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Wer denkt, dass Superhelden strahlende Gestalten sind, der irrt. Dies muss auch die Cyborgfrau Fatale feststellen, die als jüngstes Mitglied in die Heldentruppe Champions aufgenommen wird: Hinter den weltbekannten Gesichtern und hochglanzpolierten Kampfanzügen verbirgt sich manches Geheimnis, das alles andere als super ist. Doch ehe Fatale so recht weiß, ob sie wirklich zum Team gehören will, muss sie schon mit ihm in den Kampf ziehen, denn Dr. Impossible ist aus seinem Gefängnis ausgebrochen ... Dr. Impossible schlägt zurück - der Superhelden-Bestseller aus den USA.
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Seitenzahl: 489
Veröffentlichungsjahr: 2009
Austin Grossman
Ein Superhelden-Roman
Aus dem Englischen von Jürgen Langowski
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Widmung
Erster Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
Zweiter Teil
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
Dritter Teil
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Anhang
Auszug aus der internationalen metahumanen Datenbank, dritte Ausgabe
Helden
Auszug aus der Geschichte der Superhumanen
Danksagung
Meinen Eltern
Allen und Judith Grossman
gewidmet
Schon wieder eingelocht
An diesem Morgen befinden sich eintausendsechshundertsechsundachtzig ungewöhnlich starke, begabte oder sonst wie mit Superkräften ausgestattete Personen auf der Erde. Hundertsechsundzwanzig von ihnen führen ein normales Leben als Zivilisten. Achtunddreißig werden in Forschungseinrichtungen festgehalten, die vom Verteidigungsministerium oder dessen ausländischen Äquivalenten finanziert werden. Zweihundertsechsundzwanzig aquatische Wesen können das Meer nicht verlassen. Neunundzwanzig sind permanent an einen bestimmten Ort gebunden – riesige Bäume und Genius Loci wie die Sphinx und die Pyramide von Giseh. Fünfundzwanzig sind mikroskopisch klein (dazu zählen auch die Infinitesimal Seven). Drei dieser Persönlichkeiten sind Hunde, vier sind Katzen, eine ist ein Vogel. Sechs bestehen aus Gas. Eine ist ein wandernder elektrischer Effekt, eigentlich eher ein Wetterphänomen als eine Person. Siebenundsiebzig sind außerirdische Besucher. Achtunddreißig werden vermisst. Einundvierzig sind für immer fort, ausgewandert in die alternativen Realitäten der Erde und die sich verzweigenden Zeitströme.
Sechshundertachtundsiebzig nutzen ihre Kräfte, um Verbrechen zu bekämpfen, vierhunderteinundvierzig nutzen sie, um Verbrechen zu begehen. Vierundvierzig befinden sich derzeit in Spezialgefängnissen für verstärkte Kriminelle. Bezüglich der letzten Gruppe ist die Tatsache erwähnenswert, dass ein ungewöhnlich hoher Prozentsatz von ihnen einen IQ von dreihundert oder mehr hat. Es sind achtzehn, um es genau zu sagen. Darunter bin ich selbst.
Ich weiß auch nicht, warum man deshalb als böse gilt. So etwas findet man eben am äußersten rechten Rand der Normalverteilung. Ich meine damit die Kurve, die herauskommt, wenn man sechs Milliarden Menschen einem Intelligenztest unterzieht und sich die zwölf höchsten Werte ansieht. Stellen Sie sich vor, wie Sie sich auf dieser Kurve nach rechts und bergab zu den Allerklügsten bewegen, bis die Neigung sanfter wird, über die oberste Million und die obersten zehntausend hinweg, die allesamt schon viel klüger sind als irgendjemand, den die meisten Menschen in ihrem Leben je getroffen haben, und weiter zu den obersten tausend. Hier wird es schon etwas dünn, und bei den letzten einhundert ist es überhaupt keine absteigende Linie mehr, sondern Sie sehen nur noch hier und dort einen einzelnen Punkt. Gehen Sie weiter bis zu den letzten Sandkörnchen, bis zu den Allerklügsten der Klugen. Es verwundert nicht, dass die Leute da draußen ein bisschen eigenartig sind. Aber man muss sich schon fragen, warum wir alle im Gefängnis landen.
Gewöhnlich erwache ich um 6.30 Uhr, eine halbe Stunde vor den anderen Insassen. In meiner Zelle gibt es keine Möbel – zum Schlafen muss ich mich auf einem grün markierten Rechteck ausstrecken. Dank der Beschaffenheit meiner Haut spüre ich es sowieso kaum. Die Anstalt ist verstärkten Gesetzesbrechern vorbehalten, aber ich bin der Einzige, der gegenwärtig hier untergebracht ist. Ich bin ihr Ausstellungsstück, der ganze Stolz des Systems und ein fester Programmpunkt der Führungen, zu denen der Gouverneur seine hochrangigen Gäste einlädt. Sie kommen her, sehen sich die Vorstellung an und begaffen den Tiger im Käfig. Ich enttäusche sie nicht.
Der Wächter klopft mit dem Schlagstock aufs Plexiglas, also stehe ich langsam auf und trete in den aufgemalten roten Kreis, um mich scannen zu lassen. Röntgenstrahlung, radioaktive Strahlung, alles Mögliche. Dann darf ich mich anziehen. Dafür stehen mir acht Minuten zur Verfügung, in denen sie die Route überprüfen. In acht Minuten kann man über viele Dinge nachdenken. Ich denke darüber nach, was ich tun will, wenn ich hier herauskomme. Auch über die Vergangenheit.
Hätte ich Schreibutensilien, dann würde ich vielleicht einen Leitfaden verfassen, der als Ratgeber und Anregung für die nächste Generation maskierter Krimineller, verkorkster Wunderkinder und einsamer Genies dienen könnte – für jene, die noch lernen müssen, anders zu empfinden, oder die es von Anfang an begriffen haben. Für diejenigen, die klug genug sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Es gibt einige Dinge, die sie wissen sollten. Irgendjemand muss es ihnen sagen.
Ich bin kein Verbrecher. Ich habe weder ein Auto gestohlen noch Heroin verkauft oder einer alten Dame die Handtasche geklaut. 1978 habe ich einen Quantenfusionsreaktor konstruiert, 1979 eine orbitale Plasmakanone, 1984 einen riesigen Roboter mit Laseraugen. Ich habe versucht, die Welt zu erobern, und hätte beinahe Erfolg gehabt. Ein Dutzend Mal, und ich bin noch lange nicht fertig.
Wenn sie mich schnappen, stellen sie mich immer vor den Internationalen Gerichtshof, denn genau genommen bin ich eine souveräne Macht. Solche Verfahren haben Sie sicher schon gesehen – der Elementar, Rocking Horse, Dr. Stonehenge. Sie stecken einen in einen Kasten aus Glas und Stahl. Ich bin auch ohne meine Geräte noch gefährlich. Die Leute starren einen an und können nicht glauben, wie harmlos man aussieht. Sie verlesen eine lange Liste von Anklagen, als wäre es eine Lobeshymne. Eigentlich ist es keine Gerichtsverhandlung, denn ein Freispruch kommt sowieso nicht in Frage. Aber wenn man höflich ist, lassen sie einen am Ende vielleicht ein paar Worte sagen.
Alle stellen Fragen. Alle wollen die Gründe wissen. »Warum haben Sie den Präsidenten hypnotisiert? Warum haben Sie die Chemical Bank übernommen?«
Ich bin der klügste Mensch auf der Welt. Früher habe ich in der Öffentlichkeit ein Cape getragen und gegen Leute gekämpft, die eine Metallhaut hatten, die fliegen oder mit Blicken töten konnten. Ich habe CoreFire ebenso standgehalten wie dem Super Squadron und den Champions. Jetzt warte ich in der Cafeteria in derselben Schlange wie die Scheckfälscher und denke darüber nach, ob der Automat noch Schokoladenmilch hat. Und ob der klügste Mann der Welt in seinem Leben immer die klügsten Entscheidungen getroffen hat.
In einem Kreis bewaffneter Männer stehe ich vor der Tür, während meine Zelle von drei Spezialisten mit einem Koffer voller Instrumente überprüft wird. Aus den anderen Zellen ertönen Schreie, aufmunternde Rufe oder spöttische Bemerkungen. Sie wollen etwas geboten bekommen. Dann marschiere ich an den anderen vorbei, zwei gepanzerte Wachen mit schweren Hightech-Feuerwaffen folgen mir. Der Morgenappell der anderen beginnt erst, wenn ich draußen bin.
Im Gefängnis gibt es reichlich Gerede über meine Kräfte. Die Insassen glauben, meine Augen könnten Laserstrahlen aussenden, ich könnte mit einer Berührung Stromschläge austeilen, Leute vergiften oder nach Belieben durch die Wände gehen und ich wäre imstande, jedes Gespräch zu belauschen. Die Leute werfen mir auch verschiedene Dinge vor – gestohlenes Essbesteck oder unverschlossene Türen. Nicht ohne Stolz füge ich hinzu, dass es inzwischen sogar eine Bande gibt, die nach mir benannt ist: The Impossibles. Überwiegend Gentleman-Verbrecher.
