Drachenseelensplitter - Jenna T. Scriver - E-Book

Drachenseelensplitter E-Book

Jenna T. Scriver

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Beschreibung

„Dort sind nur Schatten. Die tiefsten und dunkelsten, die ich je gesehen habe. Finster, wie das Universum ohne Sterne.“ Seit seiner Kindheit wird Stan von einer dämonischen Präsenz in seinem Kopf terrorisiert, die ihn in den Suizid treiben will. Allerdings wird das bald sein geringstes Problem sein. Als er auf Talon trifft, setzen die beiden eine Kette ungeahnter Ereignisse in Gang. Ihre Anziehung zueinander ist nicht nur verboten, sie macht Stan zur Zielscheibe. Talon gehört einer geheimen Wächterorganisation an, die einen Lamia mit mysteriösen Fähigkeiten und unbekannter Identität jagt. Erfolglos. Mit einem Doppelmord läutet Phantom schließlich den Anfang vom Ende der menschlichen Ära ein und immer mehr Menschen verschwinden spurlos. Laut einer uralten Vision soll Stan in all das verstrickt sein, dabei erfährt er von Talon zum ersten Mal von Elementbändigern und blutsaugenden Gestaltwandlern. Ob der kleine Geisterdrache, der neuerdings wie eine Klette an Stans Seite klebt, etwas mit der Sache zu tun hat? Oder die dämonische Stimme in seinem Kopf, die zunehmend von seinem Körper Besitz ergreift?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Autorin
Noch ein paar Worte ...

 

 

 

WELTENBAUM VERLAG

Vollständige E-Book-Ausgabe

05/2025 1. Auflage

 

Drachenseelensplitter – Demons within

 

© by Jenna T. Scriver

© by Weltenbaum Verlag

Egerten Straße 42

79400 Kandern

Umschlaggestaltung: © 2025 by Magicalcover

Lektorat: Emilia LaForge

Korrektorat: Mary Bee - Beebookslektorat

Buchsatz: Giusy Amé

Autorenfoto: Privat

 

ISBN 978-3-69067-005-0

 

www.weltenbaumverlag.com

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

 

 

 

 

 

JENNA T. SCRIVER

 

 

 

 

 

DRACHENSEELENSPLITTER

 

 

DEMONS WITHIN

 

 

 

 

 

 

 

 

Urban Fantasy

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für alle Träumer, die sich in den Wirrungen

der Realität verloren haben.

Für alle Kämpfer, die gerade das Licht

in der Dunkelheit nicht sehen können.

Für alle, die die Welt nicht mehr verstehen

und sich missverstanden fühlen.

 

Gebt nicht auf. Geht weiter. Schritt für Schritt.

 

Ihr seid nicht allein.

 

 

 

Playlist:

 

 

 

Numb – Linkin Park

My Playground – Onlap

Handclap – Fitz and The Tantrums

The Phoenix – Fall Out Boy

Chasing Shadows – Imminence

Suicide Note - Jurrivh

Hymn for the Weekend – Coldplay

Krwlng (Mike Shinoda Reanimation) – Linkin Park, Aaron Lewis

Yours – Dynazty

Runnin‘ – Adam Lambert

Let It Burn – Citizen Soldier

Erase - Imminence

Moments Before the Storm – Poets of the Fall

Resistance – Muse

In the End – Linkin Park

What Have You Done – Within Temptation, Keith Caputo

Wellerman – Nathan Evans, 220 Kid

Not Strong Enough – Apokalyptica, Brent Smith

Fall Eternal – Black Veil Brides

What I‘ve Done – Linkin Park

Can You Feel My Heart – Bring Me The Horizon

Endless War – Within Temptation

Catch Me If You Can – Eurielle

 

 

1

 

(K)ein gewöhnlicher Samstagabend

 

Stan

 

 

»Wie überraschend – ich bin der Erste.« Grinsend werfe ich einen Blick auf die Uhr. Noch eineinhalb Stunden, bis es losgeht.

»Hmpf, genau genommen bist du das Letzte, du elendiger Bastard«, blafft der Dämon in meinem Kopf angewidert. Ein diffuses Brennen in meiner Brust ist die Reaktion darauf.

Kann er nicht mal die Klappe halten?

Mit einem Seufzen schiebe ich mein Smartphone zurück in die Hosentasche.

Einfach ignorieren.

Ich ziehe die laue Sommerabendluft tief in meine Lunge und schließe die Tür meines Ford Mustangs mit sachtem Schwung. Mein bester Freund schlüpft bereits aus der Haustür, da habe ich noch nicht einmal einen Fuß in den Hof gesetzt. Er schließt in gewohnter Manier sorgfältig ab, trabt die Stufen herunter und kommt auf mich zu. Die naturroten Haare trägt er zur Seite gestylt. Neben seinen grünen Augen zeigen sich die vertrauten, feinen Lachfältchen, als sich seine Lippen zu einem breiten Grinsen verziehen.

»Wurde aber auch mal Zeit, dass du hier aufkreuzt!« Gayle boxt mir gegen den Oberarm und schließt mich in eine feste Umarmung. Noch bevor ich etwas erwidern kann, schiebt er mich zurück auf den Garagenvorplatz.

Seine Ungeduld amüsiert mich, denn sie kann nur eines bedeuten. »Lass mich raten – wir müssen nochmal los, weil du Held mal wieder zu wenig Alkohol gekauft hast?«

»Das würde mir doch niemals passieren! Ich hab nur Spirit vermisst.«

Er tätschelt das mattschwarze Dach meines Mustangs und streckt mir die geöffnete Handfläche entgegen.

Alles wie immer.

Ich überlasse ihm meinen Schlüssel und muss schmunzeln, als er dreimal mit dem Hintern über dem Fahrersitz wackelt und sich schließlich mit einem hochzufriedenen Seufzen hineinsinken lässt. Da er das Haus seiner Eltern nach deren Auswanderung übernommen hat, kann er sich seinen Traumwagen noch nicht leisten. Deshalb nutzt er jede Gelegenheit, meinen Mustang zu fahren und ich gönne ihm diese kleinen Freuden nur zu gern.

Kaum habe ich die Beifahrertür hinter mir geschlossen, wirft er mir einen schelmischen Blick zu und zwinkert. »Aber wenn wir schon mal unterwegs sind, können wir auch im Getränkemarkt vorbeischauen – man weiß ja nie, wer noch alles unangemeldet kommt.«

Wusste ich es doch!

»Vorher musst du mich aber über alles aufklären, was ich in meiner Abwesenheit verpasst habe. Los!«

»Alter, du warst nur drei Wochen weg!« Mein Ausruf fällt lauter als nötig aus und ich verstecke die aufkommende Sentimentalität hinter einem künstlichen Lachen.In meiner Kehle setzt sich ein Knoten fest, der verhindert, dass ich die Frage aussprechen kann, die mir auf der Seele brennt: Ist das Ergebnis des Tests positiv ausgefallen?

Wenn ja, wäre er bald deutlich länger fort.

»Na und? Irgendwas ist doch immer.« Er zieht sein linkes Bein so an, dass er seitlich sitzt, und mustert mich aufmerksam. »Die Sache mit deinem Chef zum Beispiel. Hat der sich wieder eingekriegt?«

Mit zusammengepressten Lippen schüttle ich den Kopf. »Er hat mir gekündigt. Fristlos.«

»Weil du ein nutzloser Bastard bist.« Der Hohn des Dämons feuert das Brennen in meinem Brustkorb an.

Gayle reißt die Augen auf. »Hat das Arschloch nicht ernsthaft gemacht?«

»Doch, aber das ist nichts Weltbewegendes. War doch eh alles scheiße da«, spiele ich das Ganze herunter. »Zumindest konnte ich Spirit dank der Abfindung endlich komplett abbezahlen und für die nächsten zwei Monate muss ich mir keinen Kopf um die Miete machen.«

»Ist wahrscheinlich echt besser, dass du da raus bist. Das intrigante Drama bei euch im Büro war schon fast filmreif.«

Ich zucke mit den Schultern und gebe mir einen Ruck, das anzusprechen, was ich am liebsten vollständig aus der Realität streichen würde: »Apropos weltbewegend – raus mit der Sprache! Haben sie dich akzeptiert?«

Mit verkniffenem Mund nickt er.

Gefundenes Fressen für den Dämon. »Ha, siehst du, er verlässt dich auch. Du verdienst es nicht anders, Freak. Alles wirst du verlieren, wieder und wieder.«

Der Stich in meiner Brust kommt einer Kralle gleich, die sich dunkel und kalt ins Herz bohrt. Mit Nachdruck.

Gayle drückt meine Schulter. »Ich weiß, das ist hart für dich und nicht das, was du hören wolltest, aber es ist doch nur für ein Jahr. Und vorher lassen wir nochmal ordentlich die Sau raus!«

»Ich trau dieser Studie einfach nicht. Was, wenn irgendwas schiefgeht und du als seelisches Wrack da rauskommst?«

Mein bester Freund grinst breit. »Quatsch, mach dir keinen Kopf. Mich kriegt so schnell nichts klein, weißt du doch.«

»Im Ernst, Gayle, ich mach mir Sorgen. Das ist schließlich keine Kleinigkeit. Ihr werdet in einen komplett von der Außenwelt abgeschotteten Schauplatz gebracht. Das ist wie ein verdammtes Paralleluniversum.«

Bei der Erinnerung an den Werbespot läuft es mir noch immer eiskalt den Rücken herunter. Leben nach der Apokalypse - wie würden sich Menschen in einem dystopischen Zukunftsszenario zurechtfinden?

