Drachenblutlinie - Jana Nüßler - E-Book

Drachenblutlinie E-Book

Jana Nüßler

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Beschreibung

Der Kampf um Merodien und die Liebe geht weiter. In ihrer neuen Heimat Lohringen versucht sich Lilian in ihrer Aufgabe als Heilerin. Doch ihre Verbindung zu dem Prinzen stößt auf Widerwillen und bringt neue Gefahren mit sich, die ihr Leben bedrohen. Während sich die Ereignisse überschlagen, scheint sich ihr der von der Elfenkönigin prophezeite Weg immer mehr aufzuzwängen. Unerwartet macht sie Bekanntschaft mit Göttern, Tempelorden und magischen Wesen. Gleichzeitig rückt der Aufbruch des königlichen Heeres in den Süden des Landes immer näher. Es scheint ganz so, als müsste sie durch den bevorstehenden Krieg um die Liebe ihres Lebens fürchten ...

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Seitenzahl: 1035

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Die Autorin

Im Alter von 17 Jahren konzipierte Jana Nüßler die Anfänge der Trilogie »Drachenblutlinie«. Während ihres Studiums der Germanistik und Kunstgeschichte in Münster setzte sie das Schreiben fort und vollendete schließlich ein Erstlingswerk, das den Leser zu einer spannenden Reise in eine magisch mystische Welt einlädt. Hier müssen sich die Protagonisten ihrer schicksalhaften Vergangenheit stellen, um durch Glaube und Liebe einen Ausweg aus dem verheerenden Chaos zu finden.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel: Das verheißungsvolle Geschenk

Kapitel: Vor dem Hohen Gericht

Kapitel: Das Läuten der Glocken

Kapitel: Der Tempel

Kapitel: Das Attentat

Kapitel: Die Priesterin und der König

Kapitel: Der Aufbruch des Heeres

Kapitel: Der versteckte Mann

Kapitel: Mynas

Kapitel: Die Schiffsfahrt über den Esodarap

Kapitel: Krieg

Prolog

Es waren einige Wochen verstrichen, seitdem der Fluch des Alters von Lilian genommen worden war. Es war ein komisches Gefühl, wieder ihren jungen Körper zurückzuhaben, mit dem sie sich wenden, bücken oder etwas heben konnte, wie es ihr passte. Dadurch fiel ihr die Arbeit, die sie weiterhin in Agnetas Haus tätigte, ungemein leichter. Das viele Bücken beim Setzen der Sprösslinge, das Pflücken der Kräuter und Heilpflanzen, das Pflügen der Beete, das Striegeln der Pferde, das Stallausmisten – sie hatte sich schon lange nicht mehr so lebendig gefühlt. – Doch dieses Empfinden beschränkte sich lediglich auf ihr neues Körpergefühl.

Airen hatte sie und Agneta seit der Aufhebung des Fluches nicht mehr besucht. Seine Worte, die er zu ihr gesagt hatte, der Hass, der verletzende Tonfall, sein Blick, der voller Verachtung und Missfallen gewesen war … Sie trug diese Erinnerungen ihres letzten Gesprächs täglich mit sich herum wie damals ihren Krückstock, als sie noch in dem alten, gebrechlichen Körper von Sophie gesteckt hatte. Lilian konnte es nicht vergessen und irgendeine Stimme in ihr sträubte sich auch dagegen. Sie wollte sich auf eine selbstzerstörerische Weise an diesen schmerzhaften Moment erinnern. Denn immer, wenn sie an Airen und ihr letztes Zusammentreffen dachte, wurde ihr gleichzeitig bewusst, dass er sie geliebt hatte. Sie sah sein Lächeln, das Feuer in seinen braunen Augen, als er sie erkannt hatte, und die Liebe, die sie von seinen Lippen geschmeckt hatte. Er ließ sie nicht mehr los und verhinderte es, dass sie wieder zu ihrem normalen Lebensrhythmus fand. – So wie auch jetzt …

»Lilian, pass doch auf!«

Die schwarzhaarige Frau mit dem geflochtenen Zopf, der über ihrer Schulter lag, schreckte aus ihren Gedanken und sie bemerkte erschrocken, dass sie das Wasser für die Kräuterpaste hatte überlaufen lassen. Schon wieder. Agneta riss ihr schnell den Tiegel aus der Hand und versuchte die Konsistenz der Paste noch zu retten, indem sie vorsichtig das überstehende Wasser abschöpfte.

»Es tut mir leid.« Lilian sah beschämt auf die Paste, die vollkommen ruiniert war.

»Kann ja passieren.« Agneta sah beschwichtigend auf und stellte fest, dass Lilian bereits wieder mit ihren Gedanken abgeschweift war.

Airen.

Nachdem Agneta alles entsorgt hatte – der Schaden ließ sich wirklich nicht mehr beheben –, beauftragte sie Lilian, die Pferde auf die Weide zu lassen und den Stall auszumisten. Schließlich konnte sie dort keinen so großen Schaden anrichten, wenn sie an den Prinzen dachte. Als Lilian gegangen war, schaute ihr Agneta betrübt nach. Das junge Mädel war in den letzten Tagen kaum noch wiederzuerkennen. Sie schien nur noch selten wirklich anwesend zu sein. Ständig träumte sie vor sich hin und ab und zu schien sie völlig apathisch. Die Heilerin beugte sich vor und holte einen neuen Tiegel aus dem Schrank. Wenn Lilian so weitermachte, konnte sie auf ihre Hilfe bei der Herstellung von Salben, Tränken und Pastillen gut verzichten. Sie zerstörte mehr, als dass sie produzierte – an und für sich ein niederschmetterndes Ergebnis. Sie musste unbedingt dafür sorgen, dass Lilian wieder Zugang zur Realität und zum Leben fand. Und sie wusste auch schon wie! Mit einem spitzbübischen Grinsen ließ sie die Schüsseln stehen und trat aus dem Haus.

Am folgenden Tag stand Lilian früh auf. Sie hatte nicht schlafen können. Schreiend und nach Luft ringend war sie aufgewacht und erst, als sie etwas Wasser getrunken hatte, konnte sie sich von dem Traum, von dem Alptraum losreißen, der sie seit Tagen plagte und ihr den Schlaf raubte.

Sie saß jedes Mal an einem Brunnen mitten auf einem Feld, an dem sie sich das offene, lange Haar kämmte. Die Sonne schien auf ihren Körper und erfüllte sie mit einer Wärme, die sie vergessen ließ, dass sie nichts am Körper trug. Eine sanfte Windbrise spielte mit ihren Strähnen und mit den Grashalmen der Wiese, die fröhlich dem Verlauf der Wellen folgten. Es waren schöne, glückliche Momente und ihr Herz wurde leichter. Und während sie ihr Haar kämmte und dem Zwitschern der Vögel lauschte, erschien plötzlich wie aus dem Nichts Airen vor ihr. Kalter Wind vertrieb ruckartig die warmen Strahlen der Sonne und grauschwarze Wolkenbänke schoben sich vor die goldene Barke. Irritiert schaute sie zu Airen hinauf. Seine Augen waren von seinem schwarzen Haar verdeckt und er bewegte sich nicht, er bewegte sich nie. Lilian lief auf ihn zu, um bei ihm Schutz zu suchen. Doch plötzlich fiel ihr auf, dass sie nichts am Leibe trug, und sie blieb jäh stehen. Sie schämte sich so sehr. Dennoch wagte sie es, zu Airen hinaufzuschauen. In diesem Moment hob er seinen Kopf und seine kalten, jähzornigen Augen durchbohrten sie. Er tat nichts, doch sein Blick genügte, um Lilian deutlich zu machen, dass er sie hasste. Unmittelbar fing ihr Körper an zu bluten, eine Wunde klaffte plötzlich an ihrer Brust und Blut lief ihren Leib hinab. Lilian versuchte panisch, den Fluss ihres Lebenssaftes zu stoppen, doch es half nichts. Verzweifelt schaute sie zu Airen, bittend, dass er ihr doch helfen möge, doch sein Gesicht verzog sich nur zu einem grimmigen Lächeln. Dann drehte er sich um und verschwand augenblicklich. Sie schrie seinen Namen, schrie um Hilfe und bat um Verzeihung, aber er kam nicht zurück, sondern ließ sie allein in der Pfütze ihres Blutes verrecken. Dann versagte ihr Atem, der Schmerz holte sie ein und sie starb.

Das kühle Wasser holte sie in die Realität zurück, doch nagten noch immer die schrecklichen Ereignisse ihres Traumes an ihrer Seele. Lilian wusste, dass noch Wochen vergingen würden, in denen sich ihr Zustand nicht ändern würde. Sie hatte Airen abgewiesen, als er ihr so nahe wie noch nie gewesen war. Das würde er ihr niemals verzeihen können. Traurig blickte sie aus dem Küchenfenster und bemerkte einen jungen Mann, der den Weg zu ihrem Haus genommen hatte. Er musste etwas älter als sie sein, entschied Lilian auf den ersten Blick. Er trug sein helles Haar zu einem kurzen Zopf im Nacken, hatte eine gerade Nase und ein Grübchen am Kinn. Seine breiten Schultern und Oberarme unter dem schlichten, lindgrünen Wams ließen darauf schließen, dass er starke körperliche Arbeit tätigte. Neugierig lehnte sich Lilian an die Fensterscheibe. Wollte der junge Mann etwa zu Agneta? Aber er sah gar nicht danach aus, dass er ein Heilmittel bräuchte. Vielleicht war es auch für ein Familienmitglied … Gespannt wartete Lilian, bis das Klopfen an der Tür erklang. Da sie keine Anstalten von Agneta hörte, zur Tür zu gehen, öffnete sie selbst.

