21,99 €
Drachenrausch – Flanieren in China bietet literarische Reiseerzählungen, die intime Einblicke in das neue und junge China der Build-Your-Dream-Generation geben. Ausgangspunkt und fester Ort für die Reisenovelle ist der Campus der Universität Ningbo in der an der Ostküste gelegenen großen Hafenstadt Ningbo in der Nähe Shanghais. Der Protagonist Robert Marian findet auf dem Campus als ›Gastpoet‹ ansprechende Verhältnisse vor und wird unverzüglich in ein Leben mit den jungen Leuten verstrickt. Vermittelt durchs Campusgeschehen, durch viele Homestays und dank ausgedehnter Reisen durchs Land liefert das Buch Innenansichten von China, wie sie in früheren Zeiten nicht möglich waren. Wulf Noll lässt einen Blick auf China erkennen, der von Vorurteilen frei ist; er zeigt ein junges, intelligentes und ausgelassenes China, das er unter dem Begriff BYD-Generation und mit der Metapher Drachenrausch erfasst. Herausragend sind die Reiseerzählungen, welche den Protagonisten Robert Marian und seine Protagonistinnen auf den Berg Tai (Taishan), in die Konfuzius-Stadt Qufu und nach Qingdao in eine Ressort- und Hafenstadt am Gelben Meer mit einigen deutschen Wurzeln führen, die erstaunlicherweise gut gepflegt werden. Auf die Reisen in den Norden Chinas folgen Reisen in den Süden nach Guangzhou (Kanton), ins Autonome Gebiet Guangxi nach Guilin (Duftblütenwald) und zum Fluss Li, des Weiteren nach Yunnan (Kungming) und ins südliche Paradies Xishuangbanna bis an den Mekong, der in China Turbulenter Fluss heißt. Zwischendurch erfährt der überraschte Leser etwas von einer Hochzeit auf dem Land und kann dem unverzagten Flaneur in ein Taoistendorf folgen. Drachenrausch – Flanieren in China ist eine Fortsetzung des Buches Schöne Wolken treffen. Eine Reisenovelle aus China. Der Autor spielt dabei mit dem deutschen Begriff Novelle und dem englischen ›travel novel‹, ohne zu verschweigen, dass für ihn das China des 21. Jahrhunderts selbst die Novelle ist. Das Buch ist kommunikativ ausgerichtet, den jungen Leuten aus der BYD-Generation kommt eine tragende Rolle zu. Dabei verwandelt der Zauber der jungen Leute nicht nur den Protagonisten, sondern auch die Leser.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 561
Veröffentlichungsjahr: 2020
Der Autor
Vorwort
I Taishan – eine Reise zum chinesischen Olymp
II Besuch in der Konfuziusstadt Qufu
III Qingdao, Bade- und Hochzeitsstadt mit einigen deutschen Tupfern
IV Zouping, eine Stadt in der Provinz Shandong
V Auf dem Campus in Ningbo und zum Mondfest unterwegs
VI Mit der jungen Dame ›Wirbelwind von unten nach oben‹ in ihrer Heimatstadt Wuyi
VII Eine Hochzeit im Dörfchen Meiping, Besuch eines Taoistendorfs sowie Berichte von Gottesanbeterinnen, Kolibris und von einer erhabenen Fußmassage
VIII Von chinesischen Evas auf dem Campus, in Ningbo-Stadt und mit jungen Leuten am Tashan-Wehr
IX Das Hochzeitsmuseum ›Der rote Weg‹ in Ninghai, das Wasserstädtchen Qiantong sowie ein neuerlicher Besuch in Shanghai
X Der Jadegarten von Yuyao und die Ausgrabungsstätte Hemudu aus der Jungsteinzeit
XI Von zwei Kameliendamen sowie von einem überraschenden Fabrikbesuch
XII Die Reise mit der Dame Pikachu in den Süden, nach Guangzhou (Kanton) und nach Shenzhen
XIII Die Stadt Guilin (Duftblütenwald), in den Karstbergen am Fluss Li entlang und vom »Liebesball-Haus« der Zhuang-Minderheit
XIV Kunming, die Hauptstadt der Provinz Yunnan
XV Über Pu’er nach Xishuangbanna bis an den ›Turbulenten Fluss‹ (Mekong)
XVI Von der Umkehr am »Wendekreis des Krebses«
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Alle Rechte, insbesondere die des Nachdrucks, der Übersetzung, des Vortrags, der Radio und Fernsehsendung und der Verfilmung sowie jeder Art der fotomechanischen Wiedergabe, der Telefonübertragung und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen und Verwendung in Computerprogrammen, auch auszugsweise, vorbehalten.
© 2020 BACOPA VERLAG
4521 Schiedlberg/Austria
Telefon: +43(0)7251-22235
E-Mail: [email protected], [email protected]
www.bacopa.at
Autor: Noll, Wulf
Titel: Drachenrausch. Flanieren in China
E-Book (ePub): ISBN 9783903071957
Printversion: ISBN 9783903071667
Wulf Noll ist ein philosophierender Globetrotter und Kosmopolit, der zahlreiche Reiseerzählungen, Romane sowie Lyrik und Essays verfasste: Indien, Japan, China, nicht zuletzt Deutschland spiegeln sich in seinen Schriften wider. Noll, Mitglied im deutschen PEN, ist aus Kassel gebürtig und lebt in Düsseldorf zusammen mit der japanischen Künstlerin Mutsumi Aoki. Wulf Noll promovierte an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf über das Frühwerk von Peter Sloterdijk.
Drachenrausch. Flanieren in China ist nach Schöne Wolken treffen. Eine Reisenovelle aus Chinameine zweite große Chinaerzählung und die dritte ist ebenfalls in Sichtweite: Mit dem Drachen tanzen. Erzählungen aus China. – Was macht mich als Schriftsteller so chinabegeistert, was hat diesen Boom ausgelöst? Die Frage ist nicht schwer zu beantworten, es sind und waren meine Erfahrungen vor Ort, die mich anregten und inspirierten. Vor allem sind es die jungen Leute, die StudentInnen, die mich mit ihrem Kommunikationseifer, ihrer Neugierde und ihrem Lerneifer auf ihre Seite zogen. Dazu kommen die vielen positiven Veränderungen, die im neuen China eine nicht nur wirtschaftliche, sondern auch eine kulturelle Blütezeit ausgelöst haben. Etwas ernüchtert aus dem müden alten Europa kommend ergriff mich der Elan der jungen Leute, der Studenten und der Studentinnen, dieser neuen Generation, die ihre individuellen Interessen in der Bildung wahrnimmt, um nach Selbstverwirklichung und nach ihrem Stand im Leben zu suchen. Um diesen Vorgang festzuhalten, habe ich in Schöne Wolken treffenden Begriff Build-Your-Dream-Generation (BYD-Generation) gefunden, der im Drachenrauschebenfalls zur Geltung kommt. Es ist für mich ein Vergnügen, dieser jungen und bezaubernden Generation in meinen Erzählungen ein nachhaltiges Denkmal zu setzen.
Selbstverständlich konnte ich das, worüber ich schreibe, vor Ort kennen lernen. In den Jahren 2009 bis 2011 arbeitete ich als Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Ningbo, einer aufblühenden großen Hafenstadt in der Provinz Zhejiang, unterhalb Shanghais gelegen. Die Arbeit erwies sich als sehr fruchtbar, und in diese Zeit fielen die meisten meiner Reisen. 2012 unternahm ich eine große private Chinareise, die mich u.a. in die Innere Mongolei führte. Ich war glücklich und überrascht, als ich im Jahr 2017 abermals nach China eingeladen wurde und in den Monaten Mai und Juni eine Poetik-Dozentur an der Ocean University of China in Qingdao wahrnehmen konnte, einer Zehn-Millionen-Stadt, die einstmals eine kleine deutsche Kolonie war (1898–1914). An beiden Universitäten stieß ich auf ein Klima, das wir früher emanzipatorisch genannt hätten und das auch für die Literatur günstig war, in Qingdao dank Wolfgang Kubin und in Ningbo dank Chen Wei, deren Einladungen ich meinen Aufenthalt und die literarische Arbeit in China in erster Linie verdanke.
Zum vorliegenden Band: Drachenrausch ist eine Metapher, mit der das gegenwärtige, von wirtschaftlicher Dynamik bestimmte China des 21. Jahrhunderts in den Blick gerät, wobei die Fäden zur kulturellen Tradition Chinas, einer jahrtausendalten Hochkultur nicht mehr, wie im 20. Jahrhundert durchschnitten werden. Die Renaissance der Bildung ist – neben einer erfolgreichen Ausbildung – im gegenwärtigen China Wirklichkeit geworden, und sie beflügelt, im Gegensatz zum ermüdeten Westen, eine hochmotivierte chinesische Jugend. Es macht daher Sinn, in meinen Erzählungen diese Jugend als einen »Protagonisten« zu führen, aus der einige Studenten und Studentinnen als »individuelle Protagonisten« herausragen. Hauptprotagonist – und Bindeglied in allen drei Chinaerzählungen – ist aber der Flaneur und Gastpoet Robert Marian, der sich auf Chinesisch unterwegs auch Ma Ruibai nennt, der immer wieder gemeinsam mit jungen Leuten zu kleinen und großen Reisen aufbricht. Ausgangspunkt und fester Ort für die hier vorliegenden Reiseerzählungen oder »travel novels«, wie man es auf Englisch sagt, ist der Campus der Universität Ningbo in der an der Ostküste gelegenen Hafenstadt, der die Zhoushan-Inseln vorgelagert sind. Vom Campus aus bestreitet Robert Marian/Ma Ruibai seine Reisen, die ihn durch große Teile Chinas führen.
