Dr. Karsten Reich - Herr Thönder - E-Book

Dr. Karsten Reich E-Book

Herr Thönder

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Beschreibung

Dr. Karsten Reich ist ein junger Arzt, der alles mitbringt: Gute Noten, hervorragende Abschlüsse, viel Wissen und vor allem ein großes Ego. Seine erste Anstellung führt ihn aufs Land, in die tiefste Provinz, dorthin, wo sich nicht einmal Fuchs und Hase "Gute Nacht" sagen, weil sie den Ort nicht kennen und auf keiner Karte finden können. Dr. Reich lernt ein völlig neues Leben und völlig neue Menschen kennen - und sich selbst als Landarzt. Doch wie lange wird er diese Stelle überhaupt behalten? Immerhin fühlt sich Dr. Karsten Reich zu deutlich Höherem berufen. Denn: Besser geht's nicht!

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Seitenzahl: 195

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Herr Thönder

Dr. Karsten Reich

Besser geht's nicht!

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1 – Alles nur Kathrins Schuld

Kapitel 2 – Aller Anfang

Kapitel 3 – Einsatz, Herr Doktor!

Kapitel 4 – Espresso-Gate

Kapitel 5 – So sehen Sieger aus

Kapitel 6 – Ein echter Notfall

Kapitel 7 – Es gibt Leben

Kapitel 8 – Armanis Taufe

Kapitel 9 – Hach, was ist das schön. Oder?

Kapitel 10 – Wahrheit ist relativ

Kapitel 11 – Mission impossible

Kapitel 12 – Bingogate

Kapitel 13 – Berlinreise für Anfänger

Kapitel 14 – Ende, oder?

Epilog

Herr Thönder

DANKE!

Impressum neobooks

Prolog

Die Wehen kommen immer schneller hintereinander. Oje.

Das ist doch meine erste Geburt. Genauer gesagt: Die erste Geburt für die ich als Arzt verantwortlich bin. Ojeoje.

Ok, Karsten, ganz ruhig, was hast Du gelernt? „Halt! Nicht mehr pressen. Hecheln...“

Ich spüre die Blicke der anderen. Familie und Helfer blicken alle zu mir, als ich schweißgebadet vor mich hin murmele. Ich bin nervös und angespannt. Aber was soll ich machen? Diese Geburt muss klappen. Wenn das schiefgeht, habe ich keine ruhige Minute mehr. Ich wäre am Ende, bevor ich überhaupt richtig angefangen habe. Die Geburt ist sozusagen meine persönliche Taufe. Das kann doch nicht so schwer sein. Sogar Gynäkologen können das.

„So, wieder pressen...“

Erneut spüre ich die Blicke. Auch die werdende Mutter guckt mich nun an. Ihre großen, dunklen Augen sprechen Bände: „Nun halt endlich die Klappe und mach einfach Deine Arbeit!“ scheinen sie mir entgegenrufen zu wollen. Vertraut sie mir? Ist sie auch skeptisch? Starrt sie vielleicht einfach nur durch mich hindurch und denkt gar nichts?

Nicht ablenken lassen, Karsten.

„...nicht mehr pressen... ruhig atmen...“

Bald wird die nächste Wehe kommen. Wie lange dauert sowas denn?

Immer mehr Schweiß rinnt meine Stirn herunter. Immer bohrender werden die Blicke der anderen. Lachen die mich etwa aus? Egal!

Die nächste Wehe. „Pressen!“

Die werdende Mutter blickt mich wieder an. Ihr Blick versenkt sich in meinen. Sie reißt die Augen weit auf.

„MUUUUUUUUUUUUUUUUH“...

Kapitel 1 – Alles nur Kathrins Schuld

Na super – Stau. Zumindest nennt man das dort, wo ich hinfahre, sicherlich so, wenn man auf einer Landstraße im nirgendwo zwischen einer Kuh- und einer Schafherde eingekesselt im Auto steht.

