Dora und die Revolution - Anja Hinrichs - E-Book

Dora und die Revolution E-Book

Anja Hinrichs

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Beschreibung

Wir kennen Karl Liebknecht und seinen Kampf um die sozialistische Revolution - kennen Sie auch Dora Weinstein aus Neukölln? Im Herbst 1918 hat die junge Arbeiterin Dora genug von der Monarchie, dem Krieg und den elenden Umständen, in denen sie und ihre Kolleginnen leben müssen. Sie hat sich einer illegalen Arbeiterorganisation angeschlossen und kämpft für die Revolution und den Umsturz der kaiserlich-adligen Ordnung. Als ihr Freund Alfred von der Kriegsflotte in Kiel desertiert und die Nachricht vom Matrosenaufstand nach Berlin bringt, macht Dora sich mit zehntausenden Arbeitern und Soldaten am 9. November auf in die Berliner Innenstadt. Mit schwerwiegenden Folgen … In ihrem Buch "Dora und die Revolution" legt Anja Hinrichs einen Bericht über die Novemberrevolution 1918 aus der Sicht einer politisch aktiven Frau vor, die starren Geschlechterrollen und althergebrachten Männerbündeleien die Stirn bietet. Daneben zeichnet die Autorin einen lebendigen Mikrokosmos in den Neuköllner Hinterhöfen, in denen gegen Kriegsende 1918 die letzten Möbel verheizt und Kinder zu Waisen werden, weil ihre Eltern der Spanischen Grippe zum Opfer fallen. "Dora und die Revolution": ein sorgfältig recherchierter historischer Roman in klarer, schnörkelloser Sprache.

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Seitenzahl: 373

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Dora und die Revolution

Über die Autorin

Anja Hinrichs wurde als Arbeitertochter in einer norddeutschen Kleinstadt geboren und lebt seit über 30 Jahren in Berlin. Nach Ausbildung und Studium der Informationswissenschaft war sie in verschiedenen Berufszweigen tätig. Zurzeit arbeitet sie im Office Management.

2014, im Jahr des Gedenkens an den Beginn des 1. Weltkriegs, fiel ihr auf, dass über die Frauen jener Zeit oft nur in Bezug auf ihre im Feld stehenden Männer und Söhne berichtet wurde, auch über den Überlebenskampf wegen der schlechten Versorgung. Politisch aktive Frauen, vor allem aus dem Arbeitermilieu, spielen in der Geschichtsschreibung und der Literatur über jene Zeit keine Rolle. Das möchte Anja Hinrichs ändern – anhand der Geschichte des ungleichen Liebespaares Dora und Alfred am Ende des 1. Weltkriegs und während der Novemberrevolution.

Dora und die Revolution

Anja Hinrichss

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

© 2018 Anja Hinrichs

Lektorat: Karen-Susan Fessel

Umschlaggestaltung: Olrik Neubert unter Verwendung eines

Pharus-Stadtplans (www.pharus.eu)

Textlayout: Johann-Christian Hanke

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN Paperback: 978-3-7469-5420-2

ISBN Hardcover: 978-3-7469-5421-9

ISBN e-Book: 978-3-7469-5422-6

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.deabrufbar.

Den Frauen, die in den Geschichtsbüchern nicht erwähnt werden

1

Die Oktobersonne war mit einem letzten Leuchten gerade untergegangen; einige Nebelfelder hatten sich über die Wiesen und Felder am südöstlichen Rand Neuköllns gelegt. Für die Schönheiten der Natur hatte Dora allerdings keinen Blick, sie mühte sich mit einem voll beladenen Bollerwagen auf dem feuchten Kopfsteinpflaster ab. Fast hatte sie ihr Ziel erreicht, die ersten Ausläufer der Kleingärten am Dammweg waren schon zu sehen.

»He, was ist denn mit dir los? Heute wohl gut gefrühstückt, was? Dann kannst du den Wagen auch alleine ziehen!«

Dora blickte zurück und sah Helene, die den Wagen von hinten geschoben hatte, mit verschränkten Armen auf der Straße stehen.

»Nee, aber wir sind gleich da!« Dora hielt ebenfalls an. »Paul wartet bestimmt schon!«

Helene angelte nach ihren Mänteln, die über der Ladung lagen. »Komm, lass uns die jetzt anziehen, gleich haben wir keine Zeit mehr dafür!«

Dora mühte sich seufzend mit ihrem umgenähten Militärmantel ab, der um ihre Hüften schlotterte. »Wo hab ich denn nur den Gürtel?«

»So, wie wir aussehen, werden wir es nie in eine Modezeitschrift schaffen!«, gluckste Helene. »Aber der Weg zur Revolution ist ja mit Opfern gepflastert. Stand das nicht in so einem Pamphlet, das wir letztens in der Versammlung gelesen haben?«

Dora schaute in Helenes grinsendes Gesicht und prustete laut los. »Du denkst an eine Modezeitschrift – wo wir gerade geklaute Waffen verstecken?«

Helene zupfte ihr Kopftuch zurecht, tat so, als würde sie eine Zigarettenspitze halten, und ging mit wiegenden Hüften ein paar Schritte voraus. Dora bog sich immer noch vor Lachen, als Helene sich lässig auf die Bretter schwang, die die Wagenladung bedeckten. »Schlaue Männer, die sich noch schlauere Papiere ausdenken, denken bestimmt nicht darüber nach, was Frauen gefällt.« Nachdenklich blickte sie über die Felder und baumelte mit den Beinen. »Die müssen auch nicht klapprige Bollerwagen voller Gewehre und Munition in unbequemen Schuhen übers Pflaster ziehen. Und danach schnell nach Hause hetzen und irgendwo ein Brot besorgen, wenn es überhaupt etwas gibt. Mit den Kindern schimpfen, die was zu essen geklaut haben, weil es wieder nichts zu beißen gab. Ja, und dann noch ab inne Fabrik für zehn Stunden.«

Dora wischte sich die Lachtränen aus den Augen und lehnte sich neben Helene an den Wagen. »Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?«

Helene sah auf ihre dreckbespritzten Schuhe mit den Holzsohlen hinunter. »Ich schaff das so langsam nicht mehr – ich bin so müde.« Wieder schaute sie auf die Felder, in der Ferne hörte man einen Raben krächzen. »Ich bin nicht wie du. Du bist ja nicht umsonst die einzige Frau unter den Vertrauensleuten im Betrieb und in der Führungsriege. Du hast Mut, machst den Mund auf und kämpfst unermüdlich für die Sache. Aber mir reicht’s so langsam. Wann geht das denn endlich los mit der Revolution?«

»Wir sind doch mitten in den Vorbereitungen, du bist doch überall dabei!«

Über Helenes Nase bildete sich eine steile Falte. »Der fünfte Kriegswinter fängt an. Obwohl alle seit ein paar Wochen wissen, dass wir diesen verdammten Krieg verloren haben, sitzt der Kaiser immer noch auf ’m Thron«, sagte sie grimmig. »Und die armen Kameraden im Feld müssen sich die Knochen kaputtschießen lassen. Kein Wunder, wenn die in Scharen weglaufen. Aber Kapitulation kommt ja gar nicht Frage. Haste doch gesehen, die Regierung will mit Präsident Wilson einen Waffenstillstand verhandeln. Waffenstillstand, dass ich nicht lache! Wir haben den Krieg verloren, das weiß doch jeder! Und was machen wir? Worauf warten wir denn noch?«

