Dörteroman - Peter Hesselbein - E-Book

Dörteroman E-Book

Peter Hesselbein

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Beschreibung

Eigentlich kann so etwas normalen Leuten ja gar nicht passieren. Und Dörte ist eine ganz normale junge Frau. Aber plötzlich wird ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt. Und daran haben nicht nur der sympathische Lokalredakteur und ihr Onkel, ein ältlicher Notar, Schuld... Munter geschriebene Geschichte eines Versuchs, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen

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Seitenzahl: 766

Veröffentlichungsjahr: 2019

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© 2019 Peter Hesselbein

Umschlagfoto: Peter Hesselbein

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN 978-3-7482-9566-2 (Paperback)

ISBN 978-3-7482-9566-9 (Hardcover)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Peter Hesselbein

Dörteroman

ERSTES KAPITEL

UNSERE GESCHICHTE BEGINNT, SAGEN WIR MAL, AN einem Frühlingstag, an einem schönen Frühlingstag. In der Nacht hat es Frost gegeben, der Kalender zeigt die kalte Sophie, und die schon aufgegangenen Kastanienblüten liegen jetzt wie Schnee am Boden. Aber es kann ein sonniger Tag werden, sicher auch mild, vielleicht wird man am Nachmittag sogar draußen sitzen können. Das wäre schön, denkt sich Dörte.

Dörte hat einen langen Winter hinter sich, wie alle Leute hier, und sie hasst die Winter. Immer nur die dicken Sachen anhaben müssen, oder frieren. So selten die fahle Wintersonne, viel öfter graue tiefe Himmel, die einem alles noch viel schlimmer erscheinen lassen, als es ohnehin schon ist. Dörte wünscht sich den Sommer so sehr herbei, denn dieses soll ein ganz besonderer Sommer werden. Und jetzt scheint er zum Greifen nah.

Dörte tritt aus dem Haus. Wir wollen sie einen Moment betrachten. Ein kleines Persönchen ist sie, unsere Dörte, quirlig und fröhlich, auch wenn sie im Moment ernst dreinblickt. Die passt aber gar nicht zu ihrem Gesicht, diese strenge Miene, denn Stupsnase, Sommersprossen und die blauen Augen widerlegen nachdrücklich, was der zusammengekniffene Mund behauptet. Ein kleines schwarzes Muttermal auf der Oberlippe fällt uns noch auf; es strahlt eine Verheißung von Sinnlichkeit aus, aber wir können leider überhaupt nicht sagen, warum uns das so vorkommt. Fast ganz in blau gekleidet erscheint sie heute Morgen, nur der Schal leuchtet in einem dunklen Rot dazwischen, der Schal, den sie sich umgewickelt hat, weil es eben doch noch nicht richtig warm ist, nur so aussieht am Himmel mit seinem Blau und seinen Schäfchenwolken. Sie will sich jedoch nicht in aller Ruhe beschauen lassen von uns, sie hat es eilig. Und flugs ist sie davongelaufen, der Stadt zu, denn dort ist sie verabredet.

Aber was sehen wir denn dort? Da ist ja noch jemand, der unserer Dörte hinterher geschaut hat, ein junger Mann in einem dünnen Mantel; aber er lässt es nicht beim Hinterherschauen bewenden, er hat sich schon in Bewegung gesetzt und folgt ihr. Dabei hält er Abstand, offenbar ist ihm nicht daran gelegen, sie einzuholen. Aus den Augen möchte er sie aber auch nicht verlieren. Im Unterschied zu uns hat sie ihn nicht bemerkt. Oder hat sie ihn nur bewusst übersehen?

Den beiden begegnen nicht viele Menschen auf dem Weg zur Stadt, oder was man hier so unter »der Stadt« versteht. Eigentlich ist es ja eher so eine Ansiedlung, die man früher einen größeren Marktflecken genannt hätte, wir müssen uns also nicht auf eine brausende City einrichten, ein lärmendes stinkendes Zentrum. Ein kleiner Marktplatz tut’s hier auch, stellen wir ihn uns einmal wie im ländlichen Frankreich (manchmal auch England) vor, wo es das noch gibt: eine Kirche, mindestens zwei Bäcker, mindestens je ein Metzger und ein Wurstmacher, Gemüseladen, Blumenladen (oder beide in eins), vielleicht noch ein bisschen Eisenwaren und auf jeden Fall drei bis fünf Cafés und Restaurants. Glückliches Frankreich, warum bist du noch mit solchen Marktplätzen gesegnet, wo wir nur Aldi haben? Gleichwohl – wir versetzen einfach dieses lebende Städtchen auf deutschen Grund und Boden und bitten den Leser, uns zu folgen. Wir sehen das auch und gerade als ein schönes Gegenbild nicht nur zur Ödnis unserer Kleinstädte, sondern auch zur Unübersichtlichkeit unserer Metropolen. Außerdem wirkt es romantechnisch einfach überzeugender, wenn sich das naturgemäß überschaubare Romanpersonal auch einmal zufällig trifft, was man ja nicht vollständig vermeiden kann.

Auf diesem Markt herrscht natürlich jeden Tag reges Leben, hier können wir unsere Dörte fast verlieren, aber das werden wir nicht, wir sind aufmerksam, wir möchten wissen, wie es weitergeht. Heute ist Wochenmarkt; es kommen also zu den ohnehin zahlreichen Geschäften noch die Marktstände hinzu, wo Bauern aus dem Umland Gemüse, Obst, lebende Tiere, geschlachtete Tiere, frische Fische, selbst gemachte Käse, Butter, Konfitüren feilbieten, lautstimmig anpreisen, mit Häppchen Käufer zu verführen suchen. Kurz, es ist der Tag der Woche mit dem fleißigsten Treiben auf diesem wunderbaren Platz. Ein Leierkastenmann steht am Rande und dreht seine Musik ab, zwei Kinder davor lauschen versonnen, das eine hat eine Träne im Auge. Flink kommt eine Mutter, nimmt es an der Hand und zerrt es davon.

Dörte aber marschiert quer durch, sie sucht nichts Essbares, ihr steht der Sinn heute auf ganz etwas anderes, wenngleich sie sonst gern hier flaniert und probiert, auch kauft. Quer durch, geschwinden Schritts, und die Wolke der Hausfrauen und Kinder macht es ihrem Verfolger leicht, sich nicht entdecken zu lassen, wenngleich sie ihn am Fortkommen hemmt; er bleibt aber dran.

In den Marktplatz münden viele Straßen, zwei Enden der Hauptstraße natürlich, aber auch eine ganze Reihe von einladenden oder weniger einladenden Gässchen. Am mit bunten Blumen geschmückten Brunnen öffnet sich der Platz in ein höckeriges und geschlungenes Weglein, das eigentlich nicht einmal für Kraftfahrzeuge geeignet ist (auch aus Zeiten stammt, als man so etwas noch nicht kannte), da hinein schreitet die Dame geschwinden Schritts. Ganz schnell ist sie hinter einer Biegung verschwunden.

In dieser Gasse befindet sich seit je die Kanzlei des Advokatus Märthesheimer, das wissen wir, das weiß auch Dörte, aber dem jungen Mann ist das unbekannt. Märthesheimer gilt als der älteste Rechtsgelehrte am Platze, und der geriebenste ist er auch immer noch. Dabei erscheint das Männchen auf den ersten Blick jedem als absolut harmlos und – ja, fast spaßig; denn es ist spindeldürr und trägt stets Kleidung, wie sie vor dreißig Jahren in Mode war. Ein winziger goldener Kneifer auf der langen Nase, ein wirrer weißer Haarschopf und eine feine leise tiefe Stimme lassen ihn uns erscheinen wie eine Figur von E.T.A. Hoffmann. Sehnsüchtig hat er auf Dörte gewartet heute, sie ist seine Nichte, aber er hat sie aus einem ganz bestimmten Grunde eingeladen, und es ist ihm wichtig, dass sie pünktlich ist. Als er den roten Schal durch die Gasse leuchten sieht (denn er hat die ganze Zeit sehnsüchtig nach ihr Ausschau gehalten durch ein Fenster), seufzt er leise auf, schließt den Laden und geht zur Tür.

Dörte ist die enge kastanienhölzerne und glatt gebohnerte Stiege hinauf geklettert und will gerade läuten, als der Onkel die alte Holztür mit dem weißen Emailleschild weit aufreißt. »Gut, dass du da bist«, schallt er ihr entgegen in diesem wunderbaren Bass, und sie umarmt den Oheim, wie sie es seit Jahren gewohnt ist bei jedem Wiedersehen, und auch er. Dann tritt sie ein. Die Kanzlei, die der Alte auch als seine Wohnstatt nutzt, besteht nunmehr seit gut einhundertundzwanzig Jahren, und selten hat man das Mobiliar gewechselt. So nimmt es uns nicht wunder, dass die Polsterstühle im Wartezimmer ein wenig abgewetzt erscheinen, auf denen aber heute genauso wenig wie gestern oder morgen irgendjemand geduldig oder ungeduldig auf den Rat des Advokaten harrt. Auch im ehrwürdigen Sprechzimmer mit seinen eichenen, tiefdunklen, und bis an den obersten Rand gefüllten Aktenschränken finden wir das eine oder andere abgeschabte Stück, mehr noch fallen uns einige Spinnweben auf, und schließlich blicken wir auf Gesetzesbücher, die – wie wir schnell erkennen – schon seit vielen Jahren so nicht mehr allgemein in Gebrauch sind. Trotzdem stehen sie auf diesem Schreibtisch, der, mit Papieren überladen, die Mitte des Raumes einnimmt, und hinter den sich jetzt Märthesheimer zurückgezogen hat, seine Nichte auf das Armesünderstühlchen vor dem gewaltigen Möbelstück verweisend.

