Inhalt
Impressum 2
Prolog 3
Teil I – IRALA 4
Kapitel 1 5
Kapitel 2 14
Kapitel 3 21
Kapitel 4 32
1. Buch – Zeit der Träume 37
Kapitel 1 38
Kapitel 2 41
Kapitel 3 47
Kapitel 4 50
Kapitel 5 54
Kapitel 6 61
Kapitel 7 64
Kapitel 8 69
Kapitel 9 71
2. Buch – Zeit der Mut 74
Kapitel 1 75
Kapitel 2 79
Kapitel 3 82
Kapitel 4 87
Kapitel 5 106
3. Buch – Zeit des Kampfes 116
Kapitel 1 117
Kapitel 2 121
Kapitel 3 127
Kapitel 4 131
Kapitel 5 138
Kapitel 6 142
Kapitel 7 146
Kapitel 8 153
Kapitel 9 158
Kapitel 10 165
Kapitel 11 171
Kapitel 12 177
4. Buch – Zeit des Zaubers 181
Kapitel 1 184
Kapitel 2 189
Kapitel 3 193
Kapitel 4 195
Kapitel 5 198
Kapitel 6 202
Kapitel 7 205
Kapitel 8 207
Kapitel 9 211
Kapitel 10 214
Kapitel 11 216
Kapitel 12 219
Kapitel 13 223
Kapitel 14 224
Kapitel 15 228
6. Buch – Zeit für Zukunft 230
Kapitel 1 231
Kapitel 2 234
Kapitel 3 239
Kapitel 4 242
Kapitel 5 245
Kapitel 6 249
Kapitel 7 252
Kapitel 8 254
Kapitel 9 257
Kapitel 10 259
Kapitel 11 266
Epilog 270
Irala 271
Sorav 277
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-297-3
ISBN e-book: 978-3-99107-298-0
Lektorat: Sylvana Kovacs-Pfefferkorn
Umschlagfoto: Jungleoutthere, Brett Critchley, Marbo, Alena Kourdakova, Olga Kazanovskaia | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum Verlag
www.novumverlag.com
Prolog
In einer Welt, in der Drachen die geheimen Wächter der Elemente sind und die Regeln des Universums schützen, tobte einst unter Wasser zwischen den Aquati, den Wesen des Wasserzaubers, ein gnadenloser Krieg. Drachen schwingen im Rhythmus der Galaxien und beobachten die Wesen der Welten – und manchmal mischen sie sich im Geheimen darunter, um zu verstehen und zu heilen. In jedem ihrer Nachfahren schlummert ihre Magie. Aber der Kampf unter Wasser schwelte schon lange und kostete Leben, trennte Familien und bedrohte die Zukunft. Die Aquati rieben sich in immer aggressiveren Konflikten mehr und mehr auf. Nach einer langen Zeit der scheinbaren Ruhe begann in der tiefen Dunkelheit einer Mondfinsternis eine grausame Schlacht. Die Königin der Flüsse fiel über die Königin der Seen, ihre Schwester, her, dezimierte so ihr eigenes Volk und vernichtete fast die Clans der Seen. Mit letzter Kraft beschworen die Aquati der Seen einen Drachenzauber. Der Zauber wirkte unvorstellbar stark. Unter Wasser tobte ein Inferno und auch über Wasser bäumte sich die Natur auf. Land wurden überschwemmt, Moore entstanden und Flüsse veränderten für immer ihren Lauf. Ein furchtbares Unwetter fegte mit Hagel und Sturm über das Land. Von den Bergen stürzten Lawinen aus Eis, Schlamm und Felsen die Hänge herunter. Viele Aquati, aber auch Menschen starben unschuldig in dem Inferno. Als die Sonne am nächsten Tag aufging, bot sich für die Überlebenden ein furchtbares Bild – alte Flussläufe waren verschwunden, vor dem Gebirge war ein riesiges Moor entstanden. Die böse Königin schien jedoch vernichtet. Viele Aquati waren verletzt, viele verschwunden und die Trauer war so stark, dass kaum jemand noch Lebenskraft oder Wasserzauber hatte. Stille breitete sich über das Wasser und das Land, und das Schicksal nahm seinen Lauf.
Teil I – IRALA
Kapitel 1
Meine Mutter sagte mir immer, dass ich im Dunkel der Nacht bei Neumond geboren wurde. Das sei ein schlechtes Vorzeichen. Ich sei viel zu klein gewesen, auch wenn ich ein Mädchen war. Sie sah das als Grund, mich nicht zu stillen und sich nicht selbst um mich kümmern zu müssen. Da ich aber eine Prinzessin war, ließ sie mich am Leben –die Diener kümmerten sich um mich. Als ich größer wurde, berührte das mich nicht weiter, denn ich kannte die Frau, die meine Mutter sein sollte, kaum, und sie ließ mich meistens in Ruhe. Die Diener, besonders meine Merida, suchten für mich die wenigen Spielkameraden, die ich haben durfte und die dann zu meinen Trainingspartnern wurden. Freunde hatte ich keine, denn ich merkte schnell, dass meine Mutter jede Freundschaft zerstören würde, hatte sie doch nicht einmal zugelassen, dass ich jemand in mein Zimmer zum Spielen mitnahm. Aila war eine meiner ersten Freundinnen – und sie blieb auch die einzige. Das war aber nur möglich, weil sie eine entfernte Verwandte war. Ihre Eltern waren Berater meiner Mutter, also durfte sie bleiben. Aber auch sie wusste schon früh um die Macht der Königin und so war unsere Freundschaft immer belastet – sie durfte nie gewinnen, wehe ich hätte in einem Spiel, in einem Wettkampf, in einem Training verloren und meine Mutter hätte davon erfahren – auch ich wagte nie, das mir vorzustellen. Also spielten wir, waren nie im Wettstreit und mein Training fand im Geheimen mit Merida statt. Irgendwann verschwand Aila – viel später fand ich heraus, dass ihre Familie ins Nordmeer geflohen war – vor meiner Mutter. Die Intensität meines Wasserzaubers spürte ich schon sehr früh, viel früher als die anderen, als ich noch klein war und er wurde mir schnell ein Ersatz für Freunde – konnte ich doch so Tiere als Wesen anders wahrnehmen und meine Umgebung völlig anders einschätzen.