Wo ich hinfahre? Auch wenn mir das etwas unangenehm ist und ich kaum wage, es auszusprechen: Ich fahre zu meiner ersten Arbeitsstelle. Da ich normalerweise ein Ausbund an Pünktlichkeit bin, werde ich besser wegen meiner vermutlich verspäteten Ankunftszeit dort anrufen.

„Reich hier... Dr. Reich... Ihr neuer Arzt... Ja, genau... Ich wollte nur kurz sagen, dass ich im Stau stehe... Im Auto, genau... Ja, Landstraße... Naja, ich komme später... Ja, deshalb rufe ich an... Kühe und Schafe... Ja, genau, witzig, haha... Ja, bis später...“

Das war Frau Hufschmied am Telefon. Meine neue Arzthelferin. Wahrscheinlich eher eine Vorzimmerdame, eine echte Ausbildung kann ich mir da nicht vorstellen.

Frau Hufschmied ist altersmäßig irgendwo in den Fünfzigern und hat einen Humor, den zu finden mir noch nicht gelungen ist. Und sie ist so ruhig, dass sie mir schon träge erscheint. Schon beim Vorstellungsgespräch haben die Formulierungen ihrer Fragen so lange gedauert, dass ich manchmal Sorge hatte, einzuschlafen: „Also, Herr Dr. Reich. (PAUSE) Nun. (PAUSE) Sie sind ja noch ein recht junger Mann. (PAUSE) Also, bitte verstehen Sie mich nicht falsch. (PAUSE) Aber haben Sie sich das gut überlegt?“ NEIN, NATÜRLICH NICHT!

Schon bei der Frage wäre ich beinahe eingeschlafen. Die Antwort wiederum hat mich einfach nur wahnsinnige Überwindung gekostet: „Aber natürlich. Ich pflege alles, was ich mache, genau zu überlegen.“

Als Frau Hufschmied später noch einmal Kaffee holen gegangen ist, glaubte ich schon, einen Suchtrupp losschicken zu müssen, so lange war sie unterwegs. Von einem Raum in den Nachbarraum brauchte sie eine geschlagene Minute. Kein Wunder bei den geschätzten 120 Kilogramm, die sie auf die Waage bringt.

Da sind mir direkt die praktischen Fragen ins Hirn geschossen: Ob sie wohl in der Lage ist, in einer echten Notsituation schnell zu reagieren? Was, wenn einmal ein Trecker umkippt und ein Bauer gerettet werden muss? Kann sie mir dann helfen oder steht sie nur beschränkt glotzend im Weg?

Und dann dieses niveaulose Kichern am Telefon vorhin. „Und deshalb rufen Sie an? Hihihi...“

Sehr witzig. Ich bin es gewohnt, dass ich erwartet werde. Es ist keineswegs egal, wenn ich mich verspäte. Ihr wartet da nicht auf irgendwen, ihr Landeier.

Ist doch wahr! Ich bin Einser-Schüler gewesen. Und Einser-Student. Alle Abschlüsse habe ich mit Auszeichnung gemacht. Ich bin zu deutlich höherem berufen als zu einer Stelle als Landarzt. Ich bin... na gut: Ich werde der beste Chirurg Deutschlands. Ach was, der Welt!

Egal, wie stolz meine Mutter auf mich ist („Oh, Karsten, das ist ja toll. Landärzte werden ja so gebraucht!“), werde ich nicht lange in so einem Kaff bleiben. Ich brauche eine Stadt. Hamburg, München, Berlin, Köln. So etwas schwebt mir vor. Kein Kuhdorf mit 200 Einwohnern, wo die nächste Stadt nur mit dem Auto über die Landstraße erreichbar ist.

Der nächste Friseur womöglich auch. Meine armen Haare.

Oh, Mann. Was habe ich da nur vor? Und alles nur wegen Kathrin, dieser unkultivierten Ziege.

