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Der junge Ardun hat Einsamkeit und Armut kennengelernt, als sich sein Schicksal wendet. Im Angesicht des drohenden Todes eröffnet ihm eine Elfe, dass er magische Kräfte besitzt, die eine mächtige Waffe in einem geheimen Krieg werden könnte. Sie will ihn zu den Aquiron, einer Kriegergilde, bringen, um ihn für den Kampf gegen die Finsternis zu stärken. Doch schon die Reise dorthin stellt sich als große Herausforderung heraus. So muss er sich gegen bestialische Unholde und in Schlachten behaupten. Obendrein erfährt er, dass er der Auserwählte sein soll, Rufer der mächtigen Drachen, die seit langem nicht mehr auf der Erde gesehen wurden. Schon bald erkennt er, dass Gut und Böse nicht immer scharf zu trennen sind. Denn scheinbar edle Motive verstecken nur zu oft Zwietracht und Machtstreben.
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Seitenzahl: 724
Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhalt
Impressum 2
Vorwort 3
1 4
2 10
3 13
4 15
5 25
6 28
7 32
8 37
9 45
10 51
11 58
12 63
13 68
14 76
15 85
16 90
17 92
18 96
19 99
20 103
21 112
22 114
23 119
24 125
25 130
26 133
27 137
28 145
29 152
30 155
31 163
32 171
33 176
34 183
35 187
36 197
37 201
38 205
39 216
40 221
41 228
42 234
43 237
44 242
45 244
46 253
47 260
48 266
49 279
50 281
51 285
52 295
53 299
54 308
55 311
56 316
57 318
58 332
59 335
60 341
61 348
62 354
63 359
64 365
65 370
66 372
67 378
68 380
69 386
70 390
71 397
72 399
73 402
74 405
75 414
76 415
77 422
78 424
79 429
80 432
81 438
82 442
83 444
84 449
85 451
86 456
87 458
88 464
89 471
90 474
91 484
92 491
93 495
94 497
95 498
96 501
Epilog 505
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe:978-3-99107-527-1
ISBN e-book: 978-3-99107-528-8
Lektorat:Susanne Schilp
Umschlagfotos:Ollirg, Brett Critchley, A-papantoniou, Supot Suebwongsa | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Vorwort
Was Gegenwart ist, wird Vergangenheit,
was Vergangenheit ist, Mythos
und was ein Mythos ist, das gerät in Vergessenheit.
Was also bleibt ihn diesem Strudel der Zeit?
1
Unendlich laut und ungnädig prasselte der Regen auf Ardun hinab, durchnässte seine dünne Kleidung und ließ ihm das schulterlange, triefende Haar ins Gesicht fallen. Es war, als habe selbst das Wetter sich gegen ihn gewandt, als wolle es ihn noch in seinem Leid verhöhnen. Er kniete in einer moosigen Senke im Wald und hielt die Wange in tiefer Trauer an den leblosen Körper in seinen Armen gedrückt. Es war die erstarrte Gestalt eines jungen Mädchens, nicht viel jünger als er selbst. Wahrscheinlich war dies ihr achtzehnter Sommer.
»Und nun auch ihr letzter«, fügte er in Gedanken bitter hinzu, während sich ein leiser Schluchzer seiner Kehle entrang.
Aber keine Träne lief über seine Wange. Er konnte sich nicht einmal erinnern, wann er das letzte Mal geweint hatte, denn so weit seine Gedanken zurückreichten, hatte ihn das Leben mit grausamer Härte in seinen Klauen gehalten. Ardun hatte seine Eltern nie kennengelernt und auch sonst hatte sich niemand seiner angenommen. So war er schließlich alleine in den Gassen Wackensteins aufgewachsen, einer heruntergekommenen Menschenstadt unter der Regentschaft eines Herrschers, dem jeglicher Gedanke an die Hungernden und Armen fremd war. Aber trotz dieser Widrigkeiten hatte Ardun sich nie beschwert, denn dieses Leben hatte ihn gelehrt, dass er nur sich selbst trauen konnte, aber auch, dass er mit seinem eigenen Willen alles erreichen konnte. Oder zumindest genug, um zu überleben. Niemand kümmerte sich um ihn und er sich ebenso wenig um den Rest der Welt. Doch heute hatte er all seine Prinzipien über Bord geworfen und sich gegen die warnende Stimme in seinem Hinterkopf durchgesetzt. Ein Fehler, der ihn den Garant seines Daseins gekostet hatte und als Tribut höchstwahrscheinlich sein Leben fordern würde, ehe die Sonne ein weiteres Mal den Horizont erklomm. Bitter dachte er zurück an seine Kindheit. Als er gerade den Sept, das Knabenalters erreicht hatte, war er von der Wache erwischt worden. Eigentlich war der Sept ein wichtiger Tag im Leben eines Mannes, denn die Ernten waren schlecht und die Winter hart, sodass selbst in behüteten Verhältnissen nur jedes dritte Kind dieses Alter erreichte. Wer aber das Erblühen der ersten Blumen am Primus des Frühlings nach seinem siebten Winter miterlebte, der hatte die Kraft bewiesen, den Widrigkeiten der Natur zu strotzen. Daher feierte man den Sept so prunkvoll und überschwänglich, wie es die finanzielle Lage der Familie zuließ. Für Ardun war es einfach nur ein weiterer elender Tag gewesen, an dessen Morgen er erwacht war,ohne zu wissen, ob er an diesem Abend wieder hungrig