Dr. Mafia - Bastian Aures - E-Book

Dr. Mafia E-Book

Bastian Aures

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Beschreibung

Dr. Peter Mercy ist nicht nur ein hervorragender Unfallchirurg im Langone Hospital in Brooklyn, sondern auch Leibarzt des Paten der gefährlichsten Organisation der Welt - der Mafia. Er renkt Knochen wieder ein, beseitigt Pistolenkugeln und berät den Paten in schwierigen Situationen. Doch der eine Tag im Leben von Dr. Mercy verändert alles: seine Frau Amelie wird kaltblütig ermordet. Wer ist der Täter? Ist der Mörder aus einer verfeindeten Mafia-Familie oder näher an ihm dran als ihm lieb ist? Die Suche kann beginnen! Francesco und Luigi, seine zwei Weggefährten innerhalb der Mafia, unterstützen ihn dabei und lassen ihn bei seinen gefährlichen Aktionen nicht im Stich. Tauchen Sie ein in eine andere Welt und lassen Sie sich von den waghalsigen Erlebnissen von Dr. Mercy und der Mafia mitreißen.

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Seitenzahl: 430

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2020 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99064-921-3

ISBN e-book: 978-3-99064-922-0

Lektorat: Mag. Eva Reisinger

Umschlagfotos: Elvira Shamilova, Vladimir Sviracevic, Stasyuk Stanislav, Ellegant | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Inhalt

Impressum 1

Über dieses Buch 3

Prolog 5

Kapitel 1 8

Kapitel 2 14

Kapitel 3 20

Kapitel 4 29

Kapitel 5 35

Kapitel 6 43

Kapitel 7 52

Kapitel 8 61

Kapitel 9 68

Kapitel 10 70

Kapitel 11 79

Kapitel 12 83

Kapitel 13 88

Kapitel 14 97

Kapitel 15 104

Kapitel 16 108

Kapitel 17 114

Kapitel 18 119

Kapitel 19 125

Kapitel 20 128

Kapitel 21 134

Kapitel 22 138

Kapitel 23 154

Kapitel 24 166

Kapitel 25 175

Kapitel 26 181

Kapitel 27 188

Kapital 28 194

Kapitel 29 199

Kapitel 30 215

Kapitel 31 220

Kapitel 32 227

Kapitel 33 232

Kapitel 34 241

Kapitel 35 248

Kapitel 36 259

Kapitel 37 269

Kapitel 38 275

Kapitel 39 283

Kapitel 40 286

Kapitel 41 296

Kapitel 42 300

Über dieses Buch

Dr. Peter Mercy ist nicht nur ein hervorragender Unfallchirurg im Langone Hospital in Brooklyn, sondern auch Arzt der gefährlichsten Organisation der Welt – die Mafia. Er richtet Knochen, beseitigt Pistolenkugeln und berät den Paten in schwierigen Situationen. Doch der eine Tag im Leben von Dr. Peter Mercy ändert alles: Der Tag, an dem seine Frau kaltblütig ermordet wird. Wer ist dieser Täter? Ist der Mörder von einer anderen Familie oder näher an ihm dran als ihm lieb ist? Die Suche kann beginnen.

Prolog

„Schnell, holt Dr. Mercy! In weniger als fünf Minuten erscheinen neun Unfallopfer, die mit einem anderen Bus kollidiert sind …“

Nach einer zehn Stunden-Schicht kann ich mir endlich eine kleine Pause gönnen und schenke mir eine Tasse Kaffee ein. Ich nehme einen Schluck und schlucke ihn hinunter. „Na toll, schon wieder eiskalt. Wie oft habe ich den Schwestern gesagt, sie sollen immer darauf achten, dass der Kaffee heiß bleibt?“

Meine Laune ist im Keller, erst verlor ich heute einen Patienten, der mit einer Schussverletzung hereinkam und nicht älter als siebzehn Jahre alt war. Und dann schmeckt der Kaffee wie eine Dose Rostschutz. Leider ist das hier im Langone Hospital in Brooklyn trauriger Alltag. Wir behandeln jeden Tag mehr als fünfzehn Patienten mit unterschiedlichsten Schuss­ver­- letzungen.

Das Erschreckende daran ist, dass die Opfer immer jünger werden. Erst gestern kam ein zwölfjähriger Junge mit einem Einschuss in der Bauchhöhle in die Notaufnahme. Er überlebte und entkam nur knapp dem Tod.

Mein Blick geht in Richtung Uhr: nur noch zehn Minuten bis Dienstende. Das Erste, das ich tue, wenn ich nach Hause komme, ist ein schönes warmes Bad einzulassen und dabei genehmige ich mir ein kühles Bier. Meine Frau wird sich auch sehr freuen, mich endlich wieder zu sehen, denn in meinem Beruf ist man mehr in der Arbeit als zu Hause. Manchmal habe ich das Gefühl, die Kollegen besser zu kennen als meine eigene Frau, mit der ich schon über fünfundzwanzig Jahre verheiratet bin.

Kein Wunder, mit den Kollegen arbeite ich immerhin achtzig Stunden in der Woche zusammen. Amelie hat es nicht leicht mit mir, aber sie steht immer einhundert Prozent hinter dem, was ich tue, und unterstützt mich bei allem, was ich anstelle – sie ist eben ein Diamant.

Mein Blick gilt erneut der Uhr. Nur noch fünf Minuten und ich kann endlich nach Hause. Plötzlich piepst mein Pager, ich nehme ihn von meinem Hosenbund herunter und blicke darauf. Na, ganz große Klasse, in nicht einmal fünf Minuten treffen hier neun Schwerstverletzte ein. Das wird eine sehr lange Nacht werden und die Badewanne mit dem kühlen Bier muss erneut warten.

Ich renne sofort los um pünktlich in der Notaufnahme zu erscheinen. Die wenigen Minuten, die ich nach unten brauche, kommen mir jedes Mal wie eine halbe Ewigkeit vor. In meinem Kopf spielen sich sehr oft die schlimmsten Vorfälle ab, die jederzeit hier eintreffen können. Es gibt mir das Gefühl, mich auf die Situation vorzubereiten, auch wenn ich weiß, dass das Blödsinn ist. Jeder Patient, jeder Fall, der hier durch unsere Tür kommt, ist anders und unberechenbar. Endlich bin ich in der Notaufnahme angekommen und stoße hastig durch die Tür. Alle stehen schon bereit. Die letzten Minuten bevor es stressig und laut wird sind die schlimmsten. Mein Herz beschleunigt und das Adrenalin schießt in mein Blut, es lässt mich wieder hellwach werden. Man kann schon von weitem die Sirene hören. Mein Team und ich wissen, dass es nicht mehr lange dauern wird.

Der erste Krankenwagen schießt um die Ecke und hält direkt vor uns. Jetzt geht es los. Der Sanitäter stößt die Tür des Wagens auf und schiebt den ersten Patienten hinaus. Es ist ein kleines Mädchen, nicht älter als sechs Jahre, und scheint schwer verletzt zu sein.

Sie trägt eine Halskrause und wird beatmet. Das Blut läuft ihr aus den Ohren und aus der Nase. Anblicke wie diese bleiben mir immer sehr lange im Gedächtnis.

„Was haben wir hier?“, frage ich den Sanitäter.

„Ein sechsjähriges Mädchen mit starken innerlichen Blutungen. Sie ist durch die Windschutzscheibe geflogen. Zwei Blutkonserven Rhesus negativ hat sie bereits erhalten“, sagt der Sanitäter.

„Okay, vielen Dank, ab hier übernehme ich.“

Wir schieben das kleine Mädchen sofort in den Schockraum um uns einen ersten Eindruck vom Ausmaß der Verletzungen machen zu können. Es ist immer wieder schrecklich, wenn schwerverletzte Patienten zu uns gelangen, deren Leben auf der Kippe steht und die auch noch so jung sind wie in diesem Fall. Die Schwester schließt das kleine Mädchen an die Beatmungsmaschine an. Mit dem Stethoskop höre ich ihre Lunge ab um zu überprüfen, ob sich Flüssigkeit angesammelt hat.

