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Janis ist auf der Suche, obwohl er genau weiß, was er eigentlich will. Aber wie sehr kann man den eigenen Wünschen und Träumen vertrauen? Mehr als den Menschen, die man liebt? Irina zum Beispiel, die ihn ausgerechnet für das zu begehren scheint, was er loswerden will. Marcel, dem immer alles gelingt und der doch scheitert. Oder der Realität, aus der Janis eines Tages aufwacht? Ein Buch über die Gegenwart und deren anarchische Kraft. "Scheiß auf das Gold am Ende des Regenbogens. Bei mir wartet da ein Topf Dopamin."
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Seitenzahl: 213
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Varina Walenda, 1988 in Heidelberg geboren, studierte Medizin in Marburg und lebt seit 2014 in Berlin. Walenda arbeitet als Assistenzärztin in der Psychiatrie. Sie ist medienübergreifend künstlerisch tätig und dabei inspiriert vom breiten Spektrum der menschlichen Existenz, dem sie täglich begegnet. »Dopamin & Pseudoretten« ist ihr Debütroman.
© Verlag Voland & Quist GmbH, Berlin und Dresden 2023
Lektorat: Tino Schlench
Korrektorat: Kristina Wengorz
Umschlaggestaltung und Satz: HawaiiF3
Satz: Fred Uhde
Druck und Bindung: BALTO print, Vilnius
ISBN 978-3-86391-388-5
eISBN 978-3-86391-389-2
www.voland-quist.de
danach
davor
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
dazwischen
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
marcel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
danach
Danksagung
Der akustische Fingerabdruck der Großstadt: Verkehrs- und Baulärm und sich mit der Entfernung verfremdendes Sirenengeheul. Das alles ist als Erstes da. Dann die Schmerzen. Als wären alle meine Rippen gebrochen.
Ich atme flach. Wenn ich zu tief einatme, platzen die Nähte auf. So fühlt es sich an. Die Lider halte ich erst mal geschlossen. Ich will den Prozess des Erwachens in die Länge ziehen. Wie einen guten Orgasmus. In meiner Scheitelgegend fängt es zu prickeln an wie ASMR.
Trotz geschlossener Lider liefert mir meine Netzhaut ein Bild. Ein orangerotes Flimmern. Als ob man direkt in die Sonne guckt. Vitamin-D-Synthese im Livestream.
Mit den Handflächen taste ich meinen Oberkörper ab. Ich rede mir ein, dass ich nicht enttäuscht sein darf. Dass der Verband dick ist und es Wochen dauern wird, bis die Schwellung ganz zurückgegangen ist.
Doch da, wo vorher 75B war, ist: nichts. Ich grinse vor mich hin, ins Nichts, und halte die Augen geschlossen. Ich lasse meine Handflächen in dem neu entstandenen Raum ruhen. Zwischen meiner Körperoberfläche und der Luft. Da ist auf einmal Freiheit.
Ich bleibe beim Tastsinn. Er hat mir bisher Glück gebracht. Ich fahre mit den Handflächen über die Matratze. Meine Fingerspitzen berühren einen Stoß Papiere. Mir fällt der Arztbrief wieder ein. Darin steht tippfehlergespickt und in kurzen Sätzen, wie meine Mastektomie verlaufen ist. Das deutsche Wort dafür ist Brustamputation. Aber das klingt nach Verstümmelung, nach Krüppel. Ich bin kein Krüppel. Bei aller Liebe beziehungsweise all dem Selbsthass. Der jetzt vorbei ist. Alles wird anders.
Dann endlich blinzele ich in das Orangerot. Mein Zimmer steht in Flammen. So sieht es im ersten Moment aus. Die Sonne wird von den Fensterscheiben des gegenüberliegenden Wohnblocks an meine Wände reflektiert.
Die U-Bahn brettert heran. Berlin, U-Bahn-Station Kottbusser Tor, da wohne ich. Am Nabel der Welt. Der perfekte Ort für meine Wiedergeburt.