»Und pünktlich bist du auch«, resümiert der Alte, als er die Kirchturmuhr von draußen zehnmal schlagen hört. »Aber jetzt willst du wissen, warum du kommen solltest.«

»Ach Onkel, ich besuche dich viel zu selten, das weiß ich«, fährt es aus dem Mädchen heraus, »und dabei wohnen wir sogar im selben Städtchen. Aber – «

»Lass, lass, lass«, unterbricht sie Märthesheimer, »lass lass lass«, singt er fast, wir sind doch erwachsene Leut’, auch wenn die Alten natürlich immer kindischer werden«, und er kichert. »Nein, es geht heute um etwas wirklich Wichtiges. Schau…«, und er zieht mit durchaus geübtem Griff aus einem der riesigen Stapel eine Akte hervor, »das hier ist die ganze Sache mit deiner Erbschaft. Da nun dein sehr viel älterer Bruder deinen Eltern in eine möglicherweise bessere Welt nachgefolgt ist und wir vergangenen Donnerstag gemeinsam seinem Sarg auf den Kirchhof folgten, ist es jetzt an der Zeit, dass du alles wissen musst.«

»Du weißt, dass ich nie irgend etwas haben wollte«, entfährt es Dörte, und fast schrill wird ihre Stimme in diesem Augenblick. »Seit ich mich mit meiner ganzen Familie – bis auf dich – zerstritten habe, bin ich ganz gut so über die Runden gekommen, und ich habe nie darauf spekuliert, doch noch irgendwann vom Reichtum meiner Sippe zu profitieren. Wenn es also darum geht –«, und sie greift schon nach ihrem Täschchen, um die Kanzlei zu verlassen.

»Halt«, ruft da der Onkel, »nicht so schnell. Natürlich geht es auch ums Geld«, schon runzelt Dörte wieder die Brauen, aber er schaut sie fast hypnotisch aus seinen gelblich-trüben alten Augen an, was sie offenbar an den Stuhl heftet, und fährt fort »aber es geht um einiges mehr. Du weißt, dass dein Großvater väterlicherseits einstmals das Unternehmen aufgebaut hat, noch zu Zeiten Wilhelms des Ersten. Bismarck selbst soll ihm zugeraten haben, und nie hat er es bereut, sich auf Füllfederhalter spezialisiert zu haben. Natürlich kamen später die Schreibmaschinen hinzu, dann die Nähmaschinen und die Fahrräder, und schließlich war es eben einer der großen Rüstungskonzerne im Lande, eigentlich eine ganz natürliche Entwicklung.« Er hustet. »Wobei deinem Großvater zeitlebens die Füllfedern das liebste geblieben waren, das hat er mir selber auf dem Totenbette anvertraut«, setzt er hinzu. »Aber die Zeitläufte verlangten natürlich Haltung, Haltung zum Vaterlande, auch in schweren Stunden und schweren Zeiten«, das kommt jetzt fast trompetend, in Märthesheimers Stimmlage sollte man aber vielleicht eher Tuba-artig sagen. Wobei – irgendwie kann man einen Unterton heraushören. Dörte aber schlägt die Hände vors Gesicht.

Wir müssen uns jetzt hier in diesen alten Räumen für einen Augenblick entschuldigen und unseren Blick wieder auf die Gasse richten, wo der junge Mann inzwischen seit über einer Viertelstunde ausharrt. Er ist sich annähernd sicher, in welchem Hauseingang sie verschwunden ist, aber – wie wir schon ausführten – er weiß nichts von dieser Kanzlei, wie auch kein anderer Passant davon wüsste, denn kein Schild am Hauseingang kündet von deren Existenz. Aber irgendetwas sagt unserem Unbekannten, dass er richtig wartet, und er hat schon sehr lange auf Dörte gewartet, es käme ihm auch auf einige Stunden mehr derzeit nicht mehr an. Auch wenn es jetzt natürlich ein sehr schöner Augenblick dafür wäre, können oder wollen wir seine Identität zurzeit noch nicht preisgeben. Darum einstweilen nur dies: der junge Mann ist hager, blond, trägt eine runde Nickelbrille und wirkt eher nervös auf uns, auch wenn wir aufgrund der bisher von ihm aufgewendeten Geduld natürlich ahnen, dass er so nervös gar nicht sein kann. (Oder schließen sich Hartnäckigkeit und Nervosität gar nicht gegenseitig aus?)

Er trägt unter dem dünnen Mantel einen dünnen Anzug und eine dünne Krawatte. Jetzt steht er unten gegenüber dem Hauseingang, pfeift sich eins und richtet den Blick abwechselnd auf das Fenster, aus dem vor-hin der Advokat blickte, auf die Tür und auf den Himmel. Letzterer ist immer noch wunderbar blau, die Frühlingssonne übt sich allmählich im Wärmen, und die Schäfchenwolken spielen Haschmich, aber sie tun es in aller Ruhe. Wenn jetzt ein Polizist vorbeikäme, so ein Polizist wie aus den alten Filmen, dann würde er unseren männlichen Protagonisten wohl fragen: »Und, was tun Sie hier eigentlich?« Aber natürlich kommt kein Polizist; die Regierung hat längst nicht mehr Geld genug, um Polizisten für solche Tätigkeit zu bezahlen.

Zwei Stockwerke weiter oben finden wir eine Dörte, die inzwischen verstärkt mit dem Schluckauf kämpft und dem Gedanken, ihrem Onkel einen Briefbeschwerer auf einen seiner Füße zu werfen, auch wenn sie genau weiß, dass der massive Schreibtisch das verhindern würde. »Du weißt doch genau, dass ich keinen Pfennig von diesem Blutgeld will, wie kannst du da annehmen, dass ich mich auch nur für fünf Minuten in diese Firma begeben würde? Ich hasse alles das, was meine Familie da angerichtet hat!« schreit sie fast, denn sie hat soviel Anstand, nur ziemlich leise zu schreien. Eine gute Erziehung zahlt sich eben doch meistens aus.

» ›Eine Firma ist der Name, unter dem ein Kaufmann sein Geschäft betreibt‹ «, zitiert der Onkel das ihm heilige Handelsgesetzbuch, »eine Firma kann man nicht betreten. Aber ich darf dich immerhin daran erinnern, dass du schon unzählige Male dort warst. Bis vor ein paar Wochen, wenn ich richtig informiert bin. Ich weiß ja nicht genau, was da passiert ist…«

Die Nichte schlägt die Augen nieder; offenbar ist das ein eher heikler Punkt.

»Und jetzt geht es nur darum, dass du einer Lösung für einen vorübergehenden Zustand nicht im Wege stehst. Ich komme auch gerne mit. Aber wenn du dort nicht erscheinst, ist das Unternehmen handlungsunfähig. Dann werden achthundert Leute von heute auf morgen arbeitslos, allein hier bei uns. Und immerhin geht es heute nicht mehr nur um Kanonen, wie du vielleicht weißt; heute macht das Werk über dreißig Prozent mit zivilen Produkten. Aber ob zivil oder nicht: Wenn die laufenden Lieferverpflichtungen nicht mehr erfüllt werden, denk bitte mal an den Ruf der Familie, an die Reputation der Regierung, die immerhin den Rüstungsgeschäften zugestimmt hat, von der Position der Kunden in ihren jeweiligen Krisengebieten einmal ganz zu schweigen; niemand könnte heute sagen, ob durch den plötzlichen Ausfall mehr oder weniger Tote zu beklagen wären, aber mehr Tote sind durchaus wahrscheinlich! Denn aller Krieg beruht auf Gleichgewicht, und Störungen des Gleichgewichts sind stets die Quelle von besonders viel Unglück und Vernichtung.« Ganz tief zog Märthesheimer seine Stimme herunter bei diesem Satzende, das klang großartig, und die nicht ungebildete Nichte musste sofort an die Götterdämmerung denken. Ein Zittern überkam sie, von Kopf bis Fuß.

Als der Alte das bemerkte, bot er schnell Kognak an, dem die Nichte erfreut zusprach, und von dem der Advokat aus Gesellschaft auch nahm. Gern hätten wir diese letzte Szene mit einer etwas in die Jahre gekommenen aber immer noch rege um die Angelegenheiten ihres Brotgebers bemühten Anwaltsgehilfin »von altem Schrot und Korn« gewürzt, aber die Kanzlei warf nun einmal nicht mehr viel ab, und so gab es diese eben nur am Nachmittag; um ein paar Gläser und den nötigen Schnaps konnte sich Märthesheimer schon noch selber kümmern. Selbstverständlich empfand er es als unter seiner Würde, dieser Familie von Plutokraten anzugehören und selbst in einer schäbigen Seitenstraße zu residieren, aber auch er hatte einstmals seine Haltung zum Testament wiederum seines Vaters gehabt. Nun ja. Jetzt ging es um die aktuelle Erbin und um das Unternehmen. Wenn sie etwas in ihrem Leben gelernt hatten, die Märthesheimer, dann war es Prinzipientreue. Wir wollen doch einmal sehen, ob sie auch das mitbekommen hat, dachte er bei sich, und erzählte noch ein bisschen von den schönen nützlichen Maschinen und Geräten, die bei dem Laden noch so entstanden, von den dreißig Prozent eben. Oder zwanzig. Oder aber mindestens zehn, wer konnte das schon so genau sagen.

