Don Quijote von der Mancha - Miguel de Cervantes - E-Book

Don Quijote von der Mancha E-Book

Miguel de Cervantes

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Beschreibung

In "Don Quijote von der Mancha" entführt Miguel de Cervantes die Leser in die faszinierende und zugleich komische Welt seines Protagonisten, Don Quijote, einem in den Wahnsinn getriebenen Adligen, der beschließt, zum Ritter zu werden und die Welt von Unrecht zu befreien. Durch eine meisterhafte Verbindung von Satire und ernster Reflexion über die Themen Idealismus, Realität und Identität entfaltet Cervantes einen literarischen Stil, der sowohl zeitgenössische als auch zeitübergreifende Bedeutung besitzt. Der Roman wird oft als einer der ersten echten Romane der westlichen Literatur betrachtet und verändert die Erzählart durch die ständige Wechselwirkung zwischen Fiktion und Realität. Miguel de Cervantes, geboren 1547, war ein spanischer Schriftsteller, Soldat und Gefangener, dessen eigenes Leben geprägt war von Abenteuern, Widrigkeiten und finanziellen Schwierigkeiten. Diese Erlebnisse spiegeln sich in den Charakteren und der Handlung des Don Quijote wider, der viele autobiografische Züge aufweist. Cervantes' intensive Auseinandersetzung mit der menschlichen Natur und den Absurditäten des Lebens machen sein Hauptwerk zu einem zeitlosen Klassiker. "Don Quijote von der Mancha" ist eine unvergleichliche Lektüre, die sowohl schmunzeln als auch nachdenken lässt. Sein facettenreicher Humor und die tiefgreifende Analyse des menschlichen Daseins machen das Buch zu einer essentielle Lektüre für jeden Literaturinteressierten. Ob Sie ein Liebhaber klassischer Literatur sind oder einfach nur nach einem tiefgründigen Vergnügen suchen, Cervantes' Meisterwerk wird Sie auf eine unvergessliche Reise mitnehmen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Miguel de Cervantes

Don Quijote von der Mancha

Bereicherte Ausgabe. Die abenteuerlichen Reisen eines einfachen Edelmanns und seines treuen Gefährten - eine zeitlose Parodie auf den Ritterroman
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547669562

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Don Quijote von der Mancha
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Wirklichkeit und Vorstellung entspinnt sich ein Kampf, der das Denken über Literatur bis heute prägt. Don Quijote von der Mancha, das große Werk von Miguel de Cervantes, stellt die Frage, wie Geschichten unsere Wahrnehmung formen und wie weit der Mensch bereit ist, seinen Idealen zu folgen. Dieses Buch führt uns in eine Welt, in der das Lesen selbst zum Ereignis wird, und in der jede Handlung den Prüfstand der Realität durchläuft. Wer diese Reise antritt, begegnet nicht nur einer Figur, sondern einer Idee: der unerschütterlichen Kraft der Imagination gegenüber den harten Konturen des Alltags.

Miguel de Cervantes Saavedra (1547–1616) veröffentlichte den ersten Teil des Don Quijote 1605 in Madrid; der zweite Teil folgte 1615, ebenfalls in Madrid. Das Werk entstand im spanischen Siglo de Oro, einer Blütezeit der Künste und der Sprache. Cervantes, der als Soldat und später als Steuerbeamter Erfahrungen außerhalb literarischer Zirkel sammelte, brachte in dieses Buch eine seltene Mischung aus Beobachtungsgabe, Humor und formaler Kühnheit ein. Don Quijote gilt vielen als der erste moderne Roman – nicht als Etikett, sondern als Beschreibung seiner Struktur, seiner Erzählhaltung und seines Bewusstseins für die Macht der Fiktion.

Die Ausgangssituation ist schlicht und unerhört zugleich: Ein verarmter Landedelmann aus La Mancha liest Ritterromane, bis er beschließt, selbst als fahrender Ritter aufzubrechen. Mit selbstgewähltem Namen, provisorischer Rüstung und einem großen Ideal im Herzen sucht er Gelegenheiten, Gerechtigkeit zu üben und Ehre zu verteidigen. An seiner Seite steht bald Sancho Panza, ein Nachbar, der als Knappe mitzieht. Mehr braucht es für den Beginn nicht. Wie beide die Welt sehen und wie die Welt ihnen begegnet, bildet die Bühne für eine Erzählung, die Wahrnehmung, Sprache und Handlung unablässig spiegelt.

Als Klassiker gilt dieses Werk, weil es Formen sprengt und Maßstäbe setzt. Es parodiert die Ritterromane, die es zugleich ernst nimmt, indem es fragt, warum Menschen überhaupt Geschichten brauchen. Cervantes verbindet Komik und Menschenkenntnis, Alltag und Vision, und zeigt Figuren, die nicht bloß Typen, sondern wandelbare Personen sind. Die Erzählung arbeitet mit Perspektivwechseln, schärft den Sinn für Ambivalenz und lädt zum Mitdenken ein. So wird Don Quijote nicht nur gelesen, sondern mitvollzogen: ein Text, der seine Leserinnen und Leser zu Mitautoren ihrer Deutung macht und dadurch literarische Selbstreflexion populär werden ließ.

Der Einfluss des Don Quijote reicht über Jahrhunderte und Sprachen hinweg. Früh wurde das Buch in andere europäische Sprachen übertragen; es prägte die Entwicklung des Romans von England bis Russland. Autorinnen und Autoren wie Henry Fielding, Laurence Sterne, Gustave Flaubert, Fjodor Dostojewski oder Jorge Luis Borges haben sich daran abgearbeitet, ob in offener Hommage oder stiller Auseinandersetzung. Auch in der Bildenden Kunst, auf Bühnen und in Filmen wirkt die Figur fort. Dass der Roman stets neu gelesen werden kann, verdankt sich seiner Offenheit: Er spendet keine endgültigen Antworten, sondern stellt produktive Fragen.

Stilistisch entfaltet Cervantes eine bewegliche, vielstimmige Prosa. Der Ton reicht von derb-realistisch bis höfisch-elegant, von scharfer Satire bis zu zarter Ironie. Sprachwitz und Sprichwörter, gelehrte Anspielungen und Alltagssprechen stehen nebeneinander, ohne einander zu entwerten. Das Ergebnis ist eine Sprache, die Wirklichkeit nicht nur abbildet, sondern erzeugt: Sprechen ist Handeln. Indem Cervantes die Form der Rittergeschichte aufgreift und zugleich bricht, führt er vor, wie Literatur Traditionen verwandelt – und wie Leserinnen und Leser lernen, Konventionen zu erkennen, zu prüfen und spielerisch zu überschreiten.

Thematisch kreist der Roman um Identität, Gerechtigkeit, Mut und die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft. Er lotet die Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit aus und fragt, ob Standhaftigkeit Torheit oder Tugend ist. Ebenso verhandelt er, wie Vorstellungen von Ehre, Ruhm und gesellschaftlichem Rang entstehen. Die Figuren ringen darum, wie man ein gutes Leben führt, wenn die Normen wanken. Don Quijotes Entschluss, einer selbst entworfenen Rolle zu folgen, öffnet ein Feld, in dem Wahrheit, Schein und Selbsttäuschung erkennbar werden – nicht abstrakt, sondern in lebendigen, widersprüchlichen Situationen.

Ein Schlüssel zur Wirkung des Buches liegt im Dialog zwischen Don Quijote und Sancho Panza. Hier begegnen sich Idealismus und Pragmatismus, Buchwissen und Lebenserfahrung, Hochsprache und Volksrede. Aus diesem Wechselspiel entsteht nicht nur Komik, sondern Erkenntnis: Beide lernen, einander zu hören, ohne sich aufzugeben. Das Gespräch wird zum Ort der Wahrheitssuche, die nie abgeschlossen ist. In der Freundschaft, die sich daraus entwickelt, zeigt Cervantes, wie Gemeinschaft entsteht: durch Geduld, Missverständnisse, Widerspruch und eine Form von Loyalität, die Fehler einschließt, statt sie auszuradieren.

Von besonderer Raffinesse ist die Erzählanlage. Cervantes arbeitet mit einem Erzähler, der Quellen inszeniert, Berichte referiert und den Ursprung seiner Geschichte selbst zum Gegenstand macht. Dieses Spiel mit Autorschaft, Zuschreibung und Erzählebenen lässt Lesende die Mechanik des Erzählens durchschauen. Don Quijote ist damit nicht nur eine Geschichte über einen Ritter, sondern auch ein Roman über Romane. Indem der Text seine eigene Gemachtheit zeigt, schärft er die Aufmerksamkeit dafür, wie Narrationen entstehen – und wie leicht sich Wirklichkeit in Erzählungen verlieren oder wiederfinden kann.

Historisch steht das Buch an der Schwelle zwischen einer höfischen Ordnung und der sich wandelnden Gesellschaft der frühen Neuzeit. Spanien erlebte kulturelle Blüte und wirtschaftliche Spannungen zugleich; ländliche Regionen, städtische Zentren und ein vielschichtiges Rechts- und Ehrenverständnis prägten den Alltag. Cervantes greift Elemente der pikaresken Tradition auf, verbindet sie mit realistischer Beobachtung und öffnet so den Blick auf unterschiedliche soziale Milieus. Dieser Hintergrund macht verständlich, warum Fragen nach sozialem Status, Anstand und Ehre stets mitschwingen – ohne die Figuren auf ihre Herkunft zu reduzieren.

Heute liest man Don Quijote als eine Schule der Wahrnehmung. Der Roman sensibilisiert für die Kräfte, die unsere Bilder von der Welt formen: Lektüren, Gerüchte, Ideale, Begehren. In Zeiten schneller Informationen und hartnäckiger Täuschungen zeigt er, wie notwendig prüfende Aufmerksamkeit ist – und wie tröstlich die Vorstellungskraft sein kann, wenn sie sich ihrer Grenzen bewusst bleibt. Zugleich ermutigt das Buch, Würde nicht mit Erfolg zu verwechseln, sondern in Haltung, Mitgefühl und Beharrlichkeit zu suchen. So wird die Lektüre zu einer Übung in Urteilskraft und Menschlichkeit.

