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Das Buch ist die überarbeitete Neuauflage von "Die Toten von Ascona" unter dem Pseudonym Donna Cara. Die Handlung spielt in Frankfurt am Main und in Ascona am Lago Maggiore. Philipp Sandter, ein erfolgreicher Anlageberater, zieht mit seiner Frau an den Lago Maggiore, um sein Leben neu zu ordnen. Gleichzeitig hat er berufliche Probleme, da die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen ihn im Zusammenhang mit einem Börsengang durchführt. Seine Ehe mit Silvia besteht nur noch auf dem Papier. Vor seiner Abreise nach Frankfurt muss er sich noch Unterlagen aus seiner Villa holen. Dabei belauscht er ein Gespräch seiner Frau mit einem Unbekannten, das ihn doch sehr beunruhigt. Silvia, der Philipp bereits gesagt hat, dass er sich von ihr trennen will, versucht alles, um ihren hohen Lebensstandard beizubehalten. Sie hat auch schon einen Plan, wie sie an Philipps großes Vermögen kommen kann. Philipp spürt, dass Silvia etwas im Schilde führt und ist von nun an besonders wachsam. Die Ereignisse überschlagen sich……
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
© Copyright Autorin Donna Cara
by Karin B. Redecker
64625 Bensheim-Auerbach, Am Höllberg 25
Kontakt: [email protected]
www.facebook.com/pages/Donna Cara
Cover-Design by Nancy Salchow
Unter Verwendung der Grafiken
#634124190 © by yganko,
#95551687 © by Riko Best,
#391955288 © by Alexkava
Alle Grafiken unter Standard-Lizenz erworben
bei Adobe Stock: https://stock.adobe.com/
Alle Rechte vorbehalten.
Das Buch ist eine Neuauflage und wurde bereits im Jahr 2019 unter dem Titel »Die Toten von Ascona« von K. B. Redecker veröffentlicht!
Über die Autorin
Donna Rosa ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die in Hessen und Italien lebt. Sie fand relativ spät zum Schreiben von Romanen, wobei die meisten ihrer inspirierenden Geschichten rund um den malerischen Lago Maggiore entstanden sind.
Vor ihrem Beginn als Schriftstellerin war sie über viele Jahre hinweg als Redakteurin tätig, was sich als wertvolle Grundlage für ihre schriftstellerische Arbeit erwies.
Donna Rosa selbst beschreibt ihre Autorentätigkeit wie folgt: »Das Schreiben bereitet mir eine große Freude, und mein Kopf ist noch voller Ideen. Dank meiner langjährigen Erfahrung in der Redaktionsarbeit fällt es mir leicht, fesselnde Geschichten zu verfassen.«
Personen und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Buchbeschreibung
Die Geschichte spielt in Frankfurt und in Italien. Der Frankfurter Anlageberater Philipp Sandter will sein Leben neu ordnen und zieht, gemeinsam mit seiner Frau Silvia, an den Lago Maggiore in eine große Villa mit traumhaft schönem Seeblick. Sein Büro in Frankfurt überlässt er seiner engsten Vertrauten Luisa, mit der ihn eine ganz besondere Beziehung verbindet.
Luisa hat schlechte Nachrichten für ihn und bittet ihn, schnellstens nach Frankfurt zu kommen, weil die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen eines Börsengangs ermittelt.
Philipp, dessen Ehe schon seit Jahren nur noch auf dem Papier besteht, muss sich vor seiner Abreise noch Unterlagen aus seiner Villa holen. Dabei belauscht er ein Gespräch seiner Frau mit einem Unbekannten, das ihn doch sehr beunruhigt.
Silvia, der Philipp bereits gesagt hat, dass er sich von ihr trennen will, versucht alles, um ihren hohen Lebensstandard beizubehalten. Sie hat auch schon einen Plan, wie sie an Philipps großes Vermögen kommen kann.
Philipp spürt, dass Silvia etwas im Schilde führt und ist von nun an besonders wachsam. Die Ereignisse überschlagen sich ...
Silvia kauft ein
»Wie gefällt ihnen denn dieser Mantel?«, fragte die junge Boutique-Verkäuferin mit einem gequält süffisanten Lächeln und reichte ihn schwungvoll der eleganten Dame in die Umkleidekabine. Ohne jedoch den Vorhang zur Seite zu ziehen. Zugleich schaute sie mit einem verdrossenen Blick zu ihrer älteren Kollegin und verdrehte dabei genervt die Augen. Aber so, dass es die Kundin nicht sehen konnte. Dann machte sie ein paar eindeutige Faxen und tippte geräuschlos auf ihre Armbanduhr, um ihrer Kollegin zu signalisieren, dass bereits in wenigen Minuten Feierabend sei. Die amüsiert schauende Kollegin grinste sie mit einem Achselzucken nur verschmitzt an und war bereits dabei, die anprobierte und verstreut herum liegende Ware wieder ins Regal zu räumen. Konnten denn diese exzentrischen Kundinnen, die doch den ganzen Tag nichts anderes zu tun hatten, nicht früher einkaufen gehen? Aber nein, kurz vor Ladenschluss müssen ja diese verwöhnten Ladys unsereins drangsalieren, dachte sie ärgerlich. Denn sie wollte heute zügig fertig werden und den Laden sofort nach Ladenschluss verlassen. Sie hatte sich mit ihrem Mann in einem Restaurant verabredet.
Es war bereits der sechste Mantel, der herbeigeholt wurde und keiner wollte der anspruchsvollen Kundin so recht gefallen.
»Sehr wählerisch, die Dame«, zischte die jüngere Verkäuferin leise ihrer Kollegin im Vorbeigehen zu und zog einen weiteren Mantel aus dem Kleiderständer. »Bitte bringen Sie mir diesen eine Nummer kleiner«, tönte es gleich darauf arrogant aus der Kabine. Ein braun gebrannter ausgestreckter Arm, mit reichlich Schmuck behangen, reichte einen dunkelblauen Kaschmirmantel aus der leicht geöffneten Kabinentür heraus. »Sehr gern, Signora Sandter!«
Sie holte eilig den Mantel in einer kleineren Größe und gab ihn an die Kundin mit einem »Prego Signora« weiter. Kurz darauf öffnete sich mit einem Schwung die Kabinentür und Signora Sandter, eine gepflegte und elegante Mittvierzigerin, trat heraus und schaute sich selbstgefällig im Spiegel an.
»Nun, was meinen Sie? Der sieht doch gut aus, oder?« Dabei drehte sie sich schwungvoll nach allen Seiten und lächelte ihrem Spiegelbild selbstgefällig zu. Ohne eine Antwort auf ihre Frage abzuwarten, meinte sie bestimmt: »Ja, der ist schön, den nehme ich. Bitte legen Sie ihn zu den anderen Sachen und schicken Sie mir alles zusammen nach Hause. Die Adresse haben Sie ja.«
»Sehr gern Signora. Da haben Sie sich ja wieder einmal das beste Stück ausgesucht. Wie immer haben Sie einen exzellenten Geschmack bewiesen«, säuselte die Verkäuferin und nahm den Mantel in Empfang, um ihn zu den anderen, nicht weniger teuren Kleidungsstücken, auf den Tresen zu legen.
Die Kundin reichte ihr ihre Kreditkarte und die übliche Bezahl-Prozedur wurde in der kleinen, exklusiven Boutique durchgeführt.
»Einen schönen Tag noch und beehren Sie uns bald wieder«, flötete sie der Kundin beim Öffnen der Ladentür hinterher und schaute noch einige Sekunden neidisch der eleganten Frau nach, bis diese die Straße überquert hatte.
»So ein Leben wie die möchte ich auch mal haben. Gerade mal so nebenbei viertausend Franken ausgeben. Und alles natürlich nur vom Feinsten«, seufzte sie neidisch und wiegte dabei ihren Kopf hin und her. Schnell schloss sie die Ladentür ab und schaute dabei ihre Kollegin, die bereits im Mantel vor ihr stand, mit einem bedauernden Achselzucken an.
Silvia Sandter war eine auffällige Erscheinung. Stets perfekt und teuer gekleidet, mit einer untadeligen Frisur und nie ohne eines ihrer wertvollen Schmuckstücke.
Dass sie der gehobenen Gesellschaftsschicht angehörte, sah man auf den ersten Blick und sie demonstrierte dies auch gern in der Öffentlichkeit.
Es war ihr wichtig, dass jeder hier in Ascona sie mit gebührendem Respekt behandelte. Niemals sollte man auch nur annähernd vermuten, dass sie vielleicht aus ärmlichen Verhältnissen stammen könnte. Dieser Gedanke war ihr unerträglich.
Für die Leute war sie die schöne Ehefrau von Philipp Sandter, einem wohlhabenden und erfolgreichen deutschen Anlageberater, der mit ihr oben in Ascona, in unmittelbarer Nähe des ›Monte Verità‹, dem Berg der Wahrheit, in einer luxuriösen Villa wohnte und ein äußerst zurückgezogenes Leben führte.