Die Vorfreude fällt in sich zusammen, als ich zu Mama in den Corsa steige. Darauf, meine Eltern zu sehen, zu Hause zu sein, auf Weihnachten allgemein. Alles, was ich mir so schön ausgemalt habe, wird von der Realität überblendet. Schwäbischer Dialekt, Anfahren im zweiten Gang, Milchgestank. Letzterer kommt vom Kaba, den ich als Kind mal auf dem Beifahrersitz verschüttet habe. Von der Schokolade riecht man nichts mehr. Ich würde meiner Mutter gerne erklären, dass es ungesund und pervers ist, Milch zu trinken, und tausend weitere Sachen. Dass sie mich nicht Jana nennen soll zum Beispiel. Aber sag das mal meiner Mutter. Sie hat den Namen schließlich ausgesucht.
Im ICE war die Vorfreude noch da, zumindest ein Abklatsch davon. Mehr bekomme ich derzeit nicht zustande. Die vorbeiziehenden Felder, Windräder und Wälder haben das Maximum an positiver Emotion aus meinem Gehirn herausgeholt. Haben Erinnerungen an Momente heraufbeschworen, die vielleicht so gar nie stattgefunden haben. Jemand hat mir mal gesagt, dass man die Erinnerung beim Erinnern jedes Mal verfälscht. Sie wird dann wie die Kopie einer Kopie immer verschwommener. Bis man sehr viel Fantasie braucht, um noch etwas zu erkennen.
»Ich hab die Heizung im kleinen Bad schon mal für dich angemacht«, sagt Mama, als wir in unsere Straße abbiegen. Fehlt nur, dass sie dabei zwinkert.
Sie will immer unter Beweis stellen, wie gut sie mich kennt. Aus irgendeinem Grund macht mich das wütend. Meine Psychologin sagt, Wut ist eigentlich Schmerz. Also spüre ich nach, wo es gerade wehtut. So dreieinhalb Zentimeter oberhalb des Bauchnabels vielleicht. Wo man einen Schlag in die Magengrube hinsetzen würde.
Mach dich locker!, denke ich, aber ich darf mich nicht von warmen Badezimmern, weichgespülten Handtüchern und sonstigem Elternzauber einlullen lassen. Sonst verliere ich den Faden. Aus dem ich mir eine neue Identität zu stricken versuche.
»Danke!«, sage ich. Und dieses »Danke« kostet mich beinahe mein Leben.
Die Nachbarn drücken sich alibimäßig im Vorgarten herum und wollen wissen, wie es in Berlin so ist. Ich bin betont unisex gekleidet. Es gibt außer hierzulande unmodischen Levi’s 501 nichts zu glotzen.
»Ganz okay«, sage ich und ignoriere dabei Mamas Blick und den Blick der Nachbarn zu Mama zurück.
Man möchte schreien: »Get a life!«, aber man geht brav und angepasst ins Haus.
Die Duftmarke des Weggehens und dann nie Wiederkommens hängt in der Luft. Das kleine Bad wird nicht mehr genutzt. Ein Atavismus im verwinkelten Landhaus meiner Eltern. Wie die überzähligen Brustwarzen, die kein Mensch braucht. Mein Bruder Marcel und ich sind irgendwann gegangen. Erst er, dann ich. So war das schon immer bei uns. Er ist mir immer einen Schritt voraus, und ich hinke hinterher. Meine Eltern haben das große Bad renoviert und kacken jetzt stilvoll auf einem Villeroy-&-Boch-Hängeklo.
Mein Bruder hat mal gesagt, zwei Badezimmer seien die Raum gewordene Dekadenz; unsere Eltern sollten Flüchtlinge aufnehmen. Aber nur, weil er damals mit einer von der Antifa geschlafen hat. Ich bin froh, dass meine Eltern das niemals machen werden, auch wenn ich ihm damals heftig zugestimmt habe. Denn dann wäre der Rückweg endgültig abgeschnitten. Dann würde eine vielköpfige Familie im kleinen Bad baden und sich den Staub von irgendeiner strapaziösen Flucht abwaschen.
Aber im kleinen Bad sind schon genug Tränen geflossen. Wegen unerwiderter Liebe und wegen meinem Körper. Dem ich schon frühzeitig den Krieg erklärt habe. Ein zäher Stellungskrieg, der bis heute andauert.
