Doppelleben einer Geliebten - Elore Likas - E-Book

Doppelleben einer Geliebten E-Book

Elore Likas

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Beschreibung

Während des Krieges im Allgäu geboren, wächst Elore in armen Verhältnissen zu einer hübschen jungen Frau heran, der alles zu eng und kleinbürgerlich ist. Deshalb wandert sie nach Australien aus. Nach zwei Jahren kehrt sie zurück, um ihr Versprechen einzulösen und ihren Cousin zu heiraten. Als sie nach kurzer Zeit merkt, dass die Ehe nicht funktioniert, ist es schon zu spät: Sie ist schwanger und bekommt einen spastisch gelähmten Jungen. Von nun an verläuft ihr eigenes Leben zwischen Krankenhäusern, Haushalt und Garten — ohne Liebe und Sex, bis sie 'ihm' begegnet. Sie verliebt sich und das Drama beginnt. Von jetzt an führt sie ein Doppelleben, eine Doppelehe — 22 Jahre lang. Sie schwankt ständig zwischen Weglaufen und Pflichterfüllung. Die Jahre gehen dahin, die Sorge um ihr Kind ist ein ständiger Begleiter und glücklich ist sie nur im Ausland, wenn sie nicht lügen und Versteckspielen muss. Dann geschieht das Unfassbare: Der Liebhaber, der inzwischen längst zum Zweitehemann geworden ist, stirbt. Geschockt verteidigt Elore nach dessen Tod ihr Erbe, das Geliebtentestament. Zu spät merkt sie, dass ihr eigentlicher Ehemann über all dem Streit und Kummer an Krebs erkrankt und kämpft nun verbissen, wie seinerzeit bei ihrem Sohn, um sein Leben. Aber sie verlieren den Kampf. Elore ist am Boden zerstört, weil sie nicht begreifen kann, dass sie innerhalb von zwei Jahren beide Männer verloren hat. Über ihrem Kummer landet sie in einer psychiatrischen Klinik. Als ihr Zustand sich endlich bessert und sie merkt, dass die geizige, eifersüchtige und intrigante Schwester des Zweitehemannes keine Ruhe gibt und sie weiterhin schikaniert und demütigt, sinnt Elore auf Rache …

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Seitenzahl: 262

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Für meinen Sohn,

den ich über alles liebe.

Damit er mich besser versteht.

Ich hoffe, dass er mir manches verzeiht.

Elore Likas

Doppelleben einer Geliebten

Ein Überlebenskampf mit Kind

Copyright: © 2014 Elore Lukas

Cover & Satz: Erik Kinting / www.buchlektorat.net

Coverbild: © Kaarsten / Fotolia.com

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

22 Jahre habe ich sozusagen eine Friedel-Ehe geführt. Ich war eine Friedel-Frau.

Im Mittelalter war die Friedel-Ehe ein Sonderrecht des Hochadels, der durch solch eine Verbindung verhindern konnte, dass eine Frau niederen Standes, und eventuell ihre Kinder, in den Stand und in die Familie des Mannes aufstiegen. Friedel leitet sich vom mittelalterlichen Friudiea ab, was soviel heißt wie Geliebte. Noch im Frühmittelalter galt die Friedel-Ehe auch im kirchlichen Sinne als vollwertige Ehe.

Eine Friedel-Ehe wurde in der Regel zwischen Paaren aus unterschiedlichen Ständen geschlossen und der Mann konnte daneben noch weitere Ehefrauen haben.

Da wir ja nicht mehr im Mittelalter leben, habe ich die Sache einfach umgedreht: ich zwei Ehemänner, er nur eine Ehefrau. Nur das mit dem Stand war gleich, weil die Familie des Liebhabers sich für etwas Besseres, also dem höheren Stand zugehörig fühlte.

Ich mache die Augen auf und weiß nicht, wo ich bin. Mein Kopf ist so komisch. Ich fühle mich benommen. War ich gestern besoffen oder habe ich wieder einmal zu viel geraucht?

Ich horche in mich hinein und spüre instinktiv, dass es etwas anderes ist. Ich versuche, mich aufzusetzen, aber das geht nicht: Ich bin festgebunden. Was??? Festgebunden? Ich kann es schier nicht fassen, aber es ist eine Tatsache. Und jetzt weiß ich auch, wo ich bin. In einer Nervenheilanstalt.

Die Wände sind alle total weiß, die Türen und die Fenster vergittert. Genau wie in einem Gefängnis. Ich war zwar noch nie an einem solchen Ort, aber es ist genau so, wie man das im Fernsehen immer sieht.

Ich bin also in einer Nervenheilanstalt, auf gut Deutsch in einer Klapsmühle!

Ich versuche, mich zu erinnern, doch mein Kopf ist so furchtbar hohl. Alles ist so weit weg. Die Stimmen und sämtliche Geräusche sind gedämpft, und mein Kopf scheint gar nicht zu meinem Körper zu gehören. Und wenn ich mich am Selben kratzen wollte, dann käme ich nicht mal hin, weil ich dazu Affenarme bräuchte.