War es in Schöne Wolken treffen oftmals ein Österreicher, der mit auf Reisen war, so sind es im Drachenrausch vor allem intelligente und smarte chinesische Studentinnen als Reisebegleiterinnen, die den Flaneur Robert Marian nicht nur begleiten, sondern auch in chinesische Verhältnisse verstricken, unter anderem auf Homestays, die eine gute Kenntnis der Verhältnisse ermöglichen und Innenansichten liefern, vor allem von der aufstrebenden Mittelschicht. Aber nicht nur diese fällt in den Blick, es kommt auch zu Besuchen auf dem Land. Der Figur des Flaneurs, zu der es literarische Vorbilder gibt, kommt eine entsprechende Funktion zu, nämlich vorurteilsfrei und offen, sei es subjektiv oder objektiv, über die vorgefundenen Verhältnisse zu berichten. Ein Flaneur ist jemand, der nicht nur Studien betreibt, sondern er ist jemand, der unter den Leuten dahintreibt und sich in die Lektüre der Gesichter, der Straßen, der Städte und der Landschaften vertieft, was zu seinen spezifischen Anschauungen und Erkenntnissen führt.
Im Drachenrausch wird der Leser nicht nur die Stadt Ningbo und den Campus der Universität Ningbo kennen lernen, sondern weite Teile des Landes. Die erste große Reise setzt sofort Höhepunkte, die erste Stationist die Besteigung des Berges Tai (Taishan), das ist ein von Mythen umrankter Berg, ein Götterberg, der mit dem Gründungsmythos Chinas im engsten Zusammenhang steht. Die zweite Station ist die Konfuzius-Stadt Qufu, in der sich der Konfuzius-Tempel, die Konfuzius-Residenz und vor allem das Grab des Philosophen befinden. Im Auf und Ab der Zuneigung und Abneigung hat die Beschäftigung mit Konfuzius gegenwärtig wieder Konjunktur. Dritte Stationauf der Reise durch die Provinz Shandong ist das bereits erwähnte Qingdao, eine Ressort- und Hafenstadt am Gelben Meer, welche deutsche Wurzeln aufweist, die erstaunlicherweise noch oder wieder gut gepflegt werden.
Eine der nächsten Reisen führt Robert Marian mit der poetisch empfindsamen Dame Eva/Fuyao, welche den sprechenden Namen ›Wirbelwind von unten nach oben‹ trägt, in ihre Heimatstadt Wuyi (Provinz Zhejiang). In diesen Kapiteln gewinnen wir dank eines Homestays vielschichtige Einblicke in die näheren und weiteren Familienverhältnisse mit Hochzeitsfeierlichkeiten in einem ländlichen Gebiet. Die Reise schließt den Besuch eines sehr alten Dorfes, das in der Tradition des Taoismus nach astrologischen Regeln erbaut worden ist, mit ein.
In Ningbo selbst kommt es zum Besuch der neolithischen Ausgrabungsstätte Hemudu, aber auch zu einer Firmenbesichtigung. In einer deutschen Textilfirma unter chinesischer Leitung wird – nach ökologischen Kriterien – für den europäischen Markt produziert. Der deutsche Firmenchef führt einen Musterbetrieb; er hat in die Firma eine Art Kunstgalerie integriert und hält sich einen chinesischen »Hauskünstler« aus der Shenzhener Malerschule – das neue Land der unbegrenzten Möglichkeiten macht’s möglich.
Den Schluss des Drachenrauschesbildet eine große Reise in den Süden Chinas, er führt in die Metropole Guangzhou (das ehemalige Kanton), nach Shenzhen und schließlich ins Autonome Gebiet Guangxi nach Guilin/Duftblütenwald und zum Fluss Li, der durch ein märchenhaftes, von wunderlichen Karstbergen umgebenes Tal fließt. Im Verlauf der Reise erreichen die chinesische Studentin »Pikachu« und Robert Marian die Hauptstadt der Provinz Yunnan: Kungming. Von dort aus geht es weiter ins bei jungen Leuten besonders beliebte »südliche Paradies« Xishuangbanna mit seiner Distrikthauptstadt Jinghong, die am Mekong liegt, der auf Chinesisch Lancang Jiang (Turbulenter Fluss) heißt. Dort möchten die beiden Reisenden, die Chinesin und der Deutsche, am liebsten bleiben, dorthin möchten sie sich zurückziehen.
Die Dame ›Schöne Wolken‹ war am Horizont verschwunden … Das haben Wolken so an sich … Die junge Frau war nicht wirklich verschwunden, sondern verbrachte die Ferien in ihrer nördlichen Heimat in der Provinz Gansu, um mit Beginn des neuen Semesters in Deutschland, in ihrem geliebten München, weiterzustudieren. Noch schmiedete Wenwen/Schöne Wolken Pläne, doch sie gehörte zu den Leuten, welche Pläne nicht nur schmieden, sondern deren Umsetzung zielsicher angehen. Viele andere ›Schöne Wolken‹ waren in Ningbo verblieben, nämlich ›Bunte Wolke‹, ›Freie Wolke‹, Himmelswolken …, was bedeutete, dass sich der Flaneur und Gastpoet Robert Marian, wie das seine Art war, ungebunden zwischen all den außergewöhnlichen Wolken in gehobener Stimmung hin und her bewegen konnte.
Aus Freude, auf ein weiteres Jahr im Reich der Mitte als Gastpoet tätig zu sein, war Robert Marian früh nach Ningbo zurückgekehrt. Die Ferien waren erst zu zwei Dritteln vorüber, das letzte Drittel würde der Deutsche auf seinen geliebten Reisen verbringen. Roberts Apartment auf dem Campus erstrahlte in frischem Weiß, das heißt, die Wände waren in allen Räumen neu getüncht worden. Robert Marian begrüßte den humorigen Hausmeister und schenkte ihm eine Stange Zigaretten, die er aus Deutschland mitgebracht hatte. Auf dem Campus war nicht viel los, doch einige Master- und Forschungsstudenten waren gelegentlich auf dem Gelände zu sehen. Man traf sich in der Kantine, der einzigen, die in den Ferien geöffnet hatte, oder in einem der kleinen Restaurants auf dem Marktflecken Ningmao.
Die Klimaanlage lief auf Hochtouren, wie immer war es an diesen Augusttagen sehr heiß, feucht und schwül. Robert genoss daher die Frische im Apartment, aber draußen auf dem Campus ›genoss‹ er den Hitzeschock … Die Hitze wirkte wie eine Droge … Der Körper war wohlig entspannt, aber die Seele, das Innere des Menschen, taumelte. Verdrängte, verborgene Bilder und Gefühle wurden freigesetzt, die dem Unbewussten entsprangen und sich nach Lust und Laune verkörperten. Wer weiß, vielleicht waren das die ›Fuchsgeister‹ aus der Studierstube der Muße oder andere Geister, wie sie in Der Pupillendialog oder die Dem Wandbild entstiegene Schönheitvorkamen … In der Erzählung Wandbild heißt es: Unter den Himmelsfeen war eine, die herabfallendes Haar trug. Sie lächelte zärtlich mit einer Blume zwischen den Fingern. Ihr kirschrotes Mündchen schien sich zum Sprechen zu öffnen. Ihre Blicke waren von einem berückenden Zauber. Zhu sah sie lange unverwandt an und erging sich betört in Phantasien. Damit war er in Trance gefallen …
Für Trancen hatte der deutsche Gastpoet keine Zeit, er brauchte eine Fahrkarte nach Jinan, das war die Hauptstadt der Provinz Shandong. Obwohl der Student Marko vorab eine Fahrkarte für ihn besorgen wollte, hatte er trotz seines chinesischen Namens Leichao, was ›schnell wie der Donner‹ bedeutete, keine mehr bekommen. Das lag daran, dass von Ningbo aus täglich nur ein Zug nach Jinan fuhr. Von Shanghai aus fuhren aber deren zehn. Der in Shanghai lebende, stets hilfsbereite ›Drache der Familie Wu‹, der sich den Deutschlehrern zuliebe Werner nannte, war daher eingesprungen und hatte das Zugticket für Robert Marian in einem bequemen Liegewagen von Shanghai nach Jinan besorgt.
Man konnte immer froh sein, wenn man für so weite Strecken ein Ticket bekam, weil sich China verkehrsmäßig am Rand des Kollapses befand. Was hatte Robert in Jinan vor? Er würde dort seine Studentin Viktoria treffen, die ihm so einiges in ihrer Heimatprovinz zeigen wollte. In Wirklichkeit hieß Viktoria Shanshan, was nach den chinesischen Schriftzeichen ›schön und süß‹ bedeutete. Sie hieß aber nicht nur so, sie war es auch. Doch vor allem war sie intelligent. Der Flaneur fieberte also einer ›süßen Schönen‹ oder ›schönen Süßen‹ entgegen, die nicht nur intelligent, sondern zugleich praktisch veranlagt war … Der Treffpunkt war der Bahnhof in Jinan, Robert liebte Bahnhöfe … Sie waren kolossale Treffpunkte mit auf und ab wogenden Menschenströmen. Shanshan und Robert wollten gemeinsam die Konfuzius-Residenz in Qufu besuchen, den Berg Tai, chinesisch Taishan genannt, besteigen und ans Meer in die schön gelegene Stadt Qingdao reisen. Erwartungsfroh stimmte sich Robert auf eine poetische, abenteuerliche und sentimentale Reise ein.
Robert Marian war oft nach Shanghai gefahren, aber diesmal war die Anfahrt auf Shanghai etwas Besonderes – wegen der heftigen Gewitter. Nicht wegen eines Gewitters, sondern mehrerer Gewitter gleichzeitig. Wie das in China so ist, hatte sich in den frühen Abendstunden die schwarze Nacht schnell ausgebreitet. Es war Hochsommer, die Nächte kühlten nicht ab, und der atmosphärische Himmel war elektrisch geladen und zum Zerreißen gespannt. Nachdem der Bus die Hangzhou-Bay-Brücke überquert hatte und auf gerader Autobahnspur gen Shanghai fuhr, brach ein gewaltiges Unwetter herein. Drei, vier Gewitter tobten gleichzeitig am nächtlichen Horizont, der sich wie ein schwerer Deckel über die Landschaft stülpte, während langzüngige Blitze wie Drachen mit Getöse vom Himmel zuckten und brausten. Dort, wo sie einschlugen, schienen sie ihre Beute zu packen und zu verschlingen.