Dora fiel ihr ins Wort. »Ja, ich weiß das alles. Aber wir haben nie aufgegeben, all die Jahre! Wir machen das so wie die Russen. Den Kaiser, die Adligen, alle Kriegsgewinnler, die jagen wir zum Teufel. Und dann bauen wir eine Republik auf, mit Arbeiterräten, in der wir bestimmen, wo es langgeht. Keine Streiks mehr, das hilft nichts, das haben wir ja gemerkt. Wozu sammeln wir schließlich die ganzen Waffen? Der gemeinsame bewaffnete Aufstand, die Revolution, das ist es! Hab doch noch etwas Geduld!«

Helene sprang vom Wagen. »Geduld!«, schnaubte sie. »Ich hab keine Geduld mehr. Ich will was Anständiges zu essen haben. Ich will wieder schöne Sachen anziehen und mit Hans tanzen gehen.« Aus ihrer Manteltasche zog sie einen sorgsam gefalteten Brief hervor und wedelte damit vor Doras Gesicht herum. »Er hat geschrieben! Alles scheint in Auflösung zu sein, da an der Maas. An der Front ist nichts mehr zu gewinnen, aber die Offiziere treiben die Soldaten immer wieder ins Feld. Er hat schon überlegt, sich freiwillig gefangen nehmen zu lassen, damit er endlich Ruhe hat. Das hat der Kamerad erzählt, der mir den Brief gebracht hat. Die Zensur muss ja nicht alles mitkriegen.« Sie steckte den Brief wieder ein. »Sein Kamerad ist jedenfalls nicht zur Truppe zurückgekehrt. Treibt sich jetzt mit anderen Deserteuren in der Hasenheide rum und jagt Polizisten, um sie zu entwaffnen.« Abrupt nahm sie die Deichsel in die Hände und zerrte daran herum.

Dora konnte nicht anders und musste lachen. Es sah zu komisch aus, wie sich Helene abmühte, den Wagen in Bewegung zu setzen.

»Was lachst du denn so blöd?« Helene ging nach hinten, um anzuschieben. »Sich aufzuregen, bringt ja auch nichts«, hörte Dora sie murmeln. Und lauter: »Hilf mir lieber, sonst wird das nie was mit der Revolution!«

Gerade wollten sie das Tor vom Kleingarten aufstoßen, da tauchte wie aus dem Nichts ein Polizist hinter ihnen auf.

»Na, die Damen, was haben wir denn da Schönes?« Misstrauisch umrundete er das klapprige Gefährt und blieb direkt vor den beiden Frauen stehen, eine Hand am Säbel. Dora erholte sich als Erste von ihrem Schrecken.

»Mensch, Herr Wachtmeister! Wir bringen doch bloß die Bretter für den Karnickelstall her. Und noch etwas Heu, damit die Tierchen was zu kauen haben.«

Der Polizist nahm die Hand vom Säbel und zwirbelte seinen Schnurrbart. »So, so, Bretter für’n Stall …«

Eine ungemütliche Stille entstand. Der Polizist umrundete erneut den Wagen, hob zwei der Bretter an und versuchte, etwas darunter zu erkennen. Doch die Frauen hatten alles gut gepackt, unter den Brettern versperrte eine Fuhre Heu die Sicht.

Dora brach der Schweiß aus. Wenn er sie zwang, den Wagen auszuräumen, war alles verloren. Plötzlich hörte sie ein Fuhrwerk näherkommen. Sie wandte sich um und erkannte von Weitem Paul auf dem Kutschbock. Seit August arbeitete sie eng mit ihm zusammen, um geschmuggelte Waffen aus Thüringen in der Stadt zu verteilen. Der heutige Treffpunkt waren die Kleingärten, und den Polizisten konnten sie jetzt überhaupt nicht gebrauchen.

Dora setzte ihr schönstes Lächeln auf. »Herr Wachtmeister, wir wollen doch nur schnell die Bretter in die Laube legen. Wir müssen doch wieder zur Arbeit.«

Helene fügte mit unschuldigen Blick hinzu: »Oder glauben Sie, wir sind welche von den gefährlichen Elementen, von denen immer was inne Zeitung steht?«

»Werden Sie mal nicht witzig, junge Frau!« Der Polizist stellte sich straff hin und richtete umständlich seine Uniform. Prüfend sah er die beiden Frauen nacheinander an. »Dann will ich Ihnen mal glauben. Und machen Sie den Weg frei, hier kommt ja keiner mehr durch!« Er drehte sich um und verschwand mit zackigen Schritten hinter der nächsten Hecke.

Erleichtert schoben Dora und Helene den Bollerwagen durch das Tor.

»Puh, das war knapp«, meinte Helene. »Ob von denen noch mehr hier rumlaufen?«

»Der hatte wohl nichts anderes zu tun. Ist er weg?«

»Ja, er ist weg!«, rief Paul, der mit seinem Ackerwagen inzwischen am Tor angekommen war und absprang, um das Pferd anzubinden.

Es war fast dunkel geworden, doch Dora kannte den Weg zur Laube von Emil Hagenow inzwischen auswendig. Atemlos klopfte sie an die Tür: einmal lang, zweimal kurz. Schwere Stiefel polterten über den Holzboden, dann wurde die Tür aufgerissen.

»Da biste ja endlich«, brummte Hagenow in seinen Bart. Hinter ihm standen, schon in Jacken, zwei Männer und nickten Dora zu. Ihr Herz machte einen Satz. Der da rechts, diese breiten Schultern, das blonde Haar, und wie er den Kopf hielt! Aber das konnte doch gar nicht sein! Als der Arbeiter an ihr vorbei in das vorabendliche Halbdunkel trat, sah sie verschämt beiseite. Nein, das war nicht ihr Alfred – er konnte ja auch gar nicht hier sein. Verwirrt schüttelte sie den Kopf und beeilte sich, den Männern zu folgen.

Eilig liefen alle vier zum Eingang hinüber, wo Helene und Paul auf sie warteten.

»Heute Morgen haben wir die Lieferung aus der Gewehrfabrik in Spandau bekommen«, flüsterte Hagenow Dora zu. »Und morgen kommt Nachschub aus dem Waffenwerk Oberspree – da haben die Kollegen auch ganz schön zugegriffen!« Er grinste zufrieden in seinen Bart hinein.

Nachdem sich alle miteinander über den Zeitplan der kommenden Tage verständigt hatten, entluden die Männer das Fuhrwerk. Die oberste Schicht aus Stroh warfen sie über den Zaun der ersten Parzelle. Abgestoßene Kisten kamen zum Vorschein, die sie eilig in Emils Geräteschuppen schafften. Keiner verlor ein Wort.

Die Frauen räumten inzwischen den Bollerwagen aus. Heute waren wenige Gewehre dabei, dafür aber mehrere kleinere Kästen mit Munition.

Zwanzig Minuten später war die kostbare Fracht im Schuppen untergebracht. In den nächsten Tagen würde Emil die Kisten an andere Laubenbesitzer weiterverteilen.

