Dorval, Quebec - Frank Schliedermann - E-Book

Dorval, Quebec E-Book

Frank Schliedermann

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ausgezeichnet mit dem Hamburger Literaturpreis 2020 in der Kategorie Erzählung Dorval ist eine kanadische Kleinstadt in der Nähe von Montreal. Im April 2020 entdeckten Polizisten und Mitarbeiter des Gesundheitsamts dort die verheerenden Zustände in einem Altenheim. Nahezu das gesamte Personal der Herron Résidence war aus Angst vor einer Covid-19-Ansteckung nicht mehr zur Arbeit erschienen. Die Bewohner blieben tagelang sich selbst überlassen. Einige waren unterernährt, als man sie fand, dehydriert und in desolatem Allgemeinzustand. Für 31 Menschen kam jede Hilfe zu spät. »Frank Schliedermann hat sich tief hineingedacht ins Innere des Schauplatzes und in seine Figuren. Meisterhaft zeichnet er ein vielstimmiges Bild des Möglichen, ein Mosaik der unterschiedlichen Wahrnehmungen. Der empathischen Tiefe steht eine formale Knappheit gegenüber, eine pointierte Atemlosigkeit, die die zunehmende Beklemmung im sich steigernden Ausnahmezustand ausgezeichnet einfängt … Mit Dorval, Quebec zeigt Frank Schliedermann auf beste Weise, was Fiktion vermag: Sie macht die Wirklichkeit erfahrbar und verstehbar.« Aus der Jurybegründung

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 35

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impressum

Deutschsprachige eBook-Ausgabe: © CulturBooks Verlag 2021

Gärtnerstr. 122, 20253 Hamburg

Tel. +4940 31108081, [email protected]

www.culturbooks.de

Alle Rechte vorbehalten

© by Frank Schliedermann

ISBN 978-3-95988-206-4

Über das Buch

Ausgezeichnet mit dem Hamburger Literaturpreis 2020 in der Kategorie Erzählung.

»Frank Schliedermann hat sich tief hineingedacht ins Innere des Schauplatzes und in seine Figuren. Meisterhaft zeichnet er ein vielstimmiges Bild des Möglichen, ein Mosaik der unterschiedlichen Wahrnehmungen. Der empathischen Tiefe steht eine formale Knappheit gegenüber, eine pointierte Atemlosigkeit, die die zunehmende Beklemmung im sich steigernden Ausnahmezustand ausgezeichnet einfängt … Mit Dorval, Quebec zeigt Frank Schliedermann auf beste Weise, was Fiktion vermag: Sie macht die Wirklichkeit erfahrbar und verstehbar.« Aus der Jurybegründung

Über den Autor

Frank Schliedermann arbeitete viele Jahre als Werbetexter für Autos, Deos, Motorsägen und Haarwuchsmittel, ehe er begonnen hat, Kurzgeschichten zu schreiben. Seitdem wurden mehrere seiner Texte in Anthologien veröffentlicht sowie bei Wettbewerben prämiert. Für Dorval, Quebec

Frank Schliedermann

Dorval, Quebec

Story

Für Luise

Dorval*, Quebec

*Dorval ist eine kanadische Kleinstadt in der Nähe von Montreal. Im April 2020 entdeckten Polizisten und Mitarbeiter des Gesundheitsamts dort die verheerenden Zustände in einem Altenpflegeheim. Nahezu das gesamte Personal der Herron Résidence

Dorothy hängt. Wie ein Tropfen, der nicht verrinnen will, liegt sie in Williams Armen. Ihre Stirn ist auf seine Brust gesunken. Sie spürt die Druckknöpfe seines Kasacks auf ihrer Wange. Ohne William könnte sie sich keine Sekunde auf den Beinen halten. Sie würde fallen und sich den Kopf am Heizkörper oder am Waschbeckenrand aufschlagen. Vielleicht wäre es besser so; vielleicht wäre es besser, wenn William einfach losließe. Wenn sie endlich loslässt. Aber nicht mal das hat Dorothy noch unter Kontrolle.

Mr. Tucker ist ganz allein im Tagesraum. Im Fernsehen läuft seine Lieblingssendung. Ein M wie Martha. PING. Ein S wie Susanne. PING. PING. Die Frau an der Ratewand gefällt ihm. Diese geschmeidigen Bewegungen. Mal im Vorbeigehen, mal mit einer galanten Drehung auf ihren Pumps, klappt sie die leuchtenden Buchstaben um. Sie könnte seine Tochter sein. Mr. Tucker richtet sich auf. Seine Schultern spannen sich. Wenn sich das Glücksrad dreht, geht ein Ruck durch seinen gebeutelten Körper, und er nimmt Haltung an. Er möchte lösen. Die Worte an der Wand haben keine Bedeutung mehr für ihn. Was zählt, sind Erinnerungen. Erinnerungen wie dieses Geräusch – PING. Erinnerungen an seine Tochter. Erinnerungen an Erinnerungen. Es werden immer weniger. Eine Träne läuft ihm die Wange hinab. Hat er überhaupt eine Tochter?

Wenn Dorothy steht, muss es schnell gehen. William kann sie nicht ewig so halten. Ihre Beine knicken weg. Die Gelenke haben keinen Halt mehr. Außerdem bekommt er kaum Luft unter seiner Maske. Die Neue, die sich noch etwas ungeschickt an Dorothys Hose zu schaffen macht, soll sich mal ein bisschen beeilen. Sie bekommt die Daumen nicht unter den Gummizug der Windel. Einer ihrer Fingernägel gräbt sich in Dorothys Haut.

Dorothy zuckt zusammen. Bestimmt ekelt sich das junge Mädchen. Die volle Windel, die gerötete Haut, der penetrante Geruch. Dorothy riecht es ja selbst. Es kostet viel Kraft, sich selbst zu riechen. Eine Last zu sein.

Glenn fragt sich, wo Schwester Renata bleibt. Manchmal hört er ihre Stimme schon auf dem Flur, ihr radebrechendes Englisch, ihre kurzen Sätze. Sie dringen durch die Wände wie eine heitere Melodie. Glenn ist alle Möglichkeiten durchgegangen. Hat sie heute frei? Wurde sie aufgehalten? Krank ist sie so gut wie nie. Der Ring, den Glenn aus dem Aluminium eines Tablettenblisters Gemcitabin geflochten hat, passt genau auf die Spitze seines Fingers. Ein kleines Kunstwerk, leicht, einzigartig. Ungeheuer wertvoll. Ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann. Sie wird schon sehen. Glenn hat nichts mehr zu verlieren. Gestern Morgen kamen die Ergebnisse. Der Krebs hat in die Bauchspeicheldrüse gestreut.