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Nach einer Tumor-Operation verliert David Horn nicht nur eine Niere, sondern auch den Glauben an das Gesundheitssystem. Er gerät in ein Martyrium aus Schmerzen, Komplikationen und bürokratischer Gleichgültigkeit. Seine OP-Narbe heilt nicht richtig, es bildet sich eine größere Ausbuchtung. Schließlich reißt die Narbe ganz auf. Von einem Krankenhaus zum nächsten getrieben, erlebt er Fehldiagnosen, endlose Wartezeiten und mangelnde Fürsorge. Einzig Krankenschwester Marion Schäfers steht ihm bei, obwohl sie selbst an ihrem Beruf zweifelt. Zwischen den beiden wachsen ganz langsam Nähe und Vertrauen. Sie ist es schließlich, die David zu Dr. Stefan Frank schickt ...
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
Wenn die Narbe nicht heilt
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Nach einer Nieren-OP leidet David immer wieder an schweren Komplikationen
Nach einer Tumor-Operation verliert David Horn nicht nur eine Niere, sondern auch den Glauben an das Gesundheitssystem. Er gerät in ein Martyrium aus Schmerzen, Komplikationen und bürokratischer Gleichgültigkeit. Seine OP-Narbe heilt nicht richtig, es bildet sich eine größere Ausbuchtung. Schließlich reißt die Narbe ganz auf. Von einem Krankenhaus zum nächsten getrieben, erlebt er Fehldiagnosen, endlose Wartezeiten und mangelnde Fürsorge. Einzig Krankenschwester Marion Schäfers steht ihm bei, obwohl sie selbst an ihrem Beruf zweifelt. Zwischen den beiden wachsen ganz langsam Nähe und Vertrauen. Sie ist es schließlich, die David zu Dr. Stefan Frank schickt ...
Käsesauce, ging es Marion durch den Kopf. Die gesamte Station roch nach ranziger Käsesauce. Angewidert rümpfte sie die Nase.
»Schwester Marion, schauen Sie doch gleich noch in Zimmer einhundertdrei vorbei. Der Patient klagt über Übelkeit«, rief ihr Dr. Reinhard entgegen.
Dr. Reinhard war Chefarzt der Urologie und ließ das alle wissen, indem er hauptsächlich verfügte – vor allem über die Zeit der Schwestern und Pfleger, die ohnehin mit Zeitmangel zu kämpfen hatten.
»Sofort«, versicherte Marion ihm, eilte über den Flur in Richtung Schwesternzimmer und suchte im Medikamentenschrank nach den Tabletten gegen Übelkeit.
Der Patient auf Zimmer einhundertdrei hieß Gustav Müller. Er war bereits zweiundachtzig Jahre alt und lag seit drei Tagen auf der Station. Obwohl er ein Mann war, zu dem das Wort »rüstig« passte, hatte Marion beobachten können, wie er von Tag zu Tag mehr und mehr entkräftet wirkte.
»So, Herr Müller, wie geht es Ihnen denn heute?«, begrüßte sie ihn mit gewohnter Fröhlichkeit, als sie die Tür zu seinem Zimmer öffnete.
Sie erhielt keine Antwort. Der Patient übergab sich bereits auf sein Kopfkissen. Dabei verzog er das Gesicht vor Schmerzen. Erst vorgestern war er operiert worden.
»Oje«, war alles, was Marion sagte, und das in einem Ton, der harmlos klang.
In ihrer Laufbahn als Krankenschwester hatte sie gelernt, ihre Patienten ein wenig wie Kinder zu behandeln, die mütterlich versorgt wurden. Wichtig dabei war nur, ihre Ängste und Sorgen ernst zu nehmen, ohne sie zu verstärken. Marion beherrschte diese Kunst. Die Fünfzigjährige hatte jahrzehntelang Zeit gehabt, sie auszubauen.
»So, und der Herr Müller.« Dr. Reinhard blieb inmitten des Zimmers stehen und sah auf seinen Patienten, der sich nun erschöpft zurück in sein Kissen sinken ließ, zu kraftlos, um auf das Erbrochene zu achten. »Schwester Marion, habe ich Ihnen nicht gerade gesagt, dass Sie sich um den Patienten kümmern sollten?«, herrschte der Chefarzt die Schwester an.
Es war zwecklos, sich zu entschuldigen. Marion wusste, dass Dr. Reinhard ihr nicht einmal die Zeit geben würde, sich zu erklären, zumal sie sofort gehandelt hatte.
»Ja, Herr Doktor«, erwiderte sie daher nur.
»Kümmern Sie sich darum, Schwester«, wiederholte der Mediziner, ohne sie eines Blickes zu würdigen. »Und Sie, Herr Müller, können morgen schon wieder nach Hause, hm.«
Marion verließ gerade das Patientenzimmer, als sie die Worte hörte. Überrascht drehte sie sich um. Ein müdes Lächeln lag auf dem Gesicht des Patienten. Dabei konnte sie verstehen, dass der arme Mann lieber zu Hause wäre als im Krankenhaus. Trotzdem fragte sie sich, ob die Entlassung nicht schon zu früh kam.
Noch während sie das Putzzeug und frische Bettwäsche zusammenklaubte, kamen der erfahrenen Schwester etliche Patienten in den Sinn, die ihrer Meinung nach zu früh entlassen worden waren. Da war diese schüchterne, noch junge Frau gewesen, die nach zwei Tagen mit Schmerzen zurückgekehrt und lediglich mit einem Rezept für Schmerzmittel wieder heimgeschickt worden war. Oder die alte Frau Sommers, die Marion jeden Nachmittag ein Stück Kuchen angeboten hatte, den ihr ihr Sohn mitgebracht hatte. Von einer Kollegin hatte sie erfahren, dass sie nach ihrer Entlassung mit Komplikationen in ein anderes Krankenhaus eingeliefert worden war. Dort war sie verstorben.
»Oje, du Arme, hat es dich wieder erwischt?«
Marion schreckte aus ihren Gedanken auf und ließ dabei den Eimer los, der scheppernd zu Boden fiel. Simone stand neben ihr, an einem zähen Müsliriegel nagend. Simone war nicht nur ihre Kollegin, sondern auch ihre Freundin. Zusammen hatten sie schon so viele Geschichten erlebt, dass sie ein Buch damit hätten füllen können.
»Herr Müller in der Einhundertdrei«, erklärte Marion und hob den Eimer wieder auf. »Das ganze Bett ist voll. Danach werde ich erst mal bei seiner Wunde schauen. Der arme Mann wurde erst kürzlich operiert.«
»Bei dem Gestank hier kann einem aber auch übel werden.«
Simone, die in Marions Alter war, verzog das Gesicht.
»Ach du«, tat Marion ab, obwohl sie dasselbe dachte. »Du siehst in allem das Negative.«
»Meine liebe Marion«, setzte die Kollegin an. »Wir sind jetzt seit Anbeginn der Zeit hier.«
Marion kicherte. Manchmal fühlte es sich wirklich so an, als hätte es nie ein Leben vor dem Krankenhaus gegeben.
»Wie lange musst du noch hier arbeiten, um zu erkennen, dass dieser Bunker direkt aus der Hölle kommt?«, fuhr Simone fort.
»Du bist unterzuckert«, warf Marion ein und legte ihren Kopf schief, während sie ihre Freundin belustigt ansah. »Erstens ist das hier ein Krankenhaus und kein Bunker, und zweitens sind die Verhältnisse in anderen Krankenhäusern auch nicht besser.«
Mit dem Eimer ging sie zum Wasserhahn und gab anschließend ordentlich Putzmittel in das lauwarme Wasser.
»Glaub mir«, blieb Simone standhaft und schluckte den letzten Bissen ihres Riegels hinunter. »Nirgends sind die Verhältnisse so übel wie hier. Ich wette mit dir, wenn es in der Waldner-Klinik Gemüse mit Käsesauce gibt, bekommt niemand von dem Gestank Brechreiz.«
Marion lachte. Aber an der Äußerung ihrer Freundin war etwas Wahres dran. Wäre das Problem nur die Käsesauce, könnte sie schmunzelnd darüber hinwegsehen. Aber da gab es Dinge, die sie beobachtet hatte, die ihr mehr und mehr Bauchschmerzen verursachten. Aber war es woanders nicht genauso? Achselzuckend nahm sie den gefüllten Eimer auf und wappnete sich für die vor ihr liegende Arbeit.
***
»Wenn sonst niemand mehr Fragen hat, würde ich sagen, dass wir dann wieder alle an die Arbeit gehen.«
David Horn beendete die Teamsitzung mit einem Klatschen in die Hände. Es war das Signal, das sämtliche Mitarbeiter die Papiere zusammenklauben und die Stühle zurückschieben ließ.
»Gehen wir heute gemeinsam zum Mittagessen?«, erkundigte sich Simon, sein Stellvertreter.
David leitete das Team Wohnen der Stadtverwaltung München. Unter seiner Führung standen dreißig Mitarbeiter, die auf verschiedene Bereiche aufgeteilt waren und sich zum Beispiel um Wohngeldanträge, Unterkünfte für Wohnungslose und die Mieter in städtischen Immobilien kümmerten.
»Um zwölf?«, antwortete David mit einer Gegenfrage.
Somit hätte er noch zwei Stunden Zeit, um E-Mails zu beantworten. Da er zwei Wochen Urlaub gehabt hatte, hatten sich über hundertachtzig Nachrichten in seinem Postfach angesammelt. Etliche davon erforderten gründliche Recherche und Arbeit.
»Alles klar«, meinte Simon und klatschte mit seinem Vorgesetzten ab.
David war froh, seine Bürotür hinter sich schließen zu können. An seinem Schreibtisch gönnte er sich eine Minute Ruhe. Der Dienstagvormittag war gefüllt mit Teamsitzungen. Da fiel ihm ein, dass er die zweite Sitzung fast vergessen hätte, die schon in einer Viertelstunde begann. Die E-Mails würden also warten müssen.
Sein Magen knurrte. Da er sich jedoch nie etwas zu essen mitnahm, trank er lediglich einen Schluck Kaffee aus dem Becher, den er sich heute Morgen gezogen hatte. Der Schluck war kalt und ließ ihn das Gesicht verziehen.
David blickte auf die Uhr. Noch zehn Minuten bis zur Sitzung. Rasch stand er von seinem Stuhl auf und griff nach seinem Tablet. Auf dem Weg zum Sitzungsraum kam er an der Mitarbeitertoilette vorbei. Mit Toiletten war es so, dass er immer dann einen Drang verspürte, wenn er daran erinnert wurde. Also bog er schnell ab und schloss die Tür hinter sich. Doch als er die minimale Ruhe genoss, die ihm währenddessen zugestanden wurde, bekam er einen Schreck, als sein Blick nach unten fiel. In der Mitte seiner Unterwäsche prangte ein roter Fleck.
Wie erstarrt regte er sich nicht. Sein Kopf war leer. Blut in der Unterwäsche war nichts Normales, dessen war er sich bewusst. Obwohl er sich sicher war, suchte er seinen Unterleib nach einer offenen Wunde ab. Natürlich fand er nichts. Langsam zog er sich wieder an, spülte ab und verließ die Kabine. Am Waschbecken hielt er seine Hände unter eiskaltes Wasser. Im Spiegel begegnete er seinem ernsten Blick.
David war ein Pragmatiker. Er erledigte nicht nur seine Arbeit schnell und effektiv, sondern lebte diesen Stil auch in seinem Privatleben. Vielleicht war das ein Grund dafür, warum er seit zwei Jahren Single war. Seine letzte Freundin hatte ihn als zu sachlich eingestuft. Doch nun kam ihm diese Eigenschaft zugute.
Mit einem tiefen Durchatmen zog er sein Smartphone aus seiner Gesäßtasche und suchte nach Urologen in der Nähe. Eine Liste wurde ihm angezeigt. Daraus wählte er den obersten Kontakt. Er tippte den Hörer an und wartete.
»Hallo? Ja, ich hätte gerne einen Termin zur Untersuchung.«
Als er die Mitarbeitertoilette wieder verließ, hätte niemand ihm ansehen können, welche Sorge in seinem Kopf schwirrte.
***
Ein unheimliches Pfeifen erklang. Das Paar, das sich am Esstisch gegenübersaß, sah sich mit großen Augen an. Dann gingen ihre Blicke zum Fenster, vor dem sich die kahlen Zweige einer Ulme im Wind bogen.