»Was soll ich denn überhaupt da machen?« fragte Dörte auf einmal. Offenbar habe ich es immer noch nicht einfach genug dargestellt, dachte er, aber gleichzeitig fuhr ihm durchs Hirn: sie tut’s! sie wird gehen! sie ist bereit! Und er wusste, dass er gewonnen hatte. Er lehnte sich zurück. Ein bitterer Sieg, irgendwie, sagte er sich zugleich. Und er hätte jetzt gern eine Klingel gehabt, um mit dieser läuten und einem daraufhin erscheinenden dienstbaren Geist den Satz ›Holen Sie bitte Direktor Sommerhuber‹ zurufen zu können. Aber es gab keine Klingel, keinen Diener, und Direktor Sommerhuber war natürlich nicht hier. Nie hätte sich Direktor Sommerhuber in die abgestandenen Räumlichkeiten der Kanzlei Märtheshei-mer begeben. Die »Winter« gebot über wesentlich repräsentablere Anwälte, die an wesentlich repräsentativeren Adressen domizilierten. Dennoch spielte dieser Akt der Geschichte jetzt hier, der für den Augenblick entscheidende Akt, und er hätte nirgendwo anders stattfinden können.

»Das ist im Grunde ganz einfach«, sagte also der Advokatus jetzt zu seiner Nichte. »Es ist eine Frage der Zeichnungsberechtigung. Schlicht und einfach der Zeichnungsberechtigung. Seit dein Bruder von uns gegangen ist, kann das Unternehmen deines Vaters keine Auszahlungen mehr vornehmen, denn er hatte sich die Gegenzeichnung in bestimmten Fällen vorbehalten. Und ohne Auszahlungen«, der Anwalt blinzelte, »ohne Auszahlungen kann ein Unternehmen nun einmal keine Geschäfte betreiben. Du musst also lediglich als einzige Erbin…«

»Aber ich habe das Erbe doch ausgeschlagen!«

»…ja, aber es dauert nun einmal eine ganze Weile, bis diese außergewöhnliche Situation insoweit geklärt ist, dass auch die Banken wieder eine geklärte Unterschriftenvollmacht haben! Bis dahin musst du sozusagen Generalvollmacht erteilen, oder jeden einzelnen Beleg selber zeichnen!« Märthesheimer hatte diesem letzten Nebensatz einen etwas humorvollen Beiklang geben wollen, und das war ihm auch durchaus gelungen. Trotzdem horchte das Mädchen auf. »Jeden einzelnen Beleg?« fragte sie jetzt etwas aufmerksam. Leider entging der Tonfall ihrem Onkel. »Ja, jeden einzelnen Beleg.« Der Onkel entschied sich für einen öden, eine an die entsetzliche Langeweile dieser Tätigkeit gemahnenden Ton.

Märthesheimer verfügte, auch aus seiner Zeit als Strafverteidiger, über ein sehr ausgefeiltes Repertoire an Anwaltsstimmen: die Mitleidsstimme, die Gerechtigkeitsstimme, die Vorwurfsstimme, die Wir-Wollen-Doch-Nicht-Päpstlicher-Sein-Als-Der-Papst-Stimme und viele mehr. Aber irgendwie war das heute nicht sein Tag. »Dann könnte ich entscheiden, was bezahlt wird, und was nicht?« meinte seine Nichte.

Für einige Sekunden herrschte in der Kanzlei eine seltsame Stille.

» – Na ja, sagen wir mal, du musst nicht jeden Vorgang prüfen, aber du musst jeden einzelnen oder doch die meisten der Hunderte oder Tausende von Überweisungsträgern pro Woche unterschreiben, das ist allein von der Anspannung des Handgelenks her ja nun keine Freude, oder?«, aber auch diesmal gelang ihm der in diesem Fall gewählte humorige Klang nicht richtig. Märthesheimer war sich jetzt wieder fast sicher, dass ihm diese Sache doch daneben gehen würde. Offenbar zeichnete nicht nur seine Nichte ein hohes Maß an Spontaneität, um nicht zu sagen Wankelmut aus. Schade, dachte er, das hätte ziemlich viel Geld gebracht. Auf der anderen Seite fühlte er allmählich ein gewisses Brennen in seinem Bauch, das nicht vom Kognak herrührte, sondern eindeutig aus einer riesigen, riesigen Schadenfreude, von der er schon gar nicht mehr geglaubt hatte, dass er sie noch jemals haben könnte. Menschen, die so unterschiedliche Gefühle gleichzeitig empfinden können, leben zwar nicht einfacher, aber eindeutig interessanter und abwechslungsreicher.

Dörte nippte noch einmal an ihrem Glas. »Weißt du was, Onkel?« sagte sie dann, und der schiere Übermut klang aus ihrer Stimme heraus, »weißt du was? Ich habe gerade Urlaub. Ich werde mir das antun. Ich will ein oder zwei Wochen lang jede Überweisung gegenzeichnen.« Jetzt schaute sie wirklich schelmisch: »Vielleicht habe ich ja bei der einen oder anderen ein paar Fragen?« Und sie kniff das linke Auge zu.

Märthesheimer sah seine Nichte ein paar lange Augenblicke an, dann blinzelte er ihr ebenfalls zu. »Und du wirst sie betreten, diese unseligen Hallen?« »Ja.« »Gut, das ist eine vernünftige Entscheidung. Ich werde das den Herren mitteilen. Sie kommen dann auf dich zu. Am besten machst du feste Zeiten mit ihnen aus. Ich hätte andernfalls sogar angeboten, die Angelegenheiten hier in diesen Räumlichkeiten« – er machte eine weite Armbewegung – »abzuwickeln. Aber ich will mich natürlich nicht aufdrängen. Möchtest du noch einen kleinen Weinbrand?«

»Nein danke, Onkel.«

»Na dann. Du bist auch ganz sicher?«

»Klar.«

»Ob du mich noch einmal besuchen kommst, wenn nichts Geschäftliches ansteht?«

»Klar.«

»Denkst du noch manchmal daran, wie ich dir die dreißig Fahrten auf dem Karussell ausgegeben habe, als deine Eltern dir verbieten wollten, auch nur ein einziges Mal zu fahren?«

»Klar.«

»Na dann, einen schönen Tag noch.«

»Ebenfalls, Onkelchen«, und sie drückte ihm einen dicken Kuss auf die etwas stachlige Wange. Dann lief sie beschwingt die Kastanienholztreppe wieder bergab und hinaus ins Freie. Sie schaute nach links und rechts und sah – niemanden. Die Gasse war leer.

 

Nachtrag zum Ersten Kapitel für Krümelkrämer (normale Leute dürfen ihn überschlagen)

Der kaufmännisch Gebildete fragt sich womöglich, was für einen Stuss der alte Herr hier erzählt hat. Folgenden Hintergrund könnte die Erbsituation haben:

Möglicherweise existierte ein Erbvertrag, der nach dem Tod der Eltern den Sohn als Alleinerben bestimmte und erst für den Fall von dessen Ableben die Tochter. Deren »Erbe ausschlagen« war entweder immer nur so dahin gesagt gewesen, oder ihre Zu-stimmung zum o. a. Regelwerk. Der Vertrag könnte auch konstituiert worden sein, als sie noch minderjährig und damit nicht zustimmungs-berechtigt war; vielleicht wurde ihre Zustimmung auch nach dem Tod der Eltern (vergeblich) eingeholt, was sie wiederum als »Ausschlagen des Erbes« ansah.

Die Zeichnungsvollmacht: Vater (und Sohn, dieser vermutlich, weil er überhaupt nichts änderte) könnten in Dienstanweisungen bzw. Verträgen mit dem Prokuristen vereinbart haben, dass bestimmte Zahlungen heiklerer Natur immer nur über bestimmte Konten, z.B. im Ausland, zu erfolgen hätten, und dass für diese immer Gegenzeichnung eines Familienmitglieds erforderlich sei. Die Unterschriften (in diesem Fall aller Familienangehörigen) waren seit längerem hinterlegt.

Dass auf einmal hunderte solcher Zahlungen anstünden, ist unrealistisch; das haben sich Prokurist und Notar so ausgedacht, um Dörte abzuschrecken. Als sie tatsächlich unterzeichnet, werden einfach harmlose Zahlungen hinzugefügt, vielleicht auch für Konten, wo überhaupt keine Gegenzeichnung erforderlich ist.

Wir fragen uns nur: welche Rolle spielt eigentlich der Onkel?

ZWEITES KAPITEL

EINE HALBE STUNDE HATTE UNSER JUNGER MANN wartend zugebracht, dann weitere zehn Minuten und noch einmal drei, da aber reichte es ihm. Gerade wollte er gehen, des Glaubens, doch vor dem falschen Haus gelandet zu sein, als ein Männchen von rechts auf ihn zusteuerte und ihn unvermittelt mit einer Fistelstimme ansprach. »Ja, ja, weiß schon, was Sie denken«, unterstellte er in einem etwas impertinenten Ton. »Ist aber alles ganz anders. Kann Sie trösten. Kein Liebhaber. Nur der Onkel. Verwandtschaft. Völlig harmlos. Völlig harmlos. Das heißt in einem gewissen Sinne auch wieder nicht, natürlich. In einem gewissen Sinne. Hähä.«

Der junge Mann starrte ihn ein wenig fassungslos an. Sein Gegenüber trug einen Pepitahut über einem zerknautschten Gesicht mit drei Warzen am Kinn und darunter einen vollständig korrekten Geschäftsanzug, korrekt vom Seidenbinder bis zu den Lackschuhen. Der Angesprochene war gerade dabei den Mund zu öffnen, als das Männchen ihm schon wieder zuvorkam.