Dass dieses Werk zeitlos bleibt, liegt an seiner Großzügigkeit. Es erlaubt Lachen und Ernst, Distanz und Anteilnahme, Skepsis und Staunen. Es zwingt niemanden in eine Lesart, sondern eröffnet Räume, in denen jede Generation ihre Fragen wiederfindet: Wie handle ich richtig, wenn Normen widersprechen? Wie bleibe ich mir treu, ohne blind zu werden? Don Quijote antwortet nicht mit Dogmen, sondern mit Figuren, deren Widersprüche leuchten. Wer dieses Buch heute aufschlägt, entdeckt keinen musealen Text, sondern einen lebendigen Begleiter – ein Werk, das uns lehrt, zu lesen, zu zweifeln und dennoch zu hoffen.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Miguel de Cervantes’ Don Quijote von der Mancha, in zwei Teilen 1605 und 1615 veröffentlicht, gilt als Meilenstein der europäischen Literatur. Der Roman erzählt von Alonso Quijano, einem Landadeligen aus der Mancha, der sich durch die Lektüre von Ritterromanen in den fahrenden Ritter Don Quijote verwandelt. Er nimmt eine alte Rüstung, benennt sein Pferd Rocinante und wählt die Bäuerin Aldonza Lorenzo als ideale Dame, die er als Dulcinea verklärt. Von Beginn an prallen Imagination und Wirklichkeit aufeinander. Cervantes entfaltet daraus eine vielschichtige Satire auf überholte Ideale, eine Studie über Selbsttäuschung und ein Nachdenken über das Erzählen selbst.

Zu Beginn bricht Don Quijote allein auf, sucht Ruhm und Gerechtigkeit und will sich zum Ritter schlagen lassen. Ein schlichtes Wirtshaus hält er für eine Burg, der Wirt erfüllt ihm ironisch den Wunsch. Früh zeigen Missverständnisse und Prügel die Gefahren seiner Verblendung. Zurück im Dorf versuchen Nichte, Haushälterin sowie der Pfarrer und der Barbier, seine Leidenschaft zu zügeln. Die Sorge der Gemeinschaft kontrastiert sein hochfliegendes Selbstbild. Dennoch reift in ihm der Entschluss, erneut auszuziehen, diesmal besser gerüstet. Dieser Schritt markiert den Übergang von einer komischen Verirrung zu einem länger angelegten Abenteuer, in dem Begleiter, Prüfungen und Täuschungen zentral werden.

Für den zweiten Auszug gewinnt er Sancho Panza, einen pragmatischen Bauern, der als Knappe auf Aussicht einer Inselherrschaft folgt. Die ungleiche Paarung begründet eine der prägnantesten Duos der Literatur: idealistische Starrheit trifft bäuerlichen Realitätssinn. Don Quijote deutet die Welt weiterhin nach ritterlichen Mustern, während Sancho Erdung und Humor beisteuert. Symbolisch verdichtet sich dies im berühmten Angriff auf Windmühlen, die er für Riesen hält. Das Muster wiederholt sich: Wahrnehmung wird von Vorlagen gesteuert, und der Wille, Sinn zu stiften, überformt Tatsachen. Gleichzeitig entstehen Loyalität und Zuneigung, die beide vor völliger Entfremdung von Menschen und Normen bewahren.

Es folgen wechselhafte Abenteuer, in denen die Spannung zwischen Ideal und Ordnung der Gesellschaft eskaliert. Don Quijote befreit eine Kette von Galeerensklaven im Glauben, Unrecht zu tilgen, und erfährt prompt die Folgen unbedachter Tat. Herden werden zu Heeren, einfache Wirte zu Herrschern, Pilger zu geheimnisvollen Gestalten. In diesen Episoden kreuzen Komik und Gewalt, Mitleid und Spott. Cervantes zeigt, wie Rollen und Geschichten auf Menschen gelegt werden und wie Institutionen auf Abweichung reagieren. Sancho schwankt zwischen Nutzenkalkül und Treue; zugleich wächst seine Stimme, die den Herrn zu mäßigen sucht, ohne dessen Würde offen zu verletzen.

Ein Wendepunkt ist der Rückzug in die Sierra Morena, wo Don Quijote eine Buße vollzieht, um der fernen Dulcinea zu dienen. Sancho vermittelt zwischen dem Abwesenden und der dörflichen Realität, erfindet pragmatisch Übergänge und vermeidet Katastrophen. Pfarrer und Barbier sinnen auf eine List, die den Ritter, ohne sein Selbstbild zu zerstören, heimführt. Damit verlagert sich die Dynamik: Nicht nur Don Quijotes Täuschungen, auch die Täuschungen seiner Umgebung strukturieren die Handlung. Das Spiel mit Masken und Inszenierungen, stets zwischen Fürsorge und Manipulation, öffnet den Blick auf Verantwortung, Macht und die ethische Ambivalenz des Helfens.

Der zweite Teil setzt Jahre später an und reflektiert die Wirkung des ersten. Innerhalb der Fiktion kursiert bereits ein Buch über Don Quijote, und Figuren begegnen ihm mit vorgeprägten Erwartungen. Berühmtsein wird zur Falle: Ein adeliges Paar und andere Gastgeber inszenieren aufwendige Spiele, um den Gast zu belustigen und zu prüfen. Die vermeintliche Verzauberung Dulcineas liefert einen Rahmen, in dem Don Quijote an seiner Auslegung festhält und Sancho sich zwischen Loyalität und Wahrheit bewegt. Cervantes macht daraus eine Metakomödie über Ruhm, Leserschaft und Autorität, die zugleich Mitgefühl für verletzliche Eitelkeit weckt.

Sancho erhält die versprochene Regierungsaufgabe in einer vorgetäuschten Herrschaft. In diesem Experiment zeigt er gesunden Menschenverstand, Gerechtigkeitsliebe und Humor, während andere seine Grenzen testen. Das Gegenstück bildet die fortgesetzte ritterliche Erprobung Don Quijotes, der in Erzählungen, Auftritten und Prüfungen Wahrheit von Theater kaum trennen kann. Beide erleben, dass Rolle und Institution Erwartungen erzeugen, denen nur Integrität standhält. Die Episode vertieft ihre Beziehung: Sancho lernt die Last der Verantwortung kennen, Don Quijote erfährt Respekt vor bürgerlicher Klugheit. Zugleich spiegelt das Arrangement die Frage, ob gute Ordnung aus Einbildung, Erfahrung oder Regeln entsteht.

Die Reise führt weiter über Städte und Straßen bis an die Küste, wo neuzeitliche Welt und Gelehrsamkeit sichtbar werden. In Barcelona tritt die Druckerpresse auf, und die Geschichte verweist auf einen falschen Fortsetzer, dessen Buch Don Quijote im Roman selbst begegnet. Damit verbindet Cervantes konkrete Orte, mediale Öffentlichkeit und Autorschaft mit der inneren Suche seines Helden. Begegnungen mit anderen Wanderern und Rittern kulminieren in Prüfungen, die den Sinn des Ritterideals auf die Spitze treiben. Ohne die letzte Auflösung vorwegzunehmen, verdichtet sich das Motiv des Erwachens: Ruhm, Ehre und Selbstbild werden einer ernsten Probe unterzogen.

Am Ende bleibt ein nachwirkender Blick auf den Riss zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit, auf die Macht von Geschichten und auf die Würde des Menschen in seinem Irren und Streben. Don Quijote zeigt, wie Einbildung trösten, beflügeln und verführen kann, und wie Gemeinschaft darauf reagiert, mal hart, mal heilsam. Die Freundschaft zwischen Ritter und Knappe erweist sich als tragende Kraft, die Humor und Mitgefühl verbindet. Cervantes’ Roman wurde zum Grundtext des modernen Erzählens, weil er Abenteuer mit Reflexion und Gesellschaftskritik verschränkt. Seine Bedeutung liegt in der Einladung, Ideal und Verantwortung im offenen Gespräch zu halten.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Don Quijote de la Mancha entstand um 1600 im Kernland Kastiliens, unter der Herrschaft der spanischen Habsburger. Dominante Institutionen waren Krone, Kirche und die Inquisition, ergänzt durch Stadträte, Grundherren und ländliche Sicherheitskräfte wie die Santa Hermandad. Die weite, trockene Ebene der Mancha mit verstreuten Dörfern, Windmühlen und Getreidefeldern prägte den Alltag. Spanien verstand sich als „Monarquía Católica“ mit imperialer Reichweite, doch viele Untertanen lebten in bescheidenen Verhältnissen. Vor diesem Hintergrund erscheinen ritterliche Ideale aus Ritterbüchern als Anachronismus, der mit der sozialen Realität kollidiert und im Roman bewusst gegen die Strukturen eines sich verdichtenden frühmodernen Staates gestellt wird.

Politisch markiert das späte 16. und frühe 17. Jahrhundert den Übergang von Philipp II. (gest. 1598) zu Philipp III. und der Herrschaft seines Favoriten, des Herzogs von Lerma. Die Monarchie betrieb eine komplexe Hof- und Ratsbürokratie; Madrid war seit 1561 Residenz, der Hof zog jedoch 1601–1606 vorübergehend nach Valladolid. Diese Verlagerungen beeinflussten Patronage, Verwaltung und Kulturproduktion. Lokale Bezirke wie La Mancha standen in enger Verbindung mit der Zentralgewalt, etwa über Steuern, Justiz und Militär. Cervantes’ Roman spiegelt die Spannung zwischen peripherem Landleben und höfisch-urbanen Zentren, die die Verteilung von Ressourcen, Aufmerksamkeit und Ruhm bestimmten.

