Don Ottos wunderbarer Plattenladen - Mauricio Botero - E-Book

Don Ottos wunderbarer Plattenladen E-Book

Mauricio Botero

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Beschreibung

Don Otto betreibt einen kleinen Musikladen in Bogotá. Ob Punker, Partygirl, Politiker, ins Zivilleben zurückgekehrter Guerillero, ja selbst erklärter Musikhasser: Für jeden legt Don Otto die richtige Musik auf und serviert dazu eine Tasse duftenden kolumbianischen Kaffee. Als Kenner und Liebender bringt er dabei funkelnde Anekdoten und Erkenntnisse aus dem Leben und Werk der Komponisten an den Tag – von Bach, Bartók und Beethoven bis Prokofjew, Strauss oder Telemann. So wird sein Musikladen nicht nur zur vielstimmig klingenden Schatztruhe, sondern auch zum Ort, wo die Musik zeigt, dass sie Leben verändern kann.

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Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Über dieses Buch

Don Otto betreibt einen kleinen Musikladen in Bogotá. Ob Punker, Partygirl, Politiker, ins Zivilleben zurückgekehrter Guerillero, ja selbst erklärter Musikhasser: Für jeden legt Don Otto die richtige Musik auf, serviert dazu eine Tasse duftenden Kaffee und zeigt, dass Musik Leben verändern kann.

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Mauricio Botero (*1948) arbeitete als Kulturattaché in Buenos Aires, wo er Freundschaft mit Jorge Luís Borges schloss. Für den Essayband Cóncavo y convexo erhielt er 1994 den Premio Nacional de Ensayo, für Don Ottos wunderbarer Plattenladen wurde er 2001 mit dem Premio Nacional de Cuento ausgezeichnet.

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Peter Kultzen (*1962) studierte Romanistik und Germanistik in München, Salamanca, Madrid und Berlin. Er lebt als freier Lektor und Übersetzer spanisch- und portugiesischsprachiger Literatur in Berlin.

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Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Hardcover, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Mauricio Botero

Don Ottos wunderbarer Plattenladen

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen

E-Book-Ausgabe

Mit einem Bonus-Dokument im Anhang

Unionsverlag

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Impressum

Dieses E-Book enthält als Bonusmaterial im Anhang 1 Dokument

Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel Otto, el vendedor de música bei Editorial la Serpiente Emplumada in Bogotá.

Originaltitel: Otto, el vendedor de música (2001)

© by Mauricio Botero 2000

© by Editorial la Serpiente Emplumada 2001

© by Unionsverlag, Zürich 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30532-8

Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte

Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)

Version vom 25.06.2024, 15:37h

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Inhaltsverzeichnis

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Über dieses Buch

Titelseite

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Inhaltsverzeichnis

DON OTTOS WUNDERBARER PLATTENLADEN

VorbemerkungDas Erwachen der VögelVivaldiBorodinBéla BartókDas wohltemperierte KlavierBeethovenHändelJohann Sebastian BachProkofjewMozartOpus 70 Nr. 1 »Geistertrio«BrahmsAdagio und LumenSchola Cantorum RomanaAve Verum CorpusPange lingua, Modus tertiusDie Klaviersonate Nr. 31RequiemOuvertüre 1812EspañaTantum ergoSchumannSchubertPolonaisenStraussRigolettoTelemannAdagio molto delicatoDie SchöpfungSymphonie mit dem PaukenschlagDie siebte Symphonie in A-Dur

Mehr über dieses Buch

Luis Carlos Ibáñez: Vorwort zur kolumbianischen Originalausgabe

Über Mauricio Botero

Über Peter Kultzen

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Für Mauricio, nachdem wir all die Jahre niemals einer Meinung waren.

Ich will einem Spruch mein Ohr neigen

und kundtun mein Rätsel beim Klange der Harfe.

Psalm 49,5

Sie sollen loben seinen Namen im Reigen;

mit Pauken und Harfen sollen sie ihm spielen.

Psalm 149,3

Vorbemerkung

Mein Name ist Otto Roldán, ich bin passionierter Musikforscher und betreibe seit Jahren – auch als der beängstigende Schritt über die Jahrtausendschwelle getan werden musste – im Bogotaner Stadtviertel Chapinero gegenüber der Kirche Nuestra Señora de Lourdes den Musikladen La Caja de Música.

Schweigsame, harmonische, atonale oder misstönende Menschen kommen hier vorbei. Auf der Suche nach den großen Werken bevölkern sie die Partitur des Lebens.

