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Die Inselgruppe Dracos ist bedroht. König Sereuth ist es schon lange ein Dorn im Auge, dass deren Bewohner sich nicht seiner Herrschaft unterwerfen wollen. Dort leben Drachen der verschiedensten Elemente, die sich den Menschen widersetzen. Zu allem Unglück hat König Sereuth auch noch einen mächtigen Verbündeten, der die Schwachstellen dieses Drachenreiches genau kennt. Die jungen Freunde der Nachtdrachenwache, allen voran der Feuerdrache Dragomir, stellen sich tapfer und trickreich, mit Kampfgeist und Magie, der Invasion entgegen. Doch die Menschen - von den Drachen auch 'Schuppenlose' genannt - setzen neue Waffen ein und können die Drachen empfindlich treffen. Die Lage verschlechtert sich zunehmend. Der Rat von Dracos muss dringend handeln, um die Katastrophe abzuwenden. Ein Hilferuf geht nach Thoskon, der Heimat von befreundeten Drachen. Thoskon selbst wird von den Talaskanern bedroht und kann daher seine eigene Armee nicht entbehren. Der dortige Rat beschließt, Len zu schicken, einen Drachen in Menschengestalt. Etwas ganz Besonderes hat es mit ihm auf sich: Er ist einer der Magothosdrachen, die fast unendliche Macht erreichen können, nur… Len konnte diese noch nicht voll ausbilden. Es ärgert ihn, dass seine Menschengestalt es ihm nicht ermöglicht, Feuer zu spucken oder zu fliegen. Aber hat magische Kräfte. Und er ist nicht allein. Zwei Gefährten machen sich gemeinsam mit ihm auf eine schicksalhafte Reise nach Dracos. Zurück bleibt Silvia, an die er sich doch gerade erst angenähert hatte. Unterdessen geht der Kampf um Dracos weiter. Der Rat bittet Drago und seine Freunde, maßgeblich die Verteidigung zu übernehmen. Eigentlich sollten die magischen Fähigkeiten der Drachen zur Verteidigung gegen die 'Schuppenlosen' vollkommen ausreichen - wäre da nicht ein alter Bekannter von Drago, der sie alle erbarmungslos herausfordert. Hass, Machtgier und Rache sind Kräfte, mit denen sich die Verteidiger und der Hohe Rat von Dracos bis zum Äußersten konfrontiert sehen. Und dann ist da noch Saphira, diese junge, tapfere Drachendame, deren Wunsch es ist, der Nachtwache ebenfalls beizutreten. Ihr Vater, Meister Sigo, ist Mitglied des Rates und überhaupt nicht davon begeistert. Drago und Saphira sind zusammen aufgewachsen, und plötzlich entdeckt Drago, dass da noch mehr zwischen ihnen ist. Wie soll er ihr das nur sagen? Dann verschwindet Saphira ganz plötzlich. Wer steckt dahinter? Drago und seine Freunde machen sich auf den Weg, um sie zu finden.
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Seitenzahl: 551
Veröffentlichungsjahr: 2014
Für alle Drachenseelen dieser und anderer Welten
Jan Lennart Birkmann
Drachenschlag
Im Schein der Welten
Impressum
© 2014 Jan Lennart Birkmann Umschlaggestaltung und Illustration: Dr. Karen Birkmann Urheberrechte am Bild: Storozhenko, Verwendung unter Lizenz vonShutterstock.com Lektorat: Bernd Birkmann, Dr. Karen Birkmann Consulting: Dr. Ina Graf
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-8495-8107-7 (e-Book)
978-3-8495-7877-0 (Hardcover)
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhalt
1. Nachtwache - Lot
2. Der Krieg beginnt - Drago
3. Die Schlacht geht weiter - Drago
4. Der Auftrag - Len
5. Der Plan - Drago
6. Überraschungsangriff - Len
7. Entführung - Drago
8. Gift - Maxu
9. Überfall - Jero
10. Wer steckt dahinter - Saphira
11. Durch Zufall überführt - Drago
12. Erschütternde Begegnung - Drago
13. Der ein großes Bisschen kleine Bruder - Len
14. Aufbruch - Len
15. Suche im Unbekannten - Drago
16. Brüderliche Sorge - Len
17. Im Schloss - Drago
18. Flucht - Drago
19. Erinnerungen - Len
20. Geheimnis - Rawon
21. Gefühle - Drago
22. Schrecklicher Verlust - Len
23. Ein neuer Orden - Drago
24. Getäuscht - Dreiselo
25. Die Dracos-Verteidiger - Drago
26. Das Leben geht weiter - Len
27. Konfrontation - Drago
28. Die kleinen Krieger - Len
29. Die große Waffe - Drago
30. Ankunft - Len
31. Der Kampfgeist der Drachen
32. Der Mut des Drachen
33. Die letzte Schlacht
34. Dragos Trauer
35. Eine neue Zeit
36. Eine neue Welt
Wachsamkeit ist wichtiger als Kämpfe, weil diese dadurch verhindert werden können. Vielleicht wäre das alles nie passiert, wenn wir besser auf unsere Grenzen geachtet hätten.1
«Das Wetter geht mir auf den Geist», sagte Lot grimmig zu seinem Freund Augur, der neben ihm unter der Eiche mitten im Urwald stand. Er zog die Kapuze seines grünen Mantels weiter über seinen Kopf. «Es regnet schon seit Tagen, und wir… Wir wurden abberufen, um Wache zu halten.»
«Es ist nur Wasser, mein Freund. Ich genieße es», entgegnete Augur mit einem boshaften Lächeln. Er brauchte keinen Mantel gegen die Nässe.
«Du bist ein Wasserdrache. Aber ich bin eben das krasse Gegenteil: ein Feuerdrache. Und ich hasse es, wenn ich nass werde», murmelte Lot mit wachsamem Blick auf das Blattwerk. Er griff nach seinem Speer, der neben ihm am Baum lehnte. Es war bereits nach Mitternacht.
«Sieh mal, Bruder Lot. Die anderen geben Zeichen», bemerkte Augur und spähte durch das Gestrüpp dreihundert Fuß weiter nach links an Lot vorbei.
«Was werden die schon zu sagen haben? Es ist doch nur die übliche Meldung: Alles in Ordnung. Was soll bitte daran in Ordnung sein, dass man mitten in der Nacht im Urwald auf der Pflanzendracheninsel Wache schiebt, während der Himmel auf einen pisst.»
«Hör mit deinem Sarkasmus auf und zünde die Fackel an, Bruder. Wenn wir nicht antworten, schicken sie noch alle Drachen der Wache, um nach uns zu suchen», mahnte Augur.
«Ja, ja. Pass auf, verbrenne dich nicht.» Lot spuckte ein kleines Flämmchen aus seinem rechten Nasenloch und entzündete die Fackel. Dann verzog er sein Gesicht wieder. «Hoffentlich geht sie nicht gleich wieder aus», sagte er und lachte doch ein wenig.
Wortlos schwenkte Augur die Fackel und bekam einen Schwenk als Antwort. «Gut, jetzt wieder ausmachen.» Er schüttelte die Fackel, bis sie erloschen war und nur noch rauchte.
«Ein Zelt können wir nicht aufbauen, auch keine Plane. Nicht mal ein Feuer können wir anmachen», beschwerte sich Lot.
«Man darf nicht auffallen, wenn man Wache hält. Du weißt, dass wir uns daran halten müssen. Ah! Bruder Filk, du bist schon zurück?» Ein Erddrache kam hinzu.
«Hast du dich durch den Boden gebuddelt, oder warum warst du so schnell?», fragte Lot.
«Du weißt doch, Bruder Lot. Ich bin ein Erddrache und als solcher gut durch das Gebüsch gekommen. Sowas kann man, wenn man zu der richtigen Rasse gehört», erklärte Filk.
«Moment, was willst du damit sagen?»
Ohne die Stichelei weiter zu beachten, wandte sich nun Augur wieder an Filk. «Und? Irgendwas gesehen?»
«Nur Bäume, Büsche und Steine. Vor allem Wasser. Sonst so gut wie nichts, Augur.»
«Kein Wunder, es ist ja auch Nacht», murmelte Lot in sich hinein und zog sich die Kapuze noch weiter über das Gesicht.
«Wer ist jetzt an der Reihe?»
«Lot», sprach Augur und lachte los. Lot aber schnaubte nur und ging los, in die Richtung, aus der Filk gekommen war.
War es unter der Eiche schon nass gewesen, so durfte er jetzt durch das Gestrüpp patrouillieren. Und es war eine schöne Strecke, die er da laufen musste. Außerdem war es stockdunkel, und fliegen durfte er auch nicht. Lot schob ein paar Ranken mit seinem Speer weg und fluchte leise vor sich hin. Plötzlich stolperte er über eine Wurzel und lag im nächsten Moment im nassen Matsch zwischen den Sträuchern, während der Regen weiter auf ihn prasselte.
«Verdammt noch mal! Wieso immer ich?», schimpfte er leise, stand auf und wischte, so gut es eben ging, den Matsch weg. Seine Rüstung wollte er unbedingt so sauber wie möglich halten, um ein gutes und ehrenhaftes Bild einer Wache abzugeben.
Es war ungewöhnlich, dass Drachen überhaupt Kleidung oder Rüstungen trugen, denn die brauchten sie eigentlich gar nicht. Doch manche Drachen hatten diese zwar äußerst seltsame, aber doch interessante Angewohnheit von den Menschen übernommen. So war es gekommen, dass bei jenen Drachen dieses Landes, die des Nachts umherwanderten und nach Menschen Ausschau hielten, um diesen Ort vor ihnen zu schützen, traditionell eine leichte Rüstung vorgesehen war. Diese bestand immer nur aus Brustpanzer und Schulterschützern, die alle aus Irudianium, einem harten aber leichten und bequem zu tragenden Stahl, geschmiedet waren. Und es gab noch einen Gürtel, an dem eine Com-Scheibe mit Lederbändern festgebunden war. Auf dem Rücken blieben nur die Zacken und die Flü-gel des jeweiligen Drachen ungepanzert. Die kreisrunde Gürtelschnalle war mit einem schwarzen Drachenkopf und einem ebenfalls schwarzen, nach unten zeigenden Fächer verziert, an dessen Rändern auf beiden Seiten jeweils ein Speer abgebildet war.