ins Bett gehen musste. Unwillkürlich verzog er den Mund, als er selbst jetzt, Jahre später, wieder den beißenden Hunger fühlte, den er auch damals gespürt hatte. Heiß und stechend hatte er sich durch seine Eingeweide gefressen und ihn sich vor Krämpfen winden lassen. So hatte er schließlich der Not nachgegeben und sich zu dem kleinen Marktplatz begeben, der sich direkt vor den Toren der protzigen Burg Wackenstein befand. Trotz der Armut der Bewohner waren die Stände hier nie leer und die Düfte von geräuchertem Fisch, frischgebackenem Brot und anderer Köstlichkeiten vermischten sich und ließen ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. Er hatte sich unter die Leute begeben und einfach von der Masse treiben lassen, um nicht von den Wachen entdeckt zu werden, bevor seine Hand an einem Obststand blitzschnell hervorgezuckt war und einen grünen Apfel in seinem Ärmel hatte verschwinden lassen. Alles war gut gegangen, der Händler, ein kleiner, untersetzter Mann mit Glatze, hatte nichts gemerkt und pries den Passanten weiter lautstark seine Ware an. Doch dann, als er sich schon in Sicherheit gewähnt hatte, war es geschehen. Ein rennendes Kind hatte ihn von hinten angerempelt und Ardun war der gestohlene Apfel aus der Ärmelfalte gerutscht, gerade als eine vierköpfige Wachpatrouille an ihm vorbeikam. Er hatte keineZeit gefunden zu reagieren und zu fliehen, so schnell war er schon grob am Arm gepackt und von der unerbittlichen Wache vor Fürst Ergon geschleppt worden. Dieser hatte ihm die Wahl gelassen, entweder für ihn zu arbeiten oder aber, wie bei Diebstahl üblich, seine Hand zu verlieren. Ardun war so verängstigt gewesen, dass ihm der eigene Urin die Beine hinabgelaufen war. Seit diesem Tag hatte er auf Burg Wackenstein gearbeitet, bei allem geholfen, wofür jemand gebraucht wurde, und das für lediglich ein Silberstück und eine laue Schüssel Gemüsesuppe am Tag. So war es auch an diesem Morgen gewesen, als das Mädchen aufgetaucht war. Er hatte die Szene mehr zufällig mitbekommen, da er im Thronsaal die Rüstungen polieren musste, bis das alte Metall nur so glänzte und seine Finger blutig und wund waren. Zwei Wachenhatten das zitternde Mädchen hineingeführt, wo es schon von des Fürsten Sohn Idan erwartet worden war. Er eröffnete dem Mädchen, dass er sie erwählt habe, seine persönliche Mätresse zu werden. Angewidert hatte Ardun kurz von seiner Arbeit aufgeschaut, nur um die hämische Freude in dem Gesicht Idans zu sehen, während das Mädchen sich in den Armen der Soldaten gewunden und weinend um Gnade gewinselt hatte. In diesem Moment hatte er beschlossen, das Mädchen aus Wackenstein zu retten, nicht aus Nächstenliebe, sondern um dem arroganten Fürstensohn eins auszuwischen, der nicht einmal davor zurückschreckte, sich ein unbescholtenes Dorfmädchen zur Hure zu nehmen. Doch wohin hatten ihn seine ehrgeizigen Pläne geführt? Nun saß er hier im Wald, das Mädchen, aus dessen Rücken ein gefiederter Pfeil ragte, in den Armen haltend, und lauschte auf die lauten Stimmen der Soldaten, die nach ihm suchten und ihm Drohungen und Schmähungen entgegenbrüllten. In der Dunkelheit der Nacht sah er ihre Fackeln auf und ab hüpfen und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Hunde seine Witterung aufnahmen und ihn fanden. Bei dem Gedanken an die blutrünstigen Jagdhunde musste Ardun schwer schlucken, denn er hatte schon einmal miterlebt, wie sie das Bein eines kräftigen Mannes einfach zerfetzt hatten. Vielleicht war es sogar besser, sich zu stellen, denn der Tod durch das Schwert wäre sicherlich angenehmer, als Bekanntschaft mit den Zähnen der Hunde zu machen. Und entkommen konnte er ja doch nicht.
»Die Last der Toten ist nur schwer zu tragen, nicht wahr, mein Sohn?«, ertönte plötzlich eine sanfte Stimme direkt vor ihm.
Zu Tode erschrocken fuhr Ardun halb auf und seine Hand glitt automatisch zu dem Dolch an seinem Gürtel und riss ihn aus der Scheide. Vor ihm war von ihm völlig unbemerkt eine Gestalt erschienen, die sich in einen tiefschwarzen Umhang gekleidet hatte, der mit der umgebenden Nacht perfekt verschmolz. Der Neuankömmling hob beschwichtigend die Hände und schob sich langsam die Kapuze vom Kopf. Zum Vorschein kam das Gesicht einer wunderschönen Frau, wie Ardun sich selbst eingestehen musste, das von langen blonden Haaren und zwei spitzen Ohren gerahmt wurde. Eine Elfe! Sie sah ihn aus klugen Augen an und sprach dann wieder mit ruhiger, sachlicher Stimme:
»Zweifellos trägst du die Schuld an dem Tod dieses Mädchens.«
Diese Aussage schockierte Ardun noch mehr als das plötzliche Auftauchen der Elfe und er wollte wütend aufbegehren, doch die Elfe unterbrach ihn mit einer Handbewegung.
