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In "Don Quijote von der Mancha" verknüpft Miguel de Cervantes auf meisterhafte Weise den literarischen Realismus mit surrealen Elementen. Der Roman erzählt die Geschichten des von Ritterromanen besessenen Don Quijote, der in einem verklärten Eifer für Gerechtigkeit und Heldentum gegen Windmühlen kämpft, die er für Ungeheuer hält. Cervantes' blitzende Ironie und sein tiefes Menschheitsverständnis laden den Leser ein, über die Beziehung zwischen Illusion und Realität nachzudenken, während er gleichzeitig die spanische Gesellschaft des 17. Jahrhunderts reflektiert. Der Roman gilt als eines der ersten modernen Bücher und ist ein Meilenstein der westlichen Literatur, der die Struktur des Romans neu definierte und bedeutende Themen des Wandels und der Identität erforschte. Miguel de Cervantes, europäischer Schriftsteller und Zeitgenosse von Shakespeare, hat sich durch seine Lebensumstände und Kriegserfahrungen, sowie zahlreiche Entbehrungen und Gefangenschaft geprägt, die seine Ansichten über Ehre und Ideale geformt haben. Diese Elemente haben in "Don Quijote von der Mancha" eine facettenreiche Erzählweise gefestigt, die sowohl gesellschaftskritisch als auch tiefgründig ist. Cervantes' Leben war stark von der Suche nach Ruhm und dem Streben nach literarischer Anerkennung geprägt, was diese Tragikomödie zeugte. "Don Quijote von der Mancha" ist ein unverzichtbares Werk für jeden Literaturenthusiasten und kritischen Denker. Es fordert dazu auf, über die menschliche Natur, die Kraft der Phantasie und die Widersprüche des Lebens nachzudenken. Cervantes' Meisterwerk bleibt zeitlos und relevant und lädt dazu ein, die eigene Realität zu hinterfragen und die humorvollen wie tragischen Seiten des Lebens zu erkennen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Ein Mensch verwechselt die Welt mit den Büchern, die er liebt. In dieser Spannung zwischen Vorstellung und Wirklichkeit entfaltet sich Don Quijote von der Mancha als Erzählung über Sehnsucht, Täuschung und die Kraft der Imagination. Das Werk zeigt, wie Ideale Herzen entflammen und zugleich Augen trüben können, wie Humor und Ernst ineinandergreifen, wenn eine Figur beschließt, nach Maßstäben zu leben, die die Gegenwart längst verworfen hat. Schon der Ausgangspunkt ist universell: Ein Leser wird von seiner Lektüre so ergriffen, dass er sein Leben in eine Geschichte verwandelt. Aus dieser kühnen Entscheidung entsteht ein unerschöpflicher literarischer Kosmos.
Verfasst wurde der Roman von Miguel de Cervantes Saavedra, einem spanischen Autor des sogenannten Goldenen Zeitalters. Die erste Teilveröffentlichung erfolgte 1605, die zweite 1615. Unter dem Titel Don Quijote de la Mancha etablierte sich das Werk rasch als Referenzpunkt europäischer Erzählkunst. Zeitlich verankert zwischen Spätrenaissance und Frühbarock, vereint es Tradition und Erneuerung: Es nimmt Vergangenes auf, reflektiert es kritisch und richtet den Blick zugleich nach vorn. Diese Doppelorientierung – Rückschau und Aufbruch – gehört zu den Gründen, warum der Roman noch immer als Meilenstein der Weltliteratur gilt.
Im Zentrum steht ein verarmter Landedelmann aus La Mancha, der sich von Ritterromanen so sehr faszinieren lässt, dass er sich zum fahrenden Ritter erklärt und unter dem Namen Don Quijote aufbricht. An seiner Seite steht ein Nachbar, der als Knappe mitzieht, aus Pragmatismus und Hoffnung. Gemeinsam begeben sie sich auf Reisen, bei denen der Held die Gegenwart durch das Prisma vergangener Ideale deutet. Aus dieser Konstellation erwachsen komische Missverständnisse und ernste Prüfungen, ohne dass der Roman seine Figuren verrät oder einfache Antworten liefert. Die Handlung bleibt offen für Mehrdeutigkeit, Beobachtung und menschliche Widersprüche.
Cervantes’ erzählerische Form ist ebenso bahnbrechend wie seine Figuren. Das Buch arbeitet mit Rahmenerzählung, Spielarten der Selbstreflexion und einer Erzählstimme, die sich ihrer eigenen Verfahren bewusst ist. Unterschiedliche Perspektiven werden gegeneinandergestellt, wodurch Lesende immer wieder prüfen, was verlässlich ist und was nur Behauptung. Das Werk führt damit vor, wie Erzählungen Wirklichkeit mitgestalten, indem sie Erwartung, Erinnerung und Urteil formen. Diese formale Beweglichkeit verleiht dem Text Modernität: Er denkt das Erzählen mit und macht das Lesen selbst zum Thema.
Als Klassiker gilt Don Quijote, weil hier die Möglichkeiten des Romans erkennbar werden: Er kann Satire und Epos zugleich sein, kann Komik entfalten und dennoch Tragik berühren, kann Individuen zeigen, die über ihr Leben hinwegragen und doch unauflöslich in Zeit und Ort verstrickt sind. Das Buch untersucht, was aus einem Menschen wird, der seine Existenz als Aufgabe begreift, und wie Gesellschaft auf solche Selbstentwürfe reagiert. Die anhaltende Faszination rührt daher, dass der Text keinen festen Ton erzwingt, sondern ein polyphones Feld öffnet, in dem Widersprüche weiterklingen dürfen.
Der Roman verarbeitet und parodiert die Ritterliteratur, aber er erschöpft sich nicht im Spott. Cervantes zeigt die Attraktivität der idealen Geste, ohne die Härte der Wirklichkeit auszublenden. Er fragt, was Mut bedeutet, wenn die Welt nicht mitspielt, und wie man Würde bewahrt, wenn Rollen zerfallen. Das Verhältnis von Lesen und Leben wird dabei zum Prüfstein: Welche Geschichten wählen wir, um uns selbst zu erklären, und welche Konsequenzen haben sie? Don Quijote ist nicht nur ein Opfer seiner Lektüren, sondern ein Autor seiner eigenen Rolle – ein Mensch, der sich schreibend handelt.
Der historische Hintergrund Spaniens um 1600 ist im Text spürbar: Wandelnde soziale Hierarchien, ökonomische Spannungen und kulturelle Blüte stehen nebeneinander. Die Ideale der Ritterzeit sind verblasst, doch der Wunsch nach Orientierung bleibt. In diesem Umfeld wird Don Quijotes Selbsternennung zum Ritter zugleich Anachronismus und Kommentar. Das Buch beobachtet, wie Normen entstehen, wie sie brüchig werden und wie Menschen versuchen, sich darin zu behaupten. Die Vielschichtigkeit des Settings gibt den Abenteuern Resonanz, ohne sie in reine Zeitkolorierung zu verwandeln. Geschichte wird Bühne, nicht bloß Dekoration.
Stilistisch arbeitet Cervantes mit auffälligen Kontrasten: Pathetische Rede und nüchterne Alltagssprache stehen nebeneinander und beleuchten sich wechselseitig. In den Dialogen treffen Weltsicht und Wortwitz aufeinander; Sprichwörtlichkeit, ironische Brechungen und präzise Beobachtungen erzeugen Komik, die nicht herablässt, sondern öffnet. Der Wechsel von Erhabenem zu Lapidarem ist keine Laune, sondern Methode: Er zeigt, wie fragile Konstruktionen Würde und Realität miteinander aushandeln. Das Lachen hat hier Erkenntniskraft, weil es beides zulässt – Nähe zu den Figuren und Distanz zu ihren Irrtümern.
Die Wirkungsgeschichte des Romans ist weitreichend. Don Quijote gilt weithin als einer der ersten modernen Romane und hat Erzählweisen geprägt, die bis heute produktiv sind: das Spiel mit Erzählinstanzen, die Reflexion von Fiktionalität, die Verbindung von Episodik und Entwicklung. Das Werk wurde früh in viele Sprachen übertragen und hat Generationen von Lesenden, Schreibenden und Denkenden angeregt. Seine Figuren sind zu kulturellen Chiffren geworden, doch der Text entkommt der bloßen Ikone, weil er Komplexität wahrt. Einfluss bedeutet hier nicht Erstarrung, sondern dauernde Anregung zur Neubefragung.
Wer dieses Buch liest, erlebt eine Reise, auf der Empathie und Urteil herausgefordert werden. Die Komik verführt zum Lachen, der Ernst lädt zum Nachdenken ein. Nichts ist nur Karikatur, nichts nur Vorbild. Der Roman fragt: Wie beurteilen wir Handlungen, deren Motive edel scheinen, deren Folgen aber zweifelhaft sind? Welche Verantwortung tragen wir für die Bilder, die wir von der Welt entwerfen? Durch die Nähe zu den Figuren lernen wir, den eigenen Blick zu befragen. Don Quijote bleibt so nicht Folklore, sondern eine Schule der Wahrnehmung und des Maßhaltens.
Heute erscheint das Buch erstaunlich gegenwärtig. Es zeigt, wie Erzählungen Wirklichkeit färben, wie Medien und Muster unser Sehen strukturieren, und wie verführerisch es ist, im Gewand großer Geschichten aufzutreten. In einer Zeit, in der Informationen konkurrieren und Gewissheiten bröckeln, wird die Frage nach Urteilskraft und Verantwortung dringlich. Don Quijote erinnert daran, dass Idealismus ohne Wirklichkeitssinn Schaden anrichten kann, aber auch, dass bloßer Zynismus nichts verbessert. Zwischen beidem liegt die Kunst, mit offenen Augen zu träumen: die Fähigkeit, Würde zu denken und zugleich Tatsachen zu prüfen.