Wenn es mir furchtbar langweilig war, schlich ich mich aus dem Schloss in das Altwasser und spielte mit den Tieren. Ich schwamm mit den Fischen, spielte mit den Insekten. Merida fand mich einmal, als ich ganz selbstverständlich als kleiner silbriger Fisch mit den Hechten schwamm. Sie hätten mich mit einem Biss töten können, liebten mich aber. Merida fing mich vorsichtig ein und hielt mich so lange zärtlich in der Hand, bis ich mich entschied, wieder zur Aquata zu werden. Sie war sprachlos. Ich weiß noch, dass ich ungefähr vier oder fünf war, als ich das erste Mal Luftblasen machte und damit spielte. Ich lebte in meiner phantastischen Welt und spielte am Tag, was ich in der Nacht träumte. Manchmal sah ich auch tagsüber Träume – so nannte ich das, ich wusste nicht, dass ich den Wasserzauber sah – es war normal für mich. Bereits mit zehn Jahren überlebte ich einen Mordversuch – ein übler Aquatus hatte sich tagsüber in mein Zimmer eingeschlichen und nachts, als ich einschlief, versuchte er mich zu erwürgen. Gleichzeitig legte er ein dickes Tuch über mein Gesicht, damit ich kein Geräusch machen sollte. Ich wehrte mich mit allen Kräften. Merida rettete mich damals, sie kam zufällig nochmals an diesem Abend in mein Zimmer. Danach schwor ich mir, nie mehr hilflos zu sein und trainierte jetzt jeden Tag, übte und prüfte vor allem im Geheimen meinen Wasserzauber und übte mich auch mit Merida mit Waffen, besonders dem Dolch und dem Schwert. Niemand sollte merken, dass ich immer besser wurde. Merida war eine langjährige Dienerin im Schloss, die schon meine Mutter als Kind gekannt hatte, so alt, dass sie noch von dem Leben auf der hohen See, von den Eisbergen des Nordmeers und dem Zug in das Süßwasser erzählen konnte – man sah es ihr aber kaum an. Sie weckte den Wasserzauber vollends in mir, als ich zwölf war. Damals gab sie mir einen silberschimmernden Beutel mit einem Amulett. Ich musste ihr versprechen, das Amulett nie zu verlieren, denn sie sagte immer wieder, es sei für meine Familie. Da ich mir nicht vorstellen konnte, wer meine Familie sein könnte, war ich nicht beeindruckt, aber sie war so ernst, dass ich ihr das Versprechen gab. Außerdem hatte ich so einen geheimen Schatz, etwas, von dem meine Mutter nicht wusste, und das tat gut. Merida erzählte mir von Früher, von der Kraft der Magie, vom Wasserzauber, von Drachen, aber auch von anderen Völkern des Wassers und von den Menschen, den Luftatmern. Für mich waren das phantastische Geschichten, denn ich konnte mir etwas anderes als mein Zuhause in unserem Schloss nicht vorstellen und Drachen gehörten in die Welt der Phantasie, und Luft mit dem Mund, mit der Nase atmen, draußen über dem Wasser – einfach unvorstellbar! In der Arroganz meiner Jugend dachte ich, dass nichts über das Leben im Wasser gehen würde, dass ich alles andere – Luftatmen, die Geschichte der Magie nicht wissen musste. Was für eine Täuschung! Aber ich trainierte meinen Wasserzauber und lernte gern die Magie des Kampfes – ich kämpfte schon früh mit dem kurzen Speer und mit dem spitzen Schwert, das wie das Horn des Narwals aussieht und traditionell aus magisch gehärtetem Holz gefertigt wird. Das machte mir viel Spaß und so konnte ich meine innere Spannung, die oft mich unerklärlich quälte, abbauen. Dazu merkte ich, wie meine Ausdauer und Reflexe besser wurden. Das war etwas, dass ich für das Leben dringend brauchte, wenn ich irgendwann ohne dauernden Schutz durch Wachen selbstbestimmt leben wollte. Ich wusste noch wirklich nicht, was ich einmal machen würde – es sollte aber etwas anderes sein als Tochter oder Prinzessin und draußen, in Freiheit. Bis dahin war der Plan klar, weiteres konnte ich mir aber noch nicht vorstellen. Da ich irgendetwas für mich suchte und mir die Waffen gefielen, war ich oft in der magischen Schmiede. Meine Mutter hatte zum Glück nichts dagegen. Manchmal schlich ich mich in die Werkstatt und spürte in mir die Resonanz der Magie, mit der das Holz für Dolche, Schwerte und Speerspitzen in einer Glut im Wasser gehärtet wurden. Die Schwertmacher waren eine eingefleischte Gilde, niemand durfte sehen, was sie taten, mich sahen sie aber nie, ich hatte gelernt, durch meinen Wasserzauber nicht wahrgenommen zu werden. Durch meinen Wasserzauber erkannte ich so, dass meine schöne glänzende Kleidung aus Fischhaut gefertigt war – es war für mich unvorstellbar, dass ich die Haut von Tieren, die ich liebte, tragen sollte und so begann ich andere Möglichkeiten zu suchen. Ich fand sie in Pflanzen – Schilf, Algen – all das nutzte ich und gestaltete bald weiche, angenehme Kleidungsstücke für mich. Durch meinen Zauber brachte ich sie zum Glänzen und niemand merkte etwas – auch das war ein geheimer Sieg. Ich war zwar die unerwünschte Tochter, aber auch die Prinzessin der Flüsse. Also erhielt ich selbstverständlich eine hervorragende Erziehung und konnte so alles lernen, was die Forschenden und Lehrenden in meinem Clan über die Historie der Aquati, die Natur und über Wasserzauber wussten. Auch meine Wünsche, die Magie der Naturgewalten – Wasser, Luft, Erde – kennen zu lernen und damit zu üben, wurden gefördert. Ich war mir nie sicher, ob meine Mutter das überhaupt bemerkte, sie war ja hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt.
Ich war keine geborene Kriegerin und Tod und Verlust waren Dinge, über die ich trotz des Mordversuchs nicht nachdenken wollte und für die ich noch nicht bereit war. Ich war zwar eine akzeptable Kämpferin, war aber viel besser mit dem magischen Nutzen von Naturgewalten. Ich genoss im Sommer die heißen Tage, an denen ich Wasser zu Eis verwandelte, um dann die Eisstücke wieder zergehen zu lassen. Manchmal streckte ich heimlich meine Hand aus dem Wasser und spürte das Brennen der Sonne auf meiner Haut. Wenn ich sie wieder zurückzog, war sie meistens gerötet – warum konnte ich mir nicht vorstellen. Da sie dann auch schmerzte, ließ ich diese Experimente bald. In meiner Phantasie hatte ich Spielkameraden, denn mit den Kindern der Diener oder der anderen Aquati durfte ich, als ich älter wurde, nicht mehr spielen. Die wenigen Versuche waren von meiner Mutter brutal abgestraft worden – und nicht nur für mich. Das hatte mich so entsetzt, dass ich mich völlig zurückzog und nur heimlich mit Merida