Versuch dich zu konzentrieren, dich zu erinnern!

Es geht nicht. Ich schlafe wieder ein.

Als ich wieder wach werde, weiß ich, warum mein Kopf so brummt: Sie haben mir einige Spritzen gegeben, weil ich so randaliert habe. Sie haben davon geredet, dass ich ihn umgebracht habe. Sie sagten, ich hätte ihn ermordet.

Wen habe ich umgebracht? Meinen Liebhaber oder meinen Ehemann? Schließlich habe ich sie doch beide abwechselnd umbringen wollen. Aber zuerst wäre die “Hochwohlgeborene” dran gewesen, die Schwester meines Liebhabers. Aber über sie fällt kein Wort. Dabei wäre das doch schon vor vielen Jahren nötig gewesen. Das wäre auch kein Mord gewesen, sondern lediglich Selbsterhalt.

Seit Jahren schon bringe ich die drei abwechselnd um, und das in dieser Reihenfolge: Madam, Ehemann, Liebhaber. Aber natürlich nur in Gedanken, denn ich bin doch immer zu feige zu allem gewesen. Und jetzt soll ich tatsächlich einen umgebracht haben? Ich hoffe nur, dass ich da keinen Fehler reingebracht habe! Verdammt, wenn ich doch nur wüsste, wem ich den Kragen umgedreht habe. Und wie um alles in der Welt habe ich das angestellt?

Habe ich vielleicht meinen Ehemann die Treppe hinuntergeschubst? Oder ist er vielleicht von selbst im Suff hinuntergefallen, wie ich es mir schon seit Jahren gewünscht habe? Dann wäre es ja ein Unfall, kein Mord. Oder habe ich ein bisschen nachgeholfen, und die haben das rausgekriegt? Oft, wenn er in der Früh nicht heruntergekommen ist von seinem “Studio”, dann habe ich inbrünstig gehofft, dass er einen Herzinfarkt erlitten hätte und habe mich ganz still verhalten und nur gehorcht. Schließlich jammert er doch schon seit dreißig Jahren, er habe einen Herzfehler. Doch jedes Mal hat er mir einen Strich durch meine schöne Rechnung gemacht, indem er doch noch heruntergestolpert kam. Nicht ein einziges Mal, wenn er besoffen war, ist er die steile Treppe hinuntergefallen, nie.

Aber ich hörte noch den Wortfetzen “besorgt um sie”. Wer ist besorgt um mich?

Wenn ich das rauskriege, dann weiß ich auch, wer als erstes dran glauben musste.

Und wie ist es geschehen? Giftpilze würden für den Liebhaber sprechen, die Treppe für den Ehemann und Salzsäure für die Madam, denn eine Kugel wäre zu human für sie.

Eigentlich wundert mich das gar nicht. Es musste ja so kommen, wenn ich an all die zurückliegenden Jahre denke. Ich war doch immer nur vom Pech verfolgt.

Und noch etwas: Seit zweiundzwanzig Jahren führe ich ein Doppelleben. Seit zweiundzwanzig Jahren bin ich mit einem hochintelligenten Norddeutschen verheiratet, und seit zweiundzwanzig Jahren bin ich für ihn – die Putzfrau, die Köchin, die Kauffrau, die Bürokraft, die Erzieherin, die Gärtnerin, die Architektin, der Blitzableiter, kurzum, das Mädchen für alles, oder besser noch, die Frau der zehn Ks: Kinder, Küche, Kirche, Kachelofen, Kreativität, Kleider, Kosmetik, Kräuter, Krankenschwester, Klofrau.

Zugleich bin ich seit zweiundzwanzig Jahren mit einem Geschäftsmann aus dem Süden liiert. Für ihn bin ich die Geliebte, die Mätresse, die Reiseleiterin, die Übersetzerin, der billige Zeitvertreib, die Ausgehfrau zum Angeben, kurzum, die Hetäre. Für seine Verwandtschaft aber bin ich die Erbschleicherin, das Luder, das den Familienfrieden stört. Doch wer bin ich wirklich?

Herbe Zeiten

Geboren bin ich in einer Kleinstadt in Süddeutschland, ein versehentliches Kriegsweihnachtsurlaubs-Endprodukt.

Mein Vater war ein stattlicher, kräftiger Mann mit pechschwarzem Haar, ein “g’standenes Mannsbild”, wie der Volksmund so schön sagt. Er hatte fast immer ein leicht gerötetes Gesicht, wahrscheinlich wegen zu hohem Blutdruck. Und er hatte eine große Narbe an der Schläfe.

“Das kommt davon”, so die Erklärung meiner Mutter, “dass der Lebold nie seinen Mund halten kann. Genau wie damals unter Hitler. Immer muss er seinen Kommentar zu allem abgeben. Damals ist er im Café Viereck gelandet und einmal in Dachau. “Café Viereck” wurde im Volksmund das Gefängnis genannt. Die Gestapo hat ihn abgeholt, und ich stand mit drei kleinen Kindern alleine da. Und wenn er nicht einen guten Freund gehabt hätte, dann wäre er dort nie mehr herausgekommen. Und alles nur, weil er nie seinen Mund halten kann. Fast alle im Dorf dachten das Gleiche, aber er musste es laut sagen.”