Die zeitlose Qualität dieses Romans beruht auf seiner menschlichen Genauigkeit. Er ist hellsichtig, ohne zu verbittern, und großzügig, ohne naiv zu sein. Er lädt dazu ein, im Lachen Respekt zu bewahren und im Ernst Hoffnung zu finden. Als Klassiker überdauert er Moden, weil er das Fragende schützt: Was ist wirklich, was scheint nur so, und wer wollen wir sein? Don Quijote von der Mancha bleibt deshalb mehr als ein literarisches Monument. Er ist ein Gesprächspartner über Mut, Maß und Imagination – und ein Begleiter, der Lesende auch heute noch wach, kritisch und zugewandt macht.
Don Quijote von der Mancha, von Miguel de Cervantes in zwei Teilen (1605, 1615) veröffentlicht, verbindet Ritterromansatire mit realistischer Alltagsbeobachtung des frühneuzeitlichen Spanien. Im Mittelpunkt steht der Landedelmann Alonso Quijano aus La Mancha, der durch exzessive Lektüre von Ritterbüchern die Welt nach den Mustern dieser Literatur zu deuten beginnt. Er nimmt den Namen Don Quijote an, rüstet eine alte Rüstung, wählt das klapprige Pferd Rocinante und erfindet Dulcinea del Toboso als idealisierte Herrin seines Herzens. Getrieben von der Idee, Unrecht zu bekämpfen und Ruhm zu erlangen, bricht er zu Abenteuern auf, in denen Wahrnehmung und Wirklichkeit fortwährend kollidieren.
Seine ersten Unternehmungen verlaufen unbeholfen. In einer Landherberge, die er für eine Burg hält, bittet er um die Schwertleite und gerät durch Missverständnisse in Streit und Prügeleien. Die Spannweite zwischen literarischer Einbildung und konkreter Umgebung wird komisch und schmerzhaft sichtbar: Wer seinem Codex folgt, scheitert an profanen Gepflogenheiten, doch weicht er nicht von seinem Selbstbild ab. Nach Rückschlägen kehrt er nach Hause zurück, ohne die eigenen Deutungen aufzugeben. Angehörige und Freunde sorgen sich um seine geistige Gesundheit und suchen nach Wegen, die Leidenschaft zu zügeln, während er bereits neue Pläne schmiedet und seine Mission als moralisches Gebot versteht.
Für die zweite Ausfahrt gewinnt Don Quijote den Bauern Sancho Panza als Schildknappen, den er mit der Aussicht auf eine künftige Statthalterschaft lockt. Zwischen beiden entsteht eine fruchtbare Gegensätzlichkeit: Sancho verkörpert Erfahrungswissen, Sprichwörter und körperliche Bedürfnisse, Don Quijote ein ideales, textgeleitetes Weltbild. In berühmten Episoden, etwa dem Angriff auf Windmühlen, die er für Riesen hält, verdichten sich Komik und Tragik. Sancho versucht, die Dinge beim Namen zu nennen, doch Loyalität bindet ihn an die Rolle des Vermittlers. Das Gespann wird zu einer beweglichen Bühne, auf der Fragen nach Wahrheit, Täuschung und der Macht der Vorstellungskraft verhandelt werden.
Die Reise führt durch Dörfer, Felder und Straßen, wo Don Quijote Streitigkeiten von Hirten, Händlern und Reisenden in ritterliche Fälle verwandelt. Wenn er beispielsweise Unterdrückte schützen oder Gefangene befreien will, prallen individuelles Gerechtigkeitsempfinden und gesellschaftliche Ordnung aufeinander, oft mit unvorhergesehenen Folgen. Das wachsende Gerede über den sonderbaren Ritter lockt Neugierige, Spötter und besorgte Bekannte an. Geistliche und Nachbarn ersinnen listige Maßnahmen, ihn von weiteren Abenteuern abzuhalten, ohne offene Konfrontation zu suchen. Die Handlung wechselt zwischen komischen Verwicklungen und ernsten Fragen nach Verantwortung: Was richtet idealistisches Handeln an, wenn es an Rücksicht auf Umstände und Folgen mangelt?
In der Sierra Morena steigert sich Don Quijotes Selbstinszenierung, als er aus Liebeskummer um die unerreichbare Dulcinea eine Bußübung beschließt. Der Wald wird zur Bühne, auf der Rollen erprobt werden: Liebender, Büßer, Ritter. Sancho übernimmt Botengänge, vermittelt Briefe und verhandelt Belohnungen, wobei seine Schlagfertigkeit die praktische Dimension des Abenteuers sichtbar macht. Gleichzeitig zeigen Begegnungen mit Reisenden und Verirrten, wie leicht Geschichten ineinander greifen und Verkleidungen Identitäten verschieben. Der Roman führt vor, wie Menschen sich durch Erzählungen ordnen, trösten oder verbergen. Dabei bleibt offen, ob Don Quijotes Verhalten reine Verblendung ist oder eine bewusst gewählte, sinnstiftende Performance.
Cervantes rahmt die Erzählung mit einer erfundenen Quellenlage und verweist auf einen vermeintlichen Chronisten, Cide Hamete Benengeli. Diese metapoetische Geste problematisiert Autorschaft, Übersetzung und Wahrheitsanspruch: Was gilt als dokumentierte Geschichte, wenn Überlieferung, Auslassung und Perspektive den Stoff formen? Eingeschobene Kommentare, Widerrufe und Funde von Manuskriptteilen führen die Leseerwartung an der Nase herum. Gleichzeitig erdet die detailreiche Darstellung von Wirtshäusern, Küchen, Straßen und Redensarten die Fiktion im Alltäglichen. So entsteht ein Spiel zwischen Text und Welt, in dem Figuren sich ihrer Literarizität bewusst werden und die Leserinnen und Leser zu Mitspielern im Prozess der Bedeutungsproduktion werden.
Mit dem zweiten Teil setzt Cervantes die Geschichte fort und reagiert auf eine nicht autorisierte Fortsetzung, die vorab kursierte. Die Figuren wissen nun, dass ihre Abenteuer im Umlauf sind, und begegnen Menschen, die sie bereits aus dem Buch kennen. Dieser Ruhm lenkt ihre Wege: Wohlhabende Gastgeber inszenieren Prüfungen und Scherze, die Don Quijotes Ehrbegriff herausfordern und Sanchos Loyalität erproben. Sancho erhält eine provisorische Statthalterschaft, in der er unerwartet Urteilsvermögen zeigt und die Tücken des Regierens erfährt. Der Roman untersucht, wie öffentliche Aufmerksamkeit Verhalten formt und wie Machtverhältnisse durch Unterhaltung, Täuschung und soziale Rollen stabilisiert oder unterlaufen werden.
Wiederkehrend sind vermeintliche Verzauberungen und Bühnenbilder, die zu Prüfsteinen der Wirklichkeitsauffassung werden. Die Frage, ob Dulcinea verhext sei, verschiebt sich zur Frage, wer die Deutungshoheit über die Welt besitzt. Während Sancho an Einfluss gewinnt, schwanken seine Überzeugungen zwischen Nützlichkeit, Mitgefühl und Mitspiel in fremden Plänen. Don Quijote begegnet Gegnern, die seine ritterliche Identität spiegeln und testen, ohne dass der Ausgang vorweggenommen wird. Beide Figuren lernen an Grenzen: Würde, Freiheit und Verantwortung erscheinen nicht als abstrakte Ideen, sondern als Entscheidungen in konkreten Situationen. So verdichtet sich der Roman zu einer Prüfung dessen, was Treue und Selbstbestimmung bedeuten.
Insgesamt entfaltet Don Quijote ein vielschichtiges Panorama über das Verhältnis von Ideal und Realität, Text und Erfahrung, Individuum und Gesellschaft. Humor und Melancholie liegen nah beieinander: dieselben Verirrungen, die Lachen auslösen, stiften Anteilnahme und moralische Reflexion. Cervantes zeigt eine Welt in Bewegung, in der Literatur Lebensformen anregt, täuscht und zugleich erkennbar macht. Die Freundschaft zwischen Ritter und Knappe bleibt ein Kern der Erzählung und trägt ihre Menschlichkeit. Ohne die letzten Wendungen vorwegzunehmen, lässt das Werk die nachhaltige Frage zurück, wie Menschen sinnvoll handeln können, wenn Wahrnehmungen divergieren. Damit prägt es bis heute Verständnis und Möglichkeiten des europäischen Romans.
«Don Quijote» entstand im Spanien des frühen 17. Jahrhunderts, einer Monarchie der Habsburger, die sich auf ein weitreichendes Imperium stützte. Nach dem langen, strengen Regiment Philipps II. regierte seit 1598 Philipp III., während Kirche, Inquisition und die zentralisierte Krone das öffentliche Leben prägten. Die Gegenreformation strukturierte Bildung, Moral und Kunst. Die Handlung verortet Cervantes in La Mancha, einer trockenen, agrarisch geprägten Region des kastilischen Kernlandes. Dort kollidieren alte Adelsideale des Hidalgo mit einer Realität von Armut, Bürokratie und religiöser Disziplinierung. Gerade diese Spannung macht das Setting zu einer Bühne für satirische Brechungen klassischer Ideale.
Ökonomisch litt Kastilien unter der Preisrevolution des 16. Jahrhunderts: amerikanisches Silber befeuerte Inflation, während Produktivität und demographische Krisen stagnierten. Wiederholte Staatsbankrotte – 1596 unter Philipp II. und 1607 unter Philipp III. – trafen Kreditmärkte und Steuerzahler. Verbrauchssteuern wie die Millones und der Verkauf von Ämtern belasteten Städte und Landbevölkerung. Cervantes’ Figuren bewegen sich in einer Welt, in der Geldnot, Pfändungen und Schuldtitel alltäglich sind. Die nüchterne, oft komische Darstellung wirtschaftlicher Zwänge kontrastiert mit ritterlichen Träumen, wodurch der Roman zugleich als Chronik materielle Realitäten des Habsburgischen Kastilien dokumentiert.