„Oh nein, sie ist in einem kritischen Zustand“, sage ich zu meinem Team. „Ihre Lunge ist vollständig kollabiert.“

Mein Blick geht in Richtung Monitor und was ich sehe, gefällt mir überhaupt nicht. Die Sauerstoffsättigung liegt gerade einmal bei sechzig Prozent.

„Schnell, ich brauche ein Zehner-Skalpell, damit ich eine Thoraxdrainage legen kann und die Lunge wieder belüftet wird“, sage ich.

Ich ziehe mit dem Messer einen drei Zentimeter langen Schnitt zwischen den Rippen durch und lege die Drainage. Es ist ein dünner Schlauch, der die Belüftung der Lunge wiederherstellt und durch den die darin enthaltene Flüssigkeit ablaufen kann. Die Sauerstoffsättigung steigt von Minute zu Minute wieder an. „Ein Problem weniger“, denke ich mir. Plötzlich ertönt erneut der Monitor. Das kann nichts Gutes bedeuten.

Kapitel 1

„Die Kleine wird uns gleich unter der Hand wegsterben, wenn uns nicht in den nächsten paar Sekunden etwas einfällt“, sagt Schwester Catherine zu uns.

Sie ist eine erfahrene Krankenschwester und arbeitet genauso lange in diesem Krankenhaus wie ich.

„Ja, da haben Sie Recht“, meine ich zu ihr. „Sie hat starke Herzrhythmusstörungen durch den hohen Blutverlust. Okay, spritzt ihr ein Milligramm Lidocain, um den Rhythmus wieder herzustellen und verabreicht ihr zwei Beutel an Blutkonserven, ich bereite alles zum Defibrillieren vor.“

Ich schmiere die Paddles mit Gel ein und lege sie dem kleinen Mädchen auf die Brust. „Alle weg vom Tisch!“, gebe ich den Befehl. „Laden auf dreihundert, und … Schock.“

Der Monitor zeigt keinerlei Verbesserung an.

„Das Ganze noch einmal, alle weg vom Tisch.“

Ich schocke das kleine Mädchen ein zweites Mal. Der Blick wandert erneut in Richtung Monitor, aber die Linie verändert sich nicht. Und dann kommt der Moment, der für einen Arzt immer der schlimmste ist – der lange Piepton. Er signalisiert den Tod des kleinen Mädchens.

„Oh nein, so schnell wirst du jetzt nicht aufgeben, hast du das verstanden?“, sage ich zu ihr. „Catherine, fangen Sie sofort mit der Wiederbelebung an, während ich erneut das Gel auf die Paddles auftrage.“

„Schwester Emma, spritzen Sie ihr zehn Milligramm Adrenalin. Ich warte ein paar Sekunden, damit das Medikament seine volle Wirkung entfalten kann.“

„Okay, alle weg vom Tisch. Laden auf dreihundertfünfzig, und … Schock.“

Der Monitor zeigt keine Veränderung an.

„Das gibt es nicht!“, fluche ich lautstark durch den Raum.

Mein Team und ich versuchen es weitere fünfzehn Minuten lang.

„Dr. Mercy, es hat keinen Sinn mehr, das Mädchen ist tot“, sagt Schwester Emma zu mir.

„Nein, nein, heute wird bei mir keiner mehr sterben. Wir probieren es ein letztes Mal. Alle weg vom Tisch, laden auf dreihundertfünfzig und … Schock.“

Doch die Linie auf dem Monitor zieht weiter gerade dahin. Das kleine Mädchen ist tot.

„Zeitpunkt des Todes: 18:51 Uhr“, sage ich zu meinem Team. „Wir haben alles getan, was in unserer Macht stand, Dr. Mercy.“

Schwester Catherine berührt mich sanft mit ihrer rechten Hand an meiner Schulter. Auf einmal regt sich der Monitor und zeigt eine Herzaktivität an.

„Ich wusste, dass du eine Kämpferin bist!“, schreie ich vor Erleichterung. „Sie muss so schnell wie möglich in den OP. Los, los, los!“

Die Operation dauert über fünf Stunden, wir mussten dem kleinen Mädchen die Milz und eine Niere entfernen, aber sie lebt.

„Die Eltern der Kleinen warten schon lange im Wartebereich der Notaufnahme“, sagt Schwester Catherine zu mir.

Die Mutter hält sich ein Taschentuch vor die Nase, da ihr die Tränen hinunterlaufen und nicht mehr zu stoppen sind. Der Vater nimmt sie dabei ganz fest in den Arm. Ich gehe zu den Eltern hinüber.

„Guten Abend, ich bin Dr. Mercy, der behandelnde Arzt Ihrer Tochter.“

„Wie geht unserer Sophia?“, fragt der Vater und wirft mir dabei einen hoffnungsvollen Blick zu.

„Leider musste ich Ihrer Tochter die Milz und eine Niere entfernen, aber sie wird überleben.“

Die Eltern atmen auf: „Das sind großartige Neuigkeiten. Vielen, vielen Dank, Dr. Mercy, dass Sie unserer Tochter das Leben gerettet haben“, sagen beide zu mir.

„Das habe ich gerne gemacht“, erwidere ich. „Sophia ist eine echte Kämpfernatur und wird wieder gesund.“

„Das glaube ich, unsere Tochter musste in ihrem kurzem Leben schon viele Kämpfe austragen, denn leider ist Sophia eine Frühgeburt und kam mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt“, sagt der Vater. „Wenn ich irgendetwas tun kann um Ihnen meine Dankbarkeit zu zeigen, dann lassen Sie es mich wissen.“

„Nein, nein, um Gottes willen, ich habe nur meinen Job gemacht. Dass ihre Tochter lebt, ist Belohnung genug.“

„Falls Sie es sich anders überlegen, können Sie mich jederzeit anrufen“, sagt er und drückt mir eine Karte in die Hand. Darauf steht: Kevin Boston, Börsenmakler. Wenn der wüsste, wie viel Ärzte in Brooklyn verdienen, da gibt es nicht viel zum Anlegen.

„Vielen Dank, Mr. Boston, ich werde bei Bedarf auf Sie zurückkommen. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Abend.“

Dann laufe ich in Richtung Umkleide für Mitarbeiter um meine Dienstkleidung auszuziehen. Endlich Dienstende, und nichts kann mich jetzt mehr aufhalten zu meiner Frau und der Badewanne zu gehen. Ich ziehe mich schleunigst um, und laufe mit großen Schritten Richtung Ausgang.

Der Abend ist heute sehr schön und die Luft so klar. Ich stecke mir eine Zigarette in den Mund und zünde sie an. Eigentlich wollte ich längst mit dem Rauchen aufhören, aber der Stress lässt mich immer wieder in alte Gewohnheiten zurückfallen. Meine Frau ist weiterhin im Glauben, dass ich seit fünf Jahren rauchfrei bin.

Aus Liebe zu ihr tue ich dies heimlich und nur nach Feierabend. In meinem Auto habe ich frische Klamotten und Parfüm dabei. Wenn sie wissen würde, dass ich es noch nicht geschafft habe, mit dem Rauchen aufzuhören, wäre die Enttäuschung groß und das möchte ich meiner Amelie nicht antun.

Ich nehme ein paar Züge und laufe zu meinem Auto. Als ich die Autotür öffne, klingelt plötzlich mein Handy. „Oh nein, diese Nummer kenne ich zu gut, es ist bestimmt Francesco.“ Mein Nebenjob ruft immer zu den besten Zeiten, denn neben meiner regulären Arbeit bin ich noch der Leibarzt für eine Organisation, die gefährlich und gewalttätig ist – die Mafia. Es ist nichts, was ich gerne tue oder auch freiwillig möchte. Nein, es ist, weil ich es tun muss und mich verpflichtet habe. Denn einen Pakt mit der Mafia hält man am besten ein, damit man sein eigenes Leben nicht in Gefahr bringt. Ich wuchs in Brooklyn unter ärmlichen Verhältnissen auf. Meine Eltern hatten kaum Geld für das Nötigste. In der Schule schrieb ich immer gute Noten und machte einen hervorragenden Abschluss. Anschließend wollte ich unbedingt auf das College um Medizin zu studieren. Doch dazu fehlte uns das Geld und ich musste mit dem Arbeiten anfangen, damit meine Eltern und ich über die Runden kamen. Meine Mutter wurde schwer krank, der Krebs hatte ihre Gebärmutter befallen. Sie benötigte dringend eine Therapie, allerdings konnten wir uns das nicht leisten und ohne diese Operation würde sie sterben. Tagelang zerbrach ich mir den Kopf, wie ich der Frau, die mich groß zog, die nötigen Therapien ermöglichen konnte. Eines Tages lief ich durch den Park und setzte mich auf eine Bank, dabei fing ich bitterlich zu weinen an.

