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Eigentlich könnte man meinen, Jan Klusmann hätte es geschafft. Mit seinen vierzig Jahren lebt er in einer schicken Vorortgegend. Wer hier wohnt, kennt keinen anderen Lebenstraum, als den der Konservativen: Eine Frau, zwei Kinder, ein langweiliger Job, ein Hund, ein Kombi, eine überaus reizende Nanny und, wenn die Nanny den Zweck nicht erfüllt, eine kostspielige Geliebte. Letztere zieht in Form der eurasischen Schönheit Valerie in die Nachbarschaft. Zusammen mit ihrem empathiegestörten Lebensgefährten Wilbur Schick, bringt sie Jans Welt gehörig durcheinander. Nicht nur, dass Jan glaubt, ein Seitensprung mit der umwerfenden Valerie könnte seine Eheprobleme lösen, auch seine Freunde Norman und Matze sind von der exotischen Schönen angetan. Mehr noch - Matze glaubt in Valerie die ehemalige Pornoaktrice Tina Hype zu erkennen. Einem alten Doofenschwur folgend, machen sich die drei Freunde auf, Valeries wahre Indentität zu lüften. Jedoch ahnt keiner der drei, welch gefährliches Geheimnis die schöne Valerie umgibt.
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Thomas Kämpf
Doofenschwur
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Buchinfo
Vorspann
Der Brief
Sechsundzwanzig Jahre zuvor
Heiße Schnecken auf der Überholspur
Freitag
Willkommen in der Vorstadt
Mach mich schwanger
Überraschung
Bettgeflüster
Samstag
In geheimer Mission
Ein Traum aus feuchter Seide
Doofenschwur
Ein Opa wie George Cloony
Sonntag
Verschwitzte Körper
99,99 Prozent
Bettgeflüster 2.0
Montag
Alles wegen eines doofen Autofahrers
Herz-Kreislauf oder Muskelaufbau?
Anderthalb Mal Sex
Zielübung
Ein freundlicher Soziopath
Ein Haken wie Captain Hook
Mami macht das schon
Ein Tag auf dem Bauernhof
Du bist ein Arschloch, Klusmann
Abspann
In eigener Sache
Weitere vom Autor veröffentlichte E-Books:
Leseprobe: In 8 Sekunden durch die Zeit
1 Stunde und 39 Minuten bis Einschlag
24 Minuten und 38 Sekunden bis Einschlag
Über den Autor
Impressum
Buchinfo
Titel der Originalausgabe: Hallo Arschloch
Dieses E-Book wurde bereits 2013 unter dem Titel "Hallo Arschloch" veröffentlicht.
© Copyright by Thomas Kämpf, 2013
Bildmaterialien: © Copyright by Thomas Kämpf
Covergestaltung: Peter Arth
Lektorat: A. Johren, radioruhr
Herausgegeben von radioruhr
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Vorspann
Jan Klusmann saß in seinem Wagen und wartete. Er war ungeduldig, dabei hatte er den Brief vor nicht einmal zehn Minuten eingeworfen - durch den Zeitungsschlitz seiner Haustür, geradewegs in die Diele seines Hauses, in dem er seit gut fünf Tagen nicht mehr wohnte. Er starrte angespannt auf den Eingangsbereich, in der Hoffnung, dass sie das Haus verließ. Aber dazu war es noch zu früh.
Viel zu früh.
Nervös schaute er auf die Uhr.
"Also ich stelle mir das so vor", sagte Jan, ohne seine beiden Freunde anzusehen, die mit ihm im Auto warteten. Neben ihm saß Matze auf dem Beifahrersitz und gähnte laut. Norman hockte auf der Rückbank und blickte zwischen den beiden auf die Straße.
"Es ist jetzt genau dreizehn Uhr zwanzig", fuhr Jan fort. "Das heißt, die Zwillinge liegen seit ungefähr zwanzig Minuten im Bett. Heute ist Samstag, da gab's einen dieser selbstgekochten Gemüsebreie, irgendwas mit Karotten oder Kohlrabi, was weiß ich. Susanne holt sich die Rezepte aus so einem alternativen Kochbuch: Kinder ernähren wie zu Großmutters Zeiten. Na, jedenfalls sind sie danach immer pappsatt. Fünf Minuten, dann schlafen Sie tief und fest.
Um kurz nach eins geht Susanne duschen. Das macht sie jeden Samstag, bevor sie in ihr Fitnessdress schlüpft, um sich gemütlich auf die Couch zu fläzen. Eigentlich bedeutet Fitness, sich bewegen, aber das Einzige, was Susanne bewegt, ist ihr Zeigefinger, wenn sie eine Seite ihres neuesten Kriminalromans umblättert. Oder aber es ist der Daumen, mit dem sie die Fernbedienung des Fernsehers dazu nutzt, um zwischen Arte, EinsFestival und den Comedyserien auf Pro7 hin und her zu schalten.
Manchmal frage ich mich, wie sie ihre Figur bei dem Mangel an Bewegung und dem unglaublichen Konsum von gezuckerten Milchkaffee halten kann. Wobei - im Grunde lebt sie gesund. Sie ist Vegetarierin, was bei einer Grundschullehrerin nichts Besonderes ist. Ich selbst brauche mein Fleisch und hole es mir außerhalb der heimischen Küche. Aber das wisst ihr ja.
Nach einem ausgiebigen Duschvorgang föhnt Susanne ihr Haar. Das braucht Zeit. Bei der Masse ihres Haars gute zehn Minuten. Gleich darauf zieht sie ihren bequemen, figurlosen Fitnessdress über und wirft noch schnell einen prüfenden Blick ins Kinderzimmer.
Die Zwillinge liegen gemeinsam in einem Bettchen. Manchmal kommt es da ungewollt zu Kollateralschäden, wenn eins der Ärmchen sich verselbständigt. Ich kann mir direkt vorstellen, wie sie da so zusammenliegen. Max schläft gern auf den Bauch, Lea viel lieber auf den Rücken. Ihre Gesichter haben sie dann einander zugewandt. Gott, das treibt mir die Tränen in die Augen, wenn ich nur daran denke.
Entschuldigt. Ich muss mir mal eben die Nase putzen.