La Mancha war von Militärorden wie Santiago und Calatrava, großen Grundherrschaften und der Viehtrift der Mesta geprägt. Transhumanzrouten durchzogen die Ebene; Wein, Getreide und Schafzucht strukturierten den Jahreslauf. Windmühlen – im 16. Jahrhundert in Orten wie Consuegra oder Campo de Criptana belegt – symbolisierten technische Pragmatik und lokale Ökonomie. Der verarmte Hidalgo als soziale Figur, stolz auf Ehre und Abstammung, aber materiell prekären, entspringt dieser Realität. Cervantes nutzt die regionale Topographie, Straßen und ventas, um ein Spanien zu zeigen, das provinziell und global zugleich ist, eingebettet in imperiale Netze, aber mit lokalen Widersprüchen.
Die Zielscheibe der Parodie bilden die Ritterromane, die seit dem 16. Jahrhundert breite Leserschaften fanden. Titel wie Amadís de Gaula oder Palmerín de Inglaterra boten überhöhte Tugendmodelle, fantastische Reisen und kodifizierte Ehrennormen. Geistliche Moralisten und einige Humanisten kritisierten diese Lektüren als verführend oder unzeitgemäß, doch sie waren populär und legal zirkulierend. Cervantes reagiert auf diesen Kanon nicht nur mit Spott, sondern auch mit einer Poetik der Erdung: Er prüft, was von den ritterlichen Idealen in einer Welt bürokratischer Monarchie, Feuerwaffen und Handelsrouten übrigbleibt – und wie Lektüre selbst Realität formt.
Gleichzeitig steht «Don Quijote» im Dialog mit der pikaresken Tradition. Seit «Lazarillo de Tormes» (1554) und, später, «Guzmán de Alfarache» (1599/1604) etablierte sich eine Prosa, die Armut, Betrug und soziale Grenzgänger darstellte. Diese Strömung, verbunden mit humanistischer Rhetorik und barocker Sprachkunst, prägt den Siglo de Oro. Lope de Vega revolutionierte das Theater, Góngora und Quevedo prägten die Dichtung. Cervantes nimmt Formen und Stimmen auf, mischt hohes und niedriges Register, und bringt eine polyphone Erzählweise hervor, die Alltag, Komik und Reflexion zu einem neuen, neuzeitlichen Prosamodell verknüpft.
Der Buchdruck war dabei entscheidend. Seit dem 16. Jahrhundert wuchs in Kastilien ein kommerzieller Buchmarkt mit Druckzentren wie Madrid, Alcalá und Salamanca sowie Messen in Medina del Campo. Drucke benötigten Aprobación, Privilegio und eine Tasa, die Preis und Genehmigung dokumentierten; paratextuelle Elemente des «Quijote» spiegeln dieses Regime. Teil I erschien 1605 in Madrid in der Offizin von Juan de la Cuesta. Der regulierte, aber dynamische Markt ermöglichte weite Verbreitung, zugleich begünstigten Nachfrage und geringe Urheberrechte Nachdrucke und Piraterie – eine Ambivalenz, die Cervantes’ Autorrolle direkt berührte.
Hofpolitik beeinflusste Kulturproduktion. Unter dem Günstlingssystem des Herzogs von Lerma zog der Hof 1601 nach Valladolid und 1606 nach Madrid zurück. Diese Verschiebung lenkte Patronage, Ämter und Publikum. Cervantes lebte um 1604/1605 in Valladolid und kannte die ökonomischen und sozialen Opportunitäten wie Risiken einer Hofstadt: Schutzmächte waren nötig, Widmungen strategisch. «Don Quijote» wurde dem Herzog von Béjar gewidmet, ein Versuch, Anerkennung und Rückhalt zu sichern. Die Nähe zu Druckern, Buchhändlern und einem neugierigen urbanen Publikum förderte Aufnahme und Diskussion des Werks.
Die Gegenreformation prägte Normen. Nach dem Konzil von Trient standen Katechese, Zensur und kirchliche Disziplin hoch im Kurs. Die Inquisition überwachte Häresie, Bücher und soziale Abweichung; dennoch war das intellektuelle Leben nicht erstickt, sondern kontrolliert kanalisiert. «Don Quijote» zeigt Priester, Barbiere und Ordensleute als Akteure im Gemeindeleben, zwischen Fürsorge, Zensur und Pragmatik. Das berühmte Bibliothekskapitel parodiert zugleich moralische Säuberungen und ernsthafte Literaturkritik. Indem Cervantes die Grenzen des Erlaubten ironisch auslotet, kommentiert er das kulturelle Klima einer frommen, aber debattierfreudigen Gesellschaft.
Konfessionelle Spannungen verbanden sich mit der Morisco-Frage. Nach erzwungenen Konversionen im 16. Jahrhundert kam es 1609–1614 zur Ausweisung vieler Moriscos, mit besonders starken Folgen in Valencia und Aragón. «Don Quijote» arbeitet mit der fiktiven Quelle eines «maurischen Chronisten», Cide Hamete Benengeli, und einem Übersetzer – ein Spiel mit Autorschaft, Übersetzung und der Präsenz islamischer Vergangenheit in Spanien. Diese literarische Maske spiegelt die Realität von Mehrsprachigkeit, Erinnerung und Ausschluss. Der Roman verweist so auf die prekäre Stellung kultureller Vermittler in einer Zeit politischer Homogenisierung.
Cervantes’ Biografie verknüpft das Werk mit imperialer Kriegserfahrung. 1571 kämpfte er bei Lepanto und trug eine Verletzung davon; 1575 geriet er in algerische Gefangenschaft und blieb bis 1580 in Haft, ehe Orden wie Trinitarier seine Freilassung vermittelten. Diese Erfahrungen mit Korsaren, Sklavenhandel und Lösegeldwirtschaft fließen in Episoden über Gefangenschaft, Galleeren und den Mittelmeerraum ein. Die Strafpraxis, Verurteilte zu Galeren zu schicken, wird im Roman thematisiert. Militärische Moderne – Tercios, Feuerwaffen, Söldner – kontrastiert die obsolet gewordene Idee des einzelkämpferischen Ritters radikal.
Demographische und soziale Krisen bildeten den Alltagshintergrund. Pestzüge von 1596–1602, Missernten und Landflucht belasteten Städte und Dörfer. Armenordnungen, Bruderschaften und städtische Hospitäler versuchten, Not zu lindern; zugleich schufen Vagantenverordnungen und lokale Gerichte ein Netz sozialer Kontrolle. Auf den Landstraßen fungierte die Santa Hermandad als Ordnungsmacht – auch im Roman tritt sie auf. Don Quijotes Reisen durch ventas, Dörfer und Grenzräume zeichnen ein Spanien fragmentierter Jurisdiktionen, in dem Grenzkonflikte, Schmuggel und Kleinkriminalität literarisch produktiv werden.
Technik und Verkehr veränderten die Lebenswelt. Während Feuerwaffen und Artillerie die Kriegsführung bestimmten, blieben Tierkraft, Mühlen und rudimentäre Straßen die Grundlage der Ökonomie. Wind- und Wassermühlen strukturierten die Verarbeitung von Getreide; Maultiere und Karren dominierten Transporte, Kutschen wurden auf Hauptwegen häufiger. Diese nüchterne Infrastruktur steht im Widerspruch zur Hochglanzwelt der Ritterromane. Indem Cervantes Don Quijote gegen reale Mühlen, Herbergen und Hirtenwelten prallen lässt, markiert er den Graben zwischen Imagination und Technikstand seiner Zeit – eine Quelle anhaltender Komik und Erkenntnis.
Rechtlich war Kastilien durch ein Mosaik aus königlichen Gesetzen, lokalen fueros und kirchlichem Recht geprägt. Corregidores, Alcaldes und kirchliche Gerichte regelten Alltagssachen, während Appellationswege nach Valladolid oder Madrid führten. Der Ehrenkodex des Hidalgo kollidierte mit königlichen Verboten privater Fehden. Nach Trient wurde die Eheschließung stärker formalisiert; Pfarrprotokolle und Zeugen sollten Missbräuche eindämmen. Cervantes’ Episoden um Eheversprechen, Täuschung und gerichtliche Auseinandersetzung spiegeln diese Verrechtlichung sozialer Beziehungen und zeigen zugleich, wie Rhetorik und Klientelnetzwerke Urteile beeinflussen konnten.
Sprachlich knüpft der Roman an humanistische Bildung, volkssprachliche Prosa und mündliche Erzähltraditionen an. Cervantes orchestriert unterschiedliche Register – Gelehrtensprache, Bauerndialekt, Juristenjargon – und reflektiert Quellenkritik. Das Spiel mit dem «Übersetzer» und dem «maurischen Chronisten» stellt Historiografie selbst in Frage: Was gilt als autorisierte Geschichte? Zugleich verweist das Bibliothekskapitel auf Zensurpraktiken, Kanonbildung und gelehrte Debatten. Diese literarische Selbstbezüglichkeit, verwurzelt in zeitgenössischer Philologie und Predigtkultur, macht den Roman zu einem Kommentar über Lesen, Wahrheit und gesellschaftliche Autorität.
Die Institutionen des Buchmarkts formten das Autorenleben. Rechte beruhten auf zeitlich befristeten Privilegien, Honorare entstanden über Verlegerabsprachen; echte Urheberrechte waren schwach. 1614 erschien eine apokryphe Fortsetzung des «Quijote» unter dem Pseudonym Avellaneda. Diese Episode belegt den intensiven, aber chaotischen Markt und provozierte Cervantes, 1615 die zweite, autorisierte Teilfolge vorzulegen, die Fiktion und Realität verschränkt. Die Auseinandersetzung macht sichtbar, wie Autorenstatus, Lesererwartung und kommerzielle Interessen im Siglo de Oro neu verhandelt wurden – ein Schlüssel zur Modernität des Romans.