Die Männer zerstreuten sich in verschiedene Richtungen; alle wussten, dass sie sich übermorgen um die gleiche Zeit wiedersehen würden. Paul verabschiedete sich hastig von den Frauen, um Pferd und Ackerwagen zu einem befreundeten Bauern zurückzubringen.

Müde bog Dora in die breite Hofdurchfahrt der Prinz-Handjery-Straße 24 ein. Eine Bierkutscherin, die sie über drei Ecken kannte und die am S-Bahnhof gerade den Weg zurück in Richtung Jägerstraße einschlug, hatte beide Frauen mitgenommen. Froh, sich den langen Fußweg nach Hause gespart zu haben, konnte sich Dora jetzt erst richtig darüber freuen, dass heute alles so gut geklappt hatte.

Sie ging im Kopf durch, was morgen alles zu tun war, und wollte gerade die Tür zum Seitenflügel im zweiten Hof aufstoßen, als sie ein Rumpeln hörte. Im trüben Licht, das aus der Sattlerwerkstatt gegenüber kam, sah Dora einen Mann, der eine flache Karre durch den Hof zog. Die Fracht sah aus wie drei übereinandergestapelte Teppichrollen. Ihr wurde eng um den Hals.

»’n Abend, Weber«, grüßte Dora leise. »Wer ist es heute?«

Der Angesprochene blickte überrascht auf, es war ungewöhnlich, dass jemand mit ihm redete. Die Leute hielten eher Abstand, wenn er mit seinem Karren auftauchte. Als er Dora erkannte, leuchtete sein Gesicht kurz auf, bevor er wieder eine bekümmerte Miene aufsetzte. Seine krächzende Stimme hallte im engen Viereck des Hofes wider. »Oh, guten Abend, Fräulein Weinstein! Wenn Sie noch auf Ihre schlanken Beine rumlaufen, hat Sie die Grippe ja noch nicht erwischt, wa?«

Sein meckerndes Lachen ließ Dora das Blut in den Adern gefrieren, doch sie achtete darauf, sich ihr Unbehagen nicht anmerken zu lassen. Herr Weber war schwer verwundet aus dem Krieg gekommen; alle wussten, dass in seinem Kopf eine Schraube locker war. Doch er ging sorgsam mit den ihm anvertrauten Toten um, sodass er trotz anfänglicher Widerstände die Arbeit des Leichensammlers behalten hatte.

Er kam näher auf Dora zu und flüsterte: »Frau Koczinsky, fünfter Hof, Kellerwohnung. Gesicht und Hände pechschwarz, wie bei den Anderen. Als ob sie die Pest haben!«

Reflexhaft wich Dora einen Schritt zurück. Die Frau war nicht an der Pest, sondern an dieser fürchterlichen Grippe verstorben, die sich seit dem Sommer in Windeseile ausbreitete und gegen die die Ärzte machtlos waren.

Herr Weber bemerkte ihren Schrecken nicht. »Ihre Kinder wollten nicht mit bis nach vorne, aber ist ja auch schon dunkel, da müssen die auch zu Hause bleiben, wa?«

»Ja, da haben Sie recht!« Dora sah schemenhaft einige kleine Gestalten im Durchgang zum dritten Hof, die sich eng aneinanderpressten. Ihre Kehle schnürte sich noch weiter zusammen.

»Na, ich muss denn mal, in die Kopfstraße, noch eine abholen. Und jetzt fängt’s auch noch an zu nieseln«, murmelte Herr Weber und trottete davon, ohne sich zu verabschieden.

Nachdenklich sah Dora ihm hinterher, dann ging sie hinüber zu den Kindern, die sich nicht von der Stelle gerührt hatten. Es waren drei Mädchen und zwei Jungen, die dicht nebeneinander standen und sich an den Händen hielten. Das jüngste der Mädchen schluchzte leise, ein Knuff von ihrem Bruder brachte sie zum Verstummen. Verschreckt starrte sie Dora mit aufgerissenen Augen an und beeilte sich, den Rotz mit dem Ärmel ihres verschlissenen Kleides abzuwischen.

»Es tut mir leid«, suchte Dora nach Worten. Alle wussten, dass die Bewohner des Viertels nicht alt wurden, auch die Kleinsten erlebten jeden Tag, dass im Krieg noch viel mehr Menschen starben als sonst. Früher hatten sie wenigstens eine Stulle und etwas Milch gekriegt und mussten nicht so oft hungrig ins Bett, dachte Dora bitter. Sie schaute über die Kinder hinweg in die Reihe von Durchgängen, die bis zum sechsten Hof reichten. Wut stieg in ihr hoch. Die Höfe waren eng und geschachtelt gebaut, selbst im Hochsommer erreichte kein Sonnenstrahl den Boden. Wenn wir das Alte weggefegt haben, dachte sie zornig, dann gibt es genug zu essen, und dann bauen wir Häuser, wo Licht und Luft reinkommt und niemand in schimmeligen, feuchten Kellerlöchern wohnen muss. Diese verdammte Gier der Geldsäcke und Spekulanten!

Ein neuerliches Schluchzen unterbrach ihren Gedankenstrom, und sie strich dem kleinsten Jungen, der gerade mal dem Windelalter entwachsen schien, tröstend über den Kopf. Das älteste Mädchen flüsterte leise: »Fräulein, wissen Sie, was nun wird? Können wir hierbleiben, alle zusammen?

Ich arbeite doch schon, bei Sarotti, in der Marmelade. Und meine Schwester hilft in der Wäscherei.«

Fünf Augenpaare waren gespannt auf Dora gerichtet, als ob ihre Zukunft von deren Antwort abhinge. Die hoffnungsvollen Blicke der Kinder schmerzten sie zutiefst, wusste sie doch nur zu gut, was nun auf den Tod der Mutter folgen würde. Wenn keine Angehörigen die Kinder aufnahmen, wurden sie ins Waisenhaus gegeben – und dort mussten sie sehr schnell erwachsen werden.

Die Tür vom Gemeinschaftsklosett im dritten Hof klappte auf, ein Mann trat schimpfend vor. Es dauerte ein wenig, bis er die Hose hochgezogen hatte, dabei fluchte er über sein Holzbein und verwünschte Gott und die Welt. Plötzlich nahm er die kleine Schar wahr. »Was ist denn hier für eine Versammlung?«

Er baute sich vor ihnen auf, der Geruch vom Abort mischte sich unangenehm mit dem von billigem Fusel und ungewaschenen Kleidern. Unwillkürlich stellte sich Dora hinter die Kinder und legte einem Mädchen die Hände auf die Schultern.

Er starrte sie an. »Das sind doch nicht Ihre Gören, oder? Sind das nicht die von der Koczinsky?«

Der ältere Junge blickte ihn stumm an, nahm die Hand seines kleinen Bruders und schob sich an ihm vorbei. Still und mit gesenktem Kopf liefen beide in Richtung fünfter Hof. Dora wandte sich an die Mädchen. »Ihr könnt jetzt nichts tun. Geht jetzt einfach schlafen. Morgen kommt jemand und spricht mit euch, wie es weitergeht.«

Der Mann glotzte blöd hinter den Kindern her und wollte wieder etwas sagen, als Dora ihm zuvorkam. »Ihre Mutter ist heute gestorben. Wissen Sie, ob sich jemand um die Kinder kümmern kann?«

»Nee, weeß ick nich.« Er verschränkte die Arme vor seinem Oberkörper. »Die olle Koczinsky kam ja gar nicht mehr raus aus ihrem Loch, schon seit Wochen. Und ihre Kinder klauen wie die Raben, mir haben die aus dem Keller Kartoffeln geklaut, aus der hintersten Ecke. Dabei hatte ich die so gut versteckt! Verdammtes Pack, wer will die schon haben?«

Dora ersparte sich die Mühe, darauf einzugehen, und ließ ihn einfach stehen.