Der Fächer stellte einen Tarnmantel als Schutzsymbol dar. Der Drachenkopf versinnbildlichte, dass die Nachtdrachenwache alles im Blick hatte, und die Speere machten dem Kundigen deutlich, dass sie - wenn nötig - auch streng für Ordnung sorgte.
Es gab auch die Tagdrachenwache. Das Banner auf deren Gürtelschnalle war dasselbe, nur in Weiß.
Die Bezeichnung dieser so wichtigen Wachtruppe war nicht abhängig von der Tageszeit, zu der sie im Einsatz war. Sie resultierte aus der Tatsache, dass früher nur die Drachen aus den Elementen Tag beziehungsweise Nacht die entsprechende Wache stellen durften, weil sie vermeintlich die besten Voraussetzungen für den jeweiligen Dienst mitbrachten. Diese altmodische und einseitige Sichtweise war irgendwann überholt, und aus Gründen der Gleichberechtigung wurden später per Ratsbeschluss die Drachen aller Elemente zugelassen. Aus Respekt vor den Gründungsmitgliedern und aus Traditionsbewusstsein wurde gleichwohl die Benennung beibehalten.
Lot hatte nun seine Rüstung soweit in Ordnung gebracht und stapfte weiter grimmig durch das Gebüsch. Er begann zu bezweifeln, dass es eine gute Idee gewesen war, der Nachtdrachenwache beizutreten (bis auf die schicke Rüstung). Doch seit König Sereuth, der über viele Inselgruppen und große Teile der Küstenregion herrschte, wieder Drachen jagen ließ, war die Stärke der Nachtdrachenwache auf unter neunhundert gefallen. Also hatte sich Lot zusammen mit seinen Freunden, die alle etwa gleich alt waren, freiwillig zur Wacheinheit gemeldet, um seinen Teil zur Verteidigung beizutragen.
Die Drachen standen bei König Sereuth nicht in hohem Ansehen, da sie sich seiner Herrschaft nicht unterwarfen und damit die Größe seines Reiches stark verminderten. Umgekehrt hielten die Drachen nicht sehr viel von ihm und genauso wenig von allen anderen Menschen. Die Drachen hatten keine direkte Abneigung gegen Menschen an sich, doch sie sahen sie als unterlegene und - hinsichtlich der geistigen Entwicklung - unterentwickelte Lebensform an. Deshalb nannten sie die Menschen manchmal auch scherzhafterweise ‚Schuppenlose‘ oder ‚Menschlinge‘.
Die Inselgruppe, auf der die Drachen des südlichen Kontinents lebten, wurde von den Menschen zusammenfassend ‚Drachenland‘ oder auch ‚Dracheninseln‘ genannt. Die Drachen hingegen nannten ihre Inseln ‚Dracos‘, was in ihrer Sprache ‚Heimat auf dem Wasser‘ bedeutete. Denn auf dem südlichen Kontinent gab es nirgendwo so viele Drachen wie hier.
Lot stolperte wieder und konnte einen Aufschrei gerade noch unterdrücken. «Mir reicht es langsam. Und wofür machen wir das? Für gar nichts», zischte er leise vor sich hin.
Lot fiel ein, was Filk immer sagte: Ich finde, es ist Lohn genug, der Nachtdrachenwache dienen zu dürfen und damit unsere Heimat zu verteidigen. Er wollte wieder aufstehen, als er in dem Busch vor sich etwas im Schein des Mondes, der eben kurz zum Vorschein gekommen war, glänzen sah.
‹Vielleicht Gold?›, dachte er.
Drachen hatten eine Schwäche für alle wertvollen Metalle oder Steine. Lot robbte etwas nach vorne durch den Matsch. Seine Rüstung war ihm jetzt völlig egal. Er griff nach dem Etwas, das vor ihm halb in der aufgeweichten Erde steckte. Für Drachen war es allein wichtig, etwas Wertvolles zu besitzen. Sie verkauften nicht das, was sie fanden oder anbauten, da sie sich selbst versorgten, und wenn überhaupt, dann tauschten sie. Lot stand auf und drehte das Ding in seinen schuppigen Händen. Er wischte sich etwas Wasser von der Nase und sah genauer hin. Es sah aus wie eine Brosche in Form eines Drachenkopfes mit roten Steinen als Augen.
‹Vielleicht hat die einer verloren›, dachte er und steckte das Teil in den Beutel, den er am Gürtel festgebunden hatte. Dann lief er weiter.
Knacks!
Er hielt an und duckte sich schnell. Da kam etwas auf ihn zu.
«Ihr zwei geht da lang und ihr dort», befahl eine Männerstimme.
‹Menschen?›, wunderte er sich still. ‹Wie kommen die hier her? Die Große Brücke wird doch bewacht?›
Jeder seiner Muskeln spannte sich an. Jetzt konnte er einen von ihnen sehen. Er sah nicht aus wie einer der Leute von König Sereuth, denn die trugen immer eine rote Robe mit dem Wappen einer Seeschlange auf der Brust. Der da hatte nur einen eng anliegenden, schwarzen, ölig wirkenden Anzug, der bis über die Nase des Kerls reichte. Auf dem Rücken war ein Korb, aus dem ein Schlauch heraus führte, der von der Schulter des Mannes hing. Er trug auch Schild und Speer. Was aber auf dem Schild als Wappen abgebildet war, vermochte Lot nicht zu erkennen.
Er wollte sich gerade vorsichtig etwas nach vorne schieben, um besser sehen zu können, als er einen Aufschrei hinter sich hörte. Blitzartig fuhr er herum und sah einen der Menschen vor sich stehen. Er hatte dieselben seltsamen Gebilde an wie der andere Mann. Der Eindringling richtete seinen Speer auf ihn und versteckte sich hinter seinem Schild. Lot stutzte. Das Zeichen auf dem großen Eichenholzschild war eine Seeschlange, die wie eine normale Schlange aussah, aber mit Armen, Beinen und Flossen auf dem Schild eingebrannt war.
«Ihr von Steinmeer steckt also doch dahinter!», rief er.
Der Mann zog sich die Maske vom Gesicht, um besser reden zu können. «Männer, kommt schnell! Ich habe einen!», rief er mit lauter aber ängstlicher Stimme. Lot brüllte ihn an und spuckte ein paar kleine Flämmchen. Er konnte hier im Wald kein richtiges Feuer speien. Selbst bei diesem Wetter würde der halbe Wald abbrennen. Der Mann verzog sich schnell weiter hinter sein Schild.
«D-du b-bleibst da stehen, klar?!», brachte er zitternd hervor.
Lot zog den Augenwulst hoch, auf dem sich bei einem Menschen die Augenbrauen befanden, und sah den ziemlich verängstigt wirkenden Mann mit spöttischer Verwunderung an. In dem Moment kamen sechs weitere Menschen in gleicher Montur durch das Buschwerk gelaufen und umzingelten ihn. Derjenige, der ihr Anführer zu sein schien, trat vor. Er hatte ein Schwert statt einem Speer.
«Gut gemacht, Soldat», rief der Mann und nahm seine Maske ab. Er hatte einen kräftigen Schnauzbart und hellweiße Haut. «Damit hätten wir einen Gefangenen. Der König wird uns dafür sicher ein paar Silberlinge zuschieben.»
Lot wusste nicht so recht, was er machen sollte. Wenn er angriff, dann würden die anderen von hinten kommen.
Der Sethor2 zog sein Schwert. «Männer, schnappen wir uns das Monster!»
Die Männer zogen Netze aus Ketten hervor und warfen sie über Lot, wodurch er zu Boden gerissen wurde. Die Männer kamen vorsichtig näher, als irgendetwas über Lot hinweg einen Soldaten ansprang und diesen mit sich in einen Busch riss. Von dem Mann hörte man im nächsten Moment nur, wie er aufgeschlitzt wurde. Als nächstes zog etwas aus dem Gebüsch dem nächsten Soldaten die Beine weg. Er stolperte und wurde gegen einen Baum geschleudert.
Ich liebe Geschichten von Schlachten, solange es Geschichten sind - und nur, wenn ich nichts mit ihnen zu tun habe. Wehe, wenn sie wahr werden.
«Was zum Henker war das?», rief einer der Soldaten durch den Regen, der immer noch nicht nachließ.
Die Männer sahen sich verunsichert um und zielten mit ihren Speeren auf das Gestrüpp. In diesem Moment riss Lot das Netz weg.
«Achtung! Der Drache!»
Mit einem Schlag zerschmetterte Lot einem der Soldaten das Schild zu Kleinholz, riss die Reste an sich und warf den Mann mit voller Wucht zu Boden. Zwei weitere Männer rannten auf ihn zu, die Speere voraus. Als der eine zustechen wollte, stieß Lot den Mann von sich weg und ließ ihn gegen einen Fels prallen. Benommen fand sich der Soldat auf dem Boden wieder. Der zweite warf seinen Speer nach Lot. Dieser griff in der Luft danach und warf ihn zurück. Er traf sein Ziel. Der Sethor beschloss zu handeln. Er schleuderte sein Schwert beiseite und zog etwas Ähnliches wie eine Armbrust hervor, nur viel kleiner. Er zielte auf Lot.
«Für das Küstenreich!», schrie er.