»Guten Morgen.« Der Unbekannte verneigte sich freundlich und reichte Lilian die Hand. »Ihr müsst Lilian sein, nicht wahr?« – »Ja.« Lilian sah den Fremden verblüfft an. Nicht viele Stadtbewohner wussten davon, dass sie Sophie abgelöst hatte, und so überraschte sie es noch mehr, als sie der junge Mann zum Stadtfest einlud.

»Ihr wollt mit mir auf das Stadtfest gehen?« Lilian stierte den Mann, der sich ihr als Konstantin Molten vorgestellt hatte, fassungslos an.

»Nun, verzeiht mir, wenn ich so unverfroren bin, denn schließlich kennt Ihr mich nicht einmal.« Er fuhr sich lachend durch das goldene Haar. »Aber ich muss wahrhaft sagen, dass Ihr schöner seid, als ich mir je hätte vorstellen können!« Er lachte herzlich.

Lilian errötete.

Der junge Molten hielt inne. Sein Lachen strahlte jedoch in seinen blauen Augen weiter, als er zu Lilian sprach. »Agneta sagte mir, dass Ihr ein wenig Ablenkung bräuchtet. Sie sagte, seitdem Eure Mutter vor kurzem verstorben sei, seid Ihr kaum noch wiederzuerkennen.« Er musterte sie offen. »Eigentlich tue ich so etwas nicht. Ich meine, es bedarf schon einer Frechheit, Euch am frühen Morgen aus dem Haus zu treiben und auf ein Fest einladen, von einem Fremden und das unmittelbar nach der Trauerfeier Eurer verstorbenen Mutter.«

Lilian musste unvermittelt lachen. »Nein, nein, es tut gut, wenn man sich wenigstens einmal ablenken kann.« Sie lächelte ihn an. Ihr Ärger, den sie augenblicklich verspürt hatte, als er ihr offenbart hatte, dass Agneta dieses Treffen über ihren Kopf hinweg arrangiert hatte, verflog. Die Offenheit dieses jungen Mannes machte ihn sympathisch und ihr schien, dass Agneta vielleicht sogar gut daran getan hatte, ihr Konstantin Molten vorzustellen.

»Wollt Ihr mich vielleicht auf den Markt begleiten, Herr Molten? Dann würden wir uns auf dem Fest immerhin nicht als Fremde mehr gegenüber stehen.«

Er lachte. »Ich würde Euch gerne begleiten. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass Ihr mich vom Hof jagen würdet, wenn ich Euch so unverschämt um einen Tanz bitte.« Er nahm grinsend ihre Hand und gemeinsam gingen sie auf den Markt.

Die Festtagsvorbereitungen waren schon im vollen Gange. Girlanden, Tische, Stände, Stühle und Bänke wurden zurechtgerückt und die meisten Menschen schienen bereits von einer wilden Vorfreude auf das Fest ergriffen zu sein. Einige wiegten sich in dem Takt einer unhörbaren Musik, einige gönnten sich einen Schluck Wein und wieder andere unterhielten sich eifrig und mit geröteten Wangen.

Der junge Mann führte Lilian durch das Chaos der aufkommenden Festtagstimmung und erzählte ihr dabei allerlei aus seinem Leben. Er war der Sohn eines Wirts, den Agneta einst an einem stürmischen Gewitter geheilt hatte. Voller Bewunderung erzählte er ihr, wie Agneta den ganzen langen Weg von ihrem Anwesen bis zur Kneipe gelaufen war, während über ihrem Kopf unaufhörlich Blitze gezuckt hätten. Als sie die Schenke erreicht hatte, hatte es nicht gut um seinen Vater gestanden und der junge Molten schilderte Lilian betroffen, dass er damals geglaubt hatte, dass sein Vater in diesen furchterregenden Stunden sein Leben lassen müsste. Doch Agnetas Arzneien hatten geholfen und sein Vater war wieder gesund geworden. Seitdem dankte er jeden einzelnen Tag Agneta für ihre Hilfe.

Sie kamen an einem Stand mit feinen Stoffwaren vorbei. Augenblicklich blieb Konstantin stehen.

»Was hast du?«, fragte Lilian. Sie waren schon seit Stunden auf eine umgängliche Anredeform übergegangen.

»Siehst du diesen Schal dort?« Konstantin zeigte auf einen orangeroten Seidenschal, in dessen Muster zarte Goldfäden eingewebt waren. – »Ja. Was ist mit ihm?«

Lilian trat zu dem jungen Mann, der den Schal von dem Haken nahm und in seinen Händen begutachtete. »Gefällt er dir?« Er sah Lilian geradeheraus an. Lilian wusste, was Konstantin vorhatte. Sie schüttelte lachend den Kopf. – »Du kannst ihn mir nicht kaufen, Konstantin. Der ist viel zu teuer und außerdem –«

»Dann gefällt er dir nicht?« Konstantin sah sie ernst an.

»Doch, er ist zweifellos wunderschön, aber –«

»Dann soll er nun deiner werden.« Lächelnd drehte sich Konstantin zu dem Verkäufer um. In seiner unbekümmerten, sympathischen Art versuchte er den Händler zu einem günstigeren Preis zu bringen, doch der alteingesessene Mann ließ sich nicht beirren. Grinsend zahlte Konstantin den hohen Betrag mehrerer Berrïel. Der Verkäufer schmunzelte nur, als Konstantin Lilian unvermittelt den Schal umlegte. »Eine schöne Frau bedarf eines schönen Geschenks.« Er nahm sie bei der Hand und gemeinsam gingen sie die Straße hinauf zum Marktplatz. Ihre Einkäufe waren schnell getan, doch verbrachten sie noch lange in der Schenke seines Vaters, ehe Konstantin Lilian zurück nach Hause geleitete.

»Ich hole dich dann heute Abend ab.« Er drückte ihre Hand, zögerte kurz, ehe er ihr einen flüchtigen Kuss auf ihre rechte Wange gab. »Bis später.« Er drehte sich um und verschwand schnell aus Lilians Blickfeld.

Erheitert schloss Lilian hinter sich die Tür. Sie fühlte sich seit langer Zeit das erste Mal wieder sorgenlos und unbekümmert. Die nagende Trauer ihrer verlorenen Liebe war blasser geworden oder unter dem Schal begraben, den Konstantin ihr geschenkt hatte. Sie grinste, als ihre Finger den feinen Stoff berührten. Vielleicht würde sie sich wirklich diesen Abend amüsieren können. Vor sich hin singend betrat Lilian die Küche, in der sie Agneta erwartete. Doch die Heilerin war nicht da. Beunruhigt trat Lilian in Agnetas Kammer. »Agneta? Bist du da?« Lilian öffnete die Tür und erstarrte. Agneta lag mit schweißgetränkter Stirn in ihrem Bett.

»Agneta!«

Lilian ließ den Korb mit dem Marktgemüse fallen und rannte auf das Bett zu. Schnell griff sie zu Agnetas Puls und fühlte unmittelbar das Fieber. »Bei den Göttern!« Ihre Stimme versagte. Panisch versuchte Lilian, die bewusstlose Frau aufzuwecken, doch Agneta rührte sich nicht. Hastig drehte sich Lilian um und suchte in den Regalen in der Wohnstube einige Tiegel und Pasten zusammen, die sie schnell zu der Heilerin brachte. Vorsichtig öffnete sie ihre Bluse und schmierte eine gelbliche Paste auf ihre glühende Brust. Dann fertigte sie mithilfe einiger Kräutermischungen ein Kräuterbad an, worin sie Tücher tauchte, um sie anschließend Agneta um die Waden zu wickeln. Einige Augenblicke verstrichen, bis Agneta die Augen öffnete.

»Lilian.« Ihre geschwächte Stimme verschlimmerte Lilians Sorge.

»Was ist passiert?« Sie drückte aufgewühlt ihre Hand.

»Das Alter scheint mich zu schaffen.« Auf dem totenblassen Gesicht erschien ein Lächeln, doch entging Lilian nicht der Funke in Agnetas Augen, der verriet, dass die alte Heilerin ihr etwas verschwieg.

»Du verbirgst etwas vor mir!«

»Ja.« Agneta lächelte betrübt. »Ich wusste, dass meine Zeit kommen würde. Ich leide schon lange darunter, Lilian … schon lange.« Ihre Blicke trafen sich. – »Was ist es?« Lilian wischte schnell eine Träne aus dem Auge und starrte auf die einst so energische, zähe Heilerin. Hatte sie die ganze Zeit ihre Gesundheit nur vorgetäuscht? Warum hatte sie nie etwas gemerkt?

»Mein Herz.«

»Was ist damit?« Ihre Stimme war blechern.

»Es ist zu schwach.«

»Aber warum hast du denn nie etwas gesagt? Ich hätte dir doch helfen können, du hättest doch ein Mittel nehmen können, warum – « Lilian unterbrach sich, denn jetzt konnte sie die Tränen nicht mehr aufhalten. Sie presste sich die Hand vor den Mund, ehe sie Agneta um den Hals fiel. Die Heilerin strich der weinenden Frau fürsorglich über das dunkle Haar.