»Ich weiß genau, was sich zugetragen hat, also versuche nicht, meine Wortezu leugnen und mich zum Narren zu halten!«, brauste sie mit plötzlicher Härte auf, ehe ihr Ton wieder bitterweich und verständnisvoll wurde, »Die Wahrheit darf niemals geleugnet werden, Sohn, denn sonst belügen wir nur unsere eigene Seele. Ich weiß, dass du ihren Tod nicht wolltest und im Sinn hattest, ihr zu helfen. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass sie noch am Leben wäre, wenn du nicht gehandelt hättest. Innerlich zerbrochen und geschändet, das ja, aber immerhin am Leben.« Ardun hatte einen Kloß im Hals. Er wusste nicht, was er darauf entgegnen sollte, denn die Wahrheit ihrer Worte traf ihn wie ein Schlag und er schaute beschämt zu Boden. Dann kochte mit einem Mal Zorn in ihm hoch. Wer war diese Fremde, dass sie sich anmaßte, so mit ihm zu sprechen? Sie wusste rein gar nichts über ihn und die Entbehrungen, die er schon hatte erleiden müssen. Überhaupt war sie noch nicht einmal ein Mensch und doch stand sie hier und urteilte über ihn, als wäre sie seine Mutter!
»Wenn das alles ist, was Ihr zu sagen habt, dann verschwindet Ihr jetzt besser, sonst finden mich wegen Euch noch die Wachen!«
Die Elfe sah ihn tadelnd an.
»Immerfort davonzulaufen wird dir niemals das bescheren, wonach dein Herz sich so verzehrt. Aber ich sehe die Reue in deinen Augen für die Taten, die du begangen hast, und deshalb möchte ich dir ein Angebot machen. Wenn dies dein Wunsch ist, biete ich dir an, Teil der Aquiron zu werden.«
Verständnislos sah Ardun sie an. Was das Elfenweib da von sich gab, ergab absolut keinen Sinn. Und wer zum Teufel sollte dieser Aquiron sein?
Als hätte sie seine Gedanken erraten, erklärte die Elfe: »Die Aquiron sind eine Gilde von Kriegern, wenn wir uns auch von gewöhnlichen Soldaten unterscheiden. Man muss gewisse Kriterien erfüllen, um aufgenommen zu werden. Nur jene mit einem besonderen Talent, einer Gabe, dürfen beitreten. Aber es wird niemand gezwungen. Im Grunde sind wir eine große Familie, in der jeder auf den anderen aufpasst, und kämpfen an eben jenen Fronten, an denen eine normale Armee in wenigen Augenblicken versagen würde. Denk über meine Worte nach. Ach und eins noch, mein Name istLian.«
Damit wandte sie sich, ohne seine Antwort abzuwarten, ab und war in der Nacht verschwunden, ehe Ardun etwas dagegen tun konnte. Mit gemischten Gefühlen stand er da und blickte ihr nach. Frustriert schleuderte er den Dolch in den weichen Waldboden, wo die kurze Klinge stecken blieb, und versuchte, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Er beschloss, das Gespräch zu vergessen, und machte sich daran, ein Grab für das Mädchen auszuheben, um ihr wenigstens diese letzte Ehre erweisen zu können. Die körperlich anstrengende Arbeit tat ihm gut, auch wenn er sich zahlreiche Schnittwunden an den Händen zuzog, da es ihm an Werkzeug für solche Arbeiten fehlte. Da legte sich plötzlich kalter Stahl an seinen Hals und drückte sich leicht in die Haut, sodass einige Blutstropfen hervorquollen. Ardun erstarrte. Er wusste, wenn er sich auch nur einen Deut bewegte, würde das Schwert seine Kehle durchtrennen.
Eine hämische Stimme flüsterte ihm selbstzufrieden ins Ohr: »Genug Katz und Maus gespielt, kleiner Scheißer. Jetzt kommst du schön brav mit, damit wir ein bisschen Spaß mit dir haben können, bevor du baumeln darfst.« Dann traf ihn etwas hart am Hinterkopf und ihm wurde schwarz vor Augen.
2
»Du wurdest trainiert, du wurdest getestet und hast es bis hierher geschafft. Nur wenige erblicken jemals die Finsternis dieser Kammer. Deshalb frage ich dich, meine Schülerin, bist du bereit, die Aufgabe zu übernehmen, zu der du erwählt wurdest?«
Sie hob langsam das Haupt, welches sie zuvor in Demut gesenkt gehalten hatte. Ein sanftes Kitzeln prickelte auf ihrer Wange, als eine Strähne ihres langen, schwarzen Haares sich löste und ihr ins Gesicht fiel. Ihre grünen Augen waren weit geöffnet, doch auch wenn sie mit der Fähigkeit der Klarsicht geboren worden war und selbst in tiefster Nacht deutlich zu sehen vermochte, versagte ihr Augenlicht in diesem Raum. Dennoch unterdrückte sie den Drang, wild mit den Augen umherzuzucken, und konzentrierte sich auf einen Punkt Schwärze. Auch zitterte ihr Körper nicht, obwohl sie nackt auf dem kühlen Steinboden kniete, denn ihr Wille war stärker als die Kälte, die sie zwar spürte, welche ihr aber nichts anhaben konnte. Sie war eine Kriegerin. Nein, sie war sogar mehr als das. Ihr Körper war gestählt und doch nicht muskulös, sondern von betörender Weiblichkeit, ihr Wille war stark wie ein unbändiges Feuer und, noch viel wichtiger, sie war niemand. Der Ort der Aufnahmezeremonie war nicht umsonst gewählt, sondern mit Absicht ein Hort der völligen Dunkelheit. Es erinnerte die Novizen ein letztes Mal daran, dass sie nicht existierten. Diese Gewissheit durchflutete ihren Geist und beruhigte ihr pochendes Herz.