2

Früh am nächsten Morgen wartete Dora im S-Bahnhof Neukölln auf ihre Kollegin Anna. Sie wollten eher als sonst los, damit sie vor dem Schichtwechsel am Werkstor noch Flugblätter verteilen konnten. Einen Stapel hatte Paul ihr vor der Haustür gegeben, Anna würde die anderen mitbringen.

Dora gähnte herzhaft, richtig wach war sie noch nicht. Sie zog den Mantel fester um sich und stellte sich zum Schutz vor der kalten Zugluft hinter einen Pfeiler. Ihr Blick fiel auf das Stationsschild. An den neuen Ortsnamen Neukölln hatte sie sich wie die meisten Bewohner immer noch nicht gewöhnt, auch wenn die Stadt schon vor sechs Jahren umbenannt worden war. Nur weil dem Bürgermeister und ein paar Bonzen beim Gedanken an Rixdorf ausschließlich Proleten, Sozialdemokraten und Kriminelle einfielen und sie stattdessen mehr Geldsäcke herlocken wollten. Dora schüttelte den Kopf. Hier ist Rixdorf bei Berlin und fertig!, dachte sie. Leise fing sie an zu summen: »In Rixdorf ist Musike, Musike, Musike, da tanzen Franz und Rieke, die letzte Polka vor ...«

Ein älterer Mann in abgerissener Kleidung in Doras Nähe, der kaum merklich am ganzen Leibe zu zittern schien, sah sie schräg von der Seite an. Ein kleines Lächeln huschte über seine verbitterten Züge, das jedoch gleich wieder verschwand. Er zog seine Feldmütze tiefer in das Gesicht und begann, unverständliche Sätze vor sich hinzumurmeln.

Rumpelnd fuhr eine S-Bahn ein. Dora lugte um den Pfeiler, aber Anna war immer noch nicht zu sehen. Also noch einmal zehn Minuten warten! Sie presste den Beutel mit den Flugblättern an ihren Bauch.

Dass man für seine Rechte kämpfen musste, war Dora schon lange klar gewesen. Als Dienstmädchen bei einer Fabrikantenfamilie hatte sie sich noch alles gefallen lassen. Mit sechzehn war sie dann in die Fabrik gegangen, um mehr Geld zu verdienen. Es hatte nicht lange gedauert und sie war in den Deutschen Metallarbeiterverband eingetreten. Zwar wollten die Männer eigentlich keine Frauen in der Gewerkschaft haben, weil sie die billige Konkurrenz ablehnten und zudem nicht einsahen, was Frauen überhaupt in der Fabrik zu suchen hatten. Frauen gehörten schließlich daheim an den Herd, oder nicht? Aber Dora hatte sich schnell Ansehen erworben, bei Männern und Frauen, weil sie leidenschaftlich für die Sache der Arbeiter eintrat und keine Konflikte scheute.

Wie ging noch mal das Ausbeuterlied?, überlegte sie. Der Rixdorfer Gassenhauer mit Rieke schwirrte ihr immer noch durch den Kopf. Dann fiel es ihr ein. Ach ja, das ging so: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß, bei Siemens und bei Borsig, der kennt des Lebens Jammer nicht, der hat ihn nun noch vor sich!«

Das laute Rumpeln, das die Einfahrt der nächsten Bahn ankündigte, riss sie aus den Gedanken. Als sie aufblickte, entdeckte sie Anna, die gerade die Treppe hochhetzte. Einen Moment später fuhr die Bahn ein, und die Türen öffneten sich, um einen Strom abgekämpft wirkender Arbeiter zu entlassen. Dora und Anna begrüßten sich hastig und stiegen ein.

»Mensch, Dora, fast hätt ich es nicht mehr geschafft! Der Kurt hat verschlafen, der hatte doch die Flugblätter!« Anna war völlig außer Atem und sichtlich froh, dass sie einen Sitzplatz fanden. Seufzend ließen sie sich nebeneinander auf die harte Holzbank fallen. »Dabei hab ich gar nichts gefrühstückt, aber es war eh nichts im Haus. Mutter ist auch schon wieder krank, weiß gar nicht, wann ich die Extra-Milch für Tuberkulosekranke besorgen soll. Gibt’s die eigentlich noch?« Anna kramte in ihrer Tasche. »Und Vater hockt wieder trübsinnig am Küchentisch. Wenn der sich doch mal zusammenreißen würde! Ein Glück, dass sich Lotte aus dem Erdgeschoss heute um meine Geschwister kümmern kann. Wie sieht’s bei dir aus?«

Belustigt über diesen Wortschwall am frühen Morgen schaute Dora ihre Kollegin und Freundin an. Deren schmales Gesicht war erhitzt vom Laufen, das Kopftuch über den Locken verrutscht und die Jacke falsch zugeknöpft. Anna war immer in Eile, oft zu spät, neben der Arbeit beschäftigt mit der Pflege des Vaters, der mit einem fehlenden Arm und einem Granatsplitter in der Hüfte aus dem Krieg nach Hause geschickt worden war. Ihre Mutter, die Blut hustete, wo sie doch im Sommer erst knapp die Ruhr überlebt hatte, schaffte es kaum, sich um Annas vier jüngere Geschwister zu kümmern, die inzwischen schon ganz blass und apathisch waren.

In der Fabrik machte Anna manchmal einen abwesenden Eindruck, aber wenn es darum ging, für den Sozialismus zu kämpfen, war sie hellwach und immer bereit zu Aktionen.

Gerade wollte Dora antworten, doch Anna schaute sie mit einem träumerischen Blick an. »Ach, könnten wir nicht mal wieder tanzen und lachen und fröhlich sein?«

Der Zug fuhr in den Bahnhof Ebersstraße ein, und Dora entdeckte Helene draußen auf dem Bahnsteig. Sie winkte ihr zu. Helene hob den Arm und beeilte sich einzusteigen. Dora blickte zu Anna, die sie immer noch bittend ansah.

»Fräulein Anna, darf ich Sie daran erinnern, dass ...«, begann sie, und Anna presste sofort die Hände auf die Ohren.

»Nein, ich will das nicht hören!«, rief sie und kniff auch noch die Augen zu.

»Was willst du nicht hören?« Helene war zu ihnen gestoßen und quetschte sich neben sie auf die schmale Bank. Die Bahn fuhr so ruckartig an, dass alle drei fast hinuntergerutscht wären. Aber sie konnten sich gerade noch aneinander festhalten.