Und als sie meinen Vater wieder gehen ließen, sagte meine Mutter zu ihm: “Eines verspreche ich dir: Wenn du noch ein einziges Mal deine Klappe aufmachst, dann braucht es keine Gestapo mehr, denn dann erledige ich das selber. Noch einmal mache ich das nämlich nicht mehr mit.”

Als ich sie fragte, was denn mein Vater damals gesagt hatte, da zeigte sie mir eine halb zerfledderte Anklageschrift vom 21. November 1933. “In der jetzigen Regierung sind die gleichen Lumpen wie in der alten Regierung, und wenn Kommunisten dort wären, könnte es nicht schlechter sein.” Das waren seine Worte gewesen. Und am 1.10.1933 hatte mein Vater einem SA-Mann auf die Frage, warum er nicht beflagge, geantwortet: “Solange der Hitler kein Geld herbringt, häng ich meine Flagge nicht mehr raus.” Zu jener Zeit war es eben nicht ratsam, so etwas von sich zu geben.

“Aber woher stammt seine Narbe?”, insistierte ich. “Da hat er in besoffenem Zustand zu seinen ’Freunden’ gesagt, dass sie blöd seien, wenn sie dem Hitler hinterherrennen, und da hat er eine Flasche über den Schädel bekommen.”

Mein Vater war eigentlich ein sehr geselliger Mensch und ziemlich reisefreudig. Als Wandersbursche ist er durch ganz Deutschland gereist, was damals schon eine Leistung war. Meine Mutter dagegen war eher bodenständig. Und wenn sie, selten genug, einmal weiter weg fuhr, kehrte sie ganz erledigt wieder zurück und meinte: “Daheim ist es doch am schönsten.” Mein Vater und meine Mutter kamen aus verschiedenen Dörfern in der Nähe derselben Kreisstadt, und als sie heirateten, sagte der Pfarrer bei der Brautstunde:

“Lebold, da hasch die Richtige erwischt, die ka schaffa und spare, mit der komsch zu was. Du selber bisch viel zu ehrlich und zu gutmütig.” Ob es Liebe von einer Seite war, habe ich nie erfahren.

Meine Mutter war sehr fleißig und hart im Nehmen. Und sie war schmerzunempfindlich und erwartete das auch von ihren Angehörigen. Zum Leidwesen meines Vaters war sie sehr katholisch. Dieser hielt überhaupt nichts von der “Kircha-Springerei”, wie er es nannte. Wenn mein Vater von jemandem mit dem im Allgäu üblichen ’Grüß Gott’ gegrüßt wurde, antwortete er: “Ja, wenn du den siehsch, von mir au.” Das brachte meine Mutter regelmäßig zur Weißglut. Aber das nützte nichts, er sagte es immer wieder. Ihre Frömmelei, die fast schon an Bigotterie grenzte, ärgerte ihn maßlos. “Blos dia beese Weiber miaßat ständig in d’Kirch renna. I hon des it nötig.” Das wiederum ärgerte meine Mutter. “Und wenn dei Dochter mit am klauta Flieder hoimkommt und d’ Mai-Andacht schwänzt, dann sagsch du nix? Isch des christlich?”

Stimmte schon, ich konnte die doofe Andacht am Abend nicht ausstehen, mochte nur zwei Lieder, die die Orgel bei der Maiandacht spielte, und dann verschwand ich meistens, trieb mich auf der Straße herum oder pflückte irgendwo Flieder.

Die Eltern meines Vaters waren sehr arm, weshalb er sich an seinem Firmungstag nach der Kirche als “Hütebub” bei einem reichen Großbauern verdingen musste. “Komm na mit, Buala, bei mir hasch es guat, brauchsch bloß Küah hüata”, sagte der Bauer und nahm ihn bei der Hand.

Doch auf dem großen Bauernhof gab es noch weniger zu essen als daheim. Reich und Geiz passt oft zusammen, und der Kohldampf wurde sein ständiger Begleiter. Außerdem hatte er nicht einmal richtige Schuhe, und als es Herbst wurde, fror er gewaltig an den Füßen. Um den Schmerz wenigstens für ein paar Augenblicke zu lindern, stieg er in jeden frischen Kuhfladen, den seine Herde hinterließ und wärmte seine klammen Zehen darin, bis er sie wieder spüren konnte. Und als er den ständig nagenden Hunger nicht mehr aushielt, wagte er sich eines Tages an den geräucherten Schinken, der da in der Räucherkammer hing. Allerdings verpasste ihm der geizige Großbauer, der ihn dabei erwischte, eine solche Tracht Prügel, dass er tagelang nicht mehr laufen konnte. Da kam ihm eine bessere Idee: Warum nicht einfach eine der Kühe melken? Schuhe hatte er zwar keine, aber er besaß einen Tirolerhut noch aus Urgroßvaters Zeiten. In diesen Hut melkte er nun die Milch. Aber auch das bemerkte der knickrige Bauer, denn er hatte dummerweise nur eine Zitze gemolken. Wieder setzte es Schläge, doch von nun an zapfte er von verschiedenen Kühen aus jeder Zitze etwas ab und konnte auf diese Weise wenigstens den allergrößten Hunger stillen, ohne dass der Großbauer es mitbekam.

