Dorian Hunter 78 - Ernst Vlcek - E-Book

Dorian Hunter 78 E-Book

Ernst Vlcek

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Beschreibung

Draußen wurden Julios Schmerzensschreie leiser. Die Tür wurde polternd aufgestoßen, und zwei Kapuzenmänner mit Fackeln traten in die Hütte. Sie leuchteten alle Winkel des Raumes aus, stocherten mit langen Heugabeln in dem Strohlager herum und kehrten dann unverrichteter Dinge ins Freie zurück. "Die Hütte ist leerSiehst du, Estrella, sie haben uns nicht gefunden. Wenn Julio auf mich gehört hätte, dann wäre auch ihm nichts geschehen!Vielleicht ist es wahr, und ich bin eine bösartige, rachsüchtige Hexe ..."

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Seitenzahl: 151

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Inhalt

Cover

Was bisher geschah

DIE HEXE VON ANDORRA

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

mystery-press

Vorschau

Impressum

Der ehemalige Reporter Dorian Hunter hat sein Leben dem Kampf gegen die Schwarze Familie der Dämonen gewidmet, seit seine Frau Lilian durch eine Begegnung mit ihnen den Verstand verlor. Seine Gegner leben als ehrbare Bürger über den gesamten Erdball verteilt. Nur vereinzelt gelingt es dem »Dämonenkiller«, ihnen die Maske herunterzureißen. Unterstützung in seinem Kampf erhält er zunächst durch den englischen Secret Service, der auf Hunters Wirken hin die Inquisitionsabteilung gründete.

Bald kommt Dorian seiner eigent¬lichen Bestimmung auf die Spur: In einem früheren Leben schloss er als Baron Nicolas de Conde einen Pakt mit dem Teufel, der ihm die Unsterb¬lichkeit sicherte. Um für seine Sünden zu büßen, verfasste de Conde den »Hexen¬hammer« – jenes Buch, das im 16. Jahrhundert zur Grundlage für die Hexen¬verfolgung wurde. Doch der Inquisition fielen meist Unschuldige zum Opfer; die Dämonen blieben ungeschoren. Als de Conde selbst der Ketzerei angeklagt und verbrannt wurde, ging seine Seele in den nächsten Körper über. So ging es fort bis in die Gegenwart. Dorian Hunter begreift, dass es seine Aufgabe ist, de Condes Verfehlungen zu sühnen und die Dämonen zu vernichten.

In der Folge beginnt Dorian die Dämonen auf eigene Faust zu jagen. Als die Erfolge ausbleiben, gerät Trevor Sullivan, der Leiter der Inquisitionsabteilung, unter Druck. Die Abteilung wird aufgelöst, und Sullivan gründet im Keller der Jugendstilvilla die Agentur Mystery Press, die Nachrichten über dämonische Aktivitäten aus aller Welt sammelt. Hunter bleibt nur sein engstes Umfeld: die junge Hexe Coco Zamis, die selbst ein Mitglied der Schwarzen Familie war, bis sie ¬wegen ihrer Liebe zu Dorian den Großteil ¬ihrer magischen Fähigkeiten verlor; weiterhin der Hermaphrodit Phillip, dessen hellseherische Fähigkeiten ihn zu einem lebenden Orakel machen, sowie ein Ex-Mitarbeiter des Secret Service namens Donald Chapman, der bei einer dämonischen Attacke auf Zwergengröße geschrumpft wurde.

Trotz der Rückschläge gelingt es Dorian, Asmodi, das Oberhaupt der Schwarzen ¬Familie, zu vernichten. Doch mit Olivaro steht schon ein Nachfolger bereit, der die schwangere Coco Zamis zur Rückkehr in die Schwarze Familie zwingt. Es gelingt Dorian, Coco zu retten. Nach einer Flucht um den halben Erdball bringt sie ihr Kind in London zur Welt, und Olivaro muss den Thron räumen.