Diese Frage wollen die Forscher beantworten, indem sie eine unbekannte Anzahl an Probanden ein Jahr lang postapokalyptischen Zuständen aussetzen und sie dabei beobachten. Alles nachgestellt, aber für die Teilnehmer als reales Abenteuer erlebbar, so heißt es. Die Studie hat eine riesige Debatte in Bezug auf ethische Vertretbarkeit nach sich gezogen, wurde aber von der Ethikkommission genehmigt - trotz etlicher kritischer Stimmen von Psychologen und Wissenschaftlern bedeutender Institute. Das hat wiederum zu heftigen Protesten geführt, die teils mit Polizeigewalt beendet werden mussten. Kurz gesagt: in meinen Augen steht die Sache unter keinem guten Stern.

»Du klingst wie Ron, als wir den Spot das erste Mal gesehen haben.« Gayle startet den Motor und strahlt wie ein kleiner Junge an Weihnachten. »Ohoho, ich liebe diesen Sound!«

»Ich hab echt kein gutes Gefühl dabei.«

»Ich versteh deine Sorge ja, aber sie ist unbegründet.« Mein bester Freund steuert den Mustang souverän rückwärts auf die kaum befahrene Straße des Wohnviertels. »Ron hat das alles genauestens unter die Lupe genommen. Wenn er sagt, dass die Studie sicher und vertrauenswürdig ist, dann glaub ich ihm das.«

Zähneknirschend muss ich ihm Recht geben – wir kennen sonst niemanden, der so penibel auf Sicherheit bedacht ist wie unser kleiner Nerd.

Ungerührt fährt Gayle fort: »Und ich hab ja nicht umsonst unzählige Eignungstests hinter mich gebracht, um sicherzustellen, dass ich körperlich fit und im Kopf stabil genug bin, um das auszuhalten. Außerdem wird man permanent psychologisch betreut. Die werden das schon nicht so dramatisch gestalten, dass man ernsthaft Schaden nimmt.«

»Aber da ist die Rede von übernatürlichen Kreaturen, die aus der Apokalypse hervorgegangen sein sollen und euch bedrohen werden!« Die Argumentation klingt selbst in meinen eigenen Ohren lahm.

»Das sind doch auch nur Darsteller, die ihren Job machen. Wir haben die sogar getroffen, ganz normale Menschen.« Er zuckt lässig mit den Schultern. »Das ist wie ein Spiel. Sie werden uns nichts tun und wenn man das im Hinterkopf hat, dann ist das alles eher wie eine sehr ausgiebige Runde Lasertag oder Real-Life-Battlefield oder so. Da geht man auch voll in seiner Rolle auf, weiß aber gleichzeitig, dass nichts eine reale Bedrohung darstellt. Du machst dir umsonst einen Kopf, okay?« Mit gerunzelter Stirn sieht er mir in die Augen und wartet mein zögerliches Nicken ab, ehe er seine Aufmerksamkeit auf die Straße richtet und Gas gibt. »Maren freut sich auch schon riesig drauf, sie findet das auf verquere Art und Weise romantisch. Allein deswegen kann ich keinen Rückzieher machen, verstehst du? Ich will sie nicht verärgern und der Gedanke, sie ein Jahr lang nicht zu sehen, wenn sie gehen würde und ich nicht, ist irgendwie unerträglich.«

Aber mich ein Jahr lang nicht zu sehen ist okay?

Stoisch ertrage ich den fiesen Stich in der Brust und schlucke das miese Gefühl herunter. Die Frage wäre nicht fair. Er wollte mich dabeihaben, ich habe mich dagegen entschieden.

»Der Fluch der frisch Verliebten«, murmle ich. Zum Glück hat mich diese Bürde mit meinen vierundzwanzig Jahren bislang nicht getroffen.

Gayle lacht. »Du und dein kaltes, liebloses Herz.«

»Ey, aber ich liebe doch dich!« Scherzhaft verleihe ich meiner Stimme übertriebene Dramatik und ergänze trocken: »Nur eben nicht im romantischen Sinne.«

»Na, zum Glück!«

Schwer seufzend reibe ich mir über das Gesicht. Der bevorstehende Abschied lässt meine Laune wie einen Stein im Wasser in die Tiefe sinken.

»Wann geht euer makabres Experiment los?« Damit ich mich seelisch darauf vorbereiten kann ...

Gayle kratzt sich am Hinterkopf und stoppt an einer Kreuzung mit abknickender Vorfahrtsstraße. »Am Montag.«

»Diesen schon?«

Er nickt mit ernster Miene. »Diesen schon.« Sein Gesicht hellt sich auf und er strubbelt mir durch die Haare, bis sie mir in dicken Strähnen vor den Augen hängen. »Deswegen sorgen wir dafür, dass dieses Wochenende das unvergesslichste Wochenende aller Zeiten wird, aye?«

Mit einem abrupten Kopfschütteln bringe ich meinen eigenwilligen Haarschopf wieder halbwegs in Ordnung und brumme missmutig. »Aye, na schön.«

»Hey, sei nicht so ein Miesepeter.« Gayle boxt mir gegen den Oberarm. »Wir sollten uns davon wirklich nicht die Stimmung verhageln lassen, okay? Nicht heute. Heulen können wir am Montag noch. Also kannst du aufhören, so eine deprimierte Schnute zu ziehen?«

Tief hole ich Luft und entlasse sie geräuschvoll wieder. »Okay. Aber nur, weil du’s bist.«

»So gehört sich das! Und ich weiß genau, was deiner guten Laune wieder auf die Sprünge hilft.« Sein schiefes Grinsen bringt meine Mundwinkel automatisch dazu, sich zu heben.

Statt auf der Hauptstraße geradeaus Richtung Innenstadt zu fahren, biegt er ab.

Das Ortsschild von Nortree zieht nach etwa hundertfünfzig Metern an uns vorbei und Gayle drückt das Gaspedal durch. Der Mustang macht einen Satz nach vorne, ich drehe die Musik lauter und wir nicken synchron im Takt zu »My Playground« von Onlap.

Ihm zuliebe verbarrikadiere ich die Gedanken an ein Morgen ohne ihn in den hintersten Winkel meines Bewusstseins. Wir johlen gemeinsam mit dem aufheulenden Motor und ich halte meine Hand aus dem geöffneten Fenster. Der Fahrtwind strömt kühl zwischen meinen Fingern hindurch und drückt meinen Arm immer stärker gegen den Rahmen.

»Wenn da irgendwo ein Blitzer steht, zahlst du«, rufe ich über das Rauschen und die laute Musik hinweg.

Gayle klopft mir auf die Schulter. »In der dystopischen Zukunft gibt es leider kein Geld mehr. Sorry, not sorry.«

Ach, fuck.

Damit er nicht merkt, wie meine Mundwinkel wieder absacken, starre ich aus dem Fenster.

Die zweispurige Straße, die zu den höher gelegenen Klippen führt, ist frisch saniert und demnach noch nicht von Schlaglöchern zerfressen. Sie eignet sich perfekt, um den Mustang zumindest für wenige Meilen zu fordern. Sobald der Ausbau endet, drosselt Gayle vernünftigerweise das Tempo, weil sie in die alte Single-Track-Road übergeht. Zwar sind hier auch sechzig Meilen pro Stunde erlaubt, aber so weit zu beschleunigen lohnt sich kaum. Zu oft muss man an Ausweichstellen anhalten, um entgegenkommende Fahrzeuge vorbeizulassen, oder vor uneinsichtigen Kurven abbremsen, weil sich dahinter Schafe auf der Fahrbahn befinden könnten. Damit muss man auf der Isle of Skye immer rechnen, aber heute beäugen uns die Tiere nur von den Hügeln neben der Straße.

Zu unserer Linken liegt Nortree, eingebettet in ein kraterförmiges Tal. Rechts von uns erstrecken sich weitläufige, mit Felsen gespickte Wiesenflächen und an manchen Stellen ist das Meer hinter den hohen Klippen zu sehen. Vereinzelt zweigen schmale, erdige Feldwege ab, die die Hochebene wie Adern durchziehen.

»Genieß nur diesen unbeschwerten Moment«, säuselt mein Dämon. »Die Dunkelheit wartet schon.«

 

2

 

Dämon, Dreads und DrachengrützeStan

 

 

Ein paar Stunden später füllen unzählige Leute Gayles Wohnzimmer. Die meisten davon tanzen zu den Beats, die Cem ihnen serviert. Seine dunklen Haare stecken unter einem weißen Bandana mit schwarzen Mustern. Er wippt mit dem ganzen Körper im Takt und seine braunen Augen strahlen – an den Drehtellern und unzähligen Knöpfen geht er voll auf. Ich lehne neben ihm an der Wand, mein drittes Glas Whisky in der Hand. Oder ist es schon das Vierte? Mein Dämon schweigt und ich genieße die Stille in meinen Hirnwindungen, das wattierte Gefühl durch den Alkohol.

Gayle legt mir den Arm um die Schultern und reißt mich zu sich. Da er einen guten Kopf kleiner ist als ich, gerate ich dadurch in Schieflage.

»Guck mal da!«, brüllt er mir ins Ohr und deutet in die Menge der Tanzenden. Der Whisky in seiner Hand schwappt dabei über, was ihn nicht zu stören scheint. »Wie die Mädels tanzen. Ich glaub, Joleen will dich eifersüchtig machen.«

Mein Blick zuckt nur flüchtig zur Blondine, die sich irgendeinem hochgewachsenen Kerl an den Hals schmeißt.