Apropos: Der Gestank der Schafherde zieht langsam ins Auto. Da schon seit einer Weile die Sonne scheint, hat sich das Auto dementsprechend aufgeheizt. So verteilt sich das Ganze wie ein Aufguss in der Sauna. Leider auf der anderen Seite der Skala meiner olfaktorischen Vorlieben.

Schnell schalte ich die Lüftung auf Innenzirkulation um. Klimaanlage an. Der Benzinverbrauch ist mir egal, die Abgase meines Autos riechen besser als die von den Kühen.

Kühe mag ich eh nur medium oder als Jacke.

Ich wollte doch einfach nur Chirurg sein. Einfach nur eine Stelle an einer großen, renommierten Klinik, genug Möglichkeiten zum beruflichen Aufstieg, ein super Gehalt. Nette, junge, hübsche Kranken- und OP-Schwestern, die mich selbstverständlich vergöttern. Meine Ansprüche sind doch nicht zu hoch. Nicht bei meinen Qualifikationen.

Und jetzt stehe ich hier. Auf dem Weg zu meiner ersten Stelle. Einer Stelle auf dem Land. Einer Stelle, die ich meinen sogenannten Studienfreunden zu verdanken habe. Die haben eine kleine Schwäche meinerseits ausgenutzt und mich hinterhältig dazu gezwungen, hierher zu müssen. Die wussten doch ganz genau, dass ich keine Stelle ausschlagen würde, wenn ich sie schneller als Kathrin kriege. Egal, wo die Stelle auch sein mag, ich würde sie nehmen, um den entsetzten Gesichtsausdruck meiner Zwillingsschwester zu sehen, wenn ich unseren Eltern verkünde, dass ich einmal etwas als erster geschafft habe.

Und ja, es hat sich gelohnt. Die Erinnerung an das Gesicht meiner um genau 6 Minuten älteren Schwester werde ich wohl niemals vergessen. Als ich beim Familienessen verkündete, dass ich eine Stelle hätte, war das wie Weihnachten und Ostern zusammen.

Der Dämpfer kam, als ich erzählen musste, was für eine Stelle ich habe. Der Stolz meiner Eltern, der sich wenigstens einmal allein auf mich konzentrierte ist es aber wert. Zumindest kurzzeitig.

Und die Erinnerung an den Blick von Kathrin ist es noch mehr wert. Ich habe ihn in mir gespeichert. Für Momente, in denen ich mich nicht gut fühle. Momente wie jetzt.

Schon fühle ich mich besser. Jahrelange Demütigung ist wie auf einen Schlag vorbei. So etwas kommt dabei heraus, wenn man Zwillinge in eine Klasse steckt. Nur Konkurrenz.

Da muss ich mir glatt vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn wir damals auf dem Land gelebt hätten. In einem Dorf. In so einem wie jenes, in das ich jetzt fahre. Wie gesagt: Die Situation war dank meiner Schwester schon nicht schön. Aber wie wäre es gewesen, wenn die ganze Klasse aus Verwandten bestanden hätte?

So stelle ich mir das zumindest in diesem Kaff vor. Ein Klassenzimmer, in dem sämtliche Dorfkinder gemeinsam unterrichtet werden. 200 Einwohner. Die Namen sind noch sehr ursprünglich, ländlich, einfach, beinahe primitiv: Müller, Meier, Hufschmied, Schneider, Metzger. Die müssen doch alle irgendwie miteinander verwandt sein. Die werden es ja nicht so machen, wie mit ihren Tieren, dass sie einmal im Jahr auf eine Auktion gehen und ein paar Außenstehende kaufen...

Ok, Karsten, vergiss diese Gedanken. Atme tief durch und schau Dir mal die Gegend an.

Oh, Mann, da gibt es absolut nichts zu sehen. Felder. Kleinste Wälder. Kühe. Windmühlen. Zwischendurch mal einzelne Häuser. Sogar mal ein Auto in weitester Ferne. Und sonst? Gähnende Leere. Ach Du Scheiße!