Zu den Mahlzeiten und beim Hofgang darf ich mich unter das gewöhnliche Volk mischen, muss aber immer an einem eigenen Tisch essen. Ich habe sie viel zu oft durch meine Geschwindigkeit oder mit Täuschungsmanövern hereingelegt. Inzwischen servieren sie mir das Essen auf Papptellern, und wenn ich mein Tablett abgebe, zählen sie das Plastikbesteck. Zweimal. Ein Wächter beobachtet meine Hände, während ich esse, ein zweiter sieht unter dem Tisch nach. Sobald ich sitze, muss ich die Ärmel hochkrempeln und wie ein Magier meine Hände von allen Seiten vorzeigen.
Sehen Sie sich meine Hände an. Die Hauttemperatur beträgt etwa sechsunddreißig Grad, falls Sie es genau wissen wollen, und die Haut selbst ist ein wenig spröde, wie ein gestärktes Hemd. Sie kann Pistolenkugeln abhalten. Fünf Stück waren es bei meiner letzten Verhaftung, als ich in Cape und Helm die Seventh Avenue hinaufrannte und unter dem schweren Stoff schwitzte. Die Prellungen sind noch da, sie sind noch nicht ganz verblasst.
Außerdem habe ich ein paar weitere Qualitäten. Ich bin stark, viel stärker, als es einem Mann von meiner Größe zuzutrauen wäre. Wenn ich Zeit und Lust habe, kann ich einen Truck umwerfen oder einen Geldautomaten aus der Wand reißen. Allerdings renne ich nicht herum und lege die Stadt in Trümmer. Das ist nichts für mich. Als ich noch mit Lily zusammengearbeitet habe, war das ihre Aufgabe. Ich konzentriere mich eher auf die Wissenschaft. So halte ich es auch im Sonderflügel, wo die Duschköpfe aus Titan bestehen und sämtliche Armaturen eine Handbreit tief in Stahlbeton versenkt sind. Außerdem bin ich schneller, als man es mir zutrauen würde. Das liegt daran, dass sich meine Nervenbahnen durch den Unfall verändert haben.
Hin und wieder geht ein neuer Gefangener auf mich los, weil er hofft, sein Ansehen zu verbessern, indem er ein im Gefängnis selbst hergestelltes Messer an meinen Rippen zerbricht oder einen gestohlenen Bleistift, einen umgeknickten und geschärften Löffel. Meist geschieht es beim Essen oder beim Freigang. Ein erwartungsvolles Schweigen setzt ein, sobald er in den magischen Kreis tritt, jenen freien Raum, der sich zusammen mit mir bewegt. Die Wächter halten sich grundsätzlich zurück – vielleicht ist es eine bewusste Maßnahme, um mich von den anderen Gefangenen zu isolieren, oder sie wollen einfach nur beobachten, wie ich es an mir abprallen lasse und ihnen abermals vor Augen führe, dass sie den viertgefährlichsten lebenden Mann bewachen. Ich richte mich dann auf dem Metallstuhl ein wenig auf und lege meinen einsamen Plastiklöffel auf den Klapptisch.
Nach dem lauten Knall des Schlages breitet sich Schweigen aus, gleich darauf schrillen die Alarmglocken, dann der seufzende Zusammenbruch. Das Bündel Wäsche wird weggetragen, und ich habe Ruhe, bis der nächste tätowierte Hoffnungsträger einen Versuch unternimmt. Gern würde ich weitermachen und kämpfen, bis die Kugeln mich umwerfen, aber ich beherrsche mich. So dumm bin ich nicht. Es gibt dumme Verbrecher und kluge Verbrecher, und außerdem gibt es mich.
Ich sage das nur, damit Sie Bescheid wissen. Ich habe nichts von dem verloren, was mich ausmacht, auch nicht meine typische Gefährlichkeit, nur weil sie mir meine Apparate, meine Hilfsmittel und meinen Gerätegürtel weggenommen haben. Ich bin immer noch der brillante, entsetzliche und diabolische Doctor Impossible. Unbesiegbar bin ich auch.
Alle Superhelden haben einen Ursprung. Sie machen viel Aufhebens um die Geschichte, wie sie ihre Kräfte erworben und ihre Bestimmung gefunden haben. Sie werden von einem radioaktiven Käfer gebissen und kämpfen fortan gegen das Verbrechen, sie bekommen Besuch von umherstreifenden kosmischen Göttern, sie suchen nach den verlorenen Tafeln von diesem und jenem und rächen ihre toten Angehörigen. Und die Schurken? Wir treten kostümiert und höhnisch grinsend auf die Bühne, um mit einer übergroßen Strahlenkanone oder einem kosmischen Wurmloch unserem unergründlichen Groll auf Gott und die Welt einen farbenfrohen Ausdruck zu verleihen. Aber warum rauben wir Banken aus, statt sie zu bewachen? Warum habe ich den Supreme Court eingefroren, mich für den Papst ausgegeben und den Mond als Geisel genommen?
Zufällig weiß ich, dass in meiner Akte so gut wie nichts steht. Ein paar ehemalige Tarnnamen, Zeitungsausschnitte, Zeugenaussagen von zwei alten Feinden. Ein Protokoll von der Peterson School und natürlich der Unfallbericht. Der Blitz war meilenweit zu sehen. Darüber reden die Leute, wenn sie sich Gedanken machen, wer ich bin – ein Sonderling mit unverständlichen Zielen und unzulänglichen Fähigkeiten bei der Laborarbeit. Es gab jedoch noch einen weiteren Unfall, den allerdings niemand gesehen hat. Eine schleichende Katastrophe, die an dem Morgen begann, als ich hier ankam. Inzwischen hat sie auch einen Namen: maligne Hyperkognitionsstörung. Sie versuchen, die Krankheit an meinem Beispiel zu erforschen und herauszufinden, wie ich mich in den nächsten dreißig Jahren verändern werde.
Ich habe hier einen Therapeuten. Er heißt Steve und ist ein Rogerianer mit traurigen Augen, den ich zweimal die Woche in einem umgewidmeten Klassenzimmer aufsuche. »Sind Sie wütend?« – »Was wollten Sie denn wirklich stehlen?« Was ich ihm alles erzählen könnte – die Geheimnisse des Universums! Aber er will über meine Kindheit reden. Ich versuche, mich zu entspannen, und halte mir meine Situation vor Augen. Wenn ich ihn töte, schicken sie einfach den Nächsten.
Es könnte schlimmer sein. Manche Schurken erzählen von geheimen Einrichtungen in der Wüste von Nevada, wo sie unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen festgehalten werden. Dort sitzen die, vor denen sie wirklich Angst haben – diejenigen, die sie nicht töten und kaum kontrollieren können. Fünfzig Meter lange, mit Beton gefüllte Schächte, tiefgekühlte Zellen, deren Temperatur knapp über dem absoluten Nullpunkt liegt. Hier zu sein bedeutet, ein gefährliches Spiel zu spielen – der Löwe hat mich schon mit den Zähnen gepackt. Ich darf sie nicht zu sehr erschrecken. Aber Steve hat Fragen.
»Wer hat Sie als Erster geschlagen?« – »Wann haben Sie das Elternhaus verlassen?« – »Warum wollten Sie überhaupt die Welt beherrschen? Hatten Sie das Gefühl, Ihnen entgleite die Kontrolle?« Die Vergangenheit setzt mir zu, das ist der Nachteil eines eidetischen Gedächtnisses.
In meiner Branche ist es immer gefährlich, zu viel zu erzählen. Das weiß ich inzwischen. Das letzte Mal habe ich ihnen alles erzählt, habe ihnen wie ein Idiot verraten, wie ich es tun würde und dass sie mir nicht entkommen würden. Sie haben nur grinsend zugehört. Beinahe hätte es funktioniert. Die Berechnungen waren korrekt.
Als an jenem Morgen der Bus kam, regnete es heftig, und die Welt war eine graue Skizze ihrer selbst. Der Bus, weit und breit das einzige bewegliche Objekt, tauchte als verschwommener Umriss auf. Der Regen trommelte hohl aufs Plastikdach des Haltestellenhäuschens, meine Brillengläser beschlugen. Es war 6.20 Uhr, und ich stand benommen und im Halbschlaf mit meinen Eltern gegenüber von dem Parkplatz eines Motels in Iowa.
Eigentlich war es ein ganz besonderer Morgen, und ich hätte irgendetwas fühlen müssen. Es war eines der großen Ereignisse im Leben eines Menschen, wie eine Heirat oder Bar Mizwa, aber ich hatte noch nie so ein wichtiges Ereignis miterlebt und wusste nicht, wie es sich anfühlen sollte. Eine Stunde zuvor hatte mein Wecker geschellt, woraufhin mich meine Mutter in einen kratzigen Pullover steckte, der an diesem warmen Tag Ende September sofort zu jucken begann. Wir gingen zum Auto hinaus, fuhren durch die graue, stille Stadt und das verlassene Zentrum und hielten am breiten Interstate 80 auf dem Parkplatz. Als meine Mutter den Motor abstellte, entstand ein kurzes Schweigen, während der Regen aufs Auto trommelte. Dann sagte mein Vater: »Wir warten mit dir an der Haltestelle.« Also rannten wir über den dampfenden Asphalt zu dem Plexiglashäuschen.
Es goss in Strömen, Autos und Trucks sausten vorbei, und wir standen da und warteten. Vielleicht hat irgendjemand noch etwas gesagt.