Man tuschelte, dass er sich ganz vom Berufsleben zurückgezogen habe. Aber etwas Genaues wusste niemand so recht. Man war diskret in dieser noblen, italienischsprachigen Ecke der Schweiz, in der so einige Millionäre aus aller Herren Länder ihr Domizil aufgeschlagen hatten. Und alle lebten gut davon. Der Kanton, der die Steuern kassierte, die Handwerker, die immer gut zu tun hatten, wie auch die Geschäftsinhaber der teuren, exklusiven Läden, die gern die Fränkli der Reichen entgegennahmen. Und Habenichtse wollte man hier sowieso nicht haben, die sollten sich besser fernhalten und diesen exklusiven Ort am besten meiden.
Silvia schlenderte langsam durch die engen Gassen der Altstadt von Ascona, bevor sie sich zum Abschluss ihres Einkaufsbummels an einen der kleinen Restauranttische auf der ›Piazza Motta‹ setzte, um in der warmen Herbstsonne noch ein Glas Champagner zu trinken. Sie hatte noch keine Lust nach Hause zu gehen – in ihre Einöde – wie sie ihr neues Domizil gern nannte.
Seit ihrem Umzug vor einem Jahr von Frankfurt nach Ascona lebte sie mit ihrem Mann sehr zurückgezogen. Was sie aber so gar nicht freute.
Sie war eine gesellige Natur, die gern im Mittelpunkt gesellschaftlicher Ereignisse stand und ihr unfreiwilliger Rückzug aus dem Frankfurter Gesellschaftsleben entsprach überhaupt nicht ihren Vorstellungen. Sie nahm es Philipp übel, dass sie beide seit ihrem Umzug keine Einladungen mehr ausgesprochen hatten. Er sträubte sich auch gegen jegliche Versuche ihrerseits, Einladungen anzunehmen. Geschweige denn, selbst welche auszusprechen. Lediglich die umliegenden Nachbarn durfte sie nach längerem Lamentieren auf einen kleinen Begrüßungsschluck einladen. Aber es waren alles nur ältere Leute, die schon sehr lange hier wohnten und deshalb für sie nicht von Interesse. Sie verstand Philipp überhaupt nicht und sehnte sich zurück nach Frankfurt. Dort hatte sie ihren eigenen Freundeskreis, unabhängig von ihrem Mann, der fast immer nur in Geschäften unterwegs war.
Sie war Mitglied im Golf- und Tennisklub, wenn auch in beiden Sportarten nicht besonders erfolgreich. Aber das Klubleben bot ihr zwangsläufig die gesellschaftliche Abwechslung, die sie brauchte. Die vielen Feste und die kleineren Flirts mit den männlichen Mitgliedern waren für sie das Lebenselixier, das sie beflügelte. Auch die eine oder andere Affäre hatte sich hier angebahnt. Sie brauchte die Bewunderung der Männer und eine Bestätigung dafür, begehrt zu werden. Das alles vermisste sie schmerzlich, seit sie hier an den See gezogen waren. Aber sie hatte keine andere Wahl, wollte sie nicht auf all den Luxus verzichten.
Philipp hatte sich schon seit einiger Zeit sehr verändert. Er konnte und wollte ihr das alles nicht mehr bieten. Sie verstand ihn immer weniger.
Als sie Philipp kennenlernte, war sie vierundzwanzig Jahre alt und anfangs tatsächlich in ihn verliebt. Wenn sie auch heute nicht mehr genau sagen konnte, wen sie mehr geliebt hatte, ihn oder sein Geld.
Er war zwanzig Jahre älter als sie, war damals vierundvierzig Jahre alt und sah wirklich sehr gut aus. Groß, leicht ergraute Schläfen, schöne braune Augen und stets sehr gepflegt. Wenn er sie mit seinem Jaguar von ihrer damaligen Firma abholte, in der sie als zweite Sekretärin beschäftigt war, spürte sie die neidischen Blicke ihrer Kolleginnen, die ihr vom Fenster aus nachsahen. Zur anfänglichen Verliebtheit kam jedoch schon bald die Berechnung und ihr war klar, dass sie sich diesen Mann unbedingt angeln musste. Sie hatte sicherheitshalber ein bisschen nachgeholfen und heimlich die Pille abgesetzt. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass sie kurz darauf schwanger wurde. Genauso hatte sie sich das vorgestellt. Und ihr Plan sollte aufgehen.
Philipp fiel anfangs aus allen Wolken und war sehr überrascht. Ja fast schockiert. Natürlich hatte er vorausgesetzt, dass Silvia die Pille nahm. Trotzdem machte er ihr, wie von ihr kalkuliert, einen Heiratsantrag und es gab für sie kein Halten mehr. Diesen Mann wollte sie heiraten und endlich so leben, wie es sich für sie gehörte. Luxuriös und ohne Sorgen für die Zukunft.
Dass sie im sechsten Monat eine Fehlgeburt hatte, konnte sie schließlich nicht vorhersehen, aber es kam ihr nicht ungelegen, da sie eigentlich überhaupt keine Kinder haben wollte und ihre Schwangerschaft nur ein Mittel zum Zweck war. Und dieser Zweck war erfüllt. Philipp hatte sie aus Anstand geheiratet, wie sie anfangs dachte.
Nach ihrer Fehlgeburt merke sie aber sehr schnell, dass auch ihm Kinder unwichtig waren. Mittlerweile wusste sie, das hatte er ihr in einem Streit gesagt, dass er sie nur geheiratet hatte, weil er ein junges, hübsches und repräsentatives Aushängeschild als Geschäftsmann brauchte, das er auf Veranstaltungen und Partys vorzeigen konnte. Sozusagen als schmückendes Beiwerk zu seiner Person. Schließlich war sie damals, wie auch heute, eine wunderschöne Frau, nach der sich nicht nur die Männer umdrehten. Seine Liebe zu ihr hielt sich demnach in Grenzen und sie war sich nicht sicher, ob er sie überhaupt jemals geliebt hatte. Er sah in ihr die attraktive Frau an seiner Seite, die ihm den ganzen unangenehmen Kleinkram der unvermeidlichen privaten Dinge abnahm.
Sie bekam ein großzügiges Budget, um den Haushalt zu führen und die Villa, mit nobler Frankfurter Adresse, zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt für wichtige und einflussreiche Leute zu machen. Das erwartete Philipp von ihr. Sie musste funktionieren und repräsentieren, und das tat sie auch.
Er dagegen lebte bis zu ihrem Umzug nach Ascona ganz und gar für seinen Beruf. Er kam immer sehr spät nach Hause und war nur darum bemüht, immer noch mehr Geld zu machen, was ihm auch reichlich gelang.
Obwohl Silvia sehr eitel war und es an ihrem Image kratzte, dass er ihr nicht restlos verfallen war, war es ihr mehr und mehr egal, was er für sie empfand. Solange sie nur tun und lassen konnte, was sie wollte. Hauptsache es ging ihr gut und sie konnte all die schönen Dinge kaufen, die ihr gefielen. Nie wollte sie, wie früher, jeden Pfennig dreimal umdrehen.
Sie war vaterlos aufgewachsen. Ihr Erzeuger hatte sich schon vor ihrer Geburt aus dem Staub gemacht und sich nie wieder sehen lassen. So flossen auch keine Alimente. Und ihre Mutter, die damals noch sehr jung war und nur eine schlecht bezahlte Stelle als Sachbearbeiterin in einer Versicherung hatte, musste sehen, wie sie mit ihrem unehelichen Kind über die Runden kam. Sie lebte mit ihr in einer kleinen Sozialbauwohnung am Rande der Stadt.
Stets war das Geld knapp und die schönen Dinge, für die sie sich schon immer begeistern konnte, waren unerreichbar. Nie konnte sie mit ihren Klassenkameradinnen mithalten, die fast ausnahmslos aus einem guten Elternhaus stammten und stets die angesagten Klamotten trugen. Das war wohl mit einer der Gründe, warum sie zwei Jahre vor dem Abitur die Schule verließ und eine Sekretärinnen-Schule besuchte, um möglichst schnell an eigenes Geld zu kommen.
»Sieh zu, dass du mal reich heiratest und dass es dir nicht so wie mir ergeht«, war der Standardsatz ihrer Mutter, seit Silvia in die Pubertät kam. Deshalb war ihre Freude besonders groß, als Silvia ihr Philipp als zukünftigen Schwiegersohn vorstellte. Das war genau das Leben, das sie sich für ihre Tochter gewünscht hatte. Und ein bisschen profitierte sie ja auch davon, denn Philipp überwies ihr ein monatliches Taschengeld, von dem sie allein schon ihre Miete bezahlen konnte. Und nun waren sie schon genau zwanzig Jahre verheiratet. Langweilige Ehejahre, wie sie sich eingestand.
Philipp entpuppte sich von Jahr zu Jahr mehr zum Eigenbrötler, der lieber in einer Ecke saß und irgendwelche Wirtschaftsnachrichten oder wissenschaftliche Abhandlungen las, als sich um seine junge Frau zu kümmern. Offensichtlich hielt er recht wenig von ihrer Gesellschaft und Meinung und sein häufigster Satz war: »Das verstehst du doch sowieso nicht.« So hatten sie sich im Laufe der Jahre immer mehr voneinander entfernt und lebten nebeneinander her. Jeder machte einfach das, was er wollte. Dann kam Philipp plötzlich völlig unerwartet mit seinen Umzugsplänen nach Ascona. Ohne sie vorher zu fragen, hatte er bestimmt, dass sie demnächst in den italienischen Teil der Schweiz umziehen würden. »Wenn du nicht mitkommst, kannst du ja allein hierbleiben«, war seine lapidare Antwort auf ihr Gejammer.