Ein Mann, der einen schicken Anzug und einen tollen Hut trug, sprach mich an. Er blickte zu mir hinüber und sagte: „Warum so traurig?“

„Mein Leben entgleitet mir gerade und ich weiß nicht, wie ich all dies bewältigen soll“, sagte ich zu dem Mann.

„Vielleicht kann ich dir behilflich sein?“

„Das wäre schön, aber dazu müssten Sie mir viel Geld geben und das kann ich wohl kaum von Ihnen verlangen.“

„Wieso erzählst du mir nicht einfach von deinen Problemen und wir sehen dann weiter, wie ich dir helfen kann. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Alfonso Romano. Wie heißt du, mein Junge?“

„Ich bin Peter Mercy, nett, Sie kennenzulernen.“

Wir unterhielten uns über zwei Stunden, es war richtig angenehm und für einen kurzen Moment vergaß ich meine Probleme.

„Was würdest du tun, wenn du fünfhunderttausend Dollar in die Hand bekämst?“, fragte mich Alfonso.

„Ganz klar, als Erstes würde ich meiner Mutter die Therapie ermöglichen und danach mit dem Medizinstudium beginnen.“

„Das hört sich doch hervorragend an, dann mach es.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte ich ihn verwirrt.

„Ich gebe dir das Geld und im Zuge dessen wirst du mir dann helfen.“

„Okay, und was soll das sein?“

„Ganz einfach, wenn du mit dem Studium fertig bist, wirst du mein eigener Arzt und stehst mir immer zur Verfügung, mehr möchte ich gar nicht. Wie hört sich das für dich an?“

„Und Sie würden mir dafür das Geld geben?“

„Versprochen ist versprochen. Haben wir einen Deal?“

Er reichte mir die Hand.

„Eine Frage hätte ich noch: Für wen arbeiten Sie?“

Alfonso fing lautstark zu lachen an.

„Für niemanden, ich habe meine eigene Firma und tausende Angestellte.“

„Und wie heißt Ihre Firma?“, fragte ich ihn.

„Mafia“, antwortete Alfonso zurück, „aber Genaueres werden wir bald besprechen. Wie sieht es aus, schlägst du ein oder nicht?“

Ich reichte ihm die Hand.

„Ach ja, bevor ich vergesse, ich rate dir dringendst, dich immer an den Deal zu halten bevor es böse endet.“

So lernte ich Alfonso kennen und nun arbeite ich schon über achtundzwanzig Jahre für ihn. Ich nehme mein Handy hervor und gehe an das Telefon: „Was ist?“, frage ich.

„Hey, da ist ja mein Lieblings-Doc, wie geht es Ihnen?“

„Komm auf den Punkt, Francesco, ich habe gerade eine fünfzehn Stunden-Schicht hinter mir und würde gerne nach Hause gehen.“

„Sie gefallen mir, Doc, kommen immer gleich zur Sache. Mich hat heute beim Schutzgeld Eintreiben ein Rottweiler in den Arsch gebissen und jetzt sieht er aus wie Schweizer Käse.“

„Schon wieder“, erwidere ich, „das ist das dritte Mal in den letzten zwei Wochen.“

„Was soll ich sagen, Doc? Mein Beruf ist eben gefährlich.“

„In Ordnung, ich komme, wo seid ihr?“

„Wir sind auf dem Weg zum Don und in circa fünf Minuten dort.“

„Gut, ich fahre sofort los und bin in einer halben Stunde bei euch.“

Ich steige in mein Auto ein und fahre los. Zum Glück ist kaum Verkehr auf den Straßen, sodass ich früher am Haus von Alfonso ankomme als gedacht. Ich fahre die Einfahrt hinauf und sehe, wie Alfonsos Männer um das Haus herum stehen. Alle sind schwer bewaffnet und tragen eine Thompson eng am Brustkorb. Anscheinend herrscht wieder Krieg mit einer anderen Familie, sonst wäre nicht so ein Aufgebot an Leibwächtern da.

Am Haus angekommen steht Luigi bereits vor der Tür und raucht gemütlich eine Zigarette. Er ist wie immer bestens gekleidet. All seine Anzüge müssen maßgeschneidert sein, dabei spielt es keine Rolle, wie viel Geld das kostet. Francesco ist genau das Gegenteil, ihm ist egal, ob der Anzug passt oder nicht. Er macht sich eben nicht viel aus sich, Hauptsache es gibt genug Alkohol und Frauen.

„Wo ist der schwerverletzte Patient?“, frage ich Luigi.

„Er wartet unten in deiner Praxis.“

Kapitel 2

Ich weiß nicht, wie oft ich in dem Haus von Alfonso schon war, aber es beeindruckt mich immer wieder von Neuem. Es ist aus dem achtzehnten Jahrhundert und hat deshalb einen großen Charme. Die Inneneinrichtung, alles vom Feinsten. Bester Marmor schmückt den Eingang zum Palast. Wenn ich Multimillionär wäre, würde ich mir auch so ein Haus kaufen. Ich laufe die Treppen hinunter und gehe in meine Praxis. Das Licht brennt und die Tür steht weit offen.

„Ah, da ist mein Lieblings-Doc, schön Sie zu sehen.“ Er gibt mir links und rechts zwei Küsse auf die Wangen. Wie ich das hasse.

„Francesco, ich weiß nicht, wie oft ich deinen Arsch noch zusammentackern muss, wenn du so weiter machst, werde ich aus deinem Ranzen einen neuen zusammenbasteln müssen. Und wie siehst du eigentlich schon wieder aus? Du hast doch zugenommen! Ich habe dir doch extra einen Diätplan erstellt, aber das kümmert dich anscheinend nicht wirklich. Wenn du so weitermachst, hast du mit vierzig deinen ersten Herzinfarkt.“

„Wow, wow, wow, Doc, holen Sie mal wieder Luft bevor Sie einen Herzinfarkt bekommen. Meine Frau kocht eben so gut und das Essen einer temperamentvollen Italienerin schlägt man nicht aus, da kennt die keinen Spaß. Würde ich das Gekochte meiner Frau nicht würdigen, wäre ich schneller in der Holzkiste als mir lieb ist. Dann habe ich lieber ein paar Kilos zu viel auf den Rippen.“

„Ist ja gut, dann leg dich auf die Liege und mach dich unten herum frei.“

Francesco zieht die Hose aus und legt sich auf den Bauch. Na, ganz große Klasse, eine lange und tiefe Po-Falte, mit dunklen, schwarzen Haaren bestückt, springt mir ins Auge. Mein Beruf ist nicht immer einfach.

„Das sind ja tiefe Bisswunden, der Hund hat wohl gedacht einen saftigen Schinken vor sich zu haben. Wie ist das passiert?“, frage ich ihn.

„Luigi und ich drehten wie jeden Abend unsere Runden und sammelten die Schutzgelder ein. Doch dieses Mal versuchte einer der Ladenbesitzer zu fliehen und verschwand durch die Hintertür. Wir rannten ihm hinterher, als der Ladenbesitzer den Zwinger öffnete, griff mich sein Hund tollwütig an. Sofort versuchte ich über den Zaun zu klettern, doch ich war einfach zu langsam und der Hund verbiss sich in meinem Hintern.“

„Dann habe ich also doch Recht gehabt, der Rottweiler dachte eben einen saftigen Schinken vor sich zu haben.“

„Sehr witzig, Doc, könnten Sie mir jetzt bitte helfen? Wenn es noch länger dauert, fault mir noch mein Arsch weg.“

„Schon gut, ich sehe es mir an.“

Die Löcher, die der Hund hinterließ, sind so tief, dass ich beinahe den Knochen sehen kann. Mit so etwas ist nicht zu spaßen, das kann fatale Folgen haben. Bei Francesco glaube ich das aber nicht, der hatte schon so manches in seinem Hintern stecken und überlebte es.

„Wie sieht es aus, Doc, werde ich sterben?“

„Nein, Francesco, du wirst noch sehr lange leben“, erwidere ich mit einem leicht zynischen Unterton. „Die Wunde muss regelmäßig gespült werden und darf nicht austrocknen. Ich werde dir die Löcher mit einer feuchten Kompresse ausstopfen und eine Zeitlang einwirken lassen. Außerdem musst du die nächsten zehn Tage ein Antibiotikum einnehmen um einer Infektion vorzubeugen. Gegen Tetanus habe ich dich schon letzte Woche geimpft als du eine Kugel in den Allerwertesten bekamst.“

„Vielen Dank, Doc, Sie haben mir wieder einmal das Leben gerettet.“

„Ja, ja, du musst einfach besser aufpassen, Francesco, irgendwann hast du einmal nicht mehr so viel Glück wie dieses Mal.“ „Es ist eben ein gefährlicher Job und ich habe fünf Mäuler zu stopfen“, sagt Francesco zu mir.

„Ach ja, bevor ich es vergesse, die nächsten zehn Tage darfst du dich nicht setzen oder Ähnliches, damit sich die Wundheilung beschleunigt.“

„Wie jetzt, Doc, ich darf mich nicht setzen? Wie soll ich dann mein Morgengeschäft verrichten?“

„Darauf bekommst du jetzt keine Antwort, Francesco, dir wird schon etwas einfallen.“

„Peter, Don Alfonso erwartet dich oben in seinem Garten, er möchte mit dir etwas besprechen“, sagt Luigi zu mir.

„Gut, ich bin sofort bei ihm.“

Ich gehe aus meiner Praxis und laufe die Treppen hinauf. Als ich oben angekommen bin, wartet der Don schon auf mich. Er blickt aus dem Fenster. Seine Hände sind hinter dem Rücken verschränkt, dabei kratzt Alfonso mit dem rechten Daumen an seinem Ehering. Das tut er nur dann, wenn etwas passiert ist und Spannung abgebaut werden muss.

„Peter, mein alter Freund, schön dich wieder zu sehen.“

„Ja, Alfonso, ich freue mich auch.“

„Wie geht es dir?“, frage ich ihn.

„Alles bestens, nur die Hüfte macht mir zurzeit etwas Probleme, aber so ist das eben, wenn man alt wird. Hast du Francesco, diesen Tollpatsch, gut versorgt?“

„Ja, habe ich, das ist schon das dritte Mal in den letzten zwei Wochen.“

„Das darf nicht wahr sein, was macht dieser Mann nur immer wieder?“

„Wenn ich das nur wüsste. Letzte Woche war Francesco in einem Bordell, wie so oft trank er einen über den Durst und bedrängte eine der Damen zu sehr. Sie trat ihm so heftig in den Hintern, dass ein Stück ihres Absatzes darin stecken blieb.“

Alfonso kann sich das Lachen nicht verkneifen. Er lacht so sehr, dass er sich am Stuhl festhalten muss um nicht auf den Boden zu fallen. Nach ein paar Sekunden beruhigt er sich wieder etwas und fährt sich mit seiner rechten Hand durch die Haare, die während des Lachens aus der Form gebracht wurden.

„Sehr schöne Geschichte, Peter, das hat mir glatt den Tag versüßt.“

„Darf ich dich etwas fragen, Alfonso?“

„Nur zu, Peter, was bedrückt dich?“

„Warum hast du das Wachpersonal verstärkt, gibt es dafür einen Grund?“

„Ach, das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme. Es gab eine kleine Meinungsverschiedenheit mit einer anderen Familie, weiter nichts.“

„Worum ging es dabei?“, frage ich den Don.

„Geschäftliche Sachen eben. Du weißt schon, Bordelle, Drogen und Schutzgelder, das Übliche.“

Irgendwie kaufe ich ihm das nicht ab. Alfonso wirkt angespannter als sonst und das gefällt mir nicht.

„Ich möchte nicht unhöflich sein, Don, aber ich habe eine achtzehn Stunden-Schicht hinter mir und würde mich gerne für ein paar Minuten hinlegen bevor es nach Hause geht. Meine Frau wird schon krank sein vor Sorge.“

„Aber natürlich, Peter, du musst ja vollkommen fertig sein. Leg dich ein wenig in das Gästezimmer, dort wird dich niemand stören.“

„Vielen Dank, Alfonso.“

Als ich das Zimmer verlassen möchte, kommt ein junger Mann herein. Es ist Angelo, der zweite Sohn von Alfonso. Sein ältester Sohn Rafael und sein Frau Emilia verstarben vor drei Jahren bei einem tragischen Autounfall. Böse Zungen behaupten, dass es kein Unfall war, sondern ein kaltblütiger Mord einer anderen Familie. Seitdem ist Alfonso nicht mehr derselbe, der er früher einmal war.

Es fällt ihm deutlich schwerer, Entscheidungen zu fällen, und er geht kaum noch Risiken ein. Seine Macht fängt an mehr und mehr zu schwinden. Dies bleibt bei anderen Familien nicht unbemerkt.

„Angelo, mein geliebter Sohn, wie schön dich zu sehen.“

„Ja, ja, ist schon gut, kannst du mir fünfhundert Dollar geben? Ich würde die Jungs heute Abend gerne einladen.“

„Warum verbringst du den Abend nicht lieber mit deinem alten Vater? Wir sehen uns doch kaum noch. Und wenn, brauchst du immer Geld von mir.“

„Kannst du mir jetzt welches geben oder nicht? Sonst verschwinde ich wieder!“

Alfonso greift in die rechte Innentasche seines Anzuges und holt ein ganzes Bündel voller Scheine heraus.

„Hier, mein Sohn, da hast du tausend Dollar, habe viel Spaß mit deinen Freunden.“

Angelo nimmt das Geld an sich wie eine gierige Schlange und verschwindet wieder.

„Warum lässt du so mit dir umgehen, Alfonso?“, frage ich ihn. „Du bist der Don, das Familienoberhaupt, und dein Sohn behandelt dich wie einen Zeitungsjungen auf der Straße.“

„Ach, er ist noch jung und es braucht noch ein wenig Zeit bis er zur Vernunft kommt. Ich war genauso in seinem Alter. Ich trank jeden Abend zu viel Wein und Whisky. Und nicht zu vergessen die vielen Frauen.“

„Wie du meinst, Alfonso, das musst du wissen“, sage ich und verlasse den Raum.

Ich laufe in Richtung Gästezimmer, um mir endlich ein wenig Schlaf zu gönnen. Mir fällt dabei eine Tür auf, die leicht offen steht. Ich höre ein paar Männerstimmen, die sich gerade unterhalten: „Ich weiß nicht, ob der Don die richtige Entscheidung getroffen hat. Wir müssen es riskieren und dürfen uns jetzt nicht zurückziehen.“

„Ja, da hast du vollkommen Recht, früher hätte Alfonso nicht so mit sich reden lassen und denjenigen noch am gleichen Abend beseitigt.“

Anscheinend gibt es Unstimmigkeiten in der Familie. Es ist nie gut, wenn in so einer Organisation die Rangordnung nicht stimmt. So etwas endet immer blutig, entweder für den Don oder für den anderen, der seinen Führungsstil in Frage stellt. Endlich komme ich am Gästezimmer an. Es ist wunderschön hier, so geschmackvoll eingerichtet. Alles harmoniert miteinander. Die cremefarbene Bettwäsche passt perfekt zu dem Teppich und den Vorhängen. Das große Fenster lässt viel Tageslicht in den Raum, sodass man sich wie in einem Hotel fühlt.

Mir fällt ein Bild auf dem Nachttisch auf. Es ist sein verstorbener Sohn Rafael zu sehen, daneben Angelo. Das Bild muss kurz vor seinem Unfall aufgenommen worden sein. Die beiden halten einen großen Fisch in den Händen. Anscheinend sind sie angeln gewesen. Wenn es die Zeit erlaubte, machte Alfonso gerne Urlaub mit seiner Familie. Auf dem Foto sind im Hintergrund Palmen zu sehen, sieht aus wie auf Hawaii. Rafael war ein toller Mann, so stilvoll und elegant und hatte immer gute Manieren. Im Gegensatz zu Angelo, der ein kleiner Rabauke ist und seine guten Manieren regelrecht über Bord geworfen hat. Die Aussicht aus diesem Zimmer ist herrlich, man hat einen perfekten Blick auf den Garten von Alfonso. Wobei Garten eine Untertreibung ist, vielmehr ist es ein Park. Über zwanzig Gärtner sind hier beschäftigt und halten alles in Schuss. Meine Augen werden sehr schwer, es wird Zeit mich ein paar Minuten auszuruhen.

Kapitel 3

Mein Handy vibriert und ich öffne die Augen. Es fällt mir nicht leicht, da ich das Gefühl habe, einen furchtbaren Kater zu haben, obwohl ich überhaupt nichts getrunken habe. Halb blind suche ich nach meinem Telefon. „Verflixt, wo ist es denn gleich noch einmal?“ Endlich halte ich es in der Hand. Es muss mir aus der Hosentasche gefallen sein, da es auf dem Boden gelegen hat. Vier Anrufe in Abwesenheit und zwei Nachrichten. Es war meine Frau Amelie. Mein Blick geht sofort zur Uhr. „Oh nein, es ist schon sieben Uhr am Morgen.“ Aus einem kurzen Schlaf wurden sechs Stunden. Amelie muss krank sein vor Sorge, da ich schon vor vier Stunden hätte zu Hause sein sollen. Schnell ziehe ich mir meine Schuhe an und eile aus dem Zimmer. Es ist ziemlich ruhig im Haus, niemand scheint hier zu sein. Nur das Zimmermädchen, das neue Blumen in die Vasen verteilt.

„Guten Morgen, Sir“, sagt sie zu mir.

„Ein nettes Gesicht“, denke ich mir als sie mich freundlich anlächelt und schenke ihr das gleiche Lächeln zurück. Doch für lange Unterhaltungen fehlt mir die Zeit. Als ich die Tür erreiche sehe ich, dass unten in meiner Praxis noch Licht brennt. „Habe ich vergessen es auszuschalten?“ Eigentlich bin ich mir sicher, daran gedacht zu haben, da ich weiß dass Alfonso es nicht ausstehen kann, sinnlos Geld auszugeben. Rasch gehe ich die Treppen hinunter, denn die Zeit sitzt mir im Nacken. Plötzlich höre ich laute Schreie. „Was ist los?“, frage ich mich. Äußerst vorsichtig, auf Zehenspitzen, laufe ich auf die Tür zu. Ich lehne mich seitlich an den Türrahmen und blicke ganz vorsichtig hinein. Es ist einer aus der Familie, den ich nicht kenne. Kein Wunder, fast jede Woche tauchen hier Typen auf, die irgendwo auf der Straße aufgegabelt werden und dann zur Bande dazugehören, irgendwann verliert man da den Überblick. Angelo ist auch dabei, er sieht sehr aggressiv aus. Ein ziemlich korpulenter Mann sitzt gefesselt auf dem Stuhl. Anscheinend hat er eine harte Nacht hinter sich. Aus seiner Nase läuft heftig Blut und schief ist sie auch noch. Die Augen sind komplett zugeschwollen, ein brutaler Anblick.

„Du wirst jetzt gefälligst reden oder ich schneide dir die Eier ab. Hast du verstanden?“

„Der ist hinüber Angelo, aus dem wirst du kein Wort mehr heraus bekommen.“

„Na, das wollen wir erst einmal sehen.“

Angelo packt ihn an den Haaren, zieht den Kopf nach hinten und presst ein Tuch über das Gesicht.

„Los, Alfredo, kipp ihm den Eimer Wasser ganz langsam über seine hässliche Fratze, dann wird er schon wach werden.“ Alfredo schnappt sich den Eimer und lässt das Wasser wie in Zeitlupe über seinen Kopf fließen. Der Mann auf dem Stuhl fängt sofort zu röcheln an.

„Siehst du, Alfredo, da ist noch jede Menge Leben in diesem Bastard, man muss ihn nur wieder aufwecken. Okay, stopp damit, ich glaube, unser Gast ist voll bei der Sache. Also, rede, Arschloch!“

„Ich habe euch alles erzählt, was ich weiß, das ist die volle Wahrheit.“

Angelo atmet noch einmal tief durch und streicht sich mit den Händen durch seine pechschwarze Haarpracht. Alfonso macht das auch immer, wenn er unter Stress steht.

„Ich versuche es jetzt ein letztes Mal auf die sanfte Tour bevor ich dir eine Kugel in den Kopf jage. Wer ist der Informant?“, sagt Angelo.

„Ich weiß nur, dass Smiley diesen Typen kennt, mehr aber auch nicht.“

„Na bitte, geht doch du fettes Schwein, man muss euch immer erst die Scheiße aus dem Leib prügeln bevor ihr redet.“

„Und was machen wir jetzt mit ihm, Boss?“, fragt Alfredo.

Angelo läuft ganz langsam um den Mann herum, das kann nicht gut enden.

„Bitte Angelo, erschieß mich nicht, ich habe eine Frau und zwei Kinder“, sagt der Mann.

„Keine Angst, mein Dickerchen. Ich werde dich nicht erschießen.“

In diesem Moment zieht Angelo ein großes Jagdmesser aus seinem Hosenbund und schneidet dem Mann die Kehle durch. Das Blut schießt in hohem Bogen aus dem Hals. Der Mann versucht kläglich nach Luft zu schnappen, doch es ist vergeblich. Nach ein paar Sekunden ist sämtliches Leben aus seinem Körper entwichen. Seine Augen sind noch geöffnet und die Kehle ist durchgeschnitten. Das Blut fließt noch ein wenig aus Mund und Nase heraus. Das ist das Schrecklichste, was ich bis jetzt in meinem Leben gesehen habe, mir stockt der Atem. Ich habe genug mitbekommen und schleiche mich ganz vorsichtig Richtung Ausgang.

In diesem Moment klingelt wieder mein Handy. „Verdammt!“, denke ich mir.

„Was war das?“, fragt Angelo Alfredo.

„Keine Ahnung, Boss.“

„Dann sieh gefälligst nach, wer das ist.“

Alfredo schießt durch die Tür und entdeckt mich. Mir ist sofort bewusst, dass mein letztes Stündlein geschlagen hat.

„Hey, sofort stehen bleiben!“

Mein Herz fängt an zu rasen. Mein Mund ist staubtrocken und der kalte Schweiß läuft mir über die Stirn.

„Schon gut, schon gut, ich bewege mich keinen Zentimeter mehr.“

Alfredo packt mich sehr unsanft am Oberarm.

„Wer sind Sie? Und was machen Sie hier im Haus?“

Gnadenlos zerrt er mich in meine Praxis.

„Hier, Boss, das ist der Spion.“

„Du Idiot, das ist kein Spion, sondern der Arzt von meinem Vater. Was machen Sie hier unten?“

„Eigentlich wollte ich schon längst nach Hause, doch dann sah ich, dass noch Licht in meiner Praxis brennt und du weißt, wie sehr dein Vater es hasst, unsinnig Geld auszugeben.“

„Aber Boss, wir wissen nicht, wie viel er mitbekommen hat.“

„Das stimmt, das bringt dich in eine äußerst ungünstige Lage.“ Angelo packt mich am Kragen und drückt mich gegen die Wand. Das Messer hält er mir dabei ganz dicht an meinen Hals. Die Klinge ist so scharf, dass man sich damit rasieren könnte. Etwas Blut vom anderen klebt auch noch daran.