»Ja Meister«, hauchte sie leise in die Dunkelheit, in die Richtung, aus der sie zuvor die Stimme ihres Lehrmeisters vernommen hatte, »geboren, um Euch zu dienen, Euren Befehlen Folge zu leisten und Kraft meines Körpers die Welt zu verändern, bin ich hier vor Euch. Bitte nehmt meine Dienste an.«
Als die Stimme ihres Meisters wieder ertönte, schien sie plötzlich nicht mehr von vorne, sondern von über ihr zu kommen.
»Schwörst du, nicht zu hinterfragen, was dir aufgetragen wird, keine Selbstjustiz zu üben und dich alleine der Moral des schwarzen Zirkels zu unterwerfen?«
Die Worte waren in gemessenem Ton gesprochen, denn in der Finsternis verbargen sich noch die anderen beiden Unterführer des Zirkels, wie sie wusste, aber doch glaubte sie einen Anflug von Stolz in ihnen mitschwingen zu hören und so antwortete sie ohne zu Zögern aus tiefster Überzeugung: »Ich schwöre!«
»Schwörst du, jeglichen Emotionen und trügerischen Gefühlen zu entsagen, da sie dich vom rechten Pfad abbringen würden?«
»Ich schwöre!«
»Und schwörst du, nie ein Wort über den Zirkel zu sprechen und das geheime Wissen, welches dir zuteilwurde, zu hüten, selbst wenn man es dir durch Folter oder Schändung zu entreißen versucht?«
Bei diesem Gedanken konnte sie nicht verhindern, dass ihr ein Schauer über den Rücken lief und sie fröstelte, aber dennoch stand ihre Antwort außer Frage: »Ich schwöre es, so wahr ich hier knie!«
Plötzlich legte sich die warme Hand eines Mannes auf ihre Schulter.
»Du hast wohl gesprochen, Novizin. So erhebe dich nun und sei nicht länger eine Schülerin, sondern ein vollwertiges Mitglied des schwarzen Zirkels.«
Leicht ungelenk vom langen Knien erhob sie sich, bis sie aufrecht stand. Unbewusst versuchte sie, die Zehen im Boden zu vergraben, doch damit scheiterte sie natürlich an dem kargen Stein. Und da das Geräusch ihrer Nägel, die über den Boden kratzten, in dem sonst so stillen Raum unendlich laut klang, unterließ sie es auch sofort. Neben sich vernahm sie ein leises, aber wohlwollendes Lachen, ehe sie einen weichen Stoff auf ihrer Haut spürte, als ihr eine lange Robe umgelegt wurde.
»Lange ist es her, seit der letzte Novize seine Prüfung bestanden hat. Du hast dich in den Kampfkünsten bewiesen, bist sogar in jeder Disziplin zur Besten gekürt worden, aber das ist es nicht, weshalb wir dich wählten. Es sind ein starkes Herz und deine unerschütterliche Treue,die dich würdig gemacht haben. Denn beides wirst du unter Beweis stellen müssen, wenn du Erfolg haben willst. Die Aufgabe, die vor dir liegt, ist die bedeutendste und auch schwierigste seit Anbeginn des Zirkels. Ich werde dir nun erklären, worum es geht.
In deiner Ausbildung hast du dich lange mit der Historie des Zirkels befasst und darüber hinaus noch mit den Geschicken der gesamten Welt. Doch es gibt einige weitere Kapitel, die zwischen der Gründung durch Borg und Toras und dem heutigen Zirkel liegen. Die Zeiten der Zwietracht, die nur wenigen Lebewesen heutzutage noch bekannt sind. Denn einst drohte der schwarze Zirkel zu zerbrechen und konnte nur dadurch fortbestehen, dass er sich in Teile spaltete. In uns, die den Traditionen treu geblieben sind und überzeugt die alten Werte hochhalten, und in jene die aus Machtgier und Eigennutz handelten und sich selbst über das Wohl der Welt stellten. Dieser Abkömmling des Zirkels besteht noch heute. Er nennt sich die Aquiron. Wir werden dich dort einschleusen, damit du Informationen sammeln kannst und wir dieses Geschwür für immer vernichten können. Dafür musst du die wahre Geschichte kennen. Sie ist niedergeschrieben in diesem Papyrus. Halte sie geheim, doch studiere sie, wann immer sich eine Möglichkeit ergibt. Diese Schriften sind unvorstellbar kostbar, doch solltest du Gefahr laufen, dass ein anderer sie liest oder sie dir entwendet, so musst du sie dem Feuer anvertrauen.«
Damit wurden ihr einige dünne Papyrusrollen in die Hand gedrückt, während sich hinter ihr die Tür öffnete und mit einem Mal ein schummriger Lichtstrahl in den Raum fiel und sie den Schemen ihres Meisters erkennen ließ. Dieser nahm sie am Arm und führte sie hinaus aus der Dunkelheit, auf das Licht zu.
»Komm. Du musst schon bald zu deiner Mission aufbrechen, doch zunächst muss die Zeremonie abgeschlossen werden. Es gibt reichlich an Speis und Trank zu deinen Ehren. Heute sollst du noch keine Gedanken an das Kommende verschwenden, sondern dich allein an deinem Erfolg erfreuen. Und dann werde ich dir deinen Namen nennen.«
3
Vor Gier zitterten die vernarbten Finger von Fürst Ergon leicht, während er unablässig über das noch ungelesene Schreiben strich, welches er unter seinem polierten Schreibtisch versteckte. Davor standen zwei seiner Minister und schwadronierten über die belanglosen Probleme seiner Untertanen, doch er schenkte ihnen kein Gehör. Er kannte die Forderungen nach geringeren Steuern, niedrigeren Preisen und weniger Kontrolle durch den Fürsten, aber er plante, nicht auch nur in einem Belang nachzugeben. Doch heute lauschte er dem Gespräch noch weniger als sonst. Es juckte ihn in den Fingern, einfach mit der Faust auf den Tisch zu schlagen und die Minister hinauszuwerfen, aber nicht einmal er konnte sich ein solchesVerhalten erlauben, schließlich gehörte dies zur Politik. Dennoch verbrannte die Ungeduld ihn innerlich.