Wenn sich das Muffige gelegt hat, riecht man Lenor-Weichspüler. Stirb, Umwelt! Vom Handtuch über der Heizung, die meine Mutter schon mal angemacht hat. Für mich.
Ich schließe ab, drehe das Wasser voll auf und setze mich auf den Wannenrand. Reflexhaft fange ich an zu weinen. Es ist beinahe grotesk. Ich im kleinen Bad, Lenor, Wasserhahn und Tränenhahn auf.
Erst als der lange Spiegel komplett beschlagen ist, ziehe ich meine Sachen aus. Hinter dem dünnen Film aus Wasserdampf bin ich sicher. Meine milchige Silhouette könnte alles und jeder sein. Ich pose ein bisschen. Stelle mir vor, dass sich das Bild gleich zu dem morpht, was ich sehen mag.
Die Wassertemperatur ist gerade noch erträglich. Die unter Wasser befindlichen Körperteile sind nach kurzer Zeit krebsrot. Eine mit dem Wasserspiegel gezogene Trennlinie zwischen Rot und Weiß. Richtig weiß, nicht wie weiße Hautfarbe, sondern eine Winterhaut, die auch im Sommer kein Licht abbekommt. Ich freue mich auf den Schwindel und die Mattigkeit, die auf mein überhitztes Bad folgen werden. Kreislaufkollaps de luxe. Und auf das vorgewärmte Handtuch.
Beim Abtrocknen beschließe ich, den Schwindel durch eine Zigarette zu eskalieren. Meine feuchten Haare stopfe ich unter eine Mütze und gehe ein Stück den Fahrradweg hinter dem Haus entlang.
Zu Hause bei uns wird nicht geraucht. Allenfalls heimlich. Mein Bruder, Papa und ich. Damit Mama sich einbilden kann, in einem Nichtraucherhaushalt zu leben. Damit sie das dazuschreiben kann, wenn sie Hausrat auf eBay Kleinanzeigen vertickt.
Es ist der 23. Dezember, und für einen Radweg in einem beliebigen Dorf in Schwaben ist dieser hier verdammt stark von Hipstern frequentiert. Einer, mit dem ich vielleicht mal in die Grundschule gegangen bin, läuft mit seinen Eltern vorbei. Wir nicken uns zu. Er trägt Vollbart und über die Hosenbeine gekrempelte weiße Tennissocken. Sie wollen sagen: »Ich gehöre hier nicht mehr her. Seht, ich bin jetzt in der großen Stadt.«
Mein zielloser Spaziergang endet am Spielplatz. Ziellos, weil der Weg tatsächlich nirgendwo hinführt. In die eine Richtung fasert er halbherzig im Wohngebiet aus. In die andere Richtung kommt lange nichts und dann ein Acker.
Hinter einer kleinen Mauer zwischen Spielplatz und Bach habe ich damals mit Marcel die erste Zigarette geraucht.
Ich zwänge mich durchs Gebüsch und lehne mich an die Mauerrückseite. Inzwischen muss ich mich ducken, damit man meine schwarze Mützenkuppel vom Spielplatz aus nicht sehen kann. Ich zünde mir eine an und habe kurz wirklich Angst, erwischt zu werden. Wie früher, wie immer.
Ich bin ein Zeitreisender in die eigene Vergangenheit. Gott, wie pathetisch. Ich rauche und starre auf den Bach, der mir früher rauschender vorkam. Genau wie das Weihnachtsfest.
Als ich zurückkomme, riecht es nach Nudeln und Kindheit. Ich stelle meine Plateaustiefel ins Regal und schlüpfe in meine alten Hausschuhe. Hausschuhe sind peinlich, aber sie sind auch so furchtbar bequem. Viel besser, als in einer ausgekühlten Altbauwohnung barfuß in Essensreste zu treten. Sie waren mal blau, jetzt sind sie mehr so anthrazit.
Komisch, dass alles, was alt wird, grau wird. Wie Papas Haare. Mama wiederum färbt. Ihr grauer Ansatz wird seit Jahrzehnten unter Mahagoni 30 begraben.