So! Schon besser.
Wo waren wir? Ach so, ja. Also ... Gleich, nachdem Susanne Max zugedeckt hat - er strampelt sich gern frei -, hüpft sie beschwingt die Treppe hinunter. Sie summt dabei immer ein Liedchen. Einen Schlager. Irgendwas aus den Siebzigern oder von Andrea Berg. Auf jeden Fall kommt sie an der Haustür vorbei, wo bereits mein Brief auf sie wartet. Sie wird sich wundern, weil der Umschlag so groß und dick ist. Stirnrunzelnd nimmt sie ihn mit in die Küche. Wenn es was zu lesen gibt, braucht Susanne ihren gezuckerten Milchkaffee, den sie mit unserem Espressokocher macht. Dazu vertilgt sie mindestens drei amerikanische Schokoladenplätzchen. Es kann auch mal die ganze Packung sein, wenn das Buch besonders spannend ist.
Während also das Wasser im Espressokocher zu sieden beginnt und sie sich das erste Plätzchen in den Mund schiebt, öffnet sie den Umschlag. Entweder wird ihr beim Anblick meines Briefes schlagartig der Appetit vergehen, oder aber das Gegenteil ist der Fall. Bei plötzlicher Aufregung nämlich überkommt Susanne grundsätzlich eine unstillbare Fressattacke, wodurch sie die Schokoladenplätzchen ratzekahl verputzen wird, noch bevor der Kaffee fertig ist.
Ich tippe auf die Fressattacke. Mehr noch. Ich glaube, sie wird den Kaffee vergessen, sich die Kekse schnappen und mit dem Brief ins Wohnzimmer gehen, was wiederum zur Folge hat, dass die Gummidichtung des Espressokochers zu schmelzen beginnt.
Aber so weit sind wir ja noch nicht.
Susanne ist natürlich neugierig, wenn sie es sich auf der Couch gemütlich macht. Wir schreiben uns nämlich schon lange keine Briefe mehr, erst recht nicht Briefe solchen Ausmaßes. Kein Wunder also, dass sie unbedingt wissen will, was ich ihr alles zu sagen habe.
Und trotzdem wird sie skeptisch sein, wenn sie zu lesen beginnt.
Aber immerhin - sie wird lesen."
Jan lehnte sich entspannt in seinem Sitz zurück und verschränkte erwartungsvoll die Arme.
Der Brief
Liebe Susanne!
Ich kann mir gut vorstellen, dass Du immer noch verletzt bist, und ich verstehe auch, dass Du nicht mit mir sprechen möchtest. Aber findest Du nicht auch, dass ich es verdient habe, mich zu erklären?
Was frag ich da eigentlich?
Natürlich findest du das nicht!
Aber gerade deshalb bitte ich Dich, weiter zu lesen. Denn selbst, wenn Du mir nicht glaubst, ist es weiß Gott nicht so, wie Du denkst.
Na ja, eigentlich schon. Ansatzweise zumindest. Aber letztlich waren es die Umstände, die zu all dem geführt haben. Ich konnte nicht im Mindesten abschätzen, wie die ganze Geschichte endet.
Dies ist übrigens kein Versuch, meine Taten zu entschuldigen, Susanne. Das musst du mir glauben. Ich möchte Dir lediglich die Umstände näher bringen, die zu all dem Geführt haben. Was Du daraus machst, liegt ganz allein bei Dir. Nimm Dir also noch einen Keks und stell doch bitte den Espressokocher vom Herd. Wir wollen doch nicht, dass er explodiert. Das Gummi ist ja schon hin.
Schön! Dann kannst du jetzt anfangen zu lesen.
Also … Begonnen hat alles letzte Woche Freitag. Du erinnerst dich vielleicht, als ich vom Joggen kam und zum ersten Mal auf Valerie traf …
Das heißt … Wenn ich es genau bedenke … Also der wirkliche Anfang … Das einleitende Ereignis … Genau genommen fand es vor sechsundzwanzig Jahren statt. Kurz nach meinem vierzehnten Geburtstag.
Ja … Da hat alles angefangen … An einem warmen Frühlingstag im Jahr 1987. Papa präsentierte mir das letzte große Geburtstagsgeschenk. Und das war dann letztlich auch der Grund, warum ich Norman kennenlernte.
Sechsundzwanzig Jahre zuvor
Heiße Schnecken auf der Überholspur
Mein Vater hatte endlich den längst versprochenen Videorecorder gekauft. Unseren Ersten. Und ich war richtig Happy. Es hatte ja auch verdammt lange gedauert. Von all meinen Freunden war ich der Einzige, der noch keinen Videorecorder hatte. Vater hatte sichergehen wollen, sich für das zukunftssichere Format zu entscheiden. Ein Recorder war zu der Zeit noch ein kleines Vermögen Wert. Als dann aber VHS die Systeme BetaMax und Video 2000 vom Markt drängte, war Vater endlich bereit, eine Investition von knapp zweitausend Mark zu tätigen. Filme gab es fast nur zum Leihen. Aber dafür kursierte eine massige Anzahl an Raubkopien unter den Recorderbesitzern. Von einem Arbeitskollegen brachte Paps einen Haufen Filme mit. Alles, was damals angesagt war. Zurück in die Zukunft, Rambo 2, ein paar James Bond-Filme … Nur mit einem Film, mit dem konnte ich gar nichts anfangen.
"Was ist denn Heiße Schnecken auf der Überholspur?", fragte ich, und nachdem sich meine Eltern ertappt angesehen hatten, bekam ich von meiner Mutter einen Klaps auf den Hinterkopf.
"Sag mal, hast du eigentlich deine Sporttasche ausgepackt?", motzte Mama. "Ich hab dir hundertmal gesagt, du sollst die stinkigen Klamotten gleich in die Wäsche tun! Marsch, ab jetzt! Oder glaubst du, ich bin dein Heiopei, der dir alles hinterherräumt?" Sie nahm mir die Kassette aus der Hand, gab sie meinem Vater und schob mich eiligst zur Tür hinaus.
Natürlich wusste ich, dass da was faul war. Ich war vierzehn. Und so wartete ich auf eine Gelegenheit, um mich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, was da für eine Art von Schnecken auf der Überholspur waren.