Im selben Moment, in dem er abdrückte, wurde der Sethor mit seinem eigenen Schwert, das er weggeworfen hatte, von hinten erstochen. Der Pfeil aus der Waffe des Sethor schoss ziellos in die Bäume. Geräuschlos sank der Mann zu Boden.
Hinter ihm stand ein sechzehnjähriger, ziemlich durchnässter Feuerdrache der Nachtdrachenwache.
«Bruder Drago!», rief Lot erstaunt und erfreut.
«Ich war eben in der Nähe und sah dich», erzählte sein Freund und wischte sich das Blut von der Schnauze.
«Dracaso sei Dank, dass sie dich nicht vorher gesehen haben. Ich danke dir, Drago. Ohne deinen Einsatz hätte ich mich nicht befreien können.»
Die vier Überlebenden des Kampfes begannen, das Weite zu suchen. Mit einer stummen Kopfbewegung bedeutete Drago seinem Freund, ihnen zu folgen. Leise und geschickt liefen sie, wie Eidechsen dicht auf den Boden geduckt, durch die Büsche und das Gras. Die Männer rannten nun noch schneller in Richtung Strand. Als sie selbst dort ankamen, blieben Drago und Lot in den Büschen und beobachteten, was geschah. Eiligst legte jeder der vier seine Maske wieder über Mund und Nase, steckte den Schlauch aus dem Korb durch die kleine Öffnung der Maske in den Mund und lief platschend in das Wasser. Als sie ein paar Schritte gelaufen waren, tauchten sie ab. Dann war nur noch das Geräusch des Meeres und des Regens zu hören.
«Was treiben die da?», fragte Lot flüsternd.
«Ich kann es mir denken. Diese Körbe sind wohl wasserdicht. Und mit diesen Schläuchen saugen sie, wie es scheint, Luft aus den Körben. So können sie des Nachts mit diesen schwarzen Anzügen getarnt durch das Wasser bis hierher tauchen.»
«Ich gebe dir Recht, Bruder Drago. Aber was ist, wenn das eben nicht die einzigen Menschen waren, die sich unter Wasser hierher begeben haben?»
«Gut mitgedacht, Lot. Wir geben den Kameraden der Nachtdrachenwache Bescheid. Sie sollen die Dörfer bewachen und die Gebiete nahe den Stränden absuchen», sagte Drago und stand auf.
«Und dann?», fragte Lot.
«Wir fliegen zu unseren Mitabberufenen zurück und treffen uns dann im Rat.»
«In Ordnung. Bis gleich.»
Zur gleichen Zeit saß König Keru Sereuth wie gewohnt auf seinem Thron aus Elfenbein und studierte eine Schriftrolle. Er war ein Mann von dreiundzwanzig Jahren mit leichtem Bart. Seine dunklen Augen fixierten das Papier. Es war der Bericht des letzten großen Angriffs auf Drachenland von vor zwei Jahren. Er legte ihn weg, stand auf und ging zu einem der großen Fenster der Halle. In den Abständen der Fenster waren jeweils Säulen in die Wand eingelassen. Keru ließ seinen Blick über die Türme und den rechten Teil der Burg schweifen.
«Mylord.» Eine Wache betrat den Saal. «Der Spähtrupp, den Ihr ausgesandt hattet, um die neue Tauchmethode zu testen, ist zurückgekehrt.»
«Schickt sie zu mir, Wache!», befahl der König, ohne seinen Blick von dem Ausblick zu lösen.
«Jawohl, Sire.» Der Mann verschwand wieder durch die Tür. König Sereuth versuchte schon seit Jahren, die Drachen von den Inseln zu vertreiben, da sie sich beharrlich weigerten, seinem Gefolge beizutreten. Er ließ wieder Jagd auf sie machen, doch hatte er damit noch keinen Erfolg verbuchen können, obwohl viele Jäger und Söldner gekommen waren.
Er rief sich den Bericht in sein Gedächtnis zurück. Er hatte drei Schiffe mit Belagerungstruppen geschickt. Eines war schon auf halber Strecke von den Drachen versenkt worden. Das zweite war in einer Bucht gekentert und von den Erddrachen auf die Felsen gezogen worden, wo es nun noch immer lag. Das dritte Schiff, das Flaggschiff, hatte es zwar bis Drachenland geschafft, um Truppen absetzen und die Waffen abfeuern zu können, aber die Drachen hatten auch dieses Schiff schnell verbrannt.
«Sire!» Die Stimme der Wache riss ihn aus seinen Gedanken. «Die Männer, nach denen Ihr verlangt habt, Sire.»
Sereuth setzte sich wieder auf seinen Thron. Die vier Soldaten wurden hereingeführt. Sie hatten ihre Tauchanzüge noch an.
«Wieso seid ihr schon zurück? Ihr solltet doch dort bleiben, bis es hell wird. Und wo sind die anderen?», fragte er sie skeptisch.
«Verzeiht, Mylord. Wir waren gezwungen zu fliehen. Wir fingen einen Drachen, der allerdings nicht allein war. Sie haben uns angegriffen und nur wir überlebten», berichtete einer von ihnen. Sereuth stand auf, ging die paar Stufen von seinem Thron herunter und lief ärgerlich vor seinen Leuten auf und ab.
«Ihr hättet euch gleich mitfressen lassen sollen. Wie machten sich die Tauchgeräte?»
«Sehr gut, Sire. Sie ermöglichten uns die Flucht von Drachenland.»
«Wie weit sind die Soldaten?», fragte der König erwartungsvoll.
«Fast vollständig fertig. Morgen können wir…»
«Ich verlange, dass wir in vier Stunden bereit sind! Ist das klar?», schrie er sie an.
«Aber Mylord… Wir brauchen Zeit, um…»
«Treib es nicht zu weit. Sonst lasse ich dich noch vor dem Morgen köpfen!»
«Verzeiht, Sire. Vier Stunden. Natürlich», sagte der Mann kläglich.
«Und jetzt raus hier!»
Die vier beeilten sich zu gehen. Sereuth ging zurück zum Fenster. Er sah ein Stück auf das Meer hinaus. Dort im Dunst konnte man Drachenland erahnen. Eine große, fünfundsechzig Fuß breite, massive Holzbrücke führte zu der Hauptinsel. Und in vier Stunden würde ihm auch dieses Land gehören.
Drago traf sich mit Lot und den anderen am Ratsplatz, der das Zentrum von Dracos war. Inzwischen regnete es nicht mehr.
Der Platz wurde weiter hinten von ein paar hohen Felsbergen begrenzt. Auf dem Platz gab es in der Mitte einen großen Springbrunnen, aus dem flüssiges Gold floss, quadratische Steine als Sitzbänke, viele Blumenbeete und die unterschiedlichsten Drachenstatuen. Der riesige Platz war der gesellschaftliche Mittelpunkt von Dracos. Er wurde auch als Marktplatz genutzt und deswegen auch oft so genannt. Des Nachts brannten viele Fackeln und kleine Feuerstellen, an denen man sich gerne unterhielt.
Der Ratsturm überragte all dies. Manch einer behauptete, dass er noch aus der Zeit stammte, als die Drachen die Herrscher der Welt waren und die Menschen viel Respekt vor ihnen hatten. Einer Zeit, als noch Kriege gegen längst untergegangene Rassen und Geschlechter geführt wurden.
Der runde Turm war ungefähr dreihundert Fuß hoch und ging in ein Gebäude über, das den Eingang bildete. Das war der Königspalast von Dracos, aber es hatte schon seit Jahrhunderten keinen Drachenkönig mehr gegeben. Es war eines der Gebäude, das die Drachen in grauer Vorzeit erbaut hatten, und dieser Turm und der angrenzende Palast hatten die Zeit überdauert. Der Turm wurde als Sitz des Rates genutzt und das Haus als Schatzkammer und Bücherei, obwohl sich die große Bibliothek von Dracos auf der anderen Seite der Insel auf einem Korallenriff befand.
«Weiß der Rat schon über das Geschehen Bescheid?», fragte Jero, ein Walddrache, der ebenfalls in der Nachtdrachenwache diente und ein Freund Dragos war.
«Nein», vermutete Drago. «Ich gehe nach oben und erstatte ihnen Bericht», sprach er und lief zum Eingang des Palastes.
«Und was unternehmen wir?», fragte Lung. Er war ein schlangenartiger Luftdrache, der aus dem fernen Osten stammte und auch gut mit Drago befreundet war.
«Nun… Wir warten auf die Anweisungen des Rates», antwortete Filk.
Drago lief durch den Eingang und über den Marmorboden die breite Treppe hoch, die sich am oberen Ende nach links und rechts verbreiterte. Er ging geradeaus und betrat den Innenraum des Turms. Hier waren acht runde Scheiben aus Metall in den Boden eingelassen. Eine jede sechs Fuß breit und lang. Fackeln erleuchteten den Raum hell.
Drago trat auf die nächstgelegene Scheibe und legte seine Hand auf den Steinsockel, der vor der Scheibe aufragte. Er konzentrierte sich einen Moment und wandte eine Zauberformel in Drachensprache an, die ihn sein Lehrmeister Nerur gelehrt hatte. Sie diente dazu, Dinge mittels Magie zu bewegen. Von seinem rot geschuppten Unterarm liefen ein paar blasse goldgefärbte Ringe aus reiner magischer Energie zu dem Sockel und von dort weiter bis zu der Metallscheibe. Sofort setzte sie zu einem ruhigen aber schnellen Flug nach oben an, direkt auf eines der Löcher zu, die in der Decke eigens für die Flugscheiben eingebaut worden waren. Oben angekommen, lief er von der Plattform auf die Wendeltreppe an der inneren Turmwand zu, die nach oben in eine Art großen Erker führte. Als er ein wenig außer Atem am Ende der Treppe den Erker erreichte, blieb er kurz stehen. Auch hier wurde alles von Fackeln erhellt. Von dort führte ein kurzer Gang in einen großen Kuppelraum. Dort befand sich der Rat. Er bestand aus einem Kreis von elf Drachensitzen. Jedes Element hatte einen Sitz im Rat.