»Es wird nichts mehr helfen können. Trotz allem bin ich dennoch alt geworden.« Sie tätschelte Lilian, die sich nun wieder beherrschte und Agnetas schlaffe Hand fest umklammerte. »Ich kann nun beruhigt gehen, Lilian. Jetzt, da du Konstantin gefunden hast.« Sie lächelte und wirkte dabei so schwach, dass Lilian abermals mit den Tränen rang. Agneta hatte sich die ganze Zeit für sie zusammengerissen, sie wollte vor ihrem Tod dafür gesorgt haben, dass Lilian ein glückliches Leben führen würde. Auch ohne den Prinzen.

»Wie lange?«, fragte Lilian tonlos.

»Nicht mehr lange. Ich spüre es, Lilian.« Lilian gab Agneta einen Kuss auf die Stirn und verließ stumm das Zimmer, um den Tee vom Feuer zu holen. Während sie in der Küche stand und den Tee in einen Becher goss, tropften einige Tränen in das Wasser.

1. Kapitel: Das verheißungsvolle Geschenk

Dass Agneta erkrankt war, veränderte für Lilian alles. Auch wenn der Zustand der Heilerin an dem Abend nicht kritisch gewesen war und Lilian sie hätte allein lassen können, war ihr nicht danach, mit Konstantin zu dem Stadtfest zu gehen. Sie würde sich in dieser Stimmung ohnehin nicht amüsieren können. Mit zerrütteter Miene erzählte sie Konstantin von Agnetas Erkrankung, als er sie wie vereinbart abholen wollte. Er war ebenso schockiert wie sie und bot ihr ohne Umschweife seine Gesellschaft an, damit sie nicht allein mit der Kranken war. Dankend lehnte Lilian sein Angebot ab und verabschiedete sich schließlich von dem jungen Mann.

Die Tage vergingen und einige Stadtbewohner besuchten das Haus der Heilerin. Wenige, weil sie von der verhängnisvollen Krankheit wussten, die langsam ihre Runde machte, die meisten allerdings, um sie um Hilfe und Rat zu bitten. Die Heilsuchenden waren oft schockiert, wenn Lilian ihnen von Agnetas Krankheit berichtete, und noch schockierter, als Lilian ihnen selbst ihre Dienste anbot. Da ihre Angelegenheiten jedoch dringlich waren, vertrauten sie sich der jungen Frau an, die ihnen kompetent Salben oder Sude verschrieb.

Schnell sprachen sich die Neuigkeiten herum und bald kursierten die Gerüchte, dass Lilian in die Fußstapfen von Agneta treten würde. Lilian wollte davon jedoch nichts hören, als ihr Konstantin, der sie beinahe jeden Tag besuchen kam, von dem Gerede in der Stadt berichtete.

»Sie reden wirres Zeug. Ich werde niemals Agneta ersetzen können!« Lilian blickte mürrisch in das Kaminfeuer, während Konstantin, der ihr im Sessel gegenüber saß, sie musterte.

»Nun, das ist es, was sie sagen, Lilian.« Er ergriff ihre kalte Hand. »Du solltest vielleicht eine Pause machen. Die Leute würden sicherlich verstehen, wenn du dich jetzt etwas mehr zurückziehen würdest.«

Sie schaute ihn an und der junge Mann erkannte erschrocken, dass Tränen in ihren blauen Augen glitzerten. »Ich kann nicht. Es ist das Einzige, was mich nicht ständig daran erinnert, dass sie bald sterben wird.« Sie drückte seine Hand und wischte sich mit der anderen die Tränen aus dem Auge.

»Ich verstehe.« Konstantin blickte erneut in das Feuer. Er wusste, wie sie sich fühlen musste, denn er hatte ähnlich empfunden, als sein Vater erkrankt war. Er konnte Lilian gut verstehen. Es war nicht einfach mit anzusehen, wie der Mensch, den man liebte, vor seinen eigenen Augen verstarb.

Ein Gewitter tobte in der Nacht und Lilian wälzte sich unruhig in ihrem Bett hin und her. Sie hatte einen Alptraum. Sie sah schwarze Käfer, die unbemerkt durch einen Spalt in einem Fensterglas krabbelten, in eine Kammer hinein, eine Stallkammer, wie Lilian wenige Augenblicke später erkannte. Ein schwarzer Schleier legte sich jäh über ihre Wahrnehmung, sie konnte sich nicht umblicken, sondern lediglich auf die schwarzen Käfer schauen, die sich einen Weg durch das feuchte Stroh bahnten. Blitze erleuchteten kurz ihren Pfad, den sie so energisch bestritten. Sie krabbelten in einer strikten Reihe hintereinander einem bestimmten Ziel nach, welches für Lilian weiterhin verborgen blieb. Ein ungutes Gefühl beschlich sie, etwas Dunkles lag in diesem Bild, doch war sie durch ihre eingeschränkte Rolle unfähig zu erkennen, was es war. Die ersten Käfer erreichten den Huf eines Pferdes und die krabbende Masse wurde von Mal zu Mal dichter, sie bewegten sich schneller und wanden sich als Strom das Bein hinauf. Voller Panik erkannte Lilian, dass sie zu einer schwarzen Schlange geworden waren. Ihre Angst lähmte sie. Sie hörte das Pochen des Pferdeherzens. Sie sah die Schlange, wie sie ihr Maul aufriss. Dann schrie sie und wachte schweißgebadet auf. Das Pochen dröhnte noch immer in ihrem Schädel. Schnell stieg sie aus dem Bett und trat in das Zimmer von Agneta, in der die alte Frau jedoch selenruhig schlief. Ihr Schrei hatte sie also nicht geweckt. Erleichtert trat Lilian erneut in ihr Zimmer, doch dann hörte sie es. Das Pochen erklang, doch handelte es sich dabei nicht um das Pochen aus ihrem Traum, jemand klopfte an die Tür.

»Wer ist denn da?« Agneta war aufgewacht.

»Ich werde nachsehen!«, rief Lilian zurück. Unsicher legte sich Lilian ihr Umhängetuch über die Schulter und öffnete die Tür. Vor ihr stand eine große Gestalt mit dunklem, durchnässtem Mantel, deren Gesicht von der weitkrempigen Kapuze verdeckt war. Als sie sie zurückschlug, erkannte Lilian den jungen Mann und ein schmerzender Stich traf ihr Herz.

Airens schwarze Augen durchdrangen sie und Lilian zuckte zusammen, als sie sich an Rang und Status erinnerte. Schnell machte sie eine steife Verbeugung und ließ den Prinzen ohne ein Wort eintreten. Als sie die Tür geschlossen hatte, wies sie ihm einen Platz am Feuer zu, setzte sich jedoch nicht, sondern nahm die Teekanne vom Tisch und trat in einen Nebenraum. Airen konnte durch den Türspalt erkennen, wie Lilian liebevoll Agneta stützte und ihr den Tee einflößte, wobei sie versuchte, keine allzu besorgte Miene zu machen. Auf Agnetas Fragen hin, wer denn gekommen sei, murmelte sie nur etwas Unverständliches, und mahnte Agneta aufzustehen. Airen hatte von seinem vorlauten und manchmal ihm verhassten Kammerdiener bereits erfahren, dass Agneta erkrankt war und kein Weg zur Besserung bestand. Nun vermutete man, dass Lilian Agnetas Arbeit übernehmen würde, aber Airen war sich da keineswegs sicher. Wenn Agneta sterben würde, würde es hier in Lohringen für Lilian nichts mehr geben, was sie halten könnte.

Airen fuhr hoch: Lilian hatte die Wohnstube betreten.

»Sie schläft jetzt«, sagte Lilian leise und trat mit der Teekanne an den Tisch, wo sie den Tee in zwei Becher goss und einen davon Airen reichte.

»Danke.« Er nahm einen Schluck. »Wie geht es ihr?«

»Sie hält sich tapfer, aber ich glaube, dass sie die Schmerzen nicht mehr lange aushalten kann.« Airen konnte erkennen, dass ein Zittern Lilians zartes Gesicht einnahm und sich Tränen hinter ihren Lidern sammelten. Doch sie konzentrierte sich mit aller Macht, sich zu beherrschen, und nahm dann ebenfalls einen Schluck Tee, um ihre trockene Kehle zu befeuchten. »Sie kann auch nicht mehr arbeiten«, sagte sie dann und blickte Airen in die Augen. »Wenn ihre Hilfe benötigt wird, dann –«

»Ich wollte zu dir, Lilian.« Airen setzte die Tasse ab. Er hatte lange mit sich gerungen, ob er diesen Weg einschlagen sollte. Wäre Lilian nicht bei Agneta gewesen, wäre die Entscheidung sicherlich leichter gefallen. Entweder hätte seine Tante ihm trotz ihrer Erkrankung, die ihm einen Teil seines Herzens abschnürte, eine Arznei geben können, oder er hätte die Versuche unterlassen. Doch da nun Lilian hier war, veränderte es alles. »Notoija ist erkrankt«, erklärte er in einem neutralen Tonfall. »Seit dem Gewitter benimmt er sich merkwürdig. Der Pfleger meint, er hätte Tollwut, aber das glaube ich nicht. Ich kenne mich zwar mit einigen Krankheiten aus, aber dieses Mal bin ich ratlos. Ich habe das seltsame Gefühl, dass es mit diesem Gewitter zu tun hat.« Er blickte Lilian an, die ihn mit einer undurchschaubaren Miene anstarrte. Ebenso verschlossen fuhr der Prinz fort. »Ich weiß, dass das Verhältnis zwischen uns nicht gerade gut ist, aber –«

»Ich werde es versuchen«, unterbrach Lilian ihn und wurde sich des kurzen Funkens von Überraschen in seinen braunen Augen gewahr, ehe wieder alles hinter einer ausdruckslosen Maske verschwand. »Aber ich tue es für Notoija«, fügte sie bestimmend und mit ernster Miene hinzu.