Drei Tage später hatten meine Eltern ihr wöchentliches Kirchenchortreffen. Und während sie sich auf dem Weg ins Gotteshaus machten, machte ich mich auf die Suche nach der Kassette. Ich kannte jedes Versteck von Paps. Das Bett, seine Sockenschublade ... Es waren allesamt Verstecke, in denen er seine Playboys aufbewahrte. Jedenfalls bis Mama sie entdeckte, dann suchte er sich was Neues.
So sehr ich mich aber bemühte, der verdammte Film war nirgends aufzufinden. Ich hatte nicht mehr viel Zeit. Die Chorproben dauerten nicht ewig (damals wusste ich noch nicht, dass man diese Art von Film höchstens zehn Minuten guckt). Ich durchwühlte den gesamten Kleiderschrank, jeden Koffer, der darin war und jeden Kleidersack. Als ich mir überlegte, vielleicht doch mal im Keller nachzuschauen, fiel mir plötzlich ein, dass ja Mama den Film versteckt hatte. Und ihr Versteck zu finden, war ein Leichtes. Sie hatte ja nur eins.
Ich nahm mir einen Stuhl und kletterte auf den Schrank. Im Nähkorb meiner Mutter, unter Flicken und Wollresten verborgen, entdeckte ich die nichtssagende Kassettenhülle mit der Aufschrift BASF E-180. Auf dem Kassettenrücken aber stand in handgeschriebener Druckschrift Heiße Schnecken auf der Überholspur.
Als würde ich den Heiligen Gral in den Händen halten, stieg ich vom Stuhl, ging ins Wohnzimmer und schob die Kassette ehrfürchtig in den Recorderschlitz. Ich setzte mich auf die Couch und schaltete den Fernseher ein. Ich war total aufgeregt. Ich wusste, dass mich etwas Ungeheuerliches erwartete. Und obwohl es mich eigentlich bei dem Gedanken, dass meine Eltern sich so etwas anschauten, hätte schütteln müssen, starrte ich gebannt auf den Bildschirm.
Kaum, dass der Vorspann geendet hatte, ging's auch schon zur Sache. Eine langbeinige, dunkelhaarige, asiatische Schönheit stieg aus einem teuren Cabrio. Sie war nur mit einem engen Top, Minirock und High Heels bekleidet. Aufreizend stöckelte sie auf einen schmierigen Tankwart zu, der bei ihrem Anblick Benzin verschüttete.
Noch nie war mir eine derart perfekte Frau unter die Augen gekommen, als die, die da gerade halbnackt über den Bildschirm schritt. Okay, mit vierzehn hatte man noch nicht die Möglichkeit in der Hinsicht viel zu erleben, aber für mich war diese Asiatin der Inbegriff aller Weiblichkeit.
Die Welt um mich herum vergessend, sah ich zu, wie sich die barbusige Schönheit auf den Tankwart setzte, sah das stetige Auf und Ab der riesigen Brüste und ihr von Ekstase entstelltes Gesicht. Ich war völlig erschlagen von dem, was ich da gerade sah. Hatte ich bisher höchstens ein paar pornografische Bilder gesehen, war das hier etwas völlig Neues. Und wegen der Reaktion, die der Porno mit seiner umwerfenden Darstellerin in mir auslöste, beschloss ich, mit jemandem darüber zu sprechen, der meine Euphorie verstehen und teilen konnte.
Mein Freund Matze war ein Titan auf dem Gebiet der Pornografie. Immerhin hatte er einen drei Jahre älteren Bruder, der an alles rankam, was man sich vorstellen konnte - sogar an Mädchen. Und wenn Matze nicht gerade bei seinem Bruder spannte, bekam er alles andere aus erster Hand. Gut, meistens verklebt und zerfleddert, aber immerhin garantiert nicht jugendfrei.
Zum ersten Mal aber hatte ICH etwas aufgetan, das Matze unbedingt sehen wollte. Er konnte es gar nicht erwarten, sich die überaus scharfe Asiatin anzuschauen. Ich verabredete mich also mit ihm für den kommenden Donnerstag. Der Chorabend meiner Eltern sollte der Abend sein, an dem Matze und ich auf den wohl besten Porno der Weltgeschichte ... ähm ... also ... Na, du kannst dir ja denken, was Sache war. Für mich jedenfalls war es, als hätte ich mit dieser dickbusigen Darstellerin ein reales Date.
Im ersten Moment schien auch alles nach Plan zu laufen. Meine Eltern verließen pünktlich das Haus, und Matze kam, als sie schon längst weg waren. Creme und Feuchttücher waren reichlich vorhanden und ich wusste, wo der Film lag. Ich nahm mir wieder einen Stuhl, kletterte auf den Schrank, schob im Nähkorb meiner Mutter die Flicken und Wollreste beiseite und sah ...
Nichts!
Überhaupt nichts!
Außer natürlich den üblichen Kram, den ich fassungslos aus dem Korb räumte. Ich arbeitete mich bis zum Boden des verdammten Weidenkorbs vor.
Immer noch nichts!
Bevor ich jetzt den ganzen Kleiderschrank durchforstete, rannte ich zurück ins Wohnzimmer und warf einen Blick ins Barfach. Kein Videofilm zierte das Schrankinnere. Ich konnte es kaum glauben, aber Paps hatte die geliehenen Filme wieder zurückgebracht.
Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben so etwas wie Liebeskummer. Es war für mich schwer zu akzeptieren, meine asiatische Kirschblüte nie wiedersehen zu können. Glücklicherweise dauerte es aber keine Sekunde, bis Matze die Lösung des Problems gefunden hatte. "Es gibt nur einen, der uns helfen kann!" Zwei Tage später lernte ich auf dem Schulhof Norman kennen.