Bei den Drachen gab es zehn Hauptelemente.
Feuer, Wasser, Erde, Luft und Schnee und die anderen Drachenelemente Licht, Schatten, Pflanze, Leben und Physik.
Jedes Element war in zwei weitere Nebenelemente unterteilt:
Feuer - Lava, Magma
Wasser - Meer, See
Erde - Stein, Wüste
Luft - Gebirge, Wolken
Schnee - Frost, Eis
Licht - Tag, Sonne
Schatten - Höhle, Nacht
Pflanze - Wald, Sumpf
Leben - Philosophie, Mystik
Physik - Raum, Zeit
Die wohl seltsamsten Drachenarten waren die aus der Philosophie und Mystik. Die Drachen dieser Arten hatten sich, seit es sie gab, den Dingen zugewandt, nach denen man sie dann später benannt hatte:
Die Philosophie-Drachen philosophierten über jedes kleine Detail, das ihnen passierte oder das sie taten, oder über alles, worüber man eben sonst so philosophierte. Doch waren sie die weisesten Drachen, die es gab.
Die Drachen der Mystik waren merkwürdige Geschöpfe. Merkwürdig in ihrem Verhalten, in ihrer Lebensweise, in ihrem Aussehen, kurz: in allem, was sie taten, weshalb man sie auch so nannte.
Dracos bestand aus genau elf größeren Inseln. Auf zehn von ihnen waren jeweils die Drachen eines Hauptelements heimisch. Die elfte, die größte der Inseln, lag dem Festland am nächsten. Sie diente als zentrale Wohninsel für alle Drachen und war von den anderen zehn Inseln kreisförmig umgeben. Auf ihr befand sich auch der Rat. Jede Insel, auf der Drachen eines Nebenelementes lebten, gehörte zu der Insel, auf der jene Drachen lebten, aus deren Hauptelement sie hervorgekommen waren. Sie waren jeweils links und rechts von dieser angeordnet. Dies alles ließ darauf schließen, dass - wenn man einer alten Drachenlegende glaubtemächtige Drachen der Vorzeit Dracos als Lebensraum für ihre Nachkommen erschaffen hatten.
Aus jedem Hauptelement wurde ein Drache gewählt, der dem Rat beitrat. Dieser Drache wählte dann drei weitere, von denen einer ihn auf seiner Insel vertrat, die beiden anderen auf den Inseln der Nebenelemente seines Elementes. Dies alles war zwar kompliziert, aber wirkungsvoll.
Es gab noch sehr viel mehr Drachenelemente beziehungsweise Drachenarten. Doch die gehörten nicht zu den zehn Haupt- oder Nebenelementen, sondern waren Kreuzungen verschiedenster Elemente. Solche Interelement-Drachen lebten friedlich mit den anderen Drachen auf der Insel, deren Element irgendwo bei ihnen eingekreuzt war, oder auch auf den anderen Inseln verstreut.
Zum Beispiel Baumdrachen: Sie gehörten zu dem Drachenelement Pflanze und dem Nebenelement Wald. Oder Kristalldrachen: Solche gehörten zu Physik und Erde.
Dem Rat mussten immer elf Mitglieder angehören: ein Drache aus jedem der Hauptelemente und ein Ratsoberhaupt. Oberhaupt des Rates konnte jeder Drache von Dracos werden, der mindestens dreihundert Jahre alt war und seine Weisheit und Umsicht mehrfach unter Beweis gestellt hatte. Eine einstimmige Wahl durch alle zehn Ratsmitglieder war dazu nötig. Das Oberhaupt verkündete Entscheidungen, schlichtete Streit und gab Ratschläge. Bei Pattsituationen gab seine Stimme den letzten Ausschlag.
Drago trat aus dem Durchgang in die Mitte des Raumes. Auf dem Boden war ein großes Mandala gezeichnet. Ein äußerer grüner Kreis für das Element Leben, ein goldener für Licht darinnen, dann ein Schwarzer für Schatten. In diesem befand sich noch ein weißer für Schnee. Darin war ein grauer Kreis, der für Physik stand. An der Innenseite dessen waren weiße Schlangenlinien, die Luft symbolisierten. Dann kamen drei Blätter, sternförmig angeordnet, die für Pflanze standen. Im Zentrum des Blättersterns war eine rote Flamme in den Boden gemeißelt, die natürlich für Feuer stand und von einem braunen Kreis umgeben war, der Erde darstellte. Die Zwischenräume der drei Blätter wurden von drei blauen Wellen für das Element Wasser ausgefüllt. Um das gesamte Mandala schlang sich ein Drache.
Das Mandala war das Wahrzeichen von Dracos, das die Banner zierte und Gleichberechtigung und Einheit zeigen sollte. Es wurde auch Ratszeichen genannt. Was man auf den ersten Blick nicht erkennen konnte, war, dass das Mandala ein in den Boden eingelassener Tisch aus Stein war, den man hochfahren und absenken konnte.
Die Ratsmitglieder und Drago waren einander gut bekannt. Er verbeugte sich ehrerbietend vor dem Rat. Meister Thythos, das Oberhaupt des Rates, saß dem Eingang gegenüber. Er war ein Feuerdrache von der Gestalt eines Schlangendrachen, der über vierhundert Jahre an Alter zählte. Zu seiner Rechten saßen die Drachen der Elemente Feuer, gefolgt von Wasser, Erde, Luft und Schnee. An seiner anderen Seite kam zuerst Licht, dann Schatten, Leben, Pflanze und Physik.
«Ah, Drago», begrüßte er den Ankömmling mit freundlicher Stimme, die aber so klang, als wüsste er schon, was Drago wollte.
«Ich will dem Rat eine Entdeckung mitteilen, die ich und mein Freund und Bruder Lot im Dienste der Nachtdrachenwache machten», erklärte dieser.
«So sprich, was du uns mitteilen möchtest», forderte ihn Liko auf, der zum Element Wasser gehörte. Drago erzählte in aller Knappheit, was sich zugetragen hatte. Dabei schienen die Anwesenden immer verärgerter zu werden.
«Es ist beunruhigend und unverschämt, dass König Sereuth so viel Wert darauf legt, uns zu vertreiben», sagte Skur, der im Rat das Element Schatten repräsentierte. «Schon weil es vergebliche Mühe ist. Was würde unser König sagen?»
«Nichts, weil er tot ist. Und König Erdon hatte auch keine Nachkommen. Solange sich niemand als würdig erweist, ist Dracos ein Königreich ohne Herrscher.»
«Aber Skur hat Recht, Thythos. Wenn die Menschen nun schon Spione schicken, dann versuchen sie sicher, eine verwundbare Stelle in unserer Heimat für einen Angriff zu finden», fügte Sigo vom Element Feuer hinzu.
«Eine verwundbare Stelle? Es gibt so gut wie keine hier. Nur die große Bucht auf der anderen Seite der Zentralinsel oder den langen Strand auf der Südseite. Aber dort haben wir ausreichend Wachen», spekulierte Loufia, ein weiblicher Drache von der Insel der Luftdrachen.
«Wenn die von Drago und Lot entdeckten Spione nicht die ersten waren, dann wissen das jetzt auch die Menschen», bemerkte Lischa, ein ebenfalls weiblicher Drache, aber aus dem Lichtgebiet.
«Drago, wärst du so nett?», fragte Thythos.
Drago nickte, trat ein paar Schritte zurück und kniete sich auf den Boden. Er legte seine Pranke auf den Rand des Mandalas und wendete denselben Zauber an, mit dem er die Aufzugscheibe bewegt hatte. Mit einem steinernen Schaben hob sich der zylinderförmige Tisch nach oben. Als er sich nicht mehr bewegte, schoben sich an seiner oberen Kante rund um den Tisch Steinplatten heraus. Jetzt sah das Ganze schon mehr wie ein Tisch aus. Vor jedem Ratssitz war auf diesen Platten dessen Symbol eingezeichnet. Jeweils eine Flamme, Wasser, Erde… Alle Elementzeichen.
Meister Thythos drückte auf einen kleinen eingemeißelten, steinernen Kreis. Sogleich waren auf dem Tisch dreidimensionale, leuchtend gelbe Umrisse und Konturen der Inseln von Dracos zu sehen. Das Bild drehte sich um seine Achse. Die flachen bis gebirgigen Inseln waren hier bis in die Details ihrer Umrisse dargestellt. Das Bild erstreckte sich über den ganzen Tisch. Es war so klar, dass man selbst die Wolken und Vögel in der Luft und auch die Drachen sehen konnte, die als ganz kleine Pünktchen fliegend oder laufend zu erkennen waren. Thythos drückte erneut auf den Kreis, und das Bild verschwand. Nun erschien ein Bild der Zentralinsel, das sich auch über den ganzen Tisch erstreckte. Er fuhr mit einer seiner Krallen über den Rand des Kreiszeichens und beschleunigte die Selbstumdrehung des Bildes, bis die Bucht, von der Loufia gesprochen hatte, vor ihm lag. Thythos schob seine Hand in das Bild und drückte auf einen Pfeil neben dem Kreissymbol, der nach oben wies.
Nun war eine tischweite Abbildung der Bucht zu sehen. Thythos zog an einer der langen weißen Bartsträhnen, die von seiner Schnauze hingen.
«Die Bucht ist so groß, dass sechs der Menschenschiffe dort hineinpassen würden. Es wäre der perfekte Landeplatz.»
«Zudem ist sie nicht sehr weit von uns entfernt. Gut beobachtet, Meisterin Lischa», lobte Thythos sie und lächelte.