Die Hof- und Stadtkultur unterstützte schnelle Rezeption. Bereits kurz nach 1605 kursierten Ausgaben und Nacherzählungen; Lesekreise, Wirtshausvorträge und theatralische Bearbeitungen verbreiteten Motive. Übersetzungen setzten früh ein: ins Englische 1612 (Thomas Shelton) und kurz darauf ins Französische (César Oudin 1614 für den ersten Teil). Der europäische Erfolg verankerte den Text in barocken Debatten über Schein und Sein, Witz (agudeza) und moralische Nützlichkeit der Kunst. Diese internationale Zirkulation rückte zugleich Spanien als kulturelle Referenz in ein Netzwerk, das Politik, Handel und Religion schon längst verband.
Cervantes’ Berufsbiografie – von Theaterprojekten über Steuerpachten bis zu Haftzeiten – zeigt die Prekarität vieler Intellektueller. Der Autor kannte Prozesse, Gläubiger und die kleinlichen Mechaniken der Verwaltung. Diese Erfahrungen speisen die satirischen Figuren der Schreiber, Lizentiaten und Korporationen, die im Roman stets präsent sind. Die Mischung aus Respekt für Institutionen und skeptischer Beobachtung von Missbrauch deutet auf eine Reformsehnsucht ohne Umsturzpathos. So wird «Don Quijote» zu einer Schule des Blicks: Er macht Strukturen sichtbar, ohne die Illusion zu nähren, dass eine heroische Geste sie aufheben könnte. Gerade darin liegt seine Modernität, was Wirkung erklärt.|Die Präsenz des Theaters als Leitmedium der Zeit beeinflusst den Roman. Lope de Vegas comedia nueva dominierte Bühnen und Publikum; städtische Corrales boten soziale Durchmischung und rasches Feedback. Cervantes, selbst Dramatiker, integriert szenische Dynamik, Dialogwitz und episodische Struktur. Der Roman reflektiert Aufführungskultur, Maskerade und Rollenspiel – Themen, die im barocken Spanien allgegenwärtig waren. Zugleich kommentiert er die Konkurrenz der Gattungen: Prosa beansprucht hier nicht nur Unterhaltung, sondern Erkenntniswert. Das Publikum lernte, in Figurenkonstellationen gesellschaftliche Typen und Widersprüche zu erkennen, ähnlich wie auf der Bühne.|Die geographische Beweglichkeit der Figuren spiegelt die Vernetzung der Iberischen Halbinsel. Straßen verbanden Dörfer mit Märkten; Pilgerwege, Militärstraßen und Handelsrouten kreuzten sich. Städte wie Toledo, Sevilla und Madrid fungierten als administrative und ökonomische Knotenpunkte. Zollschranken, Mautstellen und lokale Gerichtsbarkeiten strukturierten Bewegungen. Das Segmentieren des Raums erzeugt im Roman Konflikte und Zufälle zugleich. Mobilität ermöglicht Serienzuschneiden der Handlung und verleiht den Episoden den Charakter zeitgenössischer Reiseberichte, die in Spanien seit dem 16. Jahrhundert florierten. Cervantes nutzt diese Form, um soziale Milieus nebeneinander erfahrbar zu machen.|Auch Natur und Jahreszeiten sind historisch codiert. Die Landwirtschaft hing von Niederschlägen, Frost und Schädlingsbefall ab; Erntezyklen bestimmten Feste, Wallfahrten und Arbeitsrhythmen. Hirten- und Schäferliteratur, seit der Renaissance beliebt, idealisierte ländliche Lebensformen. Cervantes greift pastoralische Muster auf, bricht sie aber durch Prosa der Not, Verhandlungen und kleinliche Streitigkeiten. Damit reflektiert der Roman das Schwanken zwischen Idylle und Krisenwahrnehmung, das viele Zeitgenossen kannten: Die Sehnsucht nach Harmonie bleibt, aber sie stößt auf den Druck von Steuern, Soldatenwerbung und Herrschaftsrechten, die bis in Dorfkonflikte hineinreichen.|Im Zusammenspiel dieser Konstellationen kommentiert «Don Quijote» seine Epoche kritisch und liebevoll. Der Roman entlarvt anachronistische Ideale nicht bloß, sondern prüft, was an ihnen als moralische Energie fortlebt. Er zeigt eine Gesellschaft zwischen Glaube und Vernunft, Pracht und Schulden, Imperium und Provinz. Indem Lektüre selbst Handlungsmotor wird, thematisiert Cervantes die Macht und Gefahr von Geschichten in einer Medienkultur im Wandel. So wird das Buch zum Spiegel der spanischen Frühneuzeit: Es hält ihrer Politik, Ökonomie und Frömmigkeit den Humor vor – und begründet nebenbei eine Form des Romans, die bis heute trägt.
Miguel de Cervantes Saavedra (getauft am 9. Oktober 1547 in Alcalá de Henares; gestorben am 22. April 1616 in Madrid) gilt als einer der prägenden Autoren der europäischen Literatur. Sein zweiteiliges Hauptwerk Don Quijote de la Mancha (1605, 1615) hat die Form des Romans nachhaltig verändert und wurde früh in zahlreiche Sprachen übersetzt. Cervantes’ Lebensweg umfasste Tätigkeiten als Soldat, Gefangener, Verwaltungsbeamter und Dramatiker, bevor er als Erzähler Weltruhm erlangte. Die Spannungen und Erfahrungen dieser Biografie durchziehen sein Werk: Humor und Ernst, Illusion und Erfahrung, Freiheit und Zwang werden bei ihm in kunstvoller Erzählarchitektur zusammengeführt.
Er wuchs in einem Spanien, das zwischen imperiale Expansion, religiöse Konflikte und eine dynamische Buchkultur gespannt war. Cervantes verband diese Zeitzeugenschaft mit einer außergewöhnlichen Fähigkeit zur Beobachtung des Alltags und zur Gestaltung komplexer Figuren. Schon zu Lebzeiten erlebte er Anerkennung als Autor, auch wenn wirtschaftlicher Erfolg nicht immer folgte. Später wurde er zum Bezugspunkt ganzer literarischer Traditionen: Von der satirischen Durchdringung der Ritterromane bis zur Erprobung selbstreflexiver Erzählweisen bereitete Cervantes den Weg für den modernen Roman. Seine Prosa bleibt ein Maßstab für Vielstimmigkeit, Ironie und die Erkundung der Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit.
Über Cervantes’ frühe Ausbildung ist nur begrenzt Sicheres überliefert. Seine Familie lebte bescheiden und wechselte häufiger den Wohnort. Verlässliche Hinweise deuten auf Schuljahre in Madrid, wo er mit dem Humanisten Juan López de Hoyos in Verbindung stand. In dessen Umfeld erschienen 1569 mehrere Gedichte Cervantes’, ein frühes Zeugnis seiner literarischen Ambitionen. Diese Anfänge in einem gelehrten Milieu kombinierten Sprachdisziplin mit Sinn für Rhetorik und historische Exempla. Die Lektüre volkstümlicher und gebildeter Texte gleichermaßen prägte seinen Ton: zwischen populärer Erzählfreude und humanistischer Reflexion, die später in seine komplexen Roman- und Novellenprojekte einfließen sollte.
In den späten 1560er Jahren ging Cervantes nach Italien, wo er als Bediensteter im Umfeld eines Kardinals tätig war und die dortige Kultur intensiv kennenlernte. Die Begegnung mit der italienischen Renaissance – von höfischer Lyrik bis zur epischen Tradition – vertiefte sein literarisches Repertoire. Die Forschung sieht Einflüsse aus Werken Ariostos und Tassos, daneben die anhaltende Wirkung der spanischen Ritterromane wie des Amadís-Stoffs. Auch die Pastoraldichtung lieferte Stoff und Formen, die er erprobte und später ironisch brach. Aus dieser Mischung aus humanistischem Diskurs, populärer Erzähltradition und Theaterpraxis erwuchs Cervantes’ souveräner, experimentierfreudiger Erzählstil.
Als Soldat der spanischen Krone nahm Cervantes 1571 an der Seeschlacht von Lepanto teil, einem Schlüsselereignis der Mittelmeerpolitik. Eine schwere Verwundung raubte ihm weitgehend die Gebrauchsfähigkeit der linken Hand, was seinem Lebenslauf eine eindrückliche Wendung gab. Nach weiteren Einsätzen geriet er 1575 auf der Rückreise nach Spanien in Gefangenschaft. Dennoch verfolgte er seine literarischen Pläne: 1585 veröffentlichte er die Hirtengeschichte La Galatea, ein Debüt im Zeichen der zeitgenössischen Modegattung. Das Werk zeigte stilistische Gewandtheit, erzielte jedoch nur begrenzte Wirkung, während Cervantes zwischen Broterwerb, Wanderleben und dem Wunsch nach literarischem Durchbruch pendelte.
Die Gefangenschaft in Algier von 1575 bis 1580 prägte sein Weltbild dauerhaft. Mehrere Fluchtversuche scheiterten, schließlich kam er mit Hilfe des Trinitarierordens frei. Die Erfahrung von Unfreiheit, Verhandlung und Solidarität taucht später in seinem dramatischen Werk El trato de Argel und in erzählerischen Passagen wieder auf. Cervantes’ Beobachtungsgabe verband ethnografische Genauigkeit mit empathischer Darstellung des Alltags der Gefangenen. Aus der Distanz des Erzählers heraus schuf er Stoffe, die weder in Klischees verfallen noch die Härte der Umstände ausblenden. So verschmolz Biografie mit Dichtung und verlieh seinen Texten eine besondere Autorität.