Coco versteckt das Neugeborene an ¬einem Ort, den sie selbst vor Dorian geheimhält. Ihre Vorsicht ist berechtigt, da bald eine neue, »alte« Gegnerin auftaucht: Hekate, die neue Anführerin der Schwarzen Familie, wurde von ¬Dorian in seinem vierten Leben als Michele da Mosto schmählich verraten, sodass ihre einstige Liebe sich in glühenden Hass verwandelt hat. Als Donald Chapman verschwindet, vermutet Dorian eine weitere Intrige von Hekate und stöbert den Puppenmann schließlich im Baskenland auf, wo dieser allerdings freiwillig bei der Familie des Zyklopenjungen Tirso untergeschlüpft ist, um nach dem Alraunenmädchen Dula zu suchen.

DIE HEXE VON ANDORRA

von Ernst Vlcek

Die schwarze Katze huschte wie ein Schatten durch den nächtlichen Wald. Manchmal verschmolz sie mit den dunklen Baumstämmen, dann tauchte sie wieder geschmeidig wie ein Raubtier auf, und ihr schwarzes Fell schimmerte silbrig im Mondlicht.

Julio Baroja hatte Mühe, ihr zu folgen. Manchmal glaubte er, sie aus den Augen verloren zu haben, und er wollte schon aufatmen, fühlte sich erleichtert, weil er glaubte, von seinen Verpflichtungen entbunden zu sein. Aber auf einmal war die schwarze Katze wieder da, den Kopf herausfordernd in seine Richtung gereckt, die gelben Augen voll Ungeduld und unterschwelliger Feindseligkeit auf ihn gerichtet.

Und er konnte nicht anders, als ihr zu folgen. Er tat dies mit einem Gefühl des Unbehagens, denn er wusste, dass diese Nacht sich von den vorangegangenen grundlegend unterschied. Dabei erschien ihm das, was sich hinter ihm tat, viel weniger schrecklich, als das, was vor ihm lag. Die dunklen Schatten, die ihm in sicherem Abstand folgten, empfand er als weniger bedrohend als das Wesen, zu dem ihn die Katze führte.

1. Kapitel

Es herrschte eine unheimliche Stille. Kein Laut war zu hören, nicht das Rascheln des welken Laubes unter seinen Füßen, nicht einmal sein eigener Atem.

Er war nicht fähig, klar zu denken. In seinem Geist herrschte das Chaos. Alles in ihm war in Aufruhr. Es war ein Aufruhr der Emotionen. Alles in ihm drängte danach, seinen Seelenschmerz hinauszuschreien, aber eine unsichtbare Hand hatte seine Kehle mit eisigem Griff umschlossen.

Der Wald lichtete sich. Eine windschiefe Hütte tauchte zwischen den Bäumen auf. Die Tür bewegte sich knarrend, als die Katze darin verschwand.

Julio empfand das Geräusch als Erlösung, aber seine eigenen Schritte konnte er noch immer nicht hören.

Er erreichte die Hütte, in der er als kleiner Junge immer mit seinen Freunden gespielt hatte. Wie gut er sich noch daran erinnerte, wie sie darin einmal von einem Unwetter überrascht worden waren, an das Trommeln des Regens, der durch das Dach getropft war, und an das Heulen des Sturmes, der durch die Fugen der Bretterwände pfiff.

Aber diese Erinnerung wurde überlagert von Eindrücken, die ihm die Hütte bei seinen späteren Besuchen vermittelt hatte. Und als er sie jetzt betrat, da fand er sich plötzlich wieder in einer anderen Welt. Es war nun ein verzauberter Ort.

Es roch nach Rauch, Zimt und Moschus. Zwei gelbe Kerzen verbreiteten ein goldenes Licht und ließen die Wände in einem überirdischen Glanz erstrahlen. Der alte Schuppen wurde zu einem Gemach aus Tausendundeiner Nacht – mit einer prunkvollen Liegestatt aus Stroh, auf der sich ein schlankes Mädchen rekelte, das schwarze Haar aufgelöst, den Blick ihrer rötlich schimmernden Augen von einigen Strähnen des Haares verschleiert, den Kirschlippenmund halb geöffnet und zu einem sanften, sehnsüchtigen Lächeln verzogen. »Julio.«

Sie hauchte seinen Namen nur, und trotzdem drückte sie damit all ihre Leidenschaft aus, die sie für ihn empfand. Hinter ihr fauchte und katzbuckelte ein schwarzer Schatten, den Schwanz steif wie eine Antenne in die Höhe gerichtet und ihn leicht hin und her bewegend, die Spitze wie einen Widerhaken krümmend.