Matz und ich besuchten mit Norman dasselbe Gymnasium. Damals wussten wir noch nicht, dass es für Matze das letzte Schuljahr sein würde. Nach den Sommerferien sollte er gezwungenermaßen zu einer Hauptschule wechseln. Um dies zu verhindern, bekam Matz von einem Schulkameraden, Norman, Nachhilfeunterricht. Und obwohl Norman zwei Jahre jünger war als wir, besuchte er die Klasse über uns. Er war ein Wunderkind, ein Freak. Der wohl schrägste Typ, der mir je in meinem Leben untergekommen war. Er trug stets karierte Hosen, ein weißes Hemd und eine farbige Fliege, die, im Gegensatz zu seiner ausgeblichenen Strickjacke, täglich wechselte.
Norman war hochintelligent, aber auffällig im Umgang mit gleichaltrigen. Das Einzige, was für Norman sprach, war die Tatsache, dass seine Eltern Althippies waren und die freie Liebe praktizierten. Dementsprechend umfangreich war die Pornosammlung seines Vaters. Und eben jene Pornosammlung war es, die Norman für Matze interessant machte.
Die beiden arrangierten ein Treffen, und ich erinnere mich noch genau, als ich damals Normans Haus betrat. Es war fremdländisch, mit allerhand kitschigem Krimskrams eingerichtet. Damals wusste ich nicht, dass das meiste Zeug aus Indien stammte.
Das, was aber alles schlug, war der Kellerraum. Normans Vater hatte ihn, zum Praktizieren seiner Tantratechniken, umbauen lassen. Ein Bett stand an einer Wand, das vom Ausmaß her eher einer Spielwiese glich. Gleich daneben war eine Bar mit allerlei alkoholischen Getränken untergebracht. Neben einer nachträglich eingebauten Nasszelle, bestehend aus Whirlpool, Dusche und WC, hatte im Hauptraum ein Rückprojektionsfernseher mit einer damals unschlagbaren Bildschirmdiagonalen von etwas über einem Meter seinen Platz gefunden. Vor dem Fernseher standen ein Tisch und eine ausziehbare rote Couch.
Vom gesamten Interieur aber war das wohl Beeindruckendste, das großzügig angelegte Ikea-Regal. Es war mit unzähligen Pornofilmen gefüllt, alle im Originalcover, wodurch es zu jener Zeit, 1987, ein kleines Vermögen beherbergte.
Matze und ich waren wie erschlagen, als wir, von Norman angeführt, die Treppe hinabstiegen. "Absoluter Wahnsinn", bemerkte Matze. Sofort stürzte er sich auf das Regal mit den Pornofilmen und studierte eindringlich die Coverbilder.
"Und das ist das Arbeitszimmer deines Vaters?", frage ich.
"Er ist Yoga-Lehrer", antwortete Norman in einer betont klaren Ausdrucksweise. Seine Stimme hatte einen arroganten Unterton, was von Mimik und Gestik noch unterstrichen wurde. Er wusste, dass er ein Wunderkind war und das machte den Rest der Welt, in seinen Augen, zu unwissenden Idioten.
"Papa und Mama machen auch in Tantra", fuhr Norman fort. "Sie sagen immer, das sei der Ausgleich, wenn es mal Ruckzuck gehen soll. Was immer sie damit meinen."
"Und er lässt dich einfach so hier rein?", fragte Matze.
"Natürlich nicht", antwortete Norman mit einem Kopfschütteln. "Den Schlüssel habe ich mir vor einem halben Jahr nachmachen lassen. Es wäre übrigens sehr hilfreich, wenn du nichts durcheinanderbringen würdest. Nur zur Information, die Filme sind nach den Haarfarben ihrer Hauptdarstellerinnen geordnet."
"Das geht?", fragte Matze begeistert. "Und wenn sich eine Darstellerin die Haare färbt?"
"Ich spreche nicht vom Haupthaar."
Ich brauchte eine Weile, bis ich begriff, was Norman meinte. In den Achtzigern galt Körperbehaarung noch nicht als unästhetisch. Immerhin hatte es Nena geschafft, trotz ihrer Achselbehaarung eine ganze Generation zu verzaubern.
"Ist so ein Spleen meines Vaters", erklärte Norman. "Leider macht es die Namenssuche etwas umständlich." Er wandte sich an mich. "Ich hoffe du kennst den Namen der Hauptdarstellerin? Heiße Schnecken auf der Überholspur befindet sich nämlich nicht in unserer Sammlung."
"Tina, glaube ich ... Aber sicher bin ich mir nicht."
"Nachname?"
Ich überlegte fieberhaft. "Irgendwas mit Y."
Kopfschüttelnd baute sich Norman vor das Regal auf. "Tina irgendwas mit Y ist nicht die Information, die ich erhofft habe."
"Wer achtet schon bei einem Porno auf Namen?", fragte Matze, der sich einfach nicht von den Covern trennen konnte, aber musste, weil Norman ihn beiseite drängte.
"Touché", antwortete Norman. "Ihr habt Glück, dass ich einige Tinas kenne, die wir von vornherein ausschließen können."
Matze und ich schlenderten zum Bartresen, auf dem ein schweres Buch mit ledernem Einband lag. Ein bärtiger Mann und eine Frau waren darauf abgebildet, die in akrobatischer Stellung miteinander kopulierten.
"Wow", sagte Matze. "Das ist das Kamasutra. Mein Bruder hat mir davon erzählt." Er blätterte darin und brachte weitere Zeichnungen zutage. Eine versauter, als die andere.
"Tina ... Tina ...", hörten wir Norman vor sich hinmurmeln. "Es war nicht zufällig eine deutsche Produktion?"
"Keine Ahnung", antwortete ich. "Sie ist Chinesin oder sowas."
"Warum sagst du das nicht gleich." Er verdrehte seufzend die Augen. "Das schränkt die Haarfarbe doch extrem ein."
Während Norman sich einem anderen Regal zuwandte, machten Matze und ich uns über die Bilder im Kamasutra lustig. Keine gefühlte Minute später tätigte Norman einen freudigen Ausruf und tat einen Luftsprung, was aber im höchsten Maß ungelenk wirkte. "Heureka! Ich habe sie! Ich habe sie gefunden!"
Sofort stürzten Matze und ich zu Norman. Ungeduldig riss ich ihm das Cover zu dem Film Ein Traum aus feuchter Seide aus der Hand. Ein weiteres Meisterwerk, in dem meine asiatische Schönheit mitgespielt hatte. "Tatsächlich", sagte ich erfreut. "Das ist sie!"