meine Tage verbrachte. Ich blieb lange klein und zierlich und meine Mutter war frustriert – ihr Partner war verschwunden und sie wollte nicht alleine leben. Niemand wollte mir sagen, wie der Aquatus aussah, der mein Vater war, aber er musste höchstens so groß wie meine Mutter gewesen sein und wunderschöne Haare gehabt haben, die ich offensichtlich von ihm geerbt habe. Ich hatte von Kindheit an die seltene Farbe Perlmutt mit goldenen Strähnen und tiefblaue Augen. Sooft ich auch trainierte, baute ich keine Muskeln, sondern nur Ausdauer auf. Meine Mutter war noch nie eine entgegenkommende oder liebenswerte Person gewesen. Als ich jedoch älter wurde, veränderte sie sich immer mehr – sie wollte alles und jeden beherrschen und ließ nur noch ihr Recht gelten. Ihre Berater hatten nichts mehr zu sagen und zogen sich immer mehr vor ihr zurück, manche flohen wie Ailas Familie. Sie hatten Angst vor Konsequenzen, da bereits einige von ihr verbannt worden oder einfach verschwunden waren, was noch erschreckender war. Niemand widersprach ihr. Sie begann sich in dem Moment für mich zu interessieren, als ich zur Frau wurde und prüfte nun regelmäßig meine Fähigkeiten und mein Wissen. Ich musste ihr mein Erlerntes über Historie und Magie demonstrieren und zur praktischen Überprüfung meiner Fähigkeiten wurden mir Aufgaben auferlegt. Sie wollte die Stärke meines Wasserzaubers erforschen und ich sollte stark sein. Als ihre Tochter hatte ich das in allen Lebenslagen zu beweisen. Ich musste in der Natur, weg von den anderen, überleben. Oft wurde ich von einer Wache einfach in einen Sack gesteckt und trieb in der Strömung des Flusses. Dann lag es an mir, mich zu befreien, zu orientieren, um zurück zu finden. Einmal war nach dem Winter die Strömung reißend und ich stürzte einen Wasserfall herunter, bevor ich mich befreien konnte. Zum Glück lagen keine Felsquader in dem Becken, trotzdem brach ich mir einen Arm und mehrere Rippen. Nur durch die heilende Kraft meines Wasserzaubers, den ich trotz der furchtbaren und stechenden Schmerzen nutzen konnte, überlebte ich. Das waren noch die angenehmen Übungen – andere waren grausam, wenn ich gegen Tiere kämpfen musste oder sie verwandeln sollte. Ich weigerte mich oft, auch wenn ich die Konsequenzen bitter zu spüren bekam. Damals begann ich meine Mutter zu hassen und heimlich zu beobachten. Mehr konnte ich nicht tun. Ich begann auf eine Chance hinzuarbeiten, zu fliehen. Die einzige Möglichkeit, die mir einfiel, war eine Tante – die Halbschwester meiner Mutter, die beim Seenvolk seit vielen Jahren lebte. Immer und immer wieder durchdachte ich meine wenigen Möglichkeiten. Durch diese Pläne und Wünsche bewältigte ich oft einsame und schlaflose Nächte, sie gaben mir die Ausdauer, weiter zu machen, obwohl ich fast dauernd bewacht wurde Selbst, wenn ich schlief, stand eine Wache vor meinem Zimmer. Ich hatte abwenden können, dass jemand im Zimmer mit mir schlief. Ich fühlte mich immer mehr wie in einem unheimlichen Netz gefangen, das sich langsam zusammenzog. Flucht schien die einzige Möglichkeit. Meine Mutter hörte inzwischen auf keine Aquati mehr. Die Einzigen, auf die sie hören wollte und zu denen sie sich hingezogen fühlte, waren die Dämonen der Tiefe – das lag wahrscheinlich daran, dass sie ein Kind von einem Dämonen wollte. Also suchte sie die Dämonen – in den tiefsten Spalten der höchsten Berge, tief unten, wo das Wasser heiß sprudelt und nie ein Lichtschein hinkommt, an den tiefsten Quellen der Flüsse, dort suchte sie und fand die Tore in die Dämonenwelt. Immer und immer wieder war sie Wochen und Monate lang weg – eine Zeitspanne, die für mich wie ein falscher Friede war, denn ich befürchtete inzwischen nur noch Schlimmes von ihr. Sie kam nach einer langen Zeit zurück – sie war fast zwölf Monde weggewesen – und sie war schwanger. Sie hatte das erreicht, was sie wollte, und bekam wenige Wochen nach ihrer Rückkehr ein Kind von einem Dämon. Es war ein dunkelhaariger Junge mit weißen Augen, den sie Ebru nannte. Er wurde zum meist gehassten Kind in unserem Clan, denn von klein auf war er widerwärtig und hochnäsig. Nur meine Mutter erzog ihn und ich glaube, sie unterwarf ihn immer wieder, denn sobald er laufen konnte, trug er einen schwarzen Reif um den Hals. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Merida sah das erste Mal, seit ich sie kannte, besorgt aus, als sie Ebru mit dem Halsreif sah. Sie berührte ihn nie, auch nicht, als er immer gehässiger ihr gegenüber war. Nie strafte sie ihn. Es schien, als würde sie etwas abhalten, denn ihre Augen waren dunkel, wenn sie ihn anblickte. Als er etwas größer und älter wurde, kehrte meine Mutter zu einem Winterende in das Dämonenreich zurück und diesmal nahm sie mich mit. Als ich mich am Abend vor der Reise von Merida verabschiedete, sah sie mich lange an und ich sah plötzlich wie ihr Gesicht sich veränderte und ihre Augen golden aufstrahlten. Bevor ich etwas sagen konnte nahm sie mich in den Arm und gab mir heimlich einen Armreif aus einem seltsamen Stein – er war außen goldgelb und glühte in der Tiefe weiß. Sie sagte, dass sei Bernstein und bat mich ganz leise, so dass es niemand hörte, ihn während der ganzen Reise nicht abzulegen. Er würde mich schützen. Als ich ihr ins Gesicht sah, sah es wieder aus wie immer und mein Versprechen fiel mir leicht – wenig ahnte ich, was auf mich zukommen würde. Am nächsten Morgen schwammen meine Mutter und ich los, Ebru wurde von seinem persönlichen Diener getragen. Meiner Mutter folgten wie immer zwei im Kampf ausgebildete Diener. Ich hatte nah bei ihr zu bleiben. Anfangs schwammen wir gegen den Strom, bis wir an einem Sumpf ankamen. Wir glitten tief in das moorige Wasser und kamen an einen Höhlenmund. Dorthinein tauchten wir in lichtlose Tiefen und um mich war eine dunkle Höhle, in der ich kaum etwas sah. Manchmal leuchteten Algen rot oder giftgrün. Es ging weiter und weiter – wie lange kann ich nicht sagen. Ich erinnere mich nur, dass wir mehrfach Pause machten und einmal lange schliefen. Nach einer zeitlosen Spanne waren wir in einem riesigen unterirdischen Raum. Er war mindestens zur Hälfte mit Wasser gefüllt, oben reflektierte die Wassergrenze grün und Algen und Moose leuchteten grün und rot. Die Wand war von silberfarbenen Metalladern