»Ssscht!«, machte das Mädchen und streckte Julio im Liegen beide Arme entgegen. Und wieder besänftigend: »Ssscht, Estrella!«

Die schwarze Katze duckte sich.

Das Gefühl einer unbekannten Bedrohung verließ Julio. Er ergriff die Hände des Mädchens, ließ sich widerstandslos auf das Lager hinunterziehen und verschmolz mit ihrem Körper. Für eine unendlich lang scheinende und doch als zu kurz empfundene Zeitspanne legte sich der Aufruhr in ihm, versank das Chaos seiner Gedanken im Strudel des Glücks.

Doch die Angst vor dem Unbekannten kehrte blitzartig wieder in seine Gedanken zurück, nachdem der Nachhall des Sinnenrausches verebbt war.

Julio richtete sich ruckartig auf dem Strohlager auf. In Sekundenbruchteilen wurde das in überirdischem Glanz erstrahlte Gemach zu einem ärmlichen Schuppen. Er erinnerte sich der dunklen Schatten, die ihm hierher gefolgt waren, wollte dem Mädchen davon erzählen, doch etwas schnürte ihm die Kehle zu.

»Was ist, Julio?«, fragte eine schlaftrunkene Stimme.

»Sixta, ich muss dich etwas fragen«, sagte er barsch und versuchte gleichzeitig, sich gegen die Verzauberung, die von ihr ausging, zu wehren. »Sixta, bist du eine Hexe?«

Das Mädchen stieß einen spitzen Schrei aus und sprang geschmeidig auf die Beine. Die Katze kam aus einer Ecke hervor, ihr Fell sträubte sich, als sie Julio anfauchte.

»Ich muss wissen, ob die Beschuldigungen wahr sind, die gegen dich vorgebracht werden«, verteidigte sich Julio, während er langsam vor der Katze und dem Mädchen zurückwich, die ihm beide wie sprungbereite Raubtiere gegenüberstanden. »Ich muss es wissen, ob meine Gefühle zu dir echt sind oder ob du mich nur verhext hast. Bist du eine Hexe, Sixta?«

»Wie kommst du darauf?«, fragte das Mädchen zurück und blies die gelben Kerzen aus.

Es wurde schlagartig dunkel. Nur die Augen des Mädchens und der Katze waren als glühende Punkte zu sehen. Sixtas Augen glühten rot, die der Katze gelb, schwefelgelb.

»Hattest du je eine Veranlassung, an meiner Liebe zu dir zu zweifeln, Julio?«, fragte Sixta. »Ich habe dir alles gegeben, was ich zu geben hatte. Meine Gefühle zu dir sind ehrlich. Wie kannst du nur daran zweifeln?«

»Bist du eine Hexe?«

Julio hatte sich vollends aus ihrem Bann befreit. Er sah sie jetzt mit anderen Augen. Im Mondlicht, das durch das Fensterviereck fiel, sah er eine reizlose Gestalt, die in Lumpen gekleidet war, das Gesicht war verschmutzt, die Haare waren verfilzt, zerrauft und standen in Strähnen unordentlich vom Kopf ab.