Zurück in Spanien arbeitete Cervantes zeitweise als Versorgungsbeamter und später als Steuereinnehmer; unübersichtliche Finanzverhältnisse führten zu Konflikten und zu einer Haft in Sevilla gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Die Bühne zog ihn an, doch blieb der Erfolg zunächst begrenzt, nicht zuletzt angesichts der Dominanz Lope de Vegas. Einzelne Stücke wie die Tragödie über die Belagerung Numancias fanden Anerkennung, umfassender Ruhm stellte sich jedoch erst mit der Prosa ein. Gleichwohl bewahrte Cervantes aus seiner Theaterarbeit Sinn für Dialog, Szenenbau und Tempo – Qualitäten, die die Lebendigkeit seiner späteren Romankapitel und Novellen wesentlich tragen.
Mit der Veröffentlichung des ersten Teils des Don Quijote 1605 gelang Cervantes der Durchbruch. Das Buch wurde schnell zum Publikumserfolg und fand europaweit Leser. Der Roman spielt mit Traditionen der Ritterdichtung, ohne sie nur zu verspotten, und schafft eine neuartige Balance aus Komik, Melancholie und realistischer Beobachtung. Erzählerische Verschachtelungen, wechselnde Stimmen und die Reflexion über Quellen und Autorschaft verleihen dem Text eine moderne, selbstbewusste Struktur. Zugleich erweitert Cervantes die soziale Reichweite des Romans, indem er Figuren aus verschiedenen Ständen und Milieus auftreten lässt und eine bewegliche, episodisch-dynamische Dramaturgie entfaltet.
Auf den Erfolg folgten weitere Meilensteine. Die Novelas ejemplares (1613) präsentierten moralisch vielschichtige Kurzprosa mit Themen von Betrug, Ehre, Liebe und Recht. Das satirische Viaje del Parnaso (1614) umriss in Versen eine poetische Standortbestimmung. 1614 erschien ein apokrypher Fortsetzungsroman unter dem Namen Avellaneda, worauf Cervantes 1615 mit dem zweiten Teil des Don Quijote reagierte, stilistisch reifer und strukturell geschlossen. Ebenfalls 1615 veröffentlichte er Ocho comedias y ocho entremeses nuevos, nunca representados, eine Sammlung, deren Intermedien bis heute gespielt werden. All dies bestätigte ihn als Autor, der Gattungsgrenzen souverän überschritt.
Aus Cervantes’ Werken lassen sich Überzeugungen ablesen, die weniger programmatisch als erfahrungsnah erscheinen. Seine katholische Prägung verbindet sich mit einer humanistischen Aufmerksamkeit für Würde und Fehlbarkeit des Menschen. Die satirische Auseinandersetzung mit übersteigerten Idealbildern – besonders des Rittertums – zielt auf Maß, Vernunft und verantwortliche Freiheit. Erfahrungen von Krieg und Gefangenschaft schärften sein Sensorium für Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und die Ambivalenzen staatlicher wie privater Macht. In den Novelas ejemplares, etwa im Coloquio de los perros, erprobt er ethische Fragen in zugespitzten Situationen. Literatur erscheint bei ihm als Schule der Wahrnehmung und des Urteilens.
In seinen letzten Jahren fand Cervantes in dem Hofmann und Mäzen Graf von Lemos einen wichtigen Unterstützer. 1613 bis 1615 erschienen in rascher Folge die Novelas ejemplares, der Viaje del Parnaso, der zweite Teil des Don Quijote sowie die Komödien und Entremeses. Zugleich arbeitete er an Los trabajos de Persiles y Sigismunda, einem nordischen Abenteuerroman mit kunstvoller Architektur, den er kurz vor seinem Tod vollendete. Cervantes starb am 22. April 1616 in Madrid; das Werk erschien 1617 postum. Seine Bestattung ist mit dem Kloster der barfüßigen Trinitarierinnen in Madrid verbunden.
Die Nachwirkung Cervantes’ ist enorm. Don Quijote wurde früh zu einem europäischen Buch und prägte Vorstellungen von Autorschaft, Fiktionalität und Leserrolle. Zahlreiche Schriftsteller und Theoretiker nahmen Anregungen aus seiner Polyphonie, aus der Ironie und aus der Durchdringung von Realität und Imagination. Der Roman gab dem modernen Erzählen Impulse: die Selbstreflexion des Textes, das Spiel mit Perspektiven, die offene Komposition. Zugleich blieb Cervantes in Spanien als Novellist und Dramatiker präsent. Seine Figuren sind längst zu kulturellen Archetypen geworden, doch die bleibende Faszination entspringt der Menschlichkeit, mit der er Widersprüche und Hoffnungen seiner Zeit gestaltete.
Müßiger Leser! Ohne Eidschwur kannst du mir glauben, daß ich wünschte, dieses Buch, als der Sohn meines Geistes, wäre das schönste, stattlichste und geistreichste, das sich erdenken ließe. Allein ich konnte nicht wider das Gesetz der Natur aufkommen, in der ein jedes Ding seinesgleichen erzeugt. Und was konnte demnach mein unfruchtbarer und unausgebildeter Geist anderes erzeugen als die Geschichte eines trockenen, verrunzelten, grillenhaften Sohnes, voll von mannigfaltigen Gedanken, wie sie nie einem andern in den Sinn gekommen sind? Eben eines Sohnes, der im Gefängnis erzeugt wurde, wo jede Unbequemlichkeit ihren Sitz hat, jedes triste Gelärm zu Hause ist. Friedliche Muße, eine behagliche Stätte, die Lieblichkeit der Gefilde, die Heiterkeit des Himmels, das Murmeln der Quellen, die Ruhe des Geistes tragen viel dazu bei, daß die unfruchtbarsten Musen sich fruchtbar zeigen und dem Publikum Erzeugnisse bieten, die es mit Bewunderung und Freude erfüllen.
Es geschieht wohl, daß ein Vater einen häßlichen Sohn besitzt, der aller Grazie bar ist, und die Liebe, die er für ihn hat, legt ihm eine Binde um die Augen, daß er dessen Fehler nicht sieht, vielmehr sie für witzige und liebenswürdige Züge erachtet und sie seinen Freunden als scharfsinnige und anmutige Äußerungen erzählt. Jedoch ich, der ich zwar der Vater Don Quijotes scheine, aber nur sein Stiefvater bin, ich will nicht mit dem Strom der Gewohnheit schwimmen, noch dich, teurer Leser, schier mit Tränen in den Augen bitten, wie andre tun, daß du die Fehler, die du an diesem meinem Sohne finden magst, verzeihen oder nicht sehen wollest; denn du bist weder sein Verwandter noch sein Freund, hast deinen eignen Kopf und deinen freien Willen wie der Allertüchtigste auf Erden und sitzest in deinem Hause, darin du der Herr bist wie der König über seine Steuergelder, und weißt, was man gemeiniglich zu sagen pflegt: unter meinem Mantel kann ich den König umbringen. Alles dieses enthebt und befreit dich von jeder Rücksicht und Verpflichtung, und so kannst du von dieser Geschichte alles sagen, was dir gut dünkt, ohne zu besorgen, daß man dich schelte ob des Bösen, noch belohne ob des Guten, das du von ihr sagen magst.
Nur hätte ich sie dir gerne bar und nackt geben mögen, nicht aufgeputzt mit einer Vorrede und dem unzählbaren Haufen und Katalog der üblichen Sonette, Epigramme und Lobgedichte, die man den Büchern an den Eingang zu setzen pflegt. Denn ich kann dir sagen, obschon diese Geschichte zu schreiben mich manche Mühe gekostet hat, so erschien mir doch keine größer, als diese Vorrede auszuarbeiten, die du hier liesest. Oft nahm ich die Feder, um sie niederzuschreiben, und oft ließ ich sie wieder fallen, weil ich nicht wußte, was ich schreiben sollte. Und wie ich einmal so unschlüssig dasaß, mit dem Papier vor mir, die Feder hinter dem Ohr, den Ellbogen auf dem Schreibtisch und die Hand an der Wange, erwägend, was ich sagen sollte, da trat unversehens ein Freund von mir herein, ein Mann von Witz und großer Einsicht; und als er mich so nachdenklich sah, fragte er mich um die Ursache. Ich hielt nicht damit zurück und sagte ihm, ich dächte über die Vorrede nach, die ich zur Geschichte des Don Quijote schreiben müsse und um derentwillen ich mich in einem solchen Zustand befände, daß ich sie gar nicht schreiben und ebensowenig die Taten dieses so edlen Ritters ans Licht treten lassen wolle.
»Denn wie könnt Ihr verlangen, daß mich die Vorstellung: ›Was wird jener alte Gesetzgeber, den man den großen Haufen nennt, dazu sagen?‹ nicht ratlos mache, wenn er sehen wird, daß nach so vielen Jahren, seit ich im Schweigen der Vergessenheit schlafe, ich jetzt mit all meinen Jahren auf dem Halse mit einer Mär hervortrete, die da so dürr ist wie Dünengras, aller Erfindung bar, mangelhaft im Stil, arm an geistreichem Spiel der Worte und aller Gelehrsamkeit und Wissenschaft entbehrend, ohne Zitate am Rand und ohne Notate am Schluß des Buches; dieweil doch, wie ich sehe, andre Bücher alles dies haben und, selbst wenn sie fabelhaften und weltlichen Inhaltes sind, so voll von Aussprüchen des Aristoteles, des Plato und der ganzen Schar von Philosophen einhersteigen, daß sie die Leser in Staunen setzen und daß diese deren Verfasser für belesene, gelehrte und wohlberedte Männer halten. Und wie erst, wenn sie die Heilige Schrift anführen! Man möchte nicht anders glauben, als daß sie lauter heilige Thomase sind oder andre Kirchenlehrer, und dabei beobachten sie die Schicklichkeit so geistvoll, daß, wenn sie in einer Zeile einen verliebten Bruder Liederlich gemalt haben, sie in der nächsten ein Stücklein christlicher Predigt hinschreiben, daß es ein Vergnügen und Genuß ist, es anzuhören oder zu lesen. Alles dessen muß mein Buch entbehren, denn ich habe nichts am Rand zu zitieren, nichts am Schluß zu notieren, und noch weniger weiß ich, welchen Autoren ich in meinem Buche folge, um sie, wie alle tun, nach dem Abc an den Eingang zu stellen, beim Aristoteles anfangend und endigend mit Xenophon und mit Zoilus oder Zeuxis – obschon der eine ein Lästermaul und der andre ein Maler war. Auch wird es meinem Buche an Sonetten zum Eingang fehlen, wenigstens an solchen, die von Herzogen, Marquesen, Grafen, Bischöfen, Edeldamen oder weltberühmten Poeten verfaßt wären. Freilich, wenn ich mir solche von zwei oder drei befreundeten Handwerksburschen erbäte, so weiß ich, sie würden sie mir geben, und zwar so gute, daß ihnen die jener Herren nicht gleichkämen, die am meisten Ruf in unsrem Spanien haben.