So ist es auch in dem Dorf, soweit ich mich an den Besuch beim Vorstellungsgespräch erinnere. Nichts los. Kleinste Gässchen, die Häuser in genug Entfernung zueinander, dass jeder einen Garten rundherum haben kann. Und Scheunen. Mit Tieren drin. Igitt.

Ob es wohl ein Restaurant gibt? Irgendetwas, wo ich abends noch ein wenig entspannen kann? Einen Golfplatz für die Freizeit? Einen Supermarkt? Zivilisatorischen Fortschritt jeglicher Art? Haarpflegemittel?

Schnell kontrolliere ich den Sitz meiner Haare im Rückspiegel. Die dunklen Locken sind perfekt in Form. Nicht zu lang und nicht zu kurz. Ich hoffe, dass ich das so erhalten kann, bis ich eine echte Arbeit beginne.

Mir ist langweilig. Ich hole meinen Tablet-PC heraus und will im Internet nach Stellen suchen. Die Verbindung ist so langsam, sodass ich es schnell aufgebe. Toll, das geht ja super los.

Konzentrier Dich auf Deine Fähigkeiten, Karsten: Problemlösung. Wie sieht das Problem aus? Ich stehe im Stau. In Tierherden. Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es? Ein möglicher Weg führt mitten durch die Kühe. Das würde mir durch eine plötzliche Panik unter dem Viehzeug vielleicht mein Auto ruinieren und ist deshalb völlig inakzeptabel. Außerdem kann es ja sein, dass sie gerade zum Schlachter gebracht werden. Dieser Gedanke lässt mich kurz mit ihnen fühlen. Und in diesem Fall wäre auch Stress durch wildes Hupen kontraproduktiv. Das schmeckt dann doch nicht.

Die zweite Möglichkeit wäre die Flucht über die Felder. Das würde mir mein Auto ziemlich sicher ruinieren. Somit ist auch das gar keine Option. Allein der Gedanke ist skandalös.

Wer bin ich denn?

Ein Arzt. Ein Doktor. Wenn man so will, bin ich Chefarzt einer kleinen Klinik. Wer kann das schon mit Ende zwanzig von sich behaupten?

Ich habe sogar Angestellte. Ok, eine Angestellte. Dass das ausgerechnet eine wie Frau Hufschmied ist, macht es nicht besser.

Oh, mein Gott. Wie ich diese Stelle jetzt schon verachte. Aber ich muss sie antreten, sonst überholt mich Kathrin wieder. Wenigstens kurzfristig sollen meine niederen Instinkte einmal siegen und den Triumph über meine Schwester auskosten dürfen.

Mein Plan ist ganz einfach: Ich warte weiterhin auf Antworten auf meine Bewerbungen, bewerbe mich außerdem weiter und arbeite nebenbei ein bisschen auf dem Land. Was wird diesen Landeiern schon fehlen? Bei 200 Einwohnern werde ich neben den Impfungen und Grippebehandlungen wohl noch Zeit für Bewerbungsgespräche und Kontaktpflege haben.

Dieser Exkurs hat mich der Lösung meines Problems nicht wirklich näher gebracht. Vielleicht muss ich den Stau wegen des ländlichen Familienausfluges einfach durchstehen. Immerhin habe ich es ja nicht wirklich eilig da hin zu kommen.

So schnell, wie ich diese Stelle antreten sollte, scheinen die es aber eilig mit mir zu haben. Der vorige Arzt scheint kurz vor dem Tod aus Altersschwäche zu stehen. Das wird aber nicht der einzige Grund sein. Niemals wären sonst die letzten Worte von Frau Hufschmied nach dem Vorstellungsgespräch gewesen: „Es wäre so schön, wenn Sie zu uns kommen würden, Herr Doktor. Wir brauchen Sie hier wirklich!“

Verständlich, oder? Wer würde mich nicht als Arzt wollen? Wer könnte mich nicht als Arzt brauchen? Wer mich nicht braucht, ist auch nicht krank. Oder tot.

Also keine Panik, Ihr Landeier: Der Herr Doktor kommt!

Der Herr Prädikats-Doktor. Herr Doktor Reich. Wie passend. Nomen est omen.

Wenn auch das Handynetz etwas zu wünschen übrig lässt, bin ich ja schon froh, dass sie überhaupt Telefonanschluss haben. Gespannt bin ich ja mal auf das Internet. Hoffentlich zerstören die bei der Aussaat nicht immer die Kabel.

Und diese Frau Hufschmied geht mir auch schon auf den Senkel. Offenbar war die erste Aufgabe des vorigen Arztes, sie auf die Welt zu bringen. So war von Anfang an klar, dass sie Arzthelferin – oder besser: Helferin des Arztes – werden würde. Sozusagen als Bezahlung für die ärztlichen Mühen bei der Geburt.

Kann das hier jetzt mal weitergehen? Ich rolle hier jetzt schon geschlagene 20 Minuten zwischen Else und ihren Kolleginnen die Landstraße entlang. Das Lenkrad ist durch mein Getrommel bestimmt schon aufgeweicht. Aber jetzt scheint es endlich so, also würde der Bauer auf die Felder rechts abbiegen. Es geht weiter. Meine Euphorie ist kaum zu bändigen. Mein Sarkasmus auch nicht.

Mit Vollgas schieße ich los, im Rückspiegel sehe ich den Bauern, der sich vor Husten krümmt. Was stehst Du auch in meiner Staubwolke, Du Trottel? Landleben kann doch auch schön sein. Ich muss tatsächlich ganz ehrlich lächeln.

Nach einer Weile fahre ich nicht mehr ganz so schnell. Bei den Kurven wäre das fahrlässig. Ich versuche, mich in die passende Stimmung zu bringen: Auf zum fröhlichen Amtsantritt bei der Kurzzeitstelle Landarzt. HURRA! Jetzt werden die Landeier mich kennenlernen. Und sie werden lernen, was es heißt, von einem echten Arzt behandelt zu werden.

Sind die da eigentlich versichert? Vor Schreck bremse ich heftig und knalle fast mit dem Kopf aufs Lenkrad. Erschrocken kontrolliere ich meine Stirn, aber vor allem die Frisur. Sitzt.

Ruhig, Karsten. Wird schon. Auch auf dem Land gibt es Gesetze. Und eigentlich ja auch Geld. Notfalls muss ich die halt verklagen. Spätestens, wenn ich weg bin und die mich nicht mehr mit ihren Mistgabeln erreichen oder mich auf einem Scheiterhaufen verbrennen können.

Das Gehalt ist in der Tat nicht so hoch, wie ich es verdienen würde, aber dafür darf ich dort umsonst wohnen. Darf. HA, dass ich nicht lache.

Das Dorf kommt immer näher, in Sichtweite ist es auf diesem platten Land schon seit einer Weile. Und da kommt ja auch schon das Empfangskomitee. Na, das kann ja heiter werden.

Kapitel 2 – Aller Anfang

„Danke für unsern neuen Doktor,

Danke, dass Dr. Reich da ist,

Danke, denn schon eh‘ wir ihn kannten,

haben wir ihn vermisst!“

Die letzten Klänge des Klaviers verklingen und ich versuche, möglichst elegant den Krampf aus meinen Wangen zu bekommen. Ein freundliches Lächeln ist ja das Mindeste, was ich als Dankeschön für den Kinderchor des Dorfes übrig haben kann. Und mehr ist auch nicht drin.

Schon als ich in das Dorf einfuhr, konnte ich die Aufbauten für meine Begrüßungszeremonie nicht übersehen: Am Eingang des Dorfes wehte ein „Herzlich Willkommen“-Banner quer über der Straße. Vor „meinem“ Haus hatte sich offenbar das gesamte Dorf versammelt.

Das Haus, in dem ich ab heute vorübergehend leben und arbeiten werde, liegt fast direkt hinter dem von mir genutzten Ortseingang. Nicht, dass es von der anderen Seite kommend viel weiter gewesen wäre. Es handelt sich um ein altes Fachwerkhaus mit Reetdach, das innen zum Glück etwas modernisiert wurde, wie ich von meinem ersten Besuch weiß. Die Toilette befindet sich also innen und hat auch schon fließend Wasser. Liebhaber würden das Haus bestimmt als ein „Juwel der Baugeschichte“ bezeichnen. In meinen Augen handelt es sich eher um eine Bruchbude, die abzureißen allerdings nicht der Mühe wert wäre. Aber für die paar Wochen hier wird es wohl reichen.

Vor dem Haus gibt es eine kleine Veranda aus Eichenholz, zu der fünf Stufen hochführen. Behindertengerecht ist anders. Auf diesen Stufen hatte sich der Kinderchor versammelt, um synchron mit dem Ausschalten meines Automotors die ersten Töne des bekannten Kirchenliedes anzustimmen. Alle sechs Strophen plus einer selbst gedichteten.

Alle starren mich erwartungsvoll an, sodass ich lächelnd aus dem Auto steige.

„Ich muss sagen: Dieser Auftritt hat mir wirklich eine Gänsehaut beschert!“

Das ist doch nett, oder? Zumindest, wenn man nicht weiß, was genau ich damit meine, aber Ironie ist bestimmt noch nicht auf dem Land eingetroffen. „Woher wussten Sie nur, dass ich genau jetzt ankomme?“ Offenbar ist das für die Landbevölkerung ein Witz, denn alle lachten herzhaft los. Um nicht wie ein kompletter Idiot dazustehen, lache ich zaghaft mit und beschließe, dieser Frage später auf den Grund zu gehen.

„Nun ja, dann werde ich mich mal einrichten gehen...“

Mein Plan ist, dass ich mit diesen Worten einfach meinen Koffer nehmen und alles einräumen könnte. Der Plan des Dorfes sieht offenbar anders aus. Frau Hufschmied ergreift das Wort: „Lieber Herr Dr. Reich. PAUSE) Ich möchte sagen – und ich glaube, ich darf es auch – (HAHAHA) also ich fasse mich auch ganz kurz, weil sie ja auch bestimmt erschöpft sind von der Reise. (PAUSE) Wir freuen uns und deshalb möchte ich Sie in aller Bescheidenheit hier bei uns ganz herzlich willkommen heißen! (KLATSCHEN) Wie Sie sehen werden, haben wir ein kleines Büffet arrangiert und würden gerne mit Ihnen anstoßen und allen die Möglichkeit geben, Sie auch einmal kennenzulernen.“ KLATSCHEN!

Diese Ansprache hat der Anspannung meiner verkrampften Lachmuskeln nicht wirklich Entspannung gebracht. Aber was soll ich sagen? Mir bleibt nur eins:

„Dann sage ich mal: Hereinspaziert in die gute Stube! Fühlen Sie sich wie Zuhause!“ Irgendwer muss es ja tun.

„Moooooment“, tönt es da etwas zitterig durch die Menge. „Erst die Formalitäten!“

Unter dem allgemeinen Gelächter teilt sich die Menge wie einst das Rote Meer und gibt den Blick auf meinen Vorgänger frei. Doktor Reiter – der Himmel weiß, welche Bewandtnis es mit diesem Namen auf sich hat – steht etwas unsicher links neben der Treppe. In seinem grauen Anzug, den er bestimmt schon seit seiner Konfirmation besitzt, sieht er etwas verloren aus. Seine Hautfarbe hat sich dem Anzug mittlerweile fast angeglichen und sein Gesicht ist eines Faltenhundes würdig. Einziger Farbtupfer ist ein deutlicher Senffleck auf der ebenfalls grauen Krawatte. Doktor Reiter strahlt mich durch seine riesige Brille mit den unendlich dicken Gläsern schief an und fängt an zu reden:

„Lieber Herr Doktor Reich. Als Ihr Vorgänger im Amte des zuständigen Arztes und Vormieter in dieser bescheidenen Hütte möchte ich Ihnen hiermit ganz offiziell die Schlüssel zu Ihrem neuen Haus überreichen! Mögen Sie darin eine ähnlich erfüllte Zeit erleben, wie ich es tat – und vor allem eine ähnlich lange!“

Ein allgemeiner Jubel bricht aus, der meine Qualen nicht gerade mindert. Auch zu diesen Worten muss ich freundlich lächeln und schaffe es tatsächlich noch einmal, mir ein „Dankeschön“ abzuringen. Mit dem Schlüssel in der Hand erklimme ich dann die erste Stufe.

„Moooment“, ertönt es da erneut. Alle lachen, während ich versuche, mir den nächsten Schauder nicht anmerken zu lassen. „Als Bürgermeister möchte ich auch noch ein paar Worte sagen!“

Stimmt, der Herr Bürgermeister. Auch ihn habe ich schon beim Vorstellungsgespräch kennengelernt. Herr Bürgermeister Meister. Hahaha. Da hat schon der erste grandiose Witz meinerseits gezeigt, wie hier der Hase läuft: „Meister? In der wievielten Generation sind sie denn Bürgermeister?“ – „In fünfter! Wieso?“ Aha, ok.

Der kleine, dicke Mann stellt sich vor mich und renkt sich fast den obersten Halswirbel aus, als er versucht, mir in die Augen zu schauen. Seine blauen Augen, die halb durch die buschigen Augenbrauen verdeckt sind, aber messerscharf durch die Brille auf mich blicken, sind dementsprechend feucht. Vielleicht liegt es auch an der Freude, dass ich endlich da bin und den alten Sack von Vorgänger ablöse. Vielleicht sind es aber auch Nackenschmerzen oder Alkoholentzug. Immerhin ist es schon fast Mittag.

Auch Herr Meister strahlt mich an, sodass die stark gerötete Haut über seinen dicken Wangen zu platzen droht. Die Adern auf der Stirn treten deutlich hervor und bieten den Schweißperlen eine perfekte Linienführung, um sauber an den Augen vorbei Richtung Hals zu fließen. Das schüttere, schon leicht gräuliche Haar zittert mit den Händen des Bürgermeisters um die Wette, als er zu reden beginnt:

„Lieber Herr Doktor. Sie treten ein schweres Erbe an.“ Ha, das ich nicht lache! „Ihr Vorgänger, Herr Doktor Reiter, war allseits beliebt, hatte immer ein offenes Ohr und wusste stets, die richtigen Worte zu finden. Tag und Nacht konnte sich das gesamte Dorf auf ihn verlassen.“ Klar! Hauptsache, das wird als Nachtarbeit und Überstunden abgerechnet! „Wir wünschen Ihnen einen guten Start – und dass diese Fußstapfen für Sie auch nicht zu groß sind!“

Der Bürgermeister zwinkert ins Volk und vergewissert sich der eingeplanten Lacher. Dann schüttelt er mir glücklich und so heftig die Hand, dass ich mich kurz versichern muss, dass meine Schulter noch intakt ist.

Eine meiner löblichsten Eigenschaften ist es, dass ich schnell lerne. Also drehe ich mich nicht sofort um, um die letzten Stufen zu erklimmen, sondern warte noch eine Weile, ob nicht noch jemand etwas zur Begrüßung sagen will.

„Worauf warten Sie noch?“, fragt da jemand, „Der Schnaps steht in der Küche!“

Diesmal lache ich wirklich herzlich und ernstgemeint mit allen mit.