Das käme einer Scheidung gleich, das war ihr sofort klar. Er sagte das ohne Emotionen, knallhart. Und dies nach all den vielen Jahren; in denen sie ihm ihre Jugend geopfert hatte.
Das Dumme an der Sache war nur, dass sie vor ihrer Heirat einen Ehevertrag abgeschlossen hatten und ihr demnach nach einer Scheidung nur ein monatliches Almosen zustand. Auf jeden Fall würde sie von diesen Zahlungen ihren derzeitigen Lebensstandard nicht halten können und drastische Abstriche machen müssen. Das passte ihr natürlich überhaupt nicht in den Kram und sie wollte eine Scheidung auf jeden Fall verhindern. Also fügte sie sich seinen Plänen und zog mit ihm in den Süden der Schweiz.
Philipp und Luisa
Der lange Klingelton ertönte nun schon zum fünften Mal und niemand nahm den Hörer ab.
Merkwürdig, dachte Philipp Sandter und legte enttäuscht auf. Luisa müsste eigentlich um diese Zeit zu Hause sein. Er wollte ihr mitteilen, dass er am Mittwochabend wieder in Frankfurt sein werde und sie am Abend noch gern sehen wollte. Seit er in Ascona wohnte, trafen sie sich in regelmäßigem Rhythmus in Frankfurt in seiner neuen Maisonettewohnung, die er als deutschen Wohnsitz gekauft hatte und von der Silvia nichts wusste. Er hasste Hotels und das ganze Brimborium, das in diesen Häusern herrschte. Er wollte in Ruhe gelassen werden und ungestört seinen Geschäften nachgehen. Ohne von übereifrigen Bediensteten belästigt zu werden. So hatte er sich alles Notwendige für ein gut funktionierendes Büro in dieser luxuriösen Wohnung einbauen lassen. Luisa kümmerte sich um die Reinigung, füllte seinen Kühlschrank nach und bereitete alles für einen angenehmen Aufenthalt vor.
Silvia hatte nach ihrem Umzug nach Ascona nie danach gefragt, wo eigentlich seine neuen Büroräume lagen. Es interessierte sie nicht die Bohne.
Was Luisa anbetraf, hatte er große Schuldgefühle, die ihn einfach nicht losließen und deren er sich mächtig schämte. Luisa war die Tochter seiner ehemaligen Freundin Eva, die als angesehene Journalistin arbeitete. Sie hatten vor vielen Jahren eine kurze, aber stürmische Affäre, die Eva plötzlich abrupt abbrach, als sie das Angebot eines bekannten Modemagazins aus Hamburg erhielt. Seine Trauer war nur von kurzer Dauer, denn damals ging auch seine Karriere steil nach oben und die Auswahl an schönen Frauen war groß. Er tröstete sich schon bald mit einer anderen und Eva war schnell vergessen.
So war er sehr überrascht, als sich Eva nach so vielen Jahren wieder bei ihm meldete. Er hatte ihren Werdegang sporadisch verfolgt und wusste, dass sie die Karriereleiter steil nach oben geklettert war und an der Spitze einer großen Redaktion stand.
Sie erzählte ihm von ihrer Tochter, die nach ihrem Wirtschaftsstudium gern an der Börse arbeiten würde und einer Anlaufstelle suchte. Da sei er ihr wieder eingefallen. Deshalb fragte sie unverbindlich an, ob er eventuell etwas für Luisa, so hieß die Tochter, tun könne.
Es wurde ein langes, freundschaftliches Telefonat, in dem all die vergangenen Jahre in Kurzform abgehandelt wurden und Philipp zum Schluss gern seine Bereitschaft signalisierte, Luisa helfen zu wollen. Sie machten einen Termin für Luisa in seinem Büro aus und versprachen, sich bald einmal zu treffen.
So trat Luisa in sein Leben und wurde schon bald seine beste Mitarbeiterin und rechte Hand, auf die er sich hundert Prozent verlassen konnte. Mit ihrer freundlichen und verbindlichen, und vor allen Dingen kompetenten Art war sie auch bei allen Mitarbeitern eine sehr beliebte und angesehene Kollegin.
Als er Luisa auch privat etwas näher kam, war sie schon über ein Jahr bei ihm angestellt. Er mochte diese hübsche Person von Anfang an. Ihr frisches und natürliches Wesen gefiel ihm und er schätzte ihre Diskretion, Zuverlässigkeit und Intelligenz. Eines Tages, sie hatten gerade einen ganz besonders lukrativen Coup gelandet, feierte er mit seinen Mitarbeitern diesen äußerst erfolgreichen Tag. Luisa ließ für alle vom gegenüberliegenden Italiener kleine Leckereien mit Champagner anliefern. Alle beglückwünschten sich gegenseitig zu dem guten Geschäft und prosteten sich ausgelassen zu. Es war wieder einmal ein Siegertag für sein Büro, so ganz nach seinem Geschmack.
Luisa war an diesem großartigen Ergebnis nicht unbeteiligt. Sie hatte ihm wertvolle Informationen erarbeitet und gute Vorarbeit geleistet. Er fand es deshalb angemessen, sie an diesem Abend in ein teures Restaurant einzuladen. Zuvor teilte er ihr mit, dass er ihr Gehalt ab nächsten Ersten deutlich erhöhen wolle.
Luisa freute sich sehr und reagierte allerdings unerwartet. Sie lud ihn stattdessen kurz entschlossen zu sich nach Hause ein und wollte ihm bei dieser Gelegenheit ihre neue Wohnung zeigen und für sie beide etwas kochen. Sie habe alles im Haus und sei eine ausgezeichnete Köchin, versprach sie lächelnd.
»Einverstanden – ich rufe nur noch kurz meine Frau an und sage, dass ich etwas später komme«, sagte er und freute sich über die Einladung.
Sie waren mittlerweile schon so vertraut im Umgang miteinander, dass es ihn wirklich interessierte, wie Luisas Privatleben aussah. Schließlich verbrachte er mit ihr die meiste Zeit in seinem Büro und Luisa wusste mehr über ihn, als seine Frau je über ihn wusste. Der Abend entwickelte sich jedoch völlig unerwartet. Zuerst zeigte ihm Luisa ihre kleine, gemütlich eingerichtete Zwei-Zimmer-Wohnung in einer schicken Wohnanlage, ganz in der Nähe ihres Büros, und schaute sich dann den Inhalt ihres gut gefüllten Kühlschrankes an.
»Ich könnte uns Saltimbocca mit Fettuccine machen. Dazu einen Salat, und zum Nachtisch hätte ich Zitroneneis. Magst du das?«
»Bestens – ich mag italienisches Essen sehr«, freute sich Philipp.
Während sie in Windeseile mit geschickten Handgriffen ein köstliches Mahl zubereitete, füllte er die bereitstehenden Gläser mit Rotwein und schaute ihr beim Kochen vom Tresen aus zu.
Die ungezwungene Atmosphäre, das gute Essen und der reichlich geflossene Wein, waren wohl ursächlich dafür verantwortlich, dass der schöne Abend in Luisas Armen endete. Aber nein, es war mehr. Es war die Wärme und echte Zuneigung, die er bei Luisa spürte und ihr schöner, junger Körper, der sich ihm bedingungslos hingeben wollte.
Aber trotz seines großen Begehrens verlief der Abend anders, als er es sich gewünscht hatte. Sein kleiner Freund verweigerte sich aus unerklärlichen Gründen, sodass es nur zu ein paar Zärtlichkeiten zwischen ihnen kam, was ihm damals natürlich sehr peinlich war.
Aber Luisa zeigte sich sehr verständnisvoll und versuchte, der Situation alle Peinlichkeit zu nehmen. Für Philipp war das eine völlig neue Erfahrung, denn bei seinen bisherigen Affären, und da kamen schon einige zusammen, war ihm das noch nie passiert. Es kratzte schon sehr an seinem Ego. Schließlich war er noch in den besten Jahren. Mit seinem Geld und seinem Einfluss flogen ihm die Frauen nur so zu, denn nichts war für ein bestimmtes Klientel von Frauen anziehender als Macht und Geld. Sie umschwärmten ihn wie Motten das Licht.
»Wenn du mich nur fest im Arm hältst, bin ich schon glücklich«, sagte sie und schmiegte sich zärtlich an ihn.
Sie gestand ihm, bereits seit Längerem hoffnungslos in ihn verliebt zu sein, und verstand es durch ihre liebevolle Art, ihn ganz für sich zu gewinnen.
Sie war so anders als Silvia, die großen Wert auf Äußerlichkeiten legte, von einer Party zu anderen wanderte und stets den großen Auftritt suchte. Luisa war frei von solchen Oberflächlichkeiten. Sie hatte eine sehr natürliche Schönheit und Ausstrahlung, war klug und belesen und war – trotz aller Professionalität im Beruf – ein Mensch, der das einfache Leben und den Sinn hinter den Dingen suchte. Philipp konnte sich bei ihr völlig gehen lassen. Er schätzte es, ungezwungen und ohne irgendwelche Verpflichtungen und Ansprüche mit ihr die Abende zu verbringen.