Ökonomisch prägte die sogenannte Preisrevolution das 16. Jahrhundert. Edelmetalle aus Amerika befeuerten Geldumlauf und Inflation, während Castilien schwer belastet wurde: durch Steuern wie die alcabala und die „millones“, durch Staatsschulden (juros) und wiederkehrende Zahlungsstopps. Viele kleine Adlige (hidalgos) waren einkommensarm, hielten jedoch an Standesansprüchen fest. Diese Diskrepanz zwischen Status und materieller Lage bildete einen Brennspiegel der Zeit. Der Roman nutzt sie, um Vorstellungen von Ehre, Nutzen und Arbeit zu beleuchten: Der Glaube an ritterliche Taten gerät in Konflikt mit ökonomischer Vernunft und dem wachsenden Bedarf an produktiver, bürgerlicher Tätigkeit.

Die Mancha war agrarisch geprägt: Getreideanbau, Oliven und Wein sowie die Transhumanz der Schafherden der Mesta bestimmten Landschaft und Wirtschaft. Windmühlen als Zeichen technischer Nutzung des Windes standen neben vielem Handwerk und saisonaler Arbeit. Über Landstraßen zogen Händler, Pilger, Soldaten und Amtspersonen; an den großen Routen lagen ventas, einfache Herbergen, die Reisenden Unterkunft boten. Diese Infrastruktur bildet den Schauplatz für Begegnungen, Gerüchte und Erzählungen. Cervantes greift diesen Raum des Unterwegsseins auf, in dem soziale Grenzen aufeinandertreffen und die Wirklichkeit des alltäglichen Lebens die Stoffe der alten Ritterliteratur unterläuft.

Gesellschaftlich herrschte eine streng hierarchische Ordnung, in der Ehre und „limpieza de sangre“ als identitätsstiftend galten. Der hidalgo genoss Ansehen, oft jedoch ohne ausreichende Einkünfte. Bauern, Tagelöhner und Diener sicherten das Überleben vieler Haushalte, während der normative Ehrbegriff soziale Mobilität einschränkte. Meister-Diener-Beziehungen, gelebt zwischen Autorität und gegenseitiger Abhängigkeit, prägten den Alltag. Der Roman macht diese asymmetrischen, zugleich pragmatischen Bindungen sichtbar und zeigt, wie populäre Lebensklugheit mit gelehrten oder literarischen Idealen ringt. So werden Standesdünkel, Brauchtum und die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität zur Quelle von Komik und Kritik.

Religiös und kulturell ist das Werk in die katholische Reform nach dem Trienter Konzil (1545–1563) eingebettet. Die Inquisition überwachte Lehre und Lektüre, der Index verbot bestimmte Bücher, und Drucke benötigten Genehmigungen, Preisfestsetzung und Zensurvermerke. Geistliche Autoritäten diskutierten den Nutzen von Ritterbüchern; mancherorts galten sie als moralisch bedenklich. Cervantes’ Paratexte reagieren auf dieses Umfeld, indem sie Autorität ironisieren, aber die Regeln formell respektieren. So entsteht eine doppelte Adresse: Unter den Bedingungen strenger Kontrolle entfaltet der Roman eine reflektierte, scheinbar harmlose Komik, die doch kulturelle Praktiken und Lesegewohnheiten prüfend beleuchtet.

Literarisch steht Don Quijote an einer Schwelle. Ritterromane wie der Amadís de Gaula hatten Generationen fasziniert, wurden aber zunehmend kritisiert. Parallel entfaltete die pikareske Literatur seit dem Lazarillo de Tormes (1554) eine realistische Perspektive auf Armut und List; Pastoral- und Maurenromane lieferten andere Modelle idealer Welten. Cervantes greift diese Formen auf, bricht ihre Konventionen und mischt Register. Der Roman reflektiert Erzählen selbst: Was ist verlässlich, wer bürgt für Wahrheit, und wie trennt man Fakt von Fiktion? Diese Fragen verbinden literarische Mode, moralische Kritik und historisches Bewusstsein der Zeit.

Der Buchdruck hatte in Spanien feste Zentren in Madrid, Alcalá, Salamanca, Sevilla und weiteren Städten. Buchmessen, etwa in Medina del Campo, und wandernde Buchhändler verbreiteten Neuheiten. Lesekultur war hybrid: Vorlesen in Herbergen und Werkstätten verband sich mit stiller Lektüre. Don Quijote erschien 1605 (Teil I) und 1615 (Teil II) in Madrid, gedruckt bei Juan de la Cuesta, und wurde rasch in mehreren Städten neu aufgelegt und bald übersetzt. Diese schnelle Zirkulation spiegelt einen aktiven, zugleich durch Zensur, Privilegien und Piraterie geprägten Buchmarkt, in dem Aufmerksamkeit und Autorität umkämpft waren.

Cervantes’ Biographie steht exemplarisch für die Bewegungen seiner Epoche. 1547 in Alcalá de Henares geboren, kämpfte er 1571 bei Lepanto und trug eine dauerhafte Handverletzung davon. 1575 geriet er in algerische Gefangenschaft und wurde 1580 von Ordensleuten ausgelöst. Zurück in Spanien arbeitete er zeitweise als Kommissar und Steuerbeamter, geriet in Verwaltungsstreitigkeiten und war zeitweilig inhaftiert. Wie er im Prolog andeutet, nahm der Roman in einem Gefängnis seinen Anfang. Diese Erfahrungen – Krieg, Gefangenschaft, Bürokratie – liefern dem Werk einen lebensnahen Hintergrund und sensibilisieren es für Freiheit, Autorität und Zufall.

Das Mittelmeer war um 1600 von Konflikten zwischen Habsburgern, Osmanen und nordafrikanischen Korsaren geprägt. Küstenüberfälle, Gefangenschaft und Lösegeld prägten Erfahrungswelten ganzer Regionen; Orden organisierten die Auslösung von Gefangenen. Zugleich blieb der Ruderbetrieb der Galeeren militärisch zentral, und Strafurteile konnten zu Galeerendienst führen. Kettensträflinge auf den Straßen und die ständige Präsenz von Veteranen machten Gewalt und Kriegserfahrung sichtbar. Der Roman greift diese Realität in Erzählsträngen und Figurenhintergründen auf, ohne sie zu verherrlichen, und spiegelt so eine Gesellschaft, die zwischen imperialem Anspruch und Verwundbarkeit lebt.

Auch innenpolitisch veränderte sich Ordnung und Sicherheit. Die Krone stützte sich auf Corregidores, Audiencias und die Santa Hermandad als ländliche Polizeikraft. Dieses Gefüge rationalisierte Gewaltmonopole und schränkte Eigenjustiz ein. Don Quijotes Ideal ritterlicher Selbstermächtigung kollidiert mit einem Justizsystem, das Legitimität aus Amt und Schrift bezieht, nicht aus persönlicher Tapferkeit. Die Reibung ist komisch inszeniert, verweist jedoch auf die historische Verschiebung von feudalen zu staatlich-bürokratischen Strukturen. Recht, Siegel und Protokoll treten an die Stelle privater Vergeltung – und der Roman beobachtet die Folgen mit aufmerksamem, skeptischem Blick.

Mobilität und Kommunikation nahmen zu. Kriegszüge, Händlerkonvois, Pilgerschaften und Boten nutzten ein ausgreifendes Wegenetz, während Nachrichten in gedruckten „relaciones de sucesos“ kursierten. Herbergen waren Drehkreuze von Lektüre, Neuigkeiten und Geschichten. Diese „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ liefert dem Roman Stoff und Struktur: Die Fülle von Erzählungen im Umlauf relativiert jede einzelne Wahrheit. Indem Cervantes fiktive Übersetzungen, Handschriften und Zwischenerzähler einführt, kommentiert er eine Medienlandschaft, die Autorenschaft, Verlässlichkeit und Ruhm neu verhandelt – zwischen offizieller Zensur und populärer Plausibilität des Gesagten.

Ein zentraler, heikler Kontext sind Morisken, also zwangsweise konvertierte Muslime und ihre Nachkommen. Ihre rechtliche Marginalisierung und die Ausweisung 1609–1614 unter Philipp III. markieren einen tiefen gesellschaftlichen Bruch. Der Roman spielt mit der Figur eines vermeintlich arabischen Chronisten als Quelle, vermittelt durch Übersetzer, und reflektiert damit Fragen kultureller Überlieferung, Deutungshoheit und Misstrauen. Diese narrative Maske verweist auf die vielschichtige, aber politisch eingeengte Erinnerung an Al-Andalus und zeigt, wie Texte im Spannungsfeld von Herkunft, Glauben und Staatsraison zirkulieren konnten.

Intellektuell wirkten Humanismus und Scholastik fort, während frühe erasmische Einflüsse in Spanien unter Druck geraten waren. Universitäten wie Salamanca und Alcalá prägten Debatten über Ethik, Rhetorik und Recht. Literatur stand unter dem Anspruch moralischer Nützlichkeit; Vorreden betonten Nutzen und Harmlosigkeit, um Anstoß zu vermeiden. Cervantes bewegt sich in diesem normativen Feld geschickt: Ironie, Humor und Selbstreflexion erlauben ihm, Lehrhaftes anzudeuten, ohne moralisierend zu belehren. So verbindet der Roman Spott über veraltete Ideale mit einer subtilen Verteidigung des Lesens als Bildung, Trost und Prüfstein für Urteilskraft.

Das literarische Feld war stark kompetitiv. Lope de Vega revolutionierte mit der „comedia nueva“ das Theater und dominierte die Bühne. Cervantes suchte ebenfalls Anerkennung als Dramatiker, fand sie jedoch vor allem als Prosautor. 1614 erschien eine pseudonyme, nicht autorisierte Fortsetzung („Avellaneda“), die Cervantes zu einer besonders selbstbewussten, reflexiven Zweiten Teil (1615) motivierte. Diese Episode zeigt den kommerzialisierten Buchmarkt, Fragen des Urheberrechts vor seiner Kodifizierung und die Bedeutung von Reputation. Der Roman reagiert darauf, indem er Autorschaft, Wahrheitsanspruch und literarische Konkurrenz innerhalb der Fiktion thematisiert.