durchsetzt, die im Glühen der Algen aufblitzten. Mir war dieser Ort unheimlich, aber meine Mutter bestand darauf, hier zu warten. Neugierig wie ich war, erforschte ich nach einer kurzen Pause trotzdem den bizarren Raum und fand verschiedene kleine Tunnel, in denen schwarze Fische mit glühenden Augen und spitzen Zähnen wachten. Wenn ich zu nahe kam, fletschten sie das Maul bedrohlich. Auf meiner Erkundung sah ich am Boden gebogene Stöcke, als ich näher kam, erkannte ich, dass es sich um Gebeine handelte. Erschreckt drehte ich mich um. Als ich zum Sprechen ansetzte, sah ich eine Mischung aus Vorfreude und einem wilden Grinsen im Gesicht meiner Mutter. Sie hatte sich umgedreht und blickte jetzt weg von mir und ich bemerkte vier Gestalten, die lautlos in der Höhle aufgetaucht waren. Ich war erschrocken und still, aber meine Mutter glitt sofort auf sie zu und wurde begrüßt. Die Dämonen, denn das mussten sie sein, waren so groß wie meine Mutter. Ihre Kleidung war sehr dunkel und glänzend, ihre Haut hatte die Farbe von altem Schlamm und die Augen glühten ohne Pupille fahl rot. Erst nach einer Weile erkannte ich, dass zwei der Dämonen weiblich waren. Ich war im Hintergrund geblieben, aber die zwei männlichen Dämonen sahen mich und ein grausiges Lächeln verzog ihre Fratzen. Sie schossen auf mich zu und der erste, der kam, packte mich an den Schultern und musterte mich von oben bis unten – richtig eklig. „Oh, schau nur, wer da ist – lass sie uns versuchen!“ Mit diesen Worten biss er in meine Schulter, um angeekelt zurückzufahren. „Sie schmeckt bitter!“, mehr konnte er nicht sagen, denn die ältere der Frauen zog ihn an langen schwarzroten Haaren zurück. „Du Idiot – begrüßt man so seine zukünftige Frau?“ Er schaute zurück zu mir und fletschte die scharfen Zähne. „Wenn sie schmeckt, dann schon, aber sie ist ja bitter – was soll das werden?“ Ich stand erstarrt da und wusste nun wirklich nicht, was ich denken oder sagen sollte. Das sollte mein zukünftiger Mann sein? Nie im Leben! Inzwischen hatte meine Mutter sich dem anderen in die Arme geworfen – wer war wohl das? War das Ebrus Vater? Wo war ich da nur hingekommen? Alle setzten sich zusammen in einer Nische hin, denn wir sollten uns ja treffen und diese Person, dieser Widerling und ich sollten uns kennenlernen. Still saß ich mit einer brennenden Schulter da. Als ich die Wunden heilen wollte, merkte ich, dass mein Wasserzauber nur zäh reagierte. Das alles wurde für mich immer schlimmer. Dieser Dämon saß nun mir gegenüber und musterte mich wieder und wieder, als wäre ich nur ein Objekt und keine Person. Er sah arrogant aus, hatte mir seinen Namen bis jetzt nicht genannt und sprach nicht mit mir, sondern nur mit den anderen Dämonen, die mich ebenfalls abschätzend betrachteten und ignorierten. Ich kam mir vor wie die Zuchtkarpfen, die von uns einmal im Jahr präsentiert wurden. Ich fand das nur abstoßend und fühlte mich irgendwie erniedrigt – ich wusste nicht einmal genau warum. Den Gesprächen der älteren Dämonin mit meiner Mutter, die inzwischen Ebru auf dem Schoß hatte, konnte ich entnehmen, dass sie die Herrscherin war, und Iguan, so hieß dieser Widerling, ihr zweitältester Sohn. Er er sollte mein Mann werden – in drei bis vier Jahren, wenn er etwas reifer war. Um mich besser kennenzulernen, würde er im kommenden Herbst für ein Jahr zu uns in die Flüsse kommen, dann würde ich ihn für einen gleichen Zeitraum in das Reich der Dämonen begleiten. Das alles wurde ohne mich zu fragen besprochen und beschlossen. In mir kochte es und ich kam mir von meiner Mutter verraten vor. Ich schwor mir, dass ich dieses Wesen – langsam fehlten mir die Worte – nie wieder an mich heranlassen würde und ganz bestimmt nicht heiraten würde. Wir verbrachten einige Zeit in der Höhle. Meine Mutter war mit dem anderen Dämon, dessen Namen ich nicht verstanden hatte und auch nie lernte, immer wieder weg. Iguan beobachtete mich weiter und ich sah ihn oft mit seiner Mutter reden, aber er kam nicht mehr auf mich zu, auch wenn ich ihn immer wieder begehrlich die Lippen lecken sah. Offensichtlich versuchte meine Mutter noch einmal schwanger zu werden, denn sie verschwand sehr häufig mit dem einem Dämon, sah aber immer enttäuscht nach diesen Treffen aus. Endlich war der Zeitpunkt für die Rückkehr an die Oberfläche gekommen. Ich hielt es kaum noch in diesem seltsamen Raum mit den furchtbaren Dämonen aus und die Dunkelheit wurde erdrückend. Wir verabschiedeten uns, Ebrus Großmutter behielt den Kleinen bei sich und wollte ihn im Herbst gemeinsam mit Iguan zu uns bringen. Das war für mich eine große Erleichterung – ich mochte Ebru einfach nicht. Dann kehrten wir langsam durch die vielen Höhlen in unsere Bereiche des hellen Wassers zurück. Wir tauchten in einem aufgewühlten Wasser auf, denn die Schneeschmelze hatte die Flusspegel hoch ansteigen lassen. Überall waren Überschwemmungen, und wir kämpften uns durch angeschwemmtes Holz und Kiesberge zurück. Als wir endlich in unserem Schloss waren, verkündete meine Mutter stolz, dass ich den Prinzen der Dämonen heiraten würde. Jeder stimmte aus Angst vor ihr und vor Konsequenzen zu und zeigte angemessene Freude.
Kapitel 2
Von diesem Zeitpunkt stand ich dauernd unter Bewachung, auch nachts in meinem Zimmer, und konnte unseren Wohnbereich nicht mehr allein verlassen. Das Einzige, was ich durfte, war trainieren. Das machte ich, so oft ich konnte, damit ich genug Ausdauer für die Flucht bekam, denn das war jetzt mein einziges Lebensziel. Im Sommer wurde mein achtzehnter Geburtstag mit großem Pomp gefeiert – in diesem Alter wurden wir damals schon erwachsen. Ich war jetzt heiratsfähig. Ich riss mich zusammen und nahm daran teil. Ich wollte nicht zu meiner Geburtstagsfeier – auch wenn ich meine ersten Perlen bekam und meinen Umhang aus Fischhaut. Dieser Umhang war das wichtigste Geschenk, damit würde ich mit meinem Wasserzauber als Prinzessin in jedem Element überleben können. Weil ich das wusste, hielt ich das Fest aus. Alle Clanmitglieder feierten und genossen besondere Speisen, niemand war jedoch so brutal wie meine Mutter, die Glühwürmchen in Luftblasen einfing und sie zum Leuchten benutzte. Als ich das merkte, begann ich alle Steine und Algen aufleuchten und heimlich die verzweifelten Tiere