Obwohl seine Potenzprobleme anhielten und er bereits einen Arzttermin vereinbart hatte. Er war Luisa dankbar für Ihre verständnisvolle Art und wollte ihr unbedingt eine Freude bereiten.
»Ich habe für dich eine hübsche 3-Zimmer-Wohnung im Westend gekauft«, überraschte er sie eines Tages. Luisa verschlug es die Sprache. Sie freute sich wie ein Kind. Trotzdem machte es sie sogleich traurig, denn damit war für sie klar, dass er in ihr immer nur die Geliebte sehen würde und mehr – vielleicht eine Scheidung – nicht in Betracht zog. Obwohl er, da war sie sich sicher, seine Frau nicht liebte. Er hatte ihr selbst einmal gesagt, dass er überhaupt nicht mehr wisse, warum er Silvia eigentlich geheiratet habe.
In dieser erst kurz währenden wunderbaren Zeit der Verliebtheit folgte dann plötzlich die Katastrophe, die er bis heute nicht verarbeitet hatte.
Der Fremde
Silvia schaute auf ihre kostbare Armbanduhr. Es war kurz nach Ladenschluss. Sie zahlte und wollte noch im Zeitschriftenladen, der meistens etwas länger auf hatte, ein paar Klatschmagazine einkaufen. Sie las die Storys in diesen Zeitschriften mit Vorliebe, zumal sie einige der sogenannten Promis persönlich kannte und so wenigstens aus der Ferne etwas am Schickimicki-Leben teilhaben konnte.
Sie rückte ihren Stuhl beiseite und stieß versehentlich mit der Lehne an den Rücken des Herrn vom Nachbartisch.
»O, entschuldigen Sie bitte«, sagte sie höflich und erschrak nicht wenig, als sich der sportlich gekleidete und gut aussehende Mann zu ihr umdrehte.
»Das macht doch gar nichts, gnädige Frau«, lächelte ihr Peter Struwe entgegen und man konnte ihm seine Bewunderung für ihre Erscheinung an den Augen ablesen.
Silvia stand für einige Sekunden völlig regungslos da und starrte ihn an.
»Äh, o, ich ...«, stotterte sie. »Entschuldigen Sie, aber mir hat es im Moment die Sprache verschlagen. Sie müssen nämlich wissen, dass sie meinem Mann zum Verwechseln ähnlich sehen. Nur ihre Haare sind wesentlich dunkler und länger und vielleicht ihre Nase, die dürfte etwas länger sein.«
»Dann sind Sie ja ganz besonders zu beglückwünschen, gnädige Frau – zu so einem attraktiven Mann«, ulkte Peter Struwe und lächelte sie verschmitzt an.
»Darf ich Sie vielleicht auf einen Drink einladen, damit wir feststellen können, ob ich auch noch anderweitig Ihrem Mann ähnlich bin?«
Silvia schaute etwas unschlüssig auf ihre mit Diamanten besetzte Uhr und nickte. »Warum eigentlich nicht«, sagte sie und kam auf ihn zu. Sofort sprang er auf und hielt ihr einladend, ganz Gentleman, den nebenstehenden Stuhl hin.
Sie bestellte noch einmal ein Glas Champagner und prostete dem Unbekannten freundlich zu, nicht ohne ihn verstohlen genau zu mustern.
»Salute, vielen Dank für die Einladung. Darf ich fragen, was Sie hier in Ascona machen?«
Peter Struwe lächelte sie gewinnend an. Er war bestens für derlei Fragen gewappnet. Schließlich war er seit langer Zeit auf ähnliche Situationen vorbereitet und hatte deren Antworten aus erprobter Praxis umgehend parat.
Als arbeitsloser Schauspieler, mit nur wenig Aussicht auf ein Engagement, war er noch vor einigen Jahren finanziell fast am Ende. Unbeabsichtigt und völlig unvorbereitet geriet er jedoch in ein außergewöhnliches Fahrwasser, das ihm neue Geldquellen und ganz neue Perspektiven für die Zukunft erschloss.
Er besuchte damals die Vernissage eines Freundes, der Maler war und seine erste Ausstellung hatte. Dort lernte er Elisabeth, eine reiche, nicht gänzlich unattraktive achtundfünfzigjährige Witwe kennen. Ihre Blicke waren eindeutig. Er spürte sofort, dass sie sich sehr für ihn interessierte, nicht als Künstler, sondern als Mann, und er ließ sich schon sehr bald auf eine Liaison mit ihr ein. Nicht zuletzt deshalb, weil er damals ziemlich verzweifelt war und nicht wusste, wie er seine nächste Miete bezahlen sollte. So griff er nach jedem Strohhalm, der sich ihm bot, um seine brenzlige Situation zu entschärfen. Und Elisabeth stellte keine großen Ansprüche an ihn. Sie war froh und glücklich, dass Peter sich für sie interessierte und er etwas Abwechslung in ihre Einsamkeit brachte. Sie überschüttete ihn mit teuren Geschenken, denn endlich hatte sie wieder einen Mann an ihrer Seite, der nicht nur das Bett mit ihr teilte, sondern mit dem sie auch wieder am gesellschaftlichen Geschehen teilhaben konnte.
Es entwickelte sich schon bald eine vertraute und kameradschaftliche Beziehung zwischen ihnen, die ihm am Ende ein kleines Vermögen einbrachte. Nicht nur, dass er kostenlos in der gemeinsamen Zeit bei ihr wohnen konnte. Nein, er hatte es schließlich problemlos geschafft, dass sie ihm ein größeres Darlehen für eine angebliche Theaterproduktion vorstreckte. Die hatte er ihr in den schillernsten Farben anschaulich ausgemalt. Zum Glück alles ohne Vertrag, denn Elisabeth verunglückte in Norditalien auf tragische Weise tödlich, als sie mit einem voll besetzten Reisebus zu einer Studienreise nach Rom unterwegs war. Mit ihr starben zwanzig weitere Personen und viele Schwerverletzte wurden in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert.
Die Gazetten berichteten tagelang von diesem furchtbaren Ereignis. Da alles so plötzlich passierte, gab es niemanden in der weitläufigen Verwandtschaft, der von der geliehenen Summe etwas wusste, geschweige denn, sie von ihm zurückverlangte. Dieses Aha-Erlebnis war für ihn der Beginn einer erfolgreichen und recht rentablen Gigolo-Karriere. Sie ermöglichte es ihm immerhin, heute hier in Ascona in der Herbstsonne zu sitzen und in einem der teuren Hotels an der Piazza zu wohnen. Seine letzte Affäre mit Eleonore Grütter allerdings verursachte ihm noch etwas Magenschmerzen, denn auch diese Geliebte hatte ihm ein angebliches Theaterprojekt finanziert. Eines Tages wollte sie doch tatsächlich Einblick in alle Unterlagen haben. Das musste er natürlich verhindern. So sah er nur einen unvermeidbaren Ausweg aus dieser brenzligen Situation.
Er vereinbarte einen romantischen Abend mit Eleonore. Mit Kerzenschein und reichlich Alkohol, von dem sie meist schon morgens ihren üblichen Level intus hatte. Diese Tatsache nutze er schamlos aus und es war ein Leichtes für ihn, sie gezielt und relativ schnell völlig betrunken zu machen. Dieser Zustand führte dazu, dass sie, mit einem Tablett in der Hand, unglücklich stolperte und die steile Treppe hinunterstürzte und sich dabei das Genick brach. Welch ein Pech für die Dame, dachte er boshaft und entfernte sich schnellstens ungesehen vom Ort des Geschehens. Aber zuvor entfernte er noch jegliche Indizien seines Besuches und durchsuchte zur Sicherheit noch ihren Aktenschrank nach seinem Schuldschein, den er ihr vor Übergabe des Geldes unterschreiben musste. Damit war für ihn die Sache erledigt.
Aber so langsam wurde es wieder Zeit, dass er sich nach einer neuen Geldquelle umsah. Denn seine Spesen waren hoch und sein Kontostand war bedenklich geschrumpft.
Diese Dame, die ihm hier gegenüber saß, war nicht nur besonders attraktiv, sie sah außerdem auch nach sehr viel Geld aus und war einem kleinen Flirt offenbar nicht abgeneigt. Er konnte förmlich ihr Geld riechen und das Jagdfieber, das ihn in letzter Zeit jedes Mal vor einem neuen Abenteuer erfasste, erregte ihn auf eine merkwürdige Art und Weise. Er verspürte ein Kribbeln bis in die Haarspitzen. Kein Drehbuch konnte in ihm eine solche Spannung hervorrufen und ein erfolgreich verlaufener Coup verschaffte ihm eine ganz ungewöhnliche Befriedigung; so ganz ohne Folgen für ihn.
So war er in diesem Moment Schauspieler und Regisseur zugleich und rezitierte überzeugend den Text seiner Rolle als Gigolo, die nun schon seit einigen Monaten auf seinem privaten Spielplan stand.