»Wenn ich ehrlich bin, sehne ich mich sehr nach dem Frühling«, durchbrach Alexandra Schubert die Stille.
Sie legte ihr Kinn in ihre Hand und sah träumerisch in die Ferne. Vor ihren Augen war vermutlich kein Fenster zur schwarzen Nacht mehr zu sehen, sondern ein Bild ihres Gartens in voller Blüte.
»Lang ist es nicht mehr«, tröstete Stefan Frank seine Lebensgefährtin und streckte seine Hand nach ihr aus, um sie zu streicheln.
Alexa schenkte ihm ein warmes Lächeln.
»Heute Morgen war es so kalt, dass meine Hände zu Eis gefroren waren, als ich in der Praxis ankam«, beteuerte sie, um das Wetter ein wenig zu dramatisieren.
Aber das Lächeln in ihrem Gesicht hatte etwas Schelmisches, sodass Stefan wusste, dass sie ihn nur neckte.
»Bestimmt werden wir morgen einen Notfallgenerator besorgen müssen, falls alle Leitungen zufrieren und das Stromnetz zusammenbricht«, stimmte er in ihre Übertreibung ein.
»Wir werden uns welche von diesen Schneeschuhen besorgen müssen, weil die Autos eingefroren sein werden und wir uns auf andere Weise nicht mehr fortbewegen werden können«, übertrumpfte seine Partnerin ihn.
»Oder wir besorgen uns gleich ein paar Schlittenhunde. Die sind schneller«, scherzte Stefan und konnte das Lachen nun nicht mehr zurückhalten.
Auch Alexa fiel in das Lachen mit ein. Herzlich ergriff sie seine Hand und drückte sie. Dann widmete sie sich wieder der Lasagne auf ihrem Teller. Da beide einen zu langen Tag in ihren Praxen gehabt hatten, hatten sie sich dazu entschlossen, etwas zum Essen zu bestellen. Glücklicherweise war die Welt noch nicht zugefroren genug, um ein an die Haustür geliefertes Abendessen zu verhindern. Nun roch es in ihrer Küche herrlich aromatisch nach herzhaften italienischen Genüssen.
»Also, wie sieht deine Woche aus?«, wollte Stefan erfahren.
Zu Beginn der Woche nahm sich das Paar regelmäßig Zeit, um seine Termine miteinander abzustimmen. So konnten sie sichergehen, dass sie nicht aus Versehen einen Abend mit Freunden buchten, der bereits verplant war.
»Du, meine Woche ist noch frei. Bis auf das Mittagessen mit Helene am Mittwoch habe ich nichts vor. Wie sieht es bei dir aus? Wollten Ulrich und Ruth am Freitag nicht mit uns in diesen neuen Kinofilm?«
Alexa nahm den ersten Bissen von ihrer Lasagne, und auch Stefan Frank freute sich auf seine Spaghetti carbonara, bei deren Anblick ihm das Wasser im Mund zusammenlief.
»Für morgen Abend wurde ich von der Uni zu diesem Gastvortrag eingeladen, von dem ich dir neulich erzählt habe«, erwiderte er und wickelte ein paar Spaghetti mit der Gabel auf.
»Ach, dieser Professor, der behauptet, dass die Patientenversorgung zunehmend unter den Einsparungen leide?«, hakte Alexa nach.
»Ich bin gespannt, was er zu sagen hat. Weißt du, das Thema ist nicht neu«, meinte Stefan und erinnerte sich an die Mail, die er von einem Freund erhalten hatte. Das musst du dir anhören, hatte darin gestanden. »Mit dem neuen Hebammengesetz letztes Jahr hat sich die Lage noch mal verschlimmert. Nicht nur, dass manche Häuser nun schließen müssen, da immer weniger Menschen den Beruf ausüben wollen und können, wenn er nun noch schlechter bezahlt wird. Auch die Schwangeren und Gebärenden sind davon betroffen, die dadurch eine längere Anfahrt zur nächsten Geburtsstation haben werden.«
Alexa setzte ihr Besteck ab und nickte. Ihr Gesicht war ernst.