»Ich wollte nicht daran erinnert werden, dass Tanzen verboten ist!«, rief Anna gegen die lauten Fahrgeräusche an. »Und auch nicht daran, dass sich zu versammeln auch verboten ist, und auch nicht an all die anderen Verbote.«

Dora lachte. »Dann geh doch ins Kino, Filme sind nicht verboten. Läuft nicht gerade ein neuer mit Henny Porten?«

»Ich soll meine sauer verdienten Groschen an der Kinokasse abgeben? Du spinnst wohl!«, rief Anna. »Ich will tanzen, singen und mich amüsieren. Und nicht rührselige Durchhaltestücke kieken!«

Helene rümpfte die Nase. »Wird Zeit, das Schluss ist mit Krieg.«

Abrupt beugte sich Anna vor. »Sag mal, hast du nicht bald Geburtstag?«

»Meinst du mich?«, erwiderte Dora perplex.

»Natürlich meine ich dich! Du hast doch nächste Woche Geburtstag, oder?«

Dora wusste nicht, worauf Anna hinauswollte. Auch Helene blickte verwirrt drein. »Ja, ich hab nächste Woche Geburtstag. Wieso?«

Begeistert klatschte Anna in die Hände. »Das feiern wir. Mit Singen und Tanzen!« Zwei Augenpaare sahen sie irritiert an.

»Wir feiern doch nie Geburtstag. Das machen doch nur der Kaiser und seine Aujuste, der ganze Adel.« Nach einer kurzen Pause fügte Helene hinzu: »Und die Bourgeoisen. Aber wir Proleten? Wer feiert denn von uns seinen Geburtstag? Die Männer haben früher vielleicht mal einen Schnaps in der Kneipe ausgegeben, höchstens. Und als Kinder haben wir vielleicht mal was gekriegt.«

Anna fertigte die Bemerkung mit einer unwirschen Handbewegung ab. »Ist doch egal. Wir feiern nächste Woche Doras Geburtstag!«

Der Zug fuhr in den Bahnhof Beusselstraße ein, und die drei jungen Frauen standen auf und stiegen aus, sobald der Wagen gehalten hatte. Sie beeilten sich, an die Spitze der langen Kolonne von Arbeitern zu kommen, deren Ziel die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik war. Lachend schoben sie sich vor die ausgezehrten Männer und Frauen. Auf dem Weg bis zur Ecke Kaiserin-Augusta-Allee machte Anna zwischendurch kleine Hüpfer. »Wir feiern Geburtstag, wir feiern Geburtstag, und wir singen und tanzen!«, trällerte sie vergnügt vor sich hin. Einige der Arbeiterinnen schüttelten die Köpfe, aber einer der jungen Männer pfiff Anna bewundernd hinterher. Anna lachte nur und winkte ab, um die Strophe noch einmal zu singen. Dora und Helene lächelten sich an. So ausgelassen hatten sie Anna schon lange nicht mehr gesehen.

Vor dem Werkstor beeilten sie sich, die Flugblätter zu verteilen. Auf denen stand geschrieben, dass man sich mit allen Mitteln gegen die neuerlichen Durchhalteparolen wehren solle. Es war die Reaktion auf einen Aufruf konservativer und nationaler Vereinigungen in Deutschland sowie großer Teile der MSPD und der Gewerkschaften. Allein schon die Überschrift ›Aufruf für Kampfgeist und Opferbereitschaft‹ hatte nicht nur bei Dora Widerwillen hervorgerufen. Nur wenige lehnten den Handzettel ab, wie es in letzter Zeit öfter vorgekommen war. Auch wurden ihnen aufmunternde Blicke zugeworfen, oder der eine oder die andere blieb kurz stehen, um mit ihnen zu sprechen.

Plötzlich zischte Anna: »Vorsicht, Hermann und seine Leute!«

Ehe sie reagieren konnten, wurden die drei von den Männern umringt.

Hermann, ein Bulle von Mann mit stechend grünen Augen, baute sich vor Dora auf. »Passt mal auf, dass ihr nicht wie die Luxemburg in den Knast kommt, bei den Umtrieben, die ihr hier macht!«

Dora blieb ruhig. Vor Hermann, der die Lackiererei unter sich hatte und immer noch davon überzeugt war, dass Deutschland unter dem Kaiser und General Ludendorff den Krieg gewinnen würde, hatte sie keine Angst. »Was willste mir denn heute sagen?«, forderte sie ihn heraus.

»Nur weil die dummen Bauernlümmel da in Russland Bolschewismus spielen, heißt das hier noch lange nichts, das merk dir mal, du kleines Fräulein Gernegroß!«, blaffte er sie an. »Und ihr da«, wandte er sich an ein paar Männer, die den Frauen zu Hilfe geeilt waren, »ihr kommt auch noch an die Front, da könnt ihr nicht mal Piep sagen, so schnell geht das! Euch sollte man vor die Kanonenrohre binden! Habt ihr denn gar keinen Stolz?« Er spuckte vor ihnen aus.

Die zwei Gruppen standen sich gegenüber, einige Männer hoben drohend die Fäuste. Franz, der Obmann aller Vertrauensleute in der Fabrik, löste sich aus der Gruppe um Dora. Gleichzeitig schrillte die Werkssirene, die das Ende der Nachtschicht anzeigte, doch keiner bewegte sich.

»Lass mal gut sein«, versuchte Franz die Stimmung wieder zu beruhigen. Anna schob sich neben ihn.

»Na, Franz, lässt du dich von deinen kleinen Russenbräuten beschützen?« Hermann lachte dröhnend und bedeutete seinen Männern mit einer Handbewegung weiterzugehen. »Kommt, Leute, wir gehen lieber an die Arbeit, um die Jungs an der Front mit Material zu versorgen. An den kleinen Revoluzzern wollen wir uns nicht die Hände schmutzig machen!«

Witzelnd zogen sie ab.

Helene flüsterte Dora zu: »Am liebsten hätte ich dem eine gescheuert, dem blöden Heini! Der geht einem ja dermaßen auf die Nerven mit seinem Patriotismus!«

Dora zuckte mit den Schultern. »Du kennst ihn doch. Der will nicht wahrhaben, dass der Krieg verloren ist. Er klammert sich immer noch an das Märchen vom glorreichen Sieg. Komm, lass uns lieber weiter Flugblätter verteilen!«

Die ersten Leute aus der Nachtschicht kamen durch das Tor getrottet, und Dora lief zu ihnen hinüber, die Flugblätter in der Hand.

Kurz vor Schichtbeginn erwartete die drei im Umkleideraum der Fabrik ein ungewohntes Bild. Statt der üblichen Hektik herrschte eine angespannte Ruhe. Die Arbeiterinnen standen herum, einige noch gar nicht umgezogen, unterhielten sich oder saßen mit geschlossenen Augen auf den Bänken, um noch einige Minuten zu dösen.

»Was ist denn hier los?« Dora sprach eine der ganz jungen Frauen in der Ecke an, die kichernd Bildpostkarten herumreichten.

»Och, irgendwie hat die Nachtschicht Mist gebaut.« Die Angesprochene zog eine weitere Postkarte hervor. Eine Gruppe stolz blickender Soldaten in Paradeuniform war darauf abgebildet.

Dora seufzte innerlich. Diese Mädchen! Die meisten von ihnen waren immer noch ganz vernarrt in Männer mit schmucken Uniformen. Als wenn sie nicht auch schon längst wüssten, dass der Krieg verloren war! »Was ist denn geschehen?«, fragte sie.