Ich dachte daran, wie in jenem Herbst das Leben an der Lincoln Middle School ohne mich weitergehen würde. Alle, die ich kannte, würden sich mit den neuen Lehrern zurechtfinden, der Matheleistungskurs würde mit Geometrie anfangen und mathematische Beweise durcharbeiten. Im Juni hatten wir vom Bildungsministerium von Iowa das Angebot bekommen, ich könne auf eine andere, neu eingerichtete Schule wechseln, die Peterson School of Math and Science. Im Vorjahr hatte unser Klassenlehrer einen standardisierten Test durchgeführt, und alle Schüler mit einem Ergebnis im oberen halben Prozent hatten so einen Brief bekommen. Meine Eltern hatten mich gefragt, ob ich nicht meine Freunde oder den Mathelehrer Mr. Reynolds vermissen würde.
Ich hatte ihnen gesagt, ich wolle wechseln, konnte mir da aber noch nicht vorstellen, wie komisch es sein würde, mit einer Reisetasche auf den Bus zu warten. Die anderen Schüler würden sich an mich als den Burschen erinnern, der nie geredet und verrückte Bilder gemalt und immer dieselben Sachen getragen hatte, der geweint hatte, wenn sein Pausenbrot auf den Boden gefallen war, und angeblich sehr gut in Mathe gewesen war … Was war bloß aus ihm geworden? Warum war er verschwunden?
Der Bus hielt, ein Mann stieg aus und kontrollierte die Handvoll unterschriebener Formulare, die ich ihm gab. Dann warf er mein Gepäck in das Fach, dessen Klappe er in der Seitenwand des Busses geöffnet hatte. Meine Eltern umarmten mich, und ich stieg die Stufen in die warme Dunkelheit hinauf, die nach dem Atem von Fremden roch. Unsicher betrat ich den mit schwachen Neonröhren beleuchteten Innenraum, wanderte an Sitzreihen und fremden Gesichtern vorbei und fand, gerade als der Bus anfuhr und den Parkplatz verließ, zwei leere Sitzplätze. Ich dachte noch daran, ein letztes Mal zu meinen Eltern hinauszuschauen, die mir nachsahen, dann hatten wir auch schon die Auffahrt erreicht und fädelten uns in den Durchgangsverkehr ein. Auf einmal hasste ich diesen nassen Morgen und die unpersönliche Hilfsbereitschaft meiner Eltern. Immer etwas zurückhaltend, als wollten sie nicht zugeben, dass ich zu ihnen gehörte. Ich war froh, fort zu sein und sie nicht mehr zu sehen, froh, an einen Ort zu kommen, wo mich keiner kannte, fort von der Stille in ihrem Haus und ihrer Zurückhaltung. Irgendwie sah ich mich selbst in einem Flammenmeer emporsteigen.
Wir fuhren durch den schiefergrauen Morgen, allmählich wurde es heller, auch wenn der Regen nicht aufhörte. Die meisten Fahrgäste schliefen, und ungefähr alle zwanzig Minuten hielten wir an und holten ein weiteres Kind ab, einen anderen, der so war wie wir. Die meisten Kinder waren vermutlich schon um drei oder vier Uhr aufgestanden, um den Bus zu erreichen, der quer durch den Staat fuhr. Alle dösten, schliefen oder starrten aus dem Fenster. Auch ich schlief ein wenig, obwohl es mir seltsam vorkam, inmitten dieser Fremden die Augen zuzumachen. Niemand sprach, aber irgendwie wuchs zwischen uns doch eine gewisse Verbundenheit, weil wir gemeinsam auf diese Reise ins Unbekannte gingen. Das würden wir nie vergessen. Für uns alle war dies der Beginn eines neuen Lebensabschnitts. An diesem regnerischen Morgen, während der Motor dröhnte und achtundvierzig junge Geister träumten, entstand so etwas wie eine Gruppenidentität.
Die ersten paar Monate wurden wir in der Turnhalle einquartiert. Die Schlafsäle der Schüler waren nicht ordentlich kon-struiert worden und einer Überschwemmung zum Opfer gefallen. Sie mussten neu gebaut werden. Aufgehängte Tücher sollten uns ein wenig Privatsphäre verschaffen. Abends um 21.30 Uhr versammelten wir uns und wurden in Gruppen von jeweils fünfzehn Schülern in den Waschraum geführt. Es war komisch, den Mitschülern aus der Mathestunde im Schlafanzug zu begegnen, wie sie, jeder mit Zahnbürste, Becher und Zahnpasta bewaffnet, schläfrig an die Waschbecken gescheucht wurden. Wir sahen uns, wie uns sonst nur unsere Eltern gesehen hatten. Dann kehrten wir zurück, legten uns in die Schlafsäcke und starrten zu den Motten hinauf, die unter der Decke flatterten. Um genau 22.15 Uhr wurde die Beleuchtung mit einem vernehmlichen Geräusch abgeschaltet, worauf sich ein Chor flüsternder Stimmen erhob. Es fiel mir schwer, in so einem großen Raum einzuschlafen – meine Ohren nahmen wahr, wie groß er war. Die Mädchen schliefen zwischen den Regalen und Lesetischen in der Bibliothek, aber ich habe nie erfahren, wie es war. Vielleicht, so stellte ich mir vor, war es dort stiller, und die Geräusche waren gedämpft, statt weit zu hallen.
Solche Dinge betrachteten wir nach einer Weile als normal, sie gehörten einfach zu unserem Leben: zusammengerollt auf dem harten Boden der kühlen Turnhalle aufwachen, nachdem wir die Nacht unter dem Kuppeldach verbracht hatten. Kaltes Sonnenlicht strömte durch die hohen Fenster herein, Stimmen hallten zwischen den Zuschauerrängen und den blau lackierten Dachsparren, die ersten Schüler rannten schon schreiend herum. Einige hatten einen Walkman und hörten abends noch lange nach dem Abschalten des Lichts Popmusik, was ich aus unerfindlichen Gründen schockierend fand.
Der Unterricht unterschied sich kaum von jenem, den ich auf der öffentlichen Schule genossen hatte. Die anderen Schüler waren vielleicht weiter fortgeschritten, aber ansonsten herrschte im Klassenzimmer die gleiche Dynamik, als gebe es eine tief verankerte Gesetzmäßigkeit, der alle pubertierenden Schüler unterworfen waren. Idioten waren Idioten, Cliquen waren Cliquen, und die beliebten Schüler waren auch hier beliebt. Nichts hatte sich verändert, und ich hatte mir auch nicht recht vorstellen können, dass sich etwas verändern würde. Höchstens, dass ich jetzt schweigend in einem Speisesaal statt schweigend mit meinen Eltern aß.
Wenn ich über diese Zeit nachdenke, dann kommt es mir fast so vor, als betrachte ich einen Fremden. Jeden Tag wurde ich klüger und besser, ich war stark und stolz und ständig auf dem Sprung und wollte nicht, dass es irgendwann anders würde. Auf der Junior Putnam und der Westinghouse schloss ich mit den besten Noten ab, und glauben Sie mir, ich nahm gerade erst Fahrt auf. Wenn ich den Computerraum betrat, wo der Dunst von Kaffee und Plastik in der Luft hing und die Neonröhren summten, fühlte ich mich wie ein Preisboxer, der das Sägemehl riecht und die Jubelrufe der Menge hört.
Ich pflegte keine Freundschaften, nur eine aufs Fach beschränkte Kameraderie mit den besten Schülern in den wissenschaftlichen Fächern. Ansonsten verkörperte ich die übliche Mischung aus kleinlicher Arroganz und entsetzlicher Einsamkeit. Ich schämte mich für meine verzweifelte Gefallsucht und meine Unfähigkeit, sie zu kontrollieren. Warum sollte ich als einzigartig begabter und einmalig nutzloser Schüler eine Sonderstellung gegenüber anderen Menschen einnehmen? Ich saß beim Essen allein und empfinde es heute als Segen, dass meine Tagebücher vernichtet wurden.
Im ersten Jahr gewann ich ein Stipendium von Ford für das Sommersemester. Ich hatte mich bereits entschieden, in diesem Sommer nicht nach Hause zu fahren, und das Stipendium war ein willkommener Vorwand. Meine Eltern wollte ich nicht sehen, denn ich hoffte sehr, mich in jemand anders zu verwandeln, in eine Person, die mit ihrem Haus und ihrer leisen Redeweise nichts zu tun hatte. Mit ihrer Freundlichkeit, wie ich erst mit Verspätung erkannte.
Ich war klug, doch niemand konnte ahnen, wie klug ich noch werden würde. Musterschüler gibt es wie Sand am Meer, aber nach einer Weile pendelt sich alles ein. Oder etwa nicht? Vielleicht bin ich nicht klüger als im letzten Jahr, allerdings weiß ich jetzt mehr. Dümmer geworden bin ich ganz sicher nicht.
Nein, ich war nicht immer so. Ich habe eine gute Schule besucht und langatmige Kurzgeschichten über meine unglücklichen Verliebtheiten geschrieben. Über eine meiner Angebeteten gab es sogar mal einen Artikel in der Schulzeitung. Alles über das Mädchen, das ich im Speisesaal, auf der Party und auf den Fluren sah, ohne jemals mit ihm zu sprechen. Ich habe mich kaum von den anderen Schülern unterschieden. Das dachte ich zumindest.