„Was mach ich jetzt nur mit Ihnen, Dr. Mercy? Das Risiko, Sie am Leben zu lassen, kann ich eigentlich nicht eingehen. Sie werden bestimmt meinem Vater davon erzählen und meine Pläne in Gefahr bringen.“

„Bestimmt nicht, Angelo, mein Leben bedeutet mir etwas und deine Geschäfte interessieren mich nicht.“

Er drückt die Klinge noch fester an meinen Hals. Ich spüre, dass ein wenig Blut hinunterläuft.

„Boss, wenn wir ihn jetzt töten, dann könnten wir es den Russen in die Schuhe schieben.“

„Da hast du Recht, Alfredo, und der Krieg wäre unvermeidbar. Dann bleibt mir leider keine andere Wahl, sorry, Doctor.“

Angelo setzt die Klinge neu an, dabei schließe ich meine Augen um dem Tod nicht entgegenblicken zu müssen.

„Schluss damit, Angelo, lass sofort den Doc los, wenn du keine Schwierigkeiten haben möchtest!“

Als ich die Stimme höre, öffne ich meine Augen und sehe Francesco zusammen mit Luigi. In diesem Moment fällt mir ein großer Stein vom Herzen, denn ich weiß, dass ich erst einmal am Leben bleiben werde.

„Was wollt ihr zwei Schlappschwänze hier?“

„Lass einfach den Doc los und niemand kommt zu Schaden“, sagt Francesco.

„Was glaubt ihr, wer ihr seid, mir Befehle zu erteilen? Ich bin der Sohn des Dons und ihr seid mir somit unterstellt.“

„Du bist genauso ein Fußsoldat wie wir, nicht mehr und nicht weniger. So lange du nicht in der Familie aufgestiegen bist, sind wir alle gleich. Oder sitzt du mit an dem runden Tisch? Ich glaube nicht.“

Angelos Kopf wird rot, die Ader an seinem Hals pocht sichtbar.

„Na, das wollen wir erst einmal sehen.“

Er fuchtelt mit dem Messer wie wild umher. Dann zückt Alfredo ebenso eine Klinge und es droht ein Kampf um Leben und Tod.

„Ich bin genau hinter dir, Boss“, sagt Alfredo.

„Jetzt wirst du schon Boss genannt, das wird deinem Vater nicht besonders gefallen“, sagt Luigi.

Alle vier haben ihre Messer in der Hand und sind bereit zu töten. In diesem Moment klingelt erneut mein Handy, allerdings ist es dieses Mal nicht meine Frau, sondern Alfonso.

„Stopp!“, rufe ich in die Runde, „sofort aufhören, es ist Alfonso, der mich gerade anruft und ihr wisst, ich bin sein persönlicher Arzt.“

„Na, da habt ihr großes Glück gehabt, dass mein Vater eure Ärsche gerettet hat.“

„Das Glück ist ganz auf deiner Seite, Angelo, aber wir sind jederzeit bereit unser Tänzchen weiter zu führen.“

Ich gehe an mein Handy. Angelo und Alfredo verlassen den Raum.

„Alfonso, was gibt es?“

„Nichts Besonderes, ich wollte mich nur vergewissern, ob du gut nach Hause gekommen bist, denn du hast ziemlich mitgenommen ausgesehen.“

„Alles bestens bei mir, ich bin bald daheim, aber vielen Dank der Nachfrage.“

Das Gespräch dauert noch ein paar Minuten, doch dann kann ich endlich nach Hause. Als ich zur Haustür laufe stehen Francesco und Luigi noch davor.

„Ich danke euch vielmals, Jungs, ihr habt mir echt das Leben gerettet.“

„Ach, kein Problem, Doc, wie oft haben Sie schon meinen Hintern gerettet? Wozu hat man Freunde?“, sagt Francesco zu mir.

„Ich hoffe, ihr bekommt keinen Ärger.“

„Machen Sie sich keine Sorgen um uns, Doc, wir kommen schon klar. Wie heißt es so schön? Die eine Hand spuckt in die andere.“

„Ah, wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst mit den schlauen Sprüchen aufhören, wenn du nicht weißt, wie sie richtig lauten. Es heißt: Die eine Hand wäscht die andere und nicht spuckt.“

„Ist ja gut, Luigi, ich habe verstanden, kommt nie wieder vor.“ Beide kommen mir vor wie ein lang verheiratetes Ehepaar. Aber bei dem, was sie erleben, ist das auch kein Wunder. Endlich kann ich das Haus verlassen. Es regnet ziemlich stark und vom Himmel fallen dicke Tropfen. Auf dem Boden sind große Wasserpfützen zu sehen, in denen ich mein Gesicht erkennen kann. „Mann, sehe ich mitgenommen aus.“ Ich steige in mein Auto und verschließe alle Türen. Als ob es etwas nützen würde, wenn Angelo hier herkommen wollte. Für diesen Moment gibt es mir trotzdem ein Stück Sicherheit.

„Okay, Peter, erst einmal tief durchatmen“, sage ich zur mir selbst. Das war eine heftige Sache, die ich gerade erleben musste, und mein Puls rast noch immer. Am liebsten würde ich jetzt in die nächste Bar fahren und mir die Kante geben. Geht aber leider nicht, Amelie wartet zu Hause auf mich und in weniger als fünfzehn Stunden beginnt mein Dienst im Krankenhaus. Mit zittrigen Händen stecke ich den Autoschlüssel in das Zündschloss und drehe ihn um. Ich fahre mit meinem Auto dem Tor entgegen, oben am Fenster sehe ich noch einmal Angelo. Er bemerkt mich und streicht sich mit seinem Finger die Kehle entlang. Die Botschaft ist eindeutig: „Wenn ich rede, sterbe ich.“

Mit viel zu hoher Geschwindigkeit fahre ich nach Hause. Ich will nur noch zu meiner Frau und sie in die Arme nehmen. Das Leben ist zu kurz, das wurde mir heute wieder einmal bewusst.

Da auf den Straßen kaum Verkehr ist, komme ich schneller zu Hause an als gedacht. Amelie wird nicht gerade begeistert sein, so lange nichts von mir gehört zu haben. Eilig sperre ich die Eingangstür auf und gehe die Treppen hinauf. Meine Wohnung liegt im dritten Stock, da es keinen Aufzug gibt, ist es mein tägliches Fitnessstudio. Ich nehme gleich zwei Stufen auf einmal um schneller voran zu kommen. Es sind nur noch zwei Etagen, dann bin ich endlich zu Hause. Am nächsten Abschnitt angekommen höre ich ein Knarzen als würde jemand die Tür aufsperren. Das Geräusch kommt von der Nachbarin Mrs. Melburn. Eine alte Dame, die seit vielen Jahren verwitwet ist, und keine Gelegenheit auslässt, einem die Ohren blutig zu reden. Ich versuche mein Tempo zu erhöhen um einem Gespräch zu entgehen. Nur leider ist die alte Dame schneller und bemerkt mich.

„Ach, Dr. Mercy, schön Sie zu sehen.“

„Hallo Mrs. Melburn, so früh am Morgen schon unterwegs?“

„Na, hören Sie mal, junger Mann, ich benötige für meine Erledigungen etwas mehr Zeit als Sie!“

Mrs. Melburn hält sich mit beiden Händen an ihrem Gehstock fest. Ihr strenger Blick und ihre kühle Miene machen immer den Eindruck als würde sie gleich jemandem an die Gurgel springen. Aber sie ist immer hervorragend gekleidet und achtet stets auf ihr Äußeres. Auch wenn der Duft von Chanel etwas zu viel des Guten ist.

„So war es doch gar nicht gemeint, Mrs Melburn, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

Schnell versuche ich das Gespräch zu unterbinden, da ich nur zu gut weiß, dass solche Unterhaltungen mit ihr auch eine Stunde dauern können.

„Ach, Dr. Mercy“, sagt sie mit einem zurückrufenden Ton zu mir.

„Ich hätte da noch eine Frage an Sie. Könnten Sie sich meinen Knöchel ansehen? Der ist seit Tagen schon geschwollen und schmerzt beim Laufen.“

„Eigentlich, Mrs. Melburn, …“

Noch bevor ich meinen Satz zu Ende sprechen konnte, hat Sie schon ihr rechtes Hosenbein nach oben gezogen und streckt mir ihr geschwollenes Bein entgegen. Die Dame hat nicht übertrieben, es ist deutlich dicker als das andere Bein und ein Bluterguss direkt am Knöchel ist ebenfalls zu erkennen. Mir fällt eine große Narbe auf, die sich vom Schienbein bis zu ihrem Knie nach oben zieht. Die Frau musste mit Sicherheit schon einiges in ihrem Leben durchmachen und ihr Körper hält die Erinnerungen für immer am Leben.

„Wie ist das passiert?“, frage ich sie erstaunt.

„Ach, so ein junger Mann bettelte mich um Geld an und als ich ihm verklickerte, dass er sich gefälligst einen Job suchen sollte, eskalierte die Situation. Er griff an meine Tasche und versuchte sie von mir wegzuzerren, aber da hat er sich die falsche Lady als Opfer ausgesucht. Ich verpasste ihm eine Ladung Pfefferspray in die Augen und er rannte sofort weg. Dabei bin ich mit meinem Fuß umgeknickt.“

„Das ist ja schrecklich, haben Sie schon die Polizei verständigt?“, frage ich.

Mrs. Melburn kann sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen, was mich ein wenig erstaunt, da sie ansonsten nie ein Grinsen über die Lippen schweifen lässt.

„Wenn Sie wüssten, was ich in meinem Leben schon alles überstehen musste. Da wäre einmal der Zweite Weltkrieg, den ich hautnah miterleben durfte, bei dem mein Vater verstarb. Dann fiel mein Mann im Vietnamkrieg und ich stand von heute auf morgen mit zwei kleinen Kindern alleine da. Deshalb bringt mich so ein kleiner Überfall von einem Bengel nicht aus der Ruhe.“

„Ich würde Ihnen empfehlen ins Krankenhaus zu gehen, es sollte unbedingt geröntgt werden.“

„Das kommt für mich nicht in Frage, diese modernen Geräte und Strahlungen machen einen erst recht krank. Ich bitte Sie, Dr. Mercy, können Sie einer alten Dame wie mir nicht doch helfen?“, bittet sie und wirft mir dabei einen leicht verbitterten Blick zu.

Ich atme noch einmal tief durch. „Komm schon, Peter, gib dir einen Ruck. Amelie wird es mit Sicherheit verstehen, wenn ich später nach Hause komme, weil ich meiner alten und einsamen Nachbarin geholfen habe.“

„In Ordnung, Mrs. Melburn, ich helfe Ihnen sehr gerne, lassen Sie uns in Ihre Wohnung gehen und ich werde sehen, was ich für Sie tun kann.“

Es dauert noch weitere dreißig Minuten bis ich mit der Behandlung fertig bin, aber nach einem Stützverband und einer schmerzstillenden Salbe verlasse ich die Wohnung von Mrs. Melburn wieder. Als kleines Dankeschön erhalte ich von ihr eine Tafel Schokolade, aber das ist für mich viel mehr wert als Geld, da ich weiß, dass Mrs. Melburn keines besitzt, sie aber trotzdem ihre Dankbarkeit zeigen möchte, was ich sehr viel mehr schätze.

„Und denken Sie daran zweimal täglich die Schmerztabletten einzunehmen“, sage ich zu ihr und laufe los.

Nach zwei weiteren Stockwerken stehe ich endlich vor meiner Wohnungstür. Es riecht herrlich nach Zimt und frisch gemahlenem Kaffee. Amelie macht anscheinend wieder ihre weltbesten Zimtschnecken, deren Geruch mich wieder in meine Kindheit zurückfallen lässt. Jeden Sonntag, kurz bevor wir in die Kirche gingen, backte meine Mutter die Zimtschnecken, damit sie rechtzeitig abkühlen und anschließend gegessen werden konnten. Es war eine große Leidenschaft von ihr, bei der sie für ein paar Stunden alle Sorgen vergessen konnte. Da wir sehr arm waren, war dies ansonsten nur selten möglich. Der Speichel sammelt sich in meinem Mund zusammen, denn ich habe großen Hunger und seit vielen Stunden nichts mehr Ordentliches gegessen.

Kapitel 4

Ich stecke meinen Schlüssel in das Schloss und sperre die Tür auf. „Endlich zu Hause“, seufze ich vor mich hin. Unsere vier Zimmer-Wohnung, die längst die besten Jahre hinter sich hat, ist trotzdem ein Ort der Ruhe und Entspannung. Amelie sorgt dafür, denn besonders wohlfühlen tut sie sich schon lange nicht mehr. Aber ich bin in diesem Viertel aufgewachsen und fühle mich weiterhin damit verbunden. An der Wand hängt ein großes Bild von meinen Eltern mit mir zusammen. Ich war gerade einmal acht Jahre alt als wir dieses Foto machten. Es lässt mich nie vergessen, woher ich komme.

Meine Schuhe und meine Jacke verstaue ich ordentlich an den Haken und in der Schuhkommode, da ich mir jeden weiteren Ärger ersparen möchte. Ich gehe Richtung Küche und sehe Amelie, wie sie gerade einen Teig zusammenrührt. Ihr blondes Haar hat sie streng nach hinten gebunden, da es meine Frau nicht leiden kann, wenn ihr beim Backen die Haare ins Gesicht fallen. Die Schürze, die sie trägt, ist leicht mit Schokolade bekleckert. In der Küche ist überall selbstgemachte Backware von ihr: Zimtschnecken, Apfelkuchen und eine Quark-Rolle.

„Oh nein, Quark-Rolle, nur keine Quark-Rolle.“ Die macht Amelie immer, wenn sie wütend ist, denn ich kann saure Milch nicht ausstehen. Musste dann ihr zuliebe, vielleicht auch als Strafe, immer ein Stück mitessen.

„Guten Morgen, mein Schatz“, sage ich mit heller, freundlicher Stimme, was mir nicht leicht fällt, da meine Psyche nach diesem Vorfall am Ende ist. Ihr Blick wirkt leicht düster, fast schon angesäuert und sie rührt den Teig immer schneller und fester zusammen.

„Dr. Peter Mercy, hast du eigentlich schon einmal auf die Uhr gesehen?“

Ihre Nasenflügel ziehen sich immer heftiger zusammen und wieder auseinander, da sie durch das schnellere und kräftigere Rühren aus der Puste kommt und um ihrem Ärger etwas Luft zu machen.

„Ich weiß, mein Schatz, dass ich heute sehr spät nach Hause komme. Es gab kurz vor Feierabend einen Notfall in der Klinik. Ich habe einem kleinen Mädchen das Leben gerettet und dann hielt mich Mrs. Melburn noch auf, die sich den Fuß verstaucht hat.“

„Du hättest mir wenigstens eine Nachricht hinterlassen können.“

„Das hätte ich gerne getan, aber ich stand sehr lange im OP.“

Diese Lüge muss ich ihr unterbreiten, denn Amelie weiß von meinem Deal mit der Mafia nichts. Seit über fünfundzwanzig Jahren belüge ich meine Frau diesbezüglich, aber es ist zu ihrer eigenen Sicherheit. In diesem Milieu ist die kleinste Schwäche eine große Gefahr. Nicht einmal Alfonso weiß von meiner Frau, aber es interessierte ihn auch nie, da er Privates und Geschäftliches auseinander halten möchte.

Mit winzig kleinen Schritten laufe ich hinter meine Frau, nehme ihre linke Hand, mit der sie die Schüssel festhält, und küsse ganz zärtlich ihren Handrücken.