Zeitgleich diskutierten sogenannte „arbitristas“ Reformvorschläge für eine kriselnde Ökonomie: Förderung von Ackerbau und Gewerbe, Eindämmung unproduktiver Stände, Rationalisierung der Finanzen. Der Roman spiegelt diese Debatten, indem er die Tauglichkeit heroischer, aber nutzloser Projekte gegen Alltagsvernunft und Arbeitsethik hält. Figuren sprechen in Sprichwörtern, wägen Nutzen und Schaden ab und konfrontieren stolze, aber wirtschaftlich leere Ehrenvorstellungen. In dieser Perspektive erscheint die Kritik an Müßiggang, Prunksucht und scheinhaften Leistungen als zeitgenössische Intervention – getragen von Humor, nicht von Traktatensprache.

Schließlich kommentiert das Buch das Verhältnis von Gewalt, Ruhm und Gedächtnis. Kriegserfahrungen, Rechtsordnungen, religiöse Aufsicht und ökonomischer Druck erzeugen eine Gesellschaft, in der heroische Vergangenheit nachhallt, aber keine sicheren Leitlinien mehr bietet. Don Quijote zeigt, wie Bürger und Untertanen zwischen Norm und Ausnahme navigieren: mit Regeln, Tricks und Geschichten. Diese historische Lage – zwischen Imperium und Ernüchterung – rahmt den Roman als Studie der Moderne im Werden. Häufig als einer der ersten modernen Romane bezeichnet, kritisiert er seine Zeit, indem er ihre Mythen ernst nimmt und zugleich ihre Grenzen geduldig offenlegt.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Miguel de Cervantes Saavedra (1547–1616) gilt als prägende Gestalt der spanischen und europäischen Literatur. Geboren in Alcalá de Henares und gestorben in Madrid, ist er vor allem als Autor von Don Quijote de la Mancha bekannt, dessen erste Teilauflage 1605 und zweite 1615 erschien. Das Werk transformierte die Ritterromantradition in eine moderne, vielstimmige Erzählform und beeinflusste das Selbstverständnis des Romans nachhaltig. Cervantes’ Lebensweg – Soldat, Gefangener in Algier, Beamter und unermüdlicher Schriftsteller – prägte seinen Blick auf Gesellschaft und Individuum. Seine Texte verbinden Humor, Realismus und Nachdenken über die Macht des Lesens und der Fiktion.

Sein Œuvre reicht weit über Don Quijote hinaus. Cervantes schrieb Lyrik, Prosa und Dramatik und suchte damit wiederholt die Bühne und den Buchmarkt zu erobern. Bedeutende Stationen sind die pastorale Prosa La Galatea (1585), die Novelas ejemplares (1613), das satirische Viaje del Parnaso (1614), die Ocho comedias y ocho entremeses nuevos (1615) sowie der postum erschienene Roman Los trabajos de Persiles y Sigismunda (1617). Auch seine Theaterstücke, darunter La Numancia und El trato de Argel, zeigen die Spannweite seines Interesses und seine Bereitschaft, zeitgenössische Erfahrungen literarisch auszuleuchten.

Bildung und literarische Einflüsse

Über Cervantes’ frühe Ausbildung ist nur Teilgesichertes überliefert; eindeutig belegt ist seine Verbindung zum Madrider Humanisten Juan López de Hoyos, in dessen Umfeld der junge Autor in den 1560er Jahren erste Gedichte veröffentlichte. In Italien diente Cervantes eine Zeit lang in der Gefolgschaft eines Kirchenfürsten in Rom, bevor er sich dem Militär anschloss. Diese Jahre boten ihm unmittelbare Begegnungen mit klassischer Kunst, humanistischer Gelehrsamkeit und der italienischen Renaissancekultur. Sie legten eine Grundlage, auf der er später literarische Formen mischte, Traditionen kontrastierte und seine Figuren mit historischer Sensibilität und sprachlicher Vielfalt ausstattete.

Seine Einflüsse sind breit: antike Autoren, die italienische Dichtung der Renaissance, die spanischen Ritter- und Schäferromane sowie der aufkommende picareske Erzähltypus. Cervantes kannte die populären Ritterbücher, die er später durch ironische Brechung und realistische Beobachtung neu bewertete. Zugleich inspirierten ihn urbane und ländliche Milieus der Iberischen Halbinsel, die er aus eigener Erfahrung kannte. Humanistische Diskurse über Moral, Verstand und Erfahrung durchdringen sein Werk ebenso wie theatralische Impulse des zeitgenössischen spanischen Bühnenbetriebs. Aus dieser Mischung erwuchs eine Poetik, die Unterhaltung, Reflexion und formales Experiment verbindet.

Literarische Laufbahn

Als Soldat nahm Cervantes 1571 an der Seeschlacht von Lepanto teil und trug dabei eine dauerhafte Verletzung an der linken Hand davon. Weitere Feldzüge führten ihn durch das östliche Mittelmeer. 1575 geriet er auf der Rückreise nach Spanien in Gefangenschaft und wurde bis 1580 in Algier festgehalten, bevor er freigekauft wurde. Zurück in Spanien suchte er literarische Anerkennung. 1585 erschien seine pastorale La Galatea. Früh entstanden auch Dramen wie La Numancia und El trato de Argel, die historische Standhaftigkeit und die Erfahrung der Gefangenschaft künstlerisch reflektieren.

Cervantes’ Broterwerb blieb unstet. Als Proviantbeschaffer und später als Steuereintreiber für die Krone reiste er durch Andalusien, geriet in Verwaltungsstreitigkeiten und wurde zeitweise inhaftiert. Diese Jahre schärften seinen Sinn für bürokratische Willkür, regionale Vielfalt und menschliche List. Um 1605 brachte er in Madrid den ersten Teil von Don Quijote de la Mancha heraus. Das Buch erlebte rasch mehrere Auflagen und machte den Autor weithin bekannt, ohne seine materiellen Sorgen gänzlich zu lösen. Der Erfolg zeigte jedoch, dass Cervantes das Leseverhalten seiner Zeit verstand und eine neue Erzählform gefunden hatte.

Don Quijote ist nicht nur Parodie der Ritterromane, sondern eine umfassende Meditation über Lesen, Identität und Wahrnehmung. Cervantes montiert Stimmen, Dokumente und Perspektiven, verbindet derbe Komik mit zarter Melancholie und lässt Realität und Fiktion produktiv aufeinanderprallen. Die dynamische Beziehung zwischen dem idealistischen Ritter und seinem bodenständigen Gefährten Sancho Panza eröffnet Raum für soziale Beobachtung, Sprachwitz und ethische Fragen. Die episodische Struktur erlaubt es, unterschiedliche Gattungen und Tonlagen einzubinden. So entsteht ein Werk, das Traditionen befragt und gleichzeitig erzählerische Moderne vorwegnimmt.

1613 veröffentlichte Cervantes die Novelas ejemplares, eine Sammlung kürzerer Prosatexte, die stilistisch und thematisch außerordentlich vielfältig sind. Sie reichen von urbanen Intrigen bis zu moralischen Fallstudien und verbinden Unterhaltung mit didaktischer Absicht. Cervantes betonte die Eigenständigkeit dieser Erzählform im Spanischen. 1614 folgte das Viaje del Parnaso, ein satirisches Langgedicht über Dichtung und Dichter seiner Zeit, das zugleich poetologische Selbstreflexion betreibt. Beide Publikationen festigten seinen Ruf als Autor, der Gattungsgrenzen überschritt und den Literaturbetrieb aufmerksam und ironisch kommentierte.

1615 erschienen die Ocho comedias y ocho entremeses nuevos, deren kurze Zwischenspiele besonders innovativ wirkten und bis heute oft gespielt werden. Im selben Jahr veröffentlichte Cervantes den zweiten Teil des Don Quijote, der die Motive des ersten Bandes vertieft und auf eine apokryphe Fortsetzung reagiert, die 1614 unter dem Namen Avellaneda kursierte. Kurz vor seinem Tod vollendete er Los trabajos de Persiles y Sigismunda, einen kunstvollen Roman in byzantinischer Tradition, der 1617 postum erschien. Diese späten Werke zeigen einen Autor, der seine Mittel weiter schärft und den europäischen Erzählhorizont weit ausmisst.

Überzeugungen und Engagement

Cervantes verband ästhetische Reflexion mit einer Ethik der Maßhaltung. Seine Vorreden und Erzählweisen plädieren für Wahrscheinlichkeit, Beobachtung und moralische Nützlichkeit ohne missionarischen Ton. Er hinterfragt literarische Moden, indem er sie nachahmt, parodiert und transformiert. Dabei verteidigt er die imaginative Freiheit des Autors, solange sie an Erfahrung und Plausibilität gebunden bleibt. Die Vielfalt der Stimmen und Register in seinen Texten ermutigt Leser, Urteile aufzuschieben und Ambivalenzen auszuhalten. So wird Literatur zur Schule der Aufmerksamkeit, die Vergnügen bietet und zugleich die Urteilskraft in gesellschaftlichen wie persönlichen Belangen schärft.

Persönliche Erfahrungen von Krieg, Verwundung und Gefangenschaft nährten Cervantes’ Mitgefühl für Ausgesetzte und Grenzgänger. Seine Figuren – ob Soldaten, Gefangene, Reisende, Diener oder Außenseiter – erhalten psychologische Konturen jenseits bloßer Typenhaftigkeit. Fanatismus, Heuchelei und starre Ehrvorstellungen werden mit Humor und kritischer Distanz beleuchtet, ohne den religiösen Rahmen der Epoche zu leugnen. Cervantes’ Prosa zielt weniger auf manifeste Programme als auf eine Humanität der Nuancierung. Sie lädt dazu ein, Würde in prekären Lebenslagen zu erkennen und Moral als praktisches, barmherziges Abwägen statt als starres Regelwerk zu verstehen.