"Mensch, was für ein scharfes Luder!", rief Matze aus. Er nahm mir das Cover aus der Hand, drehte und wendete es aufgeregt.
Da nahm ihm Norman das Cover wieder ab und zeigte mit dem Finger auf Tina Hype. "Sie ist übrigens Eurasierin", dozierte er. "Man kann in den Gesichtszügen den europäischen Einschlag durchaus erkennen."
Norman nahm die Kassette aus der Hülle und steckte sie in den Videorecorder. Er schaltete den Fernseher ein und riss drei Tücher von einer Küchentuchrolle ab, die er nebeneinander auf den Tisch legte. "Setzt euch", sagte er.
"Wofür ist das denn?", fragte ich und zeigte auf die Tücher. Ich setzte mich vor das erste, Matze vor das letzte Tuch.
"Matthias sagte mir, du hättest bei Tina Hypes Anblick zum ersten Mal ejakuliert", erklärte Norman in einem unbeteiligten Ton. "Mein Vater steht zwar Körperflüssigkeiten relativ aufgeschlossen gegenüber, aber bei seiner Couch ist er echt pingelig."
Norman widmete sich wieder seinen Vorbereitungen. Er spulte das Band bis zu der Stelle vor, an der der Film begann. Da er mir den Rücken zuwandte, nutzte ich den Augenblick, Matze einen "Wie konntest du ihm das nur erzählen"-Blick zuzuwerfen. Aber Matze zuckte nur die Achseln.
Norman setzte sich zwischen uns, die Fernbedienung des Videorecorders in den Händen. "Nur noch mal fürs Protokoll. Nach der Ejakulation entsorgt ihr eure Papierhandtücher in den dafür vorgesehenen Tischabfallbehälter. Bevor ihr irgendetwas anfasst, außer euch selbst, geht nach nebenan ins Bad und desinfiziert euch die Hände. Das Licht ist bereits eingeschaltet, eine Kontamination des Schalters ist daher ausgeschlossen."
Er nahm das Küchentuch, das vor ihm lag, und öffnete sich die Hose. Matze, der sofort begriff, was nun Ambach war, tat's ihm gleich.
"Nun denn! Lasst uns beginnen", sagte Norman feierlich. "Bin gespannt, was an Tina Hype so besonders ist."
Ich glaube, ich muss nicht betonen, dass mir das alles unheimlich vorkam. Das Haus, der Keller, die Pornosammlung, vor allem aber Norman. Matze hingegen machte sich überhaupt gar keine Gedanken. Noch während der Vorspann lief, versuchte er bereits, das Beste aus sich herauszuholen. Bei Norman bekam man es Gott sei Dank nicht mit. Er nahm das Papierhandtuch als Sichtschutz.
Tja und ich ... Ich versuchte mich auf den Film zu konzentrieren, was mir aber erst gelang, als Tina Hype auftauchte. Hielt ich bisher die ersten zehn Minuten von Heiße Schnecken auf der Überholspur für das beeindruckendste Stück Pornogeschichte, so wurde ich von Ein Traum aus feuchter Seide eines besseren belehrt.
Ich war von Tina Hypes makellosem Körper und ihren Beischlaftalenten zutiefst beeindruckt. Wie in Trance griff ich nach dem Küchentuch, schloss die Augen und stellte mir vor, dass ich anstelle ihres stark behaarten und damit unattraktiven Partners war.
Was soll ich sagen, Susanne ... Ich muss Dir ja nicht alles haarklein erzählen. Jedenfalls dauerte es nicht mal halb so lang wie beim ersten Mal. Und aus feuchter Seide wurde ein feuchtes Papiertuch. Mich verwunderte das, war ich doch eigentlich von Matzes und Normans Anwesenheit ein wenig eingeschüchtert.
Und auch jetzt noch, als ich mir die Hände wusch, schämte ich mich vor meinem besten Freund. Der war aber wie immer guter Dinge. "O du hast so recht gehabt!", sagte er, jeden Mikroliter seiner Endorphine auskostend. "So ein geiles Luder. Wenn ich der mal begegnen würde …"
"Fünfunddreißig Sekunden", sagte ich fassungslos. "Länger hat's nicht gedauert. Wie schafft man es bei so einer Frau, länger als fünfunddreißig Sekunden durchzuhalten?"
"Ach, das kommt alles mit den Haaren am Sack
"Ich weiß nicht. Irgendwie fühle ich mich schon ein bisschen unter Druck gesetzt."
"Mein Bruder sagt, wer länger braucht als fünf Minuten ist schwul." Matze nahm mich bei den Schultern. "Ich sag dir was. Sollten wir jemals - und ich senke meine Stimme, um die Ernsthaftigkeit meiner Worte zu unterstreichen - sollten wir also wirklich jemals in unserem Leben, Tina Hype über den Weg laufen ... Bei Gott, dann machen wir es so wie im Film."
Die Vorstellung gefiel mir. "Du hast recht! Wir nehmen sie so richtig hart ran, bis sie nicht mehr gerade laufen kann."
"Bis sie auf ihren Brustwarzen zur Toilette kriecht und um Pause bettelt."
"Egal, ob wir 'ne Freundin haben oder nicht."
"Egal, ob Tina will oder nicht."
Ich stutzte. "Na ja, wollen sollte sie schon, sonst ist's Vergewaltigung."
"Richtig, darauf sollten wir schon achten." Feierlich nahm mich Matze bei den Händen. "Sollten wir jemals in unserem Leben Tina Hype über den Weg laufen und sie mit uns vögeln wollen, was natürlich keine Frage ist, denn immerhin sind wir cool ... Also, sollte sie mit uns vögeln wollen, dann werden wir ihr das Hirn aus dem Leib ficken, koste es, was es wolle!"
"Das werden wir!", sagten wir feierlich aus einem Munde.
"Eine ausgezeichnete Idee", sagte Norman, der gerade die Toilette betrat, "wo doch so ein Pakt unwillkürlich zusammenschweißt. Ich habe mir zwar noch nicht die Hände desinfiziert, aber ... Ich bin dabei!" Und damit legte Norman seine ungewaschene Hand auf die unseren.