Die Milch hat ihm wohl gutgetan, denn mein Vater wuchs zu einem großen, stattlichen Mannsbild heran. Er hatte ein weiches Herz und war sehr gutmütig, allerdings konnte er auch sehr jähzornig werden. Mit Tieren hatte er mehr Geduld als mit Menschen. Ich selbst wurde nie so richtig schlau aus ihm. Auf der einen Seite hatte er so ein gutmütiges Wesen und Geduld mit allen Kreaturen und für alles Handwerkliche, und auf der anderen Seite konnte er so jähzornig sein und mich schlagen – und das mit einer Gummipeitsche. Wie passte das zusammen?

Klopapier

Irgendwann zogen meine Eltern in die Stadt, und lebten bescheiden in einer Drei-Zimmer-Wohnung mitten im Zentrum. Ich erinnere mich noch ganz genau daran. Zur Straße hin lag das Wohnzimmer, das auch als Esszimmer benutzt wurde. Von dort aus gelangte man in eine kleine Küche, die kein Fenster hatte, sondern durch eine zweite Türe auf einen Flur hinausführte. Dort auf dem Flur war ein Wasserhahn neben einer Luke, die in den Keller führte. Auf der anderen Seite war die Tür zur Toilette. Beides, der Wasserhahn und das Klo wurden von zwei Parteien benutzt. Damit keine Fremden von der Straße das Klo benutzen konnten, war die Tür immer abgeschlossen. Und mehr als einmal schaffte ich es nicht mehr rechtzeitig, mit dem alten Schlüssel die Tür aufzubekommen, und das Malheur war schon passiert. Das war damals, in Zeiten, als es noch keine Waschmaschine gab, ein Riesenproblem. Entweder man schwieg darüber und ließ die nassen Hosen einfach trocknen, auch auf die Gefahr hin, dass Mutter es dann roch, oder man gestand, dass man wieder einmal zu lang gewartet hatte und dann wegen der Zappelei von einem Bein auf das andere den Schlüssel nicht in das Schlüsselloch schieben konnte. Die Entscheidung war natürlich auch jahreszeitlich bedingt, denn im Winter musste man die Wäsche zum Trocknen auf den Dachboden hängen, zu dem eine enge und steile Treppe hinaufführte. Manchmal dauerte es viele Tage, bis die Wäsche trocken war, und manchmal holten wir sie herunter, wenn sie ganz steifgefroren war. Wir Kinder fanden das sehr lustig, wenn die Hemden und Unterhosen selbstständig stehen konnten. Meine Mutter aber war nicht so glücklich darüber, und sommers wie winters hagelte es Schelte und manchmal Hiebe.

Klopapier gab es zu dieser Zeit noch nicht, zumindest konnten wir uns so einen Luxus nicht leisten. Wenn man nur das kleine Geschäft verrichtete, dann benutzte man das Unterhemd zum Abtrocknen, ansonsten wurde zurechtgeschnittenes Zeitungspapier verwendet. Das war natürlich ziemlich hart, aber mit ein bisschen “zerbollen” (zerknittern) wurde es schon weicher. Der Nachteil war, dass man im Unterhemd immer “Hemmadbildle” hatte und vom Papier der Hintern immer schwarz von der Druckerschwärze war. Aber gekostet hat es nichts, und das Altpapier war auch gleich entsorgt. Eigentlich wurde alles, was nach Papier ausschaute, als Klopapier verwendet, sogar das Pergamentpapier, in dem zuvor die Wurst eingewickelt war.

Nicht nur bei uns kleinen Leuten wurde das so gemacht, nein, selbst in dem großen Pelzgeschäft, in dem ich später arbeitete, wurde das so gehandhabt. Die Senior-Chefin saß täglich in der hintersten Ecke des Ladens und verarbeitete die großen weißen Papierbögen, in die die edlen Pelze eingeschlagen waren, für dreißig Arbeiter und Angestellte zu Klopapier.

Niemand hat sich etwas dabei gedacht, nur wir jungen Mädchen haben uns immer Zeichen gegeben und uns zugezwinkert, weil es so lustig aussah, wenn die kleine alte Frau das Papier zurechtschnitt. Bei jedem Schnitt mit der Schere machte sie synchron die gleiche Bewegung mit dem Mund, wobei ihre Zunge zwischen den Zähnen hervorspitzte. Sie konnte sich stundenlang dieser Tätigkeit widmen und freute sich immer, wenn wir ihr ein bisschen Gesellschaft dabei leisteten.