»Tja, klappt nicht.« Schulterzuckend lasse ich meinen Blick weiterschweifen. Ron steht etwas abseits und nippt an seiner Cola. Seine schwarzen Locken hängen ihm so weit ins Gesicht, dass sie seine Augen hinter den Brillengläsern fast verdecken. Dennoch ist es offensichtlich, dass er Joleen beobachtet. »Zumindest nicht bei mir.«

»Aye, das ist alles bisschen blöd gelaufen, was?« Gayle gestikuliert ausladend, wodurch er noch mehr verschüttet. »Du hättest sie auf meiner Geburtstagsfeier nicht küssen sollen, dann würde sie sich jetzt keine Hoffnungen machen.«

»Sie hat mich geküsst«, stelle ich richtig. Ich nehme einen großen Schluck Whisky, spüre dem Brennen in meiner Kehle und der sich ausbreitenden Wärme in meinem Bauch nach. »Außerdem war ich nicht Herr meiner Sinne.«

Eigentlich weiß er, dass damals irgendein Vollidiot willkürlich Drogen in Getränke gemischt hat. Aber er ist inzwischen gut betrunken, weshalb ich ihm die vorübergehende Wissenslücke nicht krummnehme.

»Aber du hast sie zurückgeküsst. Ziemlich lang.« Er klopft mir fest auf die Schulter. »Das meine ich.«

»Ey, Jungs!«, unterbricht Cem meinen Ansatz, etwas erwidern zu wollen. Er legt sich die voluminösen Kopfhörer um den Nacken und grinst uns breit an, was die Grübchen an seinen Wangen zum Vorschein bringt. »Unsere Tradition steht in den Startlöchern und scharrt mit den Hufen. Wer holt den Nerd?«

»Schon auf dem Weg«, flötet Gayle und tänzelt davon. Auf der Tanzfläche stiehlt er sich zunächst einen Kuss von seiner Freundin. Einen sehr ausgiebigen. Cem und ich wechseln einen vielsagenden Blick.

»Hoffen wir mal, dass sie ihn nicht derart um den Verstand küsst, dass er den bedeutendsten Punkt des Abends vergisst.« Mit verschränkten Armen schielt er auf den Laptopbildschirm. »Er hat noch dreißig Sekunden.«

Als hätte Gayle ihn gehört, löst er sich von Maren und packt Ron am Arm. Der stolpert hinter ihm her und sobald Gayle ihn neben uns loslässt, rückt er mit empörter Miene seine Brille zurecht.

»Ein Wort hätte gereicht. Ich kann nämlich auch alleine gehen.« Er nippt an seiner Cola und stellt sie grummelnd zu unseren Getränken auf die Fensterbank.

Cem zaubert einen fließenden Übergang zu »Handclap« von Fitz and The Tantrums, legt seine Kopfhörer beiseite und scheucht uns in Position.

Unsere Performance ist seit Jahren Tradition auf jeder Party. Cem hat uns die Choreo aufgedrängt, die er während seiner Ausbildung mit dem Zumbakurs einstudiert hat. Aus anfänglicher Skepsis ist schnell Spaß geworden und mir ist es längst nicht mehr peinlich, von betrunkenen Partygästen beäugt zu werden. Das bleibt natürlich auch diesmal nicht aus und prompt fühlt es sich an, als wären wir aus Versehen ins Set eines Tanzfilms gestolpert.

Cem bringt mit der selbstverständlichen Lässigkeit eines professionellen Hip-Hop-Tanzlehrers freie Interpretationen ein – aber nicht, ohne uns damit zu irritieren. Ron tanzt im Kontrast dazu mit der Anmut eines defekten Roboters und dem Rhythmusgefühl einer Zimmerpflanze – aber zumindest hält er sich an die Choreo. Gayle und ich singen den Song wie immer voller Inbrunst mit. Unsere ausladenden Armbewegungen sehen garantiert lächerlich aus und nach dem dritten, groben Choreo-Patzer mit nachfolgender Verwirrung haken wir uns beieinander unter, hüpfen im Kreis und klatschen an den entsprechenden Stellen. Das alles erstaunlicherweise, ohne alkoholbedingt umzufallen.

Das Lied endet für meinen Geschmack zu schnell und ich kann die Traurigkeit nicht deckeln, die mich schlagartig ergreift.

Das war dann wohl das letzte Mal für lange Zeit.

Maren wirft sich meinem besten Freund quietschend um den Hals und reißt mich aus den trüben Gedanken. Zu meinem Unwillen macht Joleen bei mir dasselbe.

»Wir haben uns noch gar nicht richtig begrüßt!«, brüllt sie mir ins Ohr. Ihr süßes Parfüm steigt mir in die Nase.

Ich brumme eine Zustimmung und tätschle ihr hölzern den Rücken. Normalerweise veranlasst sie das dazu, die Umarmung zu beenden. Heute allerdings schmiegt sie sich noch ein Stück enger an mich und seufzt wohlig.

Vergräbt sie gerade ernsthaft ihre Nase an meiner Halsbeuge?

»Ihr seid ja schon echt süß, wenn ihr tanzt.«

Ihr Kichern kann ich nicht hören, aber spüren. Und dann landen ihre Lippen plötzlich an meiner Wange.

Wie viel zur Hölle hat sie getrunken?

Für gewöhnlich respektiert sie meine Grenzen – keine zu langen Umarmungen und erst recht keine weiteren Küsse. Darum hatte ich sie am Tag nach dem Malheur auf Gayles Geburtstagsparty gebeten. Mit dem Zusatz, dass ich Zeit brauche. Seitdem schiebe ich den Moment, in dem ich ihr das Herz endgültig brechen werde, feige vor mir her.

Entschieden drücke ich sie von mir weg und trete gleichzeitig einen Schritt zurück. Aus großen Augen sieht sie zu mir auf, verzieht schmollend den Mund.

»Dein Parfüm ist echt heftig«, erkläre ich ausweichend.

»Und deine Feigheit ist wirklich erbärmlich«, spuckt mir der Dämon entgegen.

»Heftig gut oder heftig schlecht?« Fragend legt Joleen den Kopf schief.

»In erster Linie heftig süß – beißt sich mit dem Whisky.« Ich greife nach meinem Glas und stürze den letzten Schluck hinunter.

Zeit für Nachschub.

Genau das will ich ihr mitteilen, da verlangsamt sich der Rhythmus des laufenden Songs und geht fließend in »Wellerman« von Nathan Evans über. Geschätzte zwei Sekunden später hängt Gayle mit einem Arm um meinen Nacken.

Perfektes Timing.

Arm in Arm hüpfen wir neben dem DJ-Pult herum und grölen den Song aus Leibeskräften mit. Ganz sicher steigt in ihm gerade dieselbe Erinnerung auf.

 

Wir lagen gemeinsam in seinem breiten Bett, um das ich ihn immer heimlich beneidet hatte. Die Bettdecke duftete herrlich frisch, nicht so muffig wie meine meistens. Ich kuschelte mich tiefer in das weiche Kissen und lauschte der Bariton-Stimme seines Großvaters.

Er erzählte uns Geschichten von seiner Zeit als Touristenführer. Er hatte ein historisches Segelschiff besessen und damit Interessierte an den schottischen Küsten entlang geschippert, an Burgen und Leuchttürmen vorbei. Sightseeing mit alten Seemannsgeschichten, inklusive gesungener Shantys und Whisky. Er hatte seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Jede Geschichte hat er uns schon mindestens einmal erzählt, aber das machte nichts, wir hingen auch dieses Mal wie gebannt an seinen Lippen.

Er endete wie immer damit, uns eines der alten Seemannslieder vorzusingen. Dann ließ er uns allein, in meinem Bauch das geborgene Gefühl eines Zuhauses, ohne zu ahnen, dass es das letzte Mal gewesen sein sollte.

 

Sein unerwarteter Tod hat uns alle aus der Bahn geworfen. Er hat bei einer Segeltour einen Herzinfarkt erlitten, der Notarzt ist machtlos gewesen. Gayles Opa hat stets ein Amulett als Glücksbringer um den Hals getragen, das mein bester Freund wie einen kostbaren Schatz hütet. Da er fürchtet, die Risse im Glas über dem ins Metall gestanzten Drachen könnten sich weiter ausbreiten, trägt er es nicht als Kette. Stattdessen liegt es in einer passwortgeschützten Panzerglasvitrine in seinem Schlafzimmer.

Das letzte Shanty, welches Grandpa Southgate für uns gesungen hat, war dieses. Cem spielt es gern, wenn er auflegt. Einerseits, weil die Leute es seit der weltweiten Pandemie feiern und andererseits, weil er weiß, wie viel es Gayle und mir bedeutet. Er klinkt sich in unser Gehüpfe ein, bis er den Übergang zum nächsten Stück vorbereiten muss.

»Ich hol mir Whiskynachschub. Brauchst du was aus der Küche?«, rufe ich in Gayles Ohr.

Er schüttelt lächelnd den Kopf und wird von Maren in Beschlag genommen. Ich zucke heftig zusammen, als Joleen unvermittelt vor mich springt. Ihre Anwesenheit habe ich tatsächlich für einen Moment vergessen.

»Tanzen?« Sie legt wieder fragend den Kopf schief.

Mit möglichst bedauerndem Blick deute ich auf mein Glas. »Das hat Priorität.«

»Bringst du mir Erdbeerlikör mit? Ist im Kühlschrank.«

Ergeben nicke ich und wende mich ab.

Ob sie es wohl darauf anlegt, die Sache mit dem Kuss zu wiederholen?

Ich hoffe nicht.

»Hab dich nicht so! Eine Entjungferung kann in deinem Alter echt nicht schaden«, höhnt der Dämon in meinem Kopf und ich spüre seine Schattenfinger gefährlich nah unter der Oberfläche. »Auch wenn es verwunderlich ist, dass so eine Schönheit wie sie ausgerechnet so einen erbärmlichen Freak wie dich will.«

Ich stemme mich gegen seine Präsenz. Versuche, ihn beiseitezuschieben. Zu ignorieren. Manchmal klappt das.

Heute nicht.

Der Weg in die Küche kommt mir durch das Gedränge endlos weit vor. Mit jedem Rempler gewinnt der Dämon mehr an Macht, ohne ersichtlichen Grund. Der Druck in mir steigert sich, das Chaos und der düstere Nebel im Hirn nehmen zu, ebenso das Rauschen in meinen Ohren. Meine Sicht verschwimmt.