Ich muss dir ja nicht sagen, Susanne, dass ich relativ schnell unseren Pakt als Doofenschwur betrachtete. Bis zu den Ferien trafen wir uns noch einige Male mit Norman. Als Matze aber schließlich die Schule wechselte, schlief das Dreiergespann langsam ein. Die Nachhilfestunden für Matze waren überflüssig geworden und außer der Pornosammlung seines Vaters, gab es an Norman nichts Angenehmes. Und so verloren wir Norman langsam aber sicher aus den Augen. Und mit ihm meine Erinnerung an diesen Schwur. Aber du weißt ja, wie das ist. Manchmal holt einen die Vergangenheit ein. Und das, liebe Susanne, geschah sechsundzwanzig Jahre später. Genau genommen letzten Freitag.
Freitag
Willkommen in der Vorstadt
Ich kam wie jeden Morgen mit Tobi vom Joggen. Der rote Porsche Boxster, der vor dem Haus der Ostermanns parkte, fiel mir sofort auf, als ich in unsere Straße bog. Auch Tobi schien von dem Wagen angetan. Schwanzwedelnd zog er mich hechelnd zu einem Urinfleck, der auf der glattpolierten Felge des Hinterreifens prangte.
Der Porsche Boxster ist ein schnittiges Ding. Wenn auch ein Frauenauto, das trotz seiner Sportlichkeit zierlich und klein wirkt. Dadurch erscheinen selbst Motor und Ventile feminin. Stutenantrieb halt. Ich weiß auch gar nicht, wofür ein Porsche Boxster gut ist. Ein echter Mann bevorzugt einen 900irgendwas. Zumindest etwas Kraftvolles. Immerhin dient das Auto ja dem Zweck, mangelnde Potenz zu kompensieren. Was aber kompensiert eine Frau?
Körbchengröße A?
Eine unterentwickelte Gebärmutter?
Manchmal will der Fahrer einem willigen Weibchen auch einfach nur signalisieren: "Hey, nimm mich, ich bin vielleicht nicht gut bestückt, aber kein anderer bringt dich nach dem Sex schneller wieder nach Hause."
Das ist mir bei einer Frau noch nie passiert. Andererseits hatte mich eine Frau auch noch nie nach meiner Handynummer gefragt, mich angetanzt oder mich zweideutig angelächelt. Selbst als WIR uns kennenlernten, Susanne, lief es brav und eindeutig unzweideutig ab. Dich interessierte nur das Seminar zur Verringerung des Ökologischen Fußabdrucks im Hinblick auf die Bekämpfung des Klimawandels. Für Männer hattest Du keinen Sinn. Erst als wir in Gruppenarbeit ein Diagramm zur Darstellung des Methanausstoßes von Nutzvieh erstellten, kamen wir über Deine vegetarische Lebenseinstellung ins Gespräch.
Mann, Du warst damals so was von leicht zu beeindrucken. Als Puddingvegetarier reichte es schon, wenn man Dir ernsthaft zuhörte und als Konsequenz einen Schokoriegel anstelle eines Rindersteaks vertilgte.
Aber was schreib ich da. Du weißt sehr gut, wie wir uns kennengelernt haben. Kommen wir also lieber auf den Porsche Boxster zurück, auf den Tobi neugierig schnüffelnd reagierte. Er unterzog das Hinterrad einer genauen nasalen Inspektion, hob kurz das Bein und folgte dann seinem Instinkt auf den Rasen, wo er sich mehrmals im Kreis drehte und schließlich das tat, was er eigentlich zwischen Parkein- und Parkausgang hätte tun sollen. Er hockte sich zum Kacken hin.
Seitdem die Ostermanns hier nicht mehr wohnten und der Rasen unkontrolliert gen Himmel wuchs, war es für Tobis Enddarm eine Selbstverständlichkeit, erst dort seine Tätigkeit aufzunehmen. Normalerweise hatte ich für solche Fälle stets einen Kackbeutel dabei, aber meistens, so auch heute, hatte ich ihn auf dem Küchentisch vergessen.
Zu allem Überfluss rollte auch noch ein Möbelwagen heran, der hinter dem Porsche parkte. Einem Geistesblitz zufolge holte ich mein Handy hervor und tat so, als hätte ich eine extrem wichtige SMS zu schreiben. Von der modernen Kommunikationsmöglichkeit abgelenkt, bekam ich angeblich weder mit, was mein Hund da machte, noch dass sich die Möbelpacker darüber amüsierten. Wohl aber bemerkte ich aus dem Augenwinkel heraus die Frau, die trotz des kühlen Märzmorgens in Hotpants und Spaghettishirt das Haus der Ostermanns verließ und auf mich zukam. Ich drehte mich demonstrativ zur Straße und ignorierte sie, wie auch meinen kackenden Hund.
"He, Sie da!", rief die Frau, doch ich widerstand dem Drang, von meinem Handy aufzusehen. "Hallo! Ich rede mit Ihnen!"
Ich tat überrascht. Als ich ihr aber ins Gesicht blickte, wurde aus der gespielten Überraschung eine ernstzunehmende Entgleisung jeglicher Gesichtsmuskulatur.
Nie zuvor hatte ich eine ebenmäßigere Anordnung aus Wangenknochen, Augen, Mund, Kinn und Nase gesehen, wie bei dieser asiatischen Mittvierzigerin. Umrahmt wurde die Komposition mimischer Merkmale von wallendem, schwarzem Haar, das ebenso wie ihre natürlich gebräunte Haut im Licht der Morgensonne erstrahlte. Arme und Beine waren filigran gearbeitet, zeugten jedoch in ihrer fein abgegrenzten Muskelmasse von sportlicher Aktivität. Ihre Brüste hingegen waren groß und üppig, vermissten aber den fehlenden BH in keiner Weise. Kurz: Sie war die wohl attraktivste Asiatin, der ich in den letzten Jahren begegnet war.