»An ein paar Maschinen sind die Transmissionsriemen gerissen. Aber die finden die Kiste mit den Ersatzriemen nicht.«

»Wo die wohl sind?«, fragte Helene provozierend und erntete damit Gelächter.

Dora setzte sich neben Anna, die es sich inzwischen auf der Bank gemütlich gemacht und ihre langen Beine ausgestreckt hatte. Helene blickte sich kurz um und verschwand, ohne ein Wort zu sagen. Dora sah gerade noch, wie sie die Tür zumachte. »Wo will Helene denn hin?«

Anna gähnte. »Keine Ahnung.« Sie ließ den Kopf auf Doras Schulter fallen. »Oh, ich bin so müde. Wenn gleich nichts passiert, schlafe ich auf der Stelle ein.«

Von der Waschrinne, die mitten im Raum stand, kam eine ältere Frau zu ihnen herüber. Sie stellte sich dicht vor Dora und Anna, die Hände in die Hüften gestemmt. »Was habt ihr denn heute wieder für Ärger gemacht? Könnt ihr nicht endlich Ruhe geben?«

Dora setzte sich ruckartig auf. Annas Kopf prallte unsanft an die Holzwand, fluchend rieb sie sich den Schädel.

»Was heißt denn hier Ärger, Hedwig?« Doras Halsschlagader pochte. »Willst du etwa zusehen und jubeln wie im August 14, wenn demnächst unsere Sechzehnjährigen noch auf den Rest verheizt werden? Oder die Männer in den Lazaretten notdürftig geflickt werden und dann die Gewehre wieder in die Hände gedrückt kriegen?«

»Ihr mit eurer bolschewistischen Propaganda! Ihr seid doch nur auf Krawall aus!« Hedwigs Stimme war lauter geworden. Einige von den anderen Frauen waren jetzt aufmerksam geworden und sahen interessiert herüber, ein paar von ihnen kamen näher. Dora und Anna standen auf.

»Wie meinst ’n das mit Krawall?« Wieder versuchte Dora, ruhig zu bleiben. Hedwig zuckte zurück und suchte nach Worten.

»Es wird alles in Ruhe und Ordnung über die Bühne gehen, das haben sie versprochen! Und so läuft es doch gerade.« Sie schaute sich Beifall heischend um. »Die Regierung verhandelt über Frieden mit dem Wilson von den Amerikanern. Wir lassen uns doch nicht von denen in die Knie zwingen! Das haben wir nicht verdient. Und die SPD und die Gewerkschaften sehen das auch so!«

Zustimmendes Murmeln war zu hören. Das regte Anna so auf, dass sie einen Schritt nach vorne machte und Hedwig direkt in die Augen sah. »Sag mal, spinnst du? Wir haben den Krieg verloren, schon im Sommer. Das wissen doch alle! Und jetzt ist Ende Oktober! Wer hat denn da wohl was von? Wir bestimmt nicht!«

»Da hat sie recht!«, rief eine ältere Arbeiterin aus dem Hintergrund. Eine andere, die bisher schweigend in der Gruppe um Hedwig gestanden hatte, mischte sich ein.

»Genau, wir müssen weiter schuften und hungern! Und meinen Jüngsten haben sie letzte Woche geholt, das ist doch nicht richtig!«

Jetzt redeten alle lautstark durcheinander. Dora versuchte, Hedwig klarzumachen, dass sie auf den Frieden von oben noch lange warten konnten und die Arbeiter das Heft in die Hand nehmen mussten, notfalls mit Gewalt. Anna bearbeitete eine der jüngeren Frauen, die der Meinung war, dass der Kaiser keine Schuld an der Misere hatte und ruhig auf seinem Thron bleiben konnte. Dann pfiff jemand so durchdringend, dass alle verstummten und sich umsahen. Helene stand in der Tür, mit gerötetem Gesicht.

»Unsere Abteilung kann nach Hause gehen!«, brüllte sie. Schadenfreude war in ihrer Stimme zu hören. »Die neuen Riemen kommen erst heute Nachmittag!«

Ein kollektives Aufseufzen war die Antwort. Die Frauen suchten ihre Sachen zusammen und beeilten sich, der Fabrik für heute den Rücken zuzukehren.

3

Dora stieß die Tür zum rechten Seitenflügel im zweiten Hinterhof auf. Die Gaslampen im Treppenhaus glommen nur schwach, ihr schummriges Licht ließen den Aufgang kaum erahnen. Am Geruch könnte man unser Haus nicht erkennen, dachte sie, als sie die Treppe ganz an der Seite hochging, um nicht auf die kaputte Stufe im Hochparterre zu treten. Der Geruch war überall gleich: eine Mischung aus Kohl, schimmeligen Wänden, Kohlen und Abort. Irgendeine Zutat fehlte noch, überlegte Dora, aber sie wischte den Gedanken beiseite, als sie vor einer Wohnungstür im zweiten Stock ankam. Leise klopfte sie an.

»Dora, bist du das?«, hörte sie eine schwache Stimme hinter der Tür. »Es ist offen und ...« Der Rest ging in einem trockenen Husten unter.

Dora trat ein. Die Wohnung lag im Dunkeln, nur ein schwacher Lichtschein fiel aus dem Hof in die Wohnküche, an die eine kleine Schlafstube angrenzte. Die Tür stand offen, und Dora tastete sich langsam vorwärts, bis sie den kleinen Nachttisch neben dem Bett mit der Lampe darauf erreicht hatte.

»Mach ruhig ein wenig Licht!«, bat Elsie, die unter dem Berg an Decken und Mänteln, die sie über sich gezogen hatte, kaum auszumachen war.

Dora drehte die Lampe auf und setzte sich auf den Hocker neben dem Bett. Nur Elsies Nasenspitze schaute aus dem Deckenberg heraus, und Dora half ihr, sich aufzurichten. Sie stopfte ihr zwei Kissen in den Rücken, damit Elsie es etwas bequemer hatte.

»Wie spät ist es? Kommt mir vor, als ob ich grad erst eingeschlafen bin.« Elsie rieb sich die Augen.

»Hast du was für den Ofen, dann kann ich heißes Wasser machen?«

Elsie zeigte stumm auf den Kasten neben dem Küchenofen. Er war halb mit großen und kleinen Holzresten gefüllt, sogar einige Kohleklumpen lagen darin.

»Kein Mensch hat was zum Heizen, aber Elsie aus’m zweiten Stock.« Dora lachte und stand auf, um das Fenster zu öffnen. »Hast wohl einen Verehrer, was? Bestimmt der hübsche Junge aus dem vierten Hof! Der hat die besten Chancen, Nachfolger von Schieber Franze zu werden!«

Elsie zog ein Wolltuch unter der Decke hervor und legte es sich um die Schultern. Auch ein Schal fand sich in dem Mantelstapel, den sie sich demonstrativ um den Hals wickelte. »Ist das gut, so viel frische Luft?«, murrte sie.

Dora lächelte in sich hinein. Wenn Elsie anfing zu meckern, ging es eindeutig bergauf.