Nein! Nicht jetzt, verdammt!

Die Milchglastür der Küche taucht wie ein Rettungsring vor mir auf. Hektisch taste ich nach der Türklinke und rette mich in den leeren Raum. Fahrig drehe ich mein ledernes Armband hin und her. Der vertraute Schmerzreiz am Handgelenk hält mich in der Gegenwart. Endlich zieht sich der Dämon zurück und gibt mir meine Sinne wieder.

Puh, das war knapp.

Eine Party ist der denkbar schlechteste Ort für eine Dämonenattacke. Nach ein paar tiefen Atemzügen reibe ich mir übers Gesicht und öffne den Kühlschrank. Erschreckende Leere gähnt mir entgegen. In der letzten Flasche Erdbeerlikör ist nicht einmal mehr ein Viertel übrig und der Whiskybestand ist beachtlich gesunken. Ich gieße mir mein Glas randvoll, nippe direkt einen großen Schluck weg, schnappe mir den Likör und mache mich auf den Weg zurück. Widerwillig. Am liebsten würde ich unbemerkt durch die Haustür verschwinden und Joleen einfach aus dem Weg gehen.

»Lauf nur weg, wie ein Feigling. Passt zu dir«, giftet der Dämon.

Zurück im Wohnzimmer verdüstert sich mein Sichtfeld erneut.

Dachte ich ernsthaft, die Mini-Attacke vorhin wäre alles gewesen?

Ich sollte es inzwischen besser wissen. Wie eine schwarze Vignettierung bei einem Bild zieht sich die Finsternis um mein Bewusstsein zusammen. Der Dämon verfällt in geisterhaften Singsang, von dem ich kein Wort verstehe, der aber meine Nerven unangenehm zum Sirren bringt. Mein Puls schießt in die Höhe. Verbissen suche ich einen Fixpunkt am anderen Ende des Raumes. Die Terrassentür. Mit gepresster Atmung zwinge ich mich zum nächsten Schritt. Meine Hände werden taub. Sicherheitshalber klemme ich mir Flasche und Glas zwischen Arm und Oberkörper. So fest, dass ich mich auf den Schmerzreiz am Rippenbogen konzentrieren kann. Die Schattenfinger schieben sich gnadenlos in mein Bewusstsein vor. Die Finsternis in mir kippt alle Empfindungen, lässt mich innerlich fallen.

Einatmen. Ausatmen. Weiter, einfach weiteratmen.

Und weiterlaufen. Weg von hier. Ein Fuß vor den anderen. Der Boden scheint zu schwanken wie das Deck eines Schiffes auf hoher See. Meine Augen zucken umher, auf der Suche nach dem Weg mit dem geringsten Widerstand. Dunkle Wirbel erschweren mir die Sicht. Jeder Rempler zerrt an meinen überreizten Nerven, als wären sie zu stramm gespannte Gitarrensaiten, die zu reißen drohen.

Ich höre nichts mehr, nur noch Rauschen und ein hohes, unrhythmisches Fiepen. Um an der Oberfläche zu bleiben und die Kontrolle nicht vollständig zu verlieren, rezitiere ich einen Songtext. »Numb« von Linkin Park. Kein Song passt besser zu diesen Momenten. Er begleitet mich schon so lange wie der Dämon selbst. Mehrfach gerate ich ins Stocken und muss neu ansetzen, da das Chaos in meinem Kopf kaum Raum zum Klardenken übriglässt.

So unvermittelt die Attacke begonnen hat, so plötzlich ist sie vorbei. Der Druck schwindet, das Rauschen weicht den Partygeräuschen und meine Sicht wird wieder klar. Ein Windstoß mit dem Duft nach schottischer Sommernacht streift mein Gesicht – ich stehe direkt vor der geöffneten Terrassentür. Kurzerhand trete ich ins Freie, um ein paar Minuten durchzuatmen. Joleen kann warten.

Um das Gefühl in meine Hand zurückzubringen, forme ich mehrmals hintereinander eine Faust. Kaum bin ich mir sicher, dass mir das Glas nicht direkt aus den Fingern rutscht, fische ich es aus meiner Ellenbeuge und trinke. Bis das Brennen in meiner Kehle auch den letzten Rest Finsternis vertrieben hat.

Ich registriere gerade noch, dass zu meiner Rechten eine Gruppe zu »The Phoenix« von Fall Out Boy ausgelassen abgeht. Das Whiskyglas noch an meinen Lippen werde ich so hart angerempelt, dass ich mehrere Schritte zur Seite taumle und dabei über meine eigenen Füße stolpere. Zu meinem Erstaunen finde ich mein Gleichgewicht wieder, ohne zu fallen. Die Flasche Erdbeerlikör hat da weniger Glück – sie rutscht aus meiner nur noch unzureichenden Umklammerung und zerschellt zu meinen Füßen.

Das genügt unter den gegebenen Umständen, um meine Nerven mit mir durchgehen zu lassen. Mit verengten Augen wende ich mich dem Saufkopf zu.

»Na, herzlichen Dank auch, du Volltrottel. Du hast gerade den letzten Rest Erdbeerlikör eliminiert. Kannst du nicht aufpassen, wo du deine Quadratlatsch –« Irritiert breche ich ab und starre die nackten Füße auf der anderen Seite der penetrant nach Erdbeeren und Wodka riechenden Likörlache an. »Äh ...«

Wie filigran die sind und ... was zur Hölle?

Für gewöhnlich bin ich kein Fußfetischist, woran ich mich energisch zu erinnern versuche. Mit mäßigem Erfolg.

»Hinsetzt?«, hilft mir der Kerl auf die Sprünge – mit spöttischem Unterton und britischem Akzent. Ich habe wohl definitiv ein paar Gläser Whisky zu viel intus, denn seine helle Stimme mit dem rauen Klang verpasst mir augenblicklich Gänsehaut.

»Äh ... was?« Wenig geistreich.

Ich blinzle ihn an. Seine Augen funkeln geheimnisvoll in der farbigen Partybeleuchtung, nur ihre Farbe kann ich nicht definieren. Mich durchzuckt ein Funke, der sich wie Vertrautheit anfühlt. Als würden wir uns kennen. Dabei bin ich mir sicher, ihm noch nie begegnet zu sein.

Nortree ist eine kleine Stadt. Die Isle of Skye eine dünn besiedelte Insel. Wenn man sein ganzes Leben hier verbringt, kennt man jedes Gesicht. Und seines hätte das Zeug dazu, in Hollywood als gutaussehender Hauptdarsteller gecastet zu werden und ist damit einprägsam genug, um selbst mir aufzufallen.

»Du wolltest mich fragen, ob ich nicht aufpassen kann, wo ich meine Quadratlatschen hinsetze.« Er verschränkt die Arme und eine seiner Augenbrauen zuckt ein Stück höher.

»Äh – aye.« Ich muss mich räuspern und erinnere mich wieder vage an die gefallene Flasche Erdbeerlikör. Und daran, dass ich eigentlich sauer bin. »Das war der letzte Rest.«

Er hantiert an seinem Hinterkopf herum, woraufhin dünne Dreadlocks über seine Schultern fallen, die ihm bis zur Mitte der Brust reichen. Hellbraun oder dunkelblond und mit vereinzelten dunklen Kugeln und Ringen verziert.

»Oh, das tut mir leid.« Danach klingt sein sarkastischer Tonfall so gar nicht. »Kommst du seelisch damit klar, heute keinen Erdbeerlikör mehr zu schlürfen?«

»Der war nicht für mich.« Da ich seinen intensiven Blick nicht länger ertrage, widme ich meine Aufmerksamkeit seiner Kleidung.

Eine weite, dunkle Stoffhose mit tiefgenähtem Schritt, die Hosenbeine bis knapp unterhalb der Knie aufgerollt. Um den Hals trägt er eine lange Kette aus geflochtenem Leder, deren Anhänger hinter einem hellen Leinenoberteil verborgen liegt. Mit diesem Hippie-Outfit sticht er aus der Masse heraus wie eine Leuchtreklame inmitten einer Schafherde, die ihrem Betrachter in Neonfarben entgegen brüllt, dass sie hier nicht hingehört.

»Ah, verstehe. Für deine Prinzessin?«

Was ist das denn für ein Idiot?

»Soll sie halt was anderes trinken. Geht dich aber eigentlich gar nichts an«, erwidere ich schroff. Dummerweise mache ich den Fehler, ihm erneut in die Augen zu sehen.

Aus unerfindlichen Gründen hüpft mein Herz in meiner Brust umher wie ein hyperaktives Kaninchen auf Speed. Und dann rammt mich erneut jemand. Oder nein, eher etwas. Es trifft mich nur auf Höhe des Brustkorbs. Und genau genommen rempelt es mich auch nicht nur an. Es gleitet durch meinen Körper hindurch, wie ... ein Geist, der nicht rechtzeitig bremsen konnte. Die Kollision höre ich eher als Nachhall in mir, als sie wirklich zu spüren. Wie ein kurzer Tinnitus, nur in einer niedrigen Frequenz.

Was zur Hölle?

Das Geräusch erzeugt sogar ein Echo in meinen Ohren. Wobei ... kann man etwas überhaupt Geräusch nennen, das nur in einem selbst existiert?

Himmel, ich sollte weniger trinken.

Dunkler Nebel schraubt sich spiralförmig hinter dem Kerl in die Höhe, formt sich zu einem ... Drachen? Im Miniaturformat. Nicht größer als eine Maine-Coon-Katze, dafür nicht einmal im Ansatz so materiell. Er schüttelt den Kopf und sieht sich mit rötlich schimmernden Augen um, als wäre er eben aus einem tiefen Schlaf erwacht.