*
Am nächsten Tag kommt mein Bruder. Ich hole ihn abends mit dem Corsa ab, den ich dreimal abwürge. Es ist schon dunkel, eigentlich wäre jetzt Kirche. Der hat vielleicht Nerven! Er habe noch ein Shooting gehabt, sagt er.
Obwohl er mir sehr ähnlich sieht, ist er das Model, und ich bin einfach nur komisch. Ich beneide ihn, weil er der Jüngere ist und aus vielen anderen Gründen auch. Dass er sein Jurastudium auf die Kette kriegt zum Beispiel.
»Und bei dir so?«, fragt er.
»Nix«, sage ich.
»Cool«, sagt er, und ich weiß, dass er das ernst meint.
In seiner Welt erleben alle die krassesten Sachen und werden nie müde, damit zu prahlen. Außerdem hat Marcel diesen Hang zur schonungslosen Ehrlichkeit. Bis hierhin hat der ihn weit gebracht.
Es gibt unserem Vegetarismus zum Trotz Gänsekeule. Später bekommen wir beide ein Buch mit einem Zweihundert-Euro-Schein zwischen den Seiten. Ich habe den dringend nötig, mein Bruder nicht. Das Buch werde ich ins Regal zu den anderen Büchern stellen, die meine Mutter mir Jahr für Jahr schenkt und von denen ich keins je gelesen habe.
Diesmal bekomme ich Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick. Beinahe das perfekte Geschenk. Mein Bruder kriegt was von Herrndorf. Da ist er wieder, der Neid. Obwohl ich es sowieso nicht lesen würde.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag fährt Mama ihn und mich zum Bahnhof. Ich muss hinten sitzen, weil er die längeren Beine hat. Zum Abschied schenkt er mir natürlich sein Buch. Ich stecke es in meine Manteltasche. Er habe es schon gelesen, sagt er.
Nach dem zweiten Akt helfe ich der weiblichen Hauptrolle aus dem apricotfarbenen Frottee-Bademantel. Es muss schnell gehen. Schon wenige Augenblicke später hat sie im Cocktailkleid auf der Bühne zu erscheinen.
Ich versuche zu ignorieren, was von den Proben von Lost Generation II in die Backstage dringt. Dahin, wo sich mein Job abspielt. Abseits des Rampenlichts.
»Du bleichst dir die Vagina?«
»Nein, nur das Arschloch.«
»Du bleichst dir das Arschloch?«
»Nein, ich lasse es mir von einer Chinesin bleichen.«
Am Theater ist alles sexuell aufgeladen. Moderne Stücke sind am schlimmsten. Sie wollen provokant sein, sind aber nur -istisch. Eine fragwürdige Mischung aus sexistisch und rassistisch.
Mein Bruder hat mir den Job besorgt. Ihn mit den Worten angepriesen, dass es nur ein Job sei. Man brauche dabei nicht mit Hirnschmalz zu kleckern.
Danke an dieser Stelle. Danke für nichts.
Ein Gefühl überkommt mich, als wenn sich jemand von hinten anschleicht und dir gleich eins über den Kopf zieht. Kurz bevor der Baseballschläger die Schädeldecke zertrümmert, merkt man was. Einen Luftzug. Oder irgendwas Unterbewusstes.
Ich fahre herum, aber da ist kein Baseballschläger und auch sonst niemand. Ich bin allein, sitze da und passe auf die Kostüme auf, das ist nämlich der Job. Er ist sinnlos, da sowieso alle ihre Kostüme anhaben. Bis auf das Kleid. Es kommt erst später zum Einsatz.
Aber ich muss auch da sein, falls irgendetwas reißt. Dann der Kostümbildnerin Bescheid sagen. Weil Nähen kann ich natürlich nicht. Ich habe überhaupt keine Qualifikationen. Außer vielleicht Sitzfleisch.
Nachdem der Vorhang gefallen ist, muss ich das Kleid auftrennen, weil die Kostümbildnerin die Hauptdarstellerin jedes Mal aufs Neue darin einnäht. Ich frage lieber nicht, wieso es keinen Reißverschluss hat.
Einen weiteren Kostümwechsel gibt es in dem Stück nicht. Gut so, dann habe ich mehr Zeit, am Handy zu daddeln.