wieder über das Wasser steigen zu lassen. Alle waren so im Feiern vertieft, dass es nicht auffiel. Bei den Spielen war ich noch dabei, bei den Tänzen schlich ich mich davon. Ich konnte das Protzen meiner Mutter und die ekligen Kommentare der anderen nicht mehr hören. Zum Glück merkte es keiner. Der Sommer verging und dieses Jahr war das Wetter extrem wechselhaft. Ein Gewittersturm jagte den anderen und Überschwemmungen lösten immer wieder Schlammlawinen aus, die auch teilweise den Flusslauf veränderten. Die Blitze wurden dieses Jahr vom Wasser sehr angezogen und immer wieder schoss ein zischender glühender Strahl durch den Fluss. Wer getroffen wurde, war schwer verletzt, zum Glück wurde niemand getötet. Auch durch diese Wetterphänomene stieg meine Spannung, hieß es doch in unserer Historie, dass Gewitter ein Zeichen sein, dass die Drachen aktiv wären. Da erinnerte ich mich an die alten Geschichten des ersten Kriegs und wunderte mich. Ich machte mir Gedanken wegen der Dämonen.Wenn sie aus ihrer Tiefe hochkommen würden, was wäre die Konsequenz?Ich fand keine guten Antworten. Meine Spannung stieg inzwischen täglich und ich hatte den Umhang immer bei mir. Ich fragte Merida immer wieder über die Fähigkeiten des Umhangs aus – warum ich ihn jetzt und nicht früher bekommen hatte, was seine magischen Eigenschaften wären. Auch sie erschien aufgewühlt, ruhelos und war gedanklich oft abwesend. Sie gab mir nur vage Antworten, bestärkte mich aber immer, den Umhang bei mir zu haben, was ich natürlich machte, da ich weiter meine Flucht plante und der Zeitpunkt der Ankunft von Iguan immer näher rückte. Dann würde ich heiraten müssen, denn meine Mutter hatte beschlossen, dass die Wartezeit zu lang war und dass sie nicht ein Jahr warten würde. Sie wollte die Vereinigung schnell – wie entsetzlich! Ich wartete wachsam auf eine Gelegenheit. Es war eine kühle Neumondnacht im Frühherbst und das Wasser war dunkel und still. Tagsüber hatte der Herbstwind die ersten Blätter auf das Wasser geweht. Meine Wächter waren inzwischen nachlässig geworden und heute saßen sie weiter weg von mir und erzählten sich von ihren Freundinnen – sie prahlten und wurden immer aufgeregter. Dann standen sie endlich lebhaft im Gespräch auf und drehten mir beide den Rücken zu. Darauf hatte ich gewartet, meine kleine Tasche war immer gepackt. Durch meinen Wasserzauber bildete ich eine Reflexion meiner selbst, die eine kurze Zeit genau wie ich aussehen würde. Ich hatte die Fähigkeit, mich in einen silbernen Fisch zu verwandeln, seit ich das Bernsteinarmband hatte. So konnte ich nur das mitnehmen, was ich direkt an mir hatte. Also ließ ich die Tasche zurück, hängte den Beutel um den Hals und zog meinen Umhang an. Dann wurde ich zum Fisch und in dieser Form glitt ich leise und vorsichtig durch alle Ritzen, bis ich draußen war. Dann schoss ich davon, weg, nur weg zu Noemi, meiner Tante und zum Seenvolk. Die letzten Winter waren eisig gewesen und es hatte furchtbare Stürme und Fluten gegeben. Deswegen war es überhaupt nicht aufgefallen, dass die Pflegekinder nicht mehr vom Flussvolk zu den Seen aufgebrochen waren, auch andersherum scheiterten viele Kontaktversuche an tobenden Wasserfällen, tückischen Strudeln und heftigen Überschwemmungen. Vieles davon hatte meine Mutter verursacht, aber ich schwamm nun durch alle Hindernisse durch. Ich verfügte inzwischen über so viel Wasserzauber, dass ich tobendes Wasser beruhigen konnte, und ich empfand alles immer noch wie ein Abenteuer. Ich war innerlich trotz des Erlebten und meinen Befürchtungen noch so romantisch, noch so unschuldig, dass ich mir Krieg und Streit trotz aller Vorzeichen nicht vorstellen konnte. Iguan war ein schlechter Traum, ich schaute positiv in die Zukunft, denn die Flucht hatte ja geklappt. Mit dem Mut und der Energie der Jugend bewältigte ich jede Herausforderung. Als ich spürte, dass meine Flucht bemerkt worden war, versteckte ich mich mit meiner Magie vor den Kriegern meiner Mutter – alles Aquati, die ich schon immer kannte – und alles kam mir immer noch unwirklich vor. Ich konnte mir einfach nicht den Hass, die Wut und die Besessenheit meiner Mutter vorstellen, aber ich hörte die Gespräche meiner Jäger, spürte, wie anders als sonst sie sich verhielten – besessen, gehässig, brutal, und ich fühlte nur Trauer. Diese innere Reinheit und Unschuld gab mir die Kraft, bei meinem Ziel zu bleiben – zu fliehen, frei zu leben, eine Zukunft aufzubauen. Ich kam tatsächlich an späten Abend eines dunklen und stürmischen Herbsttages, durch den das Wasser aufgewühlt war, im Königreich des Sees an. Als ich in der Dunkelheit vor dem Schloss stand, merkte ich erst, wie erschöpft ich war, und hoffte nur, dass ich aufgenommen wurde. Es dauerte nicht lange und ich sah eine wartende Gestalt, die die Umgebung beobachtete. Ich spürte schnell die innere Verbundenheit – es war Noemi, die schon vor dem Eingang stand und mich erwartete. Sie begrüßte mich herzlich, beinahe mütterlich. „Sie habe eine Vision gehabt“, mehr sagte sie nicht, auch wenn sie mich besorgt anblickte. Sie begleitete mich sofort in das Schloss und die Tore wurden geschlossen. Ich kam in die große Halle, in der noch viele Bewohner beim Essen saßen. Alle Aquati freuten sich, dass endlich wieder jemand vom Fluss kam, denn alle hatten die Pflegekinder und die Kontakte vermisst. Jeder, den ich traf, war offen und herzlich mir gegenüber, mehr als ich von zu Hause kannte. Das verunsicherte mich sehr, denn inzwischen war ich doch misstrauischer geworden, die Flucht hatte mich mehr belastet, als ich gemerkt hatte und ich hatte viele schlimme Ereignisse verdrängt. Ich merkte, dass mir Merida, auf deren Meinung ich immer viel Wert gelegt hatte, fehlte. Ich vertraute mich aber Noemi an und sie stellte mich offiziell Marila und dem König vor. Beide hörten sich meine Geschichte an, konnten aber nicht glauben, dass irgendetwas Schlimmes aus meiner Flucht entstehen konnte. Als Verwandte erhielt ich in ihrem Schlosstrakt einen eigenen Raum. Ich erholte mich schnell und genoss die großartige Gastfreundschaft. Als ich wieder gekräftigt war, begann in mir Sorge zu nagen – ich hatte immer noch nicht verstanden, was die ganze Planung mit Iguan sollte, und meine Sorge wuchs und wuchs. Das lockere Gefühl, das