Fuck, hat schon wieder irgendwer Drogen in meinen Whisky gemischt?

Ich blinzle einige Male, aber der Drache bleibt, wo er ist. Er schwebt in der Luft wie ein Heliumballon, die kleinen Flügel nur nachlässig im Gebrauch, und mustert mich neugierig. Seine durchscheinende Gestalt ist im stetig wechselnden Licht der Partybeleuchtung mal besser, mal schlechter zu erkennen. Als wäre er tatsächlich ein dunkler Geist. In jeder Hinsicht unrealistisch.

Aye, ich sollte dringend auf Wasser umsteigen.

»Tschüss«, presse ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Hastig schiebe ich mich an Mr. Dreadlocks vorbei.

Bloß weg von dem Kerl und dieser eingebildeten Drachengrütze.

Im Wohnzimmer schlägt mir stickige Luft entgegen, bunte Lichtpunkte tanzen wild über Boden und Wände. Von Joleen ist zu meiner Erleichterung nichts zu sehen. Ich kämpfe mich durch die Menge zum DJ-Pult, wo Gayle neben Cem steht und mit den Beleuchtungseffekten spielt.

»Ey Bro, sag mal, kennst du diesen Hippie?«, schreie ich über den dröhnenden Bass hinweg.

Warum auch immer mich das überhaupt interessiert.

»Welchen Hippie?« Er legt die Stirn in Falten.

Ich deute zur Fensterfront. »Na, den da draußen mit den Dreadlocks und den seltsamen Klamotten.«

Er reckt sich und schüttelt den Kopf. »Nö, vermutlich einer der ungeladenen Gäste.«

»Ist ja auch egal.« Eine Weile starre ich auf die Kreise, die sich an den Wänden in wilden Spiralen umeinanderdrehen. »Der Kühlschrank ist übrigens ein Trauerspiel, soll ich Nachschub holen?« Innerlich klopfe ich mir selbst für diesen Einfall auf die Schulter.

»Wenn du Bock hast, zum Supermarkt zu laufen, nur zu.«

Nicht unbedingt, aber so kann ich Joleen aus dem Weg gehen.

Dummerweise meint es Murphys Gesetz nicht gut mit mir und ich laufe ihr im Garten regelrecht in die Arme.

»Da bist du! Ich hab dich schon gesucht. Wo ist denn der Erdbeerlikör?« Sie mustert mich mit schiefgelegtem Kopf und verschränkten Armen.

Seufzend deute ich auf die entsprechende Stelle, die man vor lauter Schuhen drum herum kaum noch sieht. »Tritt sich vermutlich gerade fest.«

»Ach nein, ernsthaft?«

Ich zucke mit den Schultern. »Bin schon unterwegs, um Nachschub für den Kühlschrank zu holen. Ich bring dir wieder eine neue Flasche mit, okay?«

Sie spitzt die Lippen und verzieht sie erst nach links, dann nach rechts. »Okay. Was hältst du davon, wenn ich einfach mitkomme und dir tragen helfe?« Meine Antwort wartet sie gar nicht erst ab, sondern hakt sich enthusiastisch bei mir unter und zieht mich den Weg Richtung Gartentor entlang.

Kurz davor hält sie doch nochmal inne.

»Warte, ich hol mir eben noch meine Jacke.«

Entnervt verdrehe ich die Augen und gehe ein paar Schritte weiter, nur um abrupt stehenzubleiben, als mein Blick auf nackte Füße trifft.

»Sieht so aus, als wäre deine Prinzessin nicht mit einem anderen Drink einverstanden, was?« Mr. Dreadlocks lehnt an der Eiche, die uns früher zum Klettern gedient hat. Die Hände in den Hosentaschen, das schiefe Lächeln im Gesicht.

Und mein Herz macht einen Satz, erhöht seine Schlagzahl beträchtlich. Ein Umstand, der mich hoffnungslos überfordert.

»Hast du nicht genug eigenen Dreck, um den du dich kümmern kannst?«, blaffe ich ihn an.

Seine Augenbrauen wandern in die Höhe. »Die Kleine ist für dich nur Dreck?«

Ich presse die Kiefer aufeinander und schüttle den Kopf. Es ist vielleicht nicht meine klügste Idee, aber ich pfeife auf Joleen und marschiere schnurstracks auf das Gartentor zu. Hauptsache weg von diesem Idioten.

»Also ein Gentleman lässt eine Frau jedenfalls nicht einfach stehen.« Seine Stimme klingt so viel näher, als sie sollte.

Läuft er mir etwa nach?

Wütend fahre ich herum.

»Was juckt’s dich, Mann? Vielleicht hab ich einfach keine Lust, ihr Gentleman zu sein, weil sie mir tierisch auf den Sack geht. Halt dich aus Angelegenheiten raus, die dich nichts angehen und verpiss dich! Ich brauch keine Tipps von einem dahergelaufenen ...« Mir will keine schlagfertige Beleidigung einfallen und ich gestikuliere einen viel zu langen Moment unschlüssig mit der Hand vor seinem Gesicht herum. »Klugpisser-Hippie.«

Seine Miene nimmt amüsierte Züge an. »Das arme Mädchen.«

»Du kannst sie ja trösten und ihr Held für heute Nacht werden. Oder noch besser – direkt ihr Traumprinz für’s Leben, wie wär’s?« In einer gönnerhaften Geste breite ich die Arme aus. »Gern geschehen.«

»Trösten krieg ich hin, beim Rest muss ich passen. Ich steh nicht auf Frauen.«

»Was auch immer, Mann.« Genervt verziehe ich das Gesicht zu einer Grimasse und haste davon, bevor er mich ein weiteres Mal aufhalten kann.

 

3

 

Zeitverschwendung

 

Talon

 

 

Crap, ich hätte gehen sollen, als Prince Charming durch das Tor gestürmt ist.

Stattdessen stehe ich wie ein Pfosten in der dunkelsten Ecke des Gartens und rühre in einem Gin Tonic. Das perfekte Mittel, um aufgewühlte Nerven zu beruhigen – und das ist nach dieser Begegnung dringend nötig. Eigentlich habe ich mir vorgenommen, mein Glas wäre leer und ich verschwunden, bis er wieder auftaucht.

Den Gin Tonic auch zu trinken, hätte dabei sicher geholfen.

Verärgert nehme ich einen ersten großen Schluck durch den Glasstrohhalm und beobachte Prince Charming. Mit vier prall gefüllten Stofftaschen bepackt und einem kleinen, dunkelhaarigen Lockenkopf im Schlepptau stapft er über den Rasen an einer Menschenansammlung auf dem Weg vorbei. Die Blondine von vorhin versperrt ihm auf Höhe des Pools mit in die Hüfte gestemmten Händen den Weg. Seine Worte kann ich nicht verstehen, ihre hingegen übertönen sämtliche anderen Geräusche.

»Steck dir den Scheißlikör dahin, wo die Sonne nie scheint! Warum hast du nicht auf mich gewartet? Seit wann ziehen wir so eine Scheiße miteinander ab?«

Im Garten wird es merklich stiller, was sie jedoch nicht daran hindert, sich weiter in Rage zu reden. Und ich gaffe wie ein drittklassiger Paparazzo den einzigen Mann auf diesem Planeten an, den ich nie wiedersehen wollte. Als wäre er eine Droge und ich nach nur zwei kurzen Wortwechseln abhängig.

Sein Gesicht ist kantiger als bei unserer ersten Begegnung, sein Blick wirkt distanzierter. Mit zusammengepressten Lippen lässt er den Ausbruch der Blonden über sich ergehen.

»Es tut mir leid, das hatte nichts mit dir zu tun, ehrlich. Ich ... musste einen Moment allein sein.«

Er lügt.

Ein völlig irrelevanter Gedanke, diese Angelegenheit geht mich nichts an. Ich sollte also nicht in seinen Emotionen herumschnüffeln und Lügendetektor spielen.

»Allein? Du musstest allein sein?! Genau! Deswegen kommst du jetzt auch mit Ron wieder. Dein Ernst? Für wie blöd hältst du mich?«

Er reibt sich fahrig übers Gesicht.

»Ron ist einfach mitgekommen.«

Wieder eine Lüge.

Und ich sollte endlich meinen Sentimentsinn zurückziehen!

Ein kaltes Auflachen ihrerseits. »Mhm, klar. Ron ist ja so ein rücksichtsloser Kerl, der natürlich niemals verstanden hätte, dass du allein sein willst. Denkst du allen Ernstes, ich hätte mich dir aufgedrängt, wenn du mir das einfach gesagt hättest?« Sie schlägt sich theatralisch die Hand gegen die Stirn. »Ist das dein Bild von mir, ja? Wirke ich so verzweifelt?«

Prince Charming beißt sich auf die Unterlippe und senkt den Kopf.

»Meine Güte, Stan!«

Sein Name hallt wie ein Donnerschlag in mir nach, brennt sich wie ein Brandzeichen in mein Bewusstsein.

Ich wollte ihn doch überhaupt nicht wissen!

»Joleen ...«

Ihr Name interessiert mich erst recht nicht. Und ihr scheint egal zu sein, was Stan noch zu sagen hat. Sie schubst ihn so hart zurück, dass sein Knöchel an der Poolkante entlang schrammt, er das Gleichgewicht verliert und mit einem lauten Platschen im Wasser landet. Sein Schreck fährt wie das Echo eines Adrenalinstoßes durch meinen Körper.

Sentiment zurückziehen! Jetzt!

Ein Raunen wandert einer La-Ola-Welle gleich durch den Garten. Und ich realisiere, dass mich meine Beine ohne mein bewusstes Zutun in großen Schritten näher an den Pool tragen.

O nein!