»Herr?«
Es dauerte eine Weile, bis Fürst Ergon begriff, dass er gemeint war. Einer seiner Minister hielt ihm ein beschriebenes Blatt hin. Ohne darauf zu achten, was es war, setzte er seine Signum darunter. Dann verließen die Minister endlich den Raum und er war allein. Fürst Ergon lehnte sich erleichtert in seinem Stuhl zurück und leckte sich ungeduldig über die Lippen. Dann endlich umschlossen seine Finger die verborgene Botschaft und beförderten sie auf die Schreibtischplatte. Das schwarze Wachssiegel zeigte einen Drachen, der sich selbst verschlang. Es war unversehrt, ein Zeichen dafür, dass die Botschaft noch nicht gelesen worden war.
»Und ein Zeichen, dass sie vonIhnenstammt«, fügte er in Gedanken hinzu.
Bevor er sich bewusst dazu entschlossen hatte, brachen seine Finger schon das Siegel und entrollten die Nachricht. Sie enthielt eine Forderung. Fürst Ergon nannte die Anweisungen vonIhnenimmer »Forderungen«, obwohl es vielmehr Befehle waren. Er mochte es nicht, jemandem untertan zu sein. Aber er erfüllte trotzdem alle Anweisungen. Denn ein großer Teilder neuen Ordnung, die sie erschaffen würden, sollte seine Handschrift tragen. Er wäre ein größerer Fürst als alle seine Vorfahren zusammen. Ein wahrer König! Seine Augen überflogen die geschriebenen Worte. Die Nachricht war kurz, aber eindeutig. Er sollte sich eines Dieners entledigen, der bei ihm in der Burg arbeitete. Fürst Ergon runzelte die Stirn. Er wusste nicht, warum Sie sich ausgerechnet für einen Diener interessierten, aber eigentlich war es auch egal, denn er hing nicht an dem Leben seiner Untertanen. Allerdings musste er es wie einen Unfall aussehen lassen. Sein Blick fiel auf den Namen des Dieners und er stutzte.
»Ardun.«
Irgendwo in seinem Hinterkopf klingelte es. Es dauerte einen Moment, aber dann wusste er, weshalb ihm der Name bekannt vorkam und ein breites, selbstzufriedenes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Sein Problem hatte sich gerade von selbst erledigt.
4
Ardun stöhnte auf, als er sich ungeschickt zur Seite drehte und dabei seinen rechten Arm belastete. In der engen Zelle im Kerker der Festung Wackenstein hatte er jegliches Zeitgefühl verloren. Dennoch glaubte er, dass seit seiner Gefangennahme mindestens sieben Tage vergangen sein mussten. Und somit auch die schlimmste Woche seines Lebens, ein Rang, der nicht einfach zu erreichen war.Man hatte für ihn keinen Gerichtsprozess veranstaltet, dazu war Abschaum, wie er es war, nicht wichtig genug. Allein der Fürstensohn Idan war vor ihn getreten und hatte ihm sein Urteil verkündet, nicht ohne Ardun vorher ins Gesicht zu spucken. Er habe den Gast des Fürsten entführt und kaltblütig ermordet. Damit habe er Hochverrat an dem örtlichen Monarchen begangen. So hatte das Urteil gelautet. Was das bedeutete, musste nicht ausgesprochen werden, denn es war unweigerlich der Tod. Aber selbst ein schneller Tod war Ardun nicht vergönnt, da er sich über die Jahre ganz besonders um die Missgunst Idans bemüht hatte. So hatte ihn der Fürstensohn in eine Todeszelle verfrachten lassen, in der Ardun allerdings nur einen kurzen Teil des Tages verbrachte. Die meiste Zeit wurde er in der Folterkammer von Idans Folterknechten nach allen Regeln ihrer abscheulichen Kunst einer steten Tortur unterzogen. Hätte man ihn gefragt, welche Art der Folter er hatte durchstehen müssen, Ardun hätte nicht antworten können. Die Erinnerung war nicht klar zu fassen, denn sie bestand nur aus einer einzigen Empfindung: Schmerz. Und auch jetzt, da er allein in seiner Zelle war, blieb ihm der Schmerz nicht erspart, denn bei der morgendlichenBehandlunghatten Idans Knechte ihm seinen rechten Arm gebrochen. Und eben diesen Arm hatte er gerade aus Versehenzu bewegen versucht, weshalb er sich nun stöhnend zusammenkauerte. Vor seinen Augen blitzten grelle Lichter und er vermied es, auf den gebrochenen Knochen hinabzusehen, da er in einem grotesken Winkel von seinem Körper abstand. Dann biss Ardun die Zähne zusammen und atmete tief ein und aus, während er sich wieder aufrichtete und versuchte, die Schmerzenswellen zu ignorieren. Dabei stach ihm der beißende Gestank seiner eigenen Exkremente in die Nase, der inzwischen die gesamte Zelle erfüllte. Denn ihm war keine andere Möglichkeit geblieben, als seine Notdurft in einer Ecke des kleinen Raumes zu verrichten. Doch das störte ihn inzwischen längst nicht mehr und er machte sich wieder an die Arbeit, die er zuvor unterbrochen hatte. Vor wenigen Tagen noch hatte ihn die Angst vor dem Tod erstarren lassen und er hätte alles getan, um am Leben zu bleiben, doch inzwischen schrie sein Geist und jede einzelne Zelle in seinem Körper dem Tod entgegen, er wolle ihn doch schnell zu sich holen. Denn nur so konnte Ardun den Schmerzen entgehen. Und wenn er eins verstanden hatte, dann, dass er schon längst tot war. Sein Wille, sein Geist und selbst