Kurz, werter Herr und Freund«, fuhr ich fort, »ich habe beschlossen, daß der Herr Don Quijote in seinen Archiven in der Mancha begraben bleiben soll, bis der Himmel jemanden beschert, der ihn mit so vielen Dingen, die ihm jetzt fehlen, ausschmücke; denn ich fühle mich wegen meiner Unzulänglichkeit und meiner mangelhaften literarischen Bildung unfähig, hier abzuhelfen, und bin auch von Natur zu bequem und zu träge, um nach Autoren suchen zu gehen, die da sagen sollen, was ich für mich schon ohne sie sagen kann. Daher kommt's, daß ich so unschlüssig und aufgeregt war, wie Ihr mich gefunden habt; und sicher war der Grund, den ich Euch dargelegt habe, ein genügender, um mich in solche Zustände zu versetzen.«
Als mein Freund das hörte, schlug er sich mit der flachen Hand an die Stirn, und in ein mächtiges Gelächter ausbrechend, sagte er zu mir: »Bei Gott, Gevatter, jetzt erst werde ich eines Irrtums völlig los, in dem ich die lange Zeit her lebte, seit ich Euch kenne, denn bisher hielt ich Euch immer in allen Euren Handlungen für verständig und besonnen. Aber jetzt sehe ich, daß Ihr so fern davon seid wie der Himmel von der Erde. Wie ist es möglich, daß Dinge von so geringer Bedeutung, und denen so leicht abzuhelfen ist, die Macht haben, einen so reifen Geist zu beirren und zu verwirren wie den Eurigen, der so dazu angetan ist, weit größere Schwierigkeiten zu bewältigen und aus dem Wege zu räumen? In Wahrheit, das kommt nicht vom Mangel an Geschick, sondern aus Überfluß an Trägheit und aus Denkfaulheit. Wollt Ihr sehen, ob ich die Wahrheit sage? Nun, so schenkt mir einige Aufmerksamkeit, und da werdet Ihr finden, wie ich im Handumdrehen all Eure Bedenklichkeiten zunichte mache und Euch alles das herbeischaffe, dessen Mangel, wie Ihr sagt, Euch so verlegen macht und entmutigt, daß Ihr es aufgebt, die Geschichte Eures berühmten Don Quijote, des Lichtes und Spiegels der gesamten fahrenden Ritterschaft, ans Licht der Welt treten zu lassen.«
»Sagt«, entgegnete ich ihm, als ich dies hörte, »auf welche Weise wollt Ihr die Leere meiner Besorgnis ausfüllen und Helle in das Chaos meiner Verlegenheit bringen?«
Darauf antwortete er: »Das erste, woran Ihr Euch stoßt, nämlich daß Sonette, Epigramme oder Lobgedichte Euch für den Eingang des Buches fehlen, und zwar solche, die von Personen von Ansehen und Adel herrühren – dem kann dadurch abgeholfen werden, daß Ihr selbst einige Mühe darauf wendet, sie anzufertigen, und nachher könnt Ihr sie taufen und jeden Namen, der Euch beliebt, daruntersetzen und könnt sie dem Priester Johannes aus Indien oder dem Kaiser von Trapezunt als Kinder unterschieben, da man von ihnen, wie ich weiß, Nachricht hat, sie seien berühmte Poeten gewesen; und wenn sie es auch nicht gewesen wären und wenn es dann ein paar Pedanten und Schwätzer gäbe, die hinterrücks nach Euch beißen und gegen Eure Angabe belfern wollten, so achtet das nicht eines Dreiers wert; denn wenn sie Euch auch die Lüge nachweisen, so werden sie Euch doch nicht die Hand abhauen, mit der Ihr's geschrieben habt.
Was nun den Punkt betrifft: am Rande die Bücher und Schriftsteller aufzuführen, woraus Ihr die Lehrsprüche und Kernworte entlehnt, die Ihr in Eurer Geschichte anwendet, so braucht es weiter nichts, als es so einzurichten, daß hie und da zu gelegener Zeit etliche Sprüche oder lateinische Brocken vorkommen, die Ihr etwa schon auswendig wißt oder die aufzusuchen Euch doch nur geringe Mühe kostet; wie zum Beispiel, wenn Ihr da, wo Ihr von Freiheit und Gefangenschaft handelt, folgendes hinschreibt:
Non bene pro toto Libertas venditur auro –
und dann gleich am Rande den Horaz anführt, oder wer sonst es gesagt haben mag. Wenn Ihr etwa von der Gewalt des Todes handelt, dann gleich herbei mit:
Pallida mors aequo pulsat pede pauperum tabernas, Regumque turres.
Wenn von der Freundschaft und Liebe, die Gott befiehlt gegen den Feind zu üben, dann gleich auf der Stelle in die Heilige Schrift hineingegriffen, was Ihr mit einem wenigen von Beflissenheit fertigbringen könnt, und entlehnt nichts Geringeres als Gottes eigene Worte: Ego autem dico vobis: diligite inimicos vestros. Wenn Ihr von bösen Gedanken handelt, so kommt mit dem Evangelium herbei: De corde exeunt cogitationes malae. Wenn von der Unbeständigkeit der Freunde, so ist Cato da, Euch sein Distichon zu geben:
Donec eris felix, multos numerabis amicos; Tempora si fuerint nubila, solus eris.
Und mit diesen lateinischen Brocken und anderen der Art werden sie Euch doch zum mindesten für einen Grammatiker halten, was zu sein heutzutage nicht wenig Ehre und Vorteil bringt.
In betreff des Schreibens von Anmerkungen zu Ende des Buches, das könnt Ihr mit aller Sicherheit folgendergestalt machen: Wenn Ihr in Eurem Buch irgendeinen Riesen nennt, so richtet es so ein, daß es der Riese Goliath sei, und allein schon damit, was Euch soviel wie nichts kosten wird, habt Ihr eine große Anmerkung, denn Ihr könnt hinsetzen: Der Riese Golías oder Goliath[2] war ein Philister, den der Hirte David mit einem gewaltigen Steinwurf im Terebinthental tötete, wie solches im Buch der Könige berichtet wird, in dem und dem Kapitel, wo ihr es geschrieben finden könnt.
Hierauf, um Euch als gelehrt in den schönen Wissenschaften und als welt- und länderkundigen Mann zu zeigen, legt es so an, daß in Eurer Geschichte der Fluß Tajo[1] genannt werde, und gleich seht Ihr Euch wieder mit einer wundersamen Anmerkung versorgt, indem Ihr hinsetzt: Der Fluß Tajo wurde nach einem spanischen Könige so benannt; er hat seinen Ursprung an dem und dem Ort und verliert sich im Großen Ozean, nachdem er die Mauern der berühmten Stadt Lissabon geküßt, und man meint, er führe Goldsand. Wenn Ihr etwa von Räubern handelt, will ich Euch die Geschichte von Cacus geben, denn ich weiß sie auswendig. Wenn von leichtfertigen Weibern, so ist der Bischof von Mondonedo zur Stelle, der Euch Lamia, Lais und Flora bieten wird, welche Anmerkung Euch ein großes Ansehen geben muß; wenn von grausamen, wird Euch Ovid die Medea hergeben. Wenn von Zauberinnen und Hexen, so hat Homer die Kalypso und Vergil die Kirke. Wenn von tapfern Feldherrn, so wird sich Euch kein Geringerer als Julius Cäsar selbst in seinen Kommentarien darbieten und Plutarch Euch tausend Alexander geben. Wollt Ihr von der Liebe handeln, so werdet Ihr mittels eines Lots Kenntnis von der toskanischen Sprache auf Leone Ebreo stoßen, der Euch das Maß bis zum Überlaufen füllen kann. Und wenn Ihr nicht in fremde Lande gehen wollt, so habt Ihr in Eurem Hause den Fonseca Von der Liebe zu Gott, worin alles inbegriffen ist, was Ihr und der Allersinnreichste nur immer bei einem solchen Gegenstand zu wünschen vermögt. Kurz, es braucht weiter nichts, als daß Ihr Euch die Mühe gebt, diese Namen zu nennen oder diese Geschichten, die ich hier bezeichnet habe, in der Eurigen zu berühren, und mir laßt dann die Sorge, die Notate und Zitate beizusetzen; ich schwör Euch drauf, ich will Euch die Ränder füllen und noch ein Dutzend Blätter am Ende des Buches verbrauchen.