„Es tut mir leid, mein Schatz, ich weiß, dass du es nicht ausstehen kannst, wenn du dir große Sorgen um mich machen musst.“

Kein Wunder seit dem letzten Anschlag in der Klinik als ein geistig verwirrter Mann in die Notaufnahme kam und mit dem Messer meinen Kollegen erstach. Leider überlebte er das Unglück nicht und hinterließ eine Frau und zwei Töchter. Das hätte auch ich sein können, denn an diesem Tag tauschte ich meine Schicht mit Dr. Andrew um mit Amelie unseren Hochzeitstag zu feiern. Nach diesem Vorfall versprach ich ihr, mich alle vier Stunden zu melden.

„Ich mach es wieder gut, versprochen, mein Schatz. Wie wäre es, wenn ich dich morgen in das Restaurant Bella Italia einlade, das liebst du doch.“

Das Bella Italia ist eines der nobelsten Läden in der Stadt. Der Koch wurde schon mehrmals ausgezeichnet, seine Küche ist einmalig. Von leckerer Pasta bis hin zu perfekt zubereitetem Fisch ist alles vorhanden. Aber berühmt ist der Laden durch sein himmlisches Lammragout geworden. Das Fleisch ist so zart und weich, dass es sofort auf der Zunge zergeht, wenn man es in den Mund nimmt. Die Rotweinsoße bringt die Geschmacksknospen zum Tanzen. Amelie schwärmt noch Tage danach, wenn wir dort essen waren. Leider schmälert das Restaurant den Geldbeutel um ein Vielfaches, deshalb gehen wir nur zu besonderen Anlässen hin. Allerdings, in diesem Fall, will ich meine Frau um jeden Preis glücklich machen.

„Das wäre ein Anfang“, sagt Amelie zu mir und man kann dabei erkennen, dass sich ihre Mundwinkel leicht nach oben bewegen. Amelie kann nicht lange böse auf mich sein, denn sie ist der gutmütigste Mensch, den ich kenne. Das ist einer von vielen Gründen, warum ich diese wunderbare Frau vor vielen Jahren geheiratet habe.

„Geh dich jetzt duschen, Peter, das Frühstück ist jeden Moment fertig und du musst schon halb verhungert sein.“

Dabei sieht sie mich mit ihren großen, stahlblauen Augen an, die perfekt auf die Farbe ihrer Schürze abgestimmt sind.

„Warum hast du eine Wunde am Hals?“, fragt mich Amelie.

„Ach das“, sage ich mit leicht zittriger Stimme, die mich sofort wieder an den Vorfall von heute Morgen denken lässt. Mein Herz rast als hätte ich gerade einen Marathon hinter mir und mein Mund fühlt sich wie die Wüste an.

„Ich habe mich wohl gestern beim Rasieren geschnitten“, und verschwinde in mein Badezimmer.

Als ich die Tür hinter mir schließe sperre ich hastig ab. Meine Brust fühlt sich an als würde ein tonnenschwerer Felsbrocken auf ihr lasten. Außerdem fällt mir das Atmen immer schwerer. Plötzlich schießt mir ein Gedanke durch den Kopf, den ich sofort wieder loswerden möchte – „Herzinfarkt!“ Eigentlich kann das nicht sein, denn im Krankenhaus lasse ich mich regelmäßig untersuchen. Das letzte Mal wurde ich vor zwei Wochen an den Monitor angeschlossen. Gut, meine Ernährung war zu dieser Zeit nicht so wie ich es immer meinen übergewichtigen Patienten predige, aber das kann es nicht sein. Ich drehe den Wasserhahn auf, spritze mir kaltes Wasser in mein Gesicht und blicke in den Spiegel.

„Okay, Peter, du wirst dich jetzt beruhigen, alles wird gut.“

Nur, so sehr ich mich bemühe, mich wieder auf ein ruhiges Level herunter zu bringen, umso schlimmer wird es. Die schrecklichen Bilder in meinem Kopf spielen sich wie ein schlechter Horrorfilm vor meinen Augen ab. Meine Kehle schnürt sich weiter zu. Ich muss sofort an meine Tasche, dort befindet sich eine Packung Beruhigungspillen, die die Panikattacke stoppen sollten. Oder ist es vielleicht doch ein Herzinfarkt? Nein, ich bin ziemlich sicher, dass es sich um eine Panikattacke handelt.

Mein Gesicht sieht furchtbar aus. Tiefhängende Augenlider, die den Eindruck vermitteln könnten, tagelang auf Kneipentour gewesen zu sein. Und dann der Schnitt an meinem Hals, der mich erneut an die Klinge denken lässt.

Ich öffne die Tür um schleunigst an meine Tasche zu kommen. Amelie ist noch mit dem Backen beschäftigt und in ihrer eigenen Welt, sie würde nichts mitbekommen. Rasch laufe ich den Gang hinunter um an meine Notfalltasche zu kommen, die immer für Notfälle an der gleichen Stelle steht – rechts neben der Schuhkommode. Mit zittrigen Händen öffne ich den Knopf und schiebe den Reißverschluss zur Seite. Ich fühle mich wie ein Junkie, der dringend seinen nächsten Schuss braucht.

„Ach verflixt, wo habe ich denn diese blöden Tabletten hingetan?“, schimpfe ich mit mir selber. Alles ist an Ort und Stelle, bis auf diese Beruhigungstabletten. Plötzlich fällt mir ein, dass Amelie sich hin und wieder ein paar Pillen nimmt, wenn ihre Mutter sie wieder einmal in den Wahnsinn treibt. Die Frau, die sechsundachtzig Jahre alt ist und hochgradig an Depressionen leidet, lässt keinen Moment aus, um Amelie das Leben zur Hölle zu machen. Eigentlich weiß meine Frau, dass ich es nicht ausstehen kann, wenn sich jemand an meiner Notfalltasche bedient, denn im Falle eines Falles muss ich schnell handeln können und habe keine Zeit nach dem Medikament zu suchen.

Ich öffne die oberste Schublade von der Kommode, dort legt Amelie die Tabletten meistens hinein.

„Wo sind diese Tabletten?!“, schreie ich noch einmal.

„Was hast du gesagt, Peter?“, fragt mich meine Frau.

„Nein, nichts Amelie, alles gut.“

Es fühlt sich beim Sprechen an als hätte ich einen riesigen Kloß am Stück hinuntergeschluckt. Völlig nervös und in Panik durchwühle ich diese Schublade. Alles bekomme ich zwischen meine Finger: eine Packung Kaugummi, eine alte Postkarte, die wir von unseren besten Freunden Lisa und Michael aus ihrem letzten Urlaub auf Bali bekamen. Selbst meine verloren geglaubte Lesebrille kann ich in dieser Schublade finden, nur nicht diese verdammten Pillen.

„Jetzt reicht es“, schreie ich und nehme die komplette Schublade heraus um sie herumzudrehen. Alles liegt auf dem Boden verteilt und erst da wird mir bewusst, wie viele wertvolle Erinnerungsstücke sich in einer Schublade befinden können. Nach ein paar Sekunden wilden Umherwühlens habe ich endlich die Dose gefunden mit der Aufschrift: „Lorazepam“.

Es ist ein starkes Beruhigungsmittel, das bei Angstzuständen oder Schlafstörungen eingesetzt wird, sogar bei einem Krampfanfall wird dieses Medikament verabreicht. Hektisch öffne ich die Dose, entnehme zwei Tabletten und schlucke sie hastig hinunter.

Nach ein paar Minuten spüre ich, wie der Druck und das Engegefühl in meinem Körper etwas nachlassen. Mit meinen Händen fahre ich mir durch das Gesicht. Alles ist mit kaltem Schweiß bedeckt, meine Haut kreidebleich. Nach weiteren fünf Minuten und regungslosem Sitzen auf dem Teppich, angelehnt an die Wand, wird mein Puls langsamer und meine gewohnte innere Ruhe stellt sich wieder ein.

„Peter, kommst du frühstücken?“, sagt meine Frau zu mir.

„Ich komme, Schatz.“

Ich wage noch einen letzten Blick in den Spiegel um zu überprüfen, dass meine Frau vor Schreck nicht gleich selber in Ohnmacht fällt. Nach dieser Panikattacke kann ich meine Patienten besser verstehen, wie beängstigend es sein kann, wenn einem der eigene Körper die Luft abschnürt und kein Herzinfarkt dahinter steckt.