Airen dankte ihr.

»So lange man die Möglichkeit hat, Leben zu retten, sollte man sie nutzen.« Mit diesen Worten stand sie auf und bedeutete dem Prinzen damit, dass das Gespräch beendet war. Sie öffnete die Tür.

»Es wäre gut, wenn du so schnell kommen könntest, wie möglich.« Er starrte über Lilians Kopf hinweg zu dem Zimmer, in dem Agneta lag. »Ich weiß, dass dies nun dein neues Heim ist, aber ich wünsche, sie wieder vermehrt besuchen zu können. Ich möchte in ihren letzten Lebenstagen nicht fort sein.«

Ihre Blicke kreuzten sich. »Es steht dir frei, jederzeit zu kommen. – In der Regel gehe ich vormittags auf den Markt.« Es war beiden eindeutig, was sie damit hatte ausdrücken wollen. Ihr Blick glitt an ihm vorbei und wurde eigenartig traurig. »Sie sehnt sich nach dir, Airen. Du bist ihr wie ein Sohn.«

Airen blickte sie überrascht an. Es war das erste Mal, dass sie ihn nicht wie jemanden abtat, den sie kaum kannte und den sie dazu auch noch hasste. Die Kälte aus ihrem Blick war verschwunden und ebenso verrauchte auch sein Gram, den er in der Vergangenheit stets empfunden hatte, wenn er an sie dachte. Agnetas Krankheit veränderte alles. Lilian und er würden einen Menschen verlieren, den sie beide liebten, und das schweißte sie auf eine unbestimmte Art zusammen.

»Ich werde morgen früh kommen, wenn ich jemanden gefunden habe, der sich unterdessen um Agneta kümmert.« Die spürbare Distanz kam wieder zurück und Lilians Blick wurde wieder kühl. Airen nickte nur zustimmend und verschwand in der Dunkelheit.

Der Schatten, den die hohen Mauern von Hiokar warfen, ließ Lilian frösteln, als sie mit Mionar an den Zügeln durch das gewaltige Tor schritt, welches von ein Dutzend Wachen bewacht war. Spitze Lanzen und polierte Harnische sprangen ihr ins Auge, sodass Lilians Herz noch schneller in ihrer Brust pochte. Unsicher trat sie zu einem der Wachen, der vor vier weiteren stand, die mit ihren langen Lanzen die Durchfahrt versperrten. Sie meldete ihr Anliegen und wurde mit einem knappen Nicken zum Passieren aufgefordert. Mit respektvollem Abstand vor den messerscharfen Waffen ging sie schnell weiter – und stieß einen Laut der Überraschung aus.

Ihr Blick fiel unweigerlich auf das riesige, monumentale Hauptgebäude der Burg. Sie hatte bereits aus der Ferne die zwei Türme, die beidseitig das gigantische Portal flankierten, erkennen können, doch hier, während sie auf dem Hof stand, wirkten die hohen Türme mit ihren spitzen Dächern noch eindrucksvoller. Sie kamen Lilian wie zwei Himmelswerke vor, die die Verbindung zwischen den Erdenbewohnern und dem himmlischen Reich der Götter verkörperten. Beeindruckt nahm sie die Burggebäude weiter in Augenschein. Lisenen unterteilten die einzelnen Geschosse und in den stattlichen Rundbogenfenstern brach sich das Sonnenlicht im Fensterglas. Vorgeblendete Arkaden durchbrachen die machtvolle Fassade und ließen das mächtige Bauwerk noch erhabener erscheinen. Es schien wie gemacht für einen König und Herrscher. Wo Airen wohl seine Gemächer hatte?

Ein auf sie zueilender Diener riss Lilian aus ihrem Staunen und führte sie zu den königlichen Stallungen auf der linken Seite der mächtigen Anlage. Drei längliche Stallgebäude erstreckten sich mit ihrer Stirnseite zum zentralen Hauptweg, der an dem großen Brunnen vorbei bis zur weitläufigen Eingangstreppe der Burg reichte. Der Geruch von Stroh, Heu und Pferd stieg der jungen Heilerin in die Nase und beruhigte ihren schnellen Herzschlag. Der schlaksige Diener erwähnte beiläufig, dass im Innern der Stallungen der Prinz bereits auf sie warten würde. Als Lilian den Namen von Airen hörte, fiel ihr sogleich wieder der unangenehme Anlass ihres Besuches ein. Schon verblasste ihre innere Ruhe, die sie bei dem vertrauten Geruch von Heu und Stroh empfunden hatte, und machte für ein kaltes, ausladendes Gebäude Platz.

»Hier entlang.« Der Diener trat mit Lilian zu dem mittleren Stall und wies ihr an, ihren Schimmel an einem dafür vorgehsehenen Querbalken festzubinden. Lilian gehorchte und löste den Kräuterkasten, den sie an Mionars Sattel festgebunden hatte. Schweigend folgte sie dem Diener den gepflasterten Weg entlang und trat in seinem Schatten durch die offene Pforte in den Stall. Auch hier war der Weg gepflastert und reingekehrt. Weder Pferdeäpfel noch Stroh befleckten die stoische Reinlichkeit. Lediglich an einigen Stellen stapelten sich ein paar Strohballen, die wohl für die nächste Fütterung vorgesehen waren. An den Seiten grenzten unzählige Stallboxen an, in die Lilian, während sie dem Diener folgte, einzelne Blicke warf. Fasziniert betrachtete sie die stattlichen Rösser, die von einer unvergleichlichen Schönheit waren. Es waren prächtige, intelligente und sicherlich schnelle Pferde. Ihr Herz wurde weit und sie schaute sich mit großen Augen um.

Der Gang machte alsbald einen Knick und Lilian erkannte in dem dämmrigen Licht des Stalles eine aufrechte, schlanke Gestalt, die sich an den Gittern einer Box abstützte und einen Blick zu dem schwarzen Hengst warf, der unruhig in der Box herumtänzelte.

»Eure Majestät, die Heilerin Lilian Merell ist eingetroffen.« Der Diener verneigte sich vor dem Prinzen, der sich von Notoijas Box löste und den beiden Besuchern seine Aufmerksamkeit schenkte. Lilian blickte Airen starr an. Er sah müde und angespannt aus. Unmittelbar drang das energische Räuspern des Dieners an ihr Gehör und sie verneigte sich schnell. Aus dem Augenwinkel erkannte sie, dass der Diener ihr einen missbilligenden Blick zuwarf, da sie die Etikette des Königshauses missachtet und keinen Respekt vor Ihrer Majestät gezeigt hatte. Beschämt stierte sie auf den Boden.

»Ihr könnt Euch erheben.« Airens Schritte näherten sich. »Danke Erobal, du kannst dich nun entfernen, ich benötige deine Hilfe nicht mehr.« Der Diener, der wohl der Kammerdiener des Prinzen zu sein schien, verneigte sich noch tiefer, trat schließlich mit gesenktem Haupt zurück und entschwand. »Es freut mich, dass du so schnell kommen konntest, um dir Notoija anzusehen.« Lilian erhob sich langsam und schaute Airen an. Er hatte eine undurchschaubare Miene aufgesetzt, sodass sie sich seiner Gefühle nicht im Klaren war. Verabscheute er sie noch immer so sehr? Nervös spielte sie mit dem Griff ihres Kräuterkastens.

»Notoijas Zustand hat sich nicht verändert«, durchbrach Airen Lilians Gedanken, während er sich umdrehte und zurück zu der Box trat, in der der schwarze Hengst panisch und mit rollenden Augen mit den Hufen scharrte.

»Sein Verhalten hat sich während des Gewitters verändert?«

»Ja, seitdem ist er wie ausgewechselt. Kein Stallbursche traut sich mehr in seine Nähe.« Er verzog spöttisch das Gesicht. »Sie haben Angst, dass er sie beißt.«

Lilian umging Airens Ärger und trat an die eisernen Gitterstäbe, die erst vor kurzem auf die hölzerne Abtrennung der Box angebracht zu sein schienen. Konzentriert betrachtete sie den starken Hengst. Seine Augen glitten rastlos durch den Stall, blieben kurz auf Airens Gestalt haften und suchten jäh wieder den Stall ab. Dabei wieherte Notoija ängstlich und stieg.

»Ich verstehe einfach nicht, was ihm fehlt.« Airen sah betrübt zu seinem Hengst, der sich wild in der Box drehte und wendete, wobei weißer Schaum an seinem Maul hervortrat. Ob es doch Tollwut war?

»Ich muss näher heran. So kann ich ihn nicht untersuchen.« Lilian bemerkte, dass Airen ihr kurz einen Blick schenkte, dann jedoch wieder sein Pferd beobachtete. – »Es ist gefährlich, wenn du zu ihm in die Box gehst. Er könnte dich mit seinen Hufen erfassen.«

»Wenn ich ihm helfen soll, muss ich zu ihm in die Box.« Lilian wagte einen flüchtigen Blick zu Airen und bemerkte irritiert, dass er sie besorgt musterte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er ein stattliches, dunkelblaues Wams trug, dessen Knopfleiste und Kragen mit goldenen Bordüren bestickt war. Der braune Ledergürtel war locker um seine Hüften gebunden und verlieh dem Prinzen ein lässig elegantes Auftreten. Es war das erste Mal, dass sie ihn in seiner königlichen Gewandung sah, und es verschlug ihr gleich zweimal den Atem. Auf der einen Seite wirkte Airen unwiderstehlich attraktiv, doch wurde ihr auch bewusst, dass der gesellschaftliche Graben zwischen ihnen gigantisch war. – Unwohl in ihrer Haut wandte sie sich ab und betrachtete scheinbar konzentriert den Hengst.

Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken. »Passe auf dich auf, Lilian.«

Sie straffte sich, stellte den Kräuterkasten beiseite und schob sich an Airen vorbei in die geöffnete Box.

Notoija schnaubte irritiert und tänzelte beunruhigend auf der Stelle, während seine dunklen, panisch geweiteten Augen auf Lilian gerichtet waren. Er schnaubte und die Nüstern weiteten sich. Lilian wagte sich vorsichtig näher. Augenblicklich stieg der kräftige Hengst und Lilian konnte sich gerade noch mit einem Sprung in Sicherheit bringen, bevor sich die Hufen in die Erde bohrten.

»Lilian!« Airen riss blitzschnell die Stalltür auf und zog die junge Frau aus der Reichweite des tobenden Hengstes, welcher abermals ausschlug und stieg. Hastig schlug der Prinz die Tür hinter sich und Lilian zu und setzte sich schnaufend, mit klopfendem Herzen neben Lilian auf einen Strohballen.

»Ist alles in Ordnung?« Er sah ihr direkt in die Augen und Lilian versank für einen kurzen Moment in den bodenlosen, geheimnisvollen Opalen, die sie einst so begehrt hatte.

»J-ja.«

Sie wandte sich schnell ab. Ihm so nahe zu sein, nach allem, was bisher zwischen ihnen geschehen war, schien nicht richtig zu sein. Sie spürte noch kurz seinen bohrenden Blick auf ihrem Körper, ehe sie sich erhob und erneut zu Notoijas Box trat, in der der Hengst noch immer wild, von Panik ergriffen stieg. Als Lilian die eisernen Gitterstäbe berührte, schoss mit einem Mal ein Bild durch ihre Gedanken. Es war ein Ausschnitt jenes Traumes, den sie während des Gewitters in der Nacht empfangen hatte. Die schwarze Schlange bestehend aus Käfern wand sich gefährlich zischelnd an dem Vorderbein des Pferdes hoch, verschmolz mit dessen dunklem Fell und biss zu!

Lilian zuckte zusammen und glitt in die Realität zurück. Verwirrt starrte sie auf Notoija, der sich allmählich in der Box beruhigte. »Ich muss noch einmal zu Notoija in die Box!« Ihre Stimme war derartig bestimmend und sicher, dass Airen Lilian nur verständnislos musterte, sie jedoch bei ihrem Vorhaben nicht aufhielt, sondern sie eingehend aus der Distanz beobachtete. Er öffnete ihr mit einem unguten Gefühl die Stalltür und Lilian trat ein.

Unbehagen beschlich Lilian, als sie den nervösen, aufgescheuchten Hengst ansah. Das schwarze Ross riss den Kopf hin und her, als taumelten dunkle Schatten von der Decke und umzingelten es mit ihrem bizarren, unheimlichen Tanz. Notoija wieherte ängstlich. Dann trat Lilian mutig vor. Sie wusste, was Airens Pferd quälte, denn sie hatte es selbst gesehen. Alles passte zusammen: Airens Äußerung, die eigenartigen Symptome wären erst seit dem Gewitter aufgetreten, ihr eigener Traum, in dem ein Schattenwesen ein Pferd angegriffen hatte, und das Bild, welches ihr hier im Stall durch den Kopf geschossen war. Alles mündete in die Erkenntnis, dass der Traum wirklich passiert war, dass das schlangenhafte Schattenwesen das Pferd des Prinzen angegriffen hatte und womöglich gebissen hatte. Langsam machte Lilian einen Schritt auf das verschreckte Pferd zu. Wenn sie feststellen konnte, dass Notoija wahrhaftig gebissen worden war, konnte sie ihn vielleicht heilen!

Sie trat noch einen Schritt vor.

Notoija wieherte laut und scharrte unruhig mit dem Vorderbein über den Stroh bedeckten Boden. Es waren nur noch zwei Schritt, ehe Lilian das Ross erreichen würde. Sie musste es schaffen!

Sie ging einen weiteren Schritt, doch es war zu viel! Der Hengst stieg und die Hufen fuhren gefährlich durch die Lüfte. Doch Lilian sprang rechtzeitig aus der Reichweite der Hufe und griff hastig zu. Im selben Moment tat sich vor ihr ein grelles, weißes Licht auf. Geblendet hob sie die Hand vor die Augen. Unmittelbar ließ die Intensivität des weißen Lichtes nach und Lilian erkannte erschrocken, dass sie sich auf einer grünen, weiten Wiese befand. Eine sanfte Brise trug den Duft von lieblichen Sommerblumen zu ihr und der fröhliche Gesang der Vögel drang an ihr Gehör. Ungläubig drehte sie sich um und erkannte fassungslos, dass Notoija auf sie zutrottete. Der Schaum an seinem Maul sowie die Angst in seinen Augen waren verschwunden und der Rappe erstrahlte in seiner alten Schönheit. Verwundert streckte Lilian die Hand nach dem Pferd aus und augenblicklich schwand ihre Sicht. Einen Bruchteil einer Sekunde später befand sich Lilian wieder in den königlichen Stallungen, in der Box von Airens schwarzem Hengst, der friedlich in einer Ecke stand und aus dem Trog fraß. Bei diesem Anblick wusste sie, dass sie Notoija geheilt hatte. Wie sie das vollbracht hatte, wusste sie nicht und stand gegenwärtig auch nicht zur Debatte. Hauptsache war es, dass Notoija wieder gesund war.

Glücklich und noch immer etwas benommen von dem eigenartigen Ausgang drehte sich Lilian zu Airen um. Sie stutzte und ihr Erfolgsgefühl wich bitterer Enttäuschung, als sie Airen erblickte, der im selben Moment eine junge, elegante Frau küsste. Lilian erstarrte und der Schmerz in ihrer Brust traf sie tief. Ihr wurde mit einem Mal bewusst, dass sie in Airens Leben nie eine Rolle gespielt hatte, er war verlobt und diese Frau dort konnte keine andere als seine Verlobte sein! Sie betrachtete betäubt, wie die hübsche Frau ihre Lippen auf die seinen presste, als würde er ohne ihre derartige Liebkosung umkommen. Verärgert ballte sie die Fäuste. Ihre Wut rettete sie über die Tränen hinweg, die sie in ihren Augen zu spüren begann. Wie konnte Airen ihr das nur antun? Reichte es ihm nicht, sie bereits verletzt zu haben? Musste er es nun ein weiteres Mal tun? Machte es ihm Spaß, sie mit diesem Kuss zu quälen? Wollte er ihr zeigen, dass er über sie hinweggekommen war, und sie demütigen?

Plötzlich bemerkte Airen Lilians Blick und löste sich augenblicklich von seiner Verlobten. Ihre Blicke trafen sich. Unbehagen zeichnete sich auf seiner Miene ab. Die vornehme Dame hingegen erwiderte Lilians forschen Blick mit einem affektierten, unechten Lächeln. Sie trug ein prächtiges, rosafarbenes Kleid mit einem auffallenden, rüschenversehenen Mieder, welches ihren vollen Busen betonte. Sie war Lilian auf Anhieb unsympathisch.

»Ihr müsst die Heilerin sein.« Sie musterte Lilian auffällig von Kopf bis Fuß, als diese aus der Box trat und sich vor der Adligen verneigte. »Habt Ihr es geschafft, dass Pferd meines Mannes zu retten?« Lilian schaute auf und begegnete kühl dem fragenden Blick. Dabei bemerkte sie, dass Airen, dessen gerade Statur wie ein dunkler Schatten neben seiner Verlobten in die Höhe ragte, Lilian mit seinen bodenlosen Augen ansah.

»Zu Eurer Freude ist es mir geglückt, Herrin.« Lilian bemerkte mit Wohlwollen, wie über die versteifte, kontrollierte Miene eine Welle von Missfallen huschte. Airens Verlobte hatte wohl gehofft, dass Lilian scheitern würde. Damit nicht mehr das kranke Pferd im Mittelpunkt stand, sondern sie selbst? Was für eine überhebliche, eitle Gans!

»Nun gut.« Die hübsche Frau kontrollierte sich schnell, der Ausdruck ihrer Abneigung verflog und statt seiner erschien erneut das unechte Lächeln. »Da der Hengst wieder bester Gesundheit ist, obliegt es keiner Notwendigkeit mehr, an diesem Ort zu verweilen.« Sie warf Lilian einen herabschätzenden Blick zu, hauchte Airen einen Kuss auf die Wange und machte auf dem Absatz kehrt.

Schweigend sahen sie sich an. Tamaras Zuneigung gegenüber Dienstpersonal war nie besonders stark ausgeprägt, doch verdiente Lilian den Spott und die anderen Verletzungen nicht. »Lilian, es –«

»Meine Dienste sind damit getan.« Hass züngelte in ihren blauen Augen auf. Aggressiv riss sie den Kräuterkasten an sich. »Wenn Eure Majestät es gestattet, werde ich nun gehen.« Statt Airens Antwort abzuwarten, trat sie an ihm vorbei und verließ mit großen Schritten die Stallungen. Wütend und verletzt gleichermaßen ließ sie die Burg Hiokar hinter sich und schwor sich, nie wieder herzukommen.