Viel beschäftigter Leser, nur für einen kurzen Augenblick steht ihr Bild vor uns; doch ebendiese Kürze beweist, dass das Fragment mehr umfasst als das Ganze.

Das Erwachen der Vögel

Olivier Messiaen: Chronochromie

Vielleicht weil ich immer so frohgemut in meinem Musikladen stehe, vertrauen meine Kunden mir ihre Sorgen und Zweifel an, eine delikate Angelegenheit, hat doch alles, was unser Ohr aufnimmt, seine Wirkung. Ist mir einmal nicht danach, verhalte ich mich entsprechend – mit der Seele gilt es sorgfältig umzugehen, nicht anders als mit einem alten Freund. In solchen Fällen übergebe ich mein Amt an die beflissene Adela, die sich mit der Geduld einer kinderlosen Mutter all derjenigen annimmt, die zu ihr kommen, ihrer bewährten Devise folgend: »Ich war er, und ich verstand ihn.«

Heute aber hatte Adela ihren freien Tag. So legte ich alleine die Krönungsmesse auf, die Mozart im Alter von dreiundzwanzig Jahren komponiert hat; der Dirigent bei dieser Aufnahme war Rafael Kubelik. Da kam eine Gruppe Punks herein, mit Haaren in Farben, wie die Natur sie nicht nachzuahmen versucht. Eingeschüchtert wie der schiffbrüchige Odysseus, als er am Rande einer ihm unbekannten Stadt stand, fragte ich mich: Sinds unmenschliche Räuber und sittenlose Barbaren oder Diener der Götter und Freunde des heiligen Gastrechts?

Der Anführer – jugendlicher Protest verlangt nach Anführern – war ein stadtbekannter Rocker, seine Band nannte sich Nationales Befreiungsheer, und um den Hals hing ihm ein Hakenkreuz. So weit ist es gekommen mit den Ideologien, musste ich denken, als ich das als Untier verkleidete Untier aus dem Augenwinkel betrachtete. Vielleicht will er aber auch nur die Form wahren, sagte ich mir dann.

Zu meiner Überraschung waren sie auf der Suche nach einem kleinen Juwel von Messiaen, Das Erwachen der Vögel. Barsch verlangte der Anführer die beste Aufnahme, worauf er, als erinnerte er sich an ein längst vergessenes koptisches Ritual, ein »bitte« nachschob. Das Ritual wirkte Wunder, ich gab ihm die Einspielung des Sinfonieorchesters Baden-Baden, mit Rosbaud und Loriod. Der Rest der Truppe äußerte sich derweil lobend über das Sopran-Solo des Kyrie von Mozarts Messe, welches nach De Quincey den Eindruck vermittelt, eine Prozession ziehe leibhaftig an einem vorbei und verschwinde in der Ferne …

Die schwarz gekleidete Schlagzeugerin, deren Hahnenkamm auf der einen Seite karottenfarben, auf der anderen bischofsviolett leuchtete, wollte wissen, wer die Interpreten der Aufnahme von Messiaen seien.

Ich erklärte ihr, dass der Komponist die Stimmen lebender Vögel aufgenommen habe, die das Orchester und das Klavier begleiteten, von der Nachtigall, die der Dunkelheit Lebwohl sagt, bis zum Kuckuck, der die Sonne hinter dem Berg hervorruft.

Das fanden sie großartig, und der vorzeitig kahl gewordene Gitarrist, dessen Nase von einem zweifachen Ring durchbohrt war, erkundigte sich nach dem Leben Messiaens. Ich sagte, er habe in einem deutschen Kriegsgefangenenlager sein Quartett für das Ende der Zeit komponiert. Einen Großteil der Klänge habe er zusammen mit seinen Unglücksgenossen nur zum Ertönen bringen können, indem sie aus Löffeln und Stöcken Instrumente bastelten. Das habe ihm geholfen, zu überleben. Später war er Organist der Kirche La Trinité in Paris. Er war ein sehr gläubiger Mensch, fügte ich hinzu, was ihnen weniger gut zu gefallen schien.

