Dort im Osten war nur Angst - Jörg Beckmann - E-Book

Dort im Osten war nur Angst E-Book

Jörg Beckmann

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Beschreibung

"Sie saßen sich auf kargen Holzbänken gegenüber. Dicht an dicht. Swinemünder Einwohner, Flüchtlinge aus dem Osten. Und Soldaten, die in den Osten sollten. Gelegentlich hellte es surrend auf. Das Geräusch einer selbstladenden Taschenlampe folgte ihrem flackernden Licht durch den Gespenster-Gang. Dann wieder unheimliche Stille. Nur für Minuten, gleich konnte es wieder losgehen oder war Schluss? Man wusste nie. Man wusste nichts. Man konnte gleich sterben. Man konnte überleben. Angst. Jeden Augenblick, gleich jetzt, konnte es vorbei sein. Opfer-Lämmer. Nichts weiter, sie waren Opferlämmer." "Und dann kamen sie: Die Sowjets. Einen Tag später. Langsam, zögernd rollte der leichte Panzer-Spähwagen zum Gutshaus. Der junge Kommandant im Turm wirkte misstrauisch, aber auch gelassen. Ganz Kriegs-Profi glitt sein Blick über die Kinder hinweg zu den Gehöften dahinter. Dann erst hielt der Spähwagen für einen kurzen Augenblick. Der Kommandant sprang raus." In seiner autobiographischen Erzählung "Dort im Osten war nur Angst" schildert Jörg Beckmann sein Erleben und Überleben des Kriegs- und Fluchtjahres 1945 im Osten: Bombenangriffe der Alliierten auf Swinemünde und auf das Heimatdorf in der Nähe des kriegswichtigen Hydrierwerks, die missglückte Flucht vor der russischen Armee, das brennende Demmin und der Rückmarsch ins zerstörte Stettin. Ein Hitler-Junge, der bis zum Kriegsende an "seinen Führer" glaubt, erfährt den totalen Zusammenbruch seiner Welt. Eine Geschichte von den grauenhaften Taten der Sieger und der Besiegten – "Ja, Pimpf, Ihr da im Osten habt in Gestalt der Sowjet-Soldaten oft noch milde Richter erfahren ..." – eine Geschichte aber auch von Liebe und Eifersucht, vor allem aber eine Geschichte von Krieg, Angst und Flucht, Ende und Weiterleben.

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Seitenzahl: 196

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort: Ost-Generation 1945

Contra: ein zweites Vorwort

Deutscher Rat

Zum Geburtstag meines Vaters

Priegenitz 45 - Die alte Wohnung – Die alten Fotos - Bombenkrieg und Jungvolkzeit

Im Westen: Nahenfleth 45

Seid treu und wahr! Hurra! Die goldene Uhr Deutscher Rat

Vorwort: Ost-Generation 1945

Generation 45? Nie davon gehört? Kein Wunder. Wir sind jene Generation, von der bisher kaum die Rede ist. Weder in den wissenschaftlichen Abhandlungen der Soziologen, die einst die „skeptische Generation“ beschrieben, noch in den Erzählungen rund um 1945. Wir, die wir um jene Zeitenwende etwa 10 Jahre alt waren. Damals waren wir nicht erwähnenswert, heute offenbar auch nicht.

Die „skeptische Generation“ ist nach allgemeiner Meinung jene gewesen, die zwar beinahe so jung wie wir war, doch so vieles - fast zu viel - mitgemacht hatte: Nazi-Erziehung und Panzerfaust. Krieg an der Front und Niederlage an der Front. Gefangenschaft, Demütigung in vielfacher Form. Umerziehung. Neubeginn. Die Generation also, die aus dem Kriege „ohne Illusionen“ zurückkehrte, wie es damals hieß. Die Generation vor uns. Doch wir?

Unser Schlüsselwort heißt: „Ausgeliefert“.

Wir haben fast alles auch erlebt, zwar nicht an der Front, doch oft schlimmer: an der sogenannten „Heimatfront“. Wie die Mehrheit der Frauen. Unfähig, dabei etwas selbst tun zu können, ausgeliefert dem „heroischen“ Geschehen. Ohnmächtig. Hilflos. Wer je miterleben musste, wie die Mutter sich vor den betrunkengeilen Russen verstecken musste, wie sie dann doch gefunden und vergewaltigt wurde, der könnte ewig erzählen ... (seltsamerweise ist das Bewusstsein dieser damals Zehnjährigen - diese unbewusste Bewusstlosigkeit -kaum beschrieben oder anders ausgedrückt, nie zum Bewusstsein gekommen).

Der wichtigste Eindruck für die „Generation 45“ im „Umbruchjahr 45“ war eben dieser Umbruch. Der Bruch von der bisherigen Nazi-Jugenderziehung, dieser Verbindung von altdeutschem „Treu und Glauben“ und neudeutschem Rassenwahn, zu - um 45 - totalem Chaos, totaler Rechtlosigkeit.

Wie sollten wir, die wir mit zehn Jahren alles erfuhren und später als die große Gefahr vorbei und der Wiederaufbau begann, also mit 13, 14 wieder Kinder werden sollten und wurden, wie sollten wir das je verkraften? Wie denn, durch wen denn? Weder war da bei uns genügend eigener, ich meine, weit genug entwickelter Verstand, noch Verständnis der Erwachsenen. Die hatten allesamt mit sich selbst zu tun.

Ach, diese Kinder ... die wurden mitgeschleppt, die litten mit, doch wie sie litten, ob sehr, ob ewig, war das wichtig in Zeiten der Not? Sie waren doch nur Kinder.

Natürlich wäre Erklärung wichtig gewesen, in diesen Zeiten. Doch wer sollte was erklären, wenn er selbst im Schlamassel lebte. Auch zum Verständnis gehört ein Stückchen, ein winziges Stückchen Sicherheit, ein wenig Ruhe als Voraussetzung. Nicht aber dieses „Gehetztsein“, wie wir, die „Generation 45“, vor allem die Jugend aus dem Osten, es auf unserer Flucht erlebten. Diese Angst, diese dauernde Angst, die das Gesetz des Krieges ist.

Von wegen „Befreiung“. Die kam später. Dort im Osten war nur Angst. Angst vor der unberechenbaren Gewalt der Sieger, Angst, zu verhungern. Und das Stunde für Stunde, Tag für Tag ... und das Entscheidende war dieses totale Gefühl, verloren zu haben, ohne zu wissen, wieso, warum, teilzunehmen, Teil zu sein ... und doch nichts wirklich zu begreifen und auch dies nicht mal begreifen zu können.

Dabei, behaupte ich, hat keine Generation so hautnah, so brutal, so eindringlich erfahren müssen, was der Unterschied ist zwischen dem, was Erwachsene jungen Menschen an „Ordnungs- und Lebensinhalten“ vermitteln und der Wirklichkeit, die sich gerade total wendet. Nichts, was uns mal gelehrt, stimmte mehr, die Erwachsenen auch nicht.

Nie, nie wieder habe ich irgendjemandem irgendetwas geglaubt, selbst wenn ich wollte, immer blieb der Zweifel, der ja intellektuell sicher immer nötig ist, der bei unserer vergessenen Generation aber weniger mit intellektueller Erfahrung, sondern mehr mit der Erfahrung eines einst gläubigen Zehnjährigen zu tun hat.

„Deine Ehre heißt Treue“, das war es. Ein Junge, der damals - in jenen großen Zeiten, da sein Vaterland sich im Kriege befand - gerade „Pimpf“ geworden, schluckt solchen Spruch mit Wonne ... um dann allmählich immer stärker die Wahrheit erfahren zu müssen, dass dies, wie so vieles andere nur Gerede war.

Alles nur „Lug und Trug“, das war der stärkste Eindruck, den wir damals ab 45 von unserer Umwelt, von der Welt der Erwachsenen hatten.

Ja, das war der wirkliche Zusammenbruch für uns: Die Väter in Mehrzahl ein soldatisch oft tapferer, doch menschlich genau genommen verlogener Haufen Unglück. Ein oft heldisch tuender Popanz: mein Vater, der Polizeioffizier, der „Held von Djakovo“, noch Jahre nach 45 konnte er - immer mit reichlich Alkohol dabei -so herrlich spannend erzählen: wie er als Polizeioffizier großartig im Partisaneneinsatz gegen einen hinterhältig - verbissen sich wehrenden Feind gekämpft hatte, wie er mit einer kleinen Truppe einen ganzen Ort zurückerobert hatte ... und dann ... nie erzählten diese Helden, was dann geschah ... nur die Fotos von den Leichenbergen erschossener Geiseln in seinem „Kriegsalbum“ erzählen davon.

„Meine Ehre heißt Treue“. Nichts, überhaupt nichts stimmte davon. Wer das mit zehn, elf Jahren erfährt, wer gleichzeitig erlebt, wie jene, die den Krieg gewannen, oft bestialisch zurückgaben, was sie erlitten, dabei oft Menschen trafen, die tatsächlich unschuldig waren, wer sollte da noch etwas glauben?

Wir glaubten nichts und sollten doch bald wieder alles glauben. Kaum lag Flucht und Vertreibung hinter uns, kaum hatten sich die Flüchtlinge aus dem Osten in der neuen Heimat im Westen notdürftig eingerichtet, schon ging der vielgerühmte Aufbau los. Für uns die Schule. Und da war alles, wie es war. Zwei Jahre hatten viele von uns kein Schulgebäude mehr von Innen gesehen, Schrift-Deutsch, Grammatik verlernt oder noch nie richtig erlernt, dafür ein paar Brocken Russisch und jede Menge Anarchie des Umbruchs.

Kein Problem, in „fremder Leute Wohnung“ nach Essbarem zu suchen, kein Problem, die Welt als Chaos zu erleben, doch Probleme, wieder ordentlich in „Reih und Glied“ auf den Schulbänken zu sitzen. Die Herren Lehrer nahmen da wenig Rücksicht. Als ob nichts gewesen wäre, nahmen sie den Unterricht wieder auf. Mit jenem einen bekannten, entscheidenden Unterschied: Über das was war, über das, was sie vorher geredet, unterrichtet hatten, kein Wort. Kein Wort.

Stattdessen immer noch die Idee, dass sich der Stärkere letztendlich durchsetzen würde. In den Gymnasien der Nachkriegszeit gab es im Westen Deutschlands Kinder genug. Einmal die vielen Flüchtlinge mit ihren Kindern und selten erwähnt eine Kinderschwemme: Das deutsche Volk hatte ja ab 1933 „seinem“ Führer viele Kinder geboren.

Dass nun ab 1945 die einen allein schon deshalb die Schwächeren waren, weil sie Flucht und Vertreibung hinter sich und das Chaos noch im Kopf hatten, während die anderen im Westen eben doch von dem oft instand gebliebenen Elternhaus zehren konnten, machten sich die wenigsten Lehrer klar.

Ja, sie kamen fast alle wieder nach 45. Nicht nur die Lehrer, die Richter, wie man weiß, ja fast alle, die beteiligt gewesen waren. Und dann - elf Jahre später - die Bundeswehr ... und wir, die Flüchtlings-Generation 45? ... hatten wir nicht unsere früheren Helden noch vor Augen, wie sie aussahen in jenen Tagen der totalen Niederlage? Die Erschossenen, die Erhängten, die von den Russen ans Scheunentor genagelten Menschen in Uniform, die ungepflegten Typen, die deutschen Gefangenen, die wir in den Lagern der Russen gesehen hatten. Ausgemergelt, grau, verloren, am Ende.

Und ein Jahrzehnt später schon wieder eine Uniform?

Aber was hatten wir schon begriffen? So ist eben der Lauf der Welt, lehrten uns die Erwachsenen. Die, die viel schneller als wir vergessen hatten, wie es 45 war, als nichts mehr war.

Wir allerdings hatten nichts vergessen. Jedenfalls das Wesentliche nicht. Und das Wesentliche war, wie schnell die gerade noch herrschende „Lametta-Welt“ hinter Stacheldraht sitzt, wie schnell eine Welt zusammenbrechen kann.

Contra: ein zweites Vorwort

Es ist für mich sehr schwer, dieses menschlich so verständliche Kompott aus deutscher Heimat + Herzenswärme eines offenbar begeisterten Hitler-Jungen schlicht kommentarlos über mich und andere ergehen zu lassen.

Ich kannte ihn ja gut, diesen Menschen, der sich hier mühsam entblättert und mit jeder Zeile, einerseits um Verständnis fleht für sein ach so grausames Flüchtlings-Schicksal und andrerseits immer wieder eine geradezu groteske – beinahe schlitzohrige Beweisführung liefert, wie großartig doch die Ausbildung der Jugend unter Hitler gewesen sein soll.

Und warum kümmere ich mich nun doch drum? Nun ja, es sind die Aufzeichnungen eines Menschen, der schon vergangen ist, dem ich jedoch versprochen habe, seine Bemühungen - wenn irgend möglich – auch öffentlich zu machen. Man sollte verstehen: Enge Verwandtschaften haben oft ihren Preis.

Wenn ich mich nun nach längerem Zögern entschlossen habe, seine Bitte als seinen quasi letzten Willen zu erfüllen, so sehe ich mich doch verpflichtet – überall, wo ich es für nötig erachte oder schlicht besser weiß - seine Erinnerungen und Erleuchtungen, na sagen wir: zu vervollständigen.

Andrerseits möchte ich dabei mit der nötigen Sensibilität vorgehen, um den Fluss jener durch seine Aufzeichnungen vorgegebenen Handlung und deren Stilistik nicht zu zerreißen, sondern lediglich durch meine gelegentlichen Beigaben zu erläutern und zu ergänzen.

Dass dergleichen Beiwerk nicht unkritisch sein sollte, entspricht – so gut glaube ich ihn zu kennen - der Intention des Autors der vorliegenden Aufzeichnungen.

Deutscher Rat

Vor allem eins, mein Kind: sei treu und wahr,

laß nie die Lüge deinen Mund entweihn!

Von alters her im deutschen Volke war

der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein.

Robert Reinick

Diesen Tag wird er nie vergessen. Schön dieser Tag. Mitten im Juni 1945. Er lief brav neben seiner Mutter, lief barfuß, spürte, wie die Sonne Sand und Steine wärmte, fühlte - unter den blanken Sohlen - die Erde warm. Angenehm hier zu gehen. Sie waren auf dem Weg nach Hause. Von Stettin nach Priegenitz. Zurück ins Heimatdorf. Endlich nach Hause.

Doch gab es für sie überhaupt ein „Zuhause“? Lebte der Vater noch, dieser Kriegsheld, dieser mehrfach verwundete, mehrfach dekorierte Krieger?

Lisa musste gerade jetzt oft an ihn denken. Erich. Er hatte die Schuld. Jedenfalls, sie gab ihm die Schuld. Wenn es nach ihr gegangen wäre, wenn er getan, was sie wollte, wären sie jetzt nicht hier. Wären längst sicher „Drüben“. Im Westen. Doch jetzt?

Sie saß fest. Täglich konnte wieder was passieren.

Lange Zeit hatte sie nicht gewagt, aus Stettin fortzugehen, „viel zu gefährlich“, hieß es immer wieder. Noch waren die Russen, wie sie um 1945 waren. Die Frauen der Deutschen: Freiwild. Gierig zu genießende Beute nach dem vielen Morden des grausamen Krieges.

Lisa hatte ihre Tochter Melsene in Stettin bei Nachbarn gelassen, war nur mit ihrem „großen“ Jochen unterwegs. Dieser große Sohn, dieser kleine „Held in der Buttermelk“, wie sie ihn für sich gern nannte. 11 Jahre alt. Mager war er nun, den sie „zu Hause“ noch „Dicker“ gerufen hatten, ganz dünn war er geworden während der Flucht. Ging jedoch leichtfüßig und - auf seine Art - ganz lieb und ganz treu neben ihr her.

Ihr Junge - trotz allem - sie war froh, ihn neben sich zu haben, dünner kleiner Gefährte: Gerührt ließ sie sich ihren Gedanken. Sah ihn sich dabei immer wieder von der Seite an: nicht nur äußerlich hatte er sich verändert. Schien geknickt wie jetzt so viele, dieser einst glühende „Adolf–Hitler–Begeisterte“, dieser kleine Pimpf. War aber auch „ungezogen“ geworden. Oder war es das nicht? Ihr fiel kein besseres Wort ein, richtig ungezogen war dieser Bengel geworden. Ausgerissen war er ihr, weggelaufen in Stettin. Hatte ihr zuvor mitten ins Gesicht geschlagen. Hatte sie, hatte seine Mutter geschlagen, doch sollte sie jetzt so denken? Sie wollte nicht so denken und sie konnte nicht bedenken, was das war, was bisher geschehen war. Und warum und wieso. Zusammenbruch? Alle nannten es so. Zusammenbruch.

Sie waren weit gekommen. Schon über zehn Kilometer gewandert. Jetzt bereits in der Gegend von Münde, dort hatte früher ihre Schwester gewohnt. Sollte Lisa vorbeigucken, könnte es sein, dass Lara bereits zurück war? Die Straße weiter nach Priegenitz war verhältnismäßig gut erhalten. Die Spuren des Krieges, tote Pferde, zerschossene Trecks weggeräumt. Jedenfalls nicht so sichtbar wie vor Wochen. Doch es war ihr auch egal. Zuviel hatten sie in den letzten Wochen erlebt. Zuviel waren sie auf solchen Straßen gewandert. Der große Treck zurück. Zurück aus Mecklenburg. „In die Heimat“, wie es die Sieger befohlen hatten. Der Hunger unterwegs. Und immer wieder: „Uhri-Uhri-Rufe“ und immer wieder Angst. Deshalb ... doch ihre Gedanken gingen wieder zu ihm, ihrem Sohn ... es war so viel passiert, doch dass Jochen - ihr kleiner Junge - sie geschlagen hatte, tat noch zusätzlich weh.

Sie so zu behandeln, sie, die die ganze Last trug. Sie sah ihn sich immer wieder an. War das möglich, war dieser liebe ernsthafte Junge der, der sie geschlagen hatte? „Gehen wir zuerst zu Tante Lara?“, fragte er. Ich weiß nicht, das hält uns nur auf, dachte sie und sagte: „Nein, das ist ein zu großer Umweg, wir wissen auch gar nicht, wie es da aussieht. Wir müssen erst wissen, wie es in Graulitz und Priegenitz sein wird. Vielleicht müssen wir ja noch heute zurück. Lieber keine Umwege.“

Er nickte, „wie weit ist es noch?“ Doch zur Antwort kam sie nicht. Ganz plötzlich standen zwei Soldaten vor ihnen. Weit und breit kein anderer Mensch. Nur die hügeligsandige Oderlandschaft und die beiden Russen. Klein, aber kräftig. Die Maschinen-Pistolen lässig umgehängt. „Frau komm mit!“ Mehr Deutsch brauchten sie nicht. Das reichte. Beide waren freundlich. Und jung, doch drängelten. Wollten nur das eine. Die Beute. War ihnen gerade danach. War ja einsam genug hier.

„Nein“, sagte Lisa grad so, also ob sie Aussicht hätte, verstanden zu werden, „nein, ich muss mit meinem Kind weiter. Wir haben es eilig.“ Sie zeigte in eine nicht genaue Ferne. „Da wollen wir hin.“ Da sind unsere Verwandten. Die beiden Soldaten verstanden, obwohl sie nichts verstanden. Doch was kümmerte es sie.

Sie hatten die Macht. Sie wollten ihren Spaß. „Komm mit“, sagte der eine drängender als zuvor und hob die Maschinenpistole. „Nein“, sagte sie und guckte hilfesuchend zu ihrem Jungen. Der war lange kein kleiner Junge mehr. Hatte längst begriffen. Hier die Situation. Und die vielen Situationen ähnlicher Art auf der Flucht zuvor. Kein Kind damals im Osten hatte das nicht erlebt oder etwa nicht begriffen - war auch nicht viel zu begreifen. Das war der Ur-Zustand der Welt. Kein Recht. Keine Polizei. Keine alte Herrschaft. Die neue noch nicht da. Aber die beiden Soldaten mit den Waffen. Nur das zählte.

„Geh doch mit, Mutti“, hörte Jochen sich reden. „Das macht doch nichts, das ist doch das Beste“, so altklug kann einer mit fast 11 Jahren reden, wenn er nicht viel weiß, doch das eine weiß, dass es ums Leben geht. Vielleicht auch um sein Leben.

Lisa sah ihn an (mit einem Blick, den er sofort vergessen wollte) und ging. Verschwand mit den beiden hinter einem kleinen Hügel. Außer Sichtweite. Außer Hörweite. Ja, es waren freundliche Russen.

Und Jochen? Er wusste schon, was geschah. Doch er wollte nur eins: Seine Mutter wieder haben. Und es dauerte gar nicht so lange. Dann kam sie wieder.

Sie lebte, das war wichtig.

Schweigend gingen Mutter und Sohn weiter. Beinahe so, als ob nichts geschehen sei. War nichts geschehen? War viel geschehen.

Bisher hatte sie sich immer retten, verstecken können, immer wieder - manchmal wie durch Zufall - war sie davongekommen, doch jetzt. Vorbei, alles vorbei. Sie ging weiter Seit an Seit mit ihrem Sohn ... und der tat, als ob nichts gewesen sei.

Tat, als ob nichts sei, der kleine Mann? Hatte sein Vater ihm nicht damals in Swinemünde bei Beginn ihrer Flucht das Kleinkalibergewehr – das Tesching - gegeben mit den großartig dummen Worten: „Und damit beschützt du deine Mutter!“ Hatte er das etwa vergessen?

Jochen, der noch bis vor wenigen Monaten begeisterte einstige Pimpf, hatte längst den „Zusammenbruch“ auch für sich akzeptiert. Das Gewehr war längst in Mecklenburg vergraben. Gott sei Dank, bevor die Russen kamen, vergraben von seinem klugen Opa. Und der kleine Pimpf hatte längst gelernt. Lektionen über die Ohnmacht der Verlierer und die Willkürmacht der Sieger. Schnell hatte er gelernt. Innerhalb einer Woche war alles anders. Seine Welt, die Naziwelt, in der er aufgewachsen, in der er seine ersten Erfahrungen gemacht, vorbei. Innerhalb einer Woche.

Alles vorbei. Nichts galt mehr. Nur das Leben. Weiterleben.

Contra:

Jawohl, um im Jargon des kleinen Hitlerjungen zu reden: jawohl, das war nicht leicht zu verkraften. Noch vor wenigen Wochen ein nach Heldentaten dürstender typisch deutscher Hitler-Junge, musste auch er nun die Konsequenzen der Taten seines verehrten Führers erleben.

Und begreifen ... und sei gelobt, dass er nicht wie ein dumpfer Pimpf auch noch versuchte, seine Mutter etwa mit bloßen Fäusten zu verteidigen ...

Doch bevor dieses Heldenlied nun weitergeht, hier ein kleiner Hinweis, den ich im Tagebuch unseres einstigen Pimpfen gefunden habe:

„Ja, was haben wir armen Flüchtlingskinder schon erlebt: Im Verhältnis zu den Gaskammern unserer Volksgenossen waren selbst die Elendstage der Flucht das reine Paradies. Was ist es schon, tapfer die Vergewaltigung der eigenen Mutter zu befürworten, um dadurch Schlimmeres zu verhüten, wenn so ein armer Pimpf sich einmal darüber klar wird, was Kinder seines Alters zu denken hatten, wenn ihnen im Angesicht der Feuerkammern der SS Mutter und Vater von der Seite gerissen wurden.

Ja, Pimpf, Ihr da im Osten habt in Gestalt der Sowjet-Soldaten oft noch milde Richter erfahren dürfen, so grausam sie oft auch mit euch umgingen.“

Typische Geschichte aus jener Zeit - eine Geschichte auch von Liebe und Eifersucht, vor allem jedoch von Krieg und Weiterleben. Und wie ein kleiner Junge das alles erlebt. Und sogar übersteht.

Nahender Frühling auf Usedom. Überall in Swinemünde lagerten Soldaten, überall auch Flüchtlinge. Die einen auf der Flucht vor den Russen, die anderen zum Kampf gegen die Russen. 12. März 1945: „Fliegeralarm“. Bisher war in Swinemünde nie was passiert. Warum sollte jetzt etwas passieren? Jochen suchte mit seiner Mutter und Schwester Schutz in Notbunkern am Ostseestrand. Die Bunker auch hier waren wegen der vielen Flüchtlinge proppevoll. „Bunker“ ist allerdings geprahlt. Es waren bessere Unterstände, geschützt mit starken Holzbohlen. Gegen Bombensplitter. Wehe jedoch, wenn eine Bombe oder eine Luftmine direkt traf.

Wird es sie treffen? Es wird sie nicht treffen. Dachten sie, so dachten sie immer.

Der Krieg hatte sie fast alle zu einer Art duldender Fachleute gemacht. Viele hatten Bombenangriffe erlebt, viele viel davon gehört.

Jochen saß neben einem jungen Soldaten, kaum 18 Jahre alt, aus Kassel. Der sollte nach Kurland. Jochen war stolz, neben einem seiner Helden zu sitzen. Ja, das waren alles seine Helden, die deutschen Soldaten. Für einen fast 11-jährigen Pimpf, der in den Krieg hineingewachsen war wie er, erschien jeder, der von der Front kam oder an die Front sollte, ein Held zu sein. In seltsamer, heute kaum noch begreifbarer Weise hatten viele, vermutlich sogar die meisten der damals zehn- bis fünfzehnjährigen deutschen Jungen das Gefühl, in einer großen Zeit zu leben. Es war ja ein „Heldenkampf“, den ihr Volk kämpfte, das hörten sie immer wieder. Klar, sie würden mitkämpfen. Wenn sie nur erst soweit wären.

Jetzt hockte er im Bombenhagel hier bei einem seiner Helden. Seite an Seite mit einem Frontsoldaten. Diesmal war es wirklich hart. Die Einschläge schienen ganz in der Nähe. Immer wieder zuckte das dünne Bunker-Licht. Unwillkürlich duckten sie sich, wenn Bomben und Luftminen so nahe schienen, so verderbend klangen, als ob es kein Entrinnen gab ... und gleich danach - für Augenblicke: das große Ausatmen. “Davongekommen“. Ist es vorbei? Hatten sie wiedermal Glück gehabt? Doch so schnell ging es selten vorbei.

Sie saßen sich auf kargen Holzbänken gegenüber. Dicht an dicht. Swinemünder Einwohner, Flüchtlinge aus dem Osten. Und Soldaten, die in den Osten sollten. Gelegentlich hellte es surrend auf. Das Geräusch einer selbstladenden Taschenlampe folgte ihrem flackernden Licht durch den Gespenster-Gang. Dann wieder unheimliche Stille. Nur für Minuten, gleich konnte es wieder losgehen oder war Schluss? Man wusste nie. Man wusste nichts. Man konnte gleich sterben. Man konnte überleben. Angst. Jeden Augenblick, gleich jetzt, konnte es vorbei sein. Opfer-Lämmer. Nichts weiter, sie waren Opferlämmer. Ihre Chance war die Chance des Zufalls. Sie wussten das, sie horchten, sie warteten.

Da sah Jochen es: Der Soldat an seiner Seite weinte.

Weinte? Sein Held, einer seiner Helden weinte? Sollte dieser Krieger nicht in Kurland das Vaterland verteidigen, hatte er nicht gerade eben ganz lustig von seinem „Zuhause“ erzählt, von Kassel, seiner Heimatstadt, von der Fahrt hierher? Hatte er nicht so richtig kernig-soldatisch den Kurland-Einsatz eine „richtige Scheiße“ genannt? Und nun weinte er?

Und die anderen rundum? Sie hockten geradezu apathisch. Redeten kaum. Kein Geschrei, die Angst war nicht laut. Alles sehr diszipliniert. Wieder krachte es ohrenbetäubend. Das Ende der Welt? Es konnte so sein, doch sie saßen einfach da. Es wird schon gut gehen. Das war ihr Evangelium.

Erich Schwörke kam. Der Vater. Höchster Gendarm im Landkreis. Für seinen Jungen war natürlich auch dieser Polizei-Hauptmann ein Held, immerfort in Waffen, bereit zum Kampf, so erschien er Jochen. Immerfort mit diesem - für Pimpfe damals - imponierenden Gesicht des Kriegers, das Jochen so oft in den Wochenschauen oder auf Fotos gesehen hatte: Hart, gegerbt, etwas faltig. Das Gesicht auch seines Vaters, das Gesicht, das er damals verehrte.

Jetzt war dieser Held zu ihnen geflüchtet, ramponiert, verdreckt, die Uniform eingerissen, das verehrte Gesicht ganz blass. So setzte er sich zu ihnen. Umständlich, müde. „Da hab ich noch mal Glück gehabt“, sagte er. „Glück gehabt“, Jochen ahnte dieses „Glück-gehabt-Gefühl“, das war der Krieg und sein Vater hatte Glück gehabt. Ja, hatte er.

Ein Volltreffer hatte das Landratsamt getroffen, Erich Schwörke hatte sich aus dem Keller rausgraben können, das Gebäude sei nur noch ein Trümmerhaufen gewesen.

Erich, sein Vater: In Sorge um Frau und Kinder hatte er sich - mitten im Angriff - hierher durchgeschlagen. Wie Jochen seinen Vater dafür bewunderte.

Endlich Entwarnung. Der Soldat hatte aufgehört zu weinen. Jochen, der hatte nicht mal das Mitleid des Ahnungslosen für diesen verlorenen Kurland-Kämpfer.

Der Angriff auf Swinemünde war nicht nur fürchterlich, er war aus der Sicht der Angreifer auch erfolgreich gewesen. Die Bomben hatten mitten hinein getroffen. Wie geplant. Soldaten, die zur Kurland-Armee transportiert werden sollten, waren eben so vernichtet worden wie Flüchtlinge, die auf der Flucht vor den Russen bis hierher gekommen waren. Fast alle hatten in den Swinemünder Anlagen kampiert. Fast alle ungeschützt. Ein „Schlachtfest“. 23.000 Tote in wenigen Stunden. „Ein Dresden im Norden“, schrieb man später.

In der Gedenkstätte Golm auf Usedom sind die meisten dieser Toten in einem der größten Massengräber Deutschlands beerdigt. Über den Bombenangriff auf Swinemünde am 12. März 1945 heißt es dazu:

„Zu diesem Zeitpunkt war die Hafenstadt mit Flüchtlingen und Soldaten überfüllt. Östlich der Swine warteten endlose Trecks auf die Möglichkeit einer Überfahrt. Im Hafen lagen Schiffe mit Flüchtlingen aus Hinterpommern, West- und Ostpreußen, die auf einen Weitertransport westwärts hofften. Auf dem Bahnhof standen überfüllte Lazarettzüge zur Abfahrt bereit. Lazarette der Stadt waren überfüllt. Im Kurpark lagerten Soldaten, die sich ostwärts an die Front in Marsch setzen sollten. Über sie alle wurden aus 671 Flugzeugen 1609 t Bombenlast abgeworfen. In kurzer Zeit verwandelte sich die Stadt in ein brennendes Inferno und wurde zum Dresden des Nordens. Mehr als 23.000 Menschen starben in der Mittagsstunde des 12. März 1945 bei diesem amerikanischen Bombenangriff. Augenzeugen berichten von einem Anblick unvorstellbaren Grauens. Wegen der Seuchengefahr und der nachrückenden Flüchtlinge sowie der nahen Front mussten die Toten möglichst schnell bestattet werden. Menschliche und tierische Überreste wurden in Bombentrichtern zugeschüttet. Nach Überlebenden in den Trümmern konnte kaum gesucht werden. Über 20.000 Tote wurden mit Pferde- und Lastkraftwagen zum Golm gebracht und hier begraben. Die namentlich bekannten Zivilisten (Swinemünder und Flüchtlinge) wurden links vom Eingang zur heutigen Gedenkstätte beigesetzt. Der weitaus größere Teil der Opfer konnte nicht identifiziert werden und wurde in Sammelgräbern auf einem großen Massengräberfeld begraben. Somit befinden sich heute auf dem Golm vier verschiedene Friedhöfe.“