristallklaren Luft und einem Sauerstoffanteil in der Gashülle des Planeten, der bei über 20% lag. So etwas hatte man noch nie zuvor gesehen. 20%! Zurück in Oxygard, berichtete der DRITTE von seiner neuesten Entdeckung. Und während das Leben auf dem Mars erlosch, eilten die Oxygods herbei, um in der warmen Luft des Nachbarplaneten ausgedehnte Sauerstoffbäder zu nehmen.
Die Erde wurde zum Sehnsuchtsort der Oxygods, den man bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufsuchte. Klar, dass bei einem solchen Artenreichtum, bei einer solchen Fülle des Lebens niemand an eine Sauerstoffextraktion dachte. Die Zeit verging und die Besuchsintervalle der Oxygods wurden allmählich länger. Dadurch verpassten sie den Einschlag des Asteroiden, der auf ihrem Lieblingsplaneten den Untergang der Dinosaurier einleitete. Wohl aber bemerkten sie die Folgen. Staunend bewunderten sie die Vitalität, mit der das Leben auf die Erde zurückkehrte. Sie bemerkten den Aufstieg der Säugetiere und konnte beobachten, wie die Große Symbiose, die Lebensgemeinschaft der Arten, trotz Eiszeiten, Vulkanausbrüchen und Erdbeben immer weiter expandierte.
Der DRITTE besuchte den Planeten häufiger als die anderen Oxygods, und er schaute wohl auch genauer hin. Eines Tages machte er eine Entdeckung, die ihm zu denken gab. Er fand Lebewesen, die organischen Kohlenstoff gezielt zur Gewinnung von Wärmeenergie nutzten. Der Moment dieser Entdeckung liegt, aus heutiger Sicht, etwa 50.000 Jahren zurück. Die Oxygods kannten schon lange das Phänomen der spontanen, durch Blitzeinschläge ausgelösten Wald- und Steppenbrände auf der Erde. Dabei werden in einer thermischen Reaktion organische Kohlenstoffverbindungen in Wärme-Energie umgewandelt. Die damit einhergehende Reduktion wertvollen Sauerstoffs in wertloses Kohlendioxid sahen sie zwar mit Bedauern, aber da es keinen Schaden anrichtete, fand man sich damit ab. Die neue Art, die der DRITTE entdeckt hatte, beherrschte offenbar eine Technik, diese für Lebewesen normalerweise extrem gefährliche Reaktion zielgerichtet zu nutzen. Mit anderen Worten: Der DRITTE hatte die Menschen und deren Fähigkeit entdeckt, mit Holz Feuer zu machen. Die noch relativ junge, in Gruppen lebende Art stand erst am Anfang ihrer Karriere. Doch sie hatte bereits erstaunliche Fertigkeiten erworben. Könnte aus einer derart pfiffigen Spezies womöglich eine Dominante Art entstehen? Der DRITTE teilte den anderen Planetenbewertern seine Befürchtung mit. Doch die Vorstellung, auf ihrem Lieblingsplaneten vielleicht bald eine Sauerstoffextraktion durchführen zu müssen, stieß bei den Oxygods auf wenig Gegenliebe. Die Bedenken des DRITTEN fanden kein Gehör. Der aber hielt an der Vermutung fest, und so wurden die Menschen zum Gegenstand seiner Beobachtung.
Der junge Mann schwieg, zu keiner Reaktion imstande. Sollte das heißen, dass eine fremde Intelligenz die Entwicklung des Menschen von seinen Anfängen bis heute begleitet hatte? Endlich fragte er den ZWEITEN, welche Rolle er selbst bei alldem spielte.
Der ZWEITE zögerte etwas mit seiner Antwort. Dann fuhr er fort:
