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Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. »Verflixt«, stöhnte Dr. Leon Laurin, als das Telefon läutete, »kann man denn nicht mal in Ruhe frühstücken?« Antonia nahm schon den Hörer ab und lauschte der aufgeregten Stimme. »Mein Mann wird gleich drüben sein«, erwiderte sie ruhig. »Wenn Dr. Hannen nicht da ist, holen Sie inzwischen Dr. Sternberg, Schwester Merle. Eine Frühgeburt«, wandte sie sich an Leon. »Ich bin schon unterwegs«, sagte er, noch hastig einen Schluck Kaffee trinkend. »Heute abend brauchst du mit dem Essen nicht auf mich zu warten.« Er gab ihr einen flüchtigen Kuß und stürzte hinaus. Antonia blickte vom Fenster aus seinem Wagen nach. Ihr ging es durch den Sinn, daß er sie heute nicht einmal gefragt hatte, wie es ihr ginge. Sie war jetzt im dritten Monat ihrer Schwangerschaft und besonders empfindlich, ohne sich dies jedoch eingestehen zu wollen. Corinna hatte sich neulich, allerdings im lachenden Ton, bei Antonia beschwert, daß diese Schwester Merle Eckart schöne Augen machte. Dr.
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Seitenzahl: 100
Veröffentlichungsjahr: 2022
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»Verflixt«, stöhnte Dr. Leon Laurin, als das Telefon läutete, »kann man denn nicht mal in Ruhe frühstücken?«
Antonia nahm schon den Hörer ab und lauschte der aufgeregten Stimme.
»Mein Mann wird gleich drüben sein«, erwiderte sie ruhig. »Wenn Dr. Hannen nicht da ist, holen Sie inzwischen Dr. Sternberg, Schwester Merle.
Eine Frühgeburt«, wandte sie sich an Leon.
»Ich bin schon unterwegs«, sagte er, noch hastig einen Schluck Kaffee trinkend. »Heute abend brauchst du mit dem Essen nicht auf mich zu warten.«
Er gab ihr einen flüchtigen Kuß und stürzte hinaus. Antonia blickte vom Fenster aus seinem Wagen nach. Ihr ging es durch den Sinn, daß er sie heute nicht einmal gefragt hatte, wie es ihr ginge. Sie war jetzt im dritten Monat ihrer Schwangerschaft und besonders empfindlich, ohne sich dies jedoch eingestehen zu wollen.
Corinna hatte sich neulich, allerdings im lachenden Ton, bei Antonia beschwert, daß diese Schwester Merle Eckart schöne Augen machte. Dr. Eckart Sternberg hatte sich darüber amüsiert. Ob Schwester Merle es auch bei Leon versuchte?
Diese dumme Eifersucht! Antonia hatte geglaubt, endgültig darüber hinweg zu sein. Wie schon so oft während der letzten Wochen betrachtete sie sich eingehend im Spiegel. Noch sah man ihr nicht an, daß sie ein Kind erwartete. Noch war sie gertenschlank, aber lange würde es nicht mehr dauern, dann wurde sie rund und runder.
»Laß dich bloß nicht gehen, auch wenn dir noch so mies zumute ist«, hatte Sandra, ihre Schwägerin, zu ihr gesagt. Und Sandra wußte Bescheid, denn sie hatte eine schwierige Zeit vor der Geburt ihres ersten Kindes durchgemacht.
Teresa, die zweite Frau von Antonias Vater, meinte allerdings, daß eine Frau erst die richtige Schönheit durch ein Kind bekäme. Aber Antonia fand, daß Teresa sich selbst Lügen strafte, denn sie war nahe der Fünfzig, hatte nie Kinder gehabt und war nach wie vor bezaubernd.
Tante Monika, die sich nur ihres Adoptivsohnes erfreuen konnte, meinte dagegen begeistert, daß allein schon die entzückenden Umstandskleider diesen Zustand zu einem wahrhaft freudigen Ereignis werden ließen.
»So gut wie heutzutage haben es die Mütter niemals gehabt«, hatte sie erst gestern festgestellt, als sie einen Stadtbummel gemacht hatten.
Antonia hatte sich zwar geschworen, sich erst dann Umstandskleider zu kaufen, wenn
sie diese nötig hatte, aber heute verspürte sie ein unbegreifliches Verlangen, sich damit einzudekken.
Vielleicht hatte Nora Hannen Lust, mit ihr in die Stadt zu fahren. Drei Monate war sie nun schon hier, aber viel näher waren sie sich noch nicht gekommen. Die sehr junge Frau des Assistenzarztes war Antonia ein Rätsel. Aber vielleicht war Nora froh, wenn ihr ein wenig Abwechslung geboten wurde.
Antonia beschloß, Teresa einen kurzen Morgenbesuch zu machen und dann einmal bei Nora Hannen vorbeizuschauen. Kontaktpflege nannte Professor Kayser, ihr Vater, das. Ob er diese auch zwischen Ärzten und Schwestern billigte?
*
Schwester Merle stand schon bereit, Dr. Laurin die Gummihandschuhe überzustreifen.
Er runzelte die Stirn. »Ist Marie nicht da?« fragte er.
Wenn er schon am Morgen mit Volldampf in die Arbeit springen mußte, so wollte er wenigstens ein vertrautes Gesicht sehen. Selbst ein so hübsches Gesicht wie das der jungen Schwester änderte nichts daran.
Schwester Merle zog einen Schmollmund, aber Leon Laurin nahm keine Notiz davon. Seine Gedanken waren bei der Patientin.
Frau Steinberger – er kannte sie gut. Schon zwei Kinder hatte sie bei ihm zur Welt gebracht.
»Schwester Marie ist bei Frau Steinberger«, sagte Schwester Merle in Leons Gedanken hinein. Sorgfältig schloß sie ihm die Knöpfe des Kittels. Als sie ihm die Maske umlegte, spürte er ihre Finger an seinen Schläfen. Es war ein sanftes Streicheln. Absichtlich – unabsichtlich?
Schnell ging er in den Operationssaal.
Dr. Sternberg und Schwester Marie waren bei der jungen Frau, die bleich auf dem Tisch lag, sie war bereits narkotisiert.
»Morgen, Eckart«, begrüßte Leon Laurin den Freund und Kollegen. »Wie steht es?«
»Organisch okay«, gab Eckart Sternberg zurück. »Sie muß sich aufgeregt haben. Die Herztöne sind gut.«
»Und das Kind kommt bereits«, fügte Schwester Marie hinzu.
»Na, wenigstens ein Junge«, meinte Leon Laurin Minuten später. »Sie hat sich ja sehnlichst einen gewünscht. Wahrscheinlich konnte sie es gar nicht mehr erwarten.«
Er gewann der dramatischen Situation die humorvolle Seite ab, da alles gutgegangen war. Frau Steinberger hatte eine gesunde Konstitution. Für Mutter und Kind stand nichts zu befürchten. Für eine Frühgeburt war der Junge recht kräftig. Ein hübsches Kerlchen, wie Schwester Marie bemerkte.
»Ich überlege schon, ob ich nicht noch umsatteln soll«, meinte Eckart Sternberg. »Es ist doch erfreulicher, Kinder zur Welt zu bringen, als Blinddärme und Gallenblasen zu entfernen.«
»Sag das nicht. Es wird mit der Zeit auch Routine, wenn auch eine schöne«, erwiderte Leon. »Wenn es nicht das eigene Kind ist«, fügte er noch gedankenvoll hinzu.
»Antonia geht es doch gut?« Eckart Sternberg sah den Freund fragend an.
»Ja, ja – ich denke schon. Sie spricht sich nicht aus. Da kennt man nun tausend Frauen in- und auswendig, und die eigene bleibt einem ein Rätsel. Geht es dir nicht auch so?«
»Corinna gibt mir keine Rätsel auf«, erwiderte Eckart Sternberg nachdenklich, »aber ich kenne sie ja auch schon fast ihr ganzes Leben.«
»Du hast es gut. – Aber was ist eigentlich mit Hannen los? Sollte er nicht schon im Dienst sein?«
Da kam Dr. Hannen schon. Sein Gesicht war gerötet, sein Atem ging keuchend.
»Verzeihung«, stieß er hervor, »ich habe verschlafen.«
»Hätte Ihre Frau Sie nicht wecken können?« fragte Leon unwillig.
Hannens Gesicht wurde abweisend. Er biß sich auf die Lippe.
»Ich bitte nochmals in aller Form um Entschuldigung«, murmelte er, die Frage unbeantwortet lassend.
Leon Laurin und Eckart Sternberg tauschten einen verständnisinnigen Blick. Hannen war sonst ein zuverlässiger Kollege, aber ein schwieriger Mensch. Auch in seiner Ehe schien nicht alles zu stimmen.
Und dann hatte Leon Laurin Grund, ein zweites Mal an diesem Morgen über Schwester Merle nachzudenken, denn nun wandte sie ihre ganze Aufmerksamkeit Jörg Hannen zu, der ihr ein dankbares Lächeln schenkte, als sie ihm eine Tasse Kaffee brachte.
War Hannens Frau nicht nur eine Langschläferin, sondern ließ sie es auch an Fürsorge fehlen? überlegte Leon. Einen zufriedenen Eindruck machte der junge Arzt eigentlich nie, aber so nervös wie heute war er auch noch nie gewesen.
Was den Beruf anbetraf, hatte Leon Laurin eiserne Grundsätze. Ein nervöser Arzt macht auch die Patienten nervös. Er nahm sich vor, einmal ein ernstes Wort mit dem neuen Assistenten zu reden.
Zur Visite erschien Professor Kayser. Er war jetzt eigentlich immer gut gelaunt, und er sah auch blendend aus.
Leon verband ein freundschaftliches Verhältnis mit seinem Schwiegervater. Es war erstaunlich, daß diese beiden recht eigensinnigen Männer so gut miteinander auskamen.
»Du fährst doch zum Kongreß, Leon«, meinte Professor Kayser beiläufig.
»Ungern«, gab dieser zurück.
»Du kannst Antonia mitnehmen. Dann gewinnt sie auch mal wieder andere Eindrücke.«
»Ich kann ja mal mit ihr sprechen. Warum fährst du nicht?«
Professor Kayser winkte ab. »Mir ist es zu anstrengend.«
Das hatte ihm natürlich Teresa eingeredet, denn er war immer dafür, sich auf dem laufenden zu halten. Und tatsächlich waren diese Kongresse oft sehr anregend und aufschlußreich. Früher hatte Leon keinen versäumt, aber seit er verheiratet war, geriet er ebenfalls in einen gemächlichen Trott.
Ja, das war es! Der Gedanke elektrisierte ihn nahezu. Richtig phlegmatisch wurde er! Waren das schon Alterserscheinungen?
»Wenn Antonia keine Lust hat, kann sie ja inzwischen ins Landhaus fahren. Bert und Monika freuen sich bestimmt, wenn sie mal wieder bei ihnen ist«, meinte Joachim.
Schwester Merle huschte vorbei. Professor Kayser schickte ihr einen Blick nach.
»Ein niedliches Ding«, meinte er, »wenn sie nur so tüchtig wie hübsch wäre.«
»Was sagt denn Teresa, wenn du die Schwestern niedlich findest?« fragte Leon spöttisch.
»Sie lacht höchstens darüber.«
»Antonia lacht jedenfalls nicht, obgleich ich Schwester Merle noch nicht einmal niedlich finde«, murmelte Leon.
»Antonia wird doch nicht immer noch eifersüchtig sein«, knurrte Professor Kayser.
»Bei ihr weiß man es nie. Und – offen gestanden – ein bißchen aufdringlich ist Merle schon. Sie probiert es bei jedem.«
»Dann seid ihr Männer nur ja recht standhaft«, bemerkte Professor Kayser heiter. »Schwestern sind rar. Man muß froh sein, wenn man welche bekommt.«
Für ihn war die Sache damit erledigt, für Leon nicht, denn wenig später konnte er bemerken, daß Schwester Merle Dr. Hannen die Hand auf die Schulter legte und ihm bedenklich nahe rückte.
Eine steile Falte erschien auf Dr. Laurins Stirn. Er räusperte sich laut und sagte: »Herr Kollege, ich hätte gern mal mit Ihnen gesprochen.«
Hannen sah sehr verlegen aus, als er Dr. Laurin im Ärztezimmer gegenüberstand.
»Keine Vertraulichkeiten mit den Schwestern bitte«, stellte Leon sehr direkt fest. »In Ihrem Interesse möchte ich dies ganz offen sagen, Hannen. Sie haben doch eine reizende Frau.«
»Das sagen Sie«, stieß Jörg Hannen erbittert hervor. »Ist das eine Ehe, wenn jeden Abend eine halbe Stunde mit der Mutti telefoniert werden muß, weil sie sonst nicht ruhig schlafen kann?«
Da also lag der Hase im Pfeffer!
Leon mußte unwillkürlich lächeln. Früher hatte es zwischen ihm und Antonia auch manchmal Differenzen gegeben, weil sie dauernd mit der Familie zusammenhockte. Insofern brachte er dem jungen Kollegen Verständnis entgegen. Aber für ein so junges und verwöhntes Geschöpf, wie Nora Hannen es war, war es auch nicht einfach, sich in gänzlich veränderte Verhältnisse einzufügen.
»Deswegen brauchen Sie doch nicht gleich mit der niedlichen Merle zu flirten«, meinte Leon gutmütig.
»Ich flirte ja nicht«, widersprach Dr. Hannen. »Und sie hat wenigstens Verständnis dafür, daß ein Mann auch ein Frühstück braucht, bevor er sich in die Arbeit stürzt.«
»Das können Sie auch aus der Küche kommen lassen – und Schwester Marie wird es Ihnen gern schmackhaft machen.«
»Mir wird schon nichts anderes übrigbleiben. Meine Frau fährt mit ihrer Mutter zur Kur. Ehrlich gesagt, habe ich mir meine Ehe auch anders vorgestellt.«
Dann hättest du eine andere Frau heiraten müssen, dachte Leon. Nicht solch ein Püppchen, dem immer alle Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt worden sind.
Eigentlich war es schon gut, daß Antonia ihren Beruf so ernst genommen hatte, sonst wäre sie wohl auch nicht so selbständig geworden, überlegte er, während er ins Sprechzimmer ging, wo schon eine ganze Anzahl Patientinnen warteten. Zwar war Schwester Karin immer darauf bedacht, daß sich nicht zu viele versammelten, aber heute war Leon ziemlich spät dran, und es wurde höchste Zeit, daß er mit der Sprechstunde begann.
*
»Nett, daß du vorbeischaust«, wurde Antonia von Teresa begrüßt, die in einem neuen Hosenanzug sehr schick aussah. »Was hat dir denn die Petersilie verhagelt? Du machst ja ein ganz miesepetriges Gesicht.«
»Habe ich mich schon sehr verändert?« fragte Antonia.
Teresa sah sie betroffen an.
»Wieso denn?«
»Äußerlich, meine ich. Ich habe Schatten unter den Augen und bekomme Falten.«
»Man kann sich auch was einreden«, meinte die Ältere. »Willst du Komplimente hören?«
»Leon macht mir jedenfalls keine mehr.«
»Das sind die Ehemänner! Joachim sagt mir auch nicht jeden Tag, daß ich ihm gefalle, aber ich weiß es trotzdem. Was hast du vor?«
»Ich fahre in die Stadt und kaufe mir Umstandskleider.«
Teresa lachte schallend. »Das hat doch noch Wochen Zeit. Warum hast du es plötzlich so eilig, Antonia? Launen?« fragte sie nach einer kleinen Pause.
»Frage mich nicht. Manchmal kann ich mich selbst nicht leiden. Entschuldige, daß ich dich mit meinen Stimmungen belästige, Teresa.«
»Aber Kind, das ist doch halb so schlimm. Du weißt doch, daß ich immer für dich da bin. Das erste Kind ist eben aufregend. Ich kann es mir jedenfalls vorstellen, nach dem, was ich bei Sandra mitgemacht habe.«
Gerda, die alte Haushälterin der Kaysers, kam herein. Sie war – wie an jedem Mittwoch – auf dem Markt gewesen.
»Ja, wen haben wir denn da?« sagte Gerda. »Läßt du dich auch mal wieder sehen, Antonia!«
»Ich muß gleich wieder gehen«, meinte Antonia.
Teresa gab ihr einen Kuß. »Kauf dir hübsche Sachen, Kleines. Und sei nicht böse, wenn ich nicht mitkomme, aber die Stadt kostet mich zuviel Nerven.«