Nach dem Abendmahl ging der Prinz erneut zu den Stallungen und bewunderte Lilians Heilkräfte. Notoija benahm sich gänzlich normal und fraß aus seinem Trog, keine Anzeichen von Tollwut oder anderem. Beruhigt lehnte er sich an das Gatter und kraulte den Hengst zwischen den Ohren. Er wusste nicht, wie Lilian es geschafft hatte, seinen treuen Gefährten zu heilen. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte sich Tamara kurzerhand um seinen Hals geworfen und ihn geküsst. Er war davon so überrascht gewesen, dass er unfähig gewesen war zu reagieren. Gewöhnlich mied seine Verlobte jeden Raum, der nach Arbeit, Schweiß oder Exkrementen roch. Ihre Abneigung gegenüber Pferden war sogar noch größer als diejenige gegenüber dem Dienstpersonal.

Der Prinz runzelte die Stirn, während er seinen Blick weiterhin auf Notoija gerichtet hielt. Seit seiner Rückkehr schien sich Tamara ohnehin merkwürdig zu benehmen. Er konnte sich schlecht vorstellen, dass sie sich innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre, vor denen sie sich zuletzt gesehen hatten, dermaßen verändert hatte. Offensichtlich wollte sie in der Rolle seiner zukünftigen Frau seinen Respekt verdienen und seine Interessen teilen. Sie suchte ihn häufig in seinen Gemächern auf und schreckte sogar nicht davor zurück, sich bei gemeinsamen Erkundungen im Wald ihre teuren Kleider zu ruinieren.

Notoijas friedliches Schnauben schubste Airen aus seinen Gedanken. Lächelnd strich er seinem Ross über die Nüstern. Er hatte Lilian viel zu verdanken. Hätte sie es nicht geschafft, den Hengst wieder zu heilen, wäre es vermutlich niemanden anderem gelungen. In diesem Moment fiel ihm auf, dass Lilian ihren Kräuterkasten gar nicht benötigt hatte. Er hatte die ganze Zeit über außerhalb der Box gestanden. Aber wie hatte sie dann Notoija heilen können? War sie doch von der Göttlichen Macht berührt worden? Er runzelte die Stirn. Irgendetwas schwirrte um sie herum, eine schicksalshafte Aura, die von Mal zu Mal deutlicher zu werden schien. Vielleicht hatte es auch an dem Schicksalsring gelegen, den sie an ihrem Finger getragen hatte. Verdammt, warum war Tamara gerade in diesem Moment zu ihm gekommen?

Er stieß die Luft aus. Dieses Rätsel um Lilian würde vorerst bestehen bleiben. Er sollte sich lieber damit beschäftigen, wie er ihren Dienst, wie sie es genannt hatte, angemessen begleichen konnte.

»Airen.« Der Prinz drehte sich um und wurde sich Bran gewahr, der direkt auf ihn zulief. »Ich habe mir gleich gedacht, dass du dich hier aufhältst.« Er betrachtete schmunzelnd das schwarze Ross. »Notoija ist tatsächlich wieder ganz der Alte«, stieß er verblüfft aus. »Lilian hat gute Arbeit geleistet.«

»Ja, das hat sie.«

Bran musterte Airen kurz aus dem Augenwinkel. Des Prinzen Gesicht glich wie so oft einer steinernen Maske, hinter dessen Zügen keine Gefühle sichtbar waren. »Ich habe sie auf dem Weg in die Stadt getroffen.« Airen zuckte nicht einmal mit der Wimper. »Sie sah sehr getroffen aus.«

»Das kann ich mir denken.«

»Warum? Ist etwas passiert, als sie hier war?«

Airen drehte sich zu dem Hauptmann um und betrachtete ihn einige Augenblicke, ehe er ihm eine Antwort gab. »Tamara kam zu uns in die Stallungen, als Lilian bei Notoija in der Box war. Sie ist nicht gut mit ihr umgegangen. Sie hat sie wie dreckigen Abschaum aus der Gosse behandelt.«

Bran nickte langsam. Tamaras verachtende Einstellung gegenüber den unteren Schichten und der Dienerschaft war ihm in den wenigen Wochen, in denen er gemeinsam mit ihr auf dem Hof lebte, nicht entgangen. Es war keine Seltenheit, dass sich Adlige gegenüber Mindergeborenen derartig herabschätzend äußerten. Er selbst war allerdings kein Freund dieser Einstellung, weshalb ihm die Entscheidung des Königs, Airen mit dieser aufgeblasenen Ziege zu vermählen, noch unpassender erschien.

Er warf Airen einen kritischen Blick zu. Irgendetwas in Airens Wortwahl und in seiner Körperhaltung sagte ihm, dass es nicht alles war, was zwischen Lilian und ihm vorgefallen war. »Sie ist jetzt bestimmt nicht gut auf dich zu sprechen«, versuchte er sich langsam dem Thema zu nähern.

Airen lächelte müde. »Ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, nein. Sie ist ohne ein weiteres Wort an mir vorbeigerauscht. Ich konnte ihr noch nicht einmal meinen Dank aussprechen.«

Sie schwiegen eine Weile, während ihre Blicke auf den Hengst glitten, der unbekümmert von dem Stroh fraß.

»Ich habe mir überlegt, Lilians Arbeit angemessen zu entlohnen. Allerdings scheint mir ein Haufen Lorren kaum dafür geeignet zu sein. Sie würde das Geld vermutlich nur als unpersönliche Begleichung für ihre Dienste als niederer Lohnerbringer werten, über den man sich keine Gedanken zu machen braucht – und sie hätte Recht damit«, fügte er nachdenklich und mit einem grimmigen Unterton hinzu. »Das Geld würde sie niemals annehmen, dafür ist sie zu stolz und zu stur.«

Bran lachte unverfroren. »In dieser Hinsicht ist Lilian nicht die einzige, die mit dem Kopf durch die Wand will.« Airen warf ihm einen erzürnten Blick zu, wandte sich dann jedoch wieder dem Pferd zu.

»Sie verdient eine offizielle Entlohnung, denn ihr klammheimlich irgendetwas zuzustecken, wäre ihr gegenüber nicht gerecht.« Er seufzte. »Wahrscheinlich wird sie mich nicht empfangen wollen.«

»Dann hinterlege es bei Agneta, wenn du sie besuchst«, schlug Bran vor.

Airen runzelte die Stirn, während er über den Vorschlag nachdachte. »Morgen werde ich keinerlei Gelegenheit dafür haben. Ich habe eine Unterredung mit den Truppenführern …«

»Dann lass es mich Lilian übergeben. Gegen mich hegt sie im Grunde keinen Argwohn.« Er grinste schelmisch, doch bemerkte es Airen nicht. Seine Gedanken schwirrten noch immer ungeordnet in seinem Kopf herum, sodass er Kopfschmerzen bekam. – »So scheint es wohl am besten zu sein. Hab vielen Dank, Bran.«

»Nicht der Rede wert.«

Sie verließen die Stallungen und gingen über den Hof, wo einige Bedienstete nach den Wünschen des Prinzen fragten. Nachdem Airen sie wunschlos fortgeschickt hatte, schien es Bran für die richtige Zeit, seinen Freund nach seinen wirklichen Problemen zu fragen.

Airen schüttelte nur müde sein Haupt. »Deine Fragerei nimmt auch kein Ende mehr.« – Ein kurzer, müder Blick – »Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll …« Er sah sich in der Hofanlage um. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass man ihn beobachtete, doch letztlich würde ihn hier niemand hören können. Er stieß frustriert den Atem aus. »Seit ich weiß, dass Lilian lebt, geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Tamara hat mich sogar vor zwei Tagen gefragt, ob ich eine andere Frau ihr vorziehen würde.« Er lachte kalt auf. Seine Verlobte war nicht nur aus diesem Grund lästig … Er dachte wieder an die junge Heilerin, die ihn diesen Morgen besucht hatte. »Ich kann sie einfach nicht vergessen. Sie schwirrt in meinen Gedanken wie eine Libelle, die sich nicht einfangen lässt.«

Sie blieben an dem großen Brunnen mitten im Hof stehen. Aus der Spitze des spitzzulaufenden Turms, der aus übereinander gestapelten Muschelschalen bestand, plätscherte lautfröhlich Wasser. Langsam äußerte Bran seine Gedanken. »Auch wenn dir viel an ihr zu liegen scheint, solltest du am besten weitere Treffen vermeiden. Lasse mich ihr ein Geschenk in deinem Namen überreichen. Dann wirst du ihr nicht begegnen und die Angelegenheit im Zweifelsfalle besser ruhen lassen können.«

Airen nickte geistesabwesend.

Sie verabschiedeten sich. Bran musste zurück zu seinem Anwesen in der Stadt, was dem Prinzen sehr gelegen war. Es lag ihm zwar viel an Bran, um nicht zu sagen, sehr viel, denn schließlich war er sein engster Freund und Vertrauter. Dennoch waren seine Fragen bezüglich Lilian in letzter Zeit nur unangenehm zu beantworten. Bran brachte ihn immer wieder dazu, sich mit Lilian konkret auseinanderzusetzen, und das missfiel ihm. Seine Gedanken über sie zu verbalisieren, machte seine eigene innere Verzweiflung nur noch deutlicher.

Nachdem er noch eine Weile in der Bibliothek weitere Bücher über seinen Urahnen gewälzt hatte, entschied er sich, sich endlich schlafen zu legen. Das Lesen hatte an diesem Tag ohnehin keinen Erfolg, weil ihm permanent Lilians Gesicht zwischen den Zeilen erschienen war. Als er den Flur zu seinem Wohngemach entlang ging, hörte er unerwartet zwei aufgebrachte Stimmen, die aus seinem Empfangszimmer zu kommen schienen. Neugierig blieb er stehen und horchte an der schweren, mit goldenen Einschlüssen strukturierten Holztür.