«Diese Bucht der Stürme mag groß sein. Aber nur Wasserdrachen könnten sich in diesen vierzehn Fuß hohen Wellen bewegen. Ein Schiff würde sofort gegen die Felsen prallen», erklärte Schieru aus dem Element Schnee. «Schuppenlose sind aber auch nicht so dumm. Ich meine, wir verdanken ihnen auch einiges. Werkzeuge, das Papier, Kampfarten, Hurenhäuser… Wobei die Menschen diese letztere Idee erst in Jahrhunderten wieder aufgreifen werden. Schließlich mögen sie ja dort keinen Drachenbesuch, wie ich feststellen musste», sagte er und rief damit Gelächter hervor. «Vielleicht haben sie Wege gefunden, ihre Schiffe sicherer zu machen», sprach er dann weiter. «Aber ein Nachteil für sie wäre, dass sie zwischen der Feuer- und der Wasserinsel hindurch müssten.»
«Möglich. Doch wissen wir nicht einmal, ob und wann die Menschlinge uns angreifen, geschweige denn wie oder wo. Die Bucht ist nur eine Möglichkeit», sagte Ergo von der Erde-Insel schulterzuckend.
«Aber Vorsicht ist angebracht. Alle Drachen der Nachtdrachenwache sollen ausschwärmen und alles absuchen», beschloss Skur.
«Wir machen es so.» Thythos versenkte den Tisch wieder. «Drago, du und deine Freunde, ihr sucht das Gebiet um die Große Brücke zum Festland ab.»
«Ja, Meister.»
Drago beeilte sich, zu seinen Freunden zurück zu kommen. In der Vorhalle wurde er von Thythos eingeholt.
«Drago!» Er blieb stehen und wartete, bis sich der alte Drache wieder beruhigte und seinen Atem unter Kontrolle bekam.
«Was wünscht Ihr, Meister?»
«Ich will dich bitten, vorsichtig zu sein. Es ist dieses Mal anders. Die Menschen kommen mit einer mächtigen Streitmacht und ich weiß nicht, ob wir überleben werden.»
«Meister, fühlt Ihr Euch nicht wohl?»
«Ich kann es regelrecht spüren. Versprich mir, vorsichtig zu sein, und sag das auch deinen Freunden.»
«Ja, Meister. Wie Ihr wünscht.»
«Und? Was haben sie gesagt?», fragte Lot, während er, an einem Felsen lehnend, mit der Brosche spielte, die er gefunden hatte.
«Wir sollen das Gebiet um die Große Brücke absuchen und bewachen. Der Rat denkt, dass die Menschen mit ihren Schiffen um unsere Inseln herum oder zwischen ihnen hindurch fahren und uns von der Bucht der Stürme aus angreifen werden.»
«Dass Schuppenlose so dumm sein sollen… Die können da nicht rein. Das würde kein Schiff aushalten.»
«Vielleicht kommen die Menschen wieder mit ihren Spielereien.»
«Aber da wird doch schon streng patrouilliert», erinnerte sich Lung. «Und auch an der Brücke. Wieso sollen wir dorthin?»
«Der Rat wird sicher Wachen von der Brücke abziehen müssen, wenn wir ganz Dracos bewachen sollen. Meister Thythos sagte mir noch, dass wir alle vorsichtig sein sollen. Er hat so etwas wie eine Ahnung», sagte Drago.
«Thythos ahnt doch ständig irgendwas. Aber wenn er unbedingt meint - bitte!», sagte Lot zweifelnd.
«Er ist weiser als wir alle zusammen. Er wird seine Gründe haben», entgegnete Jero lässig wie immer. «Aber wir haben mal wieder den Hauptjob!», freute er sich dann.
«Natürlich. Wer wird denn schon qualifizierter für solch wichtige Aufgaben sein als wir?», fragte Augur lachend, als sie losflogen.
In den folgenden drei Stunden geschah nichts. Drago hatte sich auf einen Stein gesetzt und sah aufmerksam auf das Meerwasser, das im Mondlicht schimmerte, und auf das Festland. Unterdessen war Lot damit beschäftigt, seine Rüstung zu polieren, Lung damit, über die Bäume zu fliegen und Ausschau zu halten und die anderen damit, sich zu unterhalten. Als Drago von Filk abgelöst wurde, setzte er sich an den Strand, nahm eine Hand voll Sand, warf ihn in die Luft und versetzte den Sand dann mit einem gemurmelten Drachenzauberspruch in Schwerelosigkeit. Mit einem Zeigefinger wirbelte er die Körnchen herum und formte sie zu Figürchen. Einem Phönix, einem Drachen… Mit der Zeit wurde ihm das langweilig. Er gesellte sich zu Lot, der unter einem Baum immer noch mit seiner Rüstung zu Gange war.
«Sag mal, wieso polierst du ohne Ende an deiner Rüstung rum, Lot?»
«Wir sind bei der Nachtdrachenwache. Da muss man ein Vorbild für die anderen sein», sagte dieser stolz.
«Für alle anderen? Oder für die Drachenmädchen?»
«Ähm…» Der selbstsichere Ausdruck verschwand von Lots Gesicht.
«Nun?»
«Also, ich… Ach, Blödsinn. Und grins nicht so! Übrigens, das hier hab ich in einem Busch im Wald gefunden.»
Lot zeigte Drago die Brosche.
«Du musst gar nicht erst versuchen abzu…» Drago sprach nicht weiter, als sein Blick an der kleinen Drachenfigur hängen blieb.
«Wo… Woher hast du das?»
«Ich fand es in einem Gebüsch, kurz bevor die Menschen mich erwischt haben. Vielleicht hat es jemand verloren. Hast du eine Idee, wem das gehört?»
«Das… Das ist… Gib mal her.»
«Geht’s noch? Das ist meins. Was ist denn mit dir?»
«Darf ich das Ding haben, Lot?»
«Nichts da. Das ist meins! Immer noch.»
«Da. Nimm das dafür.»
«Wie? Den Edelstein? Für das olle Ding?»
«Nun ja… Das ist Handwerkskunst, nicht wahr? Aber… Wenn du nicht…»
«Oh! Äh… Na, wenn du darauf bestehst!»
Drago wusste, dass er Lot so rumkriegen konnte.
Lot riss den Edelstein an sich und sah ihn sich an. Drago lief zu dem Felsen zurück, auf dem er gesessen hatte, und starrte das Metallstück fassungslos an.
«Oh nein», flüsterte er in sich hinein. Seine Hände zitterten, als er den kleinen Drachen umdrehte und mit seiner Kralle über die Drachenschriftzeichen fuhr. Er wusste, wem dieses kleine Ding einst gehört hatte. Ob es…
Drago sprang auf. Er sah zu den anderen. Auch sie hatten es gesehen und gehört. Aus der Richtung der Großen Brücke knallte es, dann stieg Rauch auf und Flammen loderten hell.
«Was ist da denn los? Haben die Menschen mal wieder zu viel… wie sagt man… gesoffen?»
«Nein… Das… Die Menschen greifen an!»
«Ich sag den anderen Bescheid!», rief Jero und lief ein Stück zur Seite. Er fummelte an seinem Gürtel und nahm dann seine kleine metallene Com-Scheibe heraus, die er auf den sandigen Boden legte. Er drückte mit seiner Kralle auf die Platte und konzentrierte sich. Dann leuchtete etwas trichterförmig auf, das man - einem Walddrachen angemessen - als sehr kleine, durchscheinende, grün leuchtende Baumblätter hätte bezeichnen können. Sie formten sich zu der Figur eines Drachen zusammen, die über der aufgeklappten Scheibe schwebte.
Im Rat wurde derweil darüber debattiert, wie man mit dem provokativen Verhalten der Menschen umgehen sollte.
«Sobald wir uns von der Insel begeben, werden die Schuppenlosen uns einfangen», mutmaßte Liko.
«Nicht zwangsläufig. Aber alle Drachen, die an Land wollen, müssen den Umweg über die Eisklippen von Steinmeer fliegen», erinnerte Vosou. Er vertrat im Rat die Drachen der Mystik.
«Was ein Risiko darstellt. Denn die Klippen tragen ihren Namen nicht umsonst.» Loufia legte ihre Pranke auf den Tisch und dachte an das, was sie sehen wollte. In einer gelben Großaufnahme waren Burg Steinmeer, die umliegenden Wälder und die Klippen zu sehen, die sich westlich der Burg befanden. Loufia vergrößerte das Bild der Klippen. «Die Klippen liegen nicht im Gebiet der Eismeere, aber sie sind so rutschig und so schwer zu erklimmen wie Gletscher. Nirgendwo kann man für eine Erholungspause landen», sagte sie.
«Wir kennen die Gletscher, Meisterin. Worauf wollt Ihr hinaus?», fragte Thythos.
«Einige Drachen haben gesehen, dass die Menschlinge auch dort Wachtürme bauen. Weiß der Teufel, wie sie es geschafft haben, dorthin zu gelangen», meinte Loufia.
«Das sagt alles!», rief Skur aus. «Die Schuppenlosen wollen uns vom Festland abschneiden, um unsere Flucht bei einem Angriff zu vereiteln!»
«Beruhige dich, Skur», sagte Thythos ruhig.
«Aber er hat Recht. Warum sonst sollten die Schuppenlosen uns festhalten wollen?»
«Das ist die alles entscheidende Frage, Lischa.»
«Und wenn wir…»
In der Mitte des Tisches flogen plötzlich kleine gelbe Pünktchen in Gestalt eines umgekehrten Trichters. Sie formten sich zu einer verkleinerten Figur eines Drachen. «Hallo? Ist da jemand?»
«Jero? Weshalb ruft du uns?»
«Meister Thythos! Wir werden angegriffen! Auf der Großen Brücke! Die Schuppenlosen kommen mit uns gänzlich unbekannten Waffen!»