Sobald man eine gewisse Schwelle überschreitet, tauchen ganz neue Probleme auf: das Terrain befestigen und die Abwärme des Fusionsreaktors verbergen. Mein erstes unterirdisches Labor war ein schreckliches kleines Loch unter einem Vorstadt-Reihenhaus. Eines Morgens standen zwei Männer mit versteinerten Gesichtern in Leotards vor meiner Tür und verlangten zu sehen, woran ich arbeitete. »Da kann überhaupt nichts passieren«, sagte ich. Sie antworteten nicht. Ich bat sie herein und kehrte ihnen den Rücken zu, während ich mit meinen teuren Sicherheitsschlössern hantierte, aber wen wollte ich eigentlich damit täuschen? Der weiß gekleidete Mann hatte den gleichen Blick wie die Leute, die Röntgenstrahlen sehen können. Als schaue er bis auf die Knochen durch mich hindurch.
Ich war so vorsichtig wie möglich vorgegangen und hatte das Zubehör unter einem Dutzend falscher Namen eingekauft, wobei ich teilweise sogar Behörden als Tarnung benutzt hatte. Die Abwärme ging in die Hauptwasserleitung, und es gab genügend Hintergrundstrahlung, so dass eigentlich niemand hätte bemerken dürfen, was ich tat. Offensichtlich war ich aber doch aufgefallen. Auf dem Weg nach unten sprachen wir kein Wort. Aus der Nähe betrachtet, waren die beiden wenig vertrauenerweckend. Die Augen des Weißen standen zu weit auseinander, und er atmete höchstens einmal in der Minute sehr schnell ein und aus. Von dem Schwarzen bekam ich nicht viel mit, aber wenn es still war, hörte ich leise, blecherne Stimmen und statisches Rauschen, als empfange irgendeine kybernetische Komponente in seiner Brust versehentlich einen Kurzwellensender. Es war ein wenig peinlich, so ähnlich wie ein Furz.
Man konnte dem unterirdischen Labor ansehen, dass es mein erstes war. Wegen des Reaktors war es zu heiß, und es sah schrecklich aus. Ich sträubte mich, wich aus und startete schließlich einen kleinen Dimensionsbetrachter, mit dem ich herumgespielt hatte. Das Tor erwachte zum Leben, und durch das beschlagene Fenster konnten wir verschwommen den unförmigen Kopf eines fremdartigen Leviathans sehen, der durch den Äther schwebte wie ein Wal durchs Meer. Die Männer wirkten gelangweilt. Der Schwarze, dessen Name auf »tron« endete, hielt mir einen Vortrag darüber, dass ich nicht mit Dingen herumfummeln dürfe, von denen ich nichts verstand. Offensichtlich waren sie sauer, weil ich mich nicht wehrte. Als sie gingen, hatten sie mich als einen der vielen kauzigen Hobbyerfinder abgehakt, aber der Fehler war nicht mehr auszubügeln – das System hatte mich erfasst. Sie hatten meine Retinas gesehen.
Ein Cape zu tragen ist im gesellschaftlichen Leben nicht unbedingt von Vorteil. Es gibt einen traditionellen, unausgesprochenen und äußerst instabilen Waffenstillstand zwischen den verstärkten Kriminellen, der Roboterarmee, den Räubern und den handelsüblichen Feinden von James Bond. Meine soziale Gruppe ist im Grunde eine Ansammlung von Psychotikern, Aliens und Möchtegern-Weltherrschern. Die Folge davon ist, dass mir Menschen wie Lily begegnen.
Lily wurde im fünfunddreißigsten Jahrhundert geboren. Sie ist das, was Sie vielleicht als Superschurkin bezeichnen würden, obwohl Lily gegen diese Definition sicher Einwände hätte. Wer das erste Mal auf sie trifft, starrt sie ausgiebig an – jeder tut das. Sie ist nicht völlig unsichtbar, sondern eher durchsichtig, als bestünde sie aus Plexiglas oder Wasser. Wenn man ihr Gesicht genau betrachtet, fällt neben den tief in den Höhlen liegenden Augen vor allem das vorgeschobene Kinn auf, das in schon zweihundert Jahren für die Menschen typisch sein wird. Man erkennt es sofort, wenn man einige Male im Zeitstrom auf und ab gereist ist und einige Möglichkeiten der ferneren Zukunft erkundet hat – die Machine Kings, den Nomadenplaneten, Steady State oder Telephony. Als wir uns trafen, starrte sie einfach durch mich hindurch, für sie war ich bloß irgendein Kerl auf dem Niveau eines Affen. Mit ihr verbindet mich allerdings mehr als mit den meisten anderen Menschen, die mir begegnen.
Als Lily in New Jersey zur Welt kam, lag die Erde im Sterben. Nur zweihunderttausend Menschen waren noch am Leben und streiften durch die leeren Städte und über die Prärien, die einst zu einer zivilisierten Welt gehört hatten. In ihrer Jugend hatte Lily tausend Quadratmeilen Gras, Wald und Highways direkt vor der Tür. Sie konnte auf dem alten Interstate 95, der rissig und überwachsen war, tagelang hin und her fahren, ohne irgendjemanden zu treffen. Später erzählte sie mir von den verfallenen Brücken, die den East River hinüber zum verlorenen Ort Brooklyn überspannten. In der Ferne konnte man die Türme von Manhattan sehen. Dort suchte sie sich manchmal eine gemauerte Böschung, um ihr Mittagessen einzunehmen. Unten am stillen Meer, das Jahr für Jahr ein wenig stieg, wo der Wind ein paar Wellen erzeugte.
Ihre Welt war in eine Sackgasse geraten. Sie erzählte mir von der um sich greifenden Seuche und der trüben, sterbenden Sonne, in die sie schauen konnte, ohne zu blinzeln. Die paar Aliens, die vorbeikamen, flogen wieder weg, ohne sich zu verabschieden. In ihrer Zukunft fiel die Herrschaft über die Erde einer besonders erfolgreichen Algensorte zu, die im ganzen amerikanischen Nordwesten an der Küste gewachsen war, die Flüsse und Kanäle blockierte und noch meilenweit draußen auf dem Meer blühte.
Lily war dazu ausgebildet, eine Heldin zu sein. Die langfristig angelegte Problemlösung der Menschheit, nach strengen Maßstäben ausgewählt und genetisch verändert. Ein Team verzweifelter Wissenschaftler hatte Jahre daran gearbeitet und den Wettlauf gegen den Untergang der Menschheit aufgenommen, um Lily zu erschaffen und die Menschen zu retten. Sie war die Beste, die sie hatten, und sie vertrauten ihr.
Ein paar angespannte, tapfere Gesichter, das war der letzte Anblick, als sie aufbrach. Der unerschütterliche Dr. Mendelson mit dem markanten Kinn und den grauen Haaren schüttelte ihr die Hand und leitete den Countdown ein, und dann verblasste die Welt vor ihr. Die Maschine, die sie in der Zeit zurückversetzte, konnte nur ein einziges Mal aktiviert werden. Die Sache war völlig klar: Sie hatte eine Liste von Zielen, ein Arsenal von Waffen, die in ihren SmartMesh-Anzug eingearbeitet waren, und den Auftrag, die Welt zu retten. Beinahe unsichtbar und unglaublich stark, war sie natürlich erfolgreich.
Jahre später, als sie es schaffte, die Maschine wieder in Betrieb zu nehmen und in ihre eigene Zeit zurückzukehren, war alles ganz anders. Die Erde, die sie gekannt hatte – und alles, was es auf ihr gegeben hatte –, war einer Welt voll glücklicher Fremder gewichen, und die Seuche war nie ausgebrochen. Da wurde ihr klar, dass sie die Stille und die sanfte Trauer ihres fünfunddreißigsten Jahrhunderts vermisste. Deshalb kehrte sie in unsere Zeit zurück und nahm sich nach ein paar Monaten Hightech-Ziele und die Infrastruktur vor. Sie ist immer noch auf freiem Fuß und sabotiert die ganze Welt, um die Ereigniskette zu finden, die in ihrer Version der Geschichte die Seuche ausgelöst hat. Die unsichtbare Fährte, die sie zu den untergegangenen Ruinen ihrer Heimat zurückführen könnte.
Mein anderer bester Freund heißt Pharaoh. Er ist ein Superschurke und ein Idiot.
Offiziell ist heute der letzte Tag im Herbst. In der vergangenen Nacht hat es einen verfrühten Frost gegeben, und hier sinkt die Kälte tief in die Steine ein. Die meisten Insassen gehen nicht mehr in den Hof hinaus. Niemand außer mir und einigen unerschütterlichen Rauchern, die müßig mit den Füßen im Dreck scharren und in der Kälte zusammenhocken, die ich seit 1976 nicht mehr spüre. Der Wind weht im Hof den Staub hoch und treibt Blätter durch den Stacheldrahtzaun. Unsere Anstaltskleidung flattert im Wind. Die meisten Bäume jenseits des Zauns sind kahl, nur die Eichen haben noch Blätter. Im Infrarot- und Ultraviolettbereich erkenne ich die Strahlen der Sicherheitsanlagen, die Antenne von KLNJ schickt pulsierende Niederfrequenzstrahlung über den Hügel.
Irgendwo da draußen fällt gerade Schnee auf Lilys Basis. Ich weiß nicht, wo sie sich befindet, aber jetzt, im Herbst, müsste sie ziemlich gut getarnt sein. Früher habe ich mich manchmal auf die Überwachungskameras eingestimmt, um die Wälder abzusuchen. Sicher ist sie tief vergraben – eine Schicht Schnee, Tannennadeln, gefrorene Erde, feiner Kies, Beton, Wasserbehälter und dann Titan.
Vor sechs Jahren traf ich sie in einer Bar. Sie rauchte. Ich weiß noch, wie die Flamme des Streichholzes wie eine Flüssigkeit über ihre wächserne Haut spielte. Einige kleine Dellen, wo sie einmal von einem Maschinengewehr erwischt worden war, konnte man noch erkennen. Sie hob die Zigarette an die Lippen und sog anmutig den Rauch ein, bis er sich in ihren Lungen kräuselte wie ein Geist in der Flasche. Sie wollte sich nur in der Öffentlichkeit mit mir treffen. Ich glaube, wir hatten ein Problem, uns zu vertrauen.
Ich hatte mir große Mühe gegeben, um das Treffen zu arrangieren. Gern hätte ich sie gebeten wiederzukommen, aber so etwas konnte ich nicht besonders gut. Nicht einmal, bevor ich mich zu verstecken begann. Ich versuchte, mir einen wirklich guten Grund und ein überzeugendes Argument auszudenken. Aber selbst Superschurkinnen wollen sich lieber mit einem Helden verabreden. Manchmal frage ich mich, ob es im Grunde nur zwei Arten von Menschen auf der Welt gibt.
Man braucht gewisse Dinge, um ein Superschurke zu werden. Denken Sie jetzt nicht an eine Tarnidentität, das ist eher eine Sache für Helden. Nicht, dass es nicht nett wäre, wenn man die Maske ablegen und sich in der Menschenmenge und zwischen den Häusern der Alltagswelt verbergen könnte. Andererseits wäre das viel zu einfach – warum bemüht man sich, der tollkühnste Kriminelle der Erde zu werden (oder wenigstens zu den besten vier zu gehören), um sich davonzustehlen, sobald es brenzlig wird? Wenn man sich jederzeit verdrücken kann, ist es nur halb so schön. Bei jeder Verhaftung lesen sie mir im Prozess die Litanei meiner Verbrechen vor, die mit jedem Mal länger und schillernder wird. Man hat mich wegen Verbrechen auf dem Mond, in anderen Jahrhunderten und in anderen Dimensionen angeklagt. Verdammt will ich sein, wenn ich mir das nehmen lasse.
Außerdem wollte ich nicht wieder das werden, was ich früher mal war. Helden haben diese Schwäche, Superschurken nicht. Wenn man ein Schurke wird, dann reißt man alle Brücken hinter sich nieder und stürzt ganz nach unten. Wenn man damit droht, einen Asteroiden auf den Planeten krachen zu lassen, um eine Milliarde Dollar zu erpressen oder damit Mona Lisas Gesicht gegen das eigene ausgetauscht wird, dann gibt es kein Netz und keinen doppelten Boden mehr. Man braucht einfach Mut, um den eigenen Überzeugungen gerecht zu werden.
Eine Nemesis sollte man allerdings haben. Meine ist CoreFire, ein Schwachkopf, der über Kräfte und Fähigkeiten verfügt, die weit über die eines Sterblichen hinausgehen. Wenn es etwas gibt, das CoreFire verwunden kann, dann habe ich es noch nicht gefunden, und glauben Sie nicht, dass ich nicht danach gesucht habe. Ich habe noch andere Gegner – die Champions, die sich aufgelöst haben, aber als Individuen nicht minder gefährlich sind. Damsel, Stormclouds Tochter, ihren Ex-Gatten, den Turner, und diese angebliche Elfe, die sie irgendwo aufgelesen haben. Im Lauf der Jahre habe ich gegen ein Dutzend Helden gekämpft, aber CoreFire ist der schlimmste. Schließlich habe ich ihn selbst erschaffen.
Man braucht auch eine Besessenheit. Meine ist der Zeta-Strahl, der Schlüssel zur ultimativen Macht. Das Geheimnis von CoreFires Kräften und das Feuer, das mich verbrannt und zu dem gemacht hat, was ich bin. Man braucht auch ein Ziel. Beispielsweise, die Weltherrschaft zu erringen.
Und man braucht … noch etwas anderes. Ich weiß nicht genau, was es ist. Ein Motiv. Ein Mädchen, das man nicht bekommt, Eltern, die vor den eigenen Augen ermordet wurden, einen ewigen Groll auf die Welt. Es könnte alles und jedes sein. Ich kann wirklich nicht sagen, was es ist, dieses Ding, das einen böse macht. Aber es ist da.
Vielleicht hätte ich ein Held werden sollen. Sie wissen ja, ich bin nicht dumm und denke durchaus über solche Dinge nach. Vielleicht hätte ich mich fügen und mich dem Siegerteam anschließen sollen, und vielleicht hätte ich das sogar getan, wenn man mich dazu eingeladen hätte. Allerdings habe ich das dumpfe Gefühl, dass sie einen wie mich nicht hätten haben wollen. Sie hätten die Nase gerümpft oder mich überhaupt nicht beachtet. Ein paar von denen habe ich auf der Highschool kennengelernt. Ich weiß Bescheid.
Was einen Schurken ausmacht, habe ich durch die Fernsehnachrichten über die großen Kämpfe in New York und Chicago gelernt. Ich konnte die Schurken daran erkennen, dass sie immer verloren haben, ganz egal, wie gut ihre Ideen waren. Ich verstehe nicht, wann für mich die Würfel gefallen sind, aber wie auch immer, dieser Moment ist vergangen und vorbei und so weit entfernt wie die Erde, die Lily kannte.
Es gibt Augenblicke im Leben, die man nicht ungeschehen machen kann. Wie in Zeitlupe spielte sich der Unfall ab. Ich hatte mich schon ein Stück entfernt, als mir bewusst wurde, was ich angerichtet hatte. Mir blieb gerade noch Zeit genug, mich umzudrehen und die Anzeigen abzulesen. Das Glas wölbte sich und bekam Sprünge, ehe es barst. Mir blieb auch noch Zeit, das Tappen meiner Füße auf dem Boden und das melodische Heulen eines überlasteten Generators zu hören.
Ein Dutzend Menschen sind bei dem Versuch gestorben, die Wirkung dieser Explosion zu wiederholen. Ich drehte mich um und sah meine Zukunft in einer flüchtigen grünen Sub-stanz kristallisieren, als wäre sie mit Geheimtinte niedergeschrieben. Mein ganzes Leben lang hatte ich darauf gewartet, dass etwas mit mir geschah, und nun passierte es, bevor ich wirklich bereit dafür war. Ich sah die falschen Einstellungen, die zerstörten Messinstrumente und die blubbernde grüne Flüssigkeit mit dem Lichtbogen darüber. Das war der Beginn meiner Geschichte, als die Alchimie mich armen Hund verwandelte, bis ich meine Macht gewann und mit Hilfe von Robotern, Festungen, Orbitalplattformen, Kostümen und außerirdischen Königen der Welt den Krieg erklären konnte. Einen Krieg, den ich verlieren würde.
Willkommen im Team
Vor vier Jahren beschloss ich, mich Fatale zu nennen. Das ist mein Name als Superheldin. Ich habe ihn aus einer Liste ausgewählt, die man mir in der Klinik vorlegte, und damals schien er das passende Attribut für mein gefährliches, attraktives neues Erscheinungsbild als kybernetische und geheimnisvolle Frau zu sein. Zugegebenermaßen stand ich da unter starken Schmerzmitteln.
Davor war ich als verstärkte Agentin im Spionagegeschäft für die NSA tätig. Als sie mich hinauswarfen, erklärten mir die Techniker der Regierung, ich hätte eine Anpassungsstörung. Allerdings ziehe ich meine eigene Bezeichnung vor. Ich bin eine Superheldin und gehöre zu den Guten. Ich bin eine Auserwählte.
Meine Kräfte habe ich durch einen Unfall erworben, dem ich während eines Urlaubs in São Paulo zum Opfer fiel. Es war nicht einmal ein besonders spektakuläres Ereignis. Einfach nur ein Mülllaster, der auf der Rua Augusta außer Kontrolle geriet, mich erfasste und zwölf Meter weit an der Mauer eines Gebäudes entlangschleifte. Vier Monate lag ich auf der Intensivstation, die meiste Zeit ohne Bewusstsein. Ich muss dieses Jahr und das nächste jeweils drei Wochen in die Klinik, und das wird vermutlich für den Rest meines Lebens immer so sein.
Ich weiß nicht mehr, warum ich in Brasilien war und was ich dort wollte. Das ist beim Unfall und den folgenden Operationen untergegangen. Verschwunden, als eine Panzerplatte, das Koppelnavigationssystem und der Prototyp eines Mikrowellenprojektors eingebaut wurden. Ich habe Reisebroschüren studiert, um meiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen – war ich dort, um mir die Architektur anzusehen? Den Zoo? Ich spreche nicht einmal Portugiesisch.