Das Gefühl ist noch da. Trotz vier Level Candycrush. Ich wundere mich kurz, versuche halbherzig, es abzuschütteln, aber es bleibt. Und wenn schon, unangenehme Gefühle in allen Variationen sind für mich nichts Neues.
Um mich abzulenken, öffne ich meine Dating-App. Das Handy habe ich ohnehin in der Hand, die ganze Zeit schon, weil ich ja nichts zu tun habe. Ich versuche, die Schauspieler zu ignorieren, die vorne schauspielern. Mein Gott.
Schickse kommt nach hinten, die in Wirklichkeit Carla heißt – oder Sophia. Ihr Gesicht glänzt, trotz Puder, trotz Maske in jeder Pause. Von der gespielten Ekstase und den Scheinwerfern.
In dem Stück ist sie gerade aufs Klo gegangen. Die Bühne ist die Wohnung irgendeines Mittdreißigers. Wenn ich nicht auf mein Handy starren würde, könnte ich seitlich aufs Bühnenbild sehen. Ein gläserner Aschenbecher steht in der Mitte auf dem Couchtisch. Eine meiner ersten Aufgaben war es, ihn auf einem Antik-Trödelmarkt in Mitte aufzutreiben. Es ist ein richtiger Drinnen-Aschenbecher. Undenkbar auf Balkonen oder Terrassen. Am Schluss wird Samuel damit erschlagen.
Ich bin mal wieder froh, dass ich auf Frauen stehe. Ganz generell bin ich froh darüber, aber vor allem bin ich froh, dass ich mit Männern Mitte dreißig nichts zu tun haben muss. Außer dass ich Samuels unerträglich leiernde Stimme bis in die Backstage hören muss. Wie gesagt.
Würde ich auf Männer stehen, würde ich diese Kohorte aussparen. Die sind lückenlos Arschlöcher. Samuel selbst und seine Rolle sind keine Ausnahmen. Eigentlich spielt er sich selbst. Er ist ein wahnsinnig schlechter Schauspieler, aber das bekommt er hin.
Cis-Männer Mitte dreißig denken, sie seien jung und ihnen liege die Welt zu Füßen. Die ruhen sich auf ihren Hodensäcken aus, weil sie das können. Rein biologisch. Vor meinen Plateaustiefeln wird nie, weder im übertragenen noch sonst einem Sinn, eine kleine mit Kontinenten bedruckte Kugel liegen. Da kann mein Passing noch so gut sein. Ich will auf keinen Fall so werden wie die.
Manchmal habe ich Zweifel. Manchmal bin ich doch noch Jana. In irgendeiner Ecke oder Kante meiner Seele.
Schickse sieht hammer aus. Sie sieht immer so aus, da kann sie noch so stark transpirieren. Sie könnte einen Müllsack anhaben und würde immer noch fantastisch aussehen. Sie ist Anfang dreißig und fängt langsam mit dem Botox an.
Die Hauptrolle an Samuels Seite hat sie nur bekommen, weil sich die jüngere, ursprüngliche Besetzung das Bein gebrochen hat. Aber nicht, dass man jetzt auf falsche Gedanken kommt. Für ein Stück wie Lost Generation II würde sich das nicht lohnen. Da wäre sie schön blöd, dafür die Konkurrenz die Treppe runterzuschubsen.
Carla oder Sophia wird abgepudert, sie wirft mir ein kurzes Grinsen zu. Es kann Mitleid bedeuten oder Höflichkeit. Es ist am ehesten ein soziales Lächeln, das ihr verrutscht, weil ihr wieder einfällt, dass ich auf Frauen stehe, und sie keine falschen Signale senden will.
Ich lächle nicht zurück und schaue wieder auf mein Handy. Alle potenziellen Dates von der App kommen mir hässlicher vor als die verschwitzte Carla-Sophia. Für eine Art Realitätsabgleich wechsle ich auf mein eigenes Profil. Ich blättere durch die Bilder, die ich ja kenne. Die ich größtenteils vorm Spiegel oder mit Selbstauslöser aufgenommen habe. Fotos, auf denen ich gut aussehe, aber nicht so gut, dass es Fake ist. Auf denen ich männlich aussehe, aber Raum für Spekulation bleibt. Auf denen meine Brust flach wirkt und alles ein bisschen so ist, wie es sein soll.