Die Schlagzeugerin wollte noch mehr wissen: »Wohnt er im Urwald?«

»Er ist vor ein paar Jahren gestorben.«

»Hey, ein alter Knacker also!« Worauf sie und ihr Anführer, um den launigen Kommentar zu feiern, laut knallend die Hände aneinanderschlugen. Da hatte ich das Gefühl, mich gleich zweifach in ihnen getäuscht zu haben, zuerst, indem ich ihnen misstraute, und danach, indem ich ihnen vertraute. Ungeduldig griff ich nach der CD, ich hatte nur dieses eine Exemplar. Der Stammesführer zog zwei zerknitterte Geldscheine hervor, zum Glück reichte es nicht. Als ich die CD schon siegesgewiss wieder wegräumen wollte, rief er »Sammelkasse«, und alle gaben etwas dazu. Grußlos zogen sie ab und ließen mich um ein Vorurteil ärmer, aber auch ohne Messiaen zurück.

Vivaldi

Antonio Vivaldi: Streichkonzert in c-Moll

Obwohl Miniröcke damals ungeheuer in Mode waren, wollten die beiden jungen Frauen, die in den Musikladen kamen, sich diesem Diktat nicht unterwerfen und hätten viel lieber ganz auf ihre Röcke verzichtet. Ich wappnete mich gegen die Attacke, indem ich mir sagte, dass ein wenig Schamhaftigkeit dem Begehren noch nie geschadet hat. Dann versuchte ich, mich daran zu erinnern – obwohl es gar nichts mit der Situation zu tun hatte –, wer noch mal gesagt hatte: »A mode of truth, not of truth coherent and central, but angular and splintered …« Dass einem ein Name nicht einfällt, kann in einer kleinen Welt wie der meinen vieles bedeuten, bedeutungslos ist es jedenfalls nie – »eine Art Wahrheit, wenn auch nicht kohärent und zentral, sondern schief und zersplittert …« Robert Frost? Coleridge?

Sosehr es manchmal schmerzt, die Vergangenheit heraufzubeschwören – weshalb nur, überlegte ich, ist es so beglückend, wenn man sich ganz plötzlich an etwas erinnert?

Da weckten mich die hämmernden Klänge des Allegro vivace von Beethovens Klaviersonate Nr. 13, die mich unaufhaltsam meinem Tod entgegentrieben. Die beiden jungen Frauen näherten sich mit klappernden Absätzen auf dem Marmorfußboden. Es hörte sich an wie die Leichte Kavallerie von Franz von Suppé.

Die Weizenblonde gewann den Wettlauf und sagte: »Ich möchte etwas mit klassischer Musik. Aber es soll schön sein.« Womit sie auch gleich ihre Meinung über den schwer einzuordnenden Beethoven kundtat.

Ich seufzte, schließlich ist es zwecklos – erst spät habe ich das begriffen –, mit jemandem diskutieren zu wollen, der nicht die Gelegenheit gehabt hat, zum entsprechenden Zeitpunkt bestimmte Erfahrungen zu machen. Der Sänger, den gerade alle hören, klingt für ihn einfach besser, und jede Kritik daran kommt ihm vor wie kapriziöse Bescheidwisserei. Capriccio ma non troppo, dachte ich lächelnd.

Und so war es dann auch: Die andere, mit sauerstoffblonden Haaren, fragte, ob ich Aufnahmen von Julio Iglesias dahätte. »Nein, sagte ich, der Arzt hat mir Süßspeisen verboten.« Sie sah mich an, als wäre ich verrückt. Und das bin ich ja auch – diese beste aller musikalischen Welten, in der ich hier lebe, ist nicht normal. Wie soll man außerdem Musik mit Worten erklären?

Um mich aus der Reserve zu locken, stellte die Weizenblonde sich vor: Wider allen Augenschein hieß sie Virginia. Sie sagte, sie wolle das Stück hören, das sie gestern Abend in Radio Lente gespielt hätten. Die Sauerstoffblonde soufflierte: »Das spielen sie auch immer beim Quiz in Teletigre.«

Ich händigte ihnen das Telefonbuch aus. Sie machten einen Anruf. Des Rätsels Lösung hieß Vivaldi, Vier Jahreszeiten. Ich ließ sie die makellose Einspielung des Giardino Armonico hören, worauf die Weizenblonde wie zur Entschuldigung sagte: »Es soll ein Geschenk für den Liebsten von meiner Schwester sein, der ist so ein bisschen intellektuell.« Ohne rechten Zusammenhang fügte die andere hinzu: »Ich bin aus Valle del Cauca und höre gerne anspruchsvolle Musik.«

»Das schließt sich doch nicht aus«, erwiderte ich lächelnd. Da fiel mir ein, dass der Satz mit der zersplitterten Wahrheit von Thomas de Quincey stammt. Meine Laune besserte sich schlagartig. Auf einmal unterhielt ich mich ganz entspannt mit den zwei Evas, die meine Zuneigung zu gewinnen suchten und dafür sogar ihre musikalischen Überzeugungen aufgaben.