Jedenfalls spielte ich mit, weil mir sowieso nichts anderes übrigblieb, unterschrieb die Papiere, während ich, mit Medikamenten vollgestopft, im Krankenhaus lag, und kritzelte mit einer großartigen Geste einen unleserlichen Namen. Die Pressemitteilung war natürlich grober Unfug. Nicht, dass sich irgendjemand die Mühe machte, meine Website anzuschauen. Sie veröffentlichten die Meldung, während ich mich noch erholte. Irgendetwas über Krebs und eine Wunderheilung. Die erfundenen Einzelheiten – über meine Großmutter und das alte Haus und dass ich unbedingt Astronautin hatte werden wollen – vergaß ich sofort wieder. Die wahre Geschichte ist viel komplizierter und dümmer. Auch ich selbst könnte sie kaum erschöpfend erklären. Das hätte ich nicht einmal früher gekonnt, als ich noch meine gesamte eigene Gehirnmasse besaß.
In Südamerika kam Protheon auf mich zu. Die Firmenärzte suchten mich mehrmals auf, als ich zwischendurch bei Bewusstsein war. Höfliche, freundliche Männer in Anzügen und Laborkitteln, die mir einen Vorschlag zu unterbreiten hatten. Mich hatte genau das getroffen, was unter einer Million Unfällen nur ein einziges Mal vorkommt, und sie waren meine letzte Chance. Sie beschrieben mir das Projekt zur Produktion von Supersoldaten und erklärten, ich könne die nächste Generation der Kriegsführung verkörpern und die Vorläuferin einer Armee von Leuten werden, die so aussahen und kämpften wie ich. Also willigte ich ein.
Die brasilianische Klinik hatte mit einem Schweizer Designer für künstliche Organe Verbindung aufgenommen, außerdem mit drei amerikanischen Software-Ingenieuren, einem deutschen Militärberater und einem thailändischen plastischen Chirurgen, der durch Geschlechtsumwandlungen berühmt geworden war. Hauptsächlich gingen das Design und die Modifikationen jedoch auf unbekannte Mitarbeiter zurück.
Dreiundvierzig Prozent meines früheren Körpergewichts sind verloren, und zwar überwiegend auf der linken Seite, abgeschürft auf dem Pflaster oder auf dem OP-Tisch entfernt. Muskeln, Nervenstränge, Knochen und Haut, dazu Haare, Fingernägel, Knorpel, ein Auge und eine ganze Menge Gehirngewebe. Auch ein großer Teil meines Verdauungstrakts besteht jetzt aus Plastik.
Das war der ungewöhnliche Beginn meiner Karriere als Superheldin, als verstärkte, trans-, super-, metahumane Persönlichkeit oder wie Sie es auch nennen wollen. Am Ende war ich dann das, was ich jetzt bin und für den Rest meines Lebens bleiben werde.
In den gekrümmten Metallwänden des Krisenzimmers sehe ich mein Spiegelbild: eine Frau wie ein Flickenteppich aus Haut und Chrom, Andenken an einen Unglückstag in São Paulo. Ich habe eine Menge Haut verloren und ein Metallskelett bekommen, das mich zehn Zentimeter größer macht.
Ich befinde mich im Zentrum von Manhattan im achtundvierzigsten Stock eines Wolkenkratzers, sitze mit den sieben mächtigsten Helden der Welt an einem Tisch und freue mich darüber, dass sie mich eingeladen haben. Vor einem Monat habe ich noch meine Tage damit verbracht, fernzusehen und den Polizeifunk abzuhören. Es ist schwer, als Cyborg auf eigenen Füßen zu stehen – wir haben hohe Unkosten und müssen für Wartung und Versorgung einen Aufwand betreiben, den ich lieber nicht näher schildern möchte.
Noch einmal überprüfe ich mein Spiegelbild, um mich zu vergewissern, dass ich genau richtig aussehe, eine Hightech-Amazone mit silbernen Haaren, die zu einem langen Pferdeschwanz gebunden sind. Ein funkelndes Wunderwerk der Technik. Schließlich sollte ich ja die nächste Generation der Kriegsführung verkörpern.
In den letzten paar Stunden haben sich die Ereignisse überschlagen. Von der Hanscom Air Force Base, wo die Sicherheitsüberprüfungen geschlagene drei Stunden dauerten, flog ich zu einem privaten Hubschrauberlandeplatz. Zahlreiche Reporter hatten sich vor dem Hauptquartier der Champions versammelt und fragten lautstark nach CoreFire, aber keiner hat mich erkannt. Dann folgte eine weitere ausgedehnte Sicherheitsüberprüfung, bis ich endlich meinen Besucherausweis bekam.
Obwohl ich schon spät dran war, blieb ich im Trophäenraum vor dem Krisenzimmer der Champions stehen, um die Erinnerungsstücke und Gruppenfotos des besten Superteams der Welt zu betrachten. Zwei der Gesichter fehlen jetzt, am Tisch bleiben zwei Plätze leer. Niemand sagt etwas, aber es ist offensichtlich, wen ich ersetzen soll. Galateas perfekt modelliertes Gesicht blickt von den Hochglanzfotos herab. Sie war ein Engel aus Metall.
So treffe ich als Letzte ein. Niemand schaut auf – die Sitzung hat bereits begonnen. In der Nähe von so großer Macht wird mir beinahe schwindlig. Der Anblick der Helden erinnert mich an die unglaublich lebhaft-bunten Karten eines Quartetts – nur, dass jeder zu einem anderen Kartenspiel zu gehören scheint. Die Anzüge und Namen passen nicht zusammen und könnten aus Alice im Wunderland stammen. Ein Mann mit dem Kopf eines Tigers sitzt neben einer Frau aus Glas. Die Frau rechts neben mir hat Flügel. Genau hier will ich sein – bei den Akteuren.
Die Champions sind finanziell gut ausgestattet. Ein schimmernder Metalltisch, eine gewölbte Decke, ein Dutzend Instrumententafeln mit blinkenden Lichtern. Die Atmosphäre ist aufgeladen. Hier haben sich die größten Helden der Welt versammelt. Ihre Porträts sind ringsherum aufgehängt, die Bilder der Persönlichkeiten, die sie vor zehn Jahren waren. Zwei von ihnen, Galatea und CoreFire, fehlen jedoch.
»Was es auch ist, es ist ein globales Problem. Die Gezeiten kommen unregelmäßig, und in der Tiefsee ist die Temperatur gesunken. Außerdem wird CoreFire immer noch vermisst.« Im Krisenzimmer erklärt Damsel uns, dass die Welt untergeht. Wir sitzen im Halbkreis wie Schulkinder. Ein U-förmiger Tisch nimmt den größten Teil des Raumes ein, Damsel schwebt am offenen Ende vor der Monitorwand.
Ihr Kraftfeld flackert grün und indigofarben vor dem hautengen roten und purpurnen Kostüm. Aus unzähligen Interviews und von den Titelseiten vieler Zeitschriften kenne ich ihr Gesicht. Eine schlanke, hübsche brünette Frau, die bis auf die seltsamen kleinen Male am Hals eher unauffällig wirkt. Sie hat die Ausstrahlung eines Filmstars, aber ihre Kraft ist keine Illusion.
Damsels Vater war Stormcloud, die wichtigste Stütze des alten Super Squadron. Damsel ist somit eine seltene Erscheinung, eine Superheldin kraft ihres Erbguts. Stormclouds Einfluss auf das Wetter war wohl nicht genetisch bedingt, aber seine Kraft und seine Geschwindigkeit hat er vererbt. Sie trägt zwei Schwerter, die mit Draht umwickelten Hefte ragen hinter ihren Schultern empor.
Der Monitor, der die ganze Wand einnimmt, flackert und zeigt meteorologische Ereignisse, die Schauplätze der jüngsten übermenschlichen Verbrechen oder die Profile einiger flüchtiger Superschurken. Die acht Menschen am Konferenztisch zählen zu den berühmtesten Superhelden der Welt. Leute wie Feral, Rainbow Triumph und Elphin. Die Luft summt beinahe vor Macht. Dies sind die Personen, die mehr als einmal buchstäblich die ganze Welt gerettet haben.
»Honey, wir haben seit fast einem Jahr keine ernsthafte Bedrohung mehr gehabt. Ich langweile mich fast zu Tode.«
Das war Blackwolf. Er spielt mit einem Blackberry und wirbelt gleichzeitig mit der freien Hand ein Kampfmesser herum. Früher hat er als Turner bei den Olympischen Spielen teilgenommen, er ist Millionär und war einmal die Geißel der Unterwelt. Genau genommen besitzt er keine übernatürlichen Kräfte, sondern kämpft mit bloßer Faust und verschiedenen Hilfsmitteln. Er ist sogar stolz auf seinen Mangel an übernatürlichen Begabungen – und jeder verstärkte Held, der es wagte, eine Bemerkung darüber zu verlieren, sah sich bald darauf zu einem freundschaftlichen Ringkampf herausgefordert. Blackwolf hat noch nie verloren. Außerdem ist er Damsels geschiedener Ehemann.
Ihr Energiefeld färbt sich einen Moment weiß. Dann stößt Feral, das Katzenwesen, ein fauchendes Lachen aus. »Vielleicht solltest du dich wieder an die Arbeit machen und etwas Zeit auf der Straße verbringen.«
Damsel geht nicht darauf ein. »CoreFire sollte wenigstens auf den Ruf antworten. Er hat das gleiche ausfallsichere Signalgerät wie wir alle.«
»Ich weiß«, erwidert Blackwolf. »Ich habe es ja entworfen.«
»Ob er den Planeten verlassen hat?«, frage ich.