Während des dritten Akts rauche ich eine mit Kostüm-Irina. Es dauert noch, bis Schickse in das Cocktailkleid gepresst werden muss, was mir von Tag zu Tag schwieriger erscheint. Dabei muss ich furchtbar aufpassen die lindgrünen Applikationen nicht zu zerstören.
»Hab ich ’n paar Zentimeter enger gemacht«, sagt Irina, »damit die denkt, sie ist fetter geworden.«
Offenbar teilen wir den Hass auf attraktive Menschen. Oder den Neid. Oder was auch immer es sein soll.
Wir stehen draußen, was ich streng genommen nicht darf, weil ich ja aufpassen muss, damit Kostüm-Irina rauchen kann. Wenn jetzt irgendetwas reißt und ich nicht auf meiner Position bin, werde ich gefeuert. Oder wir beide.
Der Innenhof des Theaters ist eine Oase aus Beton. Es gibt keine Pflanzen und auch sonst nichts, was lebt. Es gibt nur einen Aschenbecher. Theaterleute rauchen wahnsinnig viel. Gegen den Stress und den Hunger.
Für März ist es sonnig und mild, aber davon kriegt man in dem Hof nichts mit, und es ist mir auch scheißegal. Ich rauche gegen die Langeweile und denke darüber nach, was ich auf Irinas Diss gegen Schickse erwidern könnte. Bis es zu spät ist für eine schlagfertige oder überhaupt eine Replik.
Irina lehnt an einer Mauer. Ich stehe ihr gegenüber und habe nichts zum Anlehnen. Ein Fahrradständer wäre jetzt gut. Dann hätte ich einen Halt. Dann könnte ich mein Spielbein auf eine Eisenstrebe stellen.
Ein paar Flocken vom schmutzig weißen Putz sind auf Irinas Schultern gefallen. Ich frage mich, was dahinter ist. Vielleicht das Badezimmer irgendeiner Wohnung. Wenn, dann hat es keine Fenster. Besser so, sonst könnten die Theaterleute in ihren Raucherpausen reingucken.
Wir schweigen uns an, und ich hole mein Handy raus. Es soll nicht aussehen, als stünde ich hier nur rum und rauchte. Aber außer Irina sieht mich keiner. Die einzigen Fenster, von denen aus man mich beim Rumstehen hätte beobachten können, sind die im Treppenhaus des Theaters. Wo während der Generalproben kein Mensch ist, weil außer uns offenbar alle ihren Aufgaben nachgehen.
Im Treppenhaus, wo also während der Probe niemand zu sehen sein sollte: apricotfarbener Frottee. Schickse müsste jetzt eigentlich auf der Bühne stehen und das imaginäre Publikum mit den Hirnfürzen eines selbstgefälligen Hipster-Autors verprellen. Aber das Apricot, das ich ihr Tag für Tag vom Leib reiße, weil zack, zack, drückt sich gegen die Fensterscheibe. Ich hoffe zu sehen, wie sie gleich mit irgendeinem vom Theater vögelt. Am Theater wird viel gevögelt. Ich weiß das, auch wenn ich nicht beteiligt bin.
Es ist heterosexueller, kalter Sex, und mindestens eine Partei fühlt sich danach benutzt wie das Kondom, das auf Altbaudielen liegen bleibt. Anschließend ignorieren sie sich gegenseitig. Tun, als ob nie etwas gewesen wäre. Aus reiner Eitelkeit. Ich hoffe, dass ihr genau das passiert. Im fucking schönsten Bademantel der Welt. Aber es passiert nicht. Gar nichts passiert. Irina geht ahnungslos rein, und auch meine Zigarette ist aufgeraucht.
Etwas stimmt nicht. Wahrscheinlich hat meine Zigarettenpause zum Eklat geführt hat. Irgendwas ist aufgeplatzt. Irgendeine Naht. Aber Schickses zu eng genähtes Cocktailkleid kann es ja nicht sein.