Kommen wir nun zu der Anführung der Schriftsteller, die bei den andern Büchern üblich ist und die zu Eurem Buch fehlt. Die Abhilfe dafür ist sehr leicht, denn Ihr habt nichts weiter zu tun als ein Buch herbeizusuchen, das sie alle von A bis Z, wie Ihr sagt, bereits angeführt hat. Nun wohl, dies nämliche Abc setzt Ihr in Euer Buch; denn wenn man auch daraus, daß Ihr so gar wenig nötig hattet, die vielen Schriftsteller zu benutzen, die Lüge deutlich ersieht, so liegt nichts daran; und vielleicht gibt's immerhin jemanden, der so einfältig ist, zu glauben, Ihr hättet in Eurer einfachen und schlichten Geschichte sie doch alle benutzt. Und wenn auch zu weiter nichts, so wird jener große Katalog von Schriftstellern wenigstens dazu dienen, dem Buch auf einen Schlag Ansehen zu verschaffen. Zudem wird sich nicht leicht einer finden, der sich an die Untersuchung begibt, ob Ihr ihnen gefolgt oder nicht gefolgt seid, da ihm gar nichts daran liegen kann. Und dies ist um so mehr der Fall, da, wenn ich recht verstehe, dies Euer Buch nicht eines jener Dinge nötig hat, die, wie Ihr sagt, ihm fehlen; denn das Ganze ist nur ein Angriff auf die Ritterbücher, an die Aristoteles nie gedacht, von denen der heilige Basilius nichts gesagt und bis zu denen Cicero sich nicht verstiegen hat; und ebensowenig gehört in den Kreis seiner erdichteten Narreteien die strenge Genauigkeit geschichtlicher Wahrheit wie die Beobachtung der Sterndeuterei; auch sind ihm von keinem Wert die geometrischen Messungen noch die Widerlegung der Beweisführungen, deren sich die Redekunst bedient. Ebensowenig soll es irgendwem etwas vorpredigen und so das Menschliche mit dem Göttlichen vermischen – eine Art von Vermischung, die kein christlicher Geist zur Schau tragen soll. Ausschließlich soll es in allem, was es darstellt, sich der Nachahmung befleißigen, und um so vollkommener diese sein wird, um so besser wird ausfallen, was Ihr schreibt. Und da dies Euer Werk auf weiter nichts ausgeht, als das Ansehen und die Gunst zu zerstören, die die Ritterbücher in der Welt und bei der Masse genießen, so ist kein Grund, weshalb Ihr betteln gehen solltet um Kernsprüche der Weltweisen, um gute Lehren der Heiligen Schrift, Erfindungen der Dichter, hohe Worte der Redekünstler, Wunder der Heiligen; sondern Ihr habt nur darum bemüht zu sein, daß in schlichter Weise, mit bezeichnenden, anständigen und wohlgefügten Worten, Euer Stil und Satzbau klangvoll und anmutig dahinschreite; indem Ihr in allem, was Ihr erreichen könnt und was Euch möglich ist, Euern Endzweck getreulich darstellt und Eure Gedanken zum Verständnis bringt, ohne sie zu verwickeln und zu verdunkeln. Strebet auch danach, daß beim Lesen Eurer Geschichte der Schwermütige zum Lachen erregt werde, der Lachlustige noch stärker auflache, der Mann von einfachem Verstande nicht Überdruß empfinde, der Einsichtsvolle die Erfindung bewundere, der sinnig Ernste sie nicht mißachte und der Kenner nicht umhinkönne, sie zu loben. Mit einem Worte, richtet Euer Augenmerk darauf, das auf so schlechter Grundlage ruhende Gerüste jener Ritterbücher niederzureißen, die von so vielen verabscheut und von einer noch weit größeren Anzahl gepriesen werden; und wenn Ihr dieses Ziel erreicht, so werdet Ihr nichts Geringes erreicht haben.«
Mit tiefem Schweigen saß ich und hörte meinem Freunde zu, und so tief prägten sich mir seine Worte ein, daß ich, ohne eine Widerrede zu versuchen, ihnen meine Gutheißung erteilte und mir vornahm, aus diesen selben Worten meine Vorrede zusammenzutragen. In ihr also wirst du, holder Leser, die Verständigkeit meines Freundes ersehen sowie mein gutes Glück, in einem so bedrängten Augenblicke einen solchen Ratgeber gefunden zu haben, und zugleich die Quelle deiner eigenen Befriedigung darüber, daß du die Geschichte des berühmten Don Quijote von der Mancha so lauter und so ganz ohne Abirrungen erhältst; des Mannes, von dem unter allen Bewohnern des Gefildes von Montiel die Meinung geht, daß er der keuscheste Liebhaber und der tapferste Ritter gewesen, den man von vielen Jahren her bis zu dieser Zeit in jenen Gegenden gesehen. Ich will den dir geleisteten Dienst, daß ich dich einen so edlen und ehrsamen Ritter kennen lehre, nicht zu hoch anschlagen; aber danken sollst du mir, daß du Bekanntschaft mit seinem Schildknappen, dem berühmten Sancho Pansa, machst, in welchem ich dir, nach meiner Ansicht, den Inbegriff aller knappenhaften Witze vorführe, die in dem Haufen der Ritterbücher sich zerstreut finden.
Und hiermit, Gott möge dir Heil gewähren und mich nicht vergessen. Leb wohl.
Wenn zu Trefflichen zu ko-mmen Du, mein Buch, erstreben ka-nnst, Wird dir kein Gelbschnabel sa-gen, Daß du es nicht gut getro-ffen. Doch packt Ungeduld dich o-ft, Weil du Eseln wirst zu ei-gen, Wirst du sehn im Nu, daß kei-ner Auf den Kopf den Nagel tre-ffe, Ob er sich die Finger le-cke, Sich als Mann von Geist zu zei-gen.
Und da die Erfahrung spri-cht: Wer an guten Baum sich le-hnt, Daß den guter Schatten de-ckt, Beut dein Stern in Béjar di-r Einen Baum, der königli-ch, Fürsten trägt als seine Frü-chte Und an dem ein Herzog blü-ht, Der ein neuer Alexa-nder; Wage dich in seinen Scha-tten, Denn dem Kühnen lacht das Glü-ck.
Abenteuer sollst du si-ngen Eines Ritters aus der Ma-ncha, Dem der Bücher hohler Ta-nd, Die er las, den Kopf verwi-rrte. Frauen, Waffen, edle Ri-tter Hatten so ihn eingeno-mmen, Daß er wie Roland der to-lle Ganz von Liebeswut befa-ngen Sich errang mit starken A-rmen Dulcinea von Tobo-so.
Male du nicht eitle Bi-lder Auf den Schild, denn wenn der he-ftige Spieler stets auf Bilder se-tzt, Wird er gegen As verli-eren. Sei demütig in der Wi-dmung! Und dann wird kein Spötter ru-fen: Welch ein Konnetabel Lu-na, Welch karthagischer Hanniba-l, Welch ein König Franz in Spa-nien Will noch übers Schicksal mu-rren!
Da der Himmel nicht gewo-llt, Daß so viel Latein du wi-ssest Als der Neger Juan Lati-no, Meide du lateinische Bro-cken. Nicht zitier mir Philosophen, Sei nicht überfein haarspa-lterisch; Sonst verzieht den Mund zum La-chen Wer den Pfiff versteht, und ru-ft Gellend dir ins Ohr den Spru-ch: Warum Kniffe mir und Phra-sen?
Nicht beschreib in breitem Schwu-lst Fremder Leute Lebensba-hn; Weitab stehn und liegen la-sse Dinge, die dem Leser Wu-rst. Dem schlägt man auf die Kapu-ze, Der zu breit sich macht mit Wi-tz, Du arbeite nur und schwi-tze, Zu erringen guten Ru-f; Denn wer Albernheiten dru-ckt, Leiht sie aus auf ewige Zi-nsen.
Merke dir: der ist ein Na-rr, Der da unterm Glasdach wei-lt Und trotzdem nach Steinen grei-ft Und sie wirft auf Nachbars Da-ch. Doch der Mann von Urteilskra-ft Geht bei allem, was er schrei-bt, Als war Blei an seinen Bei-nen; Und wer das Papier bedru-ckt, Um Backfischchen zu erlu-sten, Hat versimpelt seine Zei-t.
O du, in dem die Lieb Nachahmung weckte Des Tränenlebens, das mich quält' und plagte, Als auf dem Armutsfelsen ich verzagte, Weil mich Entfernung und Verschmähung schreckte;
Du, der zum Trank der Augen Salzflut leckte Und dem zur Mahlzeit, wenn dich Hunger nagte Und Silber, Zinn und Kupfer dir versagte, Die Erd auf harter Erd ein Tischchen deckte;
Leb du in Zuversicht, daß dir auf immer – So lang zum mindsten, als die Feuerpferde Apollos in der vierten Sphäre kreisen –
Dein Name hell wird sein von Ruhmesschimmer, Dein Vaterland das erst' auf dieser Erde, Dein Autor einzig unter allen Weisen.
Ich brach, hieb, sprach, schlug Beulen, hab vollbracht Mehr als der fahrenden Ritter ganz Geschlecht, Kühn, brav, stolz, tausend Frevel schwer gerächt Und hunderttausend wiedergutgemacht.
Der Ruhm verewigt meiner Taten Pracht; Stets war mein Lieben sanft, freigebig, echt. Im Zweikampf war ich jeder Pflicht gerecht; Ein Riese galt als Zwerg mir in der Schlacht.
Zu Füßen mir hatt ich Fortuna liegen; Am Stirnhaar hielt mein schlauer Sinn mit Spotte Die kahle Glatze der Gelegenheit.
Doch hob sich auch mein Glück im steten Siegen Über des Mondes Hörner – Don Quijote, Auf deine Heldentaten hab ich Neid.
O schöne Dulcinee! Hätt ich's vollbracht, Mein Miraflores einst, mir zum Ergetzen Und Labsal, nach Toboso zu versetzen, Mit deinem Dorf zu tauschen Londons Pracht!
O zierte deine Denkart, deine Tracht Mir Seel und Leib! wie froh würd ich mich schätzen, Den Ritter, der beglückt in deinen Netzen, Zu schaun im Kampfe gegen Übermacht!
Hätt ich's vollbracht, mit keuschem Sinn zu meiden Herrn Amadís, wie du dem höflich feinen Quijote dich entzogst trotz seinen Qualen!