»Ich möchte mich einige Tage hier erholen, gnädige Frau. Sie müssen wissen, ich bin Schauspieler und hatte in letzter Zeit einfach zu viele Engagements«, log er. »Ich nehme mir eine kurze Auszeit von der Bühne. Da erschien mir Ascona, auch wegen des schönen Wetters und der schönen Umgebung, genau die richtige Wahl. Und wenn man dann noch so einer schönen Frau gegenüber sitzt, ist das bereits die reinste Erholung«, schmeichelte er.
»Schauspieler – das ist ja sehr interessant. Sind Sie am Theater oder bei Film und Fernsehen?«
»Mal hier mal da. Zuletzt habe ich unter Claus Peymann in Berlin gespielt«, log er erneut und betonte dies mit einem gewissen Stolz in der Stimme, die auch Unwissenden klar machte, dass es sich hier um ganz große Kunst handelte.
Silvia nickte begeistert, obwohl sie sich in Theaterfragen nicht besonders gut auskannte. Einen Schauspieler hatte sie bisher noch nicht persönlich kennengelernt. Aber irgendwie fand sie das äußerst interessant und es schmeichelte ihr, mit einem Künstler an einem Tisch zu sitzen. Und wie charmant er war. Kein Vergleich zu Philipp, wenn auch die Ähnlichkeit frappierend war.
»Darf ich fragen, was Sie nach Ascona verschlagen hat? Sie sind doch offensichtlich auch Deutsche. Ich vermute aus dem Hessischen?«
»O, mein Gott! Hört man das leider immer noch«, lachte Silvia. »Natürlich, Sie als Schauspieler haben da bestimmt ganz feine Ohren. Richtig. Ich komme aus Frankfurt und bin vor einem Jahr mit meinem Mann fest hier nach Ascona gezogen. Dort oben auf dem Hang haben wir unser Haus.« Dabei deutete sie auf die exklusiv bebaute Hanglage ganz oben am Berg.
»Dort oben, rechts am Steilhang, ziemlich weit oben am ›Monte Verità‹.«
»Da haben Sie sicher einen wunderschönen Blick. Ich bin erst gestern hier angekommen und kenne die Gegend noch nicht. Aber, was ich bis jetzt gesehen habe, begeistert mich sehr.«
»Ja es ist wunderschön hier. Und meistens schönes Wetter. Aber ich vermisse Frankfurt trotzdem arg. Einfach wegen der alten Freunde, wissen Sie. Wir leben hier leider sehr zurückgezogen. Mein Mann möchte das so«, sagte sie achselzuckend mit einem bedauernden Lächeln.
»Wie machen Sie das denn mit Ihren Kindern, mit Schule und so weiter?«
»Wir haben keine Kinder, es sollte wohl nicht sein.«
»Ach so. Und ihr Mann, der wird doch sicher noch berufstätig sein. Darf ich fragen, welchen Beruf er hat?«
»Mein Mann ist Anlageberater. Er hat sein Büro in Frankfurt aber fast ganz aufgegeben und arbeitet jetzt nur noch von hier aus. Alles per Computer, verstehen Sie. Er ist online mit allen wichtigen Partnern verbunden und arbeitet nur noch für ganz wenige Klienten. Sie müssen wissen, er ist schon vierundsechzig Jahre alt und will so allmählich aufhören und nur noch privat etwas spekulieren.«
»O, da haben Sie ja einen wesentlich älteren Mann. Das dürfte für Sie als junge Frau vielleicht etwas langweilig sein, ohne Freunde und Ablenkungen der Großstadt?«
»Du meine Güte, sieht man mir die Langeweile schon an!«, lachte Silvia.
»Wenn Sie erlauben, stehe ich Ihnen jederzeit gern für Unternehmungen zur Verfügung.«
Peter lächelte sie vielversprechend an und schaute ihr dabei tief in die Augen. Silvia, die seinen Blick, ohne verlegen wegzuschauen, erwiderte, verspürte endlich wieder dieses prickelnde Gefühl, das sie schon so lange Zeit vermisst hatte. Warum denn nicht, dachte sie erregt. Endlich wieder eine Gelegenheit, der Tristesse des Alltags zu entfliehen und ihre langsam verkümmernde Liebeslust neu zu beleben. Und eine Affäre mit einem Schauspieler, die hatte für sie etwas Verruchtes, ja Unkonventionelles. Philipp würde bestimmt nichts merken. Sollte er doch hinter seinen blöden Börsenkursen und Büchern verschimmeln!
»Wirklich«, antwortete sie deshalb, »das wäre natürlich ein verlockendes Angebot. Es gibt viele Dinge, die ich bisher noch nicht unternommen habe und für die mein Mann keinerlei Interesse zeigt. So würde ich gern einmal ins ›Teatro del gatto‹ gehen - in eine deutsche Vorstellung. Allein macht das aber keinen Spaß! Und die Musikwoche in Ascona mit dem Radio-Sinfonieorchester Berlin würde mich auch interessieren.«
Sie hatte extra anspruchsvollere Veranstaltungen angesprochen, um ihrem Gegenüber zu signalisieren, dass er es durchaus mit einer kulturell interessierten Person zu tun hatte. Obwohl sie derlei Dinge eigentlich nicht besonders interessierten.
Zum Glück hatte sie erst vor einigen Tagen diese Programmpunkte in dem aktuellen Prospekt des Touristenbüros gesehen.
»Sehr gern. Wenn Sie mir sagen, wo ich Karten besorgen kann, werde ich mich umgehend darum kümmern«, meinte Peter begeistert.
Silvia dachte kurz darüber nach, ob es vielleicht verfänglich wäre, wenn sie ihm ihre Adresse mitteilte und gab ihm nach einigem Zögern jedoch kurz entschlossen ihre Visitenkarte mit Handynummer.
»Auf dieser Nummer können Sie mich immer erreichen. Ich muss zu Hause erst einmal nachsehen, wann und wo etwas stattfindet. Vielleicht kommen Sie auf ein Glas Wein bei mir vorbei, dann können wir alles Weitere besprechen. Mein Mann verreist übrigens Mitte dieser Woche für zehn Tage nach Frankfurt«, fügte sie mit einem vieldeutigen Lächeln hinzu.
»Wunderbar! Ich werde Sie sehr gern einmal besuchen und mir Ihr sicherlich wunderschönes Haus ansehen – wenn ich Rückschlüsse vom Ihrem geschmackvollen Stil auf das Ambiente Ihres Haus ziehen darf.«
Peter machte dabei eine weitschweifende Handbewegung, die Silvias Erscheinung komplett mit einschloss und registrierte zufrieden, dass sie sich äußerst geschmeichelt fühlte.
Wie einfach es doch ist, mit wenigen Worten und Gesten eine Frau für sich zu gewinnen, dachte er. Und wie so oft in solchen Situationen, fiel ihm wieder seine Mutter ein. Sie hatte als junge Kriegerwitwe viele Männer im Schlepptau mit nach Hause gebracht, immer in der Hoffnung, wieder einen Mann an sich binden zu können. Auch sie hatte die Worte ihrer Verehrer in sich aufgesogen und für bare Münze genommen. Der jeweilige Onkel wurde ihm von der Mutter immer in den höchsten Tönen beschrieben. Doch meistens stellte er sich als Blödmann heraus, der ihre Mutter nur ausgenutzt und ihn nur möglichst schnell aus dem Wege haben wollte. Er musste an solchen Abenden immer sein Zimmer aufsuchen und durfte es bis zum nächsten Morgen nicht mehr verlassen. Wie sehr hatte er seine Mutter für alle die vielen Männer gehasst. Er fühlte sich dann immer von ihr verraten und verkauft, da sie meist Partei für ihren jeweiligen Liebhaber ergriff und er zurückstecken musste. Das konnte er ihr bis heute nicht verzeihen. Sie war nun eine alte, verbitterte Frau, mit der ihn nur noch wenig verband und die er schon seit Langem nicht mehr besucht hatte. Aus Kostengründen lebte sie seit Jahren mit ihrer Schwester in einer Wohngemeinschaft, die ebenfalls Witwe war. Sie teilten sich die Haushaltskosten und kamen so mit ihren bescheidenen Renten einigermaßen über die Runden.
Er taxierte sein Gegenüber mit kompetentem Blick und hatte das unbestimmte Gefühl, dass ihm hier ein wertvoller Fisch an die Angel geraten war, der sich offensichtlich mit einem viel zu alten Ehemann langweilte. Der Dame kann geholfen werden!, dachte er zufrieden und versprach, sich schon morgen bei ihr zu melden. Zuvor wollte er aber nachsehen, wo Silvia wohnte, um zu wissen, was ihn erwartete. Vielleicht konnte er das Haus von außen inspizieren und sich so ein besseres Bild machen. Schließlich wollte er keine Katze im Sack kaufen.
Silvia verabschiedete sich aufgekratzt und voller Vorfreude auf das nächste Treffen. Peter schaute ihr lange hinterher, nicht ohne ihre Formen ausgiebig mit den Augen abzutasten. Nicht schlecht Herr Specht, die Dame macht mir Appetit, dachte er. Ihre schönen langen Beine in den hohen, teuren High Heels, schritten zielstrebig dem großen Parkplatz am Ende der Piazza entgegen. Sie spürte, dass sein Blick ihr folgte. Deshalb war sie bemüht, sich besonders elegant und sexy zu bewegen. Verstohlen schaute sie kurz zurück und sah, dass er ihr doch tatsächlich freundlich nachwinkte. Eins zu Null für mich!, dachte sie und lächelte zufrieden vor sich hin.