Letzte Jahre und Vermächtnis

In seinen späten Jahren lebte Cervantes überwiegend in Madrid, arbeitete unablässig und widmete mehrere späte Werke dem Grafen von Lemos, einem einflussreichen Gönner. Er starb am 22. April 1616 in Madrid und wurde im Umfeld des Trinitarierklosters beigesetzt. Los trabajos de Persiles y Sigismunda erschien 1617 und bezeugt seine anhaltende formale Neugier. Cervantes’ Nachruhm ist außerordentlich: Don Quijote wurde in zahlreiche Sprachen übertragen, prägte den europäischen Roman vom 17. Jahrhundert an und wurde zu einem weltweiten Bezugspunkt für Fragen von Fiktion, Freiheit und Wirklichkeit. Sein Werk markiert einen dauerhaften Maßstab literarischer Erneuerung.

Don Quijote von der Mancha

Hauptinhaltsverzeichnis
Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha – Erstes Buch
Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha – Zweites Buch

Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha – Erstes Buch

Inhaltsverzeichnis
Vorrede
1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel

Vorrede

Inhaltsverzeichnis

Müßiger Leser! Ohne Eidschwur kannst du mir glauben, daß ich wünschte, dieses Buch, als der Sohn meines Geistes, wäre das schönste, stattlichste und geistreichste, das sich erdenken ließe. Allein ich konnte nicht wider das Gesetz der Natur aufkommen, in der ein jedes Ding seinesgleichen erzeugt. Und was konnte demnach mein unfruchtbarer und unausgebildeter Geist anderes erzeugen als die Geschichte eines trockenen, verrunzelten, grillenhaften Sohnes, voll von mannigfaltigen Gedanken, wie sie nie einem andern in den Sinn gekommen sind? Eben eines Sohnes, der im Gefängnis erzeugt wurde, wo jede Unbequemlichkeit ihren Sitz hat, jedes triste Gelärm zu Hause ist. Friedliche Muße, eine behagliche Stätte, die Lieblichkeit der Gefilde, die Heiterkeit des Himmels, das Murmeln der Quellen, die Ruhe des Geistes tragen viel dazu bei, daß die unfruchtbarsten Musen sich fruchtbar zeigen und dem Publikum Erzeugnisse bieten, die es mit Bewunderung und Freude erfüllen.

Es geschieht wohl, daß ein Vater einen häßlichen Sohn besitzt, der aller Grazie bar ist, und die Liebe, die er für ihn hat, legt ihm eine Binde um die Augen, daß er dessen Fehler nicht sieht, vielmehr sie für witzige und liebenswürdige Züge erachtet und sie seinen Freunden als scharfsinnige und anmutige Äußerungen erzählt. Jedoch ich, der ich zwar der Vater Don Quijotes scheine, aber nur sein Stiefvater bin, ich will nicht mit dem Strom der Gewohnheit schwimmen, noch dich, teurer Leser, schier mit Tränen in den Augen bitten, wie andre tun, daß du die Fehler, die du an diesem meinem Sohne finden magst, verzeihen oder nicht sehen wollest; denn du bist weder sein Verwandter noch sein Freund, hast deinen eignen Kopf und deinen freien Willen wie der Allertüchtigste auf Erden und sitzest in deinem Hause, darin du der Herr bist wie der König über seine Steuergelder, und weißt, was man gemeiniglich zu sagen pflegt: unter meinem Mantel kann ich den König umbringen. Alles dieses enthebt und befreit dich von jeder Rücksicht und Verpflichtung, und so kannst du von dieser Geschichte alles sagen, was dir gut dünkt, ohne zu besorgen, daß man dich schelte ob des Bösen, noch belohne ob des Guten, das du von ihr sagen magst.

Nur hätte ich sie dir gerne bar und nackt geben mögen, nicht aufgeputzt mit einer Vorrede und dem unzählbaren Haufen und Katalog der üblichen Sonette, Epigramme und Lobgedichte, die man den Büchern an den Eingang zu setzen pflegt. Denn ich kann dir sagen, obschon diese Geschichte zu schreiben mich manche Mühe gekostet hat, so erschien mir doch keine größer, als diese Vorrede auszuarbeiten, die du hier liesest. Oft nahm ich die Feder, um sie niederzuschreiben, und oft ließ ich sie wieder fallen, weil ich nicht wußte, was ich schreiben sollte. Und wie ich einmal so unschlüssig dasaß, mit dem Papier vor mir, die Feder hinter dem Ohr, den Ellbogen auf dem Schreibtisch und die Hand an der Wange, erwägend, was ich sagen sollte, da trat unversehens ein Freund von mir herein, ein Mann von Witz und großer Einsicht; und als er mich so nachdenklich sah, fragte er mich um die Ursache. Ich hielt nicht damit zurück und sagte ihm, ich dächte über die Vorrede nach, die ich zur Geschichte des Don Quijote schreiben müsse und um derentwillen ich mich in einem solchen Zustand befände, daß ich sie gar nicht schreiben und ebensowenig die Taten dieses so edlen Ritters ans Licht treten lassen wolle.

»Denn wie könnt Ihr verlangen, daß mich die Vorstellung: ›Was wird jener alte Gesetzgeber, den man den großen Haufen nennt, dazu sagen?‹ nicht ratlos mache, wenn er sehen wird, daß nach so vielen Jahren, seit ich im Schweigen der Vergessenheit schlafe, ich jetzt mit all meinen Jahren auf dem Halse mit einer Mär hervortrete, die da so dürr ist wie Dünengras, aller Erfindung bar, mangelhaft im Stil, arm an geistreichem Spiel der Worte und aller Gelehrsamkeit und Wissenschaft entbehrend, ohne Zitate am Rand und ohne Notate am Schluß des Buches; dieweil doch, wie ich sehe, andre Bücher alles dies haben und, selbst wenn sie fabelhaften und weltlichen Inhaltes sind, so voll von Aussprüchen des Aristoteles, des Plato und der ganzen Schar von Philosophen einhersteigen, daß sie die Leser in Staunen setzen und daß diese deren Verfasser für belesene, gelehrte und wohlberedte Männer halten. Und wie erst, wenn sie die Heilige Schrift anführen! Man möchte nicht anders glauben, als daß sie lauter heilige Thomase sind oder andre Kirchenlehrer, und dabei beobachten sie die Schicklichkeit so geistvoll, daß, wenn sie in einer Zeile einen verliebten Bruder Liederlich gemalt haben, sie in der nächsten ein Stücklein christlicher Predigt hinschreiben, daß es ein Vergnügen und Genuß ist, es anzuhören oder zu lesen. Alles dessen muß mein Buch entbehren, denn ich habe nichts am Rand zu zitieren, nichts am Schluß zu notieren, und noch weniger weiß ich, welchen Autoren ich in meinem Buche folge, um sie, wie alle tun, nach dem Abc an den Eingang zu stellen, beim Aristoteles anfangend und endigend mit Xenophon und mit Zoilus oder Zeuxis – obschon der eine ein Lästermaul und der andre ein Maler war. Auch wird es meinem Buche an Sonetten zum Eingang fehlen, wenigstens an solchen, die von Herzogen, Marquesen, Grafen, Bischöfen, Edeldamen oder weltberühmten Poeten verfaßt wären. Freilich, wenn ich mir solche von zwei oder drei befreundeten Handwerksburschen erbäte, so weiß ich, sie würden sie mir geben, und zwar so gute, daß ihnen die jener Herren nicht gleichkämen, die am meisten Ruf in unsrem Spanien haben.

Kurz, werter Herr und Freund«, fuhr ich fort, »ich habe beschlossen, daß der Herr Don Quijote in seinen Archiven in der Mancha begraben bleiben soll, bis der Himmel jemanden beschert, der ihn mit so vielen Dingen, die ihm jetzt fehlen, ausschmücke; denn ich fühle mich wegen meiner Unzulänglichkeit und meiner mangelhaften literarischen Bildung unfähig, hier abzuhelfen, und bin auch von Natur zu bequem und zu träge, um nach Autoren suchen zu gehen, die da sagen sollen, was ich für mich schon ohne sie sagen kann. Daher kommt's, daß ich so unschlüssig und aufgeregt war, wie Ihr mich gefunden habt; und sicher war der Grund, den ich Euch dargelegt habe, ein genügender, um mich in solche Zustände zu versetzen.«

Als mein Freund das hörte, schlug er sich mit der flachen Hand an die Stirn, und in ein mächtiges Gelächter ausbrechend, sagte er zu mir: »Bei Gott, Gevatter, jetzt erst werde ich eines Irrtums völlig los, in dem ich die lange Zeit her lebte, seit ich Euch kenne, denn bisher hielt ich Euch immer in allen Euren Handlungen für verständig und besonnen. Aber jetzt sehe ich, daß Ihr so fern davon seid wie der Himmel von der Erde. Wie ist es möglich, daß Dinge von so geringer Bedeutung, und denen so leicht abzuhelfen ist, die Macht haben, einen so reifen Geist zu beirren und zu verwirren wie den Eurigen, der so dazu angetan ist, weit größere Schwierigkeiten zu bewältigen und aus dem Wege zu räumen? In Wahrheit, das kommt nicht vom Mangel an Geschick, sondern aus Überfluß an Trägheit und aus Denkfaulheit. Wollt Ihr sehen, ob ich die Wahrheit sage? Nun, so schenkt mir einige Aufmerksamkeit, und da werdet Ihr finden, wie ich im Handumdrehen all Eure Bedenklichkeiten zunichte mache und Euch alles das herbeischaffe, dessen Mangel, wie Ihr sagt, Euch so verlegen macht und entmutigt, daß Ihr es aufgebt, die Geschichte Eures berühmten Don Quijote, des Lichtes und Spiegels der gesamten fahrenden Ritterschaft, ans Licht der Welt treten zu lassen.«

»Sagt«, entgegnete ich ihm, als ich dies hörte, »auf welche Weise wollt Ihr die Leere meiner Besorgnis ausfüllen und Helle in das Chaos meiner Verlegenheit bringen?«

Darauf antwortete er: »Das erste, woran Ihr Euch stoßt, nämlich daß Sonette, Epigramme oder Lobgedichte Euch für den Eingang des Buches fehlen, und zwar solche, die von Personen von Ansehen und Adel herrühren – dem kann dadurch abgeholfen werden, daß Ihr selbst einige Mühe darauf wendet, sie anzufertigen, und nachher könnt Ihr sie taufen und jeden Namen, der Euch beliebt, daruntersetzen und könnt sie dem Priester Johannes aus Indien oder dem Kaiser von Trapezunt als Kinder unterschieben, da man von ihnen, wie ich weiß, Nachricht hat, sie seien berühmte Poeten gewesen; und wenn sie es auch nicht gewesen wären und wenn es dann ein paar Pedanten und Schwätzer gäbe, die hinterrücks nach Euch beißen und gegen Eure Angabe belfern wollten, so achtet das nicht eines Dreiers wert; denn wenn sie Euch auch die Lüge nachweisen, so werden sie Euch doch nicht die Hand abhauen, mit der Ihr's geschrieben habt.