»Der Doktor war hier. Er sagt, er kann nichts machen, weil das so eine komische Grippe dieses Jahr ist.« Elsie runzelte die Stirn. »Spanische Grippe, so hat er sie genannt. So Olle wie mich lässt sie wohl leben und auch die Kinder. Aber die jungen Leute sterben dran wie die Fliegen, und keine Pillen helfen nicht. Pass bloß auf, dass du dir nichts einfängst!«

Dora ging in die Wohnküche hinüber. »Ich mach den Ofen an, und dann gibt es heißen Tee!«, rief sie.

»Wenn das so weitergeht und ich nicht bald wieder nähen kann«, fuhr Elsie etwas lauter fort, »dann wird das sowieso nichts mehr mit mir. Spanische Grippe oder kein Geld ist dann auch egal. Bin ja nur ’ne kleine Soldatenfrau, die vom Staat gnädig Unterstützung kriegt, weil ihr Mann auf ’m Schlachtfeld ist. Das ist so wenig, dafür sollten die sich schämen.« Sie zog den Schal fester und reckte den Hals, um Dora, die in der Küche hantierte, besser sehen zu können. »Wusstest du, dass die Offiziersfrauen tausendfünfhundert Mark kriegen? Dafür, dass der Herr Gatte weit weg von den Kanonen meinen Mann und meine Söhne ins Feuer schickt? Ich krieg dreihundert – im Jahr.«

»Reg dich nicht so auf, das tut dir nicht gut. Wir trinken jetzt was Warmes, und dann mache ich dir ein Brot.« Dora ging zur Tür, es hatte geklopft. Vor ihr stand Frau Kasupke, Alfreds Mutter, mit ihrer imposanten Gestalt, auch wenn insbesondere ihr Busen, auf den sie so stolz gewesen war, seit dem Kohlrübenwinter gelitten hatte. Die Haare sorgfältig frisiert, in Schnürstiefeletten und schwarzem, auf Figur geschnittenem Mantel sah sie wie aus dem Ei gepellt aus.

»Ich hab euch reden gehört, da wollte ich gleich mal was vorbeibringen.« Frau Kasupke wohnte über Elsie und sprühte wie immer vor Energie. Sie rauschte an Dora vorbei. »Wie geht es Ihnen, Frau Kirchstätter?«

Auf Dora machte Frau Kasupke jedes Mal den Eindruck, als käme sie von einem hellen Stern in das von Armut und Düsternis geprägte Rollbergviertel geschwebt. Dabei wohnte sie seit Jahren hier mit ihnen im Seitenflügel. Dass sie das bevorzugte Klatschobjekt in den Höfen war, hing vielleicht damit zusammen, dass sich seit Langem hartnäckig das Gerücht hielt, sie pflege besondere Beziehungen zu Männern aus der Kaiser-Friedrich-Straße, dem besseren Teil Neuköllns.

Doch Frau Kasupke scherte sich nicht um das Gerede anderer Leute; wenn Sorgen und Not in ihrem Umfeld herrschten, war sie da.

Mit der ihr eigenen Eleganz setzte sie sich jetzt auf die Bettkante und kramte in ihrer voluminösen Handtasche. Elsies Augen wurden größer und größer, und Dora lief das Wasser im Mund zusammen. Schätze lagen vor ihnen: ein Stückchen Schinken, vier Eier, eine kleine Tüte richtiger Bohnenkaffee, ein Klumpen echte Butter, ein paar Scheiben Roggenbrot.

Elsie nahm eine Scheibe und drehte sie ehrfürchtig hin und her. »Richtiges Brot! Nicht dieses verdammte K-Kriegsbrot. Und ich sagte noch zu Dora, wie lange sollen wir diesen Mist noch essen? Brot aus Kartoffelmehl, Eicheln und Wurzeln, wer denkt sich so was aus? Letztens kaute ich auf Holzmehl herum. Oh, und Kaffee!« Sie hielt das Tütchen vor ihre Nase und roch hingebungsvoll daran. »Allein der Kaffee macht mich wieder gesund!«

Dora sah zu Frau Kasupke und bemerkte ihren gerührten Blick. Elsie wollte noch etwas sagen, aber ein Hustenanfall hielt sie davon ab. Erschöpft sank sie in die Kissen zurück.

»Ich weiß gar nicht, wie ich das wiedergutmachen kann«, flüsterte sie. »Seit ich krank bin, haben Sie immer was vorbeigebracht, ich weiß gar nicht …«

Frau Kasupke erhob sich. »Lassen Sie mal gut sein. Wer weiß, was morgen ist. Gute Besserung und reden Sie nicht so viel, schonen Sie Ihre Kräfte!«

Dora brachte sie zur Tür und flüsterte: »Haben Sie etwas von Alfred gehört?«

»Nein, habe ich nicht. Ich hoffe, er hat keine Dummheiten angestellt.« Frau Kasupke zog ein parfümiertes Taschentuch heraus und schnäuzte sich nahezu geräuschlos. Mit einem aufmunternden Blick drückte sie Doras Arm. »Er meldet sich schon. Du kennst ihn doch, er war im Sommer hier, für ihn ist das wie gestern.« Sie winkte und ging mit klappernden Absätzen die Treppen hinunter.

Etwas beklommen schloss Dora die Tür. Aber der Gedanke an das üppige Frühstück, dass sie jetzt für Elsie und sich zubereiten konnte, hielt sie davon ab, sich weiter Gedanken zu machen. Eine richtige Mahlzeit mit Schinken, Eiern, Brot und Kaffee war mit Sicherheit besser, als sich um Soldat Alfred Kasupke bei der Kaiserlichen Marine in Wilhelmshaven zu sorgen.

Nach dem Essen hatte Dora keine Eile, Elsies Küche zu verlassen. Hier war es angenehm warm, der Duft des köstlichen Essens hing im Raum, die Welt schien für einen Moment ausgesperrt zu sein. Dora blickte sich um. Im Raum war es eng, aber gemütlich, der Holzboden war sauber gefegt; nur unter dem Nähmaschinentisch lagen ein paar Wollfussel und Garnreste. Vor ein paar Tagen noch hatte hier das reinste Durcheinander geherrscht, aber Elsie hatte offenbar, sobald es ihr etwas besser gegangen war, Ordnung geschaffen. In den Wandregalen war das Geschirr gestapelt, und im Spülbecken lag nicht ein einziger schmutziger Löffel. In der Mitte des Raumes stand der Holztisch mit den vier Stühlen. Solche Küchenmöbel waren mittlerweile rar geworden, viele Leute hatten die ihren schon verfeuert, aber bei Elsie saß man noch anständig am Tisch.

Die kleine Schlafkammer war ebenso aufgeräumt und sauber wie die Küche. Auch das Klosett auf halber Treppe – ein Luxus, der ihnen hier im zweiten Hof den Weg zur Gemeinschaftstoilette unten ersparte – war geputzt, wie Dora vorhin bei einem Besuch dort gesehen hatte.