Evas Anruf
Eva rief Philipp an und bestand auf einem schnellen Treffen in Hamburg. Sie müsse ihm unbedingt persönlich einige sehr wichtige Dinge mitteilen, die keinen Tag länger aufgeschoben werden könnten. Ihre Stimmung war so bedrückt und trotzdem fordernd, dass er bereits am nächsten Tag das Flugzeug nach Hamburg nahm.
Als er Eva in Hamburg in ihrer Penthousewohnung aufsuchte, erschrak er heftig über ihr Aussehen. Sie war sehr dünn geworden und hatte eine durchsichtig schimmernde Haut. Ihr Haar wurde von einem Turban verdeckt und sie sah sehr krank aus.
Von der strahlend schönen Frau, die er im Gedächtnis hatte, war nur noch ein Schatten übrig geblieben.
Eva saß auf ihrem Sofa im Wohnzimmer in Decken gehüllt und schaute ihn traurig aus großen, tief liegenden Augen an. Ihre Haushälterin stellte Kaffee und Gebäck auf den Tisch und entfernte sich geräuschlos und diskret.
Anfangs sprachen sie über einige belanglosen Dinge, bis Eva plötzlich auf den Kern ihres Anliegens kam. Sie erzählte ihm ohne Sentimentalitäten, dass sie erst seit Kurzem wisse, dass sie Lungenkrebs im Endstadium habe. Dass auch keinerlei Heilungschancen mehr bestehen würden und eine Operation nicht mehr infrage käme. Es hatten sich bereits vor der Diagnose weitere Karzinome auf mehrere Körperteile ausgebreitet. Sie habe zwar bereits einige Chemotherapien erhalten, aber es sei aussichtslos und mittlerweile lebe sie nur noch von Morphium. Eva hustete fürchterlich und sah ihn mit trüben Augen an.
Dann sagte sie ihm, dass sie es Luisa aber noch nicht mitgeteilt habe und jetzt nur noch wenig Zeit bliebe, ihm über wichtige Dinge die Wahrheit zu sagen.
»Ich habe aus vielen Gesprächen, die ich in letzter Zeit mit Luisa geführt habe, herausgehört, dass sie dir sehr zugeneigt ist und dich sehr verehrt. Ich glaube, dass sie fast ein wenig in dich verliebt ist. Damit auf keinen Fall aus eurer Beziehung mehr wird, muss ich dir unbedingt die Wahrheit sagen, solange ich noch dazu Zeit habe.«
Eva hustete erneut und man sah ihr an, wie sehr sie alles anstrengte.
Philipp schaute Eva verständnislos an.
»Wie meinst du das denn?«, fragte er angespannt. Ihre erste Mitteilung über ihren Krebs hatte ihn schon genug beunruhigt.
Eva atmete tief ein und Philipp hatte den Eindruck, dass sie all ihre Kraft zusammen nahm.
»Es mag dich jetzt vielleicht wie ein Schlag treffen, aber es muss gesagt werden. Du bist Luisas Vater!«
Philipp erstarrte. Ihre Worte trafen ihn wie ein Blitzschlag mitten ins Herz. Er war unfähig etwas zu sagen.
»Tut mir Leid Philipp, dass ich dich so unvorbereitet mit dieser Tatsache konfrontieren muss. Aber anders hätte ich es dir nicht sagen können. Es war ein Fehler, dass ich Luisa zu dir geschickt habe. Es war unüberlegt und dumm von mir. Aber es ist geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen. Und jetzt, wo ihr euch kennengelernt habt und Luisa so von dir schwärmt, musste ich es dir sagen, das verstehst du doch?«
»Aber warum hast du mir das damals nicht gesagt? Ich verstehe das nicht.«
Philipps Kehle war wie zugeschnürt. Seine Stimme war rau und er musste sich mehrfach räuspern.
»Jetzt brauche ich aber einen doppelten Whisky«, sagte er leise und nahm sich aus der bereitstehenden Flasche ein ordentliches Glas. »Entschuldige, willst du auch einen?«, fragte er Eva beiläufig.
»Nein, danke. Ich darf nicht, wegen der Medikamente, obwohl ich einen nötig hätte.«
Eva lächelte ihn erschöpft und unsicher an.
Philipp schwirrten tausend Dinge durch den Kopf. Er nahm sich vor, auf keinen Fall Eva von seiner Affäre mit Luisa zu erzählen, mit der es Gott sei Dank nicht zum Äußersten gekommen war. Er wollte sie nicht noch mehr belasten. Ihre Krankheit war tragisch genug für sie und er bewunderte ihre tapfere Haltung. Eva war eine sehr stolze Frau und es fiel ihr bestimmt sehr schwer, ihm dieses Geständnis mitzuteilen.
»Du hast nie nach dem Vater meiner Tochter gefragt«, sagte sie nun müde lächelnd, »und ich wollte es dir eigentlich auch nie sagen. Meine Unabhängigkeit ging und geht mir über alles. Als ich wusste, dass ich schwanger war, wollte ich das Kind unbedingt haben – aber allein. Ich bin für eine Ehe oder so etwas nicht geeignet. Luisa habe ich gesagt, dass ihr Vater gestorben ist. Ein todkranker, inzwischen längst verstorbener Kollege, dem ich einmal alles erzählt habe, hat mir diesen Rat erteilt und seinen Namen dafür zur Verfügung gestellt. Aber so wie die Dinge nun liegen und da mir nur noch wenig Zeit bleibt, wäre es unverantwortlich von mir, dir die Wahrheit zu verschweigen.«
Dieses erschütternde Gespräch mit Eva war nun schon über ein Jahr her und Eva war inzwischen bereits verstorben. Für Luisa kam dann eine schwere Zeit der Trauer, denn sie hatte ihre Mutter sehr geliebt und sie hatten ein sehr gutes und freundschaftliches Verhältnis zueinander.
Luisa war nach der Beerdigung für fast zwei Monate in Hamburg geblieben, um die Wohnung zu verkaufen, den Haushalt aufzulösen und alle behördlichen Dinge zu regeln. Philipp schwor sich zu diesem Zeitpunkt, Luisa auf keinen Fall die Wahrheit zu sagen. Er war nur auf der Beerdigung dabei und fuhr sofort wieder nach Frankfurt zurück, da ihn hier wichtige Termine erwarteten. Außerdem hatte er auch einen unaufschiebbaren Termin bei seinem Urologen, der ihm eine schlechte Diagnose mitteilen musste.
»Sie müssen unbedingt in eine Spezialklinik, sie haben ein Prostatakarzinom! Aber keine Sorge, ich denke, ihre Chancen sind gut und ich bin sicher, dass mit einer Operation alles wieder in Ordnung kommt. Ihre kleine sexuelle Schwäche lässt sich damit auch erklären.«
Zum Glück konnte der Krebs bei einer digitalen rektalen Untersuchung ertastet werden. Er begrenzte sich auf die Prostatadrüse, sodass die anschließende Operation erfolgreich verlief und er nach weiteren Behandlungen als geheilt entlassen werden konnte.
Luisas Zeit der Trauer um Eva und seine Erkrankung nutzte Philipp, sie auf mehr Abstand zu halten, was sie natürlich sofort bemerkte. Ihre tiefe Traurigkeit, die er fast körperlich spürte, machte ihn sehr hilflos. Wie sollte er denn mit der heiklen Situation umgehen? Er wusste darauf keine Antwort und war oft deprimiert und völlig unsicher. Menschenskind, ich bin ihr Vater!, klang es bestürzt und vorwurfsvoll in seinem Inneren.
Der Umzug ins Tessin schien ihm ein wichtiger erster Schritt zu sein, um sich Luisas Nähe mehr zu entziehen. Es war wie eine Flucht vor der Wahrheit. Alles Weitere wird sich schon finden, dachte er.
Monte Verità
Peter Struwe saß elegant gekleidet am Fenster im Speisesaal seines Hotels und genoss nach einem delikaten Abendessen sein zweites Glas Rotwein. Er blickte entspannt auf das Lichtermeer der rund um den See liegenden Ortschaften und freute sich auf die nächsten Tage. Es gefiel ihm außerordentlich gut hier und es war genau das geeignete Umfeld für seine Vorhaben. Hier war das große Geld zu Hause, das sah und spürte man deutlich. Man musste nur die Augen offen halten und die passende Gelegenheit am Schopf packen. Er dachte an seine neue Bekanntschaft und lächelte. Wie schnell hatte er es doch wieder einmal geschafft, erste Kontakte zu knüpfen und seine Angel auszuwerfen. Mal sehen, ob der hübsche Fisch auch anbeißt, dachte er zufrieden und bestellte zum Abschluss beim Hotelier, der gerade von Tisch zu Tisch ging und nachfragte, ob es geschmeckt hat, noch einen Espresso.
»Eine Frage noch bitte«, lächelte er den freundlichen Tessiner an, als er den bestellten Espresso servierte. »Wie kommt man denn am besten zum ›Monte Verità‹?«
»Mit dem Auto oder zu Fuß?«, wollte der Hotelier wissen.