Energisch unterbinde ich, was auch immer mein Unterbewusstsein zu tun gedenkt, und bleibe stehen. Noch weit genug vom Geschehen entfernt, um nicht in den Fokus der Umstehenden zu geraten, doch nah genug, um weiterhin alles mitzubekommen.

Stans Kopf taucht wieder über der Oberfläche auf und er streicht sich triefende Haarsträhnen sowie überschüssige Feuchtigkeit aus dem Gesicht.

»Raffst du’s einfach nicht? Ich liebe dich, du scheiß Idiot!« Joleens Stimme überschlägt sich beinahe, so laut brüllt sie.

Jetzt ist es endgültig so still, als würde die gesamte Partygesellschaft den Atem anhalten. Selbst die Musik verstummt – den lautstarken Flüchen des DJs zufolge allerdings aus anderen Gründen.

Stan rauft sich in einer Geste der Verzweiflung die Haare. »Ich weiß!«

»Du weißt? Ernsthaft?«

»Aye, ich ...«

»Du hast mich um Zeit gebeten und die habe ich dir gelassen. Aber du hältst mich seit drei Monaten hin. Mal bist du total süß zu mir, dann ignorierst du meine Nachrichten über Tage. Jetzt lässt du mich auch noch ohne Erklärung einfach stehen und lügst mich obendrein schamlos an! Das habe ich nicht verdient. Also rede verdammt nochmal endlich Klartext! Was willst du?«

Wieder reibt sich Stan übers Gesicht und seufzt. »Ich ... weißt du, vielleicht hätte sich ja ...«

»Klartext, Stan! Willst du mich als Partnerin an deiner Seite, ja oder nein?«

Schweigen, dann leise: »Nein.«

Wow, das war die erste wirklich ehrliche Antwort.

»Und der Kuss?« Joleen schnieft. »Heißt das, der hat dir gar nichts bedeutet?«

»Nein.«

Wieder die Wahrheit.

»Es tut mir ...«

Joleens verletzte Miene verschließt sich und sie unterbricht ihn mit einer scharfen Geste. »Weißt du was? Fick dich, Stan.«

Dann dreht sie sich um und geht. Der Lockenkopf stürmt ihr hinterher. Und ich betrachte weiter Stans Profil, das von den Lichterketten im Garten bunt angestrahlt wird. Wasser perlt von seiner geradlinigen Nase und tropft von den dunklen Haarspitzen, die einen leichten Bogen formen.

Er ist schön.

Irritiert ziehe ich die Augenbrauen zusammen und eine Woge Adrenalin bäumt sich in meinem Bauch auf. Diesmal mein Eigenes.

Holy Crap, ich denke doch gar nicht auf diese Art über Menschen. Niemals!

Ich sehe ihre Eigenschaften und speichere sie im Gedächtnis. Dabei werte ich nicht darüber, wie harmonisch das Verhältnis der Gesichtszüge zueinander ist und ob mich die Proportionen des Körperbaus ansprechen. Romantische oder sexuelle Regungen sind mir fremd – so ist das nun mal, wenn man der auserwählte Erbe der längst ausgestorbenen Phönixe ist. Oder realistisch ausgedrückt: Meine Genetik hat mich zu einem zuneigungsfreien Leben verdammt.

Der Kerl mit dem Bandana, der bis eben den DJ gemimt hat, eilt an den Rand des Pools. Stan reicht ihm die triefenden Taschen, bevor er sich am Beckenrand aus dem Wasser stemmt. Das Shirt klebt an seiner Haut, offenbart den Oberkörper eines Schwimmers, und ich muss ein erwähnenswertes Maß an Disziplin aufbringen, den Blick endlich abzuwenden und mein Inneres endgültig von seinem Gefühlschaos abzuschotten.

Es geht mich nichts an.

Schon bei unserer ersten Begegnung vor siebzehn Jahren ... nein, nicht darüber nachdenken. Damals bin ich felsenfest davon überzeugt gewesen, dass wir uns nie wieder über den Weg laufen. Prinzipiell hätte ich damit auch Recht behalten können, immerhin leben viele Milliarden Menschen auf diesem Planeten.

Mit einem gequälten Stöhnen in mein längst leeres Glas verfluche ich das Schicksal dafür, mich wieder in dieselbe Kleinstadt geführt zu haben.

Egal, eine dritte Begegnung wird es nicht geben!

Ein beinahe lachhafter Vorsatz. Der pragmatische Teil meines Hirns weist mich zumindest nüchtern darauf hin, dass wir offensichtlich inzwischen im selben Ort wohnen. Dummerweise ist Nortree nicht gerade eine Metropole, in der man sich schnell aus den Augen verlieren kann.

Tja, aber sie wird zumindest nur flüchtig verlaufen.

Er hält mich für ein arrogantes Arschloch und will nichts mit mir zu tun haben. Meine Taktik geht auf.

Niemandem wird der Verdacht kommen, die Vision könnte eintreten. Demnach wird auch keine hitzige Diskussion über das meistumstrittene Thema innerhalb der Wächterschaft entbrennen und ich muss nicht aus Sicherheitsgründen in meine persönliche Hölle zurück.

Alles unter Kontrolle.

Und eigentlich geht es hier überhaupt nicht um Prince Charming.

Ich lenke meinen Fokus wieder auf den wahren Grund meiner Anwesenheit und strecke zum exakt dreizehnten Mal meinen Sentimentsinn wie Fühler auf Seelenebene aus. Diesmal ganz bewusst, allerdings nur oberflächlich.

Vielleicht ist er inzwischen wieder aufgetaucht ...

Akribisch taste ich mich über die individuellen Auren der Partygäste, in der Hoffnung, unseren Gesuchten aufzuspüren.

Doch natürlich fehlt von ihm jede Spur. Überrascht mich auch nicht sonderlich. Alles andere würde seinem bisherigen Schema widersprechen.

Wie immer ist seine Aura verschwunden, kaum dass ich das Grundstück betreten habe. Als hätte er sich in Luft aufgelöst. Das war vor eineinhalb Stunden.

Phantom ist nicht hier.

Der Dreckskerl hat mich erneut in die Irre geführt und lacht sich vermutlich in feiger Entfernung ins Fäustchen. Ich bin sein Spielchen so leid und fühle mich zunehmend zum Kater degradiert, der einem Laserpunkt hinterherjagt. Doch ich übe mich in Geduld. Gezwungenermaßen. Diese Jagd ist kein Sprint, sie ist ein Marathon.

Und irgendwann geht ihm die Puste aus.

Entnervt unterdrücke ich den Drang, auch Stans Aura wiederfinden zu wollen, die innerhalb meines Sentimentradius nicht mehr erspürbar ist.

Genau diesen Zustand gilt es zu halten.

Denn er bedeutet, dass genug Distanz zwischen uns liegt. Entschlossen kehre ich der Party endgültig den Rücken.

 

 

Ich schrecke aus dem Schlaf und blinzle ins Halbdunkel der schottischen Sommernacht. Eine vertraute Präsenz in meinem Bewusstsein ist für den Weckruf verantwortlich. Die Bitte um telepathische Verbindung.

Irritiert setze ich mich auf. Es ist etwa zwei Uhr dreißig, wenn mich mein Gefühl nicht trügt. Mehr als eine Stunde Schlaf dürfte ich demnach nicht abbekommen haben – das ist selbst für mich zu wenig. Gähnend öffne ich meinen Geist.

»Sconey«, ertönt der raue Bariton von Nolan in meinem Kopf.

Den Spitznamen hat mir Mum wegen meiner Vorliebe für Scones verpasst. Ich hätte das Gebäck mit Streichrahm und Marmelade tonnenweise in mich hineinstopfen können – und zwar nicht nur zur Tea Time.

»Was ist passiert?« Das Schlafzimmer blende ich aus, konzentriere mich völlig auf den telepathischen Kontakt.

Schemenhaft sehe ich ihn vor meinem inneren Auge. Er sitzt am Steuer seines Geländewagens und schaltet den Motor an. Sein weißblondes Haar fällt ihm seidig glatt auf die Schultern. Er trägt geschwärzte Silberringe in seinem langen, zweigeteilten Kinnbart und seine Lederjacke knirscht leise, als er die Hand ans Lenkrad legt.

»Die Antwort wird dir nicht gefallen.« Sorgenfalten zerfurchen seine Stirn.

»Davon gehe ich aus. Habt ihr Phantoms Spur wieder?«

»Die Genossen in der Heimat haben mich kontaktiert. Kurz darauf habe ich einen Anruf vom MI6 erhalten.« Er zögert und mein Hirn setzt sich ratternd in Gang. Das ist ungewöhnlich. »Höchstwahrscheinlich handelt es sich um Phantoms Werk. Es ist nur ...« Wieder ein Zögern, gefolgt von einem Seufzen. »Wir müssen uns das vor Ort selbst ansehen ... wir alle.«

»Alle im Sinne von ...«

»Es wird die vollständige Anwesenheit des inneren Kreises erwartet.«

Das war noch nie der Fall, seit ich ein aktiver Teil davon bin. »Warum?«

»Nun ... wenn tatsächlich Phantom dafür verantwortlich ist, dann hat sich das Muster seiner Angriffe signifikant geändert.«

Unheilvolle Szenarien tanzen wie heraufbeschworene Geister durch mein Bewusstsein. »Und das bedeutet was?«

»Dass seine Opfer diesmal nicht mehr am Leben sind.«

»Holy Crap!« Das muss ich erst einmal sacken lassen. »Ich bin auf dem Weg. Wo geht’s hin?«

»Sagt dir das Millenium Crown Plaza etwas?«

»Das neue Luxushotel im Herzen Londons, klar.« Ich springe aus dem Bett und schlüpfe in meine Haremshose.