Doch zurück zum Wasserhahn auf dem Flur. Beim Kochen musste man für jeden Tropfen Wasser auf den Flur rennen, was natürlich die ganze Arbeit erschwerte. Es gab ja auch kein heißes Wasser, das musste erst auf dem Gasherd erhitzt werden. Aber wir Kinder kannten es damals ja nicht anders, und so hat uns das nicht sonderlich tangiert.

Viel schlimmer war, dass es keinen Kühlschrank gab und deswegen alle verderblichen Lebensmittel in den Keller getragen werden mussten. Der Keller verfolgt mich heute noch in meinen Träumen. Der war mit einer schweren Holzklappe versehen, die man erst hochheben und dann an der Wand befestigen musste. So war es für mich als kleines Mädchen jedes Mal der Horror, wenn ich etwas in den Keller tragen oder etwas heraufholen musste. Und das war im Sommer ständig der Fall. Dort lagerten Kartoffeln, Milch, Butter, Eier, Wurst, Eingewecktes und natürlich Käse. Ein wahres Mäuseparadies auf festgestampftem Boden. Und ich hatte fürchterliche Angst, nicht nur vor den Mäusen, sondern auch davor, dass die schwere Klappe eines Tages über mir zufallen würde und ich dort unten stundenlang in absoluter Finsternis gefangen wäre. Ein fürchterlicher Gedanke, denn Mutter kam in aller Regel erst am Abend aus dem Geschäft nach Hause. Mir läuft es heute noch kalt den Rücken hinunter, wenn ich daran denke.

Freitags war immer Badetag. Dazu mussten wir in den Hof gehen, wo die Waschküche lag. Im Sommer war das ja ganz lustig, aber im Winter war es eine richtige Tortur. Saukalt war es dort. Und die Worte unserer Mutter sorgten auch nicht unbedingt für Wärme. “Lamentiert hier nicht herum, schickt euch ein bisschen, und was euch nicht umbringt, macht euch nur härter. Hier ist noch niemand erfroren.”

Das stimmte wohl, aber trotzdem war es verdammt unangenehm, wenn man aus dem warmen Wasser stieg und dann über den eiskalten Hof zum Hauseingang zurück und die Treppe hinaufklettern musste. Es war eine Holztreppe, die so steil war, dass man schon im Sommer aufpassen musste, aber im Winter war sie meistens vereist, weil sie an der Nordseite des Hauses lag. Vor dieser Treppe hatte ich genauso viel Angst wie vor der Kellerklappe, denn es war mir noch in guter Erinnerung, wie meine Mutter da einmal hinuntergefallen war.

Kein Pflaster, nie

Meine Mutter war verdammt robust. Ich hab mich manches Mal gefragt, ob sie überhaupt kein Schmerzempfinden hatte oder ob sie einfach nur schrecklich tapfer war. Naja, vielleicht traf beides auf sie zu. Das würde vieles erklären. Jeder normale Mensch würde zum Arzt gehen, wenn er die Treppe hinunterfällt und sich dabei das ganze Käppchen des Ellbogens abrasiert. Nicht so meine Mutter: Sie schaute, wo das Käppchen lag, hob es auf und ging zu meinem Vater: “Schau, Lebold, was mir gerade passiert ist. Kannst du das wieder hinkleben, wenn ich es abgewaschen habe?”

“Wie hast du das denn wieder fertiggebracht?”

“Ja mei, die Treppe war vereist und ich habe es nicht gemerkt. Komm, Lebold, probier es, vielleicht klappt es ja.”

Mein Vater gab sich alle Mühe und passte den ausgefransten Fleischfetzen auf dem Ellbogen wieder an. Und siehe da – er wuchs wieder fest. Und meine Mutter zeigte allen möglichen Leuten voller Stolz, wie fachgerecht ihr Lebold das hingekriegt hatte. “Wie ein Chirurg”, strahlte sie. Dass das sicherlich sehr wehgetan hat, davon war überhaupt nie die Rede.

Ein anderes Mal hatte sie sich einen “Spreißl” (Span) in den Daumen gerammt, direkt unter den Nagel und sich darüber geärgert, dass sie ihn nicht herausbekam. Dieser Holzspan ging bis an das Ende des Nagels und sie bildete sich ein, dass sie den doch mit den Zähnen packen und herausziehen können müsste. Aber das ging nicht, und nach kurzer Zeit fing der Daumennagel an zu eitern. Nur auf den ausdrücklichen Befehl meines Vaters ging sie zum Arzt. Der erklärte ihr, dass sie eine Wundstarrkrampfspritze bekommen müsste, bevor er etwas unternehmen konnte.

“Was, eine Spritze wegen dem bisschen Nagel? Nein, das will ich nicht. Das kommt gar nicht in Frage, das ist doch wirklich Luxus und viel zu teuer!”

“Ja, gute Frau, Sie haben vermutlich noch nie eine Impfung gegen Wundstarrkrampf bekommen, hab ich recht?”

“Da haben Sie schon recht, aber ich brauch auch keine.”