sein Körper starben bereits. Und als wäre sein Flehen tatsächlich erhört worden, hatte ausgerechnet Idan ihm einen Ausweg geboten. Der Fürstensohn war am fünftem Tag nach seiner Inhaftierung gekommen und hatte sich an der Folter ergötzt, ehe er ganz nah an Ardun herangetreten war, sodass dieser den stinkenden Atem des Fürstensohnes auf seinen geschundenen Wangengespürt hatte und ihm mit boshafter Freude erklärt hatte: »Weißt du, ich war schon immer der Meinung, dass eine Kanalratte nicht gut genug ist, um Hündchen bei den Adligen zu spielen. Mein Vater war anderer Meinung und hat dir eine Chance gegeben und dich aufgenommen, statt dich sofort zu töten, wie ich es ihm empfohlen habe. Und nun schau an, was aus dir geworden ist. Ich hatte offensichtlich recht. Aber keine Sorge, ich werde seinen Fehler schon bald ausmerzen. Aber ich bin kein Monster. Du selbst darfst den Tag deiner Hinrichtung bestimmen. Und bis es so weit ist, darfst du jeden Tag mit deinen beiden neuen Freunden hier spielen.«
Mit diesen Worten hatte Idan Ardun fünf dünne, lange Seile in die Hand gedrückt und ihn ohne ein weiteres Wort in der Hölle zurückgelassen. Doch Ardun brauchte keine Erklärung. Er kannte die Traditionen und wusste, wozu die Seile gedacht waren. Seit jeher war es in Wackenstein Brauch, dass Hochverräter öffentlich hingerichtet wurden. Oder präzise ausgedrückt, er sollte hängen. Und zwar an dem Tage, an dem der Strick vollendet wurde. Der Strick, durch den er sterben würde und den er sich nun selbst flechten musste. Als er jetzt daran dachte, wie sehr ihn diese Vorstellung früher abgeschreckt hatte, entrang sich seiner Kehle ein raues, freudloses Lachen, welches in der Dunkelheit verhallte. Er war immer der festen Überzeugung gewesen, dass dies der Höhepunkt der Grausamkeiten war, die man einem Menschen antun konnte und zweifelsohne dachte Idan ebenso. Aber nun verstand er es besser. Es war ein letztes Geschenk an die Gefangenen, die in ihren letzten Augenblicken ihr Schicksal doch noch selbst bestimmen durften. Nie zuvor hatte Ardun so viel Macht über sein eigenes Leben besessen wie in diesem Moment und trotz seiner elenden Lage kam einTeil von ihm nicht darum herum, es zu genießen. Allerdings hatte er nicht vor, dieses Privileg lange zu genießen, denn er wollte den Strick so schnell wie möglich vollenden. Doch das war nicht einfach, da er nur seinen ungeschickten linken Arm gebrauchen konnte und es so zu einer komplizierten Arbeit wurde, die Seile zu verflechten, die er sich zwischen die Beine klemmte, ehe er umständlich das Knüpfen begann. Gleichwohl ging er äußerst sorgfältig vor, denn in einem zynischen Moment war ihm ein altes Sprichwort eingefallen: »Wie man sich bettet, so schläft man«.
In seinem Falle würde es ein ewiger Schlaf werden. Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als seine Zellentür laut knarrend aufschwang. Ardun sah gar nicht erst auf, denn er wusste, dies konnte nur bedeuten, dass ihm neue Folter bevorstand. Umso mehr überraschte es ihn, als ihn eine hohe Stimme ansprach: »Bewundernswert, wie weit deine Arbeit trotz deines bedauernswerten Zustandes schon fortgeschritten ist!«
Ardun, der soeben mit der Schlinge begonnen hatte, hob schwerfällig den Kopf, eine kleine Bewegung, die dennoch mit starken Schmerzen verbunden war, und blinzelte dumpf. Im schummrigen Licht einer kleinen Handlaterne stand vor ihm die Elfe Lian und lächelte mitleidig zu ihm herunter.
»Habe ich dir nicht versprochen, dass ich dir einen Ausweg biete?«, fragte sie ihn, offensichtlich ohne ernsthaft mit einer Antwort zu rechnen.
Dennoch brachte Ardun ein schwaches »Was wollt ihr von mir?« hervor.
Lian lächelte einladend, ehe sie wie beiläufig erklärte:
»Nichts anderes, als ich auch schon bei unserem letzten Treffen wollte. Ich will dich einladen, den Aquiron beizutreten. Und außerdem möchte ich dir helfen, noch einmal deinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.«
Kurz kicherte sie über ihre eigenen Worte.
»Wie passend diese Redewendung in deinem Fall doch ist! Also wie steht es? Willst du dich uns anschließen?«
Ardun hatte tausende Fragen auf der Zunge, doch sie alle waren jetzt nicht wichtig. Er hatte sein Zusammentreffen mit der Elfe und ihr seltsames Angebot unter der Folter schon längst vergessen, doch nun stand sie wieder hier und bot ihm tatsächlich eine Alternative zum Tod. Denn er war sich zwar immer noch nicht sicher, ob es tatsächlich klug war, ihr zu vertrauen, doch was hatte er in seiner Lage schon groß zu verlieren? Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als zur Antwort nur knapp zu nicken. Das Lächeln der Elfe wurde noch breiter. Dann hielt sie ihm ihre schlanke Hand hin, um ihm aufzuhelfen. Er ergriff sie und ließ sich von ihr emporziehen. Ihre Haut fühlte sich angenehm warm und weich in seiner Hand an. Wankend kam er auf dieBeine.