»Du kannst dir nicht vorstellen, was das für ein hässliches Kleid war! Es war in einem sehr unvorteilhaften Grün gehalten und es war so schlicht wie eine weiße, kahle Wand. Und darüber – oh, ja! –, darüber trug sie eine fleckige Schürze! – Widerlich!«

Obgleich Airen die Stimme nur sehr verzehrt wahrnehmen konnte, wusste er mit aller Sicherheit, dass seine Verlobte zu den Wartenden gehörte. Niemand sonst schien sich dermaßen mit Äußerlichkeiten beschäftigen zu können wie sie. Obwohl es schon spät war und er sich eigentlich ausruhen wollte, überlegte er kurz, nicht einfach umzukehren und wieder in die Bibliothek zu gehen. Zu einem erneuten Überfall von Tamara verspürte er wenig Lust. Doch dann hielt er inne. Der Reiz, in Erfahrung zu bringen, mit wem sich Tamara offensichtlich verbündet hatte, kämpfte sich in ihm hoch und er verharrte weiterhin vor der Eichentür.

Tamara fuhr fort: »Wenn du sie doch nur gesehen hättest! Wie sie dort stand, mitten in diesem ganzen Dreck aus Pferdemist. – Ich weiß wirklich nicht, was Airen von diesen Pferden hält.«

Der Prinz wurde mit einem Mal hellwach. Tamara sprach da nicht über irgendeine Person, wie er zuerst angenommen hatte. Sie sprach über Lilian! Kritisch lauschte er weiter. Hatte Tamara etwa schon in Erfahrung gebracht, dass Lilian die eine Frau war, an die er fortwährend dachte?

»Meinst du nicht, dass du da ein wenig übertreibst?« Das musste die andere Person sein.

»Keineswegs! Pferde stinken und machen nur Dreck. Sie sind lediglich dazu zu gebrauchen, eine Kutsche oder einen Karren zu ziehen.« Airen hörte ein spitzes Lachen, was seinen Zorn nur noch mehr entfachte. Er hatte ja gewusst, dass Tamara oberflächlich war, aber auf diese Weise nun ihre ehrliche Meinung zu hören, machte sie in seinen Augen nur noch unattraktiver.

»Wenn das bloß dein Verlobter hören würde.« Dumpfes Gekicher. »Aber vergiss nicht, was ich dir gesagt habe. Wenn du dich weiterhin an den Plan hältst, steht dir und deiner Hochzeit nichts mehr im Wege.«

»Meinst du wirklich?« – Die kindische Hoffnung in diesen Worten war kaum zu überhören. – »Ehrlich gesagt, kann ich mir kaum vorstellen, dass diese einfache Magd zu Derartigem fähig sein soll. Sie ist doch nur –«

»Tamara! Hast du denn alles vergessen, was ich dir erzählt habe?« Die andere Person schien nun erbost zu sein. »Ich habe sie zusammen gesehen! Sie wird nicht eher ruhen, bis sie sich alles unter den Nagel gerissen hat! Alles! Verstehst du? Alles, wofür du je gelebt hast. Und sie wird erst von hier verschwinden, wenn sie ihr Ziel erreicht hat.«

»Aber sie ist doch bloß eine einfache –«

»Du scheinst auch nur Kleider und Stoffballen im Kopf zu haben«, fiel der Unbekannte ihr barsch ins Wort. »Natürlich sieht sie äußerlich nicht danach aus, aber du vergisst ihre besonderen Fähigkeiten. Damit kann sie alles erreichen. Vergiss also nicht, was ich dir gesagt habe. Wenn alles nach Plan läuft, wird sie dir nie wieder in die Quere kommen.«

Das Gespräch schien zu Ende zu sein und Airen entschied sich, den unbekannten Redner zu entlarven. Als er kurzerhand die Klinke herunterdrückte und den Warteraum betrat, saß nur Tamara auf der gepolsterten Sitzbank. Von dem Unbekannten fehlte jede Spur. Skeptisch sah er sich um. Der andere Redner musste entweder durch einen der Geheimgänge für die Dienstboten entschwunden sein oder in seinen eigenen Räumlichkeiten. Wenn er jetzt Tamara danach fragte, würde sie ohnehin alles leugnen. Mit großen Schritten betrat er seine Gemächer. Er spähte in alle Räume, als er sich auf dem Weg zum hinten gelegenen Badezimmer befand, damit Tamara nicht bemerkte, dass er sie belauscht hatte. Doch der unbekannte Sprecher blieb verschwunden.

Airen verzog sich ins Waschzimmer und täuschte eine beginnende Erkältung vor, damit Tamara ihn in Ruhe ließ. Sie ging auch endlich, nachdem sie ausgiebig dafür gesorgt hatte, dass Airen mit Tees und anderen Kräuterextrakten ausreichend ausgestattet war.

Als der Prinz in seinem Bett lag, beschlich ihn ein unheimliches Gefühl. Es war keineswegs ein gutes Zeichen, dass seine Verlobte durch die Zureden des Unbekannten Lilian als Konkurrenz ansah. Dadurch geriet Lilian ins Visier einer machtbesessenen, oberflächlichen, aber durchaus einflussnehmenden Grafentochter. Wenn Tamara es wollte, dass Lilian vom Erdboden verschwand, würde sie Mittel und Wege finden, ihren Wunsch in die Tat umzusetzen. Wenn er es sich recht überlegte, war die einfachste Maßnahme jene, Tamara in ihrem Amt als seine Verlobte zu bestärken und ihr eine liebevolle Sicherheit vorzuheucheln, dass sie seine einzig wahre Geliebte war. Damit würde sie vielleicht von Lilian ablassen und gleichzeitig musste er nicht abermals mit Lilian in Verbindung treten, um sie vor eventuellen Rachegelüsten seiner Verlobten zu warnen.

Müde legte er sich die Hand über die Augen. Ob es die Zofe seiner Verlobten, Merinda, war, die Tamara gegen Lilian aufgehetzt hatte?

* * *

Agneta starrte besorgt aus dem Fenster. Mittlerweile war sie nicht mehr in der Lage, das Bett zu verlassen – ein Umstand, der besonders Lilian zu schaffen machte. Sie verausgabte sich täglich und verließ kaum noch das Haus. Zwar war sie den gestrigen Tag zu einem seltenen Hausbesuch aufgebrochen, doch war ihr Gesicht noch immer blass und sorgenzerfressen und ihre Heiterkeit, die zu früheren Zeiten das ganze Haus erfüllt hatte, war gänzlich verschwunden. Das zu sehen, machte Agnetas schwaches Herz mehr zu schaffen als ihre Krankheit.

Als an diesem Morgen die Heilerin den jungen Molten auf dem Pflasterweg zu ihrem Haus sah, schienen die Götter ihre stillen Gebete endlich erhört zu haben. Zufrieden lauschte sie, wie Lilian dem Wirtssohn öffnete und mit ihm einige freundliche Worte austauschte, bevor sie erklärte, dass sie noch einige Dinge in der Küche zu erledigen hätte. Wie Agneta gehofft hatte, kam Konstantin nun zu ihr, um der Kranken einen höflichen Besuch abzustatten. Ihre Laune wurde immer besser, als der junge Bursche sie über das heutige Stadtfest informierte. Die Dinge konnten an diesem Tag nicht besser stehen!

»Das klingt ja herrlich. Sag, wird denn auch Musik gespielt?« Agneta richtete sich ein wenig im Bett auf und ihre wachen Augen durchbohrten den jungen Mann, der verlegen auf dem Schemel neben ihrem Bett hin- und herrutschte.

»Ja, es ist die Rede von einer Musikantengruppe aus einem Nachbardorf, dessen guter Ruf ihnen weit vorauseilt.«

»Das hört sich ja prächtig an.« Sie schmunzelte, als sie Konstantins Schamesröte bemerkte. »Wie ich sehe, hast du Lilian noch nicht gefragt, ob sie dich begleiten will.« Er schüttelte schüchtern den roten Kopf. »Wie ich sie kenne, wird sie auch nicht zusagen.« – Bei diesen Worten schreckte er auf und blickte der Alten überrascht in die Augen. Agneta schmunzelte erneut. Für sie waren junge Leute so durchschaubar wie die Wasseroberfläche eines klaren Sees. Man musste sie nicht viel fragen und schon offenbarte sich der Kern ihres Denkens und Handelns. Konstantin war heute nicht umsonst zu so früher Stunde gekommen. Er hatte von Anfang an vorgehabt, Lilian zu fragen, ob sie mit ihm ausgehen würde, denn, dass er Lilian mochte und begehrte, konnte gar ein Blinder erkennen.

Es würde Lilian gut tun, wenn sie endlich einmal das Haus verlassen würde und dem trostlosen Alltag für einen kurzen Moment entrinnen könnte. Doch Agneta wusste, dass Lilians Verantwortungsbewusstsein ihr niemals einen Tag ohne Verpflichtungen erlauben würde. Man muss nur ein wenig nachhelfen, dachte sich die alte Frau und ihre Augen begannen zu leuchten.