»Nicht ohne etwas zu sagen. Wir haben da eine klare Absprache«, entgegnet Damsel. Ich warte auf ein Zeichen, ob es eine dumme Frage war.
»Du glaubst anscheinend, es steckt mehr dahinter«, sagt Blackwolf, als hätte ich nie das Wort ergriffen.
»Auch ich habe es gespürt. Eine Emanation der Finsternis.« Wir drehen uns alle um. Mister Mystics Stimme ist bedeutungsschwer, und selbst hier im sonnendurchfluteten Sitzungssaal scheinen die Schatten in der Ecke, wo er steht, dichter zu sein. Er trägt einen Smoking und ein karmesinrot gefüttertes Cape, mit dem er an die Karikatur eines Bühnen-zauberers erinnert. In einer Schlinge an der Hüfte steckt sogar der Zauberstab. Rainbow Triumph verdreht die Augen. Ich würde lachen, wenn ich nicht einmal in den Fernsehberichten gesehen hätte, wie er hoch über Colorado schwebend einen abgestürzten Satelliten über einem Vorort von Denver festhielt.
Draußen schimmert der East River in der Sonne. Auf dem Tisch liegt ein unberührter Berg von Bagels.
»Finsternis? Du meinst damit sicher Verbrechen.« Ferals Stimme ist ein verzerrtes Knurren, weil die Eckzähne stören. Er ist ein Mutant, ein genetisch geprägter Metahumanoide. Obwohl er so groß ist, hockt er wie eine Katze auf dem Bürostuhl. Wie kann jemand, der so aussieht, auf natürlichem Wege geboren werden? Vermutlich ein Produkt der Gentechnik. Die offizielle Version gibt einem Unfall die Schuld. Er hat einen langen Katzenschwanz, der nervös zuckt und gegen die Stuhllehne prallt.
Ich kenne diese Leute. Jeder kennt sie. In den achtziger Jahren riefen sie die Champions ins Leben, als das alte Super Squadron in den Ruhestand ging. Leute wie Go-Man und Regina hatten in ihm gedient. Die neue Truppe war jünger und attraktiver als ihre Vorgänger, jene anscheinend unsterblichen Helden des Nachkriegsbooms mit ihrem staatsmännischen Gehabe und ihren hellen Kostümen, die an die Flaggen fremder Länder erinnerten. Die vorherige Generation war durch die Kriege gegen die Aliens in den siebziger Jahren geprägt worden, und diese Leute hier stellten die jüngere, elegantere Ersatzmannschaft. Wenn das Super Squadron das goldene Zeitalter war, dann waren sie das silberne.
Einige tragen nicht einmal mehr Masken. Sie haben keine Tarn-identität als einfache Arbeiter. Sie gehen mit Filmstars aus und besuchen Wohltätigkeitsbälle wie andere Berühmtheiten. Auch ihre Kräfte sind modern – schnell, fließend, nichtlinear. Die riesigen Muskelpakete sind aus der Mode gekommen, und die neuen Kräfte nehmen anscheinend deren Platz ein. Alle paar Jahre ändert sich die Zusammensetzung des Teams, aber diese hier bilden den harten Kern. Sie sind diejenigen, die schon vor dem Zerwürfnis vor neun Jahren da waren.
Für den Fall, dass ich nie wieder so nahe herankomme, schieße ich mit der Kamera in meinem linken Auge ein paar Standfotos und halte Einzelheiten fest, die man in den Zeitschriften nie zu sehen bekommt, wie etwa das Glitzern des Lichts auf Lilys Haut. Damsel sieht beinahe alltäglich aus, während Lily das genaue Gegenteil ist – das Tageslicht ruft verrückte Effekte auf ihrem Körper hervor. Ich kann gar nicht glauben, dass sie Lily hierher eingeladen haben. Niemand redet mit ihr, Blackwolf behält sie misstrauisch im Auge.
»Ich will kein spektakuläres Ereignis inszenieren. Ich rede nicht davon, das Team wieder zusammenzurufen, okay? Meiner Ansicht nach wäre es allerdings klug, wenn einige von uns sich ein paar Dinge näher ansehen würden, und zwar möglichst diskret.«
Blackwolf rutscht auf seinem Stuhl hin und her. »Wir reden immerhin über CoreFire. Er ist ein großer Junge und kann selbst auf sich aufpassen.«
Ich beobachte ihn unauffällig und denke an seine übernatürlichen Reflexe. Mit kräftigen und doch geschmeidigen Händen hebt er die Computerausdrucke an. Ich kann Narben und Schwielen erkennen. Die Hände eines Pianisten, der zum Preisboxer mutiert ist.
»Wir haben einige neue Gesichter hier, deshalb sollten wir uns vorstellen. Ich bin Damsel.« Die Maske verbirgt, was in ihr vorgeht.
Sie kennen sich alle untereinander, absolvieren aber trotzdem die Vorstellungsrunde. Vermutlich, so denke ich, ist dies vor allem mir gegenüber eine höfliche Geste.
»Feral.« Es klingt wie ein keuchendes Husten.
»Blackwolf.« Er nickt und sieht genauso aus wie auf dem Titelbild von GQ. Der schwarze, eng anliegende Anzug betont seine perfekt definierten Muskeln. Er ist fast vierzig, wirkt aber wie fünfundzwanzig. Genetisch vollkommen.
»Rainbow Triumph.« Sie hat eine helle, quietschende Stimme wie aus einem Zeichentrickfilm.
»Mister Mystic.« Mystic hat eine wundervolle Baritonstimme, energisch und voll. Ich frage mich, ob er früher mal als Schauspieler gearbeitet hat.
»Elphin.« Ein Flüstern, das dem eines Kindes gleicht und dennoch irgendwie alterslos wirkt. Eine Stimme, die einst naive junge Ritter in den Untergang gelockt hat.
»Lily.« Die Frau aus Glas. Als sie ihren Namen nennt, steigt die Anspannung im Raum merklich an. Sie hat lange für die Gegenseite gearbeitet und ist, wie einige aus erster Hand wissen, stärker als die meisten anderen. Jetzt ist sie aus dem Zauberspiegel gesprungen und hat die Welt der Helden betreten. Ich frage mich, wie sie hierhergereist ist.
Als ich an der Reihe bin, sagt Damsel ein paar höfliche Worte über die Heckenschützen, die ich ausgeschaltet habe. Die NSA erwähnt sie nicht. Ich stehe linkisch herum und nenne meinen Künstlernamen. Meine Körpergröße ist mir etwas peinlich.
»Fatale.« Wenn ich spreche, ertönt immer ein digitales Summen, das die Techniker nicht aus meiner Stimme herausbekommen haben. Als ich mich wieder hinsetze, prallt ein gepanzerter Ellbogen laut auf die marmorne Tischplatte. Ich trage keine Maske, kämpfe aber oft gegen den Drang an, mein neues Gesicht hinter den silbernen Haaren zu verstecken, die sie mir verpasst haben. Der größte Teil besteht aus Nylon.
Sie fanden mich in Boston, wo ich von den Resten der Belohnung für die Ausschaltung der Heckenschützen lebte. Außerdem hatte ich nach der Aufhebung meines Vertrags eine Abfindung von der NSA bekommen. Man wird nicht auf einen Schlag zum Superhelden, und in jener Phase hatte meine Karriere gerade erst begonnen. Nacht für Nacht trieb ich mich in Allston, Roxbury oder Somerville herum und stimmte meine Sinne auf den Polizeifunk und die Notrufnummern ein, um möglichst vor den Ordnungshütern am Ort des Geschehens einzutreffen. Obwohl ich angeblich in dieser Gegend aufgewachsen bin, konnte ich mich an nichts erinnern. Die Bezahlung war nicht sehr hoch, und ewigen Ruhm als Superheldin konnte man damit auch nicht erwerben, aber ich brauchte irgendeine Arbeit und hatte schließlich das Glück, auf die Heckenschützen zu stoßen.
Als ich eines Tages nach Hause kam, war Damsel schon da. Sie stand vor dem Fernseher auf dem Läufer und starrte mich kritisch an. Ich wusste natürlich, wer sie war, und offensichtlich kannte sie auch mich.
»Du musst Fatale sein.« Es klang ein wenig gereizt. Sie wurde als Hologramm projiziert, was im Kreis der Superhelden einem Telefonanruf entspricht. Ihr linkes Bein verschmolz mit einem billigen Kaffeehaustisch. Sie hatte nicht viel Platz, um zu materialisieren. Ich fragte mich, wo der Sender war.
»Damsel?« Ich musste mich ein wenig ducken, als ich den Raum betrat. »Ich will dir anbieten, dich einer Gruppe anzuschließen, die wir gerade aufbauen. Wenn du bereit bist, findet in unserer Niederlassung in Manhattan ein Treffen statt. Wie ich hörte, bist du im Augenblick nicht gebunden.«
»Äh, ja, richtig. Sicher. Also, ich bin natürlich interessiert. Und einen festen Arbeitgeber habe ich derzeit auch nicht.«
»Ausgezeichnet. Die Einzelheiten werden dir per Kurier übermittelt. Wir zählen auf dich.« Damit verblasste sie. Was für eine Technik sie auch einsetzte, es war allem, was man normalerweise sieht, weit überlegen.