Selbst im Autobus war man von Erschütterungen nicht frei, die vom herabstürzenden Wasser, von Sturmböen und wohl auch vom unbarmherzigen Donnergrollen ausgelöst wurden. Robert Marian lenkte sich gedanklich ab. Vor einiger Zeit hatte er die eine oder andere Shanghai-Lady kennen gelernt. Jetzt stellte er sich die Damen als lebendige Gewitter vor, als miteinander konkurrierende, neidsüchtige Drachendamen, die am Himmel um ihre Vormachtstellung kämpften. Am schönsten wäre es wohl, sie kämpften um den Gastpoeten … Zuweilen gefiel sich Robert in solch heroisch-mythischen Vorstellungen, ohne diese besonders ernst zu nehmen. An vernünftige Lektüre war nicht zu denken und so ließ er seinen Vorstellungen und Imaginationen freien Lauf.
In Shanghai angekommen verschwand Robert, dem Regen und den zuschlagenden Blitzen – den metaphorischen Damen – geschickt ausweichend, auf schnellste Weise im Untergrund. Der Untergrund war das unterirdische Areal am Südbahnhof mit U-Bahn-Station, Passagen, Restaurants und mit Läden. Robert wartete an der verabredeten Stelle auf den ›Drachen der Familie Wu‹, der das Zugticket, das er glücklicherweise besorgen konnte, vorbeibrachte. Die beiden Herren gingen in eines der Restaurants, tranken Kaffee und aßen etwas. Nach einer knappen Stunde fuhr der Deutsche mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof. Werner blieb zurück, Robert kannte sich mit chinesischen Bahnhöfen aus. Die Abfahrtszeit für den Nachtzug nach Beijing, der in Jinan Station machen würde, war kurz nach 22 Uhr. Konzentriert wie immer fand der kosmopolitische Globetrotter aus Germany alias Deguo, dem Land der Moral, die entsprechende Wartehalle, checkte in den Zug und ins richtige Abteil ein und fand einen ordentlichen und sauberen Schlafwagenplatz in einem Viererabteil auf der unteren Bank vor.
Robert Marian hatte Glück, er war mit einer schmucken, Englisch sprechenden Musiklehrerin, sowie mit ihren beiden Kindern, vielleicht vier und sechs Jahre alt, in einem Abteil. Anscheinend gehörte die Dame zu einer wohlhabenden Schicht, die sich – steuerlich – bereits ein zweites Kind leisten konnte … Die Kinder drehten auf, ein Fremder im Abteil … Dass der Ausländer aus Deutschland kam, schien – wie immer – die ChinesInnen zu beflügeln. »Deutschland ist ein schönes Land.« Na ja, wenn so viele Chinesen das meinen, muss es ja stimmen, zumal sich diese Dame auf ihre eigene Anschauung berufen konnte: »Ich bin schon einmal in Deutschland gewesen.« Dann hauchte sie etwas vom Kölner Dom und vom schönen Rheintal in Roberts Richtung …
Oh, wie gleichbleibend erhaben! Die unvergängliche Rheinromantik! Früher kam sie mit den Engländern, heutzutage kommt sie nochmals – mit den ChinesInnen. Robert dachte, es wäre mehr als angemessen, wenn die Deutschen die Chinesen zurückloben würden; das tun sie aber nicht – außer ihm. Deutsche sollten indessen das Lob der ChinesInnen nicht allzu ernst nehmen, denn ChinesInnen und andere OstasiatInnen loben von Natur aus – und wegen der geforderten Höflichkeit – immer … Weil die mürrischen und oftmals spießigen Deutschen sonst nur selten gelobt werden, nehmen sie alle diese Lippenbekenntnisse für bare Münze … Ach, es war einfach anstrengend, ein Deutscher zu sein. Robert, für den die Nationalität keine Rolle spielte, fiel es indessen nicht schwer, die schöne Dame und ihre Kinder zu loben und das schöne China, so wie er es auf seinen Reisen kennen gelernt hatte. Robert war sozusagen ein entspannter, innerlich freier und gelöster Geist in einem unternehmungslustigen Körper.
Um sich mit der smarten Musiklehrerin unterhalten zu können, wäre Chopin oder Mozart sicherlich das beste Thema. Das bekommt Robert Marian noch geradeso hin, obwohl er in musikalischen Fragen ein Laie ist und zuweilen versagt.
»Chopin, Nocturne, Opus 9, Numero 1 bis 3, wie bezaubernd die Klänge des Pianos!«
»Da bin ich Ihrer Meinung.«
»Wie rhythmisch klar, wie bewundernswert schön.«
Die Kinder der Dame waren eingeschlummert, es ging auf Mitternacht zu. Die Musiklehrerin und der Gastpoet betrieben Konversation, auf Englisch sei angemerkt. Es musste nicht beim Musikthema bleiben; beim Thema Chopin konnte man auf dessen Reisen eingehen und von Warschau nach Paris springen und bei Mozart war das ebenso. Mit ihm gelangte man bestens von Salzburg nach Prag und nach Wien. Reiseimpressionen der Musiklehrerin und des deutschen Poeten überlagerten sich, Erzählungen aus dem Westen und aus dem Osten … Der freibeuterisch-freie Geist des Gastpoeten lotete die Höhen und Tiefen der Nacht und des Tages aus … Müde wird man/frau trotzdem, begünstigt vom ratternden Schaukeln des Zuges, welches im Liegen wie eine köstliche Massage wirkt. Die Massage ruft schnell angenehme Gefühle hervor, welche die Reisenden auf harmonische Weise in den Schlaf gleiten lassen.
Robert Marian wachte am nächsten Morgen ausgeruht auf und entdeckte, dass Lady Shanshan, die ›süße Schöne‹, ihm schon vor einer Stunde eine SMS geschrieben hatte. Die Nachricht besagte, Robert möge bereits in der Stadt Taian aussteigen … Warum erst nach Jinan fahren, wenn sie den Berg Tai besteigen wollten? Rückmeldung wegen weiterer Planung schnellstens erbeten.
Robert dachte: »So sind sie immer, die Chinesinnen, sie neigen zu spontanen Entscheidungen und ändern ihre Planungen, während sie planen. Lady Viktoria wird bestimmt eine würdige Nachfolgerin von Lady ›Schöne Wolken‹ sein.«
Er fragte die Musiklehrerin, wo sie seien. Die Antwort war: zwei Stationen vor Taian. Robert griff zum Handy und rief Shanshan an:
»Guten Morgen, Viktoria!«
»Hast du meine SMS gelesen?«
»Ja, habe ich.«
»Und?«
»Gut, ich steige in Taian aus. Wann wirst du kommen.«
»Weiß noch nicht. Ich muss erst ein Ticket kaufen.«
»Ist das nicht schwierig?«
»Nee, für so eine kurze Strecke nicht. Übrigens will meine Schwester Pingping mitkommen. Sie will unbedingt mitkommen. Hast du etwas dagegen?«
»Seit wann hast du eine Schwester?«
»Äh, sie ist nicht meine Schwester, sondern meine Cousine. Aber ich nenne sie Schwester. Ich will dir aber vorab gestehen, sie ist erst siebzehn Jahre alt, Oberschülerin, vorletzte Klasse.«
»Wunderbar! Mit siebzehn fängt das Leben an … Du musst sie unbedingt mitbringen.«
Robert Marian würde gegen neun Uhr, also in einer halben Stunde, in Taian ankommen und sich von dort wieder melden. Schnell packte er die im Zugabteil verstreuten Bücher und Sachen zusammen und verstaute sie in seinem Designer-Rucksack mit den silbernen Streifen. Doktor Marian wechselte noch einige Worte mit der freundlichen und redelustigen Musiklehrerin. Sie wünschten sich gegenseitig ein schönes Leben. Die Kinder lachten. Dann stieg der Deutsche in Taian aus.
Nach dem Verlassen des Bahnhofs trat Robert auf einen großen freien Platz hinaus, der von niedrigen Gebäuden mit kleinen Läden umstanden war. Hinter zwei altmodernen Hochhäusern, hässlichen Klötzen, zeichnete sich wie zum Trost die Skyline der Berge ab. Auf dem linken Gebäude ragte eine enorme Antenne in den Himmel, eine Sendestation … Sie konkurrierte erfolglos mit den Bergesspitzen … Statt wie sonst von Menschen war der Platz vor dem Bahnhof mit parkenden Autos überfüllt. Die Autos sahen überaltert aus, vielleicht waren sie auch nur seit Längerem ungeputzt oder vom Smog mitgenommen. Zur Trostlosigkeit des Bahnhofvorplatzes passten die altertümlichen Bogenleuchten, die teilweise zersplittert und zerbrochen waren … Robert Marian spazierte über den Bahnhofsvorplatz in Richtung Stadtmitte … Zum ersten Mal seit Langem fühlte sich Robert in China an die Dritte Welt erinnert. Die Stadt Taian war noch nicht so richtig emporgekommen – trotz des Tourismus zum heiligen Berg Tai … Der Wirtschaftsboom schien bis auf Weiteres eine Kurve um die Stadt gemacht zu haben. Taian wirkte kleinstädtisch, obwohl auch diese Stadt eine Millionenstadt war.
Robert blickte auf die Uhr, es war halb zehn. Er rief Shanshan an und fragte, wann die Damen zu erwarten seien. Erst gegen elf Uhr. Am Bahnhofsausgang hatte der Besucher auf der rechten Seite ein Restaurant mit vielen Tischen im Freien unter Sonnenschirmen gesehen. Er beschrieb die Lage des Restaurants und sagte, dass er dort auf sie warten wolle. Da Robert bei seinem kleinen Spaziergang wenig Aufregendes sah, zog er es vor, zum Restaurant zurückzugehen; er wollte lesen und seine Eindrücke und Gedanken notieren. Einige Leute aßen jetzt schon zu Mittag, das war ein bisschen früh. Robert wartete auf Shanshan und Pingping und bestellte, wenig einfallsreich, das Getränk, das man überall auf der Welt haben kann: Eben jenes Getränk, welches in früheren Zeiten in einer bauchförmigen, erotisch wirkenden Flasche so schön die männliche Fantasie anregte und in den Anfangs- und Ursprungszeiten sogar Spuren von Kokain aufwies. Doktor Robert Marian trank Coca-Cola, das Notizbuch hatte er vor sich, den Heiligen Berg im Rücken.
