Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Dorran, ein Findelkind begibt sich im Alter von sechzehn Jahren auf eine Reise, um seine Leute zu finden. Da er sich auffällig von den Bewohnern des Dorfes, in dem er aufwuchs, unterscheidet, fürchtet seine Ziehmutter um seine Sicherheit. Er lernt seine Heimat, die Insel Adlerhorst, sehr gut kennen, erlebt Fremdenhass, ebenso wie Freundlichkeit und Akzeptanz. Er adoptiert zu seinem eigenen Kind noch drei Weitere, und findet eine liebevolle Frau, die sein Leben mit ihm teilt. Mit Frau und Kindern baut er sich eine erfolgreiche Existenz auf. Sein Leben ist schön, bis der Zufall seinen Onkel Hermann zu ihm führt. Der fürchtet Dorran als Konkurrent um das Familienerbe...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 645
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Isabel Tahiri
Dorran
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Abschied von Bergdorf
Station in Keilberg
Haselsprung
Eine Heimat in Kirchberg
Eine komplette Familie
Waldbrand
Wieder unterwegs
Winter in Waal
Wieder Daheim
Ahnensuche
Verrat
Verbannung
Im Winterlager
Familienbande
Unterwegs zum Kap
Kap Azul
Waldland
Ein neues Familienmitglied
Im tiefen Wald
Wintervorbereitungen
Winter
Ablenkungen
Wolfsheim
Überlegungen
Winter in Wolfsheim
Veränderungen
Abschied von Dorrans Markt
Familie
Das Leben geht weiter
Verschwunden
Zurück nach Bergland
Winter in der Wildnis
Burg Wolkenstein und zurück
Ruhige Zeiten
Vorboten
Michael
Verluste
Wieder vereint
Ruhe vor dem Sturm
Vorbereitungen
Tod und Verderben
Frieden?
Der Gefangene
Ausbruch mit Folgen
Hilfe von unerwarteter Seite
Überlegungen
Entscheidungen
Burg Wolkenstein
Die stille Zeit
Rückreise
Heimat
Vergebung
Freiheit
Hoffnung
Impressum neobooks
Für
Willi,
Reisegefährte meines Lebens.
Sie hatten ihn mal wieder umringt. Drei Burschen aus dem Dorf, es war nicht das erste Mal. Aber mit denen würde er bestimmt fertig werden. Er war stärker als sie. Einer schubste ihn dreist. Er holte aus und schlug zu. Aber er traf nicht. Sein Angreifer hatte sich weg geduckt. Mist. Während er von seinem eigenen Schwung gedreht wurde, stellte ihm ein anderer Junge ein Bein. Er fiel zu Boden. Dorran hatte keine Chance. Bevor er sich aufrappeln konnte warfen sie sich auf ihn. Inzwischen hatten sie Zuschauer bekommen. Er sah aus dem Augenwinkel den Büttel, der aber nicht eingriff. Auch andere Dorfbewohner standen nun im Kreis um die Jugendlichen herum. Er erwischte einen am Ohr und zog kräftig daran. Der Junge schrie auf. Die anderen Beiden prügelten jetzt noch heftiger auf ihn ein.
Jemand schrie. „Mein Gott, sie bringen ihn ja um. Büttel, mach was...“
Plötzlich ließ das Gewicht auf ihm nach. Die Jungen wurden von ihm heruntergezogen.
Er rappelte sich auf. Blut lief ihm übers Gesicht, seine Rippen taten weh. Breitbeinig stellte er sich hin, sonst wäre er vielleicht umgefallen. Er schwankte. Der Büttel sah sich die Kontrahenten an.
Dann schüttelte er den Kopf. „Drei gegen einen, das ist ein schlechtes Verhältnis. Ihr, geht nach Hause, heute will ich euch nicht mehr sehen.“ Dann fiel sein Blick auf Dorran. „Hast Du sie wieder herausgefordert? Lass das in Zukunft sein. Zur Strafe wirst Du den Brunnen reinigen. Und jetzt ab mit Dir.“ Dorran wollte etwas sagen, aber der zornige Blick, den ihm der Büttel zuwarf, ließ ihn still sein. Auch die umstehenden Leute sahen ihn unfreundlich an. Er verstand es nicht, hatte er doch gar nichts getan. Und dass er sich verteidigte, da konnte doch keiner etwas dagegen haben. Ohne ein Wort drehte er sich um und ging nach Hause.
Mechthild, seine Ziehmutter erwartete ihn schon. Sie hatte das Geschrei gehört, konnte es aber nicht ertragen, bei der Prügelei zuzusehen. Stattdessen war schon kalter Tee zum Auswaschen seiner Wunden und diverses Verbandsmaterial bereitgestellt. Sie nötigte ihn auf einen Hocker.
„Musste das sein?“ Sie fragte fast vorwurfsvoll.
„Ich habe nicht angefangen!“ Er war beleidigt. Die anderen Jungs hatten ihn angegriffen und nur er hatte eine Strafe bekommen. Jetzt schlug Mechthild in die gleiche Kerbe. Er war sauer.
Aber dann strich sie ihm übers Haar. „Ich weiß, mein Junge. Du hast keine Schuld. Du bist einfach anders und das können sie nicht akzeptieren.“ Sie seufzte. „Lange wird das nicht mehr gut gehen.“ Solange er denken konnte, wurde er von der Dorfjugend verfolgt. Nicht einer wollte sein Freund sein. Besonders seit er so groß und kräftig geworden war, hatten sie es auf ihn abgesehen. Aber er hoffte immer noch, dass sich eines Tages alles zum Besseren wenden würde. Mechthild sah das nicht so.
In seinem Dorf in den Bergen lebten die Bewohner noch wie in uralten Zeiten. In Berdorf wurde keine Schänke geführt, es gab weder Bäcker noch Metzger, jeder sorgte selbst für sein Essen. Einzig der Dorfbrunnen, mitten im Ort, sorgte für Abwechslung im Leben der Dörfler. Er war das Zentrum allen Klatsches, jede noch so winzige Kleinigkeit wurde dort stundenlang ausführlichst erörtert. Dorran, der gerade über den Dorfplatz ging, wurde von vielen heimlich angestarrt. Er war groß, muskulös und hatte seine fremdartigen, blonden Haare zu einem Zopf geflochten, den er am Hinterkopf trug. Bis vor zwei Jahren hatte er jeden Kampf verloren, zu dem sie ihn herausgefordert hatten. Aber jetzt traute sich keiner mehr so richtig an ihn heran. Das brachte ihm manch hasserfüllten Blick ein.
Einst kam er als Findelkind in den Ort und für die Meisten war er immer noch ein Fremder. Er unterschied sich auch wirklich stark von den kleinen, stämmigen und dunkelhaarigen Bewohnern des Dorfes. Niemand wusste woher er kam, eines Tages hatte er in einem Bündel neben dem Brunnen gelegen. Mechthild, die Kräuterkundige, hatte sich schließlich seiner erbarmt und ihn mit in ihr Haus genommen. Aber das wunderte niemanden, war sie doch als sonderbar bekannt. Niemand sonst hätte ein fremdes Baby aufgenommen, oder gar aufgezogen. Ihre Eltern waren selbst Fremde gewesen, sie kamen mit dem Schiff auf diese Insel, angeblich aus dem fernen Land der Kelten. Dass es noch andere Länder auf der Welt gab, wurde von den Dörflern gern vergessen. Sie lebten auf ihrem Berg und waren es zufrieden. Man heiratete untereinander oder besorgte sich eine Braut aus Bergtal, dem nächsten und viel größeren Dorf, fast schon eine Kleinstadt. Das Bergland war dünn besiedelt, man hatte nicht viele Möglichkeiten einen Partner zu finden. Die Leute waren aber auch nicht wählerisch, Hauptsache, er war nicht zu nah verwandt. Mechthild nahm sich also des hübschen, kleinen Jungen an und nannte ihn Dorran, was im Keltischen Fremder bedeutet. Sie liebte ihn vom ersten Tag an, und bereute nie, ihn aufgenommen zu haben. Für sie gab es schließlich nirgends einen Mann, so konnte sie wenigstens Mutterfreuden genießen.
Dorran wuchs zu einem stattlichen jungen Mann heran, der, an jedem anderen Fleck in der Welt, die Mädchenherzen höher schlagen lassen würde. Nicht so in Bergdorf, dem höchstgelegenen Ort in Bergland. Hier wurde den Mädchen verboten, ihn auch nur anzuschauen, geschweige denn, mit ihm zu reden. Niemand würde ihn je als Ehemann in Betracht ziehen, also blieb ihm auch alles andere versagt. Je älter Dorran wurde, um so argwöhnischer wurde er beäugt. Es braute sich etwas zusammen. Da man nicht mehr gegen ihn ankam, fürchtete seine Ziehmutter das Schlimmste. Sie sagte nichts, aber Mechthild machte sich Sorgen um ihn. Es war Zeit für ihn fortzugehen, hier würde er sowieso keine Frau finden. Außerdem kannte sie die Dorfbewohner, irgendwann würden sie ihn davonjagen, oder Schlimmeres. Sie hatte Angst um ihn. Ihre Mutter war eine große Heilerin gewesen, und hatte ihr alles beigebracht. Wenn sie nicht so ein umfassendes Wissen über Pflanzen gehabt hätte, mit ihren Salben und Tinkturen hatte sie schon manchem hier geholfen, wäre es ihr ebenso ergangen wie ihrem Sohn. Besser sie selbst überredete ihn zu gehen, jetzt, wo er vielleicht noch nicht in unmittelbarer Gefahr war.
Heute war Dorrans Geburtstag, der zweiundzwanzigste April, er wurde sechzehn. Eigentlich war das nicht der richtige Tag, aber ganz falsch war er auch nicht. An diesem Tag vor sechzehn Jahren hatte Mechthild ihn am Brunnen gefunden. Sie machte wie immer etwas besonderes an seinem Geburtstag für ihn. Heute gab es Hasenragout mit Knödeln und als Nachtisch einen Zimtpudding mit eingemachten Kirschen. Er aß mit großem Genuss, und bedankte sich bei Mechthild für ihre Mühe. Sie lächelte ihn wehmütig an und legte ihm die Hand auf die Schulter, damit er noch sitzen blieb und erklärte ihm, warum er fortgehen müsse.
„Aber ich habe ihnen doch nie etwas getan, sie haben doch immer mich angegriffen. Warum muss ich jetzt fort?“ Er verstand es immer noch nicht.
„Es ist besser so, hier in der Gegend um Bergtal sind alle furchtbar abergläubisch, nur weil Du anders aussiehst, werden sie Dir nie vertrauen. Für die Dorfbewohner bist und bleibst Du ein Fremder, egal wie lange Du hier bist. Meine Eltern sind vor fünfzig Jahren hierhergekommen, sie starben als Fremde. Ich werde nie einen Mann haben, aber zum Glück hatte ich Dich. Du warst meine ganze Freude. Aber jetzt... Ich habe Angst um Dich, sie schweigen sofort, wenn ich irgendwo dazu komme. Das gefällt mir nicht. Dorran, es wird Zeit für Dich, mich zu verlassen. Such Deine eigenen Leute, Dein Volk. Sie müssen so aussehen wie Du, groß und blond. Dort gehörst Du hin. So kannst Du eine Frau finden und ganz normal leben. Das wünsche ich mir für Dich, Sohn meines Herzens, tu es für mich, wenn schon nicht für Dich, ich bitte Dich.“ Da endlich versprach er es, er konnte seiner Ziehmutter nichts abschlagen, dafür hatte er sie zu gern. Auch wenn er sich insgeheim ärgerte. Das war einfach ungerecht.
Mechthild bestand darauf, dass er so bald als möglich fortgehen solle, jetzt im Frühjahr hatte er noch den ganzen Sommer vor sich, um vielleicht jemanden zu finden, der ihm glich. Sie gab ihm sein Wickeltuch mit, es wäre immerhin möglich, dass er dieses Wappen irgendwo wiederfinden würde. Es war ein schönes Wappen, Ein Adler auf blauem Grund mit gestickten Wolken im Hintergrund. Selbst nach den sechzehn Jahren konnte man es noch gut erkennen, es war kaum verblasst. Sonst wies nichts auf seine Herkunft hin, das Wappen war der einzige Anhaltspunkt. Dorran bezweifelte, dass dieses Tuch ihm eine große Hilfe sein würde, aber Mechthild zuliebe, nahm er es mit. Immerhin bestand ja eine vage Möglichkeit, diesem Zeichen irgendwann einmal zu begegnen. Hätte er gewusst, welche Wendungen sein Leben durch den Träger dieses Wappens nehmen würde, er hätte es auf der Stelle verbrannt.
Am nächsten Tag, Mechthild hatte ihm Brot und eine Scheibe geräucherten Speck in ein Tuch eingeschlagen, wanderte er im Morgengrauen los. Er umarmte seine Ziehmutter ein letztes Mal, wiedersehen würde er sie wahrscheinlich nie wieder. Mechthild war bereits über vierzig und bis er vielleicht seine Familie gefunden hätte, konnten Jahre ins Land gehen. Das Herz wurde ihm schwer, aber er nahm sich fest vor, sie nachzuholen, sollte es möglich sein. Am Dorfrand blieb er noch einmal stehen und schaute zurück. Bis jetzt hatte er nichts anderes gekannt, als dieses Dorf, wie die Welt wohl aussehen würde? Er drehte sich wieder um und nach ein paar Schritten war er am Waldrand. Sein Blick fiel auf Bergtal, das größte Dorf hier in der Gegend. Er war noch nie dort gewesen, aber jetzt wollte er es auch nicht mehr kennenlernen. Er würde in den Norden gehen, bis zum Ozean, dort versprach er sich fündig zu werden. Dorran sah einen alten schmalen Pfad, der in den Wald führte und beschloss diesem zu folgen. Irgendwo musste er ja hinführen, und ihm war erst einmal egal, Hauptsache weg von Bergdorf und Bergtal. Der Pfad schlängelte sich durch den dichten Wald, ein Ende war nicht abzusehen, aber eines war sicher, der Pfad führte leicht bergab. Aber das war kein Wunder, das Dorf in dem er aufwuchs, lag auf der abgeflachten Spitze eines Berges.
Nach ein paar Stunden fand er gleich neben dem Pfad eine niedergetrampelte Stelle, und, er hörte Wasser plätschern. Hier musste eine Quelle sein. Durst hatte Dorran schon länger, also folgte er dem Geräusch des Wasser. Er fand eine kleine natürliche Mulde im Stein, die das Wasser auffing, dass oberhalb aus einem Spalt im Felsen floss. Durstig trank er ein paar Schlucke. Es schmeckte süß und frisch, nur schade, dass er kein Gefäß hatte, um etwas davon mitzunehmen. Sollte er je zu Geld kommen, würde er sich einen Schlauch aus Ziegenleder kaufen. Dorran trank noch einmal soviel er konnte und machte sich wieder auf seinen Weg in die Ferne. Nach weiteren zwei Stunden Fußmarsch lichtete sich der Wald, die Bäume wurden weniger, man konnte wieder die Sonne sehen. Schließlich hörte der Wald ganz auf und man hatte einen schönen Blick in ein kleines Tal. Dort war Felder und Obstwiesen, die sich abwechselten, offenbar sehr fruchtbares Land. Er sah Ställe und Pferche für das Vieh, in deren Mitte ein kleines Dorf angesiedelt war. Fünf Häuser nur, ein paar Scheunen, einen kleinen Kräutergarten und ein Teich, auf dem Enten schwammen. Hühner liefen überall herum, auf einer Weide stand eine Herde Ziegen, Menschen sah er keine. Er hatte Hunger, aber der salzige, gerauchte Speck würde ihn wieder sehr durstig machen. Da Dorran nicht wusste, wann er das nächste mal Wasser finden würde, konnte er ja vielleicht hier etwas zu essen bekommen. Er könnte irgendeine Arbeit verrichten, um sich das Essen zu verdienen. Außerdem sah es heimelig aus, Dorran fühlte sich angezogen von dieser kleinen Ansiedlung.
Also schlug er eine Richtung ein, die ihn auf jeden Fall am Dorf vorbei führen musste. Er ging nicht direkt darauf zu, das hatte er in Bergdorf gelernt, das würden viele als Angriff verstehen. Da zog er lieber schön Kreise, die dem Beobachter signalisierten, dass er da war. Und beobachtet wurde er ziemlich sicher. Keine Ansiedlung konnte es sich leisten, nicht die Augen aufzuhalten, ein Fremder bedeutete oft nichts Gutes. Tatsächlich kam bereits bei seiner zweiten Runde, ein Bauer aus einer der Scheunen, er hielt eine Mistgabel in der Hand und bewegte sich in seine Richtung. Dorran blieb stehen und wartete, bis der Mann herangekommen war.
„Was willst Du hier?“ Die Stimme des Bauern war barsch und er musterte ihn aufmerksam.
Dorran lächelte vorsichtig. „Ich habe Hunger, und dachte, Du hast vielleicht etwas Arbeit für mich, damit ich mir eine Mahlzeit an Deinem Tisch verdienen kann. Mein Name ist Dorran, ich komme aus Bergdorf. Wo bin ich hier?“
Der Mann schaute ihn erneut prüfend an. „Aus Bergdorf? Das glaube ich Dir nicht, da sehen sie anders aus. Nicht so wie Du, lüg mich nicht an, sonst lernst Du meine Heugabel kennen.“ Dorran stöhnte innerlich, das hätte er sich denken können, warum nur hatte er sein Dorf erwähnt. Ergeben erklärte er es. „Ja, da sind alle klein, gedrungen und dunkelhaarig, ich weiß. Aber ich bin dort als Ziehsohn von Mechthild aufgewachsen, jetzt bin ich auf dem Weg, meine eigenen Leute zu suchen und kam hier vorbei.“
Das Gesicht des Bauern erhellte sich. „Ah, Du bist der kleine Fremde, den Mechthild aufgezogen hat, komm mit, ich stelle Dich meiner Familie vor, Du bleibst natürlich zum Essen.“ Dorran wunderte sich über den Stimmungswechsel, aber ihm war es recht.
Der Mann lief los, blieb dann aber noch einmal stehen. „Ach übrigens, mein Name ist Thomas, Deine Mechthild hat meinem Elias einmal das Leben gerettet, da kann ich ihrem Sohn auch ein Abendessen spendieren, meinst Du nicht?“
Die Ansiedlung nannte sich Thomasdorf, nach dem Gründer, der ihn zum Essen eingeladen hatte. Während der Mahlzeit lernte er die ganze Familie kennen, alle saßen um einen großen, blank gescheuerten Holztisch herum, und aßen direkt aus großen Tonschüsseln. Keiner sprach ein Wort, alle beschäftigten sich vornehmlich mit den Essen. Es gab einen Eintopf aus Rüben, Kartoffeln und Speck, dazu ein wohlschmeckendes Brot. Wasser stand in Krügen auf dem Tisch. Jemand reichte ihm einen Becher. Die Namen konnte Dorran sich nicht alle merken, aber das machte nichts, es sprach ja ohnehin keiner mit ihm, außer Thomas natürlich. Der erzählte, dass er als junger Mann dieses Tal gefunden und sich hier ein Haus gebaut hatte. Dann habe er sich in Bergtal eine Frau besorgt und mit ihr und den sieben Kindern, die sie ihm geboren hatte, dieses Gehöft hier aufgebaut. Sie sei leider schon gestorben, aber er, seine Kinder und ihre Familien bewirtschafteten hier alles und kamen gut über die Runden. Was Dorran denn in Zukunft so vorhaben würde, er hätte noch eine Tochter, die würde einen Mann brauchen.
Dorran wiegelte ab. „Das Angebot ehrt mich, aber ich muss weiter. Mechthild hat mir aufgetragen, nach meinem Volk zu suchen, und ich habe es ihr in die Hand versprochen. Ich kann erst eine Verbindung eingehen, wenn ich mein Versprechen erfüllt habe.“
Sein Gegenüber machte ein enttäuschtes Gesicht. Aber er fing sich gleich wieder, er verstand. Es wäre halt praktisch gewesen, da Dorran schon mal da war. Dann hätte Thomas nicht nach Bergtal gehen müssen im nächsten Frühjahr. Aber Schwamm drüber. Man wies ihm einen Platz in der Scheune zum Schlafen zu und wünschte ihm eine gute Nacht. Dorran schlief auch ziemlich bald ein, das Essen war gut gewesen, sein Magen gefüllt. Und der selbst gebrannte Schnaps von Thomas, den dieser nach dem Essen so großzügig ausgeschenkt hatte, tat sein Übriges.
Als die Sonne aufging, wurde er von Thomas geweckt, der ihn in den Kuhstall mitnahm. Dort bekam er einen Becher noch warme Milch und ein Stück Brot. Während er aß, erklärte ihm Thomas welche Richtung er am Besten einschlagen sollte.
„Geh nach Norden, ans Meer, da findest Du deine Leute bestimmt. Ich bin als junger Mann viel in der Welt herumgekommen und die Menschen aus dem Norden sehen aus wie Du.“
Dorran erklärte, das hätte er selbst auch vorgehabt, aber es freue ihn, dass Thomas seine Meinung bestätigte. Dann verabschiedete er sich und bedankte sich noch einmal für das Essen. Als er aufbrechen wollte, steckte Thomas ihm noch ein Paket mit Wegzehrung zu.
Das war ihm fast peinlich. „Danke, das ist nett von Dir, aber ich habe nichts, was ich Dir dafür geben könnte.“
Aber Thomas winkte ab. „Das ist für meinen Elias, er ist ein fleißiger Arbeiter, und ohne Mechthild wäre er schon lange tot. Also nimm es und viel Glück auf deinem Weg.“ Dorran lächelte, bedankte sich noch einmal und ging Richtung Norden davon.
Thomas´ kleines Tal war von dichtem Wald umgeben. Dorran suchte den Waldrand nach einem Pfad oder Weg ab, der ihn nach Norden führen würde. Erst nach einer ganzen Weile wurde er fündig und begann dem schmalen Pfad zu folgen, der neben einer Brombeerhecke begann. Stunde um Stunde wanderte er dahin, er hatte schon wieder Durst, aber er sah oder hörte nirgends Wasser. Um sich abzulenken dachte er über seine Heimat nach. Die Insel, auf der er lebte war ziemlich groß. Sie hieß Adlerhorst, weil ein vorbeifahrendes Schiff, lange bevor sie besiedelt wurde, unzählige Adler hatte fliegen sehen. Dass Adlerhorst die Heimat der großen Seeadler war, ist allerdings schon ein paar hundert Jahre her, inzwischen gab es längst nicht mehr so viele davon. In Bergdorf hatten sie ganz genau ein Nest gehabt. Er sah sich um, aber der Pfad ließ nicht erkennen, wohin es ging. Alles nur dichter Wald. Seine Heimat lag im großen Weltmeer, weit weg vom Kontinent und von Neottia. Der Kontinent hatte keinen anderen Namen, von dort stammen eigentlich alle, die in der Welt leben. Durch die Seefahrt hatten man verschiedene Inseln entdeckt und besiedelt, Adlerhorst war eine davon. Vor ungefähr einhundert Jahren, wurde dann die neue Welt gefunden. Sie ist noch lange nicht vollständig erforscht, aber der erste Eindruck, den die Seefahrer von ihr erhielten, prägte ihren Namen. Man fand unzählige Orchideen dort vor, in allen Farben und Größen, daher der Name Neottia, was Orchidee bedeutet. Man musste Wochen auf einem Schiff verbringen, um das Festland oder Neottia zu erreichen. Aus der alten Welt kamen die Kelten und andere Volksstämme, auch das fahrende Volk der Insel stammte von dort. In der neuen Welt gab es verschiedene Eingeborenenstämme, die er nicht kannte. Neottia wurde auch erst vor einhundert Jahren entdeckt, darüber hatte Mechthild fast nichts gewusst. Sie hatte vermutet, dass man auf der Welt noch mehr Länder finden könnte, aber das war reine Spekulation. Langsam machte ihn sein Durst verrückt. Er blieb stehen und lauschte, hörte aber nur Vogelrufe. Er riss sich einen kleinen Zweig ab und kaute darauf herum. Den Durst löschte das natürlich nicht, aber es lenkte ein wenig ab.
Er schritt jetzt schnell aus und richtete seine Gedanken wieder auf seine Heimatinsel. Sie unterteilte sich in drei Gebiete, die mit der Zeit eigene Länder wurden. In Waldland, das im Westen lag und dünn besiedelt war. Es bestand aus einem schmalen Küstenstreifen und der Rest fast nur aus dichtem Mischwald. An der Grenze zu Bergland gab es noch einen schmalen Streifen hügeliges Grasland. In Waldland konnte jeder leben, wie er wollte, die einzige Art von Zivilisation gab es im Grenzgebiet. Die Hauptstadt lag dort, sie hieß sinnigerweise Waldstadt. Es gab natürlich ein paar Dörfer, aber wenig und diese richteten sich nur nach sich selbst. Gesetze aus der Hauptstadt nahm man zur Kenntnis, aber nicht sehr ernst. Dorrans Hunger nahm wieder zu, aber das war nicht so schlimm, der Durst plagte ihn ärger. Er schaute sich um und fand, glücklicherweise, ein paar Büsche mit wilden Himbeeren. Er stürzte sich darauf und aß sämtliche Beeren auf. Sie schmeckten nicht nur sehr lecker, sie löschten auch ein wenig seinen Durst.
Gestärkt wanderte er weiter den Pfad entlang, und beschäftigte sich mit der Insel Adlerhorst. Im Osten grenzte Waldland an Bergland, dass wie der Name schon sagt, hauptsächlich aus Bergen und Tälern bestand. Sein Heimatdorf Bergdorf, war das am höchst gelegene Dorf des Landes gewesen. Die Einwohner hatten immer stolz darauf hingewiesen. Im Norden war Bergland relativ dicht besiedelt, es gab dort vor allem die Hauptstadt. Mittelstadt hieß sie, hier hatte man einen Hauch mehr Fantasie bewiesen als in Waldland, aber nicht besonders viel. Bis zum Meer war das Land gleichmäßig hügelig, mit Wald und Grasflächen bedeckt. Dort gab es auch die meisten Weizenfelder, denn in Keilberg stand die bislang einzige Getreidemühle des Landes. Im Westen von Bergland war der große Bergadlersee, dessen Abfluss durch Waldland ins Meer floss. Hier wurden Süßwasserfische gezüchtet, Körbe aus Schilf geflochten und noch andere Dinge hergestellt. Leider hatte er nicht gut aufgepasst, als Mechthild ihm vom See erzählt hatte. Im Osten ging das Gebirge bis zum Meer, wo es in hohen Klippen den Rand von Bergland darstellte. Im Süden war die Landschaft nur noch leicht hügelig, die Hügel gingen nach einer Weile in eine endlose Grassteppe über. Dort gab es ein paar Burgen, schön an der Grenze zu Südland verteilt. So nach dem Motto, sicher ist sicher. Aber soweit er von Mechthild wusste, waren die Südländer friedliche Menschen, die sich überhaupt nicht für den Norden interessierten.
Seine Gedanken wurden unterbrochen, als er an einen Bach kam. Endlich! Dorran trank das kühle Wasser in großen Zügen. Danach blieb er einfach am Ufer liegen und ruhte sich aus. Es musste schon Nachmittag sein, aber durch die Bäume konnte er den Himmel nicht sehen. Er hoffte, bald eine andere Ansiedlung zu finden, im Wald würde er ungern übernachten. Nicht, dass er Angst hätte, aber hier kannte er sich überhaupt nicht aus. Er musste wenigstens so lange aus dem Wald heraus um seine Richtung zu bestimmen. Inzwischen konnte ihn der Pfad in irgendeine beliebige Richtung führen, er würde es nicht merken. Zeit, weiter zu gehen. Dorran trank noch einen großen Schluck aus dem Bach und setzte sich wieder in Bewegung. Er beschäftigte sich jetzt mit Südland. Es wurde von zwei großen Flüssen durchzogen, dem Donnerfluss, der seinen Namen wohl von dem großen Wasserfall hatte, der von einem Hochplateau in die Ebene rauschte. Und dem Dreiländerfluss, der seinen Namen davon hatte, dass er durch alle drei Länder floss. Er entsprang im Bergadlersee und wurde von unzähligen Quellen auf seinem Weg gespeist. Südland war an drei Seiten von Meer umgeben und hatte zwei große Häfen, in Meerstadt und in Kap Azul. Alle ausländischen Waren wurden hier von Schiffen gebracht und heimische Erzeugnisse wieder mitgenommen. Ihm fiel wieder ein, was Mechthild ihm darüber erzählt hat. Auf der ganzen Insel wurde fast nirgendwo Eisen bearbeitet, es gab wohl Erz in den Bergen, aber das Meiste wurde abgebaut und verschifft. Es gab nur zwei Eisenhütten auf der ganzen Insel, eine in Bergland und eine in Waldland. Beide waren an ein Bergwerk angeschlossen. Den einen oder anderen Schmied gab es natürlich schon, aber sie arbeiteten nur für sich und ihr näheres Umfeld, nichts von dem, was sie herstellten kam auf die großen Märkte. Wenn man hier eine Klinge kaufen wollte, war sie teuer und garantiert nicht aus Adlerhorst. Das verstand Dorran zwar nicht, aber Mechthild war der Meinung, es gäbe einfach keine Leute hier, die sich mit Eisen gut genug auskennen würden, um Stahlklingen herzustellen.
Ansonsten wurde natürlich gefischt und Muscheln gesammelt, die steinige Küste bot sich dafür an. Kap Azul, die Hauptstadt lag an, dem für Seefahrer gefährlichen, Kap Sturmwind, das jedes Jahr seine Opfer forderte. Ansonsten war eigentlich nur die Küstenregion dicht besiedelt, im Inland gab es wenige kleine Dörfer oder Städtchen, dafür aber sehr viele, vereinzelt gelegene, Bauernhöfe. Ach ja, Sommerau sollte man noch nennen, dort gab es die einzige Kathedrale der ganzen Insel. Entsprechend stolz waren die Einwohner von Sommerau, man hatte nicht gerne mit ihnen zu tun, sagte jedenfalls Mechthild, sie seien hochmütig, fast schon überheblich.
Gegen Abend kam er endlich wieder einmal aus dem Wald heraus, vor ihm erstreckten sich eine Menge Getreidefelder. Sein Blick fiel auf eine kleine Stadt. Das musste Keilberg sein, anhand der Felder konnte er es erraten, nirgends gab es so viele. Hier wurde fast das gesamte Mehl des Landes erzeugt. Nur hier gab es eine Getreidemühle, die direkt an einem Bach lag. Er konnte sie auch schon sehen, ein Rad bewegte die Mahlsteine, angetrieben von der Strömung des Baches. Jedenfalls hatte er das so von Mechthild gehört. Eigentlich alles, was er über sein Land und die Insel gelernt hatte, stammte von ihr. Sie hatte ihm Lesen und Schreiben beigebracht, aber bedauerlicherweise kein einziges Buch besessen. Damit er üben konnte, hatte sie sich eines ausgeliehen, vom Dorfbüttel, der besaß nämlich eine Bibel. Leider ging das nicht lange gut, als man bemerkte, dass der fremde Junge die Bibel des Dorfes las, war man über ihn hergefallen, hatte ihn verprügelt und ihm das Buch entrissen. Im Anschluss daran wurde die arme Mechthild schwer gerügt. Sie durfte, zur Strafe, zwei Sonntage nicht zur Bibellesung zum Büttel kommen. Seitdem hatte Dorran kein Buch mehr gesehen. Aber seine Ziehmutter hatte ihm viele Geschichten über seine Heimat erzählt, darunter auch über diese Mühle hier in Keilberg.
Die Stadt war nicht besonders groß, aber die Einwohner angeblich alle sehr reich. Gutes feines Mehl war teuer, in Bergdorf wurden die Körner von Hand gemahlen. Das Mehl war deshalb eher grob, man konnte natürlich Brot daraus backen, aber keinen Kuchen. Den würde er gerne einmal probieren, in seinen sechzehn Lebensjahren hatte er noch nie Kuchen bekommen. Zum Ausgleich dafür hatte Mechthild immer Süßspeisen für ihn gemacht. Meistens Quarkspeisen, der Quark war einfach herzustellen. Manchmal auch Pudding, aber für den musste sie sich ordentlich anstrengen, bis das Mehl fein genug gemahlen war. Entsprechend selten kam er auf den Tisch.
Ihm fiel sein Geburtstagsessen wieder ein, das zugleich auch sein Abschiedsessen gewesen war. Er meinte den Zimtpudding noch zu schmecken. Zimt war ebenso selten und nur durch einen Zufall in Mechthilds Hände gelangt, ein Hausierer hatte es dabei. Wenn er nicht Medizin benötigt hätte, wäre Mechthild nie in den Besitz von Zimt gekommen. Aber so erhielt sie es als Bezahlung. Sie hatte sich die größte Mühe gegeben, ihm den Abschied zu versüßen.
Im Geiste bedankte er sich noch einmal bei ihr, für alles, was sie je für ihn getan hatte.
Keilberg lag auf einer kleinen Insel, jedenfalls sah das so aus. In Wahrheit war das Areal von Bächen umgeben, über die verschiedene Brücken führten. Umgeben war es von einem Palisadenzaun, die Häuser waren allerdings aus Steinen gebaut. Sie hatten bunte Ziegeldächer, das sah Dorran zum ersten Mal. In Bergdorf waren die Dächer mit Stroh gedeckt, auch in Thomasdorf war das so gewesen. Es stimmte offensichtlich, die Leute hier waren reich.
Er ging näher an den Ort heran, wurde aber an der Brücke, die über den Bach führte von einem Wachposten aufgehalten.
Dieser sah ihn misstrauisch an. „Wer bist Du und was willst Du hier?“
Er gab die gewünschte Auskunft. „Mein Name ist Dorran, ich komme von Bergdorf, und suche Arbeit für Essen.“
Der Mann musterte ihn von oben bis unten und entschied sich dann dafür ihn durchzulassen.
„Geh in die Schänke, da hilft man Dir sicher weiter.“
Tatsächlich machte der Wirt ihm ein Angebot. „Du musst aber mindestens eine Woche bleiben, das ist die Voraussetzung. Dann kannst Du hier wohnen, bekommst drei gute Mahlzeiten am Tag und machst alle Arbeit, die ich Dir auftrage. Wenn ich am Ende zufrieden mit Dir gewesen bin, bekommst du für jeden Tag, den du gearbeitet hast einen Wertstein. Einverstanden?“ Dorran überlegte nicht lange und willigte ein. Er hatte es nicht eilig, und ein paar Wertsteine zu besitzen würde ihm auf der Reise in den Norden bestimmt nicht schaden. Für einen Wertstein konnte man sich ein Brot, eine Dauerwurst und einen Krug Bier oder auch Milch kaufen. Die Bezahlung war also nicht besonders großzügig bemessen, aber dafür gab es drei Mahlzeiten am Tag und ein Dach über dem Kopf.
Hier in Bergland, waren die Wertsteine überall gültig. Er erinnerte sich nicht mehr, ob Wertsteine auch in Südland und Waldland die gültige Währung waren. Aber selbst wenn nicht, solange, bis er für seiner Suche vielleicht das Land verließ, konnte er sich davon etwas kaufen. Dorran wusste auch schon, was er sich gerne zulegen würde. Einen Wasserschlauch aus Ziegenleder, mit einer Kordel, damit er ihn um den Hals oder über der Schulter tragen konnte. Und, wenn das Geld reichte, einen schönen Rucksack aus Leder. Dann hätte er endlich die Hände frei beim Wandern. Wenn er sehr viel verdienen würde, wären auch ein paar Stiefel nicht schlecht. Aber notfalls ging er eben barfuß, wenn seine alten Stiefel endgültig auseinanderfielen. Jetzt würde Dorran also das erste Mal selbst Geld verdienen, er hatte in seinem Leben allerdings noch nicht viele Wertsteine gesehen. Eigentlich nur die seiner Ziehmutter, wenn er genau darüber nachdachte. Sie waren aus einem fast durchsichtigen Stein gewesen, keiner sah wie der andere aus. Aber sie funkelten wunderbar in der Sonne. Wenn man sie eine Weile in der Hand hielt, wurden sie warm. Mechthild hatte zwölf Stück besessen, sie aber nie angerührt. Alles was sie benötigten, tauschte sie mit ihren Kräutern und Salben ein. Die Wertsteine vergrub sie unter ihrem Bett, für schlechte Zeiten.
Der Wirt bedeutete Dorran sich zu setzen und stellte ihm eine Schüssel mit dicker Suppe auf den Tisch. Er legte ein auch großes Stück Schwarzbrot dazu. „Das muss für heute reichen, dann zeige ich Dir wo Du schlafen wirst und im Morgengrauen geht es dann los.“ Dorran nickte, er war müde, und aß schweigend seine Suppe und das Brot. Es schmeckte gut, so würzig. Danach führte der Wirt ihn nach draußen und zeigte ihm einen Schlafplatz im Stall. Eigentlich war es eine leere Pferdebox, aber das Stroh roch frisch. Er bekam noch eine Decke, dann war er allein. Er schaute sich um, der Stall wirkte gepflegt und sauber. Erschöpft wickelte er sich in die Decke, rückte sich ein bisschen im Stroh zurecht und war kurz darauf eingeschlafen.
Als eine Magd ihn wieder weckte, war es noch dunkel. Sie nahm ihn mit in die Küche und gab ihm einen Becher warme Milch und etwas Brot. „Wenn Du morgens etwas essen willst, musst Du immer so früh aufstehen wie heute, sonst kommst Du nicht mehr dazu. Wenn der Wirt erst mal auf ist, scheucht er einem den ganzen Tag herum. Ach, übrigens, wie heißt Du eigentlich? Also ich bin die Gretel, jedenfalls sagen alle so zu mir. Getauft wurde ich allerdings auf Margarethe, aber niemand nennt mich so.“ Sie redete auf ihn ein, während er noch versuchte richtig wach zu werden. Aber sie lächelte ihn dabei freundlich an. Er sagte ihr also seinen Namen und bedankte sich für ihren Rat. Sie grinste. „Kein Problem, Dorran, ein seltsamer Name, woher kommt er?“
„Meine Ziehmutter stammt von den Kelten ab, hat sie jedenfalls erzählt, daher dieser Name. Er bedeutet Fremder.“
Sie lachte hell auf. „Na das bist Du ja auch.“ Gretel steckte sich noch ein Stück Brot in den Mund und verließ die Küche. Dorran blieb allein zurück, aber nicht sehr lange. Der Wirt kam herein gerauscht und als er ihn sah, teilte er dem jungen Mann gleich eine Arbeit zu. „Du machst als erstes die Schankstube sauber. Abfälle bringst Du der Sau in den Stall, Teller und Becher in die Küche. Dann Tische abwischen, aber gründlich, wenn ich bitten darf. Danach den Boden fegen. Wenn um die Mittagszeit die ersten Leute kommen, muss hier alles blitzblank sein. Kannst du das?“ Dorran nickte und verschwand in den Schankraum.
Nach drei anstrengenden Stunden glänzte endlich alles sauber und frisch. Am Längsten dauerten die Tische, es war ihm gestern gar nicht aufgefallen, aber anscheinend verschütteten die Gäste ständig ihr Bier oder ließen das halbe Essen auf dem Tisch zurück. Heute war es natürlich angetrocknet und es dauerte ewig, bis er alles gesäubert hatte. Als er damit fertig war, ging er wieder in die Küche zurück. Dort traf er Gretel. „Iss schnell etwas, dann wirst Du spülen müssen. Ich muss dabei helfen die Teller und Becher an die Tische zu bringen. Fang am Besten sofort, nachdem Du gegessen hast, damit an.“ Er nickte. Sie schob ihm eine Schüssel mit Eintopf herüber und legte eine dicke Scheibe Weißbrot dazu. Dann rannte sie hinaus.
Während er aß kam die Wirtin herein, eine dicke, gemütlich aussehende Person. Sie lächelte ihn freundlich an. „Ah, Du bist der Neue, Dorran, stimmts?“ Als er nickte fuhr sie fort. „Die Schankstube hast Du ganz allein saubergemacht? Die Gretel hat Dir nicht geholfen?“ Als er verneinte, lobte sie ihn. „Ich war ganz überrascht, der letzte Bursche war furchtbar, aber Du hast es sehr gut gemacht, so sauber war es schon lange nicht mehr.“ Dann langte sie in einen Topf und legte ihm noch eine Wurst in seine Schüssel. „Lass es Dir schmecken. Nach dem Essen spülst Du da hinten am Ziehbrunnen, das Geschirr, die Becher und zum Schluss die Töpfe. Gretel bringt Dir alles hinaus.“ Sie zeigte ihm noch das große Bord, auf das er alles Gespülte zum Trocknen stellen sollte. Dann wendete sie sich wieder ihren Töpfen zu und beachtete Dorran nicht weiter.
Als er auch noch die Wurst verputzt hatte, begab er sich in den Hof und begann zu spülen. Die Flut an Bechern und Tellern schien nicht enden zu wollen, zum Glück brachten die Leute ihr eigenes Besteck mit. In der Schankstube war anscheinend ordentlich was los, denn Gretel kam immer wieder mit Nachschub für Dorran. Es war schon dunkel, als er den letzten Topf für heute scheuerte. Die Wirtin hatte Dorran zum Abendessen gerufen. „Nach diesem Topf machst Du Schluss für heute, das reicht für Deinen ersten Tag. Komm rein und iss. Danach kannst Du schlafen gehen. Was jetzt noch kommt, soll die Gretel in einen Eimer mit Wasser werfen, dann ist es morgen leichter zu spülen.“ Erschöpft aß er den wirklich schmackhaften Eintopf, den die Wirtin erneut mit einer Extrawurst krönte. Dorran sah sie dankbar an und verschwand sofort nach dem Essen im Stall.
So verliefen eigentlich alle seine Tage, aufräumen, putzen, spülen. Dazwischen Essen und schlafen, aber es machte ihm nichts aus. Das Essen war wirklich gut und die Wirtin belohnte seinen Fleiß oft mit einer Extrawurst. An jedem Nachmittag bekam er ein Stück Kuchen, was wie ein kleines Wunder für ihn war. Meist war es ein einfacher Rosinenkuchen, aber er schmeckte köstlich, duftig locker gebackener Teig, mit dicken Rosinen. Am Sonntag bekam er dann ein Stück Erdbeerkuchen, Dorran aß ihn ganz langsam und genoss jeden Bissen.
Die Woche war sehr schnell vorbei, er musste weiter. Wehmütig dachte er an das gute Essen, dass er hier bekommen hatte, vor allem den Kuchen würde er vermissen. Aber als er gehen wollte, baten die Wirtsleute ihn, noch eine Woche dranzuhängen. Sie seien sehr zufrieden mit Dorran gewesen, zahlten ihm zehn Wertsteine aus und stellten ihm fünfzehn weitere in Aussicht, wenn er bleiben würde. Dorran fragte nach dem nächsten Markttag, bevor er zusagte. Der war am dritten Sonntag im Mai, also in zehn Tagen. Solange würde er bleiben, aber dann musste er weiter. Er besaß jetzt schon fast soviel Geld, wie Mechthild ihr Leben lang besessen hatte. Den Wasserschlauch aus Ziegenleder, den Rucksack und sogar ein Paar neue Stiefel, könnte er sich auf jeden Fall leisten. Da er noch weitere zwanzig Wertsteine verdienen sollte in den nächsten zehn Tagen, würde sogar noch etwas übrigbleiben.
Dann kam das Unwetter, es regnete und stürmte, die Straßen und Wege wurden fast unpassierbar, der Markttag fiel aus. Dorran musste in der Schankstube schlafen, im Stall war es nicht mehr trocken genug. Er blieb also noch einen Monat länger, denn Stiefel, Rucksack und Lederschlauch wollte er unbedingt für seine Weiterreise haben. Inzwischen hatte er sich angewöhnt, kaum, dass der letzte Gast gegangen war, alle Abfälle, die er auf den Tischen fand, in den Schweinetrog zu werfen. So schlief er besser, ohne den Geruch der Essensreste und am Morgen war er viel schneller mit der Arbeit fertig.
Zu Essen bekam er immer nur gute Sachen, im Prinzip dasselbe, wie die Gäste. So kam er in den Genuss einiger Köstlichkeiten wie Rinderbraten, Fasan, diverse Hühnerteile, Lamm und Fisch. Auch von den Süßspeisen durfte er sich nehmen, allerdings erst am Abend, von dem, was übrigblieb. Meist gab es verschiedene Puddings, aber auch kleine Küchlein oder eine sahnige Creme, die die Wirtin mit Wein herstellte waren darunter. Er hatte deutlich zugenommen, wirkte kräftiger, als bei seiner Ankunft, aber fett war er noch nicht. Und da er seine Reise zu Fuß machen würde, machte er sich deshalb auch keine Sorgen.
Endlich war es soweit, die Wirtsleute zahlten ihm seinen letzten Lohn aus, zwanzig Wertsteine, dann schulterte er sein Bündel und schlenderte über den Markt. Sie hatten ihn nur widerstrebend gehen lassen, aber eingesehen, dass er weiter musste. In den sieben Wochen hatte er einhundertzwanzig Wertsteine verdient, und nicht einen davon ausgegeben. Die hilfsbereite Gretel hatte ihm einen schlanken Beutel genäht, den er mit einer Kordel um den Bauch binden konnte, darin bewahrte er sein kleines Vermögen auf. In der Tasche hatte er zwanzig Wertsteine, damit würde er ziemlich weit kommen, er stellte ja keine großen Ansprüche.
Dorran fand einen großen Wasserschlauch, den er gefüllt kaufte, da konnte er auch gleich sehen, ob er dicht war. Er kostete den Inhalt, es war ein billiger saurer Wein, aber mit Wasser vermischt, konnte er ihn gut trinken. Zwei Wertsteine hatte ihn das gekostet, aber Dorran brauchte auch noch Stiefel. Seine waren schon lange zu klein, die Spitzen abgeschnitten, damit die Zehen Platz hatten. Er sah sich nach einem Stand mit Schuhen um. Beim Schuhmacher erstand Dorran ein paar weiche Stiefel aus Kalbsleder, die wunderbar verarbeitet waren, vier Wertsteine, ein guter Preis. Auch zwei Hemden und eine neue Hose, einen Ledergürtel und zwei Halstücher wurden gekauft. Außerdem einen Rucksack aus robustem Leder für zwei Wertsteine, groß genug für seine neuen Kleider, den Schinken und das Brot, dass die Wirtin ihm zum Abschied geschenkt hatte. Der kleine Steinkrug mit Schnaps vom Wirt, passte ebenfalls noch gut hinein. Er schlug ihn in sein Wickeltuch ein und verstaute dann alles in seinem neuen Rucksack. Dorran kam sich reich vor und war dankbar, für das Glück, hier Arbeit gefunden zu haben. Um die Mittagszeit war er bereits unterwegs, unverdrossen marschierte er weiter Richtung Norden.
Die wochenlange gute Ernährung und sein neuer Wasserschlauch erlaubten Dorran, gut voran zu kommen. Er wanderte bereits drei Wochen, es war jetzt Ende Juli, als er einen Freund gewann. Sein Weg führte ihn am Waldrand entlang, als er plötzlich ein Jaulen und Fiepen hörte. Er folgte den Geräuschen und fand an einem Baum einen Sack hängen, der sich bewegte.
Vorsichtig nahm er ihn herunter und sprach mit sanfter Stimme auf ihn ein. „Du brauchst keine Angst zu haben, ich helfe Dir mein Kleiner, wer hat Dich denn bloß in den Sack gesteckt. Ganz ruhig, ich mach es jetzt auf.“ Als er ihn öffnete sprang ein winziger Hund heraus, der sofort über seine eigenen Füße stolperte. Er fühlte sich heiß an und winselte. Das Kerlchen hatte bestimmt Durst. Dorran nahm den Wasserschlauch zur Hand, und goss sich davon etwas in seine Handfläche und hielt es dem Hündchen hin. Der schleckte alles brav auf und verlangte nach mehr. Nach ein paar Händen voll legte sich der Kleine auf seinen Schoß, und schlief sofort ein. Denn, dass es ein Männchen war, hatte er gleich gesehen.
Was sollte er jetzt machen, er konnte ihn doch nicht allein im Wald zurücklassen. Dazu war er zu klein, ihn mitnehmen? Ja, das hielt Dorran für eine gute Idee, dann hatte er Gesellschaft unterwegs. Aber in dem Fall brauchte das Hündchen einen Namen. Dorran überlegte eine Weile, während er den schlafenden Welpen betrachtete. Sein Fell war sehr hell, fast weiß und lockig, er hatte sehr große Pfoten, kein kleiner Hund also. Wie könnte er ihn nennen? Ihm fiel kein geeigneter Name ein, er musste ihn besser kennenlernen. Das Hündchen öffnete die Augen und sprang auf, es lief mal hier und mal dort hin. „Komm, Hund.“ Dorran forderte ihn auf mitzukommen, und der Hund folgte ihm brav.
Der Welpe rannte immer ein paar Schritte vor und blieb dann wieder etwas zurück. Dorran war gezwungen sich ständig nach ihm umzusehen, das zerrte an seinen Nerven. Nach ein paar Stunden war er es leid, er lief einfach weiter und beachtete den Winzling nicht mehr. Als er selbst eine Rast einlegte und gerade ein Stück Wurst abschnitt, tauchte der Kleine wieder auf. „Da bist Du ja, Du alter Streuner.“ Als Dorran das sagte, kam es ihm plötzlich genau richtig vor. „Gut, Du sollst Streuner heißen. Komm her.“ Streuner kam sofort und schnupperte an der Wurst. Dorran teilte sie am Ende gerecht auf. Jetzt musste er entweder ein Kaninchen fangen, oder im nächsten Dorf etwas Fleisch erwerben. Mit Streuner an seiner Seite benötigte er deutlich mehr Nahrung. Von da an waren die beiden unzertrennlich, sie schliefen nachts eng beieinanderliegend im Wald oder in einer Scheune. Dorran konnte richtig tief schlafen, Streuner passte gut auf und weckte ihn beim kleinsten Geräusch.
Es war nicht so teuer, wie er erwartet hatte, den Hund durchzufüttern. Oft bekam der hübsche Streuner auch etwas von den Bauern geschenkt. Mal ein bisschen Leber hier, eine Wurst dort, auch mal einen Markknochen. Einige der Bauern sagten, dass er bestimmt einen guten Wachhund abgeben würde. Manche machten ihm sogar ein Angebot für den Hund. Aber trennen wollte Dorran sich keinesfalls von Streuner, er betrachtete ihn als seinen Freund. Auch das Futterproblem löste sich beinahe von selbst. Je größer der Hund wurde, desto selbstständiger wurde er auch. Im Herbst, Streuner war inzwischen ziemlich gewachsen, brachte er Dorran erstmals einen großen Feldhasen und legte ihn zu dessen Füßen ab. Dorran schätzte, dass er inzwischen ein halbes Jahr alt war, für einen so jungen Hund war das sehr früh, um selbstständig zu jagen. Aber erfreulich war es dennoch, Streuner hatte für sie beide etwas zu Essen besorgt.
Er zog dem Hasen das Fell ab, und holte die Eingeweide heraus, die er an Streuner verfütterte. Auch das abgezogene Fell gab er dem Hund zurück, der eine Weile damit spielte und es dann zerriss. Danach war es uninteressant.
Ihre Beziehung spielte sich ein, Streuner jagte für sie Beide, und sie kamen gut voran. Auf den Bauernhöfen kauften sie nur noch Milch und Dauerwürste, etwas Brot und ab und zu mal ein Stück Rindfleisch. Streuner jagte fast ausschließlich Hasen. Einmal erwischte er einen wilden Truthahn, ein seltenes Festmahl für die beiden Wanderer. Der Hund hatte jetzt im Oktober wohl seine endgültige Größe erreicht, er ging Dorran bis zur Hüfte, der Babyspeck war verschwunden. Streuner wirkte eher mager, er wuchs einfach zu schnell, die Muskulatur musste sich erst noch ausbilden. Ende Oktober kamen sie in das Dorf Haselsprung. Nur zehn Häuser groß, ein paar Scheunen, Ställe und Pferche. Um das Dorf herum lagen ein paar Felder, die aber natürlich schon abgeerntet waren. Hier gab es eine junge Witwe, die, um ihr Auskommen zu verbessern, ein Zimmer zu vermieten hatte. Sie stellten sich vor, Dorran und der große Streuner. Die Witwe war einverstanden, ihnen für den Winter eine Unterkunft zu gewähren. Zwei Wertsteine pro Monat und täglich eine warme Mahlzeit für sich und Streuner. Das war sehr preisgünstig, Dorran nahm das Angebot mit Freuden an. Streuner durfte sogar ins Haus.
Das Leben bei Melanie, so hieß die Witwe, gestaltete sich angenehm. Dorran half ihr mit dem Holz, er spaltete und hackte es zurecht, um es anschließend auf der Veranda des kleinen Hauses zu stapeln. Sie kochte Suppen und Eintöpfe für ihn und Streuner. Er fühlte sich wohl, genau, wie der Hund auch. Dorran konnte die Pause gut gebrauchen, seine Beine waren in der Zeit des Wanderns muskulöser geworden, aber er war insgesamt erschöpft. Er genoss die Ruhe.
Als er sich bei Melanie umsah, erkannte er viele Dinge, die repariert werden mussten. Man merkte deutlich, dass der Mann fehlte. Also reparierte er ein paar Dinge für sie, die vor dem Winter dringend erledigt werden mussten. Das Dach hatte eine undichte Stelle, das Ofenrohr musste gereinigt, der Brunnen von Laub befreit werden, lauter Kleinigkeiten, aber sie war ihm dankbar dafür. Seit ihr Mann gestorben war, musste sie allein zurechtkommen. Die Dörfler wollten ihr, der Zugereisten aus Bergtal, nicht unter die Arme greifen. Außer ein paar unsittlichen Anträgen von den Ehemännern der anderen Frauen, hatte sie keine Hilfe aus dem Dorf bekommen. Dorran stellte fest, dass die Menschen hier auch nicht anders waren, als in Bergdorf, stur und fremdenfeindlich. Nach Keilberg, hatte er gedacht, dass nur die Leute aus seinem Heimatdorf so ein merkwürdiges Verhalten an den Tag legten. Die Keilberger waren alle nett zu ihm gewesen, keiner hatte ihn schief angesehen oder versucht ihn auszuschließen. Aber dieses Verhalten gab es wohl überall, Bergdorf war da keine Ausnahme gewesen.
Als man dann im Januar wegen der Kälte und dem Schnee nicht mehr richtig hinaus konnte, selbst Streuner machte nur kurz sein Geschäft und kam dann wieder hinein, landeten sie schließlich in ihrem Bett. Er war völlig ahnungslos, aber Melanie lehrte ihn alles was er je brauchen würde. Und Dorran war begierig darauf zu lernen. Sie verstanden sich in jeder Hinsicht gut. Ihr Zusammenleben war von Freundlichkeit und den gemeinsamen Stunden im Bett geprägt. Als dann der Frühling kam, erwartete Melanie ein Kind. Dorran war erst erschrocken darüber, aber nach einer Weile gewöhnte er sich an den Gedanken. Ja, er freute sich schon auf dieses Kind. Schwanger zu werden, damit hatte Melanie nicht gerechnet, war sie doch in den fünf Jahren ihrer Ehe, nicht mit einem Kind gesegnet worden. Aber als sie sah, dass Dorran sich freute, söhnte sie sich mit dem Gedanken aus, zumal er ihr versicherte, bei ihr bleiben zu wollen.
Sie heirateten und im August, Dorran war inzwischen siebzehn, brachte Melanie eine Tochter zur Welt, die den Namen Melissa bekam. Dorran verliebte sich auf den ersten Blick in die Kleine. Er trug sie oft herum und erzählte ihr Geschichten. Als sie ihn das erste Mal anlächelte, weinte er vor Freude. Das Leben war angenehm mit Frau und Tochter, sie hatten viel Freude aneinander. Die kleine Melissa war sein ganzer Stolz, er führte sie regelmäßig aus und kaufte die schönsten Stoffe, aus denen Melanie dann wunderschöne Kleidchen nähte. Später würde er diese Zeit, als sehr zufrieden und glücklich bezeichnen. Melanie war eine unkomplizierte Frau und er jung genug, um zu genießen, was das Leben ihm gerade bot.
Ein paar Jahre gingen sorglos ins Land. Er jagte mit Streuner, reparierte was anfiel, spielte mit seiner Tochter und vertrug sich wirklich gut mit Melanie. Wenn sie einmal etwas anderes als das bisschen Stoff kaufen mussten, was aber selten vorkam, Melanie war eine sehr bescheidene Frau, hatte er ja ein Vermögen an Wertsteinen in seinem Besitz. Dann wurde seine Frau krank, der Arzt, der aus Mittelstadt gerufen wurde, diagnostizierte Schwindsucht. Sie siechte vor Dorrans Augen dahin. An Melissas fünftem Geburtstag war Melanie schon sehr schwach. Die Krankheit raffte sie in kürzester Zeit dahin. Und bereits im September war er ein trauernder zweiundzwanzigjähriger Witwer, mit einer kleinen Tochter und einem großen Hund.
Nach dem Winter erinnerte sich Dorran, warum er damals aus Bergdorf weggegangen ist. Er wollte seine Leute, sein Volk suchen. Mit sechzehn war er von Zuhause weggegangen, jetzt war er fast dreiundzwanzig Jahre alt. Er könnte wieder Richtung Norden gehen, aber Melissa war noch zu klein, erst fünfeinhalb. Ein oder zwei Jahre wird er wohl noch warten müssen. Aber Streuner war sechs, in zwei Jahren wird er zu alt sein, um jeden Tag kilometerweit zu marschieren. Eine echte Zwickmühle. Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, ein Notar traf ein und beanspruchte das Haus für die Familie des ersten Ehemannes. Er versuchte nicht einmal, sich dagegen zu wehren. Er verlangte zwei Wochen Zeit und traf seine Vorbereitungen.
Dorran kaufte sich ein Pferd und einen geschlossenen Wagen, stattete ihn mit dem Hausrat des kleinen Häuschens aus, setzte seine Tochter hinein und rief nach Streuner. Er sah sich noch einmal um, hier war er glücklich gewesen. Seine Tochter ist in diesem Haus auf die Welt gekommen, seine Frau gestorben. Es fiel ihm dennoch überraschend leicht, wegzugehen. Er war wieder unterwegs, diesmal aber luxuriös mit Pferd und Wagen, nicht mehr zu Fuß. Selbst Streuner fuhr viel Strecken im Wagen mit, er wollte nah bei Melissa sein, die er hingebungsvoll liebte. Das ganze Frühjahr und den Sommer hindurch fuhren sie von Ort zu Ort. Sie hielten in kleinen Ortschaften, Dörfern, auf Bauernhöfen, überall wo es Menschen gab. Dort las Dorran den Leuten Briefe vor und schrieb auch welche für sie. Im Gegenzug erhielten sie Nahrungsmittel, mal eine Decke oder auch abgelegte Kleider für Melissa. Dem Kind gefiel die Reise, sie wirkte immer glücklich und ausgeglichen. Er hatte es sich anstrengender vorgestellt mit einem kleinen Mädchen zu reisen, aber seine Tochter war pflegeleicht.
Im September kamen sie dann in die Hauptstadt von Bergland, Mittelstadt. Die vielen Leute erschreckten ihn und auch Streuner hatte so seine Probleme. Die meiste Zeit blieb er im Wagen und wirkte unglücklich. Sie mussten hier wieder weg. Ende September verließen sie Mittelstadt ohne Bedauern und bewegten sich weiter in nördlicher Richtung. Melissa fand die Stadt furchtbar, so laut und unübersichtlich, ihre kleine Welt bestand aus ihrem Zuhause, dem geschlossenen Wagen, Papa und Streuner. Damit fühlte sie sich wohl. Sie hatte die lange Reise bis jetzt als großes Abenteuer empfunden. Aber Papa wollte irgendwo den Winter verbringen. Er hat gesagt, dann sei es zu kalt zum Reisen. Ihr hätte es nichts ausgemacht, sie fror selten. Da Papa das wusste, konnte es eigentlich nur um Streuner gehen. Sie erinnerte sich, dass er im Winter immer nur hinausgegangen ist, um sein Geschäft zu machen. Aber bevor Streuner frieren würde, wäre sie zu manchen Zugeständnissen bereit. Dennoch war sie froh, als Papa sie wieder auf den Wagen setzte und die Stadt verließ.
In Kirchberg weinte der vierjährige Daniel am Bett seiner Mutter, sie war so kalt und gab ihm keine Antwort, sosehr er sie auch mit dem Finger anstupste, sie rührte sich nicht, was soll er denn nur tun. Es klopfte an der Tür, er rannte fast erleichtert hin, ein Erwachsener wird ihm helfen können. Die alte Nachbarin stand davor, einen Topf mit Suppe in der Hand. Als er ihr erzählte, dass Mama sich nicht mehr rührte, stellte sie den Topf auf den Küchentisch und befahl ihm sich auf einen Stuhl zu setzen. Sie würde nach Mama schauen. Als sie zurückkam, weinte sie ein bisschen, nahm ihn bei der Hand und zog in zur Tür.
„Was ist mit Mama?“ Fragte er.
Die Nachbarin sah ihn mitleidig an. „Sie ist gestorben, mein Kleiner, Du kommst jetzt erst einmal mit zu mir, bis wir wissen, was jetzt aus Dir wird. Ich muss dem Pfarrer Bescheid geben, der wird schon wissen, was zu tun ist.“
Der Pfarrer redete etwas von Familie suchen und Waisenhaus, beides hörte sich für Daniel nicht besonders gut an. Eigentlich wollte er nur zurück zu seiner Mama, aber das geht nicht, sagt die Nachbarin, sie sei tot. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit entwischte er in der nächsten Zeit der alten Frau und trieb sich am Dorfrand oder im Wald herum. Sie mussten ihn erst einmal finden, bevor sie ihn wegbringen konnten.
Im Oktober schneite es das erste Mal, nicht viel und nicht lang andauernd, aber der Winter stand vor der Tür, sie brauchten eine feste Unterkunft. Als sie durch Kirchberg kamen, hörte Dorran von einem kleinen Haus mit Garten, das zu vermieten war. Es lag außerhalb des Dorfes, direkt am Waldrand, etwas abgelegen vielleicht, aber ideal für Streuner. Er mietete es bis zum Frühjahr, wobei der Vermieter es ihm auch gerne verkauft hätte, aber dafür war Dorran noch nicht bereit. Sein Ziel war immer noch der Norden, seine Leute.
Melissa spielte fast immer draußen, Papa musste arbeiten, für den Winter, sagte er, da war ihr langweilig im Haus. Sie ging meist zu ihrem Lieblingsplatz im Wald, einem Großen aufrecht stehenden Stein, um den ein kleines Stück Blumenwiese einen freien Platz im Wald schuf. In der zweiten Woche in Kirchberg traf sie Daniel das erste Mal, ihm gefiel es hier auch gut. Also beschlossen die beiden Kinder, sich jeden Tag an diesem Platz zum Spielen zu treffen. Daniels Mama ist genau so gestorben wie ihre eigene, an der Schwindsucht. Was auch immer das für eine Krankheit war, hatte sie doch jedem von ihnen die Mutter geraubt. Weder Melissa noch Daniel erzählten irgendjemanden von ihrem geheimen Treffpunkt, also blieben sie wochenlang ungestört.
Bis Dorran genug Holz und Vorräte zusammen hatte, war es Mitte November. Melissa, für die wenig Zeit blieb im Moment, spielte viel draußen, er musste sie immer wieder ermahnen einen Mantel anzuziehen. Dieses Mädchen fror niemals, war durch und durch gesund. Trotzdem machte er sich Sorgen, war doch ihre Mutter der Schwindsucht erlegen. Melissas Verlust, glaubte er nicht auch noch ertragen zu können. Jetzt da er alles beisammen hatte, nahm er sich fest vor, mehr auf sie zu achten. Durch einen glücklichen Zufall erfuhr er von einem durchreisenden Buchverkäufer und erwarb sämtliche Werke von ihm. Das waren exakt drei Stück, um genau zu sein. Eine Beschreibung des Berglandes, eine Bibel und ein Buch ohne Titel, das Deckblatt fehlte. Er verwahrte sie sorgfältig, um im Winter seiner Tochter Lesen und Schreiben beizubringen. Später an diesem Tag ließ er Melissa im Haus zurück und ging mit Streuner jagen. Der Hund erwischte einige Kaninchen, Dorran erlegte ein Reh mit einem seiner Pfeile. Er schleppte alles nach Hause, um es zu salzen und zu räuchern. Ein wenig von dem Reh würde er für einen Braten verwenden. Ja, er hatte genaue Vorstellungen, aber als er daheim ankam, war Melissa weg.
Streuner war aufgeregt und sprang um ihn herum, wo konnte sie nur sein.
„Wir müssen Melissa suchen, Streuner, Such!“ Der Hund rannte los, geradewegs in den Wald hinein. Dorran hinterher. Nach ein paar Metern sahen sie Melissa schon, sie saß ohne Mantel im Gras und pflückte etwas, und sie war nicht allein. Neben ihr saß ein Junge, etwa in ihrem Alter, der ebenso wie Melissa keinerlei Überkleidung trug. Die beiden unterhielten sich angeregt und schauten erst auf, als Streuner in ihre Mitte sprang. Melissa begrüßte den Hund, der Junge sprang auf und ging ein paar Schritte zurück.
Melissa beruhigte ihn. „Du brauchst keine Angst haben, das ist Streuner, mein Hund. Er tut Dir nichts, Daniel, das erlaube ich nicht.“ Daniel kam wieder näher heran, blieb aber dennoch in einem gewissen Abstand zu Streuner stehen.
Dorran erreichte endlich seine Tochter und ihren neuen Freund. Besorgt und zugleich etwas verstimmt fragte er seine Tochter. „Was hast Du Dir denn dabei gedacht, ohne Mantel hinauszugehen, Melissa. Du könntest Dir den Tod holen, es ist Winter.“
Das Mädchen lächelte ihn süß an. „Ach Papa, ich friere nicht, aber wir können gerne wieder hineingehen, kann Daniel auch mitkommen?“
Seit diesem Tag war Daniel fast täglich in ihrem Haus zu finden. Dorran versuchte herauszufinden, wohin der Junge gehörte, aber der schwieg eisern. Mitte Dezember erschien der Pfarrer von Kirchberg an seiner Haustür. Er wünschte eine Unterredung. Dorran bat ihn herein und erfuhr dann Daniels Geschichte. Sein Vater ein Holzfäller sei im letzten Winter im Wald umgekommen, seine Mutter an der Schwindsucht verstorben und der Junge seitdem Waise. Die Familien im Dorf kümmerten sich natürlich um ihn, aber jeder hatte eigene Kinder, deshalb hätten sie beschlossen, ihn in die Hauptstadt ins Waisenhaus zu bringen. Seither verschwand der Junge immer wieder, und tauchte erst auf, wenn es bereits Abend war, und niemand mehr in die Hauptstadt gehen würde. Dorran betrachtete seine Tochter, die mit Daniel gerade irgendein Spiel spielte. Ein sonderbares Gefühl überkam ihn, das arme Kind hatte niemanden mehr auf dieser Welt. Er hatte den Jungen inzwischen ins Herz geschlossen, schon allein der Gedanke an ein Waisenhaus erschien ihm falsch. Der Pfarrer erwartete wohl eine Antwort von ihm, denn er sah Dorran auffordernd an. Und er gab sie ihm. „Lassen sie ihn hier, ich ziehe ihn mit meiner Tochter zusammen auf. Hat er noch irgendwelche Sachen?“
So kam es, dass Dorran länger in Kirchberg blieb, als er wollte. Daniel und Melissa waren unzertrennlich, sobald der Junge begriffen hatte, dass er hier bleiben kann, öffnete er sein Herz und wurde sehr zutraulich. Der große Streuner wurde allmählich alt, er konnte also sowieso nicht weiterreisen, der Hund lag die meiste Zeit am Kamin und ging nur noch ungern nach draußen. Aber Dorran war erst sechsundzwanzig, er sagte sich, dass er noch jede Menge Zeit hatte, sein Volk zu suchen.
Streuner starb eines Nachts einfach so, er schlief am Abend ein und wachte am Morgen nicht mehr auf. Dorran war untröstlich und beweinte seinen Freund. Sogar Daniel hatte den Hund inzwischen in sein kleines Herz geschlossen und weinte um ihn. Die siebenjährige Melissa jedoch schluchzte herzzerreißend, der fünfjährige Junge umklammerte sie die ganze Zeit, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Der Hund war ihr ganzes Leben über immer da gewesen, jetzt war er fort. Sie begruben ihn im Garten, nicht sehr tief, der Boden war schon gefroren, aber es würde schon gehen. Zur Sicherheit legte Dorran noch einen Hügel aus Steinen darauf.
Der Verlust von Streuner ging Dorran noch lange nach. Die Kinder verarbeiteten es zum Glück besser. Im Januar kam unterdessen der Pfarrer wieder, an der Hand ein kleines Mädchen. Er brachte es nicht fertig, ihn wieder wegzuschicken. Dorran nahm auch die kleine Diana auf. Ihre Mutter war bei der Geburt ihres zweiten Kindes gestorben war, ebenso wie das Neugeborene.
Einen Ehemann gab es nicht. Er kümmerte sich um die Kinder und kaufte im Frühling das Haus. Mit drei Kindern im Alter von drei, fünf und sieben Jahren konnte er sowieso nicht fortgehen.
Im Mai traf er dann Henriette, sie hatte einen Besuch gemacht, bei einer Tante. Am Waldrand liefen sie sich, bei einem Spaziergang Henriettes, über den Weg. Sie hielt ihn für verrückt, denn sie hatte erfahren, dass er zwei Dorfkinder bei sich aufgenommen hatte. Und das sagte sie ihm auch. Er war entrüstet. „Meinen Sie, in einem Waisenhaus sind sie besser aufgehoben? Henriette, ich bitte Sie. Hier haben sie es gut, sie sind glücklich.“ Das schien sie einzusehen. Wann immer sie ihre Tante besuchte, schaute sie jetzt auch bei Dorran vorbei. Aber Henriette beachtete die Kinder meist nicht. Dorran befremdete das zwar, aber war verliebt, und sah darüber hinweg.
Als im September der Pfarrer wieder mit einem Kind vor der Tür stand, war gerade Henriette zu Besuch. Das kleine Mädchen war ein gutes Jahr alt und ganz allein auf der Welt. Was hätte Dorran machen sollen, er brachte es nicht übers Herz, es wieder fort zu schicken. Das war auch das Ende seiner kurzen Beziehung zu Henriette. Sie stellte ihn vor die Wahl, noch ein Kind oder sie, Henriette verlor, sein Herz und seinen Respekt.
Jetzt hatte er vier Kinder zu versorgen, an eine Reise war da nicht zu denken. Er war jetzt das dritte Jahr in Kirchberg. Melissa war zehn, Daniel acht, Diana sechs und jetzt die kleine Bella, ein süßes Kind mit goldenen Locken, sie war knapp drei.