Nolan nickt knapp. »Wir treffen uns im Hangar.«

Der kleine Flughafen für Privatjets ist das ausschlaggebende Kriterium, warum der innere Kreis der Wächterschaft seinen Wohnsitz ausgerechnet im beschaulichen Nortree hat. Hier müssen wir uns nicht durch Sicherheitskontrollen schlagen und quasi nie auf eine Startfreigabe warten. Ein entscheidender Vorteil bei der Jagd auf Phantom. Mit dreitausendfünfhundert Metern ist die Start- und Landebahn außerdem die einzige Zivile jenseits der internationalen Flughäfen im ganzen Vereinigten Königreich, die für unsere Überschallflugzeuge lang genug ist.

Durch die telepathische Verbindung sehe ich, wie Nolan Nortree hinter sich lässt. »Abflug mit der Cessna in zwanzig Minuten. Schaffst du das?«

Während ich mir eine Jacke mit Tribal-Print überziehe, stürme ich aus der Haustür. »Wir sehen uns in zehn.«

 

4

 

Paralyse

 

Stan

 

 

Ist es vorbei?

Probeweise bewege ich die Zehen. Meine Gedanken wieder bewusst mitzubekommen ist immer das erste Indiz für den Rückzug des Dämons. Zittrig schließe ich die Finger um etwas Weiches. Das Laken? Endlich kann ich meine Augen öffnen. Im Halbdunkel starre ich an die Decke von Gayles Gästezimmer.

Nach dem Streit mit Joleen habe ich nicht lange auf die nächste Attacke des Dämons warten müssen. Nur ist er diesmal direkt weiter gegangen und hat mein Bewusstsein vollständig in die Dunkelheit verbannt. Viel früher als gewöhnlich.

So unvorhersehbar seine oberflächlichen Angriffe am Tag sind, so zuverlässig kann ich die Uhr nach den Heftigen am Abend stellen. Normalerweise jedenfalls.

Heute allerdings hat er nicht bis dreiundzwanzig Uhr gewartet. Ich habe es gerade noch geschafft, mich nach meinem unfreiwilligen Pooltauchgang ins Gästezimmer zurückzuziehen und mir die nassen Klamotten vom Leib zu reißen, bevor er mir die Kontrolle über Körper und Geist vollständig entzogen hat. Jetzt nehmen meine Hirnwindungen ihren Dienst allmählich wieder auf und ich runzle die Stirn.

Habe ich mich vorhin nicht bäuchlings aufs Bett geworfen?

Anscheinend nicht. Es ist wahrscheinlicher, dass mir meine Erinnerung einen Streich spielt, als dass sich mein Körper unter der Paralyse des Dämons umgedreht und in die Decke eingehüllt hat.

Bewusst langsam atme ich durch, länger aus als ein. Meinen Puls interessiert das nicht, er hämmert in beinahe schmerzhaftem Tempo. Erschöpft reibe ich mir übers Gesicht, warte.

Drei ... zwei ... eins ...

Der Dämon wispert unverständliche Satzfragmente, meine Kehle wird eng. Ich schließe die Augen. Bilder wirbeln auf wie Sand in unruhigem Wasser. Sie katapultieren mich etliche Jahre zurück. In meine Kindheit.

Es hilft nichts, die Lider sofort wieder aufzureißen und auf das unförmige Rechteck an der Decke zu starren, das die Straßenlaterne dort hinwirft. Die Erinnerungen überfluten mich so oder so, schieben sich penetrant vor die Realität.

Ich sehe sie, ohne sie bewusst anzuschauen.

 

Die verhasste Kommode meines damaligen Kinderzimmers, die meinem Bett gegenüberstand. Exakt zwei große Schritte Raum dazwischen. Mit ausladenden Sockeln, die mehr als nur einmal für gebrochene kleine Zehen gesorgt haben. Die hässlichen Verzierungen der Schubladen. Die Bilder an meiner Wand. Eine Spur zu bunt, einen Hauch zu fröhlich. Der tiefdunkle Schatten, der mich aus silbrig glühenden Iriden heraus angestarrte.

Mich, wie ich auf meinem Bett saß. Weinend und zitternd. Vor Angst. Während die Finsternis des Schattens mich vollständig einhüllte, mich gefangen hielt, durch sämtliche Poren in mich eindrang.

 

An diesem Punkt tauche ich aus der Vergangenheit auf wie ein mit Luft gefüllter Ballon. Mein Herz rast, ich atme gepresst, zittere unkontrolliert am ganzen Körper und schlucke hilflos gegen die erdrosselnde Enge in der Kehle an. Ich schlinge die Arme um meinen Oberkörper, kralle die Fingernägel in meine Seiten, konzentriere mich auf den Schmerz.

Es ist immer derselbe Abend. Immer derselbe Ablauf. Immer dasselbe beklemmende Gefühl, das bis in die Gegenwart ausstrahlt. Nur der Kontext fehlt.

Langsam ebbt der Flashback ab. Der Dämon zieht sich gänzlich in den hintersten Winkel meines Bewusstseins zurück und hinterlässt bleierne Erschöpfung. Die ist neu.

Ob ich es wohl nochmal runter auf die Party schaffe?

Erst da fällt mir auf, dass überhaupt kein Bass durch die Wände wummert. Im Haus ist es vollkommen still.

Irritiert taste ich nach meinem Smartphone und finde es neben dem Kopfkissen. Ich kneife die Augen gegen die Helligkeit zusammen und stocke. Drei Uhr dreißig.

Was zur Hölle?

Der Dämon scheint mich ganze fünf Stunden ausgeknockt zu haben.

Wie kann das sein?

Normal ist eine Halbe.

Warum auf einmal so extrem lange?

In der Zeit könnte man locker nach London und zurück fliegen. Nicht, dass ich jemals ernsthaft einen Fuß in ein Flugzeug setzen würde. Ein besserer Vergleich, um mir das Ausmaß der dämonischen Paralyse vor Augen zu führen, fällt mir auf die Schnelle nur nicht ein.

Mit pochendem Herzen wälze ich mich auf die Seite und starre durch das Fenster in den halbdunklen Himmel. Eine kleine Unendlichkeit liege ich mit rasenden Gedanken wach, ehe mich die Erschöpfung in einen unruhigen Schlaf gleiten lässt.

5

 

Mordermittlung

 

Talon

 

 

»Ich heiße es nach wie vor nicht gut, dass du mitkommst.« Der Blick des Feuerwächters ist so finster wie die Dunkelheit jenseits der Scheibe.

Hätte ich doch einfach weiter meine Spiegelung angestarrt.

»Erzähl mir was Neues, Derek.« Müde verziehe ich den Mundwinkel.

Die mondbeschienene Oberseite der dichten Wolkendecke dient mir bedauerlicherweise nicht mehr als Ausblick, seit die Cessna Citation X im Sinkflug darin eingetaucht ist.

»Diese ganze Entwicklung gefällt mir nicht«, wettert er weiter.

Unbeeindruckt ziehe ich eine Augenbraue hoch. »Na, immerhin dabei sind wir einer Meinung.«

»Erst treibt Phantom sein Unwesen immer näher an unseren Wohnsitzen und jetzt mordet er. Innerhalb weniger Wochen hat sich die Gesamtsituation drastisch verschlimmert. Genau genommen also, seit du aktiver Teil des inneren Kreises bist.«

Ich nicke mit verkniffenen Lippen und mime Verständnis, das mir jedoch gänzlich fehlt. »Also ist der einzig logische Schluss, dass ich daran Schuld bin. Steile These. Absolut nachvollziehbar.«

Er verzieht das Gesicht und schnaubt. »Wenn wir ihn nicht bald schnappen ...«

Stella, die Luftwächterin des inneren Kreises und meine beste Freundin seit Kindesbeinen, tätschelt ihm den Kopf. »Ganz ruhig, Glatze. Wir arbeiten alle auf das gleiche Ziel hin. Wir kriegen ihn. Wie alle anderen vor ihm, die sich für superschlau gehalten haben.«

»Er ist aber nicht wie die anderen!«

Bla, bla, bla ...

Ich klinke mich aus dem Gespräch aus und richte meine Aufmerksamkeit auf eine Unebenheit in der Sitzlehne, an der ich herum knibbele.

Die Cessna bricht durch die Wolkendecke, unter uns breiten sich die Lichter Londons wie ein leuchtender Teppich aus. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass wir den Flughafen Stansted sogar früher als erwartet anfliegen. Überschall ist schon eine tolle Sache.

Je näher wir dem Boden kommen, desto penetranter drängt sich der Grund unserer Reise zurück an die Oberfläche. Schweigen hängt wieder wie dichter Nebel in der Kabine.

Diesmal sind die Opfer nicht mehr am Leben.

Die halbe Stunde Flugzeit hat definitiv nicht genügt, um mich mental auf die Szenerie vorzubereiten, die uns im Millennium Crown Plaza erwarten wird. Bisher haben wir den Opfern der Angriffe immer helfen können – die Wunden heilen und ihnen die Erinnerung an die Begegnung mit dem Lamia nehmen.

Tote ins Leben zurückholen hingegen ...

Die Cessna setzt mit einem Ruck auf der Landebahn auf.

... unmöglich.

Die Lichter der Terminals ziehen vorbei, als wir zu unserer Parkposition rollen. Vierzig Meilen bis ins Stadtzentrum liegen noch vor uns. London City wäre eigentlich die bessere Wahl gewesen, die Piloten haben ihn jedoch wegen des Nachtflugverbots nicht anfliegen können.

Wir steigen in einen bereitstehenden Helikopter des MI6 um, der uns direkt zum Hotel fliegt. Durch das viele blinkende Blaulicht in den umliegenden Straßen können wir es schon von weitem per Sicht orten. Butterweich setzt der Hubschrauber auf der Landeplattform auf. Nolan öffnet die Tür und wir springen nacheinander heraus.

Der Wind der ausdrehenden Propeller erfasst meine Dreads und wirbelt sie durcheinander. Ich fange sie ein und bändige sie mit dem Haarband am Hinterkopf.