Was nun den Punkt betrifft: am Rande die Bücher und Schriftsteller aufzuführen, woraus Ihr die Lehrsprüche und Kernworte entlehnt, die Ihr in Eurer Geschichte anwendet, so braucht es weiter nichts, als es so einzurichten, daß hie und da zu gelegener Zeit etliche Sprüche oder lateinische Brocken vorkommen, die Ihr etwa schon auswendig wißt oder die aufzusuchen Euch doch nur geringe Mühe kostet; wie zum Beispiel, wenn Ihr da, wo Ihr von Freiheit und Gefangenschaft handelt, folgendes hinschreibt:

Non bene pro toto Libertas venditur auro –

und dann gleich am Rande den Horaz anführt, oder wer sonst es gesagt haben mag. Wenn Ihr etwa von der Gewalt des Todes handelt, dann gleich herbei mit:

Pallida mors aequo pulsat pede pauperum tabernas, Regumque turres.

Wenn von der Freundschaft und Liebe, die Gott befiehlt gegen den Feind zu üben, dann gleich auf der Stelle in die Heilige Schrift hineingegriffen, was Ihr mit einem wenigen von Beflissenheit fertigbringen könnt, und entlehnt nichts Geringeres als Gottes eigene Worte: Ego autem dico vobis: diligite inimicos vestros. Wenn Ihr von bösen Gedanken handelt, so kommt mit dem Evangelium herbei: De corde exeunt cogitationes malae. Wenn von der Unbeständigkeit der Freunde, so ist Cato da, Euch sein Distichon zu geben:

Donec eris felix, multos numerabis amicos; Tempora si fuerint nubila, solus eris.

Und mit diesen lateinischen Brocken und anderen der Art werden sie Euch doch zum mindesten für einen Grammatiker halten, was zu sein heutzutage nicht wenig Ehre und Vorteil bringt.

In betreff des Schreibens von Anmerkungen zu Ende des Buches, das könnt Ihr mit aller Sicherheit folgendergestalt machen: Wenn Ihr in Eurem Buch irgendeinen Riesen nennt, so richtet es so ein, daß es der Riese Goliath sei, und allein schon damit, was Euch soviel wie nichts kosten wird, habt Ihr eine große Anmerkung, denn Ihr könnt hinsetzen: Der Riese Golías oder Goliath war ein Philister, den der Hirte David mit einem gewaltigen Steinwurf im Terebinthental tötete, wie solches im Buch der Könige berichtet wird, in dem und dem Kapitel, wo ihr es geschrieben finden könnt.

Hierauf, um Euch als gelehrt in den schönen Wissenschaften und als welt- und länderkundigen Mann zu zeigen, legt es so an, daß in Eurer Geschichte der Fluß Tajo[1] genannt werde, und gleich seht Ihr Euch wieder mit einer wundersamen Anmerkung versorgt, indem Ihr hinsetzt: Der Fluß Tajo wurde nach einem spanischen Könige so benannt; er hat seinen Ursprung an dem und dem Ort und verliert sich im Großen Ozean, nachdem er die Mauern der berühmten Stadt Lissabon geküßt, und man meint, er führe Goldsand. Wenn Ihr etwa von Räubern handelt, will ich Euch die Geschichte von Cacus geben, denn ich weiß sie auswendig. Wenn von leichtfertigen Weibern, so ist der Bischof von Mondonedo zur Stelle, der Euch Lamia, Lais und Flora bieten wird, welche Anmerkung Euch ein großes Ansehen geben muß; wenn von grausamen, wird Euch Ovid die Medea hergeben. Wenn von Zauberinnen und Hexen, so hat Homer die Kalypso und Vergil die Kirke. Wenn von tapfern Feldherrn, so wird sich Euch kein Geringerer als Julius Cäsar selbst in seinen Kommentarien darbieten und Plutarch Euch tausend Alexander geben. Wollt Ihr von der Liebe handeln, so werdet Ihr mittels eines Lots Kenntnis von der toskanischen Sprache auf Leone Ebreo stoßen, der Euch das Maß bis zum Überlaufen füllen kann. Und wenn Ihr nicht in fremde Lande gehen wollt, so habt Ihr in Eurem Hause den Fonseca Von der Liebe zu Gott, worin alles inbegriffen ist, was Ihr und der Allersinnreichste nur immer bei einem solchen Gegenstand zu wünschen vermögt. Kurz, es braucht weiter nichts, als daß Ihr Euch die Mühe gebt, diese Namen zu nennen oder diese Geschichten, die ich hier bezeichnet habe, in der Eurigen zu berühren, und mir laßt dann die Sorge, die Notate und Zitate beizusetzen; ich schwör Euch drauf, ich will Euch die Ränder füllen und noch ein Dutzend Blätter am Ende des Buches verbrauchen.

Kommen wir nun zu der Anführung der Schriftsteller, die bei den andern Büchern üblich ist und die zu Eurem Buch fehlt. Die Abhilfe dafür ist sehr leicht, denn Ihr habt nichts weiter zu tun als ein Buch herbeizusuchen, das sie alle von A bis Z, wie Ihr sagt, bereits angeführt hat. Nun wohl, dies nämliche Abc setzt Ihr in Euer Buch; denn wenn man auch daraus, daß Ihr so gar wenig nötig hattet, die vielen Schriftsteller zu benutzen, die Lüge deutlich ersieht, so liegt nichts daran; und vielleicht gibt's immerhin jemanden, der so einfältig ist, zu glauben, Ihr hättet in Eurer einfachen und schlichten Geschichte sie doch alle benutzt. Und wenn auch zu weiter nichts, so wird jener große Katalog von Schriftstellern wenigstens dazu dienen, dem Buch auf einen Schlag Ansehen zu verschaffen. Zudem wird sich nicht leicht einer finden, der sich an die Untersuchung begibt, ob Ihr ihnen gefolgt oder nicht gefolgt seid, da ihm gar nichts daran liegen kann. Und dies ist um so mehr der Fall, da, wenn ich recht verstehe, dies Euer Buch nicht eines jener Dinge nötig hat, die, wie Ihr sagt, ihm fehlen; denn das Ganze ist nur ein Angriff auf die Ritterbücher, an die Aristoteles nie gedacht, von denen der heilige Basilius nichts gesagt und bis zu denen Cicero sich nicht verstiegen hat; und ebensowenig gehört in den Kreis seiner erdichteten Narreteien die strenge Genauigkeit geschichtlicher Wahrheit wie die Beobachtung der Sterndeuterei; auch sind ihm von keinem Wert die geometrischen Messungen noch die Widerlegung der Beweisführungen, deren sich die Redekunst bedient. Ebensowenig soll es irgendwem etwas vorpredigen und so das Menschliche mit dem Göttlichen vermischen – eine Art von Vermischung, die kein christlicher Geist zur Schau tragen soll. Ausschließlich soll es in allem, was es darstellt, sich der Nachahmung befleißigen, und um so vollkommener diese sein wird, um so besser wird ausfallen, was Ihr schreibt. Und da dies Euer Werk auf weiter nichts ausgeht, als das Ansehen und die Gunst zu zerstören, die die Ritterbücher in der Welt und bei der Masse genießen, so ist kein Grund, weshalb Ihr betteln gehen solltet um Kernsprüche der Weltweisen, um gute Lehren der Heiligen Schrift, Erfindungen der Dichter, hohe Worte der Redekünstler, Wunder der Heiligen; sondern Ihr habt nur darum bemüht zu sein, daß in schlichter Weise, mit bezeichnenden, anständigen und wohlgefügten Worten, Euer Stil und Satzbau klangvoll und anmutig dahinschreite; indem Ihr in allem, was Ihr erreichen könnt und was Euch möglich ist, Euern Endzweck getreulich darstellt und Eure Gedanken zum Verständnis bringt, ohne sie zu verwickeln und zu verdunkeln. Strebet auch danach, daß beim Lesen Eurer Geschichte der Schwermütige zum Lachen erregt werde, der Lachlustige noch stärker auflache, der Mann von einfachem Verstande nicht Überdruß empfinde, der Einsichtsvolle die Erfindung bewundere, der sinnig Ernste sie nicht mißachte und der Kenner nicht umhinkönne, sie zu loben. Mit einem Worte, richtet Euer Augenmerk darauf, das auf so schlechter Grundlage ruhende Gerüste jener Ritterbücher niederzureißen, die von so vielen verabscheut und von einer noch weit größeren Anzahl gepriesen werden; und wenn Ihr dieses Ziel erreicht, so werdet Ihr nichts Geringes erreicht haben.«

Mit tiefem Schweigen saß ich und hörte meinem Freunde zu, und so tief prägten sich mir seine Worte ein, daß ich, ohne eine Widerrede zu versuchen, ihnen meine Gutheißung erteilte und mir vornahm, aus diesen selben Worten meine Vorrede zusammenzutragen. In ihr also wirst du, holder Leser, die Verständigkeit meines Freundes ersehen sowie mein gutes Glück, in einem so bedrängten Augenblicke einen solchen Ratgeber gefunden zu haben, und zugleich die Quelle deiner eigenen Befriedigung darüber, daß du die Geschichte des berühmten Don Quijote von der Mancha so lauter und so ganz ohne Abirrungen erhältst; des Mannes, von dem unter allen Bewohnern des Gefildes von Montiel die Meinung geht, daß er der keuscheste Liebhaber und der tapferste Ritter gewesen, den man von vielen Jahren her bis zu dieser Zeit in jenen Gegenden gesehen. Ich will den dir geleisteten Dienst, daß ich dich einen so edlen und ehrsamen Ritter kennen lehre, nicht zu hoch anschlagen; aber danken sollst du mir, daß du Bekanntschaft mit seinem Schildknappen, dem berühmten Sancho Pansa, machst, in welchem ich dir, nach meiner Ansicht, den Inbegriff aller knappenhaften Witze vorführe, die in dem Haufen der Ritterbücher sich zerstreut finden.

