Doppelsolo - Harald Gordon - E-Book

Doppelsolo E-Book

Harald Gordon

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Beschreibung

Selma und Bert gehen ihrer Wege – und stoßen aufeinander und verschmelzen ineinander. Wie das so ist, wenn man in eins ist, und ob sich das Doppelsolo wieder löst, ist Thema dieser unglaublichen und wunderbaren Versuchsanordnung. Doppelsolo beschäftigt sich erzählerisch mit weiblichen und männlichen Sichtweisen im Umgang miteinander, ist eine fantastische Liebesgeschichte mit deutlichem Kommentar zu zeitgemäß wenig eindeutiger Geschlechtszugehörigkeit (Transgender, siehe Concita Wurst). Alltagssituationen schaffen verblüffende und heitere Zugänge. Auch für jugendliche LeserInnen.

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Seitenzahl: 96

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Harald Gordon

Doppelsolo

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Da rennt Selma,

Da kommt Bert.

Dann denken die zwei

Jetzt sitzen

Nichts ist unmöglich

Jetzt tut sich was,

Ich heiß übrigens

Sie stehen jetzt

So vergeht die Zeit,

Bert kann

Inzwischen studiert Selma

Ich muss zu

Und während Bert

Was studierst du

Essen ist nicht

Endlich aus.

Im Lokal ist es

Bert war ziemlich

Erzähl mir was

Nach ein paar Tagen

Wer glaubt,

Am Donnerstag

Bert hat etwas

Wenn wir schon

Die Eltern merken

Morgen hab ich

Im Hörsaal liegt

Der Jörg wäre

- der Knall, der

Aber einer oder eine,

Und freilich, manche

Anders jedoch endet

Die Wirklichkeit ist

Wir können nicht

Bert?

Ein Anruf weckt

Impressum neobooks

Da rennt Selma,

so gut und so schnell sie kann. Sie hat es eilig. Zu spät kommen will sie nicht bei der ersten Vorlesung. Dass sie ihren großen Auftritt hat und alle herschauen. Ganz klein käme sie sich dann vor. Selma in Schwitz und Schweiß. Und alle sehen nur sie. Aber sie hat die falschen Schuhe gewählt, muss aufpassen, wo sie hinsteigt, das Grazer Stöckelpflaster, und noch dazu bergauf. Von wegen Schweiß vermeiden. Andererseits schauen ihr nur ein paar Burschen nach und Männer, die sieht und spürt sie nicht in ihrem Rücken. Ihnen gefällt halt ihr Schwung und das Absatzticken auf dem Pflaster.

Das nächste Mal fährt sie mit der Straßenbahn statt mit dem Bus, in aller Ruhe. Aber so richtig hat sie nach zwei Tagen in der Großstadt noch nicht heraußen, was die sinnvollste Verbindung ist, wie lange so eine Fahrt dauert und das Warten an der Haltestelle und die Entfernungen und überhaupt: Super ist es schon. Jetzt ist sie frei, so ganz allein für sich. Niemand ist da, der etwas vorschreibt. Aufstehen, anziehen, ausgehen – alles selbst bestimmt.

Sie hat ihr Taschentuch vergessen und wischt die Schweißtropfen mit dem Handrücken von der Stirn. Seltsam, dass man dabei die Augen verschließt, sogar wenn man um eine Hausecke muss. Sie sollte eine Abkürzung nehmen, denkt sie noch…

Da kommt Bert.

Er hat es gar nicht eilig, darum träumt er vor sich hin, genießt die Wärme, die vielen Stimmen, wie sich Vögel, Menschen, Autos, Fahrradklingeln, Baumaschinen mischen, wie die Stadt lebt und einen frühen Herbst atmet, mit einer sagenhaften Luft, was da alles schwirrt und flattert und fliegt und vibriert. Zwei Wochen ist er erst in dieser Stadt, und schon hat er das Gefühl, er könnte ewig hier leben und lebt auch schon so lange da, in einer der kleinen Gassen, hoch oben unter dem Dach eines ziemlich alten Hauses, und einen Blick hat er über die Dachlandschaft, das Großstadtrauschen, ganz gedämpft, gefiltert. Ja, was kann da noch passieren. Alles super, alles roger oder bingo. Zwar kennt er noch niemand hier, aber das wird bestimmt, und wenn die Freunde nachkommen, die haben sich halt Zeit gelassen mit der Zimmersuche, oder sie nehmen einen zweiten Anlauf im Maturataumel, dann wird´s perfekt.