Wir überqueren die kleine Dachterrasse, ziehen an der Tür synchron die Dienstmarken unserer Sonderspezialeinheit und gehen an den Kriminalpolizisten vorbei in die geräumige Loftbar. Der Marmorboden schmiegt sich angenehm kühl und glatt an meine nackten Fußsohlen und leise Loungemusik wird hörbar, sobald die Türen hinter uns ins Schloss fallen und die Geräusche der Stadt aussperren.

»Ganz schönes Gewusel ein paar Stockwerke weiter unten. Unser Verdächtiger hält sich allerdings nicht mehr hier auf.« Stella ist wie ich in der Lage, Auren und Emotionen zu erspüren. Als reine Luftwächterin ist ihr Sentimentsinn deutlich ausgeprägter als bei mir und deckt einen größeren Umkreis ab. Ich verlasse mich auf ihr Urteil.

»Es hätte mich glatt vom Glauben abfallen lassen, wenn er es noch wäre«, murmle ich.

Mit flinken Fingern richtet sie ihre kurzen Haare, die in allen Farben des Regenbogens erstrahlen und asymmetrisch geschnitten sind.

Der Fahrstuhl bringt uns in die Etage, die uns von den Wächtern vor Ort genannt wurde. Wir folgen einem breiten Flur mit dunklem Läufer, der sich rau anfühlt und die Schritte dämpft. Wo sich der Tatort befindet, ist schnell klar – die Tür wird von Mitgliedern des äußeren Kreises von London flankiert. Feuerwächter.

Einer der beiden Hünen nickt uns zu. »Sie erwarten euch schon.«

Um der Spurensicherung die Arbeit nicht zu zerstören, schlüpfen wir in entsprechende Schutzkleidung und treten ein. Der Raum entpuppt sich als gigantischer Saal. Hohe Decken, deren erhabene Verzierungen in dekorative Säulen münden. An den Wänden edle Tapeten und exklusive Gemälde. Der Ausblick durch die Panoramafenster ist ebenso atemberaubend wie vom Dach aus. Die Stadt liegt ehrfürchtig wie ein Königreich zu unseren Füßen.

Das Herzstück des Saales ist ein gigantischer Tisch aus dunklem Holz. Und an dessen Kopfende sitzen sich die beiden Leichen gegenüber. Gefesselt, nackt, jeder mit einer roten Clownsnase versehen und am ganzen Körper durch tiefe, verkrustete Kratzer entstellt. Ich erkenne sie trotzdem sofort und mir weicht sämtliches Blut aus dem Gesicht. Ihre Haut weist größtenteils eine totenblasse Färbung auf. Im unteren Rücken sowie an den Beinen und Füßen zeigen sich lila-bläuliche Totenflecken.

»Holy Crap! Warum hat uns niemand gesagt, dass es sich bei den Opfern um den britischen König und den amerikanischen Präsidenten handelt?«, entfährt es mir.

»In unseren Kreisen begrüßt man sich mit Hallo. Oder Hi. Von mir aus auch mit Hallöchen, auch wenn ich das nicht unbedingt ... äh ... nicht weiter wichtig ... ähm.« Corbinian räuspert sich.

Der junge Halb-Inder mit den kurzen, dunklen Haaren ist der Wasserwächter unseres inneren Kreises und schon vor Ort, weil er zufällig seine Familie in London besucht hat.

»Wir haben selbst erst vor zehn Minuten den Zutritt gewährt bekommen und da wart ihr ja schon so gut wie hier, also dachten wir uns, dass wir euch die Überraschung nicht verderben wollen«, plappert er weiter.

Ich hebe eine Augenbraue. »Das ist eine echt miese Überraschung.«

Laura, eine Erdwächterin des mittleren Kreises in London, löst sich aus dem Ermittlerpulk am Ende des Tisches und kommt zu uns herüber. »Gut, dass ihr da seid. Der Fall gilt bereits jetzt als der Mordanschlag des Jahrhunderts.«

»Kann ich mir vorstellen. Wie ist der Stand der Dinge?«

»Die Spurensicherung ist fast fertig. Wir gehen nicht davon aus, dass sie etwas Brauchbares finden – immerhin ist Phantom unser Hauptverdächtiger. Aber Standardprozedere müssen halt sein. Es gibt keine Hinweise auf ein größeres Kampfgeschehen. Keine Abwehrverletzungen. Sie könnten also durchaus erst posthum an die Stühle gefesselt worden sein, das lässt sich aber noch nicht mit Gewissheit sagen. Interessant werden die Ergebnisse der toxikologischen Gutachten von Blut und Essen sein.« Sie deutet auf zwei Teller, die nicht einmal zur Hälfte geleert sind. »Es sieht auf den ersten Blick so aus, als hätte etwas in der Mahlzeit sie außer Gefecht gesetzt. Wir hegen da unsere Zweifel, dafür liegt das Besteck zu ordentlich daneben. Aber wir werden sehen. Die Leichname werden ja auch noch obduziert. Da die beiden Herren bereits eindeutige Todeszeichen aufweisen, haben wir keine Heilungsmaßnahmen getroffen.«

Wie Nolan und alle anderen Erdwächter besitzt sie die Fähigkeit, Heilungsprozesse um ein Vielfaches zu beschleunigen.

»Es sieht nicht so aus, als habe überhaupt irgendwer Reanimationsmaßnahmen ergriffen«, stelle ich nüchtern fest.

Mit zusammengepressten Lippen schüttelt Laura den Kopf. »Nein. Die Leichenflecken waren schon zu sehen, als sie von einem Angestellten des Hotels gefunden wurden.«

Es war also schon zu spät.

»Wann war das?«

»Vor etwas mehr als zwei Stunden.«

Ich nehme die Info mit einem Nicken zur Kenntnis. Nolan nähert sich dem Tischende und ich folge ihm mit klopfendem Herzen. Mein Blick schweift über die blassen, leblosen Körper. Die tiefen Kratzer verlaufen keinesfalls willkürlich. Sie ergeben Worte. Loser, Arschgesicht und weit Schlimmeres. Lächerliche, abwertende und obszöne Symbole zieren alle möglichen und unmöglichen Stellen vom Hals abwärts. Nolan packt seine Kamera aus und hält die groteske Szenerie aus sämtlichen Perspektiven auf Fotos fest, da nur die Wasserwächter und ich über ein lückenloses Erinnerungsvermögen verfügen.

Mit flauem Gefühl im Magen wende ich mich an die Luftwächterin des mittleren Kreises, die ihm soeben Platz macht. »Ist denn gesichert, dass es sich hierbei wirklich um den britischen König und den amerikanischen Präsidenten handelt?«

Vielleicht ist es ja nur ein Doppelgängermord.

Sophies braune Locken wippen im Takt ihres Nickens. »Leider ja. Es ist belegt, dass beide in diesem Hotel wichtige Verhandlungsgespräche geführt haben. Ich konnte ihre Auren spüren, als sie noch am Leben waren. Jetzt sind beide erloschen. Das MI6 hat neben den toxikologischen Gutachten aber auch eine umfassende DNA-Analyse in Auftrag gegeben. Sicher ist sicher.«

»Hast du den Tatzeitpunkt mitbekommen?«

Sie wohnt in direkter Nachbarschaft des Millennium Crown Plazas, daher wäre das durchaus im Rahmen des Möglichen.

»Nein, da habe ich geschlafen. Aber da sich die Leichenflecken noch wegdrücken lassen und die Leichenstarre bislang nur Kiefergelenk und Nackenmuskulatur betrifft, schätzen wir ihn auf etwa ein Uhr.«

Vor drei Stunden ...

»Irgendetwas Verdächtiges rund um den vermeintlichen Tatzeitpunkt?«

»Die diensthabenden Genossen haben berichtet, dass es keine Lamienbewegung im Umkreis einer Meile um das Hotel gegeben hat. Zumindest keine der Registrierten.« Sie deutet mit latexüberzogenem Finger auf den Hals des Königs. »Aber die Todesursache scheint ganz eindeutig auf einen Lamia zurückzuführen zu sein.«

Im Bereich der Halsschlagader zeigt sich die charakteristische Bisswunde – vier halbkreisförmige Durchbruchstellen von vier Fangzähnen im Oberkiefer.

»Das klingt nach Phantom.«

Dem Einen, dessen Aura sich so flüchtig wie ein Geist verhält. Der Einzige, der nicht in unserer Datenbank registriert ist, da seine Geburt auf unerklärliche Weise vor meinen Genossen geheim gehalten werden konnte. Von allen Lamien auf dem Planeten kennen wir die Gesichter. Seines nicht. Von jedem haben wir die DNA gespeichert. Außer von ihm, da er nie brauchbare Spuren hinterlässt – und das, obwohl er ganz offensichtlich auch von seinen Opfern trinkt. Von allen sind die Auren zumindest den Luftwächtern des entsprechenden Bezirks bekannt. Von ihm nicht. Es ist nur dem Zufall zu verdanken, dass Stella und ich sie inzwischen kennen.

Diese räuspert sich. »Je länger ich hier stehe, desto mehr kann ich ein Echo seiner Aura spüren. Er war definitiv hier.«

Ihre enorme Feinfühligkeit hat sie schon in ihrer Jugend von allen anderen Luftwächtern abgehoben. Immer wieder aufs Neue bewundernswert. Mir ist niemand sonst bekannt, der Auren erspüren kann, die längst nicht mehr vor Ort sind.

»Würde sich seine Präsenz nicht immer irgendwo im Nirgendwo in Luft auflösen ...« Resigniert breche ich ab, ehe die Erinnerungen an die Party meinen Fokus in eine unerwünschte Richtung verschieben können. Stattdessen konzentriere ich mich auf meine Genossen.