In Lektüre versunken kam es Robert so vor, als verstriche die Zeit jetzt schneller, zumal sich an den Tischen das ein oder andere kleine Schauspiel ereignete. So ließ man am Nachbartisch ein Kleinkind, fast noch ein Baby, mit offenen Hosen auf dem Tisch herumhopsen. Diese offenen Hosen sind typisch für Kleinkinder im Reich der Mitte und heißen auf Chinesisch Kai Dang Ku und auf Englisch Splitpants. Das Kind war männlichen Geschlechts und zeigte seinen Penis … Robert rechnete jede Minute damit, dass es zwischen die Essstäbchen pinkelte … Der Mutter schien es egal zu sein, die nachfolgenden Gäste würden davon ja nichts merken … Die Mutter schäkerte mit dem fröhlichen Hopser. Endlich wurde dem Jungen ein Brei serviert; die Mutter nahm das Kind vom Tisch und fütterte es. Damit waren dessen Aktivitäten fürs erste gedämpft.
Zur angegebenen Zeit näherten sich Shanshan und Pingping aus der aus dem Bahnhof herausströmenden Menschenmenge mit Blick auf die großen Sonnenschirme des Restaurants. Die beiden Damen liefen unmittelbar auf den Ausländer zu, als sei der ein Magnet, der sie anzöge. Robert war überrascht, denn Shanshan und Pingping sahen fast wie Zwillinge aus. Dass die letztere erst siebzehn war, sah man ihr nicht an. Zum Glück hatte Shanshan ihr Haar frisch gefärbt; es schimmerte rötlich-braun und besaß eine schöne rote Strähne. Pingping trug denselben Haarschnitt, aber ihre Haarfarbe war verblasst, sonst hätte Robert Schwierigkeiten bekommen, die Damen auseinanderzuhalten, obwohl Shanshan um vier Jahre älter als die Cousine war. Studentinnen, Verkäuferinnen, Oberschülerinnen konnten sich diese lieblich-frechen Frisuren leisten.
Chinesinnen sind wirklich temperamentvoll, und Shanshan flog ohne größere Umstände dem Gastpoeten zu einer herzlichen Begrüßung um den Hals. Pingping, dem Poeten noch unbekannt, wollte bei dieser Begrüßungsszene in nichts nachstehen. Robert Marian überlegte, wann er das letzte Mal von einer Siebzehnjährigen so leidenschaftlich begrüßt worden war … Daran konnte er sich kaum erinnern … Doch Robert genoss die Begeisterung der herumwirbelnden Studentin und Oberschülerin. Er mochte die jungen Leute herzlich gern, und sie mochten ihn. Dem lässigen Deutschen eilte längst ein Ruf als cooler Dichter, eigenwilliger Flaneur und als wagemutiger Gastpoet voraus, der sich stets mit den StudentInnen, aber niemals mit den Lehrern und Eltern, identifizierte.
»Du bist mein erster Dichter, live!« Pingping probierte ihr Englisch aus.
»Deine Bewunderung ehrt mich«, sagte Robert, »und ich will hoffen, dass uns das Feuer der Inspiration wechselseitig befruchtet, so dass wir immer poetisch über den alltäglichen Dingen stehen.«
»Oh, jetzt habe ich etwas zum Nachdenken«, erwiderte Pingping.
»Viel Spaß«, flocht Shanshan erst auf Deutsch und dann auf Chinesisch ein, »darüber habe ich schon des Öfteren nachdenken können.«
Das Treffen ließ sich gut an. Die jungen Themen der jungen Leute interessierten Robert mehr als andere Themen. Mit Pingping zu reden, fand Robert sehr süß. »Ein Dichter, live …!« wiederholte er. »Ich bin also dein erster lebender Dichter. Da muss ich mich ja anstrengen, um meinem Ruf als romantischer und zugleich cooler Poet gerecht zu werden. Tote Dichter gibt es schon genug.«
Den Heiligen Berg Tai mit zwei jungen Frauen zu besteigen, das war so recht ein Abenteuer nach dem Geschmack des Gastpoeten. Doch es war mehr als ein Abenteuer, es war ein Aufstieg ins Land der Poesie, was ein Pseudonym für das Land der Liebe ist … Aber zunächst galt es zu Mittag zu essen, um für die nachfolgende Bergbesteigung gerüstet zu sein. Das Essen bestand aus mehreren Gerichten mit kleingeschnittenem Fleisch und Gemüse, mit Nudeln, mit Reis. Es war wohlschmeckend und reichhaltig. Die Leute mussten sich stärken, denn die Wanderung und der Aufstieg auf den Berg waren nicht zu unterschätzen. Shanshan gab zu bedenken, dass der Weg auf den Gipfel neun Kilometer betrage und schließlich in viele, viele Treppenstufen münde. Wenn man den auf der Bergesspitze gelegenen Tempel des Jadekaisers erreichen wolle, seien mehr als siebentausend Stufen zu bewältigen.
»Du bist ein Flaneur. Als Flaneur solltest du gut zu Fuß sein. Oder möchtest du lieber mit der Seilbahn hinauffahren?« fragte Shanshan. »Ab der Hälfte der Strecke ist das möglich.«
»Einen heiligen Berg besteigt man zu Fuß. Das zählt sonst nicht«, erwiderte Robert. »Mit der Seilbahn fahren oder gar mit einem Hubschrauber den Berg umkreisen, das ist nichts.«
»Wir bewundern deinen Mut, stimmen dir aber zu.«
»Ich vermute, der edle und rüstige Konfuzius, der jetzt wieder verehrt wird, ließ sich auch nicht in einer Sänfte auf den Berg hinauftragen, was nur Kindern, außergewöhnlichen Frauen und Greisen zusteht … Nur wenn man zu Fuß hinaufgelangt, hat man den ersten mythischen Schritt zur Unsterblichkeit getan … Als Flaneur will ich mir diesen Schritt nicht nehmen lassen.«
»Okay, wir sind deiner Meinung. Nur die Kaiser ließen sich auf den Taishan hinauftragen.«
»Die Hofdamen vermutlich ebenfalls!« frozzelte Robert.
»Wir sind zwei Kletterkatzen«, sagte Shanshan lachend. »Wenn du mit zwei jungen Frauen auf den Berg gelangst, wird das dein Ansehen und deinen Ruhm noch erhöhen.«
»What are you talking about?« Pingping begehrte zu wissen, worüber ›Schwester Shanshan‹ und ›Bruder Robert‹ gerade redeten. Der Deutsche berichtete auf Englisch, und Shanshan ergänzte die Feinheiten auf Chinesisch.
Nach dem Essen, es war jetzt gegen halb eins, die Temperatur hatte vermutlich dreißig Grad erreicht, gingen die Leute zur Bushaltestelle. Der städtische Bus würde sie zum Ausgangspunkt für den Bergaufstieg bringen. Das Klima war heiß und ermüdend genug. Dabei hatte Viktoria/Shanshan/die süße Schöne/schöne Süße immer behauptet, dass es in der Provinz Shandong deutlich kühler als in Ningbo oder in Shanghai sei … Aber es war doch heiß genug … Statt der vierzig Grad, die kürzlich im schwül-feuchten Shanghai das Bewusstsein trübten, gab es in Taian zur Mittagszeit nur an die dreißig Grad. Shanshan sprach Robert für das Unternehmen Bergbesteigung Ausdauer, Mut, Trost und Kraft zu. Am Nachmittag, meinte sie, würden die Temperaturen deutlich sinken. Und je höher man auf den Berg gelangte, desto kühler würde es werden.
Robert hätte auch gern den in der Stadt gelegenen Tempel des Berggottes, den Dai Miao, besichtigt, doch Shanshan war der Ansicht, dass dazu die Zeit nicht ausreichte. Diese Tempelanlage sei viel zu groß. Auf dem Weg zum Gipfel des Taishan würden sie noch auf genügend kleinere Tempel stoßen. Ohnehin besuchten sie in den nächsten Tagen den Konfuzius-Tempel in Qufu. Heute sei die Bergbesteigung wichtig, nicht das Herumflanieren auf ebener Erde. Robert stimmte zu, aber der Tempel ging ihm trotzdem nicht aus dem Sinn, weil er gelesen hatte, dass in einer der Tempelhallen ein monumentales Fresko auf etwas sechzig Meter Länge zu sehen wäre. Dieses zeigte den erhabenen Taishan-Gott, wie er auf seinem Berg selbst spazieren geht … Ein göttlicher Flaneur … Andere Quellen behaupteten allerdings, der Gott sei niemand anders als der songzeitliche Kaiser Zhenzong, wie er in seiner Erscheinung als Gottheit auf den Berg steige.
»Götter interessieren mich normalerweise nicht«, sagte Robert, »mit Gottheiten haben wir im aufgeklärten Abendland längst Schluss gemacht. Doch flanierende Götter, das erweitert meinen Begriff des Flaneurs.«
»Wenn Pingping und ich mit dir flanieren«, sagte Shanshan lachend, »erweitern wir deinen Begriff ebenfalls. Man kann nicht alles haben. Du kannst wählen.«
»Wählen? Zwischen wem soll ich wählen? Zwischen Pingping und dir? Zwischen der Tempelanlage oder dem Berg? Falls ich zwischen Göttern und Frauen, äh, Göttinnen, wählen muss, entscheide ich mich für die Frauen. Außerdem habe ich kein Problem damit, in meinen verehrten jungen Studentinnen schöne junge Göttinnen zu sehen.«
Shanshan lachte laut, sehr laut, und Pingping wusste nicht, warum.