Ich sehe sofort Giacomos Puderquasten auf dem Boden. Er ist schreckhaft. Wenn geschrien wird, lässt er manchmal alles fallen. Oder wenn Samuel ihn Masken-Tunte nennt. Sofort habe ich wieder Angst, gekündigt zu werden, weil hinter mir ja hundert Mittzwanziger lauern, die meinen Job wollen. Denen die Hände und die Clit feucht werden, wenn sie das Wort »Kostüm« nur hören. Und die ganzen Gays erst. Mit besserem Geschmack und besserer Haut. Es wäre mir egal, wenn Marcel nicht wäre. Wenn er nicht all das wäre, was ich nicht bin.
»Sie ist weg! Was soll die Scheiße?«, brüllt jemand, der wichtig ist für die Produktion. Ich habe den Namen nicht parat, aber brüllen dürfen nur die Wichtigen.
Der Beleuchter rempelt mich an und fragt: »Hast du Schickse gesehen?«
Alle wuseln wie in einem Bienenstock durcheinander, der seine Königin verloren hat.
Ich sage nichts. Ich hatte schon immer gerne Geheimnisse. In der Schule war ich die blöde Kuh, die nie ihre Noten verraten hat. Weder die guten noch die schlechten.
Es geht mir nicht darum, Schickse zu schützen. Ich weiß selbst nicht, worum es mir geht. Samuel schlappt an mir vorbei und ignoriert meinen geringschätzigen Blick.
Ich setze mich vors Theater auf die Treppe und wische unattraktive Frauen nach links vom Display. Dislike sie. Stoße sie hinab in den digitalen Abgrund.
Der unverhofft frühe Feierabend dehnt sich bedrohlich zu einem Vakuum aus. Zeit, die zu füllen ich ohne existierenden Freundeskreis nicht imstande bin. Ich bin neu hier. Das ist lange schon die gefühlte Wahrheit. Also gehe ich zurück ins Theater.
Ruhe ist eingekehrt. Schickse ist vermutlich zurück auf ihrem verlorenen Posten an Samuels Seite, und es wird die unerträglich lange, dafür wenigstens stumme Sexszene gespielt. Doch durch die offen stehende Tür zum Saal sehe ich alle Beteiligten auf der Bühne rumhocken und womöglich so eine Art Krisensitzung abhalten. Ich gehe zum Treppenhaus. Die Brandschutztür fällt schwer hinter mir zu. Schickse muss schon allein dadurch gewarnt sein, und nicht erst von meinen von den Wänden widerhallenden Schritten.
Keine Ahnung, was ich ihr sagen soll. Bei den Kostümwechseln reden wir nur das Nötigste. Ich kann sie nicht besonders leiden oder bin zumindest neidisch. Darauf, wie sie angeglotzt wird. Auf den Magnetismus, den sie auf alle ausübt, sobald sie irgendwo auf der Bildfläche erscheint.
Sogar ihre Körperbehaarung ist schön. Kleine Löckchen kräuseln sich unter ihren Achseln, quellen über den Saum des Cocktailkleids. Sind jetzt vom Frottee verhüllt. Sie rasiere sich nicht, weil sie progressiv sei. So hat sie das mal Giacomo gegenüber beim Abpudern formuliert. Sie wolle ein Statement setzen, das in Richtung derjenigen Männer zielt, die glatte Achseln und Muschis voraussetzen.
Ich rasiere mich nicht, weil es bei mir nichts zu rasieren gibt. Nur ein bisschen aschblondes Sauerkraut. Das ist alles. Himmelschreiende Ungerechtigkeit, wie gesagt.
Schickse hat über dem linken Rippenbogen einen verschwommenen Schriftzug tätowiert. Er sieht auf den ersten Blick aus wie Dreck, geht aber nicht ab. Ich komme beim Umziehen nahe genug dran, um so etwas wie »Loreley« oder »Lonely« entziffern zu können. Ich vermute, dass außer Irina und mir auch Samuel von diesem, ihrem einzigen, Makel weiß. Aber das ist halb so wild, das kann man lasern.
»Du bist es nur«, sagt sie, als sie mich sieht. Sie hat einen südamerikanischen Akzent oder so. Man hört das abseits der Bühne viel deutlicher. Das »Nur« klingt aus ihrem Mund nicht geringschätzig, mehr wie ein Schnurren. Leiser als der erste Teil des Satzes.