Elsie pickte nachdenklich die restlichen Brotkrümel vom Teller. »Ist es wahr, dass auf Demonstrationen laut gerufen wird, dass der Kaiser abdanken soll?« Mit dem Frühstück und vor allem mit dem Kaffee hatte sie Farbe ins Gesicht bekommen. Schlagartig kehrte Dora in die Wirklichkeit zurück. Irritiert sah sie ihre Nachbarin an. »Natürlich muss der Kaiser abdanken, was denkst du denn? Und der ganze Klüngel von Adel und Militär muss auch weg. Arbeiter- und Soldatenräte sollen das Volk führen, damit wir in Frieden und Freiheit leben können. Das habe ich dir doch erklärt!«

»Aber sind wir nicht auf einem guten Weg jetzt?«, gab Elsie zurück. »Scheidemann ist in der Regierung, ein Sozialdemokrat! Hättest du das vor einem Jahr gedacht? Und der Kaiser unterstützt die Regierung, und er will das Dreiklassenwahlrecht in Preußen abschaffen! Er kann doch ruhig Kaiser bleiben, oder von mir aus König. Ist doch besser so, gibt nicht so viel Unruhe auf einmal.« Elsie wollte weiterreden, aber ein neuerlicher Hustenanfall hinderte sie daran.

Dora half ihr, den Oberkörper vornüber zu beugen, dann war es leichter. Sie legte ihr das verrutschte Tuch um die Schultern und nahm Elsies Hand. »Elsie, lass uns jetzt nicht streiten«, sagte sie versöhnlich. »Die Dinge werden ihren Gang gehen, und ich werde bestimmt nicht tatenlos zusehen, wie sich diese Regierungssozialisten unserer Räterepublik in den Weg stellen.« Etwas sanfter fügte sie hinzu: »Bitte werde wieder gesund – wir brauchen dich doch hier.«

Elsie murmelte etwas Unverständliches in den Schal hinein und kuschelte sich tiefer unter die Decke.

Dora räumte das Geschirr ordentlich weg, dann verabschiedete sie sich von Elsie und schloss leise die Tür hinter sich. Auf der Treppe kam ihr die Postbotin entgegen.

»Hallo Luise, viel zu tun?« Dora kannte die junge Frau, sie wohnte zwei Häuser weiter. Verrückt, wo heute überall Frauen arbeiten, dachte sie, während Luise versuchte, ihre dicke Posttasche an ihr vorbei zu bugsieren.

»Ja, ist viel, immer diese Briefe mit den Todesnachrichten von der Front. Für dich war auch was dabei, hab’s dir eingeworfen.«

Doras Herz machte einen Hüpfer. »Bei mir wird es ja wohl nicht so ein Brief sein«, suchte sie ihre Aufregung zu verbergen.

»Falls du auf Feldpost von einem Liebsten wartest, kannst du weiter warten. Ist was Offizielles«, gab Luise zurück, schon ein paar Treppen weiter.

Dora sprang die letzten Stufen hoch zu ihrer kleinen Dachkammer. Aufgeregt ruckelte sie am Türschloss herum, das seit Monaten klemmte. Endlich bekam sie die Tür auf und schlüpfte durch den kleinen Spalt, der geblieben war, seitdem das Zimmer zum Zwischenlager für Waffen und Munition geworden war.

Der Brief lag auf dem nackten Dielenboden. Sie hob ihn rasch auf und öffnete ihn.

Er enthielt nur wenige Zeilen: Morgen am frühen Nachmittag sollte sie sich bei der Politischen Polizei im Präsidium am Alexanderplatz zu einer Vernehmung einfinden.

Dora ließ den Brief sinken. Wie betäubt setzte sie sich aufs Bett und starrte auf das Schreiben. Wie kommen die auf mich – hat mich jemand verpfiffen – werde ich überwacht – sind wir aufgeflogen? Die Gedanken rasten durch ihren Kopf, ratlos blickte sie sich in der Kammer um, in dem sich Schachteln und Kisten türmten. Dann holte sie tief Luft. Jammern und Bangen nützte niemandem etwas. Jetzt war Handeln gefragt.

4

Die Kammer musste leergeräumt werden, heute noch. Eine Wohnungsdurchsuchung würde die ganze Mühe seit dem Sommer zunichtemachen. Doras Magen rebellierte, ein paar Hundert Pistolen und tausende Schuss Munition erschienen ihr wie ein riesiger Berg, der in Windeseile abzutragen war.

Dreh jetzt nicht durch, ermahnte sie sich und griff entschlossen nach der nächsten Pistolenschachtel. Die Handgriffe fühlten sich schon vertraut an: aufreißen, Waffe entnehmen, in eine Kiste legen. Nächste Schachtel, die dritte, die vierte.

Das monotone Packen beruhigte ihre Nerven. Eine weitere halbe Stunde später war sie dreimal so schnell geworden. Zwischendurch hatte sie den kleinen Kochofen geheizt und angefangen, die vielen Pappen zu verbrennen.

Plötzlich waren im Treppenhaus Schritte zu hören. Dora erstarrte und lauschte an der Tür. Als sie die gedämpften Stimmen von Fritz und Paul erkannte, die schließlich vor ihrer Tür anlangten, öffnete sie erleichtert. Am liebsten wäre sie den beiden um den Hals gefallen, aber das ging natürlich nicht.

Weder Fritz noch Paul bemerkten offenbar etwas von ihrer Anspannung.

»Wolltest uns die Arbeit abnehmen, was?«, lachte Paul. »Oder kriegste Besuch von einem Verehrer und alles soll ordentlich aussehen? Kenn ich den schon?«, witzelte er.

»Nee, heute muss alles raus hier.« Dora sah in zwei verblüffte Gesichter und hätte fast gelacht, wenn die Sache nicht so ernst gewesen wäre. Sie zog die Vorladung aus ihrer Rocktasche. »Morgen verhören sie mich bei der Politischen in der Roten Burg. Keine Ahnung, was die wollen, aber wir müssen denen das hier ja nicht auf dem Silbertablett servieren, oder?«

Mit dem Brief in der Hand setzte sich Fritz auf einen Kistenstapel. Er war gerade achtzehn Jahre alt geworden und fürchtete sich jeden Tag vor dem Einberufungsbefehl. »Aber wie sollen wir das alles auf einmal wegschaffen?«, fragte er ratlos. »Vorgestern war es schon schwierig, da konnte ich bei einem Genossen nicht abliefern, weil ein Polizist vor seinem Haus Wache hielt. Da stand ich dann da mit dem Kram.« Seine Hand zitterte, als er Dora den Zettel zurückgab.

»Lass mal überlegen«, überlegte Paul laut. »Morgen ist Mittwoch, da muss ich das Fuhrwerk erst etwas später abgeben ...«

Dora hatte keine Nerven, um die Alternativen zu diskutieren.

»Euch wird schon was einfallen. Ich schmier euch ein paar Stullen, und dann seht ihr zu, dass ihr Land gewinnt – und zwar mit allen Kisten!«

Paul zuckte mit den Schultern und stellte sich vor die erste Kiste. Dora half ihm, sie auf den Rücken zu wuchten. Als er sich aufgerichtet hatte, herrschte er Fritz an, der immer noch gedankenverloren dasaß und sich nicht rührte. Fritz seufzte, gab Dora die Vorladung zurück und stand auf, um mit anzupacken.

Ein paar Mal mussten die Männer hoch und runter laufen, um das Zimmer leer zu räumen. Bei der letzten Fuhre steckte Dora ihnen die versprochenen Stullen in die Jackentaschen und schärfte ihnen ein, alles wie immer zu machen und nicht nervös zu werden.