Ich wär beneidet dann, statt zu beneiden, Blieb froh statt traurig und genoß den reinen Glücksbecher, ohne Zeche zu bezahlen.
Heil, edler Mann, dir! Als des Schicksals Macht Dich mit dem Amt des Knappentums belohnt, Hat's dich mit allem Pech so ganz verschont, Daß deine Pflichten du mit Glanz vollbracht.
Jetzt wird nicht Sens und Spaten mehr verdacht Den fahrenden Knappen, simpler Geist nun wohnt Im Knappentum; der Hochmut, der den Mond Mit Füßen treten will, wird ausgelacht.
Ich neide deinen Ruhm, dein Eselein; Jedoch dein Zwerchsack, der dich kennen lehrt Als höchst fürsichtig, geht mir noch darüber.
Heil nochmals dir, du Biedrer, dem allein Hat unser spanischer Ovid gewährt Ehrsamen Gruß mit einem Nasenstüber.
Sancho Pansa bin ich, Knappe Des Manchaners Don Quijo-te; Einst hab ich Reißaus geno-mmen, Meines Lebens klug zu wa-rten. Villadiego sah das Ga-nze Der Politik in der Le-hre, Aus Gefahr sich fortzuste-hlen; Also sagt die Celesti-na, Die ein göttlich Buch mir schi-ene, Wenn's nicht gar zu menschlich wä-re.
Des Babieca Enkelsohn, Rosinante hochberü-hmt, Meine Schwächen abzubü-ßen, Dient ich einem Don Quijo-te; War im Langsamlaufen gro-ß; Doch dem gaulhaft klugen Si-nn Nie ein Gerstenkorn entgi-ng; Was mich Lazarillo le-hrte, Der, dem Blinden Wein zu ste-hlen, Sich ins Maul den Strohhalm hi-elt.
Du bist kein Großer zwar des Reichs, indessen Muß man als Größten dich der Großen ehren, Du Sieger, unbesiegt von ganzen Heeren; Dir gleich zu sein, darf keiner sich vermessen.
Von Liebe zu Angelika besessen, Zog rasend ich, Roldán, zu fernen Meeren, Und Opfer bracht ich auf des Ruhms Altären, Daß nie mein Name sinket in Vergessen.
Obschon du den Verstand wie ich verloren, Kann ich dir gleich nicht sein; das Weltall schätzt Weit höher deinen Ruf und deine Taten.
Mir wirst du gleich, wenn du den stolzen Mohren, Den wilden Skythen bändigst, der uns jetzt Gleich nennt im Lieben, das vom Glück verraten.
Nie hat mein Schwert so kühn wie deins gedroht, Du span'scher Phöbus, du voll Lieb und Witz, Und deinem Arm weicht meiner, der als Blitz In Ost und West viel Feinde schlug zu Tod.
Den Thron verschmäht ich, den die Welt mir bot, Verließ im Orient den Königssitz Für Claridianas Anblick, denn mich litt's Nur, wo ich sah mein holdes Morgenrot.
Heiß liebt ich sie, das hehre Wunderbild; Als sie mich kalt verstieß, griff ich die Rotte Der Höllen an, die ich mit Schrecken schlug.
Doch du, ein echter Gote, wild und mild, Bist ewig groß durch Dulcinee, Quijote, Und sie durch dich berühmt als keusch und klug.
Junger Quijote, so Ihr Euch geschwächt Das Hirn und seid zur Narrenzunft gesprochen, So sagt kein Mensch doch, daß Ihr was verbrochen, Noch eines Schelmenstücks Euch habt erfrecht.
Wohl Eure Taten sitzen drob zu Recht. Auf Ritterfahrt habt Frevel Ihr gerochen, Und tausendmal zerschlugen Euch die Knochen Manch böser Wicht und mannich loser Knecht.
Und so dich Dulcinee gen Euch erbost Und tut Euch Leids und bringt Euch auf den Hund Und Eurem Weh kein willig Labsal gibt,
In solchen Nöten sei Euch dies zum Trost: Daß Sancho sich aufs Kuppeln nicht verstund, Ein Dummkopf er, sie hart, Ihr nicht verliebt.
B. So hager, Rosinante, so verschlissen? R. Weil's Arbeit stets und niemals Futter gab. B. Wirft Euch der Dienst nicht Stroh und Gerste ab? R. Mein Herr verabreicht mir nicht einen Bissen.
B. Ihr loser Knecht, schämt Euch in Eu'r Gewissen! Ein Eselsmaul reißt seinen Herrn herab. R. Er ist ein Esel von der Wieg ans Grab; Seht nur, wie er der Liebe sich beflissen!
B. Ist Lieben Torheit? R. Doch nicht viel Vernunft. B. Du bist ein Philosoph. R. Das kommt vom Hungern. B. Verklagt den Diener, der auf Euch nichts wandte.
R. Wem sollt ich's klagen bei der Bettlerzunft, Wo Herr und Diener in der Welt rumlungern Und grad so schäbig sind wie Rosinante?
An einem Orte der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Junker, einer von jenen, die einen Speer im Lanzengestell, eine alte Tartsche, einen hagern Gaul und einen Windhund zum Jagen haben. Eine Schüssel Suppe mit etwas mehr Kuh- als Hammelfleisch darin, die meisten Abende Fleischkuchen aus den Überbleibseln vom Mittag, jämmerliche Knochenreste am Samstag, Linsen am Freitag, ein Täubchen als Zugabe am Sonntag – das verzehrte volle Dreiviertel seines Einkommens; der Rest ging drauf für ein Wams von Plüsch, Hosen von Samt für die Feiertage mit zugehörigen Pantoffeln vom selben Stoff, und die Wochentage schätzte er sich's zur Ehre, sein einheimisches Bauerntuch zu tragen – aber vom feinsten! Er hatte bei sich eine Haushälterin, die über die Vierzig hinaus war, und eine Nichte, die noch nicht an die Zwanzig reichte; auch einen Diener für Feld und Haus, der ebensowohl den Gaul sattelte als die Gartenschere zur Hand nahm. Es streifte das Alter unsres Junkers an die fünfzig Jahre; er war von kräftiger Körperbeschaffenheit, hager am Leibe, dürr im Gesichte, ein eifriger Frühaufsteher und Freund der Jagd. Man behauptete, er habe den Zunamen Quijada oder Quesada geführt – denn hierin waltet einige Verschiedenheit in den Autoren, die über diesen Kasus schreiben –, wiewohl aus wahrscheinlichen Vermutungen sich annehmen läßt, daß er Quijano hieß. Aber dies ist von geringer Bedeutung für unsre Geschichte; genug, daß in deren Erzählung nicht um einen Punkt von der Wahrheit abgewichen wird.
Man muß nun wissen, daß dieser obbesagte Junker alle Stunden, wo er müßig war – und es waren dies die meisten des Jahres –, sich, dem Lesen von Ritterbüchern hingab, mit so viel Neigung und Vergnügen, daß er fast ganz und gar die Übung der Jagd und selbst die Verwaltung seines Vermögens vergaß; und so weit ging darin seine Wißbegierde und törichte Leidenschaft, daß er viele Morgen Ackerfeld verkaufte, um Ritterbücher zum Lesen anzuschaffen; und so brachte er so viele ins Haus, als er ihrer nur bekommen konnte. Und von allen gefielen ihm keine so gut wie die von dem berühmten Feliciano de Silva verfaßten; denn die Klarheit seiner Prosa und die verwickelten Redensarten, die er anwendet, dünkten ihm wahre Kleinode; zumal wenn er ans Lesen jener Liebesreden und jener Briefe mit Herausforderungen kam, wo er an mancherlei Stellen geschrieben fand: Der Sinn des Widersinns, den Ihr meinen Sinnen antut, schwächt meinen Sinn dergestalt, daß ein richtiger Sinn darin liegt, wenn ich über Eure Schönheit Klage führe. Und ebenso, wenn er las: ...die hohen Himmel Eurer Göttlichkeit, die Euch in göttlicher Weise bei den Sternen festigen und Euch zur Verdienerin des Verdienstes machen, das Eure hohe Würde verdient. Durch solche Redensarten verlor der arme Ritter den Verstand und studierte sich ab, um sie zu begreifen und aus ihnen den Sinn herauszuklauben, den ihnen Aristoteles selbst nicht abgewonnen noch sie verstanden hätte, wenn er auch zu diesem alleinigen Zweck aus dem Grab gestiegen wäre. Er war nicht sonderlich einverstanden mit den Wunden, welche Don Belianís austeilte und empfing; denn er dachte sich, wie große Ärzte ihn auch gepflegt hätten, so könnte er doch nicht anders als das Gesicht und den ganzen Körper voll Narben und Wundenmale haben. Aber bei alldem lobte er an dessen Verfasser, daß er sein Buch mit dem Versprechen jenes unbeendbaren Abenteuers beendet; und oftmals kam ihm der Wunsch, die Feder zu ergreifen und dem Buch einen Schluß zu geben, buchstäblich so, wie es dort versprochen wird; und ohne Zweifel hätte er es getan, ja er wäre damit zustande gekommen, wenn andere größere und ununterbrochen ihn beschäftigende Ideen es ihm nicht verwehrt hätten.
Vielmals hatte er mit dem Pfarrer seines Ortes – der war ein gelehrter Mann und hatte den Grad eines Lizentiaten zu Siguenza erlangt – Streit darüber, wer ein besserer Ritter gewesen, Palmerín von England oder Amadís von Gallien; aber Meister Nikolas, der Barbier desselbigen Ortes, sagte, es reiche keiner an den Sonnenritter, und wenn einer sich ihm vergleichen könne, so sei es Don Galaor, der Bruder des Amadís von Gallien, weil dessen Naturell sich mit allem zurechtfinde; er sei kein zimperlicher Rittersmann, auch nicht ein solcher Tränensack wie sein Bruder, und im Punkte der Tapferkeit stehe er nicht hinter ihm zurück.