ich bis jetzt meistens hatte, als sei alles ein Spiel, verwandeltesich in unheimliche Gedanken, Ängste, die ich noch nie zugelassen hatte. Ich besprach meine Gedanken mit Noemi, die mir als einzige zuhören wollte und sie stimmte mir zu – sie kannte ihre Schwester und ihren Charakter. Aber sie erklärte mir auch, dass ich allein nichts machen konnte, niemand würde meine Ängste oder Befürchtungen verstehen. Ich spürte, dass meine Mutter nach mir suchte – ich erkannte es in meinen Träumen, die anders waren als sonst, in ihnen spürte ich Zorn, Begehrlichkeit, Hass – ich sah Schlamm, der in suchenden Fingern dunkelglühend auf mich zu glitt. Ich wusste ganz sicher, wie Träume sind, dass sie mich fangen würde, sollte sie mich berühren. Da verwandelte ich mich im Traum in den silbernen Fisch, der fliehen konnte. Wenn ich aufwachte, waren die Träume wie Nebelschwaden beinahe verflogen, aber ich spürte eine Erschöpfung, als hätte ich gekämpft. Manchmal hatte ich auch das Gefühl, dass Merida in meinen Träumen war, besonders in einem, in dem sie sich verabschiedete und sagte, dass ihre Reise weiter gehe. Als ich sie halten wollte, glitt sie wie Wasserperlen aus meinen Händen. Trotzdem wachte ich an diesem Morgen erfrischt und beruhigt auf. Ich hatte die Hoffnung, dass sie meiner Mutter entflohen war. Das entlastete schon, aber ich erkannte, dass ich mein Training, das mir immer inneres Gleichgewicht gegeben hatte, vernachlässigt hatte. Also begann ich zu planen und mir einen Trainingsort zu suchen. Der Raum im Schloss, den ich bekommen hatte, war schön, aber zu klein für meine Übungen. Ich ging vor die Tür und orientierte mich. Schnell fand ich einen abgeschiedenen Raum und begann wieder mein Training. Im Fluss der Übungen entspannte ich mich und fand meine innere Balance wieder. So konnte ich meinen inneren Widerstand stärken und mich das erste Mal in meinem Leben mit einem gedanklichen Schutzwall vor meiner Mutter schützen. Mein Selbstbewusstsein stieg und ich plante das Schloss zu verlassen, um mich auch draußen umzusehen. Ich glitt durch die Gänge und genoss das wunderschöne Gemäuer. Jede Wand war entweder mit glühenden Kristallen oder Wandteppichen aus feinen Pflanzenfasern geschmückt, auf denen mit Perlenstickerei Motive oder Personen dargestellt waren. Ich hielt immer wieder inne, um die hervorragende Handarbeit zu bewundern und merkte nun auch, dass der Boden mit sauberem grobem Sand bedeckt war. Einzelne Fische glitten durch die Gänge – es waren Haustiere, besonders Aale waren beliebt, aber auch Jungtiere, die aufgezogen wurden. Manchmal schoss ein funkelnder Fischschwarm aus einer Ecke um mich kurz zu umspielen, dann ließ sich ein zahmer Aal bei mir auf der Schulter nieder, um sich kurz um meinen Oberarm zu winden. Nach einem kurzen Kosen machte er sich wieder auf den Weg und glitt weiter. Es war einfach schön, beeindruckend – das richtige Wort fehlte mir. Endlich war ich vor dem Schloss und betrat durch den Haupteingang einen großen halbrunden Vorplatz, der mit weißen Sand bedeckt war. Ich drehte mich, um dieses Schloss, dieses Gebäude, wie ich noch nie etwas Vergleichbares gesehen hatte, zu betrachten und so auch kennenzulernen. Es ragte imposant und breit vor mir auf, aus riesigen tiefgrauen und grünen Felsquadern erbaut, teilweise in den rohen Felsen gehauen, die Front überzogen mit Fensteröffnungen, die in Gruppen angeordnet waren. Fasziniert begann ich zu zählen, zu schätzen, es waren so viele und vielfältige, dass ich nicht fertig wurde und mich anderen Dingen zuwendete und weiter umsah. Der Eingang war mächtig und breit und durch einen seltsamen Vorbau geschützt, der aus Bäumen zu bestehen schien, die bis über die Wasseroberfläche ragten. Die Tore waren aus magisch gehärtetem Holz. Das Schloss hatte zwei breite Türme, ein Turm war niedrig und reichte bis kurz unter die Wasseroberfläche, der andere war höher und schien über dem Wasser zu enden. Als ich nach oben blickte, sah ich über mir einen reißenden Fluss, der sich an dem Turm in zwei Ströme teilte. Schon das war für mich unvorstellbar –wir Aquati hatten doch nichts über dem Wasser zu suchen!Was für ein Zauber!Die Sonne schien ins Wasser und durch die Strahlen glühten die Steine. Ich sah nun, dass in jedem Quader Kristalle eingelassen waren. Als ich mich fasziniert im Kreis drehte, sah ich, dass der ganze Rand des Halbkreises wie ein Bach im Wasser mit Bergkristallen angefüllt war, die pulsierend leuchteten. Manchmal schoss eine fahle Flamme hoch – ein wunderbarer Anblick eines außergewöhnlichen Schutzes. Dahinter wuchs dunkelgrünes Schilf – es war ein magischer Schilfwall, denn das Wasser floss davor viel schneller und war eisig kalt. Hier war die Wassertemperatur angenehm und es war nur eine leichte Strömung spürbar. Ich sah mehrere Aquati, die das Schilf pflegten und da ich nichts zu tun hatte, schwamm ich zu ihnen, um ihnen zu helfen. Mein Wissen um Natur und Magie war willkommen. Auch die Arbeit am Schilf beruhigte mich, ich war wieder draußen, hatte eine Aufgabe und fühlte mich langsam etwas zugehörig. Ich war in der nächsten Zeitfast täglich bei der Schilfpflege. Wenn ich abends zurückkam, war meistens Noemi oder Marila da, um mit mir zu sprechen. Wir hatten die unterschiedlichsten Gesprächsthemen, am interessantesten war, wenn wir über die Natur, Geschichte der Welt, der Drachen, aber auch über unsere Herkunft und Genealogie sprachen. Nach längeren heißen abendfüllenden Diskussionen erkannten wir, das Marila und ich über mehrere Generationen über Noemis Vater verwandt waren. In diesem Wissen stärkte sich unser gemeinsamer Wasserzauber und das Vertrauen wuchs weiter. Ich wagte nun auch mehr von mir, von meinen Ängsten zu erzählen und beide nahmen es weiter ernst, konnten aber nichts Konkretes tun. Inzwischen schlief ich besser, denn meine innere Kraft hatte sich stabilisiert. Ich hatte aber immer das Gefühl, dass noch nicht alles gelöst war. Für mich blieb immer noch die Frage unbeantwortet, wie die Herrscherin der Dämonen auf meine Flucht reagieren würde. Aber auch ich fand trotz schlafloser durchgrübelter Nächte keine Antwort, also versuchte ich die Probleme wenigstens zu verdrängen und den Augenblick zu genießen, da ich jetzt endlich weniger Albträume hatte.