Liebe Susanne, bei der Gelegenheit muss ich etwas klarstellen. Als ich mich entschloss, Dir diesen Brief zu schreiben, bemühte ich mich um schonungslose Ehrlichkeit. Immerhin soll er Dir helfen, meine Beweggründe zu verstehen. Ich halte es daher für wichtig, meine Gefühle und Sehnsüchte, auch, wenn ich Dich damit verletzen sollte, offen zu legen. Nur so, glaube ich, bist Du in der Lage, am Ende eine Entscheidung zu treffen bzw. sie noch einmal zu überdenken. Außerdem warst Du ja immer für Offenheit in der Beziehung.
Schön, dann hätten wir das ja geklärt!
Kampflustig sah mich also die asiatische Schönheit mit ihren tiefschwarzen Augen an und zeigte mit ihrem langen Zeigefinger auf Tobi, der sie hechelnd anlachte. „Ihr Hund macht auf meinem Rasen."
"Ach, das ist Ihr Rasen?", fragte ich überrascht. "Hier haben doch mal die Ostermanns gewohnt."
"Kenne ich nicht."
"Horst Ostermann", sagte ich. „Er war Geschäftsführer bei einer Billigkette für Bürobedarf. Rieke, seine Frau, kassierte im Supermarkt vorn an der Ecke. Sie konnten die Raten fürs Haus nicht mehr bezahlen, als Horst seinen Job verlor. Konkurs. Bedauerliche Geschichte."
"Trotzdem macht ihr Hund jetzt auf meinen Rasen", sagte die asiatische Schönheit schnippisch. „Sie machen das doch hoffentlich weg!"
"Klar! Die Hinterlassenschaften meines Hundes mache ich immer weg."
"Ha!", lachte es hinter mir auf. Die alte Frau Kretschmer, Nachbarin von direkt gegenüber, stand feixend mit ihrem Rollator zwischen Porsche Boxster und Möbelwagen und schaffte es offenbar nicht den Bordstein hinauf. "Normalerweise kackt sein Köter auf mein Grundstück", geiferte sie. "Irgendwann werde ich diese Töle vergiften!"
"Frau Kretschmer", sagte ich mit gespielter Entrüstung und am liebsten hätte ich ein "Sie alte Dreckschleuder" nachgesetzt. Ich hasse diese Gewitterziege! Ja, Susanne, auch, wenn sie Dich an Deine Großmutter erinnert.
Noch ehe Frau Kretschmer weiter ihr Gift verspritzen konnte, war einer der Möbelpacker, die mittlerweile den Lkw verlassen hatten, herangetreten, um der alten Schachtel beim Erklimmen des Bordsteins zu helfen.
"Nehmen Sie Ihre Finger weg!", geiferte das alte Weib. "Ich lasse mich nicht von Polen begrapschen."
Der Möbelpacker blickte sie verdutzt an.
"Leugnen Sie nicht", fuhr die Kretschmer fort. "Sie sind Pole! Man sieht es an Ihrem runden Schädel. Ich weiß, wovon ich rede. Sie sehen aus wie Meister Proper. Ich hasse Meister Proper. Hat mir das antike Parkett verkratzt. Aus Polen kommt nichts Gutes."
"Ich bin Schwabe", sagte der Möbelpacker kleinlaut, der die alte Kretschmer um mindestens vier Köpfe überragte.
"So weit sind wir schon gekommen", fühlte sich Frau Kretschmer bestätigt. "Ein Schwabe, der leugnet ein Pole zu sein, ein kackender Köter und eine Chinesin, die bei den verschissenen Ostermanns einzieht. Er ging ja noch, aber sie war 'ne Schlampe."
"Auch wenn es nicht so aussieht", sagte die asiatische Schönheit mit einem Lächeln, das eine Reihe strahlend weißer Zähne entblößte, "aber ich bin in Deutschland geboren."
"Ja sicher. Und Mao war Betriebsrat beim Chinamann um die Ecke." Kopfschüttelnd hob die alte Kretschmer den Rollator auf den Bürgersteig. "Eine verschissene Welt, in der wir leben. Eine Chinesin … Hier … Bei uns!!! Wenn das mein Eberhard wüsste." Immer noch kopfschüttelnd rollte sie an uns vorbei und gab weitere Tiraden unverständlicher Beleidigungen von sich.
"Tja", sagte ich mit einem Schmunzeln. "Willkommen in der Vorstadt."
Ich erwartete ein Lachen als Antwort, musste aber feststellen, dass die exotische Nachbarsfrau erneut auf Tobis Haufen starrte.
"Ja, den mache ich dann jetzt mal weg", sagte ich tatendurstig und klopfte meine Hosentaschen nach einem Kackbeutel ab, der in Wahrheit ja auf unserem Küchentisch lag.
"Sie hätten nicht zufällig ...", begann ich und sah, wie die Exotin ihre Augen verdrehte und zu ihrem Porsche ging.
"Könnten wir--", begann nun auch der schwäbische Möbelpacker, dem aber sogleich mit einem endgültig aussehenden Wink der Mund verschlossen wurde.
Unbeirrt nahm die asiatische Schöne eine Kiste vom Beifahrersitz und kramte eine Gartenschippe heraus, die sie mir in die Hand drückte. "Damit müsste es gehen."
Ich hatte Mühe, Tobis Würste allesamt mit der Schippe aufzuklauben.
"Geht's?", fragte sie.
"Mit ein bisschen Geschick ... Mein Name ist übrigens Jan Klusmann. Ich wohne direkt nebenan."
"Valerie", antwortete sie und reichte mir ihre Hand.
Ich weiß nicht, ob Du Dich noch erinnern kannst, Susanne. Ich erzählte Dir damals, dass, als wir uns kennen lernten, ein Schauer durch meinen Körper direkt in meine Genitalien fuhr, als wir uns das erste Mal bei den Händen nahmen. Nie wieder löste eine Frau ein derart sexuell stimulierendes Gefühl durch bloße Berührung in mir aus. Nie wieder, bis an jenem Freitagmorgen.
Selbstverständlich gab ich dem Gefühl keine Chance ... Ich bin ja verheiratet ... Mit Dir ... Und ich war auch wirklich schon im Gehen begriffen, als sie mit ihrem Perlweißlächeln und einer warmen Stimme sagte: "Eigentlich mag ich Hunde. Ist das ein Labrador?"
"Richtig."