»Weißt du, dass ich manchmal froh bin, in der Augenheilkunde tätig zu sein?«, meinte sie. »Ich weiß nicht, ob ich es ertragen könnte, Patienten zu sehen, die wegen Einsparungen nicht richtig versorgt würden.«
Stefan verstand sie. Auch er war froh, eine eigene Praxis zu leiten, auch wenn er immer häufiger mit administrativen Aufgaben konfrontiert wurde. Auch die Kooperation mit der Waldner-Klinik erfreute ihn. Hier konnte er seine Patienten in guten Händen wissen. Trotz der Kosten verfolgte sein Freund und Klinikinhaber Ulrich das Ziel, seine Patienten bestmöglich zu versorgen. Der Mensch stand an erster Stelle. Doch wusste Stefan nur allzu gut, dass sich viele Krankenhäuser diesen Luxus nicht leisten konnten.
»Du, da fällt mir ein, dass die Marion am Freitag zu ihrem Geburtstag eingeladen hat.«
»Marion Schäfers?«, fragte Alexa nach.
Stefan kannte die Krankenschwester bereits seit über zwanzig Jahren. Sie war das Sinnbild einer fürsorglichen Frau. Jeden Patienten umsorgte sie mit einer Hingabe, die manchen in dem stressigen Beruf abhandengekommen war.
»Möchtest du mich begleiten? Soweit ich weiß, wird sie einundfünfzig Jahre alt. Hast du eine Idee, was wir ihr schenken könnten?«
»Natürlich komme ich mit«, versicherte Alexa, die nun wieder mit der Portion Lasagne vor sich beschäftigt war. »Und wir sollten ihr unbedingt etwas besorgen, das sie daran erinnert, dass sie auch Bedürfnisse haben darf.«
»Na, da frage ich mich, was das wohl sein kann«, erwiderte Stefan. Alexa hatte recht. So aufopfernd Marion arbeitete, so sehr vergaß sie sich selbst. Nicht nur, dass sie auf eine eigene Familie verzichtet hatte. Er konnte sich nicht mal daran erinnern, dass sie jemals ein Hobby erwähnt hatte. »Aber lass uns unbedingt etwas finden, das nur für sie ist.«
***
Wäre David Horn ein gewöhnlicher Mann gewesen, hätte er nun Däumchen drehend auf dem harten Plastikschalenstuhl gesessen, der seinen Gesäßmuskel betäubte. Stattdessen verschränkte er die Beine und hielt seinen Blick auf das Kandinsky-Gemälde gerichtet, das als billige Kopie über der Stuhlreihe ihm gegenüber an der Wand hing. Fasziniert betrachtete er die Linien und Kreise und fragte sich, was der Maler wohl damit hatte ausdrücken wollen.
»Herr Horn bitte«, wurde er aus seinen Gedanken gerissen, sodass er sich augenblicklich erhob. »Hier entlang.«
Eine junge fachmedizinische Assistentin führte ihn über einen hellen Flur, wobei ihr blonder Pferdeschwanz fröhlich hüpfte. David machte sich wenig aus jungen Frauen. In seinen Augen waren sie zu sprunghaft. Er mochte reifere Frauen, die bereits im Leben angekommen waren. Leider schien die Welt zu einem Großteil aus jungen Frauen zu bestehen. Zumindest hatte er seine Traumfrau noch nicht gefunden.
»Herr Horn, was führt Sie zu mir?«
Eine burschikose grauhaarige Ärztin stand vor ihm. Ihr Kittel zeigte akkurate Bügelfalten, und ihr Händedruck war so fest, dass er keinen Zweifel darüber ließ, wer in der Hierarchie oben stand.
»Guten Tag«, grüßte David, ohne sich einschüchtern zu lassen. »Ich habe seit zwei Tagen immer wieder ...« Er stockte. Erst jetzt wurde ihm die Intimität seines Problems bewusst, da er sich zuvor jeden Gedanken daran verboten hatte. »Ich habe vor zwei Tagen Blut in meiner Unterwäsche gefunden.«
»Und wenn Sie von Unterwäsche reden, meinen Sie Ihre Unterhose?«, vergewisserte sich die Urologin, die natürlich mit diesem Themenbereich deutlich pragmatischer umging.
David spürte, wie seine Wangen heiß wurden. Er nickte.
»Gut, dann legen Sie sich mal hin und ziehen Sie Ihr Hemd hoch, damit ich einen Ultraschall machen kann.«