Sie wandte sich bestimmend an den Burschen. »Lilian wird keinesfalls das Haus verlassen, wenn dies bedeuten würde, dass ich allein bleiben sollte. Wenn du also dafür sorgst, dass eine verlässliche Person den Aufpasser für mich spielt, dann hast du gute Chancen, Konstantin, dass Lilian mit dir zu diesem Fest gehen wird. Ich würde es mir so sehr wünschen, dass sie das alles hier einmal einen Tag lang hinter sich lässt.«

Konstantin sah die Heilerin ernst an. »Ich werde mein Bestes geben, dass Lilian den Tag genießen wird, werte Agneta.« Er erhob sich, verneigte sich und verließ das Zimmer.

Wenige Stunden später schaute Agneta mit einem breiten Grinsen aus dem Fenster den beiden jungen Menschen hinterher, die gerade zum Fest aufgebrochen waren. Der Bursche hat es also tatsächlich geschafft! Sie lachte amüsiert auf. Ihr neuer Aufpasser hockte gerade in der Küche und füllte ihr etwas Brühe ab, die Lilian noch schnell zubereitet hatte. Zwar war sie nur widerwillig auf Konstantins Vorschlag eingegangen, doch am Ende hatte Agneta sehen können, wie Lilians Augen vor Vorfreude gestrahlt hatten. Endlich.

Noch bevor sie den Festplatz erreichten, begegneten ihnen dutzende lachende und tanzende Menschen, die Lilian mit ihrem Frohsinn und ihrer Unbeschwertheit zunehmend ansteckten. Ein breites Grinsen schob sich auf ihre Miene und spiegelte sich in ihren blauen Augen wider, sodass sie ihre vielen Sorgen in den hintersten Winkel ihres Bewusstseins verbannte. Konstantin hatte Recht gehabt, sie musste sich auch einmal eine Auszeit gönnen – vor allem nach dem gestrigen Tag.

»Es ist so schön, dich lachen zu sehen.« Konstantin drückte ihr einen mit Wein gefüllten Becher in die Hand, den er soeben von einem Stand erworben hatte.

Lilian lachte zu ihm auf. »Das habe ich dir zu verdanken, Konstantin«, rief sie über das Gejohle der Leute hinweg. »Hättest du nicht darauf beharrt, dass ich dich begleite, wäre ich sicherlich eingegangen wie eine Pflanze ohne Wasser. Hab vielen Dank.«

Der junge Mann griff sich lachend in das goldene Haar. »Wenn’s weiter nichts ist!« Er sah sie fröhlich an und warf dann einen Blick auf den Schal um Lilians Hals, den er ihr einst geschenkt hatte. Er passte hervorragend zu ihrem orangefarbenen Kleid, welches sie trug. »Du siehst wunderschön aus.«

Lilian lachte verlegen. »Wie lieb von dir.« Sie grinste, dann richtete sich ihr Blick auf einen Punkt hinter ihm. »Dort kommen die Musikanten und bauen ihre Instrumente auf!« Sie wies mit ihrem Finger auf die Bühne, wo sechs Männer auf den Stühlen Platz nahmen.

»Sie fangen an!«, hörten sie einen kleinen Jungen neben sich rufen, der sogleich zur Tribüne rannte, um die angepriesenen Musikanten zu beobachten. Schon fingen die Männer mit ihrem Spiel an und ihre wohl klingenden Töne und Rhythmen veranlassten die Menschen dazu, sich an die Hände zu nehmen und zu tanzen.

»Komm!«

Konstantin ergriff Lilians Hand und führte sie mit sich auf die Tanzfläche.

»Aber der Wein!« Lilians Sorge ging in ihrem Lachen unter, als Konstantin ihr den Becher aus der Hand riss, mit einem Mal seinen Inhalt leerte und hinter sich in die Menge schmiss.

»Lass uns tanzen!« Sein Grinsen ging bis über beide Ohren und Lilian ergriff seine Hände und ließ sich von ihm durch die berauschte Tanzmenge führen. Lachend schoben sie sich an den angetrunkenen Paaren vorbei, die sich unbedacht hin und her bewegten, sodass schließlich Konstantin seinen Arm um Lilian legte, um sie vor unerwarteten Ausfallschritten in Schutz zu nehmen.

Das Fest war in vollem Gange. Der Wein floss, die Musikanten spielten ohne Pause und die Menge tobte. Dennoch stand eine Gestalt völlig starr und reglos an einem abseitigen Baum am Platz. Das Gesicht des Mannes lag im Schatten der Kapuze seines braunen Mantels. Er beobachtete die Menge, so, als würde er jemanden suchen, der sich hier aufhalten musste.

Dann sah er sie. Der rotorangene Schal enthüllte das lachende Gesicht der jungen Frau. Ihr langes, offenes Haar wurde von den schnellen Bewegungen des Tanzes mitgerissen und verbarg ab und an ihr feingeschnittenes Gesicht. Dann bemerkte er den jungen Mann, der mit ihr tanzte und leicht erkennen ließ, dass er sie liebte. Er hielt sie fest und begehrte sie wie ein Lebenselixier.

Lilian war sich nicht bewusst, dass sie beobachtet wurde. Sie genoss die Freude des Augenblicks und die zärtliche Umarmung von Konstantin, aus der er sie nicht mehr entließ. Dann, nach unzähligen Umdrehungen und Tanzschritten verließen sie die Tanzfläche, um sich eine Verschnaufpause zu gönnen, und setzten sich auf eine Bank. Konstantin sah Lilian mit roten Wangen an und Lilian bemerkte einen fremden Glanz in seinen Augen. Ihr Atem ging noch schwer und das Herz pochte ihr noch wild in den Ohren, doch sträubte sie sich nicht dagegen, als Konstantin sich zu ihr hinunterbeugte, um sie zu küssen. In dem Moment, wo lediglich eine Handbreite fehlte, dass sich ihre Lippen trafen, trat der Mann mit der Kapuze zu ihnen und zerstörte die intime Situation. Lilian erschrak, als sie das Gesicht des Mannes erkannte.

»Bran!« Sie fiel dem jungen Ritter freudestrahlend um den Hals. Sie löste sich und starrte den jungen Ritter fassungslos an. Erst dann bemerkte sie, dass Konstantin Bran mit einem argwöhnischen Blick ansah. Hastig machte sie die beiden jungen Männer miteinander bekannt, was jedoch nichts an Konstantins eifersüchtigen Blick änderte.

»Konstantin Molten«, stellte sie ihn zuerst vor, »Diged Bran.«

»Der Hauptmann?«, fragte Konstantin überrascht.

Lilian nickte, während sie Bran angrinste. »Wir waren einst Weggefährten.« Ihr Lächeln verlor eine Spur der Herzlichkeit, als sie sich an die Situation erinnerte, in der sie Bran das erste Mal begegnet war. Ihr Herz und ihr Vertrauen hatten damals Airen gehört … Sie zwang sich zu einem Lächeln.

»Wenn das so ist, werde ich der alten Zeiten willen etwas zum Anstoßen holen.« Konstantin drückte flüchtig Lilians Hand und verschwand alsbald in der Menschenmenge.

»Es scheint ihm viel an dir zu liegen.« Bran sah in die Richtung, in der Lilians Begleiter verschwunden war.

»Was führt dich zu mir? Dein Besuch scheint mir nicht zufälliger Natur zu sein.«

Bran setzte sich schweigend auf die Bank, sodass Lilian langsam seinem Beispiel folgte. »Du hast Recht«, sagte er dann. »Doch bevor ich dir mein Anliegen mitteilen will, so bitte ich dich inständig, bei der Nennung seines Namens nicht sogleich wieder aufzuspringen und zu verschwinden.«

Lilian nickte getroffen, denn sie wusste zweifellos, von welchem Namen Bran sprach. Ihre Heiterkeit schwand und ein Gefühl der Ohnmacht erfüllte ihren zitternden Leib.

Bran fuhr unbeirrt fort. »Ich komme in Airens Auftrag. Er wollte sich bei dir dafür bedanken, dass du sein Pferd geheilt hast. Notoija bedeutet ihm wirklich viel.« Er betrachtete sie kurz und bemerkte eine aufkeimende Wut in Lilians Augen. »Es tut ihm auch Leid, dass Tamara dich so schlecht behandelt hat, und möchte dich wissen lassen, dass sie keinen persönlichen Groll gegen dich hegt.«

»Wie nobel von ihm!«, zischte Lilian verärgert und starrte gereizt auf den Boden.

Bran sah sie überrascht an. Er hatte damit gerechnet, dass Lilian die Botschaft von Airen nicht gut annehmen würde, doch dass sie derartig schlecht auf ihn zu sprechen war, hätte er nicht gedacht. Langsam fuhr er fort, wobei er Lilian nicht aus den Augen ließ. »Wie ich von ihm gehört habe, geht es Agneta nicht gut.«

Der jähe Themenwechsel irritierte Lilian und sie sah den jungen Ritter fragend an. »Sie wird sterben.« Sie starrte erneut auf den Erdboden und ihr Groll schien milder zu sein.

Bran begann erneut. »Airen weiß, dass dir sehr viel an Agneta liegt, und auch er leidet sehr darunter … Deswegen wäre es mir eine Bitte, wenn du Airens Geschenk« – er holte ein kleines Paket aus seiner Manteltasche hervor – »annehmen würdest, damit er wenigstens glauben kann, dass du seine Entschuldigung annimmst.«

Lilian hob den Kopf und in ihren Augen erkannte Bran eine solche Gereiztheit, dass er seine vorigen Worte bereits bereute.

Vielleicht hätte er ihr einfach nur das Geschenk geben sollen, statt zu versuchen, sich als Vermittler zu geben.