Ein Seufzen entrang sich ihrer Kehle. Sie schien in sich zusammenzufallen, während sie die Schultern kraftlos sinken ließ. »Ich – ich bin anders als die anderen, Julio«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Ich habe das schon als Kind gespürt. Aber – noch nie hat mich jemand eine Hexe genannt, obwohl dort, wo ich aufgewachsen bin, die Leute nicht immer gut zu mir waren. Deshalb bin ich ausgerissen und nach Andorra gekommen. Ich bin einem inneren Drang gefolgt. Es überkam mich wie ein Wandertrieb. Und als ich hierher kam, da wusste ich, dass ich an meinem Ziel angelangt war. Ich bin sicher, dass es mich hierher trieb, weil wir beide füreinander bestimmt sind. Eine Macht, die viel stärker ist als wir beide, hat uns zusammengebracht. Ich habe dich gefunden, Julio, und das war alles, was ich wollte.«

»Du lügst!«, schleuderte er ihr entgegen. »Du kannst nicht lieben, denn du bist eine Hexe. Und ich bin nur eines von deinen unzähligen Opfern. Ich bin auch nicht der Grund, warum du nach Andorra gekommen bist. Man sagt, dass Hexen in gewissen Abständen immer wieder zum Schauplatz ihres Wirkens zurückkehren.«

Das Mädchen schluchzte auf. Er sah, dass ihr Körper wie unter Krämpfen geschüttelt wurde. Die Katze schmiegte sich an ihre Beine und schnurrte, als wollte sie sie trösten.

»Was habe ich dir nur getan, dass du so grausam zu mir bist, Julio?«, fragte das Mädchen schließlich mit leiser Stimme. »Es stimmt, ich bin nicht deinetwegen gekommen. Ich weiß, dass ich hier geboren wurde. In meiner Erinnerung sind schreckliche Bilder, die mit meinen Eltern zusammenhängen, die ich aber nicht deuten kann. Ich habe die Gabe, manchmal Dinge zu sehen, die anderen Menschen verborgen bleiben. Bisher ist es mir jedoch noch nicht gelungen, das Rätsel meiner Vergangenheit zu lösen. Alles, was damit in Zusammenhang steht, bleibt im unergründlichen Dunkel – bis auf die Schreckensbilder, die von unaussprechlicher Qual, Tod und Verderben künden.«

»Es ist also wahr«, brachte Julio hervor. »Mit deinen Worten hast du selbst bestätigt, was man mir erzählt hat.«

»Mit wem hast du über mich gesprochen?«, fragte sie ängstlich.

Julio lachte ungestüm.

»Das überrascht dich, was, du Hexe, dass dein Zauber nicht nach Wunsch gewirkt hat? Jetzt wirst du deine gerechte Strafe bekommen. Auf dem Scheiterhaufen wirst du brennen! Und glaube ja nicht, dass es so etwas heutzutage nicht mehr gibt!«

Julio verstummte, als er draußen Geräusche vernahm. Er blickte durch eine Fensteröffnung ins Freie. Dort waren Gestalten in Kutten aufgetaucht, die sich langsam der Hütte näherten.

»Warum hast du das getan, Julio?«, fragte das Mädchen und wollte sich an ihn klammern.

Aber er stieß sie von sich.

»Lebe wohl, Sixta!«, sagte er und wandte sich der Tür zu. »Ich überlasse dich jetzt deinem Schicksal.«

»Nein, Julio!«, rief sie ihm nach. »Bleibe hier! Ich spüre die Grausamkeit dieser Männer und weiß, dass sie auch mit dir kein Mitleid kennen. Geh nicht hinaus! Wenn du bei mir bleibst, dann werden sie dich nicht finden.«

Julio stieß die Luft abfällig aus und stürzte durch die Tür ins Freie – geradewegs in die Arme der Kapuzenmänner. Trotz seiner Unschuldsbeteuerungen drehten sie ihm die Arme auf den Rücken und rangen ihn nieder. Füße traten nach ihm, und immer wieder stellte man ihm die Frage: »Wo ist die Hexe?«

»In der Hütte«, antwortete Julio mit vor Schmerz entstellter Stimme. »Sie ist in der Hütte!«

Das Mädchen konnte den Anblick nicht mehr länger ertragen.