“Tja, dann kann ich nichts machen. Ich lehne die Verantwortung ab, und Sie müssen da unterschreiben, wenn Sie unverrichteter Dinge wieder gehen wollen.”

“Wird gemacht, Herr Doktor, wo soll ich unterschreiben?”

Mein Vater war ziemlich wütend und nannte sie eine dumme Gans, als sie ihm von dem Arztbesuch erzählte. Ein paar Tage später hatte sie großen Waschtag. Da mussten die Frauen früher den ganzen lieben langen Tag in der heißen Seifenlauge hantieren. Und was all die Kamillenbäder nicht geschafft hatten, die Seifenlauge schaffte es. Am Abend gelang es ihr endlich, den Holzspan mit den Zähnen aus dem Nagelbett herauszuziehen. “Da schau her, Lebold, jetzt hab ich ihn”, triumphierte sie. Vater murrte nur: “Mehr Glück als Verstand”, und damit war die Sache erledigt. Uns Kinder, zumindest meinen Bruder und mich, hat sie auch so erzogen. Geheult wurde nicht, wer heulte, kriegte Schläge, dann hatte er wenigstens einen Grund zum Heulen, so ihre Devise.

Eines Tages, als sie von Vaters Geschäft heimkam, lag mein

Bruder auf dem Sofa und stöhnte. “Was jammerst denn so?”, fragte meine Mutter. “Weil ich vom Baum gefallen bin und weil mein Bein so weh tut, und weil mein Bein ganz komisch daliegt”, wimmerte mein Bruder. “Lass mal sehen. Ja, du musst es halt richtig hinlegen, nicht so schief.” Und sie nahm sein Bein und drehte es richtig hin, und mein Bruder schrie vor Schmerzen. “Wenn es nach dem Wochenende noch nicht besser ist und du nicht laufen kannst, dann gehen wir zum Arzt. Ich habe dir schon tausend Mal gesagt, dass du nicht immer auf Bäume klettern sollst, das hast du jetzt davon.”

Drei Tage später ließ meine Mutter einen Arzt kommen. Das Bein war inzwischen ziemlich angeschwollen, darunter verbarg sich ein veritabler Bruch.

Ein anderes Mal hatte sich mein Bruder das Schlüsselbein gebrochen, und da ging man natürlich auch nicht zum Arzt, weil man ja nichts sah, und geschwollen war es auch nicht. Mutters Kommentar:“Das vergeht schon wieder, spätestens bis du heiratest.”

Ich hasste diesen Spruch, der während unserer ganzen Kindheit anstelle von Pflaster, Wundsalbe oder Verband zum Einsatz kam. Wenn die Knie aufgeschürft waren, dann sagte man besser gar nichts und verkniff sich das Jammern, weil Mutter sonst mit einem nassen Seifenlappen kam und gar nicht zimperlich die Wunde säuberte. Wie das brannte!

Wenn ich mit anderen Kindern “Fangerles” oder Räuber und Gendarm spielte, dann fiel ich manchmal hin und verlor das Bewusstsein. Die Kinder schleiften mich dann nach Hause, und nach einer kräftigen Ohrfeige war ich wieder wach und musste mir eine Standpauke anhören.

“Du weißt genau, dass du nicht so rennen sollst, und wenn die Kinder dich das nächste Mal heimschleifen, dann setzt es was. Verstanden?”

Ich nickte, obwohl ich überhaupt nichts verstanden hatte. Warum passierte das nur mir? Die anderen Kinder fielen doch auch hin und wurden nie bewusstlos, nur ich. Warum?

Ich erklärte daraufhin den anderen Kindern, dass sie mich in Zukunft einfach liegen lassen und mir nach einer Weile eine Ohrfeige geben, aber mich auf keinen Fall nach Hause schleppen sollten.

“Und wenn ihr das nicht tut, dann spiele ich nie mehr mit euch, kapiert?”

Sie nickten, aber sie kapierten, was ich wollte. Das ging fortan ganz gut, nur die Kleinen weinten manchmal, wenn ich allzu lange dalag und mich nicht mehr rührte.

Doch einmal, da waren wir alle ganz ratlos. Wir spielten wie so oft zwischen den hoch aufgestapelten Baumstämmen eines Sägewerks. Das war unser Lieblings-Spielplatz, und wir waren Cowboys und Indianer.

Als ich da eines Tages von einem ziemlich hohen Stapel hinunterhüpfte, blieb ich zunächst wieder einmal bewusstlos liegen, doch als ich wieder zu mir kam, da konnte ich weder schreien, noch reden, nicht einmal wimmern. Mir wurde ziemlich bang, und die anderen Kinder machten sehr belämmerte Gesichter, weil sie merkten, dass etwas anders war als sonst. Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Jeder gab einen klugen Kommentar ab; nur ich saß da und brachte keinen Ton heraus. Wir hatten alle Angst. Wir saßen im Kreis herum, und keiner dachte mehr an Cowboys und Indianer. So eine blöde Situation. Endlich, nach langer Zeit, entschlossen wir uns, nach Hause zu gehen. An Spielen war sowieso nicht mehr zu denken.