Kapitel 3
Als ich nach einigen Tagen nach meinem morgendlichen Training wieder allein vor das Schloss trat, kam durch den Schilfwall ein einsamer Krieger. Er war groß und muskulös, hager und schien lange weggewesen zu sein. Er glitt geräuschlos durch das Wasser und als er mich sah, erstarrte er genauso wie ich. Wir musterten uns kritisch, aber auch deutlich interessiert. Ich war beeindruckt, denn er war so anders als die anderen Aquati hier und sah aus, wie eine meiner Wachen früher – trainiert, fokussiert, bereit für den Kampf. So jemand hatte mir gefehlt. Keiner der Aquati hier bis auf wenige Wachen, die immer beschäftigt waren, kannte sich mit Waffentraining oder Kampftechniken aus und mir fehlte ein Trainingspartner. Er sah aus wie jemand, der eine großartige Herausforderung darstellen könnte. Und dann sah ich seine Augen – dunkelgrün mit goldenen Funken. Diese Augen blickten mich kritisch an, auch er schien von mir fasziniert, immer wieder ging sein Blick zu meinen Haaren. Ich hoffte, dass er mich ernst nehmen würde, mit mir sprechen würde und trainieren würde – das wäre einfach gut. Mehr dachte ich nicht, bis er direkt vor mir stand und mich jetzt kritisch und fast bedrohlich von oben bis unten musterte. „Wer bist du, was machst du hier? Du bist zu alt für ein Pflegekind, warum bist du hier?“ Mit einer rauen Stimme strömten die Fragen in mich ein – ich hatte nicht einmal einen Atemzug frei um zu antworten. Als ich zum Sprechen ansetzte, drehte er sich zu Marila um, die zur Begrüßung herausgekommen war und blickte sie fragend an. Sie schickte mir einen verschmitzten Blick, schien überhaupt nicht eingeschüchtert und meinte zu dem Krieger: „Sorav, das ist Irala, unser Besuch von den Flüssen, denn endlich ist jemand von den Flüssen wiedergekommen.“ Dann zu mir: „Wundere dich nicht, er ist meistens so, wenn er von den langen Streifzügen zurückkommt.“ In der Zwischenzeit wurde dieser Sorav immer unruhiger. Bestimmt wollte er sich umziehen, denn er hatte kaum noch Kleider an und seine Haare waren verfilzt, ich merkte erst jetzt, wie abgemagert er war. Sorav musterte mich nochmals und glitt dann wortlos an mir vorbei in das Schloss. Meine Augenbrauen schossen nach oben und mein Temperament gleichzeitig – er hatte nicht einmal nach meinem Namen gefragt und mich am Schluss ignoriert. Eine Herausforderung, die ich annahm – ob er es wollte oder nicht. Ich ging meinen selbstauferlegten Aufgaben nach und der Tag verging. Nachmittags regnete es und das wogende Wasser wurde früh graudunkel. Wir gingen wieder ins Schloss, sicher, dass der Schilfwall und der Kristallbach uns magisch schützen würden. Marila lud mich heute besonders zum Abendessen ein, denn die Rückkehr von Sorav wurde mit einem besonderen Mahl in ihren Räumen gefeiert. Ich ging in meinen Raum und bürstete und flocht meine Haare. Dann wollte mich umziehen, denn es sollte ja ein besonderes Abendessen sein, auch wenn es wegen diesem Sorav war. Erschrocken stellte ich fest dass da nichts war – früher, in meinem alten Heim, hatte ich immer genug Kleidung, für jede Gelegenheit. Hier wurde auf so etwas wenig Wert gelegt.Was sollte ich nur tun?Ich wollte heute schön aussehen. Sinnend drehte ich mich im Kreis, da fiel mir das dicke Tuch, das mein Bett bedeckte in die Augen.Das wäre eine Lösung!Ich machte mich auf den Weg zu den Räumen, in denen Stoffe aufbewahrt wurden. Dort gab es mehrere Schilfmatten, von denen ich zwei mitnahm. Wieder in meinem Zimmer ließ ich meinen Wasserzauber aufsteigen und formte aus den Matten zuerst feines Gewebe, um dem neuen Stoff dann die Form einer Tunika mit einem breiten Schlitz für den Kopf zu geben. Sie hatte seitlich zwei lange Schlitze und aus dem Stoffrest gestaltete ich lockere Hosen. Da ich das so umfassend das erste Mal machte, wer ich sehr erschöpft und legte mich hin um kurz auszuruhen und schlief fest ein. Wenn Noemi nicht gekommen wäre, hätte ich den ganzen Abend verschlafen. Noemi weckte mich und hielt bewundert die Kleidung in der Hand, aber es war schon so spät, dass wir keine Zeit hatten, ihr auch Kleidung zu gestalten. Sie flocht mein Haar, das jetzt völlig durcheinander war, schnell in einen lockeren Zopf und dann glitten wir eilig zu dem besonderen Mahl. Wir schwammen durch dunkle Gänge, die heute nur von wenigen Kristallen erleuchtet waren, bis vor die Tür von Marilas und Yuvals Räumen. Kurz bevor wir die Tür öffnen konnten, wurde sie schon aufgezogen, Sorav hatte unsere Ankunft gehört. Er nickte Noemi, die ihn mit einem leichten Schmunzeln betrachtete zu und dann fand ich mich in seiner vollen Aufmerksamkeit. Wir standen voreinander und sahen plötzlich nur uns In mir stieg ein goldenes Glühen auf und auch seine Augen funkelten kurz golden auf. Er nickte kurz mit dem Kopf um dann wieder mit seiner rauen Stimme, die mich so faszinierte zu sprechen. Er setzte zweimal an, schien ungeübt im Formulieren, und sagte dann: „Ich muss mich für vorhin entschuldigen, ich hatte niemand Neues erwartet. Ich bin Sorav, Ziehbruder von Yuval.“ Da fiel mir die Antwort leicht: „Ich bin Irala, Tochter der Königin der Flüsse.“ „Hat sie dich geschickt?“ „Nein, ich bin gekommen, ich bin achtzehn.“ Das schien mir sehr wichtig, und er musterte mich von der Seite und antwortete nur mit einem Knurren. Gleichzeitig lud er mich jedoch mit einer höflichen Geste ein, neben ihm Platz zu nehmen. Wir sprachen kaum miteinander, aber das passte mir und das war erstaunlich. Ich hörte den anderen gern zu, da ich so noch viel mehr über den Alltag lernte. Sorav sprach selbst so gut wie nichts, antwortete immer nur kurz auf Fragen. Das Abendessen verging schnell. Es wurde viel erzählt, denn alle wollten Sorav auf den aktuellen Stand bringen. Am meisten berichtete Mirala vom Alltag, Yuval brachte seine Anliegen – Versorgung der Aquati, Training der wenigen Krieger und der Mangel an Aquati, die bereit waren, mit Waffen zu trainieren – mit ein. Erst als wir uns in die natürliche Grotte im Berg zurückzogen, die hinten die Räume ergänzte und die inzwischen golden und grün glühte, veränderten sich die Themen. Noemi brachte nochmals meine Sorgen vor und ich erklärte erneut meine Befürchtungen wegen meiner Mutter, Iguan und der Herrscherin der Dämonen. Ich berichtete ausführlich, wie sich meine Mutterverhalten hatte und aus welchen Ängsten ich geflohen war. Dann erwähnte ich die Naturkatastrophen, die ich selbst erlebt hatte und äußerte meine Sorge über die Ursachen. Sorav sah mich inzwischen mit anderen Augen an, er wusste nun, wie ich hierher gekommen war, das war sogar für ihn bemerkenswert. Und natürlich war er es, der die Frage stellte, die bisher keiner gewagt hatte. „Bist du vor ihr geflohen?“ Im Bann seiner außergewöhnlichen Augen blieb mir nur die Wahrheit: „Ja, denn sie wollte mich mit dem Herrschersohn der Dämonen verehelichen, Iguan. Er ist widerlich, hat mich gebissen.“ An diesem Abend war etwas anders, heute wurde ich ernst genommen und das entlastete, machte aber auch Angst, denn die Realität rückte so wieder näher. „Ich wusste doch, dass sie etwas Furchtbares plant, niemand wollte eshören“, so fauchte Sorav fast in die Runde, aber alle kannten ihn wohl so, denn Yuval blickte ihn fest an, um gelassen zu antworten. „Schon, aber was sollen wir tun? Iralas Problem, ihr Bericht, ist ja nicht einmal der Anfang – dieser Streit ist so uralt wie unsere Clans. Irgendwann wird es zur Katastrophe kommen.