»Eile ihm zu Hilfe, Estrella!«, befahl sie der Katze. »Steh Julio bei, bevor sie ihn zu Tode trampeln!«

Und die Katze sprang durch ein Fenster und stürzte sich auf die Kapuzenmänner. In der Hütte zündete das Mädchen eilig die beiden gelben Kerzen an und stellte zwischen sie eine bauchige Flasche, die mit einer wasserhellen Flüssigkeit gefüllt war. Gerade, als sie mit ihrer Beschwörung beginnen wollte, ertönte ein unheimlicher Schrei. Das Mädchen brach zusammen und wand sich auf dem Boden, so als spürte sie selbst den Schmerz der gequälten Kreatur.

Die Tür der Hütte knarrte, als die Katze zurückkehrte. Sie schien angeschlagen zu sein, tappte auf unsicheren Pfoten heran.

Als sie in den Lichtschein der beiden Kerzen kam, zeigte sich, dass ihr rechtes Auge eine einzige blutende Wunde war. Sie miaute kläglich.

Das Mädchen warf sich mit einem Aufschrei auf sie, hob sie hoch, drückte sie liebevoll an den Busen und wiegte sie zärtlich.

»Nur ruhig, Estrella«, raunte sie der Katze zu und biss sich mit aller Kraft auf die Lippen, um ihren inneren Schmerz damit abzutöten. »Es wird alles gut. Nur still. Hier werden sie uns nicht finden. Wenn ich es nicht will, dann können sie uns nicht sehen.«

Draußen wurden Julios Schmerzensschreie leiser. Die Tür wurde polternd aufgestoßen, und zwei Kapuzenmänner mit Fackeln traten in die Hütte.

Sie leuchteten alle Winkel des Raumes aus, stocherten mit langen Heugabeln in dem Strohlager herum und kehrten dann unverrichteter Dinge ins Freie zurück.

»Die Hütte ist leer«, berichteten sie.

»Dieser Bastard hat mich angelogen!«, kreischte einer der Kapuzenmänner wütend, der der Anführer zu sein schien. »Na, ich werde die Wahrheit schon aus ihm herausbekommen! Wir nehmen ihn mit. Unter der Folter wird er schon sprechen.«

Das Mädchen in der Hütte entspannte sich, als die Geräusche sich entfernten. Bald waren die Schritte und Stimmen der Kapuzenmänner verhallt.

Sixta kraulte ihre verwundete Katze und flüsterte ihr zärtlich zu: »Siehst du, Estrella, sie haben uns nicht gefunden. Wenn nur Julio auf mich gehört hätte, dann wäre auch ihm nichts geschehen!«

Und sie begann mit heller Stimme zu summen, tropfte eine rauchende Flüssigkeit auf das wunde Auge ihrer Katze, benetzte es mit einer dunkelgrünen Salbe und ließ ihre Fingerspitzen in einem eigenwilligen Rhythmus darüber gleiten.

»Alle körperlichen Wunden können geheilt werden, Estrella«, sagte sie dabei zu ihrer Katze, die sich schnurrend an sie schmiegte. »Auch der körperliche Schmerz geht einmal vorbei. Aber es gibt andere Wunden, die man nicht durch Zauberei schließen kann, und einen Schmerz, den kein Zauberspruch bannt.«

Ein solcher Schmerz brannte seit ihrer Geburt in der Brust des Mädchens, und Julio hatte die schwärende Wunde wieder aufgerissen, als er sie eine Hexe geschimpft hatte.

Plötzlich schienen die rötlichen Augen des Mädchens zu glühen, und ihren Mund umspielte ein maliziöses Lächeln.

»Vielleicht ist es wahr, und ich bin eine bösartige, rachsüchtige Hexe.«

Das Mädchen erregte sofort seine Aufmerksamkeit. Man hätte natürlich sagen können, dass der Dämonenkiller einen Blick für schöne Frauen hatte und immer und jederzeit ein Auge für sie riskierte, aber bei diesem Mädchen kam noch etwas anderes hinzu. Sie erinnerte ihn irgendwie an Coco, obwohl er nicht auf Anhieb hätte sagen können, wieso.