Und hiermit, Gott möge dir Heil gewähren und mich nicht vergessen. Leb wohl.

Urganda die Unerkannte an das Buch Don Quijote von der Mancha

Wenn zu Trefflichen zu ko-mmen Du, mein Buch, erstreben ka-nnst, Wird dir kein Gelbschnabel sa-gen, Daß du es nicht gut getro-ffen. Doch packt Ungeduld dich o-ft, Weil du Eseln wirst zu ei-gen, Wirst du sehn im Nu, daß kei-ner Auf den Kopf den Nagel tre-ffe, Ob er sich die Finger le-cke, Sich als Mann von Geist zu zei-gen.

Und da die Erfahrung spri-cht: Wer an guten Baum sich le-hnt, Daß den guter Schatten de-ckt, Beut dein Stern in Béjar di-r Einen Baum, der königli-ch, Fürsten trägt als seine Frü-chte Und an dem ein Herzog blü-ht, Der ein neuer Alexa-nder; Wage dich in seinen Scha-tten, Denn dem Kühnen lacht das Glü-ck.

Abenteuer sollst du si-ngen Eines Ritters aus der Ma-ncha, Dem der Bücher hohler Ta-nd, Die er las, den Kopf verwi-rrte. Frauen, Waffen, edle Ri-tter Hatten so ihn eingeno-mmen, Daß er wie Roland der to-lle Ganz von Liebeswut befa-ngen Sich errang mit starken A-rmen Dulcinea von Tobo-so.

Male du nicht eitle Bi-lder Auf den Schild, denn wenn der he-ftige Spieler stets auf Bilder se-tzt, Wird er gegen As verli-eren. Sei demütig in der Wi-dmung! Und dann wird kein Spötter ru-fen: Welch ein Konnetabel Lu-na, Welch karthagischer Hanniba-l, Welch ein König Franz in Spa-nien Will noch übers Schicksal mu-rren!

Da der Himmel nicht gewo-llt, Daß so viel Latein du wi-ssest Als der Neger Juan Lati-no, Meide du lateinische Bro-cken. Nicht zitier mir Philosophen, Sei nicht überfein haarspa-lterisch; Sonst verzieht den Mund zum La-chen Wer den Pfiff versteht, und ru-ft Gellend dir ins Ohr den Spru-ch: Warum Kniffe mir und Phra-sen?

Nicht beschreib in breitem Schwu-lst Fremder Leute Lebensba-hn; Weitab stehn und liegen la-sse Dinge, die dem Leser Wu-rst. Dem schlägt man auf die Kapu-ze, Der zu breit sich macht mit Wi-tz, Du arbeite nur und schwi-tze, Zu erringen guten Ru-f; Denn wer Albernheiten dru-ckt, Leiht sie aus auf ewige Zi-nsen.

Merke dir: der ist ein Na-rr, Der da unterm Glasdach wei-lt Und trotzdem nach Steinen grei-ft Und sie wirft auf Nachbars Da-ch. Doch der Mann von Urteilskra-ft Geht bei allem, was er schrei-bt, Als war Blei an seinen Bei-nen; Und wer das Papier bedru-ckt, Um Backfischchen zu erlu-sten, Hat versimpelt seine Zei-t.

Amadís von Gallien an Don Quijote von der Mancha

Sonett

O du, in dem die Lieb Nachahmung weckte Des Tränenlebens, das mich quält' und plagte, Als auf dem Armutsfelsen ich verzagte, Weil mich Entfernung und Verschmähung schreckte;

Du, der zum Trank der Augen Salzflut leckte Und dem zur Mahlzeit, wenn dich Hunger nagte Und Silber, Zinn und Kupfer dir versagte, Die Erd auf harter Erd ein Tischchen deckte;

Leb du in Zuversicht, daß dir auf immer – So lang zum mindsten, als die Feuerpferde Apollos in der vierten Sphäre kreisen –

Dein Name hell wird sein von Ruhmesschimmer, Dein Vaterland das erst' auf dieser Erde, Dein Autor einzig unter allen Weisen.

Don Belianis von Griechenland an Don Quijote von der Mancha

Sonett

Ich brach, hieb, sprach, schlug Beulen, hab vollbracht Mehr als der fahrenden Ritter ganz Geschlecht, Kühn, brav, stolz, tausend Frevel schwer gerächt Und hunderttausend wiedergutgemacht.

Der Ruhm verewigt meiner Taten Pracht; Stets war mein Lieben sanft, freigebig, echt. Im Zweikampf war ich jeder Pflicht gerecht; Ein Riese galt als Zwerg mir in der Schlacht.

Zu Füßen mir hatt ich Fortuna liegen; Am Stirnhaar hielt mein schlauer Sinn mit Spotte Die kahle Glatze der Gelegenheit.

Doch hob sich auch mein Glück im steten Siegen Über des Mondes Hörner – Don Quijote, Auf deine Heldentaten hab ich Neid.

Die Dame Oriana an Dulcinea von Toboso

Sonett

O schöne Dulcinee! Hätt ich's vollbracht, Mein Miraflores einst, mir zum Ergetzen Und Labsal, nach Toboso zu versetzen, Mit deinem Dorf zu tauschen Londons Pracht!

O zierte deine Denkart, deine Tracht Mir Seel und Leib! wie froh würd ich mich schätzen, Den Ritter, der beglückt in deinen Netzen, Zu schaun im Kampfe gegen Übermacht!

Hätt ich's vollbracht, mit keuschem Sinn zu meiden Herrn Amadís, wie du dem höflich feinen Quijote dich entzogst trotz seinen Qualen!

Ich wär beneidet dann, statt zu beneiden, Blieb froh statt traurig und genoß den reinen Glücksbecher, ohne Zeche zu bezahlen.

Gandalin, Schildknappe des Amadís von Gallien, an Sancho Pansa, den Schildknappen Don Quijotes

Sonett

Heil, edler Mann, dir! Als des Schicksals Macht Dich mit dem Amt des Knappentums belohnt, Hat's dich mit allem Pech so ganz verschont, Daß deine Pflichten du mit Glanz vollbracht.

Jetzt wird nicht Sens und Spaten mehr verdacht Den fahrenden Knappen, simpler Geist nun wohnt Im Knappentum; der Hochmut, der den Mond Mit Füßen treten will, wird ausgelacht.

Ich neide deinen Ruhm, dein Eselein; Jedoch dein Zwerchsack, der dich kennen lehrt Als höchst fürsichtig, geht mir noch darüber.

Heil nochmals dir, du Biedrer, dem allein Hat unser spanischer Ovid gewährt Ehrsamen Gruß mit einem Nasenstüber.

Von dem Zierlichen, dem Poeten für Allerhand, auf Sancho Pansa

Sancho Pansa bin ich, Knappe Des Manchaners Don Quijo-te; Einst hab ich Reißaus geno-mmen, Meines Lebens klug zu wa-rten. Villadiego sah das Ga-nze Der Politik in der Le-hre, Aus Gefahr sich fortzuste-hlen; Also sagt die Celesti-na, Die ein göttlich Buch mir schi-ene, Wenn's nicht gar zu menschlich wä-re.

auf Rosinante

Des Babieca[2] Enkelsohn, Rosinante hochberü-hmt, Meine Schwächen abzubü-ßen, Dient ich einem Don Quijo-te; War im Langsamlaufen gro-ß; Doch dem gaulhaft klugen Si-nn Nie ein Gerstenkorn entgi-ng; Was mich Lazarillo le-hrte, Der, dem Blinden Wein zu ste-hlen, Sich ins Maul den Strohhalm hi-elt.

Der rasende Roland an Don Quijote von der Mancha

Sonett

Du bist kein Großer zwar des Reichs, indessen Muß man als Größten dich der Großen ehren, Du Sieger, unbesiegt von ganzen Heeren; Dir gleich zu sein, darf keiner sich vermessen.

Von Liebe zu Angelika besessen, Zog rasend ich, Roldán, zu fernen Meeren, Und Opfer bracht ich auf des Ruhms Altären, Daß nie mein Name sinket in Vergessen.

Obschon du den Verstand wie ich verloren, Kann ich dir gleich nicht sein; das Weltall schätzt Weit höher deinen Ruf und deine Taten.

Mir wirst du gleich, wenn du den stolzen Mohren, Den wilden Skythen bändigst, der uns jetzt Gleich nennt im Lieben, das vom Glück verraten.

Der Sonnenritter an Don Quijote von der Mancha

Sonett

Nie hat mein Schwert so kühn wie deins gedroht, Du span'scher Phöbus, du voll Lieb und Witz, Und deinem Arm weicht meiner, der als Blitz In Ost und West viel Feinde schlug zu Tod.

Den Thron verschmäht ich, den die Welt mir bot, Verließ im Orient den Königssitz Für Claridianas Anblick, denn mich litt's Nur, wo ich sah mein holdes Morgenrot.

Heiß liebt ich sie, das hehre Wunderbild; Als sie mich kalt verstieß, griff ich die Rotte Der Höllen an, die ich mit Schrecken schlug.

Doch du, ein echter Gote, wild und mild, Bist ewig groß durch Dulcinee, Quijote, Und sie durch dich berühmt als keusch und klug.