»Ich muss dir ja ins Kleid helfen, aber das hängt noch unten«, sage ich, damit irgendetwas gesagt ist.
Sie lächelt, und erst jetzt fällt mir auf, dass sie geweint hat. Schwarze Mascara verklumpt ihre Wimpern zu Spinnenbeinen.
Ich setze mich auf die Stufe unter ihr. Obwohl ich sie nicht berühre, am Rücken, am Bauch, anders als jeden Tag beim Ankleiden, waren wir uns noch nie so nah.
»Die suchen dich«, sage ich.
»Ich weiß«, sagt sie. »Sam hat gerufen.«
Sofort werde ich traurig. Der Kosename hat etwas Vertrautes. Etwas von Inner Circle. Ich wittere Sex und Emotions. Ich will auch was davon abhaben. Ich möchte damit beschossen oder übergossen werden. Und, wenn ich das nicht haben kann, wenigstens auch einen Spitznamen.
»Ich sag nichts«, sage ich.
»Ich weiß manchmal nicht, für was ich die Scheiße hier mache«, sagt Schickse.
»Vielleicht für die Standing Ovations«, sage ich, um sie zum Lachen zu bringen.
Es funktioniert.
Wir wissen beide, für Lost Generation II wird es keine Standing Ovations geben. Da wird man den Kopf schütteln und hoffen, dass die Dialoge einem wieder aus dem Kopf herausfallen.
Ich bin durch Crazy von Benjamin Lebert aufgeklärt worden. Viel zu spät, so, wie ich auch den Film erst Jahre später im Fernsehen gesehen habe. Die Szene mit dem Kekswichsen habe ich auf VHS mitgeschnitten.
Als meine Mutter dann Urlaub Südtirol 1998 eingelegt hat, kam der Keks. Der Verdacht fiel sofort auf Marcel. Aber mit Marcel wollte man sich schon vor seinem Jurastudium nicht ernsthaft anlegen. Meine Mutter hat sich gewundert, dass ich als Mädchen auf so was stehe. Dass ich einer der Jungs sein wollte, konnte sie nicht wissen.
Der Film ist zwar alt, aber zeitlos, weil gezeigt wird, wie Sex in echt ist. Verwirrend, peinlich, irgendwie ekelhaft, zumindest am Anfang. Irgendwann ist es dann nur noch peinlich, aber dann fällt es einem nicht mehr auf. Wenn nur die sekundären Geschlechtsmerkmale nicht wären. Titten, die beim Sex herumwackeln. Ich wollte nie welche bekommen. Nicht nur, weil das Wort schon so peinlich und ekelhaft ist, sondern aus Gründen, die mir damals noch nicht bekannt waren.
Es passierte über Nacht. Ich wachte auf, und aus dem harmlosen rosa Rund auf der linken Seite meines Oberkörpers war eine schmerzhaft verhärtete Knospe geworden, die an meinen Schlabber-T-Shirts rieb. Ein Insektenstich, der nie wieder verheilte. Die rechte Seite kam bei mir erst nach ein paar Wochen dazu. Spätestens da dachte ich dann endgültig: Scheiße! Da wurde mir klar, dass das nicht mehr weggeht. Symmetrische Sachen gehen nie weg. Meine letzten Google-Suchanfragen beweisen, dass sich seit meiner ersten Pubertät nicht viel geändert hat. Nur meine Brüste sind größer geworden. Ich tippe ein: »macht testo die depression weg?«, »brustamputation Thailand kosten«, »detransition wie viel Prozent« …
Meine Psychologin rät grundsätzlich davon ab, nach so was zu googeln, aber ich mache es natürlich trotzdem. Ich lese stundenlang in Foren über Schicksale, die mein eigenes sein könnten. Danach fühle ich mich schlecht. Wie nach dem Masturbieren auf Schickse. Manchmal ergibt sich das so. Sie ist zu sehr Prototyp meiner Fantasie. Sie kann jede Rolle im YouPorn-Kopfkino spielen. Vermutlich macht sie genau das zu einer guten Schauspielerin.