»Ich hoffe, du kannst selbst laufen«, äußerte sich Lian besorgt, »denn ich habe die Wachen zwar mit einem starken Betäubungsmittel ausgeschaltet, aber ich habe nicht die Kraft, dich aus der Burg zu tragen.«
Ardun verkniff sich die bissige Antwort, welche ihm schon auf den Lippen lag, und machte stattdessen einen entschlossenen Schritt in Richtung Tür. Doch erst jetzt bemerkte er, wie schwach sein Körper tatsächlich war und er musste sich an der Wand abstützen, um nicht zu stürzen, als durch Schmerz und Übelkeit die Welt um ihn herum sich zu drehen begann. Unfähig, es zurückzuhalten, erbrach er sich mehrere Male auf den Boden, ehe er sich mit dem Handrücken über den Mund wischte und einen weiteren schwankenden Schritt wagte. Es ging besser, auch wenn er weiterhin Gefahr lief, zu stürzen. Lian nickte einigermaßen zufrieden und drückte sich an ihm vorbei, um zuerst die Zelle zu verlassen. Mit einer Hand hielt sie sich angewidert die Nase zu. Ardun folgte ihr etwas langsamer, doch auch er erreichte schnell den Gang. Kaum war er aus der Tür getreten, warf Lian sie auch schon hinter ihm zu und schob den Riegel vor. Ardun hatte das Gefühl, als lägen seine Gedanken hinter einem dichten Nebel und es fiel ihm schwer, logisch zu denken oder auch nur einen klaren Satz zu formulieren, deshalb dauerte es, bis ihm seine Frage über die Lippen rutschte: »Wieso … wieso schließt ihr die Tür? Sie werden doch sowieso bemerken, dass ich nicht mehr da bin!«
Die Elfe sah ihn an, als habe er den Verstand verloren und schüttelte missbilligend den Kopf.
»Ich habe den Wachen das Betäubungsmittel in ihrem Essen verabreicht. Wenn sie aufwachen, werden sie starke Kopfschmerzen haben und nicht wissen, was geschehen ist. Vielleicht werden sie es erstmal nicht bemerken«, erklärte sie knapp und fügte dann etwas leiser hinzu: »Außerdem sind sie nur Menschen. Keiner von ihnen wird den Mut haben, vor Fürst Ergon zu treten und einzugestehen, seine Pflichten versäumt zu haben, selbst wenn sie Verdacht schöpfen sollten.«
Normalerweise war dies die Stelle, an der Ardun vehement widersprochen hätte, denn ihm gefiel die pauschale Abwertung der Menschen durch das Spitzohr ganz und gar nicht, aber in seinem jetzigen Zustand hatte er nicht die Kraft für eine derartige Debatte und außerdem war Lian schon vorausgelaufen und fast am Ende des Ganges angelangt. Er biss die Zähne zusammen und folgte ihr so schnell wie möglich. In regelmäßigen Abständen waren Fackeln an den Wänden angebracht, die Licht spendeten und wilde Schatten tanzen ließen, sodass er immerhin keine Probleme hatte, denWeg vor sich zu sehen. Und nachdem er einige Schritte mehr getan hatte, verschwand auch langsam die Steifheit aus seinen Beinen, wodurch er sich sicherer fühlte, wenn er auch trotzdem bei jedem Schritt die nackten Zehen in den Boden krallte, um zusätzlichen Halt zu gewinnen. Als er das Ende des Ganges erreicht hatte, setzte sich Lian, die ungeduldig auf ihn gewartet hatte, wieder zügig in Bewegung und huschte um die Ecke. Ardun hingegen ging etwas vorsichtiger vor und er spähte zunächst in den neuen Gang. Instinktiv zuckte er zurück, als ihm die Reflexion eines polierten Brustpanzers entgegenleuchtete. Doch als er seinen ersten Schrecken überwunden hatte, bemerkte er, dass der gerüstete Soldat sich nicht bewegte. Im Gegenteil, der Mann saß zusammengesunken an der Wand, das Kinn auf der Brust und den Mund leicht offenstehend und rührte sich nicht. Lediglich seine Nasenflügel hoben und senkten sich regelmäßig, der Beweis dafür, dass er nicht tot, sondern nur nicht bei Bewusstsein war. Lian war einige Schritte vorausgegangen, hatte sich umgedreht und verdrehte nun entnervt die Augen.