Mir fiel auf, dass sie mir nichts versprochen hatte. Auch das Wort »Team« hatte sie nicht gebraucht, wie es die alten Champions getan hatten. Vor der Heirat von Blackwolf und Damsel war die Truppe fast so etwas wie eine Familie. Niemand rechnete damit, dass sich dies wiederholen würde. Sie wollten einen Helden einbeziehen, der wie Galatea als Techniker eingesetzt werden konnte, aber sie wollten nicht so tun, als solle eine vergleichbare Beziehung entstehen.
Die Unterhaltung, die zu diesem Angebot geführt hatte, konnte ich mir lebhaft vorstellen.
»Wen können wir sonst noch fragen? Wir brauchen jemanden, der sich mit Maschinen auskennt.«
»Dreadstar?«
»Ähm …«
»Calliope? Argonaut? Breach?«
Ein Chor empörter Rufe: »Nicht der verdammte Breach!«
»Tja, wen nehmen wir dann? Wir haben kein Medium und keinen Techniker …«
»Sucht einfach jemanden aus, der sich nicht als riesige Kata-strophe entpuppt. Lasst uns doch über den Computer eine Liste ausdrucken.«
Sie hatten sich meine Fotos und Referenzen angesehen und mich auf die Liste gesetzt. Die offizielle Einladung kam in einem schweren Umschlag aus knisterndem, samtweichem Papier. Ich sollte zwei Tage später zu einer bestimmten Zeit in ihrem Hauptquartier an einem informellen Treffen teilnehmen. Sie schickten sogar ein Flugticket mit. Ich war noch nie erster Klasse geflogen.
Wenn sie über CoreFire sprechen, werden Erinnerungen an die alten Zeiten wach. Früher waren sie mal ein Team – sie haben ihren Lebensunterhalt damit bestritten. Sie kommen mir alle ein wenig eingerostet vor, Damsel beschäftigt sich nur noch halbtags mit der Verbrechensbekämpfung. Trotz ihrer Macht verbringt sie mehr Zeit damit, Spenden für Amnesty International zu sammeln. Elphin gibt eine Serie mit Kosmetikprodukten heraus. Mister Mystic arbeitet für eine eigenartige, exklusive Klientel als Berater.
»Na gut, wir stellen also fest, dass er fehlt. Und was jetzt?« Dank seines natürlichen Charismas wirkt Blackwolf, als sei er der Vorsitzende.
»Wer hat ihn als Letzter gesehen?«, fragt Damsel.
»Ich«, antwortet Blackwolf gelassen. »Er sah gut aus.« Blackwolf kann sich damit brüsten, der einzige Mensch zu sein, der CoreFire jemals bewusstlos geschlagen hat. Manchmal lässt er sich noch in seinem Kostüm blicken, aber es dient heute vor allem der Werbung für seine Firmenbeteiligungen.
»Er sieht immer gut aus«, erwidert Feral. Er ist einer der wenigen Helden dieses Kalibers, die immer noch draußen auf der Straße Drogendealer hochnehmen und Räuber zur Strecke bringen. »Damsel? Ihr seid doch in Verbindung geblieben.«
»Ich habe ihn seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Das letzte Mal war damals, als wir zusammen Impossible erledigt haben. Da war er gut in Form. Unbesiegbar wie immer.«
Ich verfolge die Unterhaltung und komme mir überflüssig vor. CoreFire bin ich nie begegnet, ich habe ihn nie mit eigenen Augen gesehen.
»Durch Magie kann er verletzt werden, das ist bekannt. Einmal war ich Zeuge, wie ein Pfeil ihn traf. Irgendeine Art von magischem Pfeil.«
»Ein magischer Pfeil ist ein Objekt, von dem du nichts verstehst, Blackwolf«, erwidert Mister Mystic. »In meinem derzeitigen Betätigungsfeld stoße ich nur selten auf solche Dinge, aber ich werde mich umhören.«
»Aus dem Reich des Waldes gibt es nichts zu berichten.« Elphin reißt die Augen weit auf und raschelt mit den Flügeln.
Damsel holt tief Luft.
»Dann hört euch meinen Vorschlag an. CoreFire hat bisher noch nie einen Ruf unbeantwortet gelassen, und falls er in Schwierigkeiten steckt, muss es eine ernste Sache sein. Sollte Doctor Impossible die Fäden ziehen, ist dies genau die Gelegenheit, auf die er gewartet hat. Wir wollen eine … eine Gruppe zusammenstellen. Ein paar Leute aus der Gemeinschaft der Begabten. Ihr bildet den harten Kern.«
Darüber müssen sie nachdenken. Vor ihrer Auflösung waren die Champions für die Gesellschaft sehr wichtig, aber der harte Kern hat sich bis heute nie wieder an ein und demselben Ort versammelt.
Sie können nicht mehr ruhig sitzen. Feral schreitet mit peitschendem Schwanz hin und her. Damsel wickelt den Griff eines Schwerts neu, während sie spricht. Elphin fliegt hoch, hockt sich auf einen Computer und hält ihren langen Elfenspeer locker in einer Hand. Die zackige Metallspitze berührt beinahe die gewölbte Decke.
Rainbow Triumph tippt mit einem Fuß auf den Boden, sieht mich oder die Decke an und trommelt mit lackierten Fingernägeln auf den Tisch. Es lag nahe, sie auszuwählen, denn sie ist eine berühmte Heldin, die allgemein beliebt ist und großzügige Firmen im Rücken hat. Wahrscheinlich wurde die Einladung über Gentech und ihren Agenten abgewickelt. Ich bin ein wenig erstaunt, dass sie überhaupt noch dabei ist. Kindliche Superhelden scheitern oft – denken Sie nur an Impkin oder den armen Theodore Bear.
Ich kratze mich an der Stelle, wo die Stahllegierung mit meiner Haut verbunden ist. Der Übergang ist völlig nahtlos wie zwischen zwei Schichten italienischer Eiscreme. Irgendein moderner Zauber mit Proteinen, bei dem sie großes Glück hatten. Darunter sieht es viel hässlicher aus. Überall verlaufen Drähte wie Unkrautranken, und auf der rechten Seite ist immer noch viel mehr menschliches Gewebe, als man vermuten könnte. Nur das Team von Protheon kennt die Einzelheiten.
Blackwolf betrachtet der Reihe nach alle anderen, sein Blick wandert zu Ellbogen und Knien, zu ihren wunden Punkten. Er verwendet viel Zeit und Nachdenken darauf, wie er denjenigen, den er gerade betrachtet, verletzen könnte, falls es je zu einem Kampf kommen sollte. Das ist nichts Persönliches. Es ist das Einzige, in dem er wirklich gut ist, und es ist erstaunlich, dass er so lange überlebt hat. Bevor er zum Superhelden wurde, hatte man bei ihm einen leichten Autismus festgestellt.
Nur Lily bleibt völlig still. Sie sitzt ein Stück entfernt am Tisch wie eine aus Plexiglas gemeißelte Skulptur. Auf einmal hebt sie einen durchsichtigen Arm.
»Warum … warum glauben wir denn, es sei Doctor Impossible? Ist er nicht immer noch im Gefängnis?« Lily gibt sich große Mühe, unbeteiligt zu wirken. Damsel antwortet und erwidert ihren Blick.
»Ich glaube es eigentlich auch nicht, aber wer weiß schon, wozu der Mann fähig ist? Etwas so Bedeutendes geschieht jedenfalls nicht ohne sein Wissen.«
»Wo sitzt er überhaupt?«
»Im Hochsicherheitstrakt einer Anstalt in der Nähe von Chicago.«
»Hört mal, wenn ihr euch seinetwegen solche Sorgen macht, warum fragt ihr ihn nicht selbst?« Lily scheint amüsiert zu sein. Sie und der Doctor waren in ihren gar nicht so lange zurückliegenden Tagen als Schurkin ein Paar.
»Er kennt uns. Er redet nicht mit uns. Es sei denn, du glaubst, dir könnte es gelingen, ihm etwas zu entlocken?« Blackwolf antwortet gleichmütig und sogar freundlich. Er will beobachten, wie sie es aufnimmt.
»Ich hatte gehofft, wir könnten hier einige Informationen zusammentragen, Lily.« Feral hält ihrem Blick stand; seinem Tigergesicht ist nicht anzusehen, was er denkt. Angeblich hat er ein Alkoholproblem, aber er kann immer noch kämpfen wie ein Berserker.
»Wie meine Anwesenheit in diesem Raum euch eigentlich verraten sollte, habe ich meine alten Verbindungen größtenteils verloren. CoreFire hat viele Feinde. Jeder von ihnen hätte herausfinden können, dass er Iridium nicht verträgt.«
»Darauf achten wir ohnehin schon«, gibt Damsel bissig zurück.
»Ich will damit nur sagen, dass es eine Menge Leute gibt, die sich überlegen, wie sie ihn beseitigen können. Außerdem habt ihr gar nicht aufgepasst. Ihr seid von der Bildfläche verschwunden und habt … was auch immer ihr gemacht habt.« Lily wartet auf ihre Reaktion. Mir wird klar, dass das Vorstellungsgespräch bereits begonnen hat.
»Du hattest vielleicht Zeit dazu. Ich kümmere mich um meinen Job. So habe ich es schon immer gehalten«, grollt Feral und lehnt sich zurück.
Ein unbehagliches Schweigen senkt sich über den Raum. Zu viele Helden, zu viel Geschichte.