Aber er kann auch allein sein. Er braucht keinen, der ihm sagt, was er zu tun hat, irgendwie weiß er das immer. Bis jetzt hat sich alles ergeben. Frei und fröhlich. Gute Stimmung ist wichtig, das weiß er, und warum sollte er nicht in Stimmung sein. Und die Zukunft, da ist vieles drin. Jetzt erst einmal studieren in der Hauptstadt und schauen, was kommt. Wer weiß schon, was hinter der Hausecke da vorne wartet, denkt er noch…

Dann denken die zwei

für einen Moment nichts mehr. Denn es ist zu viel geschehen in ihren Köpfen und mit ihren Körpern. Ein Aufprall, ein Zu- und Zusammenfall, ein Unfall wohl auch. Da ist zu vieles nicht zu verstehen. Da sitzt einer auf der Erde, einfach umgefallen, so locker, wie er vor sich hin gegangen ist. Und eine ist in ihrem Tempo stark gebremst und hat das Gefühl, an eine Wand geklatscht zu sein. Aber die Wand ist beweglich, die Wand ist zusammengeklappt und sitzt auf allen Vieren. Selma sitzt in dieser Wand. Wer soll das verstehen.

Bist du verletzt?, fragt ein Radfahrer und fährt eine Runde um die Gestalt da am Boden.

Glaub nicht.

Nein, danke.

Und wer bedankt sich denn da, wundert sich Selma, die nicht glaubt.

Und wer glaubt da nicht, ärgert sich Bert, als er seine Nase zurechtrückt, im Schock.

Und Selma klopft ihre Hände und Beine ab, es tut nichts weh, fühlt sich aber seltsam an. Härter, kräftiger.

Und Bert schaut hinunter zu den Füßen und wundert sich nicht mehr: Mit solchen Schuhen kann man ja nur stolpern. Stöckel – was? Aber er hat doch keine Stöckelschuh. Wieso sind die an seinen Füßen? Und wen meinst du überhaupt, herrscht er den Radfahrer an. Zum Zusammenkrachen braucht es zwei.

Seh aber nur dich, sagt der und steigt schon in den Pedalen hoch, will weiterfahren, für Kopf- und Dachschäden ist er wohl nicht zuständig.

Wie ist das möglich. Bert dreht sich um seine Achse und sucht sein Kollisionsgegenüber, den Karambolagegrund. Schepperanlass. Keiner da. Vielleicht eine Glaswand?

Und Selma kann gar nicht anders. Kannst mich loslassen, sagt sie, aber sie sieht keinen. Wer da in wem steckt? Sie hat nur so ein Gefühl, als würde sie gehalten oder ja – als hielte sie jemanden oder etwas. Einmal so, einmal so. Bestimmt ist das eine Nachwirkung von dem Sturz, sie hebt die Tasche hoch, wie schwer das geht, etwas in ihr bremst, will in eine Richtung, in die sie gar nicht muss. Vielleicht ist es gar nicht so falsch, sich kurz auf eine Bank zu setzen, so verschnaufen und sammeln halt und fassen. Noch immer dreht sich die Welt um ihren Kopf und die Welt in ihrem Kopf.

Jetzt sitzen

die zwei, Bert und Selma, Selma und Bert, auf einer Stadtparkbank und haben es noch nicht klar, was mit ihnen geschieht. Verschwommen wie raschelnde Blätter und rauschender Fahrtwind um sie herum, ein dröhnender Kopf, pulsierender Blutkreislauf.

Wahnsinn!, stöhnt Bert, und Selma fragt sich, seit wann sie Selbstgespräche führt.

Pfahh!

Das war aber jetzt ganz bestimmt nicht sie, denn sie hat aufgepasst. Sie dreht sich in alle Richtungen, was aber wenig bringt. Keiner ist in der Nähe.

Bin ich verrückt?

He, wer fragt sich das?

Ich?

Ich?

Gibt´s das? Wer erlaubt sich so einen Scherz mit ihm? Eine Stalkerin? Eine begeisterte Anhängerin? Aber wen kennt er schon in Graz. Hallo?, fragt Selma, und Bert ist es gewohnt, brav zu antworten.

Ja, hallo?

Was soll das?

Was soll was?

Na die Stimme.

Ich hör auch eine.

Aber ich seh nichts.

Genau.

Super, nichts sehen und doppelt hören.

Na, nichts seh ich nicht, mich seh ich schon. Aber mit Stöckelschuhen.

Das sind meine.

Was? Uns wo bist du?

In meinen Schuhen.

Gibt´s nicht wirklich oder?

Meine Füße gibt es allerdings. Scheiße! Was hab ich auf einmal für Wadeln!

Und: Hilfe! Ich hab eine Brust!

Finger weg!

Vielleicht sind´s doch nur Muskeln, und der Aufprall hat was gebracht.

Aufprall? Was war da? Ich bin um die Hausecke, und auf einmal war alles anders.