Solisdan an Don Quijote von der Mancha

Sonett

Junger Quijote, so Ihr Euch geschwächt Das Hirn und seid zur Narrenzunft gesprochen, So sagt kein Mensch doch, daß Ihr was verbrochen, Noch eines Schelmenstücks Euch habt erfrecht.

Wohl Eure Taten sitzen drob zu Recht. Auf Ritterfahrt habt Frevel Ihr gerochen, Und tausendmal zerschlugen Euch die Knochen Manch böser Wicht und mannich loser Knecht.

Und so dich Dulcinee gen Euch erbost Und tut Euch Leids und bringt Euch auf den Hund Und Eurem Weh kein willig Labsal gibt,

In solchen Nöten sei Euch dies zum Trost: Daß Sancho sich aufs Kuppeln nicht verstund, Ein Dummkopf er, sie hart, Ihr nicht verliebt.

Zwiegespräch zwischen Babieca und Rosinante

Sonett

B. So hager, Rosinante, so verschlissen? R. Weil's Arbeit stets und niemals Futter gab. B. Wirft Euch der Dienst nicht Stroh und Gerste ab? R. Mein Herr verabreicht mir nicht einen Bissen.

B. Ihr loser Knecht, schämt Euch in Eu'r Gewissen! Ein Eselsmaul reißt seinen Herrn herab. R. Er ist ein Esel von der Wieg ans Grab; Seht nur, wie er der Liebe sich beflissen!

B. Ist Lieben Torheit? R. Doch nicht viel Vernunft. B. Du bist ein Philosoph. R. Das kommt vom Hungern. B. Verklagt den Diener, der auf Euch nichts wandte.

R. Wem sollt ich's klagen bei der Bettlerzunft, Wo Herr und Diener in der Welt rumlungern Und grad so schäbig sind wie Rosinante?

1. Kapitel

Welches vom Stand und der Lebensweise des berühmten Junkers Don Quijote von der Mancha handelt

Inhaltsverzeichnis

An einem Orte der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Junker, einer von jenen, die einen Speer im Lanzengestell, eine alte Tartsche, einen hagern Gaul und einen Windhund zum Jagen haben. Eine Schüssel Suppe mit etwas mehr Kuh- als Hammelfleisch darin, die meisten Abende Fleischkuchen aus den Überbleibseln vom Mittag, jämmerliche Knochenreste am Samstag, Linsen am Freitag, ein Täubchen als Zugabe am Sonntag – das verzehrte volle Dreiviertel seines Einkommens; der Rest ging drauf für ein Wams von Plüsch, Hosen von Samt für die Feiertage mit zugehörigen Pantoffeln vom selben Stoff, und die Wochentage schätzte er sich's zur Ehre, sein einheimisches Bauerntuch zu tragen – aber vom feinsten! Er hatte bei sich eine Haushälterin, die über die Vierzig hinaus war, und eine Nichte, die noch nicht an die Zwanzig reichte; auch einen Diener für Feld und Haus, der ebensowohl den Gaul sattelte als die Gartenschere zur Hand nahm. Es streifte das Alter unsres Junkers an die fünfzig Jahre; er war von kräftiger Körperbeschaffenheit, hager am Leibe, dürr im Gesichte, ein eifriger Frühaufsteher und Freund der Jagd. Man behauptete, er habe den Zunamen Quijada oder Quesada geführt – denn hierin waltet einige Verschiedenheit in den Autoren, die über diesen Kasus schreiben –, wiewohl aus wahrscheinlichen Vermutungen sich annehmen läßt, daß er Quijano hieß. Aber dies ist von geringer Bedeutung für unsre Geschichte; genug, daß in deren Erzählung nicht um einen Punkt von der Wahrheit abgewichen wird.

Man muß nun wissen, daß dieser obbesagte Junker alle Stunden, wo er müßig war – und es waren dies die meisten des Jahres –, sich, dem Lesen von Ritterbüchern hingab, mit so viel Neigung und Vergnügen, daß er fast ganz und gar die Übung der Jagd und selbst die Verwaltung seines Vermögens vergaß; und so weit ging darin seine Wißbegierde und törichte Leidenschaft, daß er viele Morgen Ackerfeld verkaufte, um Ritterbücher zum Lesen anzuschaffen; und so brachte er so viele ins Haus, als er ihrer nur bekommen konnte. Und von allen gefielen ihm keine so gut wie die von dem berühmten Feliciano de Silva[3] verfaßten; denn die Klarheit seiner Prosa und die verwickelten Redensarten, die er anwendet, dünkten ihm wahre Kleinode; zumal wenn er ans Lesen jener Liebesreden und jener Briefe mit Herausforderungen kam, wo er an mancherlei Stellen geschrieben fand: Der Sinn des Widersinns, den Ihr meinen Sinnen antut, schwächt meinen Sinn dergestalt, daß ein richtiger Sinn darin liegt, wenn ich über Eure Schönheit Klage führe. Und ebenso, wenn er las: ...die hohen Himmel Eurer Göttlichkeit, die Euch in göttlicher Weise bei den Sternen festigen und Euch zur Verdienerin des Verdienstes machen, das Eure hohe Würde verdient. Durch solche Redensarten verlor der arme Ritter den Verstand und studierte sich ab, um sie zu begreifen und aus ihnen den Sinn herauszuklauben, den ihnen Aristoteles selbst nicht abgewonnen noch sie verstanden hätte, wenn er auch zu diesem alleinigen Zweck aus dem Grab gestiegen wäre. Er war nicht sonderlich einverstanden mit den Wunden, welche Don Belianís austeilte und empfing; denn er dachte sich, wie große Ärzte ihn auch gepflegt hätten, so könnte er doch nicht anders als das Gesicht und den ganzen Körper voll Narben und Wundenmale haben. Aber bei alldem lobte er an dessen Verfasser, daß er sein Buch mit dem Versprechen jenes unbeendbaren Abenteuers beendet; und oftmals kam ihm der Wunsch, die Feder zu ergreifen und dem Buch einen Schluß zu geben, buchstäblich so, wie es dort versprochen wird; und ohne Zweifel hätte er es getan, ja er wäre damit zustande gekommen, wenn andere größere und ununterbrochen ihn beschäftigende Ideen es ihm nicht verwehrt hätten.

Vielmals hatte er mit dem Pfarrer seines Ortes – der war ein gelehrter Mann und hatte den Grad eines Lizentiaten zu Siguenza erlangt – Streit darüber, wer ein besserer Ritter gewesen, Palmerín von England oder Amadís von Gallien; aber Meister Nikolas, der Barbier desselbigen Ortes, sagte, es reiche keiner an den Sonnenritter, und wenn einer sich ihm vergleichen könne, so sei es Don Galaor, der Bruder des Amadís von Gallien, weil dessen Naturell sich mit allem zurechtfinde; er sei kein zimperlicher Rittersmann, auch nicht ein solcher Tränensack wie sein Bruder, und im Punkte der Tapferkeit stehe er nicht hinter ihm zurück.

Schließlich versenkte er sich so tief in seine Bücher, daß ihm die Nächte vom Zwielicht bis zum Zwielicht und die Tage von der Dämmerung bis zur Dämmerung über dem Lesen hingingen; und so, vom wenigen Schlafen und vom vielen Lesen, trocknete ihm das Hirn so aus, daß er zuletzt den Verstand verlor. Die Phantasie füllte sich ihm mit allem an, was er in den Büchern las, so mit Verzauberungen wie mit Kämpfen, Waffengängen, Herausforderungen, Wunden, süßem Gekose, Liebschaften, Seestürmen und unmöglichen Narreteien. Und so fest setzte es sich ihm in den Kopf, jener Wust hirnverrückter Erdichtungen, die er las, sei volle Wahrheit, daß es für ihn keine zweifellosere Geschichte auf Erden gab. Er pflegte zu sagen, der Cid Rui Diaz sei ein sehr tüchtiger Ritter gewesen, allein er könne nicht aufkommen gegen den Ritter vom flammenden Schwert, der mit einem einzigen Hieb zwei grimmige ungeheure Riesen mitten auseinandergehauen. Besser stand er sich mit Bernardo del Carpio, weil dieser in Roncesvalles den gefeiten Roldán getötet, indem er sich den Kunstgriff des Herkules zunutze machte, als dieser den Antäus, den Sohn der Erde, in seinen Armen erstickte. Viel Gutes sagte er von dem Riesen Morgante, weil dieser, obschon von jenem Geschlechte der Riesen, die sämtlich hochfahrende Grobiane sind, allein unter ihnen leutselig und wohlgezogen gewesen. Doch vor allen stand er sich gut mit Rinald von Montalbán, und ganz besonders, wenn er ihn aus seiner Burg ausreiten und alle, auf die er stieß, berauben sah und wenn derselbe drüben über See jenes Götzenbild des Mohammed raubte, das ganz von Gold war, wie eine Geschichte besagt. Gern hätte er, um dem Verräter Ganelon ein Schock Fußtritte versetzen zu dürfen, seine Haushälterin hergegeben und sogar seine Nichte obendrein.

Zuletzt, da es mit seinem Verstand völlig zu Ende gegangen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken, auf den jemals in der Welt ein Narr verfallen; nämlich es deuchte ihm angemessen und notwendig, sowohl zur Mehrung seiner Ehre als auch zum Dienste des Gemeinwesens, sich zum fahrenden Ritter zu machen und durch die ganze Welt mit Roß und Waffen zu ziehen, um Abenteuer zu suchen und all das zu üben, was, wie er gelesen, die fahrenden Ritter übten, das heißt jegliche Art von Unbill wiedergutzumachen und sich in Gelegenheiten und Gefahren zu begeben, durch deren Überwindung er ewigen Namen und Ruhm gewinnen würde. Der Arme sah sich schon in seiner Einbildung durch die Tapferkeit seines Armes allergeringsten Falles mit der Kaiserwürde von Trapezunt bekrönt; und demnach, in diesen so angenehmen Gedanken, hingerissen von dem wundersamen Reiz, den sie für ihn hatten, beeilte er sich, ins Werk zu setzen, was er ersehnte.