"Die mögen Wasser, nicht wahr?
"Eigentlich schon, aber nicht Tobi. Er hasst Wasser. Bei Spritzwasser fängt er an zu knurren. Tröpfelt es von oben, wird er bissig. Nur wenn es langsam von unten ansteigt, erstarrt er vor Angst und lässt alles über sich ergehen."
"Das habe ich ja noch nie gehört."
"Ich auch nicht, sonst hätte ich seinen Bruder gekauft."
Hatte sie vorher über Tobis rasseuntypische Merkmale nur gegrinst, lachte sie nun laut und aus vollem Herzen. Sie hatte ein hübsches Lachen, wenn es auch etwas dunkel klang. Ebenso ihre Stimme. Sie sprach sehr leise und schien hohe Töne vermeiden zu wollen. Das erweckte in mir den Wunsch, noch genauer hinzuhören und mir fiel auf, dass sie einzelne Silben und Buchstaben sehr deutlich aussprach, fast schon betonte. Sie opferte kein Vokal irgendeinem regional gesprochenen Dialekt. Und ebenso wie ihre Aussprache, wirkten bei ihr auch Haltung und Gestik formvollendet. Zudem schien sie auch zu wissen, wie man Small-Talk auf eine charmante Art und Weise beilegt. "Na, dann hoffe ich mal für Tobi, dass in den nächsten Tagen nicht die Polkappen schmelzen."
Sie wollte sich gerade dem schwäbischen Möbelpacker zuwenden, als der Jäger in mir, von dem ich seit Jahren nicht mehr wusste, dass er noch da war, sich zu Wort meldete und einen Vorstoß in Richtung Flirt wagte. "Und falls doch, suchen wir bei Ihnen Unterschlupf."
"Ich glaube nicht, dass mein Mann da mitspielen würde", sagte sie. "Er hasst Hunde."
Ich gebe zu, ich war ein wenig konsterniert. Die Art, wie sie mir gegenüber ihren Beziehungsstatus enthüllte, ließ keinen Zweifel darüber offen, dass sie an weiteren Flirts nicht interessiert war. Ich hielt es daher für das Beste, endlich den Heimweg anzutreten. Grußlos schob ich mich mit Tobis Leine in der einen und der Gartenschippe mit seinen Exkrementen darauf in der anderen Hand an der Gruppe vorbei, zurück in mein kleines Leben. Ich hatte Mühe, die Schippe so auszutarieren, dass die Köttel nicht über den Rand rollten.
"Wir sehen uns", hörte ich Valerie sagen, und ich bemerkte beinahe viel zu spät, dass sie mich meinte.
"So?", fragte ich, zu keiner intelligenteren Antwort fähig.
"Wegen der Schippe. Ich hole sie mir beizeiten ab." Sie zwinkerte mir vielsagend zu. Zumindest glaube ich, dass es vielsagend war. Ich war mir sicher, dass ihre Augen den ganzen Weg über, bis zu unseren Abfalltonnen, auf mir ruhten. Erst, als ich mich noch einmal zu ihr umdrehte, blickte sie verstohlen zur Seite. Ich war so erfreut darüber, dass ich vor lauter Euphorie nicht nur die Hundeköttel, sondern dummerweise gleich die ganze Schippe in den Eimer warf.
Mir ist vollkommen bewusst, Susanne, dass Du Dich noch sehr wohl an unser Gespräch erinnern kannst, dass wir nach meiner Begegnung mit Valerie in unserer Küche führten. Ist ja gerade mal eine Woche her. Aber es wäre fatal, wenn ich das einfach beiseiteschieben würde, in der Hoffnung, dass Du die ganze Geschichte plötzlich aus meiner Sicht siehst. Denn darum geht es ja: Dir meine Sicht zu vermitteln. Ich lasse deshalb alle Ereignisse, bei denen Du aktiv mitgewirkt hast, drin, natürlich nur, sofern sie der Erklärung beitragen. Auch, wenn Du es vielleicht als kleinlich und selbstgerecht empfindest, für mich ist wichtig, dass ich Dir meine komplette Gefühlswelt offenbare. Das geht natürlich nur, wenn ich Dir vermittele, wie ich mich bei unseren Gesprächen und Konfrontationen gefühlt habe. Und das wollt ihr Frauen doch immer, Männer, die über ihre Gefühle sprechen. Leider bedenkt ihr dabei nicht, dass es euch nicht immer gefallen könnte.
Ich kam mit einem ausgehungerten Tobi in die Küche. Du saßt mit den Zwillingen am Tisch und nahmst keinerlei Notiz von mir, nicht einmal, als ich Dich auf die Stirn küsste. Mittlerweile bin ich das gewohnt und ich schreibe es der Arbeit mit den Kindern zu. Zwillinge mit einem Schälchen Brei zu füttern erfordert ja auch sämtliche Aufmerksamkeit. Ich bin keine Mimose in solchen Dingen, wenn ich auch ab und zu den einen oder anderen verliebten Blick von Dir vermisse. Einen Blick, der sagt: "Schatz, du bist vierzig, hast einen Bauch und schütteres Haar bekommen, aber du bist immer noch mein Supermann." Männer brauchen so etwas, und ich ertappte mich dabei, wie ich mir Valeries verschämtes Wegsehen in Erinnerung rief.
"Hast du dich gerade mit unserer neuen Nachbarin unterhalten?", fragtest du, und ich vermied es, Dich anzusehen. Stattdessen gab ich Tobi sein Frühstück.
"Ja", antwortete ich "Kennst du sie?"
"Schick."
"Bitte was?"
"Schick Modediskont." Und schon fingst du an zu singen. "'Günstige Mode auf einen Blick, komm zu Schick! Der Schick Modediskont - auch in Ihrer Nähe!' Sogar dem Lokalfunk war es eine Meldung wert."
"DAS ist Valeries Mann?", purzelte es aus mir in einem schockierten Unterton heraus, der einem verheirateten Mann nun wirklich nicht zustand. Von Zeit zu Zeit bin ich wirklich froh darüber, dass Du, wenn Du gestresst bist, nur mit einem Ohr zuhörst. "Was zieht denn den Schick in unsere Gegend?"