Er stellte den in Elizondo gemieteten Citroën GS auf dem Plaza del Princep Benlloch ab und ging geradewegs auf das Mädchen zu, das an einer Hausecke stand. Sie trug eine folkloristisch bestickte Lammfelljacke. Ihr langes, schwarzes Haar fiel unter einer Pelzhaube hervor, und sie hatte einen Muff, den sie fest an sich presste. Aber sie hatte nicht die Hände in den Muff gesteckt, sondern der Kopf einer schwarzen Katze sah daraus hervor. Die Katze schien auf dem rechten Auge blind zu sein, zumindest war der Augapfel eine einzige blutende Narbe.

Die Katze fauchte, als Dorian Hunter näher kam. Das Mädchen blickte erst im letzten Moment hoch. Ihre Augen betrachteten ihn unbeteiligt, aber nicht unbedingt unfreundlich.

»Entschuldigen Sie«, sprach der Dämonenkiller sie an. »Ich bin fremd hier. Bin eben erst in Andorra la Vella angekommen. Vielleicht könnten Sie mir Auskunft geben, wo ich jemanden finde, der mir den Weg zu einem Castillo zeigt, das in einem Seitental des Valira del Nord liegen soll. Das Castillo heißt Basajaun.«

Dorian hatte spanisch gesprochen, und das Mädchen antwortete in der gleichen Sprache. Sie sprach spanisch völlig akzentfrei, was Dorian angenehm überraschte, weil er geglaubt hatte, dass die Bewohner von Andorra alle nur katalanisch beherrschten.

Das Mädchen lächelte leicht spöttisch. »Und da wenden Sie sich ausgerechnet an mich? Das Fremdenverkehrsamt liegt gleich um die Ecke!«

»Ja, warum wohl wende ich mich ausgerechnet an Sie?« Dorian verzog einen Mundwinkel. Er wollte nicht, dass sie glaubte, er machte nur einen Annäherungsversuch. »Tut mir leid, wenn ich Sie belästigt habe.«

»Aber, aber!« Ihr Lächeln wurde freundlicher. Sie hatte den Kopf nach vorne geneigt und sah ihn von unten herauf unergründlich an. »Ich habe nicht gesagt, dass ich Ihnen nicht helfen will. Ich kenne jemanden, der sich manchmal als Fremdenführer verdingt. Sein Name ist Fabian Baroja. Sie können sein Haus nicht verfehlen. Fahren Sie die Hauptstraße entlang bis ans Ende der Stadt! In dem letzten Haus links wohnt Baroja. Fabian Baroja nimmt sich Ihrer bestimmt an.«

»Fabian Baroja«, wiederholte Dorian den Namen. »Danke.«

Er verharrte unschlüssig. Aber das Mädchen blickte ihn nicht mehr an und kraulte gedankenverloren den Kopf der schwarzen Katze, der aus ihrem Muff ragte. Die Katze schloss schnurrend die Augen. Für die beiden existierte er nicht mehr.

Er kehrte zum Wagen zurück und startete. Als er zu der Ecke blickte, war das Mädchen verschwunden. Er sah sich auf dem Plaza um, doch er konnte sie nirgends mehr sehen.

Schulterzuckend fuhr er los. Es hatte leicht zu schneien begonnen, aber es war zu warm, als dass der Schnee auf der Straße liegen bleiben konnte. Er wurde sofort zu Matsch. Dorian musste die Scheibenwischer einschalten.

Der Dämonenkiller fühlte sich wie gerädert. Den ganzen Tag über war er durchgefahren und hatte nur einmal zu Mittag kurz Rast gemacht, um etwas zu sich zu nehmen.

Er hoffte, dass er nicht umsonst nach Andorra gekommen war. Miguel Aranaz hatte ihm das Castillo Basajaun recht verlockend geschildert und gesagt, dass es zum Verkauf ausgeschrieben sei. Nach dem Bild, das sich der Dämonenkiller von der Burg machte, schien es sich für die Zwecke der Magischen Bruderschaft zu eignen. Er hatte jedenfalls alle notwendigen Schritte in die Wege geleitet. Nun hing es vom Preis ab, und ob Jeff Parker zahlen würde.