»Mit dem Auto. Das steht im Parkhaus.«
Der Tessiner Hotelier, der ihn bereits kurz nach seiner Ankunft mit einem Glas Prosecco auf Kosten des Hauses in seinem Hotel willkommen geheißen hatte, und der ein lustig klingendes Schwyzerdütsch mit italienischem Akzent sprach, erklärte ihm mit vielen Gesten, wie er am besten zu fahren hatte. Außerdem gab er mitteilsam noch ein paar geschichtliche Hintergründe vom ›Monte Vertià‹ zum Besten.
»Sie müssen wissen, dass der ›Monte Verità‹, der auf Deutsch Berg der Wahrheit heißt, einen ganz speziellen geologischen Magnetismus aufweist. Vor zirka 100 Jahren haben sich Freidenker, Vegetarier und Nudisten auf dem Hügel niedergelassen und dort ihre vegetarische Kooperative gegründet. Dort versuchten die Vertreter dieser Reformbewegung, die die Rückkehr zur Natur propagierten, ihre Utopien frei auszuleben. Deshalb liefen sie auch schon mal nackt auf ihrem Berg herum und verliehen dadurch Ascona einen Hauch von Exotik und Extravaganz. Das hat bald darauf auch viele Philosophen, Schriftsteller und Künstler aus ganz Europa angezogen. Das dort entstandene Kongress-Zentrum ist eines der ersten Beispiele der Bauhaus-Architektur in der Schweiz. Ich empfehle Ihnen einen Besuch im Museum Casa Anatta. Dort können Sie mehr über die Geschichte des ›Monte Verità‹ erfahren. Es ist sehr empfehlenswert.«
Peter, der interessiert zugehört hatte, bedankte sich für die Erläuterungen und verabschiedete sich. Er wollte noch einen kleinen Bummel durch die engen Gässchen der Altstadt machen. Er beabsichtigte, nicht zu spät ins Bett zu gehen, da er sich gleich nach dem Frühstück zur Inspektion der Villa Sandter aufmachen wollte.
Leider endete der Abend für ihn, wie fast immer, doch ziemlich spät. Die vielen gemütlichen Bars, die er nach und nach durchstreifte, der gute Merlot, der ihm zu schwindelig hohen Preisen serviert wurde, versetzten ihn in eine beschwingte Stimmung, die keinerlei Müdigkeit bei ihm aufkommen ließ.
Er nahm seinen letzten Absacker im Freien auf der ›Piazza Motta‹. Hier saßen selbst zu dieser späten Stunde noch viele Menschen beisammen und genossen die milde Herbstsonne. Bald schon ging er in sein Hotelzimmer zurück, um seine zweite Nacht im mondänen Ascona zu verbringen.
Mit einem wohligen Gefühl streckte er sich in seinem Bett aus. Seine letzten Gedanken kreisten darum, wie schön es doch wäre, in diesem exklusiven Ort leben zu können und ein reiches und angesehenes Mitglied der guten Gesellschaft zu sein, bevor ihn der Schlaf übermannte.
Philipp ruft Luisa an
Philipp versuchte nach einer halben Stunde erneut, Luisa telefonisch zu erreichen, und tatsächlich meldete sie sich außer Atem. »Hallo Philipp, ich komme gerade die Tür rein. Ich war beim Friseur.«
»Ach so. Ich wollte dir nur sagen, dass ich am Mittwochabend wieder da bin. Komm am besten gleich nachmittags zu mir und kauf was Leckeres zum Essen ein. Ich freue mich schon auf dich.«
Er konnte sich gut vorstellen, wie sie zum Telefon geeilt war und sah sie mit leicht geröteten Wangen, ihrem blonden Lockenkopf und ihren schönen blauen Augen vor sich.
Luisa war hoch erfreut über sein baldiges Kommen und berichtet ihm noch alle Neuigkeiten aus ihrem kleinen Büro, das sie nach Philipps Ortswechsel nun allein für ihn betreute. Sie klang etwas besorgt und erzählte ihm, dass ein neugieriger und aufdringlicher Journalist von einem bekannten Wirtschaftsmagazin, indiskrete Fragen in Sachen Börsengang Selkmann AG gestellt hatte. Philipp war für diese AG als Vermittler tätig und hatte für die Privatbank Beyerlein die Aktien-Emissionen übernommen. Dabei hatte er mehrere Millionen Euro verdient. Die Selkmann AG hatte gestern Konkurs angemeldet und der Kurs der Aktie vollführte einen Sturzflug von ehemals über achtzig Euro auf jetzt zehn Cent. Damit wurden abertausende Aktiensparer um ihr Geld gebracht.
Aus Andeutungen des Journalisten konnte sie entnehmen, dass er einen groß angelegten Betrugsfall witterte und weiter recherchieren wollte. Er ließ unmissverständlich durchblicken, dass er Philipp und der emissionsbegleitenden Privatbank Beyerlein einen Großteil der Schuld zuwies und dass die Bafin als Prüfinstitut bereits Recherchen aufgenommen habe. »Das kann für uns alles ziemlich unangenehm werden. Es ist gut, dass du nach Frankfurt kommst. Allein fühle ich mich da ziemlich hilflos und ich will keinen Fehler machen.«
Besorgt legte Philipp den Hörer auf. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Ihm war von Anfang an klar, dass bei diesem Börsengang nicht alles so rosig aussah, wie er den Aktienkäufern vorgegaukelt hatte. Aber für ein paar Millionen drückte er schon gern mal ein Auge zu und sein Lieblingsspruch ›Geld stinkt nicht‹, hatte ihn auch diesmal verleitet. Luisa klang ziemlich nervös und er musste unbedingt schnellstens nach Frankfurt, um sie vor eventuell weiteren Fragen der Presse zu schützen. Wie gut tat es doch, wieder ihre Stimme zu hören und in Gedanken nahm er sie liebevoll in den Arm. Aber nun nicht als Liebhaber, sondern als väterlicher Freund. Er wagte es aber nicht, ihr die Wahrheit zu sagen, dafür war er einfach zu feige und fürchtete, Luisa in große Konflikte zu stürzen. Er hatte seine Krankheit und seinen Wegzug genutzt, um sie mehr auf Distanz zu halten, denn ihre traurigen und fragenden Blicke konnte er fast nicht mehr ertragen. Luisa deutete seine Zurückhaltung so, dass er seine Frau wohl doch noch mehr liebte, als er zugeben wollte und er ließ sie in diesem Glauben. Er wollte unbedingt, dass sie sich von ihren Gefühlen für ihn befreite und frei für eine neue Liebe war.
Seit er sich immer mehr mit der Sinnfrage des Lebens beschäftigte, fühlte er, dass er einen entscheidenden Fehler gemacht hatte. Er hätte sich von Silvia schon vor seinem Umzug nach Ascona trennen sollen. Aber sein angeborener Widerstand gegen jegliche Unannehmlichkeit in seinem Leben hatte ihn davon abgehalten. Im Gegensatz zum täglichen beruflichen Kampf bevorzugte er in privaten Dingen die Gleichmäßigkeit und Ruhe und scheute den Kleinkrieg, ganz besonders mit der Ehefrau. So überließ er von Anfang an Silvia das Privatleben und sie hielt sich dafür gänzlich aus seinen beruflichen Dingen heraus. Zumal sie davon sowieso keine Ahnung hatte. Alles, was sie gut beherrschte, war das Geldausgeben. Darin war sie eine Meisterin.
Doch mittlerweile konnte er Silvias vorwurfsvolles Gesicht und ihre Oberflächlichkeiten nicht mehr ertragen. Seit sie hier in Ascona gezwungenermaßen tagtäglich zusammen waren, zeigte sie ihm ständig ihren Unmut und nörgelte an allem und jedem herum, sodass er nun ernsthaft darüber nachdachte, sich von ihr zu trennen.
Zum Glück hatte er sich vor der Heirat mit einem Ehevertrag abgesichert. Mit einer schönen Eigentumswohnung und einer monatlich moderaten Apanage müsste sich Silvia dann wohl zufriedengeben. Ihr bisheriges luxuriöses Leben wäre damit natürlich vorbei und ihr Gezeter konnte er sich heute schon gut vorstellen. Ein spöttisches Lächeln durchzog sein Gesicht.
Gut, dass er ihr nichts von seiner Krankheit erzählt hatte und eine längere Geschäftsreise vorgab. Er war sicher, dass er ihr mit seinem diagnostizierten Prostata-Karzinom nur eine Freude bereitet und sie sich schon im Geist als lustige Witwe gesehen hätte. Mit einem beachtlichen Vermögen, versteht sich.
So hatte er es vorgezogen, sich ohne ihr Wissen, in einer Heidelberger Privatklinik seinen Krebs mit der neuesten Lasertechnik aus den USA behandeln zu lassen. Und das mit sehr gutem Erfolg. Er musste nur noch ab und zu zur notwendigen Kontrolluntersuchung erscheinen.
Durch die schonende, neuartige Behandlung fühlte er sich schon wieder sehr wohl. Noch heute konnte er den Schock verspüren, als er die Diagnose von seinem Arzt erfuhr. Es traf ihn wie ein Schlag. Krebs! Allein dieses Wort genügte, ihn in Angst und Schrecken zu versetzen. Ja, er hatte sogar zum ersten Mal so etwas wie Todesangst. Unbemerkt hatte sich der Krebs in ihm ausgebreitet, aber Gott sei Dank, ohne weitere Organe zu befallen.