Ich sagte: »Vivaldi war ein Priester mit roten Haaren und hat vor dreihundert Jahren in Venedig gelebt.«

»Ist das diese Stadt, die untergeht?«, fragte Virginia mitleidig, als wären deren Bewohner hilflos ihrem Schicksal ausgeliefert.

»Genau.«

»Oh je, das haben sie neulich im Fernsehen gezeigt. Aber wenn er Priester war, hat er bestimmt nie eine Freundin gehabt«, fügte sie, schon weniger begeistert, hinzu.

»Im Gegenteil«, sagte ich, »er hat mit zwei Schwestern zusammengewohnt.«

»Zwei Schwestern? Der schämt sich wohl gar nicht! Was hat denn die Kirche dazu gesagt?«

»Na ja« – ich wollte dem Ganzen einen harmloseren Anstrich verleihen –, »also der Nuntius hat ihn denunziert.«

»Können Sie mir nicht noch ein bisschen mehr über ihn erzählen, wegen Robert, meine ich«, bat sie.

»Er hat über sechshundert Stücke komponiert. Und er war der Ansicht, die Musik bringt unsere Träume zum Klingen.«

»Sechshundert?«, rief Virginias Begleiterin staunend. Und als gäbe es hier einen verborgenen Zusammenhang, fragte sie: »Hat er Kinder gehabt?«

»Soweit ich weiß, nicht«, sagte ich und fügte als Antwort für das von ihr aufgerufene Unbewusste hinzu: »Manche Kritiker sagen unfairerweise, Vivaldi habe nicht sechshundert Stücke komponiert, sondern sechshundertmal das gleiche Stück.«

Sie lachten, und beide hakten sich folgerichtig im Fortgehen bei dem lebenslustigen Geist Vivaldis unter, der ihnen harmonisch über die sich in Nichts auflösenden Miniröcke strich.

Borodin

Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 9 d-Moll, Adagio

Vielleicht war ich eingeschlafen, ohne die ewigen Wächter anzurufen, jedenfalls träumte ich, ich hätte eine monströse ganze Zahl zwischen zwei und drei entdeckt. Eine Zahl, die alle Träume verschlang, jede Rechnung unmöglich machte und das gesamte Universum durcheinanderwarf.

Als ich aus dem mathematischen Alb erwachte, sagte ich mir: Die Musik braucht Momente der Stille, aber auch entschiedene Akzente und Dissonanzen, um das Schreckliche auszudrücken. In der Malerei dagegen ist für die Augen gerade das schrecklich, was die Hände nicht anrühren mögen, eine Wunde, zum Beispiel.

Nach dem morgendlichen Kaffee durchquerte ich nachdenklich den Lourdes-Park. Als ich an der Statue meines Urgroßonkels vorbeikam, verbeugte ich mich unmerklich vor seinem Bronzeabguss, denn den folgenschweren Fehler vom Vorabend wollte ich im wachen Zustand keinesfalls wiederholen.

Im Musikladen breiteten sich die dämmrigen Chöre Borodins aus wie Nebel, der sich in Nebel auflöst, und versetzten mich in das geheimnisvolle Reich von Fürst Igor, wo die Seele weiß, dass sie einem anderen Reich verpflichtet ist. Da kam Marta herein, ohne Germán, das kurze Haar bedeckt mit einem sportlichen Tüchlein; sie hätten sich getrennt, verkündete sie, und schon schluchzte sie los.

Ich spürte, wie schwer sie an der Last trug, die Spannung zwischen der zupackend-selbstgewissen Geisteshaltung der postmodernen Yuppie-Bürofrau und dem drängenden Verlangen nach Zärtlichkeit einer Großmutter auszuhalten, die darauf wartet, dass man ihr im Mondenschein Bolero-Serenaden vorträgt. You canʼt have it both ways – beides zugleich geht nicht. Aber ich sagte nichts, denn die Umstände erforderten Zartgefühl statt kalter Vernunft.

An Vernunft mangelte es der hochintelligenten Marta ohnehin nicht, jedoch gelang es eben dieser Vernunft nicht, ihrer Liebe so viel Substanz angedeihen zu lassen, dass sie imstande gewesen wäre, das heimische Herdfeuer in Gang zu halten – genau hierin bestand ihre Tragik.