“ „Ja, aber wir müssen uns vorbereiten, trainieren, wachsamer sein, als wir es sind, damit wir, wenn es passieren sollte, wenn ein Angriff kommt, nicht völlig vernichtet werden.“ „Wie soll das gehen, wenn schon wieder ein Teil des Schlosses so durchflutet wurde, dass es unbewohnbar ist. Es ist schon wieder Schlamm eingeschwemmt worden. Außerdem glaube ich, dass einer der alten Gänge tief in den Berg durch den letzten Bergrutsch geöffnet wurde, ich hoffe nur nicht, dass er zu tief reicht. Ich habe aber keine Kundschafter, die erkunden wollen – und ich kann auch nicht alles machen!“ Yuval klang resigniert. „Magie und Kampfeskunst – etwas anderes geht nicht!“ „ Ja, ja, aber wie sollen wir es machen, kaum jemand trainiert noch – vielleicht kann Irala helfen, die anderen zu motivieren!“ „Irala – wie?“ Bevor es weiterging, unterbrach ich: „Ich kann kämpfen, und Magie – schau dir meine Tunika an. Auch das war meine Magie!“ Sorav schaute mich sprachlos und dann respektvoller an. Er neigte sich zu mir und meinte „Ich bin hier der erfahrenste Krieger, wir sollten miteinander trainieren, damit ich deine Fähigkeiten einschätzen kann.“ Ich war beeindruckt, denn das hätte ich von dem brüsken Krieger vor mir nicht erwartet – aber Noemi schien da mitgeholfen zu haben, denn sie saß schon wieder mit einem Lächeln und einem übermütigen Funkeln in den Augen da. Ich holte tief Luft, stand dann auf und meinte: „Dann bis morgen früh, heute gehe ich früh zu Bett.“ Auch Sorav stand und um seine Lippen spielte ein Lächeln, das bis in mein Herz drang. Er öffnete mir wieder die Tür und ich glitt in mein Zimmer zurück. Hinter mir schloss ich die Türe leise und fand mich auf meinem Bett wieder. Meine Wangen brannten und andere Bereiche in mir wurden mir in einer Intensität bewusst, die ich mit nie hatte vorstellen können. Die Erlebnisse des Abends kreisten in mir und Gedanken und Träume, geheime Wünsche wirbelten ohne Ende durcheinander. In der Mitte glühende Augen, die ich in einen leichten und unruhigen Schlaf mitnahm. Das Licht am nächsten Morgen war noch fahl, als ich zum Training aufstand. Ich nahm den Stock mit, den ich als Übungswaffe benutzte und bedauerte auch heute wieder, wie fast täglich, mein Schwert durch meine Flucht verloren zu haben. Ich hatte nur noch meinen Dolch, den ich immer bei mir hatte. Leise glitt ich zum Haupttor hinaus und fand mich allein – welche Entlastung. Langsam wurde mir die ganzen Aquati mit ihren Illusionen und irrealen Sorgen zu viel. Ich stellte mich in Position auf und ließ alle Gedanken bis auf das Wissen um die Übung weggleiten. Ich spürte zu meiner inneren Mitte und stärkte sie, verbesserte meine Haltung und dann begann die fließende Übung, mit der ich meine Sequenz immer begann. Langsam wurde ich ruhig und nach einem zweiten Durchgang hatte ich meine Gefühle unter Kontrolle. Ich begann nun mit dem Stock zu üben. Als ich mich umdrehte, stand Sorav da und beobachtete mich kritisch. Ich riss mich zusammen, um auch diese Sequenz zu beenden. Erst danach kam ich auf ihn zu. Er nickte nur kurz zum Gruß und kam sofort auf meine Übungen zu sprechen. Von meiner Aufwärmsequenz bis zur Übung selbst besprach er meine Technik und verbesserte meine Haltung, meine Position. Er machte das nur mit Worten, aber auch das war neu, aufregend – so hatte noch nie jemand mit mir gearbeitet und ich fühlte mich wieder ernst genommen. Er war aber bis auf die Übungen und das Training zurückhaltend, er sprach nichts Persönliches an. Das Funkeln, das ich am Vortag gespürt hatte, diese Wärme, war nicht spürbar. Inzwischen war es Morgen und wir gingen zum Frühstück. Danach verschwand er mit einem gemurmelten Grußund ich sah ihn bald darauf bei Yuval stehen. Sie sprachen sehr vertraut und ich erkannte, wie gut sie befreundet waren. Noemi kam auf mich zu und nahm mich mit. Sie wollte mit mir den Wasserzauber besprechen, mit dem ich mein Kleid gemacht hatte und wir waren mit den Webern den ganzen Tag beschäftigt. Da auch die Weber Wasserzauber nutzten, konnten sie einiges von mir lernen und wir begannen als Anfang dünnere Hosen zu gestalten. Ich spürte die Wertschätzung und sah ein Ergebnis meiner Mühe und ich war sehr stolz – das war mehr, als ich früher gemacht hatte. Hier war ich keine lästige Prinzessin. Das Morgentraining wiederholte sich die nächsten Tage, bis Sorav der Meinung war, dass ich mit einem richtigen Schwert kämpfen sollte. Ich hatte ihm nie erzählt, was ich früher trainiert hatte, und als wir dann mit stumpfen Schwertern voreinander standen und die Sequenz übten, war er erstaunt, umso mehr, als ich dann auch den Dolch zog und wir jeder mit zwei Waffen kämpften. Ich hatte zwar nicht die Reichweite, aber meine Technik war gut, und ich kannte Tricks um seine Verteidigung zu umgehen. Wieder und wieder übten wir und dann kam der Tag, an dem er mich heftig am Bein traf und ich einfach zusammenbrach. Die Nacht vorher war furchtbar gewesen, denn neue Albträume und die Furcht, meine Mutter könnte mich finden, hatten mich gequält. Am Morgen hatte ich immer noch das Gefühl, den Traum wie einen grauen Schleier mit zu ziehen und so war ich unachtsam gewesen. Als Sorav mir mit der Breitseite des Schwerts das Bein wegfegte, riss es mich zu Boden, ich kam mit dem Rücken und dem Hinterkopf auf und konnte nur noch stöhnen. Mir war schwindelig und ich spürte die Strafe der Nacht. Als ich die Augen öffnete, sah ich kurz alles verschwommen. Mühsam wollte ich mich aufrichten, als ich starke Hände spürte, die mich vorsichtig hochhoben. Als ich wieder klar sehen konnte, blickte ich in seine tiefgrünen Augen. Sein Gesicht war noch angespannter, als sonst und der Mund verkrampft. Er sah aus, als hätte er Schmerzen, und ich fragte ihn ob es ihm schlecht gehen würde. Er sah mich an, als sei ich verrückt, und meinte nur: „Nein, aber ich bringe dich zum Heiler.“ „Nein, ich brauche das nicht – ich kann das selbst“. meinte ich, hatte aber einfach keine Chance. Er trug mich gegen alle meine Proteste zum Raum des Heilers. Heute war Noemi zuständig und sah mich anfangs sehr angespannt an, meinte aber leicht lächelnd nach einer kurzen Untersuchung: „Ich heile dir die Kopfverletzung, das ist für dich schlecht vorstellbar – den Rest kannst du selbst.“ Sorav verschlug es die Stimme, er schaute mich immer kritischer an. „Wenn du ihr etwas Gutes tun willst, dann bringe sie für heute in ihr Zimmer zum Ausruhen“, sagte Noemi, nachdem sie die kleine Wunde an meinen Hinterkopf versorgt hatte. Dann heilte ich mich durch meine Magie und wollte mich schon wieder aufsetzen. Sorav stand immer noch wortlos dabei, aber dann nahm er mich wieder auf den Arm – mein Bein schmerzte fast nicht mehr, aber er ließ mir wieder keine Gelegenheit selbst aufzustehen. Es schien fast, als wolle er eine Strafe abarbeiten, so vorsichtig trug er mich in mein Zimmer und legte mich auf mein Bett. Das tat wirklich gut. Ich reckte mich und merkte, dass er immer noch still neben mir stand.Was sollte ich sagen? Dass nichts passiert war – das stimmte nicht