Diese plötzliche Erfahrung, dass auch sein Leben nicht unendlich ist, hatte ihn in eine tiefe Krise gestürzt. Sein ständiger Drang und seine Sucht nach noch mehr Erfolg und Umsatz hatten ihn ganz vergessen lassen, dass es auch noch ein Leben neben dem Beruf gab. Er, der knallharte Geschäftsmann, der, wenn es sein musste, auch schon mal über Leichen ging und auch einige nicht ganz astreine Geschäfte in der Vergangenheit abgewickelt hatte, machte sich plötzlich tatsächlich Gedanken über den Sinn des Lebens und vertiefte sich immer mehr in philosophische Lektüre.
Allmählich erschien ihm sein bisheriges Leben immer fragwürdiger und ihm wurde tagtäglich mehr bewusst, wie wenig man im Leben brauchte, um glücklich und zufrieden zu sein. All sein Eifer, große Geschäfte an Land zu ziehen, immer mehr zu arbeiten und Geld zu scheffeln, verloren nach und nach für ihn an Bedeutung. Er kam sehr ins Grübeln über sein bisheriges Leben und sah die Welt plötzlich mit anderen Augen. Wenn er nun durch die Straßen lief, schaute er den Menschen tatsächlich ins Gesicht, sah in ihnen Freude, Trauer und Hoffnungslosigkeit, etwas das er bisher überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Sein vorheriges Leben erschien ihm nun getrieben vom Auf und Ab der Börse, von den möglichen Gewinnen für seine Klienten und vom Studieren der Wirtschaftsnachrichten. Er hatte sich tagtäglich an Zahlen und Fakten berauscht und völlig vergessen, dass es auch noch ein reales und sinnvolles Leben gab. Das wurde ihm nun allzu deutlich bewusst und er war entschlossen, seinem Leben einen neuen Sinn zu geben. Einen Spaziergang im nahen Stadtwald genoss er in vollen Zügen und er betrachtete die Natur staunend wie ein Kind.
Natürlich wollte er auch in Zukunft nicht auf seinen gewohnten Luxus verzichten. Ein schönes Haus und das nötige Kleingeld für ein sorgenfreies Leben benötigte er schon. Und darauf brauchte er ja auch nicht zu verzichten. Hatte er in all den Jahren doch genug an Vermögen angehäuft. Aber all der Glamour der vergangenen Jahre mit den vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen und sein Streben nach Publicity, schienen ihm mittlerweile recht zweifelhaft. So reifte in ihm schon bald der Entschluss, sein Leben völlig umzukrempeln und fernab von seinem bisherigen Umfeld ein neues, geruhsameres Leben zu beginnen. Er wollte jeden Tag genießen und seine Arbeit von nun an Schritt für Schritt einschränken, begonnene Geschäfte abwickeln und sein Büro baldmöglichst ganz aufgeben. Da er schon seit Jahren regelmäßig ins Tessin fuhr, um seine Schweizer Bankkonten aufzufüllen, kannte er die Gegend um den Lago Maggiore schon recht gut und der südliche Zipfel der Schweiz hatte es ihm besonders angetan. Das milde, ja fast mediterrane Klima und die unvergleichlich schöne und vielfältige Gegend hatten ihn von Anfang an begeistert. Auch das südländische Lebensgefühl, das einen sofort erfasste, wenn man die Sonne mit einem Glas Wein in einem der vielen Straßencafés genoss, gefiel ihm. Nirgendwo sonst konnte er so herrlich relaxen und nirgendwo sonst waren sein Büro und seine Geschäfte so weit weg.
Als er eines Tages allein durch die Gassen von Ascona schlenderte, fiel ihm zufällig ein Maklerbüro auf, das ein großes Fotoangebot an exklusiven Villen im Schaufenster ausgestellt hatte. Eine Villa in exorbitanter Lage gefiel ihm besonders gut. Aus einer Laune heraus ging er spontan hinein und ließ sich die Einzelheiten zu diesem Angebot offerieren. Eine Besichtigung war sofort möglich, da die Villa leer stand. Der amerikanische Vorbesitzer war verstorben und seine Witwe war zurück in ihre Heimat zu ihren Kindern gezogen.
Das Anwesen gefiel ihm auf Anhieb, ja es begeisterte ihn geradezu und er überlegte nicht lange und handelte den zuerst sehr hohen Preis noch um einiges herunter. Er opferte dafür fast die Hälfte seines Schweizer Vermögens und kaufte die Villa, ohne Silvia vorher überhaupt zu informieren. Er sah diesen plötzlichen Entschluss als schicksalhafte Fügung an. Sofort spürte er die Ruhe und Freude, die ihn durchzog. Ja, so sollte sein neues Leben aussehen. Hoch über Ascona, in einer tollen Villa mit einem traumhaften Garten und einem atemberaubenden Blick über den See.
Der Vorbesitzer war ein amerikanischer Biologe im Ruhestand. Er hatte den Garten in ein wahres Paradies verwandelt. Es gab unendlich viele verschiedene Pflanzen mit berauschenden Düften in allen Farben und Formen, die der amerikanische Hobbygärtner sogar teilweise im eigenen Gewächshaus, das am Ende des Gartens versteckt hinter blühenden Sträuchern stand, selbst aus Samen herangezogen hatte. Sein Buch mit den Aufzeichnungen seines Hobbys befand sich noch in einer Schublade im Glashaus und Philipp studierte die Eintragungen mit großem Interesse. Er hatte sich so nach und nach ein recht großes Pflanzenwissen angeeignet. Es machte ihm tatsächlich Freude, Pflanzen zu erkennen und sich auf deren Bedürfnisse einzustellen. Das Glashaus war auch sehr gut dafür geeignet, die vielen exotischen Kübelpflanzen, die alle bereits eine stattliche Größe aufwiesen, im Winter zu beherbergen. Die nötigen Utensilien für die Pflanzenzucht, wie Erde, Töpfe, Dünger und Gifte waren noch alle gut beschriftet vorhanden, sodass er sogar selbst testweise ein Samentütchen mit vorhandenen Eukalyptussamen in Töpfe aussäte und tatsächlich bald schon kleine Pflänzchen vorweisen konnte. Das macht ihn geradezu glücklich. Ein Gefühl, das er bisher noch nicht erlebt hatte. Er schmunzelte selbst über seinen Gärtner-Eifer und versorgte sich immer mehr mit Literatur über die Haltung und Pflege mediterraner Pflanzen.
Und Silvia? Er bot ihr vor dem Umzug zwei Möglichkeiten an: Entweder du kommst mit, oder du bleibst in Frankfurt! Die Entscheidung lag ganz bei ihr, wobei es ihm fast am liebsten gewesen wäre, sie hätte sich gegen die Schweiz entschieden. Dann wären die Fronten zwischen ihnen klar gewesen. Aber Silvia folgte natürlich den Spuren des Geldes, so wie er es eigentlich auch erwartet hatte. Diese Chance der Trennung hatte er leider aus Bequemlichkeit verpasst.
Er hatte nur Luisa die Wahrheit über seine Krankheit erzählt und Philipp konnte mit ihrer vollen Unterstützung rechnen. Sie waren nach all den Jahren ein so gut eingespieltes Team, dass Luisa in der Firma auch ohne ihn gut zurechtkam. Sie war natürlich traurig über seine Entscheidung, da sie ihn nun wohl nur noch wenig sehen würde. Aber sie zeigte wie immer großes Verständnis für seine Beweggründe und war ihm eine große Hilfe. Insgeheim hatte sie die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft wohl noch nicht ganz aufgegeben, weil Philipp vage Andeutungen machte, sich von Silvia zu trennen. Aber sie drängte ihn nicht, denn sie genoss genauso ihre Freiheit und Eigenständigkeit und hatte trotzdem das Talent, die gemeinsamen Stunden mit Philipp zu genießen. Sie gab die Hoffnung nicht auf, dass er sich eines Tages für sie entscheiden würde. Wenn er sich auch von ihr zurückzog und nur noch warmherzige Umarmungen für sie übrig hatte, was sie natürlich genau spürte. Aber sie brauchte auch die Zeit, in der sie allein und in aller Stille Yogaübungen machen konnte, ein gutes Buch lesen, ohne auf einen anderen Menschen Rücksicht zu nehmen. Das gab ihr die Ruhe und Ausgeglichenheit, die Philipp so an ihr mochte. Sie liebte Philipp und wollte ihm zeigen, dass sie immer für ihn da sei. Philipp schaute in Gedanken versunken auf das Telefon und atmete tief durch.
Kommt Zeit, kommt Rat, dachte er bei sich und ging nach oben in sein Büro, um schon die wichtigsten Dinge zu sortieren, die er mit nach Frankfurt nehmen wollte.
Philipp fährt Richtung Frankfurt
Mit Freude entnahm Silvia aus den Gesprächsfetzen zwischen Philipp und ihrem Hausmädchen Cora, dass Philipp schon am nächsten Tag nach Frankfurt fahren wollte.