Der Bus hielt zunächst am Steintor an, fuhr aber noch ein oder zwei Stationen weiter. An der Endhaltestelle sah Robert zu seiner Verblüffung Massen an Menschen … Anscheinend wollten die alle zum Berg hinauf, aber Viktoria meinte, mit der Zeit würden sich die Leute am Berg verlaufen. Die Menschen spazierten – noch kann man von spazieren sprechen – zunächst durchs Konfuzius- und dann durchs Erste Himmelstor. Des Konfuzius wurde in China immer gedacht, mal willig, mal unwillig. Jedenfalls erinnerte das Konfuzius-Tor an die Bergbesteigung des Philosophen vor etwa zweitausendfünfhundert Jahren … Angesichts der vielen Menschen begriff Robert Marian, dass auch Taian eine Millionenstadt war, in der anderthalb Millionen im Stadtzentrum und fünfeinhalb Millionen in der Verwaltungseinheit lebten … Er begriff zudem, dass der Tai-Berg eine Attraktion für das gesamte Land war. In Deutschland hat man ja von nichts eine Ahnung. Klein – groß; niedrig – erhaben; wenig gebildet – hoch gebildet. Bildlich gesprochen leben in den Niederungen Deutschlands, verglichen mit China, bloß ein paar halbwegs aparte Gartenzwerge, die sich allesamt wer weiß was dünken …
Die Besucher gelangten zum ›Palast des Roten Tores‹, der liebe Michel meint vermutlich, das sei etwas Politisches und Maos gewichtiges Porträt müsse hier hängen, weil Mao den Berg ebenfalls bestiegen hatte … Nichts dergleichen, das Farbenspiel geht in eine andere Richtung. Rot, die Farbe des Glücks, passt in China immer … Das Tor war rot, und der Palast war ein Tempel, in welchem aus vielerlei Gründen der schönen und holden ›Prinzessin der Azurblauen Wolke‹ gedacht wurde, einer Enkelin des erhabenen Berggottes … Der Taishan ist nämlich so etwas wie ein göttlicher Familienberg … Dem Ursprungsmythos nach ist der Berg aus dem Kopf des Weltenschöpfers Pangu entsprungen, als dieser sich am Weltenanfang aus purer Lust selbst sprengte und dabei – im mythischen Urknall – China zeugte. Eines dieser Einzelteilchen ist die ›Azurblaue Wolke‹ alias Göttin Bixia, welche hier am Berg mit verehrt wird …
»Wie sehr ich die Mythologie liebe!« rief Robert aus, »besonders wenn Rot und Blau so gut zusammenpassen. Die Mythologie ist ein ergreifendes dichterisches Spiel, in dem ich den Schöpfungsakt wiedererkenne.«
»Ja klar, das klingt poetologisch-erhaben. Das klingt typisch nach unserem Gastpoeten«, sagte Shanshan.
»Du scheinst mich zu verstehen.«
»Na klar! Obwohl du nichts glaubst, spielst du immer gut mit. Du meinst, der liebe Mythos ist so poetisch wie die Poesie. Doch nur die letztere nimmst du ernst.«
»Oh, du bist aber klug! So eine kluge Studentin.« Dann fuhr Robert fort: »Wenn ich es recht bedenke, dann darf vom Ernst der Poesie gern etwas auf die Mythologie zurückfallen. Das Verhältnis zwischen Poesie und Mythologie, aber auch das zwischen Poesie und Religion, ist freilich ironisch.«
Shanshan sah einige Schwierigkeiten darin, der Cousine Pingping klarzumachen, worüber sie gerade diskutiert hatten, was Robert gesagt hatte oder was er damit hatte sagen wollen.
Trotzdem lächelte die Cousine so unschuldig wie charmant, gerade so, als ob sie alles verstanden hätte. Dabei sah sie so klug und so süß aus, als sei die Göttin Bixia selbst in sie hineingefahren. Womöglich aber waren diese Eindrücke der Hitze und der zunehmenden Mühe des Bergbesteigens gezollt. Wenn es noch heißer werden würde, könnten Roberts Gedanken in Unordnung geraten. Die Studentinnen wären dann potentielle Krankenschwestern. In Roberts persönlicher Hierarchie kamen nach den Göttinnen gleich die Krankenschwestern … Aber so schlimm war es noch nicht, doch es war heiß genug … Um unterwegs nicht zu dehydratisieren, hielt Robert mit seinen Begleiterinnen an einem der Verkaufsstände an. Die jungen Damen und Robert deckten sich mit Wasserflaschen ein, die sie in den Außentaschen ihrer Mini-Rucksäcke unterbrachten. Dann suchten sich die beiden Chinesinnen und ihr deutscher Gastpoet Spazierstöcke aus, die aus leichtem Bambus waren und einen eleganten Knauf in Form eines Drachenkopfes besaßen. Die formschönen Spazierstöcke waren rotbraun lackiert. Sie lagen leicht und bequem in der Hand und hatten beim Aufstieg auf den ›Erhabenen Berg‹ einigen Nutzen.
Anfangs konnte man von einem Flaneurspaziergang sprechen, aber mit der Zeit musste man sich auf eine Bergbesteigung für Flaneure umstellen. Der Spaziergang führte jetzt zum ›Torgebäude der Zehntausend Unsterblichen‹ und zum ›Palast der Schutzgöttin der Literaten‹ … Hier am Berg Tai, dem wichtigsten der FÜNF HEILIGEN TAOISTISCHEN BERGE, bekam man all das geboten, was die mythische und/oder die profane Seele begehrte: Ruhm & Ansehen & poetische Unsterblichkeit, gewährt durch die Fürsorge und die Betreuung durch die GÖTTIN DER LITERATEN … Im stillen ›Palast der Schutzgöttin‹, von so famosen Musen, äh, Schutzengeln wie Pingping und Shanshan umgeben, fühlte Robert Marian sich wie zu Hause, bis Viktoria quengelte: »Wenn du hier solange herumstehst und meditierst und nachdenkst, dann gelangen wir nie auf die Spitze des Berges.«
Robert gelobte der Studentin Besserung, was seine Gangart und seinen Stil anbetraf, nämlich schneller zu gehen und wendiger zu schreiben … Sie hatte ja recht, ein Joris-Karl Huysmans mit seiner Schildkröte und ein Franz Hessel, der sich stets ablenken ließ, wären nie zu Fuß auf diesen Berg gelangt. Robert legte einen Schritt zu und ging jetzt zügiger voran, die Studentinnen kamen kaum mit. Dann drosselte er das Tempo aus Toleranz für die Damen, merkte aber zugleich, wie ihm der Schweiß so unschön am Körper herabrann. Was für ein Schreck, sein violettes T-Shirt hätte er glatt auswringen können … Statt helllila war es dunkelviolett geworden; modisch wirkte es nun bestimmt nicht mehr … Die Damen dagegen sahen noch immer so anmutig und so frisch wie aus dem Ei gepellt aus. Sie schwitzten nicht. Asiaten besitzen von Natur aus viel weniger Schweißdrüsen als westliche Menschen. Es stellt sich selbstverständlich die Frage, was, physisch gesehen, sonst noch alles anders ist.
Die jungen Damen blickten über den poetischen Defekt – das T-Shirt, welches trotz des Designerlogos wie ein nasses Tuch aussah – hinweg. Sie genossen es heimlich, dass Robert sich so gründlich abarbeitete. Noch unterhielt der bergsteigende Flaneur die Damen, so gut er konnte, doch er wurde immer stiller, und die jungen Damen, besonders Shanshan, wurden immer redelustiger. Gegen die Redelust von Frauen kommt selbst ein Dichter nicht an … Die Erläuterungen der Damen waren immerhin nützlich. Sie schritten am Tal der Steinsutren vorbei, in die glatten Felswände waren viele Schriftzeichen hineingeschlagen und mit grauschwarzer oder roter Farbe ausgemalt worden. Das sah wie ein wundersam gestaltetes, kalligrafisches Lyrikbuch in der freien Natur aus, obwohl es sich mehrheitlich um buddhistische Sutren handelte. Da man heute noch den Gipfel erreichen und auf diesem übernachten wollte, trieben die jungen Ladys ihren Dichter weiterhin an, damit der sich nicht vor jeder Sehenswürdigkeit in Betrachtungen verlöre. Der Weg war noch sehr weit.
Robert war skeptisch, ob es mit einer Übernachtung auf der Bergesspitze klappen würde. Reserviert hatten sie nicht, aber Viktoria war guter Dinge und meinte, auf dem Gipfel gäbe es viele kleine, einfache Hotels und Berghütten, in denen sie höchstwahrscheinlich übernachten könnten. Wenn es nicht klappt, müsse man in der Nacht wieder vom Berg hinabsteigen. Sie hätten an alles gedacht und führten Taschenlampen mit sich. Doch die Menschen, die jetzt unterwegs seien, versuchten ihrer Ansicht nach keinesfalls alle zum Gipfel zu gelangen. Ringsum am Weg lägen die verschiedensten Tempel und Ziele. Egal, Robert folgte brav den jungen Frauen. Er war der ahnungslose Poet, der geführte Tanzbär, der Troll … Die Studentin mit dem frisch gefärbten Haar und der roten Haarsträhne und eine süße Oberschülerin trugen die schöne Last der Verantwortung, zumindest einen Teil davon, haha …
Robert fühlte sich von den vielen Mythen am Berg ein wenig genervt, denn der Taishan, der heiligste unter den taoistischen Bergen, ist selber ein Gott. Zum Glück ist der Gott großzügig und tolerant, wie es dem Wesen der asiatischen Religionen gemäß ist, welche diesen schönen Grundzug besitzen. Am Berg erheben sich taoistische, buddhistische und konfuzianistische Tempel und Kultstätten, die hier alle friedlich nebeneinander liegen. Gern gehen die Pilger mal in diesen, mal in jenen Tempel … Zwar gibt es in China nur eine Partei, dafür aber mehrere Religionen … Es gibt sogar mehrere Parteien, die aber über die eine Partei nicht herausragen dürfen, sonst würde die Ordnung in dem großen Land durcheinandergeraten … Aber die eine Partei ist heutzutage so liberal, dass viele Meinungen und Religionen bei Wahrung der Grundlinie darin Platz haben. Das ist in einem so großen Land eine hervorragende Leistung. Was aber die Grundlinie ist, das weiß niemand so genau …
Über den nackten Fels sprangen Bäche und Rinnsale so fröhlich, wie sie wollten. Robert blickte weit in die Landschaft hinaus; trotz der jungen Damen, die ihn begleiteten, musste er in einer sentimentalen Anwandlung an Lady ›Schöne Wolken‹ denken, die jetzt in Deutschland weilte … Robert Marian war nostalgisch, und die Landschaft wurde nostalgisch. Karger Baumbewuchs und dürre Sträucher wuchsen an steilen Berghängen, zuweilen erblickten die Leute eine einsame melancholisch-erhabene Kiefer, die – wie auf einer Tuschezeichnung – über einem Steilhang hing. Bald gelangten sie durch ein Areal mit majestätischen Zypressen, die ohne Weiteres schon mal tausend Jahre, zumindest aber einige hundert Jahre alt werden konnten. Endlich schritten sie an einem Pavillon vorbei und erreichten das zweite Himmlische Tor.
Am zweiten Himmlischen Tor herrschte ein ziemlicher Rummel, bis hierher hätte man mit dem Bus oder mit dem Taxi auf einer Bergstraße gelangen können. Aber das wäre eines Flaneurs und seines poetischen Aufstiegs unwürdig gewesen. Am zweiten Tor zog sich auf einem Plateau ein Ausflugsort mit Tempeln, Tempelchen, Andenkenläden und mit Restaurants hin … Ab hier war die Fahrt mit der Seilbahn auf den Gipfel möglich … Wie schrecklich modern! Die Benutzung eines solchen Hilfsmittels hatten Robert Marian und die jungen Damen von vornherein abgelehnt. Wer von den Göttern ;–) haha … anerkannt werden und den Ruf eines Taishan Beidou– eines Menschen von hohem Ansehen oder eines heraufgekommenen Dichters – erlangen möchte, der muss zu Fuß auf den Berg hinaufsteigen. Da gibt es keinen Pardon! Sich ein wenig ausruhen, das darf man auf der Bergstation jedoch. Kalter grüner Tee wirkt erfrischend; gedämpfte Teigtaschen mit Bergkräutern stärken Körper und Geist.
Shanshan hatte recht, nicht wenige Leute gaben sich mit dem Aufstieg bis zur Bergstation zufrieden und genossen hier den Freizeitbetrieb. Sie saßen in Restaurants, kauften Andenken und zündeten Räucherstäbchen vor den Schreinen und Tempelchen an. Nach einiger Zeit fuhren sie mit dem Bus – oder spazierten leichten Schritts – ins Tal zurück. »Dekadente Pilger«, sagte Pingping verächtlich, »keiner möchte mehr zu Fuß gehen.«
Shanshan war für kurze Zeit verschwunden, dann näherte sie sich mit einem kleinen Geschenk für den Gastpoeten. Es handelte sich um ein winziges Stück Glas, anderthalb Zentimeter hoch, geschliffen, achteckig und von durchsichtiger hellgrüner Farbe. In einer Wasserblase schwamm ein Reiskorn, das mit chinesischen Zeichen versehen war: Robert Marian und Glück waren ins Korn eingraviert worden. Der Glücksbringer baumelte an einem roten, reißfesten Faden. Viktoria/die süße Schöne legte Robert den Talisman an und verknotete den Faden am Hals. Was für ein anmutiges Geschenk!
Robert fragte die jungen Damen, ob sie fit zum Weitergehen seien.
»Das wollten wir dich gerade fragen«, fiel ihm Pingping ins Wort, die ihr süßestes Lächeln aufgesetzt hatte.
»Jetzt beginnt erst der wirkliche Aufstieg«, ergänzte Shanshan. »Bis hierher war alles nur ein Kinderspiel.«
»Was? Wir sind schon seit zweieinhalb Stunden unterwegs«, wand Robert ein.
»Bestimmt bist du müde«, flötete Pingping, »und möchtest jetzt ein Hotel suchen.«
»Nicht doch! Wenn ich schon vor Ort bin«, erwiderte Robert, »dann vollbringe ich kleine Heldentaten wie die Besteigung des Tai-Berges ohne Unterbrechung in Begleitung zweier Engel.«
»Haha! Er bezeichnet uns als Engel«, sagte Shanshan ironisch lächelnd zu ›Schwester‹ Pingping.
»Na, klar! Junge Frauen sind immer Engel«, erwiderte diese. »Es freut mich, wenn der Dichter so gut zu Fuß ist und eine so hohe Meinung von uns hegt.«
Robert Marian musste daran denken, dass es im 19. Jahrhundert einige Yogis gegeben hatte, die zu Fuß von Indien nach Europa gereist waren. Er dachte an diese Meisterflaneure und sagte: »Wir flanieren weiter!«
Das mit dem Flanieren war gut gesagt, es begann bald ein ungeheuerliches und endloses Treppensteigen. Zwar sanken die Temperaturen deutlich, aber beim steilen Aufstieg nahm die innere Hitze zu, so dass man die aufziehende Kühle kaum bemerkte. Kein Wunder, dass sich Kaiser, Edle und vornehme Damen in Sänften auf den Berg hinauftragen ließen. Nur geistige Kaiser wie Konfuzius und Mao Zedong haben eine Ausnahme gemacht und den Berg zu Fuß bestiegen. Trotzdem kann man sich auch heutzutage noch in einer Sänfte den Berg hinauftragen lassen. Hin und wieder waren Sänften zu sehen, in denen sehr, sehr alte Leute saßen, zumeist alte Frauen, manchmal Kinder oder die eine oder andere extravagante junge Frau, solche wie Katharina/Weili, die am liebsten nie zu Fuß gingen.
Doch ein Flaneur mit geschärften Sinnen und mit einer überlegenen Langsamkeit erkennt deutlich mehr vom Leben und von den Eigentümlichkeiten des Landes als sonstige schnelle Zeitgenossen. Doktor Marian schritt mit seinen Damen langsam und feierlich durch eine Ansammlung von Kiefern. Er erfuhr, dass sich diese prächtigen Kiefern seit alters (!) im Rang von Ministern befanden. Als der erste Kaiser von China, Qin Shi Huang, der das Reich einte, im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung den Taishan bestieg, gewährten ihm die Vorgängerkiefern an dieser Stelle Schutz vor einem Unwetter. Folgerichtigerweise ernannte der dankbare Kaiser die ihn behütenden Kiefern zu Ministern des Reiches. Das schöne Ministeramt war erblich, denn die Nachfahren der Kiefern sind immer noch Minister, während das Amt des Kaisers längst erloschen ist … Das waren freilich die einzigen chinesischen Minister, denen Robert Marian bislang live begegnete …, obschon er andere Minister, zum Beispiel deutsche, in Shanghai und anderen Orts schon einmal kennen gelernt hatte.
Während die Damen und Robert in Gedanken vor sich hin schritten, Stufe um Stufe erkletterten, schwebte das Südliche Himmelstor als Ziel vor ihren dunklen Augen … Doch es kam und kam nicht näher … Der Aufstieg auf den chinesischen Olymp war schwierig und mühsam. Die Gedanken des Flaneurs schwebten davon. In Anbetracht des mythischen Spaziergangs dachte er an Dante Alighieri und an Ezra Pound, die er mit Vergnügen gelesen hatte. Die ›Göttliche Komödie‹ und die ›Cantos‹ vermischten sich. Die Verse Pounds fielen ihm ein: Empor aus Phlegeton! / empor aus Phlegeton, // Gerhart [Robert] // bist du dem Phlegeton entstiegen?Ohne Frage, Ezra Pound hatte es mit Dante, mit dem Taishan und mit Konfuzius. Und Robert Marian hatte es früher mit diesen schwierigen Dichtern gehabt, bevor er sich für leichtere entschied …
Ermüdet und mit schweren Beinen kamen die lieben Leute auf dem steilsten Drittel kaum voran. Da es bereits dunkelte, musste man die Treppenstufen stets im Auge behalten, um nicht zu stolpern oder unversehens hinabzurutschen. Endlich war es derart kühl geworden, dass Roberts feuchtes T-Shirt wie ein kaltes Tuch auf seinen Schultern lag. Er zog flugs einen Pullover über. Die Damen griffen zu ihren Jacken, leichten Regenjacken, die den kühlen Wind auf Distanz halten sollten. Robert, der von den Mühen der Klettertour leicht benommen war, suchten die entlegensten Erinnerungen heim. Wann war er je so geklettert? Im Himalaya-Gebirge …
Eben noch hochgestimmt, nahm das schmerzende Gefühl in den Beinen allmählich überhand … Eine Stufe … und noch eine Stufe … und wieder eine Stufe … Inzwischen war Robert so geschafft, dass ihm die wenig aparte Wendung auf den Brustwarzen kriechen in den Sinn kam. Er kroch, nein, er flanierteauf den Brustwarzen, was so viel bedeutete, wie ›mit letzter Kraft vorankommen‹. An die jungen Damen wollte er bei diesem makabren Bild erst gar nicht denken …
»Geht es noch?« fragte Robert.
Die Antwort der Damen war ein müdes Lächeln.
Das bleierne Gefühl in Roberts Beinen wurde zunehmend von Halluzinationen verdrängt … Das bewusste Gehen/Klettern war zum unbewussten Gehen/Klettern geworden … Plötzlich flogen Pingping und Shanshan kichernd mit Flügeln neben dem Gastpoeten her. Eben noch Engel oder Göttinnen wechselten sie ihre Gestalt und wurden Dämoninnen … Robert fand wieder zu den Pisaner Gesängen zurück … Das lyrische Ich stieg zum Taishan auf: A lizard upheld me / the wild birds wd not eat the white bread / from Mt Taishan to the sunset … Genau, so war es, die Leute um Robert Marian herum sahen wie beleuchtete Eidechsen aus.
Beleuchtete Eidechsen? Das kam daher, dass diejenigen, die zum Taishan hinaufwollten und diejenigen, die vom Berg herabkamen, die Treppe und sich selbst mit ihren Taschenlampen und Handyleuchten anstrahlten. Es waren jetzt aber nicht mehr viele Leute, nur noch ein kleiner müder, zu allem entschlossener Haufen. Viktoria hatte recht behalten, die meisten der Pilger waren irgendwo auf der Strecke geblieben … Dass Robert manchmal Konfuzius neben sich sah, oder dass eine Hofdame in einer Sänfte an ihm vorbeigetragen wurde, wirkte sehr stimulierend …
»Alles paletti, Pingping?« »Ach, die Dichter, mit denen lässt sich nie leicht spazieren gehen.« »Das muss sich ändern.« »Alles klar?« Es war alles klar … Endlich durchschritten der Gastpoet Robert Marian und die Damen bei nächtlicher Dunkelheit das beleuchtete Südliche Himmelstor. Die dort auf dem Pilgerweg von tief unten nach ganz oben durchs Tor gelangen, sind dem Himmel nahe und erlangen Unsterblichkeit, sagt man in China … Na ja, wenn man sich ermüdet und erschöpft durchs Tor schleift, begreift man etwas von der Unsterblichkeit des Erhabenen Berges … Das ist es; das war es: eine kurze innere Erleuchtung – ein buddhistisches Satori – am Berg! Die beiden erleuchteten Damen und ihr Gastpoet wollten indessen mehr; sie hatten vor, auf dem mythischen Gipfel zu übernachten. Würde der Berggott, denen, die sich da abmühten, wohlgesonnen sein und ihnen zu nächtlicher Stunde noch eine Unterkunft gewähren? Wo man/frau in diesem übervölkerten Land doch stets im Voraus reservieren muss.
Dunkelheit, Kälte, Wind herrschten im Gipfelbereich … Zu Roberts Überraschung erstreckte sich hier eine kleine Siedlung mit Gasthöfen, winzigen Pensionen und ebensolchen Restaurants. Alles war nur schwach erhellt, die Elektrizität kam wahrscheinlich von sparsamen Generatoren. Die ersten drei Häuser, in denen Shanshan und Pingping nach einer Unterkunft fragten, waren belegt. Im vierten Haus bekamen sie zwei allereinfachste und zudem nicht besonders saubere Zimmer, eines für die Damen und eines für den Herrn … Es war geschafft; das ging für eine Nacht … Alle strebten unverzüglich zur einzigen Toilette mit angeschlossener Dusche auf dem Flur. Das ging nur nach Plan. Robert ließ den Damen den Vortritt und ›erfand den Rock ’n’ Roll zum zweiten Mal‹. Beim ersten Mal hatte ihn ein Chinese in der Mao-Zeit erfunden, der hatte vierzehn Kinder und nur eine Toilette … Derweilen sah sich Robert die Zimmer an. Viel zu sehen gab es nicht, die Räume waren klein … Ein Bett, ein Stuhl … Im Doppelzimmer stand ein Fernseher, der funktionierte. Damit hatte Robert nicht gerechnet. Er wunderte sich sehr über die herumstehenden Nachttöpfe – in seinem Zimmer, im Zimmer der Damen und auf dem Flur … Es waren jedoch keine Nachttöpfe, sondern aus der Mode gekommene Spucknäpfe… Endlich war die Dusche frei; Roberts Bedürfnis, den klebrigen, feucht-kalten Schweiß vom Körper herunterzubekommen, war ziemlich groß. Akrobatisch zwischen der Bodentoilette und dem dünnen, eiskalten Rinnsal der Dusche jonglierend, stellte sich schließlich ein Gefühl schöner Frische ein.
Schöne Frische? Rasante Kälte? Um frisch zu sein, waren die Leute zu müde und zu erschöpft. Doch sie waren hungrig und hatten unterwegs viele Kalorien verbraucht. Bei der Suche nach der Unterkunft hatten sie zwei, drei kleine Restaurants gesehen. Es war kurz nach neun Uhr, als sie fröstelnd ins Freie traten. Der Wind war noch stärker, noch eisiger geworden und fegte über den Gipfel hinweg. Beflissene Händler suchten warme Armeemäntel an die herumhuschenden Gestalten zu verkaufen. Mehr als drei, vier Grad waren es nicht. Shanshan und Pingping trugen zwar Jacken, waren ansonsten aber sommerlich gekleidet. Auch Roberts Pullover wärmte nicht. Die Leute liefen, nein, sie rannten von Lokal zu Lokal, um einen schnellen Blick auf die Speisekarte zu werfen. Man schlüpfte in eines der Restaurants und bestellte heiße Nudeln und Jaozi – Teigtaschen – mit Fleisch gefüllt, dazu etwas Erguotou, das ist der Volksschnaps mit dem roten Stern, der wärmt am besten.
Von innen gut aufgeheizt, kehrten die Lebensgeister zurück. Man/frau plante für den frühen Morgen. Gegen drei Uhr in der Nacht wollten die Leute aufstehen, um von der berühmten Lu-Plattform aus, wo einst Konfuzius gestanden haben soll, den Sonnenaufgang zu beobachten. Von dort aus hat man den besten Blick ins Tal und über die Landschaft. Von dort aus haben die größten Geister die Sonne begrüßt … Mit der Vorstellung von einem wunderschönen Sonnenaufgang auf diesem chinesischen Olymp hoch über den Wolken gingen die beiden Chinesinnen und der Deutsche ins Bett.
Es sei vorweggenommen, aus dem nächtlich-morgendlichen Unterfangen wurde nichts … Jedenfalls nicht zu diesem frühen Zeitpunkt … Die ermüdeten Bergsteiger schliefen nämlich wie unschuldige Murmeltiere und keines von ihnen erwachte – weder Pingping, noch Shanshan, noch Robert Marian … Als man sich um halb acht zum Frühstück zusammenfand, war draußen alles neblig. Die Leute beruhigten sich bei dem Gedanken, dass sie nichts versäumt – weil nichts gesehen – hätten, bis der Wirt den Gästen klar machte, dass es bei Sonnenaufgang noch keinerlei Nebel gab.
Der Taishan ist in geistiger Hinsicht der höchste Berg Chinas, wobei Mythologie und Geologie durchaus nicht übereinstimmen müssen. Dem Haupt des edlen, sich opfernden Schöpfergottes Pangu entsprungen, stellt der Erhabene Berg einen der Eckpfeiler des Quadrates China dar … Das Quadrat ist die Erde, der Himmel ist der Kreis … Endlich befand sich der poetische Doktor Robert Marian mit seinen Damen im Himmlischen Areal, auf dem es noch die eine oder andere heilig-nüchterne Attraktion zu sehen gab. So führte der sogenannte Paradieswegoder der Weg über den Wolken zum ›Tempel der Prinzessin der Azurblauen Wolke‹ und dann noch ein Stückchen weiter zur höchsten Erhebung, dem Jadekaiser-Gipfel, auf dem der Tempel der höchsten Gottheit, des Jadekaisers, den man den Gelben Kaiser nennt, über den Wolken thront.
Bixia – die azurblaue Prinzessin – schien Pingping und Shanshan mehr zu interessieren als der Jadekaiser. Das hatte seinen Grund. Zum ›Tempel der Prinzessin‹ auf dem Berggipfel pilgern diejenigen Frauen, die einen Kinderwunsch haben … Also, die beiden jungen Frauen hatten diesen Wunsch fürs erste nicht, doch da Chinesinnen lebenspraktisch sind, genossen sie diesen Wunsch schon mal auf Kredit … Sie orientieren sich schon heute, was sie morgen tun müssen, um an Kinder zu gelangen … Vielleicht wollen sie diese nicht bloß mit dem Körper, sondern auch mit dem Geist empfangen … Das erinnert an die Methode der Dichter, wenn sie die Muse anrufen … Kein Wunder, dass der Gastpoet sich ebenfalls für die ›azurblaue Wolke‹ interessierte, die ohne Frage zu den ›schönen Wolken‹ Chinas zählt. Robert Marian besaß nun einmal diesen ungebändigten und tiefen Schöpfungswunsch, was die schöne Literatur und Poesie anbelangt.
Der Tempel des Jadekaisers war klein und schlicht; wahre Größe braucht keinen Prunk. In Wirklichkeit trug der mythische Kaiser den gesamten Berg in sich … Nicht nur den Berg, die Welt, zumindest soweit wie die Grenzen des Taoismus reichen … Doch wenn man es recht bedenkt, reichen diese Grenzen sehr weit; sie reichen bis nach Deutschland hinein. Robert Marian musste an Peter Sloterdijks gelassene Abhandlung Eurotaoismusdenken, welche in Europa zur Kritik der Beschleunigung, der Mobilität und der Geschwindigkeit beitrug. Andererseits hatte der große Philosoph PS diesen Begriff selbst eine Schelmenvokabel genannt. Bei Sloterdijk ist das eben so: Ein Schelm kann ein Hofnarr, nämlich ein Hofnarr des dialektischen Weltgeistes, doch manchmal zugleich ein großer Philosoph sein.
Die Kritik der Beschleunigung trifft sich mit Nietzsches Prinzip lento. Lento, langsam, das haben Friedrich Nietzsche & Peter Sloterdijk & Robert Marian gemeinsam. Der Gastpoet lobt die Langsamkeit der Schildkröte und ist ebenfalls für dieses Prinzip. Während die Schildkröte gemächlich zum Ziel gelangt, führt die beschleunigte Entwicklung zum globalen Infarkt. Die Bergbesteigung zu Fuß ist ein guter Anlass, um den eurotaoistischen Philosophen in Karlsruhe vom chinesischen Olymp aus mit anerkennenden Worten zu grüßen. Robert Marian: Der Eurotaoismus plädiert für Langsamkeit, das ist die Tugend der Flaneure … »Dies«, meinte Robert, »ist eine symbolische Begrüßung von Berg zu Berg.«
China ist plötzlich sehr schnell geworden, fast zu schnell, jedenfalls zu schnell für andere. China war langsam aufgrund seiner jahrtausendalten Kultur und schnell, weil sich kein anderes Land, obschon verspätet, eifriger als China entwickelt, um die westliche Moderne zu überholen und hinter sich zu lassen … Die westliche Moderne wurde oder wird überholt, zum einen, weil man jetzt selbst ein ›global player‹ ist, zum anderen, um sie hoffentlich auf Distanz zu bringen. Es lohnt sich, dieses Thema zum Gegenstand zu machen und darüber kontrovers zu diskutieren, zumal ein globaler Infarktin allgemeiner Reichweite ist und damit schließlich auch ein chinesischer … Es wäre gut, wenn die neuen und jungen Chinesen sich ihrer praktischen philosophischen Ader bewusst blieben.
Jeder, der auf höchsten Bergen steht und in tiefste Täler blickt, ist nach Nietzsche – und nach Konfuzius – ein Philosoph … Alltagsmenschen philosophieren auch; auf hohen Bergen sind sie mit großen Geistern verbunden … Junge Frauen philosophieren ebenfalls, zumindest solange sie noch nicht verheiratet sind … Shanshan/die ›schöne Süße‹ oder ›süße Schöne‹ und Pingping, die genauso süß und schön wie Shanshan ist, stehen neben Robert Marian auf der Aussichtsplattform, die an der Stelle errichtet worden sein soll, an der einst Konfuzius lange vor unserer Zeitrechnung auf den Staat Lu, aus dem er stammte, hinabblickend gesagt haben soll: Die Welt ist klein …
Kein Wunder! Denn vor Konfuzius lag der Kleinstaat Lu und hinter ihm lag der Kleinstaat Qi … Später soll Kaiser Qin Shi Huang, dem es im Jahr 221 vor unserer Zeitrechnung gelang, China zu einigen, an dieser Stelle vom Taishan aus die Einheit des Staates im Namen des Himmels verkündet haben. Wahrscheinlich sagte oder sang er mit näselnder Stimme: China ist eins … Mao Zedong, der China 1949 abermals einigte, rief im 20. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung auf diesem Gipfel aus: Der Osten ist rot. Falls der Dichter Robert Marian zu Beginn des 21. Jahrhunderts hier oben auf dem Gipfel mit seinen Damen überhaupt etwas sagen darf, würde er fröhlich ausrufen: China ist anders.
Mögen die Kritiker dem Gastpoeten diese poetische Lizenz gönnen, schließlich verteidigt dieser das gegenwärtige China, so gut er kann. Wenn Robert Marian mit zwei fröhlichen Vertreterinnen der Build-Your-Dream-Generation dort auf dem Gipfel steht, ist das ein hoffnungsfrohes Zeichen. Während Nebel und Sonne abwechselnd den Blick mal freilegten, mal verstellten, jubelten die Leute dem jungen Morgen zu … Die jungen Damen trillerten mit heiterer Miene und chatteten mit ihren Freunden … Wenn die hin und wieder aufblitzenden Sonnenstrahlen Shanshans rote Haarlocke kitzelten, fielen dem Gastpoeten metaphorische Vergleiche zu Gunsten junger Geister und der Schönheit von jungen Frauen ein. Mehr noch, Viktoria/Shanshan wirkte so aufgeblüht wie die Göttin Bixia Yuanjun auf dem lieben Taishan selbst, dem erhabenen Olymp des Taoismus, auf dem diese frohen und frischen Besucher das (p)ostmoderne Zeitalter in China begrüßten.
Die Göttin Bixia war übrigens nicht nur von azurblauer, sondern, wie das im mehrdeutigen China üblich ist, zugleich von rosaroter Gestalt und wurde vom Gastpoeten aus Deutschland als ›Göttin der Morgenröte, der Geburt und des Schicksals‹ noch mehr als der himmlische Jadekaiser verehrt. Ah, wie schön! Lady Viktoria alias Bixia alias Pi Hsia Yuan Chun alias T’ien Hsien Niang Niang alias Jadefrau … Ach, könnte man doch immer hier oben auf dem chinesischen Olymp mit einer solchen Familie wohnen und Mythologie betreiben! Doch leider lässt sich eine solche Höhenposition nur vorübergehend einnehmen … Man/frau muss vom Gipfel wieder hinabsteigen und dann auf platter Erde von Neuem mit dem mühsamen Leben beginnen … Mit dem mühsamen Leben und mit einer noch mühsameren Aufklärung. Aber die Aufklärungslehre soll heiter und optimistisch erfolgen. Obwohl sich mit dem Blick nach oben die persönliche Fallhöhe bestimmen lässt, soll jeder ein Stückchen vom Himmelskuchen abbekommen.
Die Frauen und Robert mussten mit dem Abstieg beginnen. Während des Abstiegs setzte sich überall Nebel durch und hüllte die Himmelstreppe mit einem Grauschleier ein. Der taoistische Himmelsglanz sollte nicht ungefiltert auf die Erde hinab strahlen … Auch im Nebel waren viele Menschen unterwegs, welche die Mühen des Aufstiegs auf sich nahmen, während andere hinabstiegen. Gelegentlich tauchten Lastenträger im Nebelschleier auf, die Bambusstangen auf den Schultern trugen, an denen rechts und links Transportgüter für die kleine Siedlung auf dem Berg hingen. Die Lasten schienen jonglierend in der Luft zu schweben. Die Schwere der Last wirkte wie aufgelöst, aber sie ließ sich erahnen.
Schöne Kinder, lächelnde junge Mädchen, wurden neben Greisen und Greisinnen ab und an in Sänften hinaufgetragen, während der Deutsche und seine beiden Chinesinnen vorsichtig hinabschritten. Nach dem herben Aufstieg war auch der Abstieg kein leichtes Unterfangen. Die Beinmuskulatur, nein, mehr noch, der gesamte Körper schien sich in einer Art von Auflösung zu befinden und wollte Geist oder Traum werden. »Am besten wäre der Körper eine Feder«, dachte Robert Marian, »die von der Höhe in die Tiefe herabschwebt.« Physisch gesehen war das allerdings die Umschreibung für die erste Phase eines intensiven Muskelkaters …
Am späten Nachmittag waren Robert Marian sowie die Damen Pingping und Shanshan auf dem Weg zum Konfuzius-Tempel mit dem Zug in der Stadt Yanzhou angekommen. Qufu, die Geburtsstadt des großen Philosophen, besaß selber keinen Bahnhof … Einen Bahnhof vor Ort hielten die vielen Nachfahren der Familie Kong nämlich für zu modern; der hätte die geistige Ruhe des Philosophen stören können … In Yanzhou warteten einige Hotelwerber, mit einem von ihnen fuhren die Leute in einem modernen Auto auf modernen Straßen nach Qufu, wo sie in einem Hotel in der Nähe der Konfuzius-Heiligtümer untergebracht werden sollten. Die Fahrt mit dem Wagen betrug an die zwanzig Kilometer. Auf einer breiten Ausfallstraße gelangte man schnell ins Stadtgebiet von Qufu. Auf dem Weg dorthin sah man einige sehr alte, geheimnisvolle Ruinen. Der Fahrer war nett und redselig, aber welche Ruinen sie da vom Auto aus sahen, das wusste er nicht! Ihm genügte es, dass sie alt waren. Für Roberts träumerischen Blick sah es so aus, als bildeten die Ruinen und Türme den Eingang in eine Schattenstadt, in eine Stadt hinter oder unter der Stadt. Heutzutage ist in China fast alles neu; aber hier sah man womöglich die mythischen und feudalen Reste längst vergangener Zeiten …
Der Wagen fuhr in ein stilles Viertel ein. Sie erblickten die rostroten, schönen, archaischen Außenmauern der Tempelanlage, welche die Tempel und die Konfuzius-Residenz umgrenzten. Dann stoppte das Taxi vor einem kleinen Hotel. Beim Eintritt ins Hotel kamen Robert Marian zwei hochfrisierte, quicklebendige, modische Chinesinnen entgegen und bezauberten ihn auf Anhieb mit ihrem Welcome-Gesicht. Die jungen Frauen hatten sich bei den Händen gefasst und schritten leichtfüßig und lachend an ihm vorbei ins Freie hinaus … Anstatt einzuchecken, wäre der Deutsche den verführerischen Damen am liebsten gefolgt. Allerdings hielten ihn die treuen Augen von Pingping und die ebenso treuen Augen von Shanshan in der kleinen Reisegesellschaft fest. »Was will ich denn?« fragte sich Robert. »Ohne Zweifel sind die süßesten, die intelligentesten, die sichersten und die zuverlässigsten Begleiterinnen schon in meiner Nähe.«
Das Hotel rief einen angenehmen Eindruck hervor, mit der gestrigen Unterkunft auf dem Berg war es unvergleichbar. Die Zimmer waren geräumig und sauber. Hier, bei den Heiligtümern, war man auf Touristen aus ganz China und aus dem Ausland eingestellt. Es war schon dämmrig draußen, als Robert mit seinen Begleiterinnen das Hotel verließ. Für heute gab es nichts mehr zu besichtigen, die Anlagen waren bereits geschlossen worden. Die roten Außenmauern der Tempelanlagen, die vom matten Lampenlicht beschienen wurden, wirkten jetzt noch geheimnisvoller, noch mystischer als bei der Ankunft. Die Leute liefen an den Mauern vorbei ins hellerleuchtete Viertel. Ein Weilchen ließen sie sich treiben, bis sie hungrig waren und vor einigen Restaurants stehen blieben. Sie redeten darüber, welches Restaurant – das bedeutete vor allem, welche Küche – vorzuziehen sei. Das war doch klar, die gerühmte Küche aus Shandong – und zwar die einheimische Lu-Küche – sollte probiert werden.
Bereits Konfuzius war der Meinung, dass das Essen eine himmlische Angelegenheit sei, weshalb man von einer guten Küche nie enttäuscht werden könne wie zum Beispiel von einer Religion oder vom Himmel selbst. Hier im alten Lu, dem heutigen Qufu, in der Stadt des Meisters, konnte man die Probe aufs Exempel machen. Gemeint war das Exempel der Küche. Die unternehmungslustigen Damen, die Expertinnen aus Shandong, waren fürs Bestellen zuständig. Robert war viel zu unerfahren, ja, er war völlig ahnungslos, was die Lu-Küche anbelangte. Die Leute ließen sich im Obergeschoss eines hübschen Restaurants nieder. Nach Rücksprache mit Robert bestellten Shanshan und Pingping gedämpftes Schweinefleisch, gefüllte Baozi aus Hirse, Gemüsepfannkuchen, den allseits beliebten Senfkohl und eine der Lu-Suppen mit Hähnchenfleisch. Die jungen Damen und Robert besaßen nach der Klettertour auf den Taishan-Gipfel einen guten Appetit, weshalb nicht allzu viel von den Speisen übrig blieb.