»Ich habe doch schon gesagt, dass ich mich um die Wachen gekümmert habe!«, tadelte sie ihn in wütendem Ton, »aber wenn du vorhast, dich weiter mit diesem Tempo fortzubewegen, kannst du auch gleich zurück in deine Zelle gehen und deinen Strick fertigstellen, denn so kommen wir hier niemals heraus. Und ich halte nicht meinen Kopf für einen Narren hin. Wenn es brenzlig wird, verschwinde ich und diesmal lass ich dich in diesem Loch versauern!«
Damit wandte sie sich ab und marschierte noch schneller als zuvor weiter. Ardun gab sich Mühe, mit ihr Schritt zu halten und ein kleines Lächeln stahl sichauf sein Gesicht, als er sie vor sich hin schimpfen hörte: »Menschen!«
Obwohl er sich in Wackenstein auskannte und auch die Kerkergänge nicht selten erblickt hatte, da er häufig für wenige Tage eingesperrt worden war, wenn er bei der Arbeit einen Fehler begangen hatte, folgte er der Führung der Elfe, die sich hier unten mindestens genauso gut zurechtzufinden schien wie er. Sie passierten zwei weitere Wachen, die ebenfalls ohne Bewusstsein waren. Doch da Ardun die Warnung der Elfe nicht vergessen hatte, dass die Wirkung der Betäubung nicht ewig anhalten würde, nahm er einem der Männer das Krummschwert ab und gürtete es selbst. Einarmig, wie er momentan war, stellte ihn dies vor einige Schwierigkeiten, doch schließlich gelang es ihm, die Schnalle über der Hüfte zu schließen. Dann blickte er auf und sah Lian an, die ihn mit hochgezogenen Augenbrauen beobachtete. Zu seiner Erleichterung erhob die Elfe keine Einwände, sondern wandte sich stumm ab. Sie bogen noch zweimal rechts und einmal links ab, dann fanden sie sich am Fuße der schmalen Wendeltreppe wieder, die hinauf in die höheren Geschosse der Burg führte. Nun konnte er es kaum mehr erwarten, endlich hinaus an die frische Luft zu gelangen, und er setzte eilig einen Fuß auf die unterste Stufe, doch Lian zog ihn zurück und bedeutete ihm, leise zu sein. Dann postierte sie sich an der Wand neben der Treppe, sodass man sie von den Stufen aus nicht sehen konnte. Ohne weiter nachzudenken, tat Ardun es ihr gleich und spitzte die Ohren. Hatte die Elfe etwa jemanden gehört? Vielleicht eineWache, bei der ihr Trank bereits die Wirkung verloren hatte? Mit pochendem Herzen wartete er. Doch schon nach wenigen Augenblicken vernahm auch er, was die Elfe bereits zuvor bemerkt hatte. Dumpfe Schritte drangen die Treppe hinunter, erzeugt von gerüsteten Stiefeln auf den Stufen. Das Geräusch erklang in einem steten Rhythmus, wer auch immer kam, hatte also keine Eile. Diese Erkenntnis beruhigt Arduns Nerven ein wenig, denn augenscheinlich handelte es sich nicht um einen Soldaten, der einen Ausbruch vermutete. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass der Neuankömmling ihnen genau in die Arme laufen würde. Schon jetzt konnte er den rötlichen Schein einer Fackel an der Wand erkennen, dicht gefolgt von einem großen Schatten. Außerdem fürchtete er, dass man ihn durch das gesamte Gewölbe hören musste. Auf seiner Stirn bildeten sich dicke Schweißperlen und er legte unsicher eine Hand auf den Schwertknauf an seiner Hüfte. Die Waffe zu fühlen gab ihm ein kleines Gefühl von Sicherheit, obwohl er noch nie zuvor gekämpft hatte und gegen einen ausgebildeten Soldaten zweifelsohne nicht den Hauch einer Chance hatte. Aber seine Sorge war unbegründet, denn er kam gar nicht dazu, von der Waffe Gebrauch zu machen. Dafür ging alles viel zu schnell. Gerade erst war ein hochgewachsener Soldat auf den unteren Stufen erschienen, da schnellte auch schon Lian aus ihrem Versteckhervor und versetzte dem Mann einen Hieb gegen die Schläfe, wobei sie sich des Knaufes eines Dolches bediente, den sie zuvor verborgen gehalten hatte. Der Soldat verdrehte die Augen und fiel ungebremst zu Boden. Die Fackel in seiner Hand schlug auf dem Stein auf und erlosch. All das war geschehen, ehe Ardun auch nur die Zeit gefunden hatte, zu reagieren. Nun bückte er sich zu dem Mann und betrachtete das Werk der Elfe. Der Soldat trug keinen Helm, daher hatte ihn der Schlag mit voller Wucht getroffen, wodurch er eine blutende Kopfwunde davon getragen hatte. Aber er stellte erleichtert fest, dass der Mann nicht etwa tot war und die Wunde überleben würde. Dankbar lächelnd sah er zu Lian, doch der Gesichtsausdruck der Elfe, war furchteinflößend.
»Was wollte dieser Narr hier?«, fluchte sie, »es ist noch viel zu früh für eine Wachablöse!«
Ardun beobachtete sie stirnrunzelnd, ehe er vorsichtig fragte: »Was ist denn so schlimm daran? Ihr habt ihn doch überwältigt.«
Noch während er die Worte aussprach, bereute er schon, etwas gesagt zu haben, denn nun richteten sich die zornigen Augen der Elfe auf ihn und sie fauchte ihn an: »Was daran schlimm sein soll? Oh, eigentlich nichts. Es bedeutet ja lediglich, dass ein Soldat außerhalb des Wachwechsels die Kerker betreten hat, ohne dass wir wissen, weshalb! Was machen wir denn bitte, wenn er nur kurz geschickt wurde, um etwas zu holen und man ihn in Kürze oben vermisst? Findest du es dann vielleicht schlimm? Wenn du von Schwertern umzingelt und in Ketten in deine Zelle zurückgeschleift wirst?«
Ardun wagte es nicht, etwas zu entgegnen und schlug die Augen nieder. An Lians Worten war unbestreitbar etwas Wahres dran und so beschwerte er sich nicht, als sie noch rascher als zuvor die Treppe erklommen, obwohl sein Körper sich gegen die Anstrengung aufbäumte. Zur Sicherheit, falls sie noch weiteren Soldaten begegnen sollten, zückte er aber das Schwert und hielt die blanke Klinge vor sich. Doch die Schneide zitterte erbärmlich, da er die Waffe mit links halten musste. Glücklicherweise erreichten sie ohne weitere Zwischenfälle die nächste Ebene und auch in der