«Wir haben verstanden. Haltet durch!»
«Ja, Meister!» Das Bild löste sich auf.
«Ich habe es ja gesagt!», meinte Skur.
Sigo drückte auf einen Schalter. «An alle Drachen! Zur Hauptbrücke! In Gefechtsbereitschaft!»
Unschlüssig warteten Drago und die anderen auf die Verstärkung, während die riesigen Kampftürme auf Rädern, die Katapulte und die Soldaten immer näher kamen.
«Vorsicht!»
Eine der brennenden Metallkugeln schlug neben ihnen ein.
«Ich hasse es, wenn die Menschen neue Kriegsmaschinen bauen», rief Filk. Weitere Kugeln schlugen ins Wasser oder in den Sand, der dadurch aufgewirbelt wurde. «Wie viele sind das wohl?», fragte sich Filk dann.
«Über tausend, grob geschätzt», rief Jero.
«Was sollen wir machen?» In Augurs Stimme mischte sich Verzweiflung.
«Wir warten! Was Besseres…» Drago stockte. «Seht!»
Ein Drache kam auf sie zu. Es war Meister Liko. Nur dieses Mal sah er irgendwie kriegerischer aus. Zwischen seinen Hörnern hatte er einen wellenförmigen Helm auf.
«Meister? So in Kampfmontur kenne ich Euch gar nicht», sagte Lot überrascht.
«Wie sieht es aus?», fragte Liko sogleich mit einem Grinsen.
«Der Anzug?»
«Nein, die Lage.
«Nicht gut, Meister. Es kommen immer mehr Menschen. Und wir werden bombardiert», berichtete Jero in gespielt fröhlichem Ton.
«Drago!» Liko wandte sich an ihn. «Ich werde zusammen mit den Wasserdrachen die Menschen vom Meer aus angreifen. Wenn wir das tun, gibst du den Luftdrachen das Zeichen zum Angriff. Meisterin Loufia wird sie leiten. Dann wirst du die Führung der Erd- und Feuerdrachen übernehmen und von der Brücke aus angreifen», erklärte er.
«Ich? Meister Liko, es ist mir einer Ehre.»
Liko nickte. «Augur, du kommst mit mir.»
«Ja, Meister.» Liko und Augur liefen zu den anderen, und die Wasserdrachen tauchten wie Pfeile ins Wasser. Allen voran Liko.
«He! Und was ist mit mir?», fragte Jero.
«Die Menschen schießen mit Feuer. Das dürfte dir als Waldrache nicht bekommen Jero. Du bleibst besser hier.»
«Aber…»
Doch Drago hörte nicht weiter zu.
In der trüben Nacht waren sie im Wasser so gut wie unsichtbar. Im Meer konnten sie jedoch selbst trotzdem noch so gut sehen wie über Wasser. Als sie an der Stelle waren, an der die Menschen über die Brücke liefen, bedeutete Liko einigen Wasserdrachen, auf die andere Seite der Brücke zu schwimmen. In Sekunden waren sie dort und für Liko trotzdem gut zu sehen. Er deutete nach oben.
«Ich werde schon ganz nervös», sagte Jero. Sie hatten sich, als die anderen Drachen eingetroffen waren, im Strandgebüsch versteckt.
«Ich hoffe, dass wir keinen verlieren werden», murmelte Drago.
«Was redest du, Bruder Drago? Wir haben doch alle harte Schuppen!»
«Und was ist, wenn die Menschen noch bessere Waffen haben als die letzten Male?»
Darauf hatte sein Freund keine Antwort.
«Was machen wir mit den Schnee-, Physik-, Licht-, Schatten-, Pflanzen- und Lebensdrachen?»
Drago überlegte. Noch nie hatte er eine solche Befehlsgewalt gehabt. «Wir halten sie in Reserve.»
Liko schoss mit den anderen Drachen von beiden Seiten der Brücke wie ein Pfeil aus dem Wasser, mitten in die Soldaten hinein. Sie wischten die Angreifer wie Fliegen von der Brücke. Als sie die vordere Kompanie zwischen zwei Belagerungstürmen in Sekunden vernichtet hatten, tauchten sie wieder ab. Liko sah um sich. Vier seiner zehn Drachen, die er mitgenommen hatte, waren verschwunden. Wie es schien, würde der Angriff zu einer Befreiungsaktion werden.
Drago gab das Zeichen. Die Luftdrachen erhoben sich aus den Bäumen, zusammen mit Lung, und flogen in Richtung der Menschen. Durch die hohe Geschwindigkeit schafften sie es, in Sekundenschnelle anzukommen. Meisterin Loufia gab das Zeichen zum Angriff. Die vier Drachen, die ihr folgten, formten zusammen eine gigantische Kugel aus Luftströmen. Als diese dreißig Fuß Durchmesser erreicht hatte, feuerten die Drachen die Kugel ab. Sie flog auf einen der Belagerungstürme zu, gewann an Geschwindigkeit und knallte mit voller Wucht durch die hölzerne Außenwand in den Turm hinein, wo sie sich auflöste. Dabei entwich die geballte Luft so stark wieder, dass der Druck das zweite und dritte Stockwerk in Fetzen riss. Der erste der beiden vorderen Türme war zerstört und unbeweglich, was den ganzen Angriffstrupp aufhielt.
«Los, Leute! Angriff! Auf die Brücke!», rief Drago den anderen Drachen zu, die sich noch im Gebüsch verborgen hielten.
So schnell es ging, liefen er und die anderen Feuerdrachen hinter den Erddrachen her, die Felsen als Schutzschilder trugen. Für sie waren diese Felsen lediglich so schwer wie Kieselsteine. Die Pfeile der Menschen prallten daran ab, aber die Katapulte feuerten wieder. Einige Kugeln rissen brennende Löcher in die Holzplanken der Brücke, andere fielen platschend ins Meer. Drago sah, dass die Menschen offenbar das Zielen gelernt hatten. Zwei der hellen Pünktchen flogen direkt auf sie zu und kamen rasch näher. Ausweichen kam nicht infrage, denn dafür war auf der Brücke kein Platz mehr.
«Leute, schlagen wie die Schuppenlosen mit ihren Waffen», rief er. Die anderen verstanden. Die Erdrachen drängten beiseite und die Feuerdrachen fingen die brennenden Kugeln einfach auf. Schwer waren sie, aber zu zweit konnten sie sie halten. Da das Feuer den Feuerdrachen selbstredend nicht schaden konnte, hielten sie die brennenden Kugeln für die Erdrachen in Position, die sie mit ihren kräftigen Schwänzen zurückkatapultierten. Zielsicher schossen diese Rückläufer geradewegs in den zweiten Belagerungsturm, der daraufhin auseinanderbrach und ins Meer stürzte. Einige Überreste versperrten der restlichen Armee den Weg, doch die Soldaten kamen mit etwas angelaufen, das wie eine prähistorische Planierraupe oder wie ein Rammbock, der zum Schneeschieben gedacht war, aussah.
Es schoben bestimmt zwanzig Männer an dem Ding, bis die Trümmer beseitigt waren.
Wieder schossen die Katapulte von den Türmen und vom Boden aus.
«Die erste Runde wäre unentschieden», sagte Filk an Drago gewandt.
«Ja. Aber wir sind noch nicht fertig.»
Liko und die Wasserdrachen tauchten wieder auf. Sie kletterten auf den Steg und durchnässten die Soldaten, um sie dann ins Meer zu schubsen. Diesen Moment der Verwirrung nutzten die Feuer- und Erdrachen, um wieder anzugreifen.
Während die Erdrachen ihre mitgebrachten Felsen als Geschosse verwendeten, setzten die Feuerdrachen einen gemeinsamen Zauber ein, um aus dem Feuer, das sie spuckten, einen großen, aus reinem Feuer bestehenden Drachen zu formen. Sie ließen ihn losfliegen. Er schwebte über den Soldaten und besprühte sie mit Feuer. Die Männer sprangen ins Wasser. Als er das vollbracht hatte, rauschte der Drachenfeuerzauber, wie er genannt wurde, in drei Katapulte. «Los! Wir greifen jetzt richtig an!», rief Filk.
Doch die Menschen schossen wieder mit Pfeilen auf sie. Drago und die anderen kämpften sich immer weiter vor, während die Wasserdrachen weiter hinten in der Mitte der Armee den Nachschub an Soldaten blockierten und Lung mit den Luftdrachen immer wieder zum Angriff aus der Luft ansetzte.
Immer mehr Feuer- und Erdrachen mussten sich verletzt zurückziehen oder blieben bei ihren Kameraden an einem halbwegs geschützten Ort liegen. Als sie nur noch knapp fünfzig Schritte von den nahenden Soldaten entfernt waren, gingen die restlichen Drachen hinter den zum Teil brennenden Trümmerteilen der Katapulte und Türme in Deckung. Nun waren sie nur noch zu acht. Pfeile und Speere schlugen mit ihren Spitzen durch das Holz. Eines der Katapulte feuerte und zersplitterte mit seinem Geschoss einen Großteil der Deckung von Drago und Filk.
«Wir können uns nicht ewig hier verstecken!», rief Filk durch den Lärm.
«Hol die anderen hierher und fordere Verstärkung an. Ich habe eine Idee.»
«Ja, Bruder Drago.» Filk bedeutete den anderen, zu ihnen zu kommen und benutzte dann seine Com-Scheibe.
Die Drachen liefen der Reihe nach von der einen Seite der Brücke zur anderen. Sie suchten immer wieder Deckung und warfen mit gelben Kugeln aus Urkraft, die fast so schnell wie Katapultkugeln flogen. Als der letzte Drache aus der Deckung zu ihnen lief, wurde dieser getroffen.