»Geldangelegenheiten. Geht um viel Geld. Geld regiert die Welt. Hä-hähä.«

Der junge Mann überlegte einen winzigkleinen Augenblick, er wusste ja jetzt, dass er schnell sein musste, und schoss dann ganz geschwind seinen Einwurf ab: »Woher wissen?«

Mit einem scheuen Blick sicherte der Kleine nach allen Seiten und meinte etwas leiser und sehr verschwörerisch: »Spione. Überall Spione.« Dann versetzte er unserem Freund einen spielerischen Hieb mit der flachen Hand auf den Oberarm und machte sich hastewaskannste auf seinen kleinen Beinchen davon, als sei dieser oder jener hinter ihm her, schaute sich von der nächsten Biegung noch einmal kurz um, machte »Hä« und ward nicht mehr gesehen.

Unser junger Mann, wir werden ihn künftig Joachim nennen – allein schon deshalb, weil er so heißt – war baff. Das Ereignis kam ihm so unwirklich vor, so als wäre seine fleischgewordene innere Stimme ihm auf einmal über den Weg gelaufen und das, so fand er, war kein besonders schönes Erlebnis, wenngleich ein interessantes. In der Tat hatten ihn böse Verdächte hierher getrieben, denn er hatte nun einmal seit je ein Äuglein auf Dörte geworfen und, da er in solchen Dingen stets Unrat witterte, sich auch schon in diesem frühen Stadium der Angelegenheit versichern wollen, dass sie es wert sei. Nun wusste er von dem, was der Angebeteten so in der letzten Zeit zugestoßen war, nicht viel mehr als nichts, sondern nur, dass sie immer noch von ihrem angenehmen Äußerem und ihrer Attitüde her ihm zusagte, ja noch viel mehr als früher. Wie das eben so ist, wenn man mal in eine Schulfreundin verknallt war und sich nie traute.

Als jetzt wie aus dem Nichts dieses piepsende Männlein aufgetaucht und ebenso schnell wieder verschwunden war, bekam er, wie es sich gehört, ein schlechtes Gewissen. Wer tut denn das, seine Braut – auch wenn sie noch gar nicht seine Braut ist (oder vielleicht dann erst recht?) – insgeheim zu bespitzeln? Nur ein rechter Schweinehund tut das, jawohl. Und also zog Joachim bildlich gesehen den Schwanz ein und machte sich mit hängenden Ohren auf den Rückweg.

Auf dem Markt hatten jetzt gerade die kaufmännischen Transaktionen ihren Höhepunkt erreicht. Allüberall rissen sich die Käufer um die angebotenen Waren, als müsse man vermuten, dass mindestens bis Pfingsten nichts mehr zu kaufen sein werde als vielleicht ein paar überjährige Kartoffeln. Taschen-, tüten-, ja bergeweise trugen offensichtlich zufriedene Menschen Grünkram, Käse, Geflügel davon, und an allen Ständen klimperte das Wechselgeld und raschelte das Einwickelpapier. Die Händler, die sich noch vor kurzem fast heiser geschrieen hatten, wären jetzt gar nicht mehr dazu gekommen, denn ihre ganze Aufmerksamkeit wurde in Anspruch genommen vom »Darf’s denn noch etwas sein?« und »Ist das recht so, siebzig Gramm mehr?« und »Gschamster Diener« und »Schönen Gruß daheim und bis nächste Woche dann!« Nicht einmal ein »Empfehlen Sie mich weiter« war mehr zu hören, hier hielten sich jetzt alle für ausreichend empfohlen.

Joachim flanierte. Aber so sehr er auch versuchte, seine Aufmerksamkeit Südfrüchten und Käsen zuzuwenden, so wollte ihm doch Dörte nicht aus dem Kopf, und natürlich auch nicht diese etwas merkwürdige Adresse, aber schon gleich gar nicht das Männlein. Wenn sie dort nun wirklich jemanden heimlich trifft, dann ist das doch ganz allein ihre Angelegenheit und wieso nimmst du dummer Bub eigentlich für so sicher, dass diese Dame keinen Liebhaber ihr Eigen nennt? warf er sich zu Beginn seiner Unterhaltung mit sich selber gleich als erstes vor; Joachim liebte es nicht, erst unnötig herum zu scharwenzeln, er kam gern schnell zur Sache. Was dir selber begehrenswert erscheint, wird doch auch andere nicht kalt lassen, und dieses Mädchen ist ja immerhin keine Fünfzehn mehr, fuhr er gleich fort, in der Wunde herumzubohren, beschied sich endgültig: Natürlich hat sie einen Freund!, um dann aber schließlich einzuwenden: aber das muss ja nicht so bleiben, respektive nicht dieser muss es bleiben, wenn du auf den Plan trittst, mein Guter! Kopf hoch, munterte er sich selbst auf, denn er merkte, dass er es nötig hatte. Gleich schaute er auch viel zufriedener drein, und auf eine ihm entgegenkommende Hausfrau, der es gelungen war, ein frisch geschlachtetes Kaninchen mit Kaninchen-Leber zu erwerben, wirkte das so erfreulich, dass sie ihn geradezu anstrahlte. Joachim strahlte zurück. Just in diesem Moment vermeinte er aber in einer Schlange vor dem berühmtesten aller Käse-Stände das Männlein von vorhin zu entdecken, und es durchschauerte ihn.

Das ist jetzt so eine Sache der Einstellung; wenn man sich seiner selbst nicht so ganz sicher ist, wenn man körperliche Leiden ahnt oder wenn man seinen Sinnen nicht ganz traut: ob man dem dann lieber auf den Grund geht oder ob man’s lieber ignoriert, damit hält es ein jeder anders und darf das wohl auch.

Joachim ließ nichts auf sich beruhen, er zog es stets vor zu wissen und hatte dann natürlich recht häufig sehr viel Arbeit damit, alles so umzuinterpretieren, dass er wieder ganz zufrieden und fröhlich war. Also blieb ihm auch jetzt nichts anderes übrig, als seinen Schritt zum Käsemann zu wenden und sich seinerseits sachte von der Seite an das Männchen heranzumachen.

Just in diesem Augenblick war dieses an der Reihe, und damit richtete sich seine Aufmerksamkeit in erster Linie auf die gelben, braunen, bläulichen und weißen Herrlichkeiten, die da unter der Glastheke schimmerten und lockten.

»Geben Sie mir«, und er zögerte kurz »geben Sie mir ein wenig von diesem wunderbaren reifen Brie, ich bitte Sie«, reimte der kleine Kunde, und er hätte gar nicht lang bitten müssen, denn sofort zog der Käsist sein langes Messer und säbelte mit einem Streich ein wahrlich riesiges Stück von dem weißen Fladen. »So recht?« »Na ja, hm, so viel hätte ich gar nicht, hähä, na gut. Also.« – Er macht aber viele Worte hier, dachte Joachim bei sich, das war in der Gasse ganz anders. »Darf’s noch etwas sein?« »Ja, Gouda. Unbedingt. Aber alten, bitte, sehr alten Gouda am liebsten, wenn Sie haben. Der muss so richtig zerbröckeln, wenn man ihn nur ansieht, dann ist er richtig. Haben Sie den?« »Natürlich«, und wieder gab es ein Stück, das wohl ein gutes halbes Kilo auf die Waage bringen würde, der Kleine machte aber nicht einmal mehr den Versuch zu protestieren. Noch drei weitere Riesenportionen Käse wurden auf diese Weise an den Mann gebracht, und dann wechselten einige Scheine den Besitzer.

»Verzeihen Sie bitte«, wandte sich, als der Kauf gerade abgeschlossen war, Joachim an sein Opfer. »Ich wollte Sie doch noch etwas fragen.«

»Wer sind Sie denn?«, echauffierte sich der Kleine sofort. »Ich glaube nicht, dass wir uns kennen. Was wollen Sie von mir? Ich habe es eilig.«

»Sie haben mir doch eben in einer Nebenstraße einiges erzählt«, bettelte Joachim.

»Ich? Ihnen? Niemals. Bitte lassen Sie mich, wie ich schon gesagt habe, ich muss fort.« Und er empfahl sich französisch mit seinem Riesenkäsepaket.

Ja was war jetzt das? Er hatte es doch eindeutig wieder erkannt, sein Ratgeberlein, sein Einflüsterchen, sein »Hähä«, und jetzt wollte es das nicht gewesen sein? Joachim rang mit sich selber. Könnte er einer Epiphanie aufgesessen sein und aus einem reinen Vorübergehen dieses kleinen Herrn ein Gespräch extrapoliert haben? Oder log der Mann schlicht und völlig skrupellos? Und wenn, dann warum? Was war hier im Gange? Etwas Illegales? Etwas Skandalöses? Und entschied sich dann doch lieber dafür, einer Selbsttäuschung aufgesessen zu sein. Wer sich seiner selbst allzu sicher ist, kann eigentlich gar nicht richtig lieben, und wir können uns Joachim gut als jemanden vorstellen, der in dieser Kunst bereits recht weit gediehen ist und möglicherweise im Zuge der bevorstehenden Ereignisse Gelegenheit bekommt, sich weiter zu vervollkommnen.