Also gehe ich zur Tür und schließe diese unter großem Jubel auf. Alle drängen sich hinter mir ins Haus und verteilen sich blitzschnell in alle Ecken, in denen auch etwas zu Essen steht. Oder etwas zu trinken, denn als erstes fällt mir ein riesiges Fass Bier auf, dass fast den ganzen Flur ausfüllt.

Fast den ganzen Rest des Raumes beansprucht Frau Hufschmied. Sie hat ihren wuchtigen Körper heute wirklich besonders herausgeputzt. Zumindest soll das wohl schick wirken, was sie da trägt: Ein viel zu enges und viel zu buntes Glitzerkleid, eine dazu passende, riesige Hornbrille und als Krönung ein ebenso glitzerndes Band, dass sie dekorativ um ihren Dutt gebunden hat. Nicht zu vergessen die knallrot geschminkten Lippen und gleichfarbigen Ohrringe. Was in jeder normalen Gesellschaft unter der Bezeichnung „Knallbonbon“ für Schmunzeln gesorgt hätte, scheint hier echte Begeisterung hervorzurufen. Jede Menge Frauen stürmen auf Frau Hufschmied ein und beglückwünschen sie zu ihrem Aussehen. Bevor ihre Gesichtsfarbe sich endgültig ihren Ohrringen angleicht, lässt sie ein deutliches: „So, jetzt muss ich aber mal zapfen!“, ertönen.

Auf geht’s. Nach kurzer Zeit habe ich mein zweites Bier in der Hand und gefühlt mit jedem Einwohner, der groß genug ist, ein Bierglas zu halten, mindestens einmal angestoßen. Wo steht nochmal das Essen?

Und da habe ich plötzlich auch schon ein Brötchen mit einer dicken Scheibe Fleisch in der Hand. Ich höre nur noch so etwas wie „selbstgeschlachtet“, bevor ich meine Zähne dankbar darin versenke.

Danach brauche ich „natürlich einen Schnaps“, der auch viel zu schnell schon von seinem Doppelgänger abgelöst wird, denn „auf einem Bein kann man ja nicht stehen“. HAHAHA. Ich höre nur noch „selbstgebrannt“.

Plötzlich sitze ich in meinem neuen Arbeitszimmer und merke, wie mehrere Kameras auf mich gerichtet sind. Da es sich zum Glück nur um Fotoapparate handelt, kann ich die Situation durch ein strahlendes Lächeln retten.

Ebenso plötzlich, wie sie erschienen sind, sind alle wieder weg und ich sitze alleine in meinem Sessel. Meine Güte, was ist da in dem Schnaps drin?

Frau Hufschmied betritt mit einem Tablett das Zimmer. „Na, das war ja mal ein lustiger Empfang. (PAUSE) Aber jetzt dachte ich mir, dass Sie bestimmt Hunger haben!? (FRAGENDE PAUSE) Na? (AUFFORNDERNDE PAUSE) Haben Sie Hunger?“

Faszinierend, wie sie ihre Pausen betonen kann.

Schnell schließe ich meinen Mund, der mir, wie ich feststelle, vor Konzentration auf die Worte und die Pausen aufgesprungen zu sein scheint. Und ich muss zugeben, dass ich dankbar bin: „Ja, gerne, nichts lieber als das!“

Glaube ich, gesagt zu haben. An dem kurzzeitig verwirrten Blick meiner neuen Sekretärin kann ich erkennen, dass ich vielleicht nicht ganz so wohlartikuliert geklungen habe, aber das ist mir jetzt egal. Ich entreiße ihr förmlich das Tablett, kurz bevor sie es auf dem Tisch vor mir abstellt und verschlinge Käsebrötchen, Mettwürste und Frikadellen.

Als das Tablett abgefressen ist, lehne ich mich zufrieden zurück, seufze und sage: „Danke, das war wirklich gut. Der Schnaps hätte mich fast umgebracht. Was ist das für Zeug?“