«Schnell, helft ihm!», rief einer von den Erdrachen. Sie zogen ihn hinter das Holz. Wieder knallte eine der Kugeln gegen die Holzblockade und riss dann ein Loch in den Boden.
«Filk! Wir brauchen Deckung! Ihr zwei! Drängt die Menschen etwas zurück. Ich brauche mehr Zeit.»
Filk streckte seine Hand aus und zog die Überreste eines Katapults mit Magie und hoher Konzentration herüber.
Drago sah sich die Wunde des Drachen an. «Der Pfeil ist ihm durch die halbe Schulter geschlagen», sagte er. «Ich muss das Ding jetzt so entfernen.» Drago wischte das Blut weg.
«Achtung, Bruder, fertig?»
Der Drache nickte angestrengt.
«Drei… zwei… eins…» Der Drache biss die Zähne zusammen.
«Jetzt!»
Drago zog an dem Schaft des Pfeils, so stark er konnte. Der Drache schrie auf. «Gut gemacht», lobte Drago ihn und warf den Pfeil weg. «Du solltest Arzt werden, Drago», keuchte der andere.
Lung kam angeflogen und blieb neben ihnen schwebend in der Luft. Obwohl er keine Flügel besaß konnte er mit Hilfe eines Blasebalgs, den die Drachen seiner Art in ihren Körpern hatten, fliegen. Sein langer Schlangenkörper wand sich durch die Luft.
«Was ist los, Lung?»
«Wir brauchen eure Verstärkung. Die Schuppenlosen haben ein paar Wasserdrachen gefangengenommen und wir brauchen Hilfe, um sie wieder zu befreien.»
«Lung, du kommst gerade recht. Wir haben einen Verletzten. Bring ihn bitte an Land», sagte Drago.
«Mach ich… Moment. Wo sind denn die anderen aus eurer Gruppe?», fragte Lung und sah sich um.
«Wir sind die letzten. Der Rest unserer Verteidigung ist von den Menschen geschwächt worden. Die meisten sind verletzt und wir warten auf Verstärkung», sagte Drago. Er klang nicht sehr zuversichtlich.
«Wir werden aber nicht so schnell Verstärkung bekommen, Bruder Drago. Die meisten anderen Drachen sind bereits auf dem Weg, aber die brauchen etwas Zeit, um hier her zu kommen.»
«Es ist immer dasselbe. Wenn man die Freunde braucht, sind sie nicht da», fluchte einer der anderen Drachen.
«Ich mache mich auf den Weg und komme dann wieder her.» Lung flog im Eiltempo mit dem Verletzten zurück nach Dracos.
«Drago, sieh doch!», rief Filk.
Zwei Belagerungstürme, die noch größer als die vorherigen waren, rollten langsam an.
«Los, weiter zurück, hinter das Katapult dort, sonst können sie uns treffen», rief Drago den anderen zu. Sie rannten noch weiter zurück.
«Wir können sie nicht mehr lange aufhalten», sagte der letzte noch verbliebene Erddrache.
«Was ist jetzt mit deinem Plan, Drago?» Filk sah ihn an.
«Wir bräuchten noch einen Drachen, wenn er funktionieren soll», sagte Drago, während er zu den immer näher kommenden Türmen sah.
«Na, wie gut, dass ich da bin!» Jero stand hinter ihnen.
«Wie kommst du denn…?»
«Ich habe mich hinter euch hergeschlichen, als ihr die anderen Drachen verloren habt», erzählte er.
«Runter!»
Ein Hagel von Pfeilen schoss über sie hinweg. Die Türme waren so groß, dass in jedem Stockwerk Katapulte standen. Drago sah, dass sie gerade geladen wurden. Den anderen Drachen sank sichtlich der Mut.
«Passt auf. Dieses Katapult müsste noch zu gebrauchen sein. Wir nehmen das Ding jetzt auseinander und…»
Eine starke Erschütterung von einer der abgefeuerten Kugeln ließ Drago verstummen. Dann sprach er weiter.
«…und dann werden wir mit den Teilen die Türme anhalten. Wenn wir das schaffen, dann können wir das Blatt wenden. Wir setzten diese Kampfmaschinen gegen die Menschen ein.»
«Aber dann haben wir keine Deckung mehr.»
«Das Risiko müssen wir eingehen. Los jetzt!»
Mit Magie zerlegten sie das Katapult, das ihre letzte Deckung war, und warfen die Trümmer vor die Räder der Türme. Die Menschen, die diese gezogen hatten, wichen aus und liefen zu ihren Truppen zurück. Aus den oberen Stockwerken hörte man die Männer fluchen. Die Drachen rannten und flogen zu den Stellen der Türme, an denen sie nicht von Pfeilen getroffen werden konnten, und rissen klaffende Löcher in die Holzwände. Innerhalb von Sekunden waren Drago und die anderen in den Türmen, töteten die Wachen und eroberten ein Stockwerk nach dem anderen. Als beide Gruppen auf den Turmspitzen angekommen waren, warf Drago die letzten beiden Soldaten über das Geländer. Die beiden fielen schreiend ins Meer. Filk auf der anderen Seite gab das Zeichen.
Die Drachen boten alles an Zauberei auf, was sie konnten, um die Türme ihrem Willen zu unterwerfen. Es dauerte kurz, dann setzten sie sich wieder in Bewegung und fuhren in die andere Richtung zurück. Die Soldaten, die weiter unten versuchten, die Türme wieder zu erobern, machten sowohl mit den Waffen der Drachen als auch mit ihren eigenen Bekanntschaft. Jero, der im dritten Stock die Menschen zurückdrängte, erwies sich zum Beispiel als sehr guter Bogenschütze.
«Ich kann die Wasserdrachen sehen. Sie sind von allen Seiten umzingelt!», brüllte Jero. Immer näher rollten die beiden Türme heran.
«Das war’s dann wohl, Wasserdrachen!», höhnte einer der Männer. «Seht ihr die Türme da?», grinste er dümmlich. «Gleich werdet ihr…»
Der Mann sprach nicht weiter. Jero hatte ihn von hinten mit einem Pfeil erschossen. Immer weiter rollten die Türme bis zu den Wasserdrachen, die sich durch das Ablenkungsmanöver befreien konnten. Als die Türme die letzten Katapulte aus dem Weg geschoben hatten und die übrigen Soldaten zurückwichen, bemerkte Drago erst jetzt, dass sie sich schon auf der Mitte der Brücke befanden. Er blickte zurück auf die Spur von Chaos die sie hinterlassen hatten. Zerstörte Gerätschaften, tote Menschen, brennende Überreste von Maschinen, Löcher in der Brücke…
Nachdem sie von den Türmen abgestiegen waren, schoben die Drachen sie mit vereinten Kräften ins Meer, wo sie sofort versanken. Liko trat auf die Drachen zu, die Drago angeführt hatte. Sie stellten sich in einer Reihe auf und verneigten sich vor dem Meister. Während Liko vor ihnen auf und ab lief, sahen die anderen zu.
«Ihr habt tapfer gekämpft, Mitbrüder. Trotz der aussichtslosen Lage habt ihr einen kühlen Kopf behalten. Ich bin beeindruckt, muss ich sagen. Ihr alle habt die Bewunderung von ganz Dracos verdient», sagte er stolz.
«Diese Schlacht wird zusammen mit euren Namen als die ‚Große Schlacht der Brücke‘ bekannt werden.»
«Drago hatte die entscheidende Idee, Meister Liko», sagte Filk.
Die anderen der Truppe nickten. Liko blieb vor ihm stehen.
«Besonders du hast meine Bewunderung, Drago.» Liko lächelte. «Wir fliegen zurück nach Dracos!», rief er den anderen zu.
Am Strand waren nun auch die anderen Drachen eingetroffen. «Wie schwer sind unsere Verluste?», fragte Filk. «Ein Großteil der Drachen ist stark verletzt», antwortete Drago. «Meister, wenn Ihr mich nicht mehr braucht, dann würde ich gerne zu meiner Höhle fliegen. Ich bin todmüde», sagte Drago und gähnte.
«Ähm… Ich glaube, du musst noch etwas warten, Drago.» Lung sah aufs Meer hinaus.
«Was ist da draußen?», fragte Jero neugierig.
«Schiffe der Schuppenlosen. Und sie sehen nicht wie Handelsschiffe aus.» Liko sah es auch.
«Sie sind auf Angriffskurs. Los, Brüder! Die schnappen wir uns!», rief Augur.
«Moment mal! Moment mal! Wartet! Seht euch das an!», rief Filk.
«Aber das ist ja…»
Vor Entscheidungen über Leben und Tod habe ich immer Angst. Aber damit fertig zu werden ist eine Erfahrung, die so wertvoll wie unangenehm ist.
Drago starrte auf das Meer. Zwei Schiffe näherten sich in einem schrägen Kurs der Hauptinsel. Dann drehten sie etwas ab und setzten einen Kurs an der Insel vorbei. Drago und alle anderen wussten, wohin die Menschen wollten. Doch das war das kleinere Problem. Aus dem leichten Nebel tauchten noch zwei Schiffe auf, und dann war es klar zu sehen. Zwischen den vier Kreuzern tauchten erste Konturen auf und dann das ganze Schiff. Es war dreimal so groß wie die anderen, lang wie eine Klippe und so groß wie ein Felsenberg. Das größte Schiff der Welt. Mit sieben Masten und einem Anker so groß wie ein Drache. Trotz der vielen Ruderer und Segel kam es nur langsam voran. «Gebt Alarm!», rief Lung.
«Sir! Wir sind klar zum Angriff.»
«Alle Segel hissen! Wir gehen auf Höchstgeschwindigkeit!»
«Aber… Sir… Dann können wir im Notfall nicht so schnell ausweichen oder…»
«Sie haben Ihre Befehle!»
«Aye, Sir!»