Black-out und Blitz-on zugleich.

Wie bei mir. Für einen Moment was Hartes, und dann ist es unglaublich weich geworden. Aber nicht so, wie ich es gewohnt bin.

Jetzt möchte ich aber wirklich wissen, wer da redet. Und vor allem: wo.

Ich schon auch.

Ich seh niemand außer mich.

Ich seh niemand außer mir, muss es heißen.

Mich.

Mir. Ich seh auch nur mich. Außer mir, halt außerhalb ist keiner – oder keine, wenn ich deine Stimme richtig deute. Weil ich hör zwei.

Eben. Was ist da los?

Mir kommt vor: zwei in eins. Wär kein schlechter Scherz.

Was! Eine Katastrophe. Und außerdem unmöglich.

Hoffentlich.

Nichts ist unmöglich

in unserer Zeit. Das hören wir jeden Tag, aber in der unglaublich positiven Form: Alles ist möglich. Und so sind die zwei, der Bert und die Selma zusammengekommen, ob sie wollen oder nicht. Na, fürs Erste wollen sie natürlich nicht, zumindest nicht so. Darum geht der Wortwechsel noch einige Zeit hin und her, hilft aber nicht. Na ja, ein bissel vielleicht schon, denn sie müssen doch erkennen, dass sie so aneinander gekettet sind, ineinander verwickelt, miteinander verklebt, in eins, aber uneins, noch lang nicht einig, aber was soll´s.

Da fällt der Selma wieder ein, was sie eigentlich vorgehabt hat, die Uni, die Vorlesung, und jetzt geht´s bestimmt nicht mehr ohne den großen Auftritt, über den Laufsteg, und bestimmt ist nur in der ersten Reihe ein Platz frei, und hundertfünfzig Streber oder Streberinnen, die alle pünktlich gekommen sind, genießen ihren Spießrutenlauf und den verächtlichen Blick des Professors. (Oder soll es doch StreberInnen heißen? He, hallo, das Binnen-I hat auf einmal für Selma eine völlig neue Bedeutung. Ist das I jetzt sie oder ist er sie und sie ihr Binnen-I? Verrückt.)

Sie muss los, das funktioniert aber nicht, weil der in ihr schon mitmachen muss. Das heißt, mit Ignorieren oder mit Widerstand geht da gar nichts, sie muss sich einigen. Zum Glück hat der eh nichts Entscheidendes vorgehabt, und vielleicht geht´s zu zweit schneller.

Na also, nichts ist mehr wert als eine gute Einteilung. Sie sagt es ja immer wieder, mit Plan fängt alles an. Aber wie wird die Geschichte enden. Welchen Plan hat sie hier zu erfüllen? Und welches Chaos hat diesen Plan geboren.

Sie kommen und kommt natürlich nicht mehr rechtzeitig in den Vorlesungssaal, der offen ist, denn zum Glück ist Pause. Oder es hat noch gar nicht richtig begonnen. So ist das mit Schule. Oder halt Uni. Leute strömen heraus. Locker, lässige Typen, die wissen, was sie sich wert sind und wer sie sind. Nur nicht zusammenstoßen, denkt sie noch, das könnte sie jetzt gar nicht brauchen.

Na siehst du. Wozu die Hetzerei. Bin ganz schön ins Schwitzen gekommen. Hab ich einen Durst.

Keinen Schritt geh ich da jetzt weg.

War ja nur ein Vorschlag. Ich könnt was zu trinken holen für dich.

Sehr witzig. Wo ist da der Unterschied.

Die Selma schaut sich um und hofft, dass sie was aufschnappen kann, was gerade los ist, wie es weitergeht.

Schöne Geschichte, was?, sagt da einer, der sie schon länger gemustert und der beschlossen hat, dass sie in sein Schema passt. Sie reagiert zuerst gar nicht, weil sie glaubt, die Stimme kommt von ihr selber, von dem Binnenmenschen, den sie mit sich herumschleppt. Dann aber wird ihr klar, dass außerhalb von ihr auch Leben existiert, und sie starrt ihn ein bisschen zu lange an, oder lang genug für ihn, dass der Kerl nicht mehr aufgibt. Was sie zu der Vorlesung sagt, will er wissen, und zu der Begründung für die Unterbrechung, und er treibt es so weit, dass sie zugeben muss, erst jetzt gekommen zu sein. Ah!, stößt er genießerisch aus, als hätte er sie ertappt. Er kennt die Tricks, sie jetzt von seinem Informationsvorsprung abhängig zu machen. Und zum Glück ist auch noch ein Platz neben ihm frei, sind nur mehr wenige, denn der Professor ist begehrt und bekannt, vor allem für seine Auftritte. Immer mit Überraschungen.