Dort, im unendlichen Blau - Martha Schilf - E-Book

Dort, im unendlichen Blau E-Book

Martha Schilf

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Beschreibung

In den beiden vorliegenden Erzählungen begegnen wir Menschen, die in ihrem Leben auf der Suche sind und zu ihrer eigenen Überraschung reale Antworten finden. Dabei begegnen sie Anderen, die zwar nicht perfekt, aber gerade deshalb auf ihre Weise vollkommen sind: vollkommen menschlich. "Dort, im unendlichen Blau": Die einundvierzigjährige Monika nimmt sich eine Auszeit und fliegt nach Schottland. Doch bald nach der Ankunft merkt sie: Ihr neuer orangefarbener Koffer ist gar nicht ihrer. Was nun? "Vogel und Vulkan": Eine Studien-Abbrecherin macht ein Praktikum in einem Altenpflegeheim. Dort stellt sich ihr bald die Frage: Mögen Außerirdische steile Föhnwellen?

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Seitenzahl: 75

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Dort, im unendlichen Blau

Vogel und Vulkan

Dort, im unendlichen Blau

Dort, im unbegreiflichen Blau, würde Monika in einer halben Stunde entlangfliegen. In ein neues Leben. ‚Am besten nicht zu viel erwarten‘, dachte sie. Sie stand an einem der großen Fenster, die die Rollbahnen überschauten und beobachtete Flugzeuge beim Abheben und Landen. Für einige Reisende hatte eine Flugreise sicher etwas Außergewöhnliches, für andere war es der lästige Dienstreise-Alltag. So viele Geschichten, die Monika nie erfahren würde. Vielleicht ganz gut so. Monika prüfte mehrfach, ob sie ihren Reisepass und ihre Boarding-Karte parat hatte. Mit zwanzig Minuten Verspätung ging es endlich los. Nachdem die Stewardessen die obligatorische Sicherheitsbelehrung abgeschlossen hatten und durch die Reihen gegangen waren, um zu prüfen, ob alle Passagiere auch das Handgepäck verstaut und die Sicherheitsgurte geschlossen hatten – was sie mit übertrieben eleganten Handbewegungen begleiteten –, rollte die Maschine an, beschleunigte und hob endlich ab, wobei Monika in ihren Sitz gedrückt wurde. Das Flugzeug legte sich etwas schräg, um die Richtung zu ändern und da war es, das herrliche, endlos scheinende Blau, nachdem sich Monika so lange gesehnt hatte.

Der Flug selbst verging recht schnell. „Noch ein Getränk?“, „Ja, noch einen Tomatensaft, bitte“. Dann wurde das Plastikgeschirr der kleinen Mahlzeit wieder eingesammelt, die Anschnallpflicht-Leuchtanzeigen leuchteten wieder auf und das Flugzeug flog Edinburgh an. Es war faszinierend, wie schnell man an einem völlig anderen Ort sein konnte.

Während sie sich auf dem Flughafen in Edinburgh langsam zu ihrem Anschlussgate begab und an Duty-Free-Läden mit typisch schottischem Touristengebäck und erlesenen Whiskysorten vorbeiging, begriff Monika, dass sie nun endlich Zeit haben würde.

Eine kleine Propellermaschine brachte sie über die Highlands. Aus dem kleinen Fenster an ihrem Platz konnte Monika die Schneegestöber auf den Bergen beobachten. Je weiter sie ihr bisheriges Leben hinter sich ließ, desto mehr atmete sie auf.

Schließlich war Monika in Kirkwall angekommen. Sie nahm an dem dafür vorgesehenen Fließband ihren neuen, orangefarbenen Koffer entgegen und fuhr mit einem Taxi weiter an ihren Bestimmungsort, wo sie eine Ferienwohnung gemietet hatte. Endlich!

Monika liebte Orte, die nicht von Touristen überfüllt waren. Sie mochte es, einen neuen Ort langsam für sich selbst zu entdecken, den kreischenden Möwen zuzuhören und ihren Rufen zu folgen. Sie würde in kleinen, schon etwas betagten Familienrestaurants Fisch und fettige Pommes mit möglichst viel Essig verspeisen, wie man sie nur dort findet.

Das Fischerdorf, in dem Monika eine Unterkunft gebucht hatte, war überschaubar: ein kleiner Hafen mit kleinen Einkaufsstraßen, ein paar Geschäfte, eine alte Kirche mit umliegendem Friedhof, Häuser.

Monikas Ferienwohnung, in die sie von einer alten Frau kurz aber herzlich eingewiesen wurde, lag friedlich in einer der Seitenstraßen vom Hafen entfernt. Die Unterkunft war einfach und am Fensterrahmen blätterte die blaugraue Farbe schon etwas ab. Aber die Herberge war zweckmäßig und hatte den Charme eines alten Hauses, das schon vieles gesehen hatte. Es roch nach Leben und nach Meer.

Als Monika allein war, legte sie ihren Koffer auf den Boden, streckte sich auf dem Bett aus und bedachte ihre Lage: Sie war vor wenigen Wochen einundvierzig geworden, ihre langjährige Beziehung war nun – endlich muss man sagen – ohne Reparaturaussicht auseinandergegangen, weil Denis „jemanden kennengelernt“ hatte. Ein wichtiges Projekt war entgegen aller Erwartungen an einen neuen Kollegen gegangen, der sich vor allem dadurch auszeichnete, seine glatt-gegelten Haare gekonnt in Form zu bringen und einen karriereorientierten Aufsteigereindruck zu vermitteln, ohne wirklich etwas auf dem Kasten zu haben. Das hatte Monika zwar schnell durchschaut, aber nicht die Abteilungsleitung. Als sie angehalten war, dem Kollegen mit ihrem Fachwissen zur Seite zu stehen, hatte sie sich zwar geärgert, aber versucht, es nicht persönlich zu nehmen. Als er ihr aber alle möglichen Hilfsarbeiten aufbürdete und ihre inhaltlichen Beiträge als seine eigenen darstellte, kündigte sie kurzerhand. Dann starb in völliger Übereinstimmung der desolaten Situation auch noch ihr hochbetagter Kater, Mr. Beans. So fand sich Monika an einem Donnerstagabend in einem Weinkrampf auf die in ihrem Flur aufgereihten Schuhe niedersinkend, dabei noch ihre bei eBay ersteigerte und leider nur provisorisch angebrachte Wandgarderobe mitreißend, gewiss, dass dies der absolute Tiefpunkt ihres Lebens sei. Sie weinte aber nicht laut und ausladend, wie es sich in einer solchen Situation durchaus geziemt hätte, denn dies hätte die Nachbarn stören können und das wollte sie nicht. Die Situation war Monika auch so, gewissermaßen sich selbst gegenüber, sehr unangenehm. Dass sie in ihrer delikaten Gestalt und mit völlig aufgelöstem Haar im Chaos niedergebettet ganz entrückt und bezaubernd aussah, konnte sie freilich nicht wissen. Es war ja niemand da, der es hätte bezeugen können.

Aber das Leben war schön, zumindest war es das einmal in grauer Vorzeit gewesen und so konnte, nein, musste es wieder werden. Die Vorsehung und das Internet würden ihr schon zeigen, wo es hingehen sollte. Und nun war Monika hier.

Sie könnte hier den restlichen Tag auf dem Bett mit einer zum Glück nicht zu weichen Matratze liegen bleiben, den kreischenden Möwen zuhören und es wäre in Ordnung. An der Decke hing eine kleine, unterernährte Spinne. Kaum hatte Monika diesen Gedanken zu Ende gebracht, sprang sie auf, warf ihre Sachen auf dem Weg ins Badezimmer von sich und stieg in die Dusche, um ihr altes Leben abzuwaschen, wobei sie den Kopf wegen der Deckenschräge etwas einziehen musste. Als sie zwischen Eisbad und Verbrennungsgefahr auch noch die richtige Temperatureinstellung gefunden hatte, fühlte sich das Ganze einfach wunderbar an.

Als Monika dann in ein großes Badetuch gehüllt vor ihrem Koffer stand, musste sie feststellen, dass der Reißverschluss klemmte. Erst nach drei Versuchen und mit großem Fingerspitzengefühl ließ sich der Koffer schließlich unter dem gewohnten Surren öffnen. Zu ihrer großen Überraschung offenbarte sich jedoch ein anderer Grundriss der gepackten Sachen als sie erwartet hatte. Wie konnte das sein? Monika schloss kurz die Augen und öffnete sie wieder. Aber der Koffer war immer noch fremd, zumindest der Inhalt. Bei genauerer Betrachtung stellte sie fest, dass der Koffer im Modell zwar identisch mit dem ihrigen war, es sich aber durchaus um einen anderen Koffer handelte.

„Nein. Das glaube ich jetzt nicht“, sagte sie zu sich selbst, während sie glitzernde, mit blauen Pailletten besetzte Sommerschuhe sah, einen leichten weißen Schal und einen fast blendend pinkfarbenen Mohair-Pullover. Vom nagelneuen Beautycase ganz zu schweigen. Der Inhalt des Koffers schien eher für einen Urlaub am Mittelmeer geeignet als für Schottland. Eine Einmal-Kleinbildkamera war auch dabei. Und ein kleiner Sonnenschirm mit weißer Rüsche. Alles schien nagelneu zu sein. ,Sieht eher aus wie ein Requisitenkoffer für ein Fotoshooting‘, dachte Monika. Natürlich bedeutete das zwangsläufig auch, dass ihre eigenen Sachen nicht hier waren, sondern wahrscheinlich nun irgendwo am Mittelmeer. „Die Frau wird sich bedanken“, lachte Monika. ,Wenn sie meine alten Jeans, meine Wollpullis, Funktionsunterwäsche und meinen Waschbeutel von 1997 sieht, fällt sie wahrscheinlich in Ohnmacht. Muss ja ein ziemliches Püppchen sein‘. Monika probierte das Parfümfläschchen, welches in dem nagelneuen Beautycase verstaut war. Es verströmte einen blumigen Duft, der aber ganz angenehm war. Zum Glück hatte Monika keine Wertsachen eingepackt und ihre mysteriöse Kofferpartnerin auch nicht, daher hielt sich der Schreck noch in Grenzen. Trotzdem: Der Gedanke, dass ihre persönlichen Sachen nun von einer wildfremden und wahrscheinlich auch noch peniblen Person ebenso erstaunt betrachtet würden, erfüllte Monika mit einem Schauer. Vielleicht hätte sie doch vor einiger Zeit zumindest ihre alten Jeans aussortieren sollen. Und ihre alte, ausgedellte Trinkflasche. Wie unangenehm. Aber damit rechnet ja keiner, wenn man allein nach Schottland fährt. Interessiert ja auch eigentlich niemanden.

Sie müsste zurück zum Flughafen, würde sich dort erkundigen, ob ein gleich aussehender Koffer dort abgegeben worden war und müsste dann damit wieder mit dem Taxi hierher zurück. Was aber, wenn ihr Koffer es gar nicht bis auf die Insel geschafft hatte, sondern bereits in Edinburgh verwechselt worden war, was viel wahrscheinlicher war? Dann könnte sie trotzdem den falschen schlecht wieder mitnehmen. Dann hätte sie gar nichts – hier, mehr oder weniger im Outback, in einem Ort mit drei oder vier Geschäften. Das wäre eine ganz andere Herausforderung.

Widerwillig schlüpfte Monika vorerst wieder in ihre eigenen Sachen. Morgen früh würde sie am Flughafen anrufen und herausfinden, ob eine Chance bestand, ihren eigenen Koffer wieder zu bekommen. Einstweilen würde sie den fremden Koffer behalten. Und schauen, ob sie in den Geschäften einige nötige Kleinigkeiten erstehen konnte, die ihr über die ersten Tage hinweghelfen würden.

,Was mochte das nur alles bedeuten?‘, dachte Monika, während sie durch den kleinen Ort schlenderte und Toastbrot, Marmite, Butter und zwei Zitronen kaufte. Sie liebte es, sich in Gedanken an die Vorsehung zu verlieren, um jenem Geheimnis auf die Spur zu kommen, das ihr Leben mal mehr und mal weniger umwehte. Sie versuchte in allem einen tieferen Sinn zu entdecken, was zuweilen an Aberglauben grenzte. Oder war es doch alles Zufall? War es eine Laune des Universums und seiner wie auch immer gearteten Gesetze, dass es die Erde gab, die Menschen und alles um sie herum? Oder gab es nicht doch etwas wie Fügung? Wie schön wäre es doch! So ganz einer höheren Macht