«Ich gebe zu, ich bin beinahe überrascht», sagte Lot. Er war nicht mit in die Schlacht geflogen, sondern am Strand geblieben, um sich um die Verletzten zu kümmern.
«Das Ding ist… So ein gigantisches Schiff habe ich noch nie gesehen», murmelte Drago.
«Das wird nicht leicht», sagte Filk. «Da helfen nicht mal meine leidenschaftlich trainierten Muskeln.»
«Allein das Schiff zu zerstören wird lange dauern. Aber wenn sie es in die Bucht schaffen, haben wir ein Problem.»
«Wie kommt Ihr darauf, dass sie dort hinzugelangen versuchen, Meister Liko?» Lung sah ihn an.
«Wenn sie diesen Kurs beibehalten und dann nochmals wenden, kommen sie zur Bucht. Spätestens wenn die Sonne aufgeht, sind sie dort.»
«Wir haben kaum noch verfügbare Drachen. Wir müssen improvisieren», sagte Jero.
«Ich weiß was!», rief Filk aus. «Wir holen von den Schuppenlosen ein paar Katapulte, die noch heil sind, und stellen die hier auf!»
«Ob die so weit feuern können?», fragte Augur.
«Wir werden sehn!», sprach Filk und flog sogleich mit ein mehreren anderen kräftigen Erddrachen los.
«Wenn das nicht funktioniert, dann brauchen wir einen Plan B», wandte sich Drago an die anderen.
«Und wenn der nicht funktioniert, einen Plan C», sagte Jero. «Und wenn der nicht hinhaut einen… Was kam dann noch mal…? Z…? Nein… Q…? Oder war es dreizehn…? Verdammt, ich schaffe es immer noch nicht mit dem Alphabet der Menschen!»
«Das ist doch unwichtig. Komm, Jero!», rief Drago. «Die anderen kommen schon wieder.»
Jeweils zwei Erddrachen kamen mit einem Katapult angeflogen. Sie trugen sie einfach zwischen sich in ihren Krallen.
«Fünf konnten wir auftreiben, die anderen sind zerstört.»
«Stellen wir sie dort auf. Wartet, ich helfe euch», bestimmte Liko.
«Womit laden wir diese Maschinen?» Augur sah um sich. «Mit Sand?»
«Blödsinn. Ich weiß was!» Drago tippte Jero auf die Schulter. «Würdest du?» Er zeigte auf einen großen Haufen dicker Treibholzstämme, die vom letzten Herbststurm angeschwemmt worden waren.
«Ich soll was? Ach ja!»
Jero lief zu dem Haufen, hämmerte ein paar Mal mit seinen Krallen auf die Stämme ein und zerkleinerte sie. Dann schleppte er sie zu den Katapulten herüber. Er legte sie in den Sand und zerstückelte sie in noch kleinere, handliche Teile.
«Gut gemacht, Jero. Wir laden die Stücke jetzt auf die Katapulte und zünden sie an», rief Drago.
Als wären es Kieselsteine, nahmen die Drachen die Holzstücke und stellten sie in die großen Wurfteller der Katapulte.
«Das muss schneller gehen!», rief Liko. «Los! Feuerdrachen! Auf Position!»
Drago und vier weitere Drachen stellten sich hinter den Katapulten auf.
«Anzünden!» Drago spuckte ein kleines Feuerbällchen. Das von dem warmen Klima trockene Treibholz fing sofort Feuer.
Liko verschränkte die Arme vor der Brust. «Also, zeigen wir den Schuppenlosen, dass sie bei uns falsch sind. Feuer!», rief er.
Einer der Feuerdrachen nahm das wörtlich und spuckte das schon brennende Geschoss mit Feuer an. Die anderen sahen ihn an.
«Oh. ‘tschuldigung.»
«Also, noch mal… Feuer!», wiederholte Liko.
Die Drachen hatten oft genug die Funktion der Menschentechnik beobachtet, um selbst damit umgehen zu können. Die Hebel an den Gestellen wurden umgelegt, und sofort flogen die brennenden Hölzer in Richtung der Schiffe.
«Und? Haben wir etwas getroffen?», fragte Lung.
«Wartet mal. Hört ihr das?» Drago horchte in die Dunkelheit. Da war ein ganz entferntes Donnern.
«Ja. Ist das ein Gewitter?»
«Nein. Dieses Donnern klingt wie…» Filk stockte, weil auch er es nicht einordnen konnte.
Lung schien eine Ahnung zu haben.
«Kanonenschüsse!»
Ehe die versammelten Drachen auch nur daran denken konnten, in Deckung zu gehen, schlugen dicke Eisenkugeln in die rauschende Dünung und in den Sand, schossen in die Bäume und rissen Sträucher um. Sand und Wasser spritzten in hohen Fontänen in die Luft. Die Druckwellen rissen mehrere Drachen zu Boden.
Dann wurde auch eines der Katapulte getroffen. Die linke Halterung des Katapulthebels zersplitterte, der lange Hebelarm fiel krachend herunter und riss den Rest der Maschine mit sich.
«Wir haben ein Katapult verloren!», schallte es durch das Getöse.
«Was sind Kanonen?», rief Jero. Lung wusste es.
«Eine neue Waffe der Menschen, von der ich gehört habe. Sie sind wesentlich besser als Katapulte. Bei solchen Waffen sag ich nur: Wer flinke Pranken hat, braucht auch schnelle Flügel!»
«Wir werden nicht fliehen!», rief Liko. Die anderen Drachen, die entmutigt herumstanden, sahen auf. «Wir kämpfen für Dracos! Für unsere Familien und für unsere Freiheit! Verzweifelt nicht. Haltet zusammen, Brüder!»
Er schien Erfolg zu haben. Die Drachen begaben sich neu motiviert an die Arbeit.
Drago stand auf. Er dachte schon, der Schädel würde ihm platzen, so weh tat es. Er musste sich den Kopf angeschlagen haben.
«Weiterfeuern!», schrie Liko. «Luftdrachen! Wir beginnen einen Luftangriff! Los! Los!»
Augur fasste ihn an die Schulter.
«Meister! Ihr wollt die Menschen frontal angreifen?»
Liko schüttelte den Kopf. Dabei schlenkerten die Hautlappen die er am Kinn und an den Unterkiefern trug.
«Nicht frontal. Wir werden geschickt und trickreich vorgehen. Sobald der Luftangriff gestartet ist, kommen die Wasserdrachen und dann alle anderen, die noch da sind.»
Bis in die Wolken flogen die Drachen in einer Pfeilformation unter der Führung Meisterin Loufias, zerstreuten sich dann und begannen im Sturzflug, die Schiffe zu attackieren.
Mit Luftwirbeln, Steinen, Feuer und Magie taten sie alles was sie konnten, um die Schiffe aufzuhalten. Die Drachen versuchten, nach dem Verwirrungsangriff das Schiff der vorderen linken Eskorte zu entern und die Besatzung zu eliminieren. Drago führte zusammen mit Jero, Lung, Filk und Liko und zehn weiteren Drachen unterschiedlicher Elemente den Angriff auf das Kommandoschiff an. Augur und Lot bildeten die Nachhut. Die Menschen gingen mit Pfeil und Bogen, Schwertern, Speeren und den Kanonen gegen die Angreifer vor.
«Dieses Schiff muss vier Stockwerke haben, bei dieser Größe», rief Lung zu Jero.
«Und allein hier oben müssen die Menschen über dreißig Kanonen aufgestellt haben», schätzte Liko.
«Die Segel und Masten sind einfach nicht entzündbar.» Drago spie Feuer auf den Boden. «Der Boden ist auch feuerfest!»
«Alles Feuerfeste brennt irgendwann, Drago!», rief Lung und schob ein paar Soldaten mit seinem langen Flossenschwanz von Bord.
Jero kletterte den vorderen Mast hoch und spuckte kleine Samen aus, die in Sekunden zu Ranken wurden, sofort mit dem Segel verwuchsen und die Takelage verklemmten. Dann biss er frech einem von oben zu ihm kraxelnden Soldaten in den Allerwertesten. Vor Schreck sprang dieser ins Meer. Jero sprang vom Mast und fegte drei Menschen mit seinem Blätterschwanz beiseite.
«Es muss hier ein Munitionslager für die Kanonen geben. Wenn wir das in die Luft jagen…», rief Filk.
Liko unterbrach ihn. «Dieses Schiff wird kaum Schaden nehmen von einer Explosion. Ich habe noch nie ein so genial konstruiertes Schiff gesehen. Wir gehen nach hinten und übernehmen die Kontrolle über das Ding.»
Drago sah ihn an. Er hatte Meister Liko immer für seinen Mut im Kampf bewundert, auch wenn er ihn nur ein einziges Mal in einer Schlacht zwischen den Menschen und den Drachen gesehen hatte. Wobei das auch bis heute die einzige Schlacht für Liko gewesen war.
«Drago, komm mit mir. Ihr drei fliegt außen um das Schiff und startet ein Ablenkungsmanöver», rief er ein paar Drachen zu.
«Ja, Meister.»
«Meister, wieso laufen wir nach hinten?»
«Pass auf. Ich habe eine Idee. Du gehst nach hinten und übernimmst das Steuer. Filk hat mich auf eine Idee gebracht.»
Sie hielten an, da vor ihnen ein paar Menschen auftauchten. Drago und Liko verbargen sich hinter einem Mast.
«Dieses Schiff muss mehrere Munitionslager haben!» Pfeile schossen an ihnen vorbei. «Wenn wir alle sprengen, sinkt das Schiff vielleicht. Für den Fall, dass mein Plan nicht aufgeht, steuerst du das Schiff zu den Sturmklippen.»
Drago war klar, was Liko vorhatte.
«Meister. Ihr werdet das nicht überleben.»
«Ich habe meine Methoden», sagte Liko und grinste.