Wir stapften los, und ich versuchte mir auszumalen, was wohl daheim passieren würde. Schließlich war ich wieder einmal zu schnell gesprungen und sogar noch gehüpft, was ja noch schlimmer bestraft wurde seit meinem letzten Sturz.

Der war wirklich eine Katastrophe gewesen, weil dabei mein Kleid zerrissen war. Ratsch hatte es gemacht, als ich über einen Jägerzaun geklettert und an einer Spitze hängengeblieben war. Um Gottes Willen, was sollte ich bloß tun? Ich ging heim, erledigte die Hausarbeiten, die ich zu tun hatte, legte ich mich ins Bett und zog die Decke über mich, wie der Vogel Strauß, von dem ich damals allerdings noch nichts wusste. Natürlich wunderte sich meine Mutter sehr, denn normalerweise musste sie mich ins Bett zwingen.

“Ja, Elore, was ist denn mit dir los? Bist du krank?”

“Nein, Mama, gar nichts, ich bin nur sehr müde heute.”

So was Blödes, wenn sie das Kleid sehen würde, dann wüsste sie sofort, warum ich so früh ins Bett gegangen war. Aber vielleicht, so hoffte ich, würde das Donnerwetter geringer ausfallen, wenn ich freiwillig schlafen ging.

Ja, Pfeifendeckel: Ich bekam nicht nur Schläge, sondern auch Hausarrest und das Verbot, über Zäune oder Sonstiges zu klettern und irgendwo hinunterzuhüpfen.

Sollte ich diesmal wieder ganz früh ins Bett gehen? Nein, das würde auffallen. Oder sollte ich einfach nichts reden, wenigstens bis zum nächsten Morgen? Ja, das war es!! Wir marschierten also alle heim, ganz langsam, um Zeit zu schinden, und ich atmete auf, als ich feststellte, dass meine Mutter noch bei meinem Vater im Geschäft war. Wenn sie spät heimkam, dann war sie sowieso müde und fragte nicht so viel wie sonst.

Ich kochte die Kartoffeln, und meine Mutter freute sich darüber und erzählte ein bisschen, und ich war froh darüber, dass meine Schwester unentwegt dummes Zeug plapperte. So fiel überhaupt nicht auf, dass ich kein Wort redete und relativ früh ins Bett ging. Und wie immer fragte mich meine Schwester, mit der ich das Schlafzimmer teilte:“Schläfst du schon?”

“Hmmmmmm.”

“Ich schlaf schon.”

Zu der Heilanstalt oben am Berg, in der zu Hitlers Zeiten die “Deppele umgespritzt” wurden, wie die Allgäuer das ausdrückten, gehörte ein großer Gemüse- und Obstgarten. Dort spielten wir “Schlaraffenland”. Dabei pflückten wir uns die schönsten Früchte von den Bäumen, legten uns darunter ins Gras und mampften genüsslich vor uns hin. Und genau wie im echten Schlaraffenland waren wir ganz großzügig, warfen die halb aufgegessenen Früchte hinter uns und bissen vergnügt in die nächste Frucht. Pech war bloß, dass der Hausmeister der Heilanstalt auf uns aufmerksam wurde und uns eines Tages auflauerte. Oh weh, schimpfend und schreiend und mit dem Stock drohend kam er auf uns zu. Wir rannten natürlich schnellstens weg, aber wir mussten über einen Zaun, und das schaffte ich nicht so schnell wie die Buben, und er erwischte mich an meinen Zöpfen. Diese dämlichen Zöpfe brachten mir immer wieder Schläge ein. Verflixt, entweder wurde ich ohnmächtig, wenn ich zu schnell rannte, oder ich wurde an meinen Zöpfen erwischt.

“Ihr Dochter war au dabei, i hab sie an ihre Zöpf erkannt”, sagten die alten Weiblein.

Von der Hexe, dem Teufel und dem Drutt

Als meine Mutter im Jahr 1926 sechzehn Jahre alt war, musste sie zum Arbeiten zu einem Großbauern ins nächste Dorf. “Als Magd musste man schuften wie ein Pferd”, erzählt sie uns. “In der Früh um vier Uhr ging es los, und oft dauerte die Schinderei bis nachts um zwölf. Aber meine Eltern brauchten das Geld zum Überleben. Wir waren arm, arm, dass Gott erbarm. Aber der hat sich nicht erbarmt, sondern eine unserer eigenen drei jämmerlichen Kühe krepieren lassen. Mein Vater hat einen ganzen Tag lang geheult und gejammert, dass jetzt alle verhungern müssten. Aber dann hat der Herrgott doch noch ein Erbarmen gehabt und wenigstens ein paar Jahre gewartet, bevor er meine Mutter zu sich geholt hat. Sie ist mit 48 Jahren an Auszehrung gestorben. Zum Arbeiten hat man uns geschickt, damit wir nicht verhungern. Aber glaubt bloß nicht, dass ich das bisschen Geld, das ich beim Großbauern verdient habe, in die Finger bekommen hätte. Nein, das wurde jedes Jahr an Lichtmess von den Eltern abgeholt, ich selber hab keinen Pfennig davon gesehen. Einmal war ich so müde und verschwitzt, dass ich überhaupt nicht mehr leben wollte und deshalb bin ich in den Eiskeller gegangen, damit ich eine Lungenentzündung bekomme.”

Meine Mutter lacht und erzählt weiter: “Nicht einmal einen Schnupfen hab ich gekriegt. Und heutzutage bekomme ich beim leisesten Wind eine Erkältung.”

Mutter sitzt da und lächelt still vor sich hin, und wir Kinder wollen wissen, warum sie lächelt. “Ja wisst ihr, als mein Vater nach dem zweiten Jahr wieder fort war mit meinem erschufteten Geld, da nahm mich die Bäuerin an der Hand und hielt mir einen Vortrag. Sie meinte, dass ich im nächsten Jahr nicht mehr so dumm sein dürfe und ALLES abgeben, denn wenn ich eines Tages heiraten wolle, dann hätte ich überhaupt keine Aussteuer, und das wäre doch wichtig. ’Ein armes Hascherl hat es nicht leicht, aber ein armes Hascherl ohne Aussteuer hat wenig Chancen’, sagte sie augenzwinkernd. Das leuchtete mir ein und ich nahm mir vor, im nächsten Jahr nur mit einem Teil meine Geschwister zu unterstützen. Aber als aller erstes wollte ich mir ein Fahrrad kaufen, um ein bisschen von der Welt zu sehen, weil ich mir da das Fahrgeld für den Bus einsparen konnte.”

Sie kaufte sich dann tatsächlich ein Fahrrad. Der Lohn eines ganzen Jahres ging für das Vehikel drauf. “Das war toll, ich war mobil, und das hatte ich alles der Hexe zu verdanken.”

Ich schaute ganz dumm und fragte: “Welche Hexe? Es gibt doch gar keine Hexen!”

“Tja, eigentlich nicht, aber meine Bäuerin war im ganzen Dorf als Hexe verschrien, und anfangs hatte ich Angst, ihr Haus zu betreten. Angeblich wurden die Kinder krank, wenn sie in einen Kinderwagen hineinschaute. Alle jungen Mütter liefen schnell davon, wenn sie des Weges kam. Auch sonst kursierten die schlimmsten Gerüchte, aber das war natürlich alles Blödsinn. Diese Frau war nur ein bisschen schlauer als die anderen Weiber im Dorf und ist deshalb auch zu Geld gekommen im Gegensatz zu denen. Die hatte damals schon die Idee, die überschüssigen Eier im nächsten Dorf zu verkaufen, und so fuhren wir zwei mit dem Leiterwagen los.

’Schaut, die Hexe mit ihrer Magd ist unterwegs’, konnten wir dann die Leute im eigenen Dorf tuscheln hören. Nach einiger Zeit machte mir das nichts mehr aus, denn ich wusste ja, dass das alles Lügenmärchen waren. Ich wusste, dass sie keine Hexe war, ganz im Gegenteil, ich lernte sehr viel von dieser Bäuerin. Sie war sehr gut zu mir und lehrte mich Dinge, die ich im späteren Leben gut gebrauchen konnte. Wenn sie mit ihrem Mann Streit hatte, dann durfte ich bei ihr im Zimmer schlafen und habe nie etwas Außergewöhnliches bemerkt. Sie gab mir auch den Rat, unbedingt eine Lehre als Köchin zu machen, damit ich nicht mein Leben lang eine Magd bleiben würde. Von dem Rat dieser ’Hexe’ hab ich ein Leben lang profitiert.”

Manchmal besuchte uns eine Tante, und dann unterhielten sie sich fast jedes Mal über schwarze Mächte, den Teufel und irgendwelche Hexen. Eine Geschichte weiß ich noch genau. Die ging so: Eine Näherin hatte den ganzen Tag auf einem Einödhof abseits des Dorfes gearbeitet und ging dann abends in der Dämmerung nach Hause. Plötzlich merkte sie, dass ihr jemand folgte. Sie drehte sich um und erschrak ganz fürchterlich, als sie einen großen schwarzen Hund mit roten Augen und einer glühenden Zunge sah. Aus lauter Angst fing sie an zu rennen. Aber so schnell sie auch lief, sie hatte das Gefühl, dass die Bestie immer noch hinter ihr her war. Da blieb sie ganz abrupt stehen und drehte sich ruckartig um – und da blieb er auch stehen. Wenn sie weiterlief, lief er auch, und wenn sie stehen blieb, dann blieb er auch stehen. Panisch rannte sie weiter und machte erst keuchend wieder Halt, als sie zu einem Wegkreuz kam. Dahin flüchtete sie sich, hielt sich an dem Marterl fest und bekreuzigte sich – und siehe da: Der Hund verschwand. Jetzt wusste sie, dass das der Teufel gewesen war, weil sie an einem Sonntag gearbeitet hatte. Das war nämlich eine Todsünde.