Gerade als Joachim sich nun aber entschlossen hatte, was er wie glauben sollte, ereignete sich das nächste Wunder. Er war wohl etwas verträumt über den Markt gelaufen, und plötzlich prallte er auf Dörte, die ihrerseits ein wenig stürmisch aus besagter Seitenstraße auf den Markt zurück gelaufen kam und in diesem Augenblick auch noch von einem großen Hund abgelenkt wurde, der, wiewohl eigentlich, für normale Verhältnisse, gut angebunden, sich doch all zu sehr für den nahe gelegenen Wurststand interessierte und, da er leider noch nichts zu fressen bekommen hatte heute, dann doch die Leine mit sich fortreißend diesen paradiesischen Düften nicht länger widerstehen konnte, und so Dörte zwischen die Füße geraten war. Fast hätte sie der Hund zu Fall gebracht, fast hätte Joachim ihr ein wenig das Leben retten können, aber Dörte nahm Joachim mehr als ein zweites Hindernis denn als die Befreiung vom ersten wahr, und jetzt schaute sie ihn kurz und eher irritiert an und sagte: »Lassen Sie mich doch bitte los, ja?«

Es gibt Augenblicke im Leben, da kommt alles auf Sekunden an, ja, auf Sekundenbruchteile. Das war wieder so einer. Joachim wusste, dass er jetzt handeln musste, und sein Handeln bestand zunächst darin, dass er einen winzigen Moment gar nichts machte. Sondern weiter festhielt. Für einen Nu. Und dann losließ. Aber ganz sanft. Man kann sanft loslassen; wer das nicht glaubt, sollte es sich einmal zeigen lassen. (Ein Nu ist, Kreuzworträtselfreunde werden das wissen, die Zeit, die benötigt wird, um die Wimpern niedersausen zu lassen und wieder nach oben. Nehmen wir also besser einen etwas längeren Nu an.)

Dörte blickte Joachim noch einmal mit ihren blauen Augen an. »Ach Gott«, sagte sie, als er sie freigegeben hatte, »Ach Gott, du bist es?!« »Offensichtlich«, entgegnete Joachim (also etwas an den Tatsachen vorbei) und schaute zurück. Und dann sahen sie sich einfach noch weiter in die Augen. Gegenseitig.

»Äh – ich muss weiter. Ich habe noch ganz viel zu tun heute«, sagte das Mädchen dann, aber es klang nicht die Spur mehr so wie ihr »Lassen Sie mich doch« von vorhin. »Ja«, antwortete Joachim, »ja, natürlich, ich auch, natürlich. Aber –«, und jetzt kam dieser ganz, ganz schwierige Teil, »ich meine, wo wir uns jetzt so lange nicht mehr gesehen haben, meinst du nicht, könnten wir uns nicht vielleicht, ich meine, vielleicht heute Abend, oder so?«

»Ja, ich weiß nicht so recht«, entgegnete Dörte, wie es sich gehört. »Wie wäre es denn dann heute Abend um sieben?« insistierte Joachim. »Gleich hier am Brunnen, komm, unser Wiedersehen müssen wir doch feiern.« »Ich sage nicht ja, aber ich kann es ja versuchen. Vielleicht also. Aber auf keinen Fall vor sieben!«, sprach Dörte und versuchte ein Strahlen zu vermeiden. Dann biss sie sich plötzlich auf die Lippen.

»Das ist endlich mal eine gute Nachricht«, freute sich Joachim. »Um sieben ist gut; um sieben ist sogar sehr gut.« Und er schwebte davon. Natürlich nicht, ohne sich noch drei oder vier Mal umzusehen. Einmal begegneten sich ihre Blicke noch. Da lächelte er. Und sie auch. So etwas erlebt man ja schließlich auch nicht an jedem Markttag.

Der Käsemann verkaufte gerade seinem nächsten Kunden wieder viel zu viel Käse, und nebenan empfahl die Gemüsefrau den Gemüselaien die besonders wässerigen Tomaten und die holzigen Kohlrabi, denn so sehr wollen wir dem Leser jetzt doch nicht einen gar zu paradiesischen Markt vortäuschen, aber das alles interessierte das kleine Männchen mit der Fistelstimme überhaupt nicht mehr; es hatte sich im Schatten eines Bäckereiverkaufswagens aufgestellt, der im übrigen für seinen Mohnkuchen einen gewissen berechtigten Ruf genoss, und beobachtete von dort das Geschehen. Als es bemerkte, was da zwischen Joachim und Dörte vor sich gegangen war, schmunzelte es etwas schief, fasste seine Käsetüte fester und machte sich davon.

Dörte indes war bereits auf dem Weg zum Bahnhof. Sie hatte sich vorgenommen, jetzt wirklich den Stier bei den Hörnern zu packen und sich weder Zeit noch Ausreden zu gönnen, sondern unverzüglich das ungeliebte Unternehmen ihrer Eltern aufzusuchen. Ihrer seligen Eltern. Und ihres ebenfalls nicht mehr unter den Lebenden weilenden Bruders. Für einen Menschen, der eigentlich gar keine Verwandten mehr und auf sein gesamtes Erbe verzichtet hat, wirkte sie ziemlich gelassen. Und obwohl sie noch vor ganz kurzer Zeit ihrem Onkel gegenüber den Abscheu vor den Räumlichkeiten des renommierten Unternehmens ziemlich drastisch zum Ausdruck gebracht hatte, war sie jetzt ganz wild darauf, dort hineinzugehen und zu rufen: Hier bin ich, wo muss ich unterschreiben?

Die Menschen sind ja zu erstaunlichen Extremen fähig. Im einen Moment hassen sie einen anderen, im nächsten lieben sie ihn. Am einen Tag sind sie fasziniert von einer Sache, am nächsten schon gelangweilt. Am Abend verehren sie Whisky über die Maßen, am Morgen darauf verabscheuen sie ihn. Dörte also, die nicht gerade von Kindesbeinen an, aber so etwa seit der Pubertät das Waffengeschäft ihrer Altvorderen für die Quelle alles Bösen auf dieser Welt gehalten hatte, wollte jetzt unbedingt die Geldgeschäfte des Unternehmens kontrollieren. Möglicherweise hielt sie das für einen großartigen Spaß. Vermutlich nahm sie an, jetzt sowohl die ganze Hinterhältigkeit der handelnden Personen entlarven als auch das Schlimmste verhindern zu können. Solange ihr Urlaub halt andauerte. Man kann sich immerhin schlechtere Ferienbeschäftigungen vorstellen.

Der Bahnhof unserer kleinen Stadt stammt aus der Zeit Wilhelms des Zweiten, dieses Enkels von Queen Victoria mit dem »Es-ist-vollbracht«-Schnurrbart, der die Sozialdemokratische Partei wieder zugelassen hat und Bismarck in Rente geschickt. Er hinterließ uns so einiges, darunter eben auch die Majorität der Bahnhöfe in den kleineren Städten, der schöneren ohnehin; er war eben auch der Kaiser der langen Friedenszeit, aber wir erinnern ihn immer nur als den Kaiser des ersten Krieges. Das war er ebenfalls. Und hat hinterher lange beim Holzhacken darüber nachdenken können, ob er wohl mehr im Frieden prosperiert hat oder im Krieg. Inwiefern er darob zu Erkenntnissen kam, die uns freuen würden, wissen wir leider nicht. Immer noch aber bewundern wir seine schönen, mit sandsteinernen Friesen gezierten und weiß gekalkten Bahnhöfe, ihre elegant geschwungenen Linien und schmiedeeisernen, meist schandbar verrosteten, Ornamente, die bis ins Elsass hinein zu finden sind, wiewohl sehr oft nicht mehr in Betrieb.

Einen von diesen, den man noch nicht stillgelegt hatte, betrat jetzt Dörte, schaute sich um und fand schnell heraus, dass der nächste Bummelzug in die Kreisstadt in etwa fünfunddreißig Minuten fällig wäre. Dörte kaufte sich eine Zeitung und eine Eintrittskarte. Dörte ging auf den Bahnsteig, nahm Platz auf einer hölzernen Bank. Die Sonne mühte sich für den Kalender nach Kräften, aber es reichte nicht; immer wieder musste unsere Heldin aufstehen, den Bahnsteig von der nördlichen bis zur südlichen Seite und zurück durchmessen, wiederholt durchmessen, bis sie wieder ihre angestammte Körpertemperatur erreicht hatte. Wie alle Bahnhofsbesucher richtete sie dabei immer wieder ihren Blick auf die Bahnhofsuhr, die die Sekunden treulich zählte, aber bei der ganzen Minute jedes Mal eine völlig unverständliche, völlig unlogische Pause machte, bis dann auch der Minutenzeiger auf die nächste Position rückte, als würde er endlich nach einiger Überlegung das Ergebnis des Sekundenzeigers akzeptieren. Gleichzeitig wartete Dörte, wie jeder andere Reisende auch, auf den Augenblick, in dem die Fahrtdienstleitung endlich geruhen würde, den von ihr erwarteten Zug mit Namen und Abfahrtszeit nun auch in den jetzt leeren Feldern der Anzeigetafel zu nennen, um ihre Hoffnung zu stärken, dass diese in den gedruckten Fahrplänen angekündigte Verbindung auch wirklich stattfinden werde und sie nicht vielleicht nur einem Irrtum aufgesessen und irgendein Symbol auf dem Fahrplan übersehen hätte, dieser Zug vielleicht nur am 31.12. oder an Fronleichnam verkehrte. Wann immer sie besonders unsicher ward, fühlte sie in ihrer Manteltasche nach der Fahrkarte, die ihr sozusagen eine Verheißung auf den erwarteten Zug gewährte.

In diesem Augenblick hatte Dr. Märthesheimer endlich den Direktor Sommerhuber in der Leitung. Er hatte einigermaßen geduldig sein müssen, denn Sommerhuber wurde natürlich von einem Sekretärinnen-Trio gegen fast alle Übel dieser Welt abgeschirmt, aber Märthesheimer hatte sich in einem langen Leben einiges an Standhaftigkeit und Geduldig erworben, auch wenn er sich stets ein wenig erniedrigt fühlte, auf der anderen Seite mit Domestiken zu telefonieren, auf dieser aber nur er selber zu sein. Nun war der Umgang mit Führerpersönlichkeiten natürlich noch einmal eine andere Sache. Führerpersönlichkeiten braucht man immer. Ob in der Politik, im organisierten Verbrechen, im Management, im Vatikan, im Verein, im Kindergarten, der Straßengang, in der Affenhorde – Führerpersönlichkeiten sind einfach der Inbegriff der Kultur im Zusammenleben der Individuen.

»Na?«, hatte Sommerhuber das Gespräch eröffnet, als habe er selber den Advokaten zu erreichen gesucht, »was meint die Kleine denn so?« »Ja, das wird Sie sicher wundern«, erhöhte jetzt der Anwalt die Spannung. »Ich habe ja alles versucht«, legte er noch eins darauf, »aber so wie wir uns das vorgestellt haben,« (immer dieses wir, dachte er bei sich, dieses wir ist in diesem Zusammenhang wirklich ganz gemein, aber das kriegt er jetzt voll eingeschenkt), und bewusst seine Stimme aufs Devote herabstimmend fuhr er fort: »Also wie wir uns das vorgestellt haben, geht es leider nicht. Die junge Dame neigt zu Allüren.« »Allüren?«

»Ja, sie hat sich schlicht geweigert, die Vollmacht zu unterzeichnen. Sie sagt, sie verfüge über ausreichend Zeit im Augenblick. Sie hat Urlaub. Sie will alles selber unterschreiben.«

Einige Sekunden war Ruhe in der Leitung, aber keine besonders friedliche Ruhe, es fühlte sich eher an wie der Moment zwischen dem Blitz und dem Lärm.

»Selber unterschreiben?«, kam jetzt dieses elementare Ereignis, der Donnergott in der Telefonleitung sozusagen, die akustische Gestalt von Direktor Sommerhuber. »Selber unterschreiben – wie stellt sie sich denn das vor?« »Ja, ich habe es ihr lange versucht auseinander zu setzen, welche Mühe das bedeutet, und dass es völlig überflüssig ist, und überhaupt, aber sie hat sich einfach nicht von mir –«

»Sie haben das doch bewusst gemacht, Sie konnten sich doch nichts Schöneres vorstellen, als mich in diese Verlegenheit zu bringen, geben Sie es doch zu!«, schrie der Direktor den alten Anwalt an. »Sie glauben doch nicht etwa, dass das ohne Folgen bleiben wird? Wenn Sie geglaubt haben, dass wir noch irgendeine Sache über Sie…«

Sommerhubers Stimme überschlug sich. Der alte Rechtsverdreher musste sich mühsam zurückhalten, um nicht ins Kichern zu geraten. Schon seit zwanzig Jahren hatte er keinen einzigen Auftrag mehr von der Kanonenfabrik erhalten, er lebte eigentlich nur noch von seinen Rücklagen und einigen Mietsachen. »Das täte mir natürlich sehr leid«, brachte er jetzt mit etwas gedrückter Stimme hervor, »aber wenn Sie es sich anders überlegen sollten, bin ich natürlich jederzeit gern –«

In der Leitung war nur noch ein Pieppiep zu hören. Der Konzerngewaltige hatte den Hörer auf die Gabel fallen lassen. Er hatte jetzt eine versteckte Ahnung von dem, was auf ihn zukam. Dörte würde auf ihn zukommen. Sommerhuber hatte Dörte ursprünglich bei ein paar für ihn weniger mit freudigen Erinnerungen verbundenen Gelegenheiten kennen gelernt. Aber das war nicht alles. Im Gegenteil: alles war eigentlich ziemlich verzwickt. Auf jeden Fall war Dörte im Büro etwas, auf das er sich gerade wirklich nicht freute. Seine Sekretärinnen bekamen das in der nächsten halben Stunde ausgiebig zu spüren.

Der alte Märthesheimer indes schaute auf die zwei leeren Kognakgläser auf seinem Schreibtisch. Das ist ein Tag, dachte er bei sich. Das ist ein Tag! Und dann nahm er die Kognakflasche und trug sie so sicherheitshalber wie vorsichtig in ihr Versteck zurück.

DRITTES KAPITEL

SO EIN ZUG VON UNSEREM STÄDTCHEN IN DIE Kreisstadt braucht nicht sehr lange. Man muss zwar auf ihn warten, aber wenn er dann endlich kommt, ist man zusammen mit ihm in vierzehneinhalb Minuten dort. Der Zug stoppt kein weiteres Mal, er beschleunigt kurz, hält dann das Tempo, fährt an Hinterhöfen vorbei – fast immer fahren heute Züge durch die weniger schönen Quartiers der Orte und passieren meist Viertel, in denen man nur ungern wohnen würde – und bremst, bremst immer weiter zischend und quietschend, bis er schließlich an einem von Unkräutern bewachsenen Bahnsteig zur Ruhe kommt.

In der Zeitung, die sie sich am Bahnhof gekauft hatte, waren Dörte in diesen vierzehneinhalb Minuten nur wenige interessante Dinge untergekommen. Da stand etwas über einen Verkehrsunfall, der aufgrund der Unfähigkeit der Polizei zu einem dreistündigen Verkehrsstau geführt hatte und von dem auch Dörte (obwohl sie kein Auto besaß) betroffen gewesen war; aber die Zeitung konnte keinen wirklichen Fehler der Verantwortlichen entdecken. Dann gab es eine kleine Ankündigung über ein örtliches Laien-theater und einen riesigen Bericht über das bevorstehende Gastspiel eines minderwertigen Orchesters – mit drei Fotos –, aber dann hatte doch etwas ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Da war nämlich ein Bild von diesem jungen Mann, dem sie auf dem Markt in die Arme gelaufen war. Nun gibt es ja im Leben normaler Menschen nur recht wenige Gelegenheiten, bei denen sie in die Zeitung kommen, und nicht alle sind wirklich angenehm oder ehrend; aber in diesem Falle ging es weder um die Suche nach einem Bankräuber mit dem von schräg oben aufgenommenen Gangsterfoto noch um die Berufung zum stellvertretenden Bezirksarchivar, sondern schlicht um eine Anzeige; einige liebe Freunde hatten nämlich Joachim zum Geburtstag gratuliert und das mit einer nicht allzu vorteilhaften Abbildung garniert. Trotzdem blickte Dörte eine Weile auf das Bild, blätterte weiter, blätterte wieder zurück…

Jetzt aber pfiff der Zug, und der Bahnhof rollte heran. Zumindest sah es so aus. Als er stand, der Zug, erblickte man schon die große, etwas verwitterte, auf ein komplettes Haus aufgemalte Reklame: Winterwerke, und darunter die berühmte Nähmaschine. Auch wenn die längst nicht mehr dort hergestellt wurde (denn was unter diesem Namen in den Handel kam, stammte mittlerweile aus Südkorea, bald vielleicht schon Nordkorea?). Dörte schaute kaum hin, sie kannte das natürlich. Sie war mit den Winterwerken aufgewachsen, das war für sie alles ein Teil ihres Lebens, auch wenn sie irgendwann »Schluss« gesagt hatte. Insofern bedeutete auch der kurze Weg zu dem klinkerroten Verwaltungsgebäude alles andere als einen Gang nach Canossa für sie; aber eben auch keinen Triumphzug. Im Moment verspürte sie so eine Art verrückte Lust, noch einmal ein bisschen auf den Putz zu hauen. Es war wohl Bernard Shaw, der gesagt hat Rache ist eine Mahlzeit, die ein Mann mit Stil am liebsten kalt verzehrt. Oder so ähnlich. Vielleicht hat er Gentleman gesagt. Auf jeden Fall hatte er wohl nicht an Dörte gedacht. Und Dörte denkt auch nicht wirklich an Rache, aber sie brütet doch über ziemlich unverschämten Gedanken.

Dieser Sommerhuber zum Beispiel. Er war jetzt der starke Mann der Winterwerke, aber schon vor einigen Jahren war öfter die Rede von ihm gewesen. Das kannte Dörte ja seit ihrer frühen Kindheit: am Mittagstisch wurden die führenden Herren des Unternehmens oft zum Thema. Was dieser oder jener gesagt und getan hatte, welche Projekte gerade anstanden und wer sie vorwärts trieb oder ihr Gedeihen hemmte und verhinderte, welche neuen Ideen von wem repräsentiert wurden, wer was aus den Staaten mitgebracht hatte an innovativen Produkten oder Verfahren, eigentlich ging es bei den Mahlzeiten nur um solche stinklangweiligen Themen. Da schmeckten nicht einmal die tollsten Nudeln, und der Schokoladenpudding roch irgendwie bitter.

Der Vater, Konsul Märthesheimer oder »Der Konsul« (das reichte im ganzen Ort), präsidierte stets an der Stirnseite des Tisches und beurteilte jedes einzelne Gericht. Wenn es ihm schmeckte, musste es allen anderen schmecken, und wenn er etwas nicht mochte, gaben am besten alle den Teller halbleer zurück. Letzteres war stets verbunden mit tadelnden Blicken von Vater zu Mutter, die zwar natürlich nicht selbst kochte, aber eben verantwortlich war. Auch wenn sie den ganzen Tag bei sozialen oder kulturellen Verpflichtungen zugebracht hatte, letztlich war sie schuld, wenn die Küche den Ansprüchen des Konsuls nicht genügte. Dabei konzentrierte er sich überhaupt nicht auf das Essen, sondern schwadronierte nur immer im selben Stiebel weiter wie den ganzen Tag über mit seinen Direktoren. Und sein wichtigster Direktor, Dörtes Bruder Ferdinand, saß ja auch zu seiner Rechten und musste antworten.

Dörte hatte schon damals den Eindruck, dass er das ganz gerne tat. Ferdinand war so etwas wie der Klassenprimus der Familie; dass er sich nicht jedes Mal erhob, wenn er angesprochen wurde, war alles. Aber er sagte stets »Ja, Vater«, was sich anhörte wie »Ja, Herr Lehrer« oder manchmal auch wie »Jawoll, Herr Oberst«. »Darum werde ich mich sofort heute Nachmittag noch selbst kümmern«, »Das ist eine hervorragende Idee, ich weiß gar nicht, warum niemand anders darauf gekommen ist«, »Das ist natürlich eine völlig berechtigte Kritik«, »Ich bewundere immer wieder deine analytischen Fähigkeiten«, und die anderen stippten ihre Kartoffeln in die Soße und starrten aufs Tischtuch.

Und jetzt waren sie alle tot. Vater und Mutter schon seit sieben Jahren, als dieser Super-Düsenclipper in Paris abgestürzt war, die kleineren Geschwister hatte es allesamt bei einem Bootsunfall in einem Kinder-Erlebnis-Urlaub irgendwo in den Abruzzen dahingerafft, und Ferdinand war jüngst bei einem Geschäftsessen im besten Restaurant der Stadt an einer Fischgräte erstickt. Dabei hatte er ein Filet bestellt gehabt. Tragischer Untergang einer großen Unternehmerfamilie, schrieben die einschlägigen Zeitungen. Dörte galt schon längst als persona non grata für die Presse, und für die führenden Herren der WW natürlich erst recht. Dieser Direktor Sommerhuber hatte ihr ein paar Mal schreiben müssen, im Zuge der Neuordnung des Unternehmens nach den diversen schmerzlichen Verlusten, und seinen Briefstil zumindest hatte Dörte grässlich gefunden. Aber sie wusste natürlich, dass diese Texte wahrscheinlich von den Sekretärinnen stammten. Ihn selber hatte sie nur einmal am Telefon gehabt, da war ihm seine salbungsvolle Stimme besonders unangenehm aufgefallen, aber wahrscheinlich hätte sie auch einen Erich Ponto oder Will Quadflieg als schmierig empfunden, wenn sie ihn mit den Winterwerken hätte in Verbindung bringen müssen. Dabei war es doch geradezu eine Ironie des Schicksals: ein Sommerhuber regierte jetzt die Winterwerke! So war das alles gewesen, bis vor ein paar Wochen.

Wobei sie es auch wiederum sehr chic fand, dass der Regent gerade jetzt noch nicht einmal die Radiergummis bezahlen konnte. Dörte machte einen ganz kleinen Luftsprung, als sie an die bevorstehende Begegnung dachte. Sie bog um die Ecke, und da lag das großartige Verwaltungsgebäude schon vor ihr: Originalentwurf Alfred Speer. An den Ornamenten und Figurinen hatte man natürlich nach dem Krieg ein bisschen herumfeilen müssen. Und der Verwaltungschef regte sich bei jedem internen Umzug aufs Neue über die entsetzlich altertümliche innere Struktur des Gebäudes auf, das natürlich noch nicht auf Großraumbüros und dergleichen eingestellt war. Aber so einen Unternehmenssitz konnte man natürlich nicht einfach gegen einen Stahlbetonbau auf der grünen Wiese eintauschen, das war schon eine Frage des Stils, wurde solchen Einwürfen stets entgegnet. In Wirklichkeit war nach den Entlassungswellen der letzten Jahre der Platzbedarf für die Großraumbüros, genau genommen, ständig geringer geworden. Aber der Verwaltungschef, der ein etwas apoplektisches Äußeres und Gehabe mit einem goldenen Herzen verband, regte sich halt gern auf.

Der große auf »alt« gepflasterte Vorhof mit den selbstverständlich akribisch gepflegten Rabatten und einigen schwarzen Direktionskarossen, die große Drehtür, dann die beeindruckende Eingangshalle mit der kleinen Pförtnerloge ganz am Ende. Natürlich kein Pförtner mehr, sondern adrette, ansehnliche und nett ausstaffierte Empfangsdämchen.

Dann das Übliche (wobei man hinzufügen muss, dass Dörte seit Jahren nicht mehr hier gewesen war): »Ich möchte gern zu Direktor Sommerhuber.« »Haben Sie denn einen Termin?« »Ich bin Dörte Märthesheimer.« »Oh, bitte entschuldigen Sie, ich rufe sofort nach oben.«

Noch kannte man ihren Namen also. Immerhin. Auch wenn das große Porträt des Großvaters nicht mehr in der Halle hing, das war ihr schon aufgefallen. Merkwürdig, dass sich das Unternehmen offenbar nicht mehr mit seiner großen Vergangenheit schmücken wollte. »Sie werden sofort abgeholt, bitte, dort hinten am Lift!«

Natürlich kam Sommerhuber nicht selbst, er hatte eine seiner Sekretärinnen geschickt. Dörte kannte sie, beide waren zusammen in der Schule gegangen, aber auch damals nicht gut befreundet. Bei der Fahrt in den dritten Stock vermieden sie sorgsam jede Vertraulichkeit. Merkwürdig, dachte Dörte, wie die Nähe zu Menschen sich so verliert im Leben. Aber dann fiel ihr wieder ein, was für eine Zicke diese jetzt bis hinter die Ohrläppchen geschminkte Vorzimmerdame auch damals schon gewesen war, und es tat ihr nicht mehr leid.

Als sich oben die Fahrstuhltür lautlos öffnete, eilte der dienstfertige Direktor schon auf sie zu: »Ach, Sie können sich ja gar nicht vorstellen, wie ich mich freue, Sie wieder hier in diesem Hause begrüßen zu können«, knödelte er. Sommerhuber, Ende dreißig, drahtig und sonnengebräunt – natürlich – trug den üblichen dunklen Geschäftsanzug – natürlich –, hatte die übliche wölfische Physiognomie und strahlte die übliche Selbstsicherheit aus.

Eine Studie hat ja vor kurzem ergeben, dass Manager selbst in anfälligen Branchen keine Angst um ihre persönliche Zukunft empfinden; eigentlich erschöpft sich die Aufgabe von Managern inzwischen überhaupt darin, immer nur positiv zu denken und Abweichler schonungslos zu verfolgen. Das kann oft viele Jahre lang gut gehen. Und wenn nicht, findet sich oft ganz schnell ein anderer Verwendungszweck. (Und ein anderer Manager.)

»Doch, das kann ich mir vorstellen«, sagte Dörte, ergriff die ausgestreckte Hand und lächelte ihn an. »Ich nehme an, mein Onkel hat Sie schon informiert?«

»Ja, ich habe vorhin mit Ihrem verehrten Herrn Oheim telefoniert«, versetzte Sommerhuber, der soviel Profi war, dass ihn nur sehr wenig aus der Fassung bringen konnte. »Aber vielleicht könnten wir uns zunächst … ich meine, am besten in meinem Büro?«

»Gern«, meinte Dörte trocken und machte sich auf den Weg, den sie ja kannte. Direktionsetagen unterscheiden sich von den regulären Verwaltungsbereichen durch die Verwendung erlesener Interieurs; feine und dicke Teppiche, Holzvertäfelungen, oft auch Gemälde. Die besonders dicken Aschenbecher aus Majolika, die man früher oft an solchen Orten fand, sind verschwunden, seit das Nichtrauchen en vogue ist. Wobei wirkliche Wirtschaftskapitäne immer noch nicht auf ihre Havanna verzichten, aber die raucht man schließlich auch nicht auf den Gängen.

Beide schwiegen, aber sie registrierten es nicht. Dann waren sie auch schon da: im Allerheiligsten. Hier hatten der Großvater, der Vater, der Bruder illustre Gäste empfangen, richtungweisende Entscheidungen getroffen, den Puls der Zeit gespürt und selber Geschichte geschrieben. Dem, was in diesem Raum gesprochen wurde, durfte man Auswirkungen zuschreiben auf die Lage der Grubenarbeiter in Südafrika, der Neger im Kongo, der Sozialisten in Chile. Jetzt beeinflusste man von hier aus die Verhältnisse in der Ukraine, im Libanon, in Irak und im Jemen. Noch im-mer gab es in diesem Büro eine Weltkarte, stets eine aktuelle (der Rhythmus des Wechsels hatte sich beschleunigt in den letzten Jahren), und noch immer stand dort eine alte Nähmaschine, es war wirklich ein Hohn, dachte Dörte.

»Bitte nehmen Sie doch Platz. Petra, ein Tee bitte. Für Sie…?« »Danke, für mich nichts.« Leise fiel die schwere Tür ins Schloss. Die beiden waren unter sich.

Trotzdem schauten sie sich irgendwie scheu noch einmal um, bevor sie sich in die Arme fielen. Eigentlich fiel mehr Dörte, und auch durchaus mit einem gewissen Zögern. »Und du meinst, sie hat wirklich keine Ahnung?« »Meine Sekretärin?« »Genau.« »Kein Gedanke. Keiner weiß von uns. Und das muss jetzt auch noch ein paar Tage so bleiben.« »Ja, ich weiß«, und Dörte zog ihren schönsten Schmollmund, der ihr aber gleich weggeküsst wurde. Sie verbat es sich. »Ach Gott, was habe ich dich früher gehasst und verachtet«, musste sie dann loswerden. »Du warst für mich der absolute Ekel-Kapitalist, der Waffenschieber aus dem Enthüllungsmagazin.« »Und ich habe dich für ein unartiges kleines Mädchen gehalten«, gab Sommerhuber zurück. »Eins, dem man mal richtig den Hintern versohlen müsste?« – »Ja, ja«, meinte er versonnen.

Dörte ließ sich auf einen der luxuriösen Polstersessel fallen. »So, und jetzt erzähl mir mal, was die Sache mit meinem Onkel genau sollte.«

Der Kapitalist und Waffenschieber zögerte einen Moment, machte sich dann bedächtig wieder auf den Weg hinter seinen mächtigen Palisander-Schreibtisch und setzte sich langsam. Wieso sitzt er da, steht ihm das schon zu, dachte Dörte. Was sollte er jetzt sagen, dachte Sommerhuber. Irgendwie alles ein wenig verzwickt. Vielleicht hatte er sich doch in eine Situation gebracht, die er nicht beherrschte. Das wäre zwar das erste Mal, aber für alles gibt es eben auch ein erstes Mal.

»Ja, es ist eben wie es ist, du musst uns helfen die Zeit zu überbrücken, bis alles neu geregelt sein wird. Wenn du lieber alles einzeln unterschreiben möchtest, ist das dein gutes Recht; ich an deiner Stelle würde es nicht machen. Aber es wird mir ein Vergnügen sein, überall meine Unterschrift neben deine zu setzen.« Und er verneigte sich galant im Sitzen. Dörte warf ihm einen langen Blick zu; er schaute zurück mit seinem allerbesten Dackelgesicht. Beide merkten, dass da etwas nicht mehr ganz in Ordnung war. Das Mädchen wartete ein paar Augenblicke, wie um ihm noch eine weitere Chance zu geben, dann sagte sie: »Also dann, wo kann ich hingehen, was soll ich unterschreiben?« In diesem Augenblick öffnete sich auch die gepolsterte Tür, und der Tee wurde serviert.

»Sie können dann bitte Fräulein Märthesheimer in das verwaiste Zimmer 1002 bringen«, sagte der Direktor mit Direktorenstimme zu seiner Sekretärin. »Versorgen Sie sie mit allem was sie haben möchte, und bitte sagen Sie in der Buchhaltung Bescheid, dass Fräulein Märthesheimer jetzt da ist und ihr bitte die fälligen Auszahlungen vorgelegt werden. – Wenn ich Ihnen«, wandte er sich dann wieder an Dörte, behielt den Ton aber bei, »wenn ich persönlich Ihnen irgendwie weiterhin behilflich sein kann, natürlich jederzeit.« Ein formelles Kopfnicken, ein kühles Lächeln, und dann wandte der Gewaltige sich wieder seinem Laptop zu. Erstaunlich, dass alle Manager mit einem Laptop spielen wollen; die Schreibmaschinen haben sie früher doch wie die Pest gemieden.

Die beiden so unterschiedlichen Damen verließen das Zimmer, Dörte mit annähernd grimmigem Gesicht, aber nur, solange es keiner sehen konnte. (Vielleicht sollten wir hier mal die etwas unüberschaubare Gefühlslage unserer Heldin erläutern; allerdings ist sie uns im Augenblick selbst nicht hundertprozentig verständlich.) Wenige Minuten später finden wir die zwei bei ebenfalls deutlich typischen Tätigkeiten wieder: die Sekretrice beim Polieren ihrer Fingernägel und die unwillige Erbin in einem sehr getäfelten und sehr großen Vorstandszimmer hinter einem dieser Schreibtischschlachtschiffe sitzend, düster sinnend. Nicht lange indes, da schon wenige Minuten später ein soignierter Herr klopft und eintritt: eine dieser Unterschriftenmappen unter dem teuer bekleideten Arm. »Fräulein Märthesheimer?« fragt er und ergänzt sogleich: »Es ist mir natürlich eine Ehre und ein Vergnügen.« Dörte nickt ungnädig, im Augenblick hat sie von der ganzen Komödie schon wieder ein bisschen die Nase voll. »Ich bringe hier erst einmal, das ist das Eiligste im Augenblick, die Löhne und Gehälter, und noch ein paar Kleinigkeiten. Wenn ich Ihnen vielleicht kurz erläutern dürfte…?« Und flugs ist er um die riesige Spielfläche herum geglitten, hat ihr dieses grüne, am Bunde unsymmetrische Buch vor die Nase gelegt und auch gleich aufgeschlagen. Überweisungsformulare über Überweisungsformulare, immer vier pro Pappe untereinander, und auf allen steht schon je eine Unterschrift, die des Oberbuchhalters (und Prokuristen) selbst nämlich, eine feine, zierliche, fast ziselierte. Alte Buchhalter haben so eine Unterschrift. Junge Buchhalter gibt es nicht mehr, weil der Beruf ausstirbt wie der des Schuhmachers, des Schriftsetzers oder eines Schocks weiterer Berufe, die einmal etwas mit Fertigkeiten, Qualität und Stolz zu tun hatten. Geldschneiderei und Pfusch sind übrig geblieben, das haben die Kunden nun davon.

Wenn wir Dörte erst einmal mit dem Oberbuchhalter allein lassen, müssen wir zunächst noch einräumen, dass sie ihren eigentlichen Spaß nicht recht findet an diesem Vormittag; eine Überweisung nach der anderen an völlig unbekannte Leute zeichnet sie ab. Nach der sechzigsten wird ihr allmählich das Handgelenk lahm. (»Bei Altona auf der Chaussee…«) Und so verlassen wir sie.

Denn wir möchten zu gern zuschauen, was Direktor Sommerhuber so anstellt, wenn er allein ist. Er sitzt immer noch vor seinem Kästchen. Er nickt ein wenig. Er lächelt versonnen. Er tippt und maust. Jetzt müssen wir ihm wohl oder übel über die Schulter sehen, auch wenn man so etwas eigentlich ja nicht tut. Und schon haben wir ihn also doch noch erwischt. Unser Sommerhuber korrespondiert gerade mit einer für ihn eigentlich verbotenen Weltregion, und die Rede ist von Granaten. Hätten wir uns ja eigentlich denken können. Aber wie geht so etwas jetzt eigentlich ganz konkret? Wir werden es gleich wissen, aber es könnte natürlich – wie so oft – eine herbe Enttäuschung bedeuten. Ja, da wird sich der eine oder andere furchtbar wundern. Es geht nämlich ganz einfach: Anfrage, Angebot, Preisverhandlung, Abschluss. Ohne viel drum & dran, ohne falsche Namen und Nasen, ohne verschlüsselte Texte. Ob man Raketenabschussgeräte verkauft oder Rasenmäher, ist vom Geschäftsverlauf her im Wesentlichen gleich, alle übrigen Berichte sind Ammenmärchen oder handeln von Ausnahmen. Aber warum lächelt der Direktor so hintergründig? Weil er einen guten Preis erzielt hat.

Ist es nicht viel zu gefährlich, so etwas über e-mails abzuwickeln? Aber nicht doch. Wo versteckt man ein Blatt? In einem Wald. Damit hat Pater Brown es immerhin getroffen. Natürlich könnte man auch Briefe schicken, die würden genauso wenig gefunden, aber mails sind schneller. (Romantische Gemüter würden vielleicht persönliche Treffen in Kairoer oder fernöstlichen Hinterzimmern bevorzugen, aber in dieser Branche verspürt man – wir müssen es leider so sagen – meist keinerlei Hang zur Romantik.)

Aber die Ausforschung? Natürlich könnte jede mail heute gelesen werden; jede steht den großen Abhörern zur Verfügung. Aber es gibt ja so Möglichkeiten. Man kann den Text zerhacken. Man kann so tun, als käme er von ganz wo anders, als von wo er kommt. Oder ginge wo anders hin. Aber den ganz großen Schutz vor dem Abhören liefert schließlich die Politik, denn natürlich möchte jede Regierung gern wissen, was die andere so denkt und tut, aber sie möchte in Wirklichkeit nicht ganz so gern wissen, was die Industrie so treibt.

Problematisch wird höchstens der Versand der Waren. Denn wenn auf einmal über große Pakete in der Öffentlichkeit diskutiert würde, wäre das weder für Politik noch Industrie so nett. Und manchmal auch der Geldfluss. Aber in diesen Dingen sind die Winterwerke erfahren. Und für Vorgänge dieser Art braucht man auch keine zwei Unterschriften für die Bank. Schade, aber Dörte wird wohl nicht viel finden. »Prima, Dörte wird wohl nicht viel finden«, denkt sich gerade Direktor Sommerhuber. Der hat ziemlich viel Spaß mit dem Mädchen gehabt, aber – wir ahnen es natürlich längst – keine wirklich ernsten Absichten. Oder keine ernsten Absichten mehr. Schließlich hat sie das Erbe ausgeschlagen. Das wird er zwar nie verstehen, aber er weiß sich auch damit wiederum zu arrangieren. Sonst wäre er wohl kaum Direktor Sommerhuber geworden. Und schon gar nicht geblieben.

Es klopft. Die Sekretärin – eigentlich heißt es ja heute Assistentin – steckt den Kopf hinein und flüstert »Meier möchte Sie sprechen. Sind Sie da?« »Meier?« »Er sagt, es sei dringend.« »Na ja gut. Aber nächstes Mal bitte nur, wenn er vorher einen Termin macht.« »Selbstverständlich, Herr Direktor.« Der Ton ist ein ganz bisschen ironisch, meint Sommerhuber herauszuhören. Es ist eben immer ein Fehler, mit einer Sekretärin etwas anzufangen. Hinterher wird es nie wieder so, wie es vorher einmal gewesen war. Aber der Mensch, ist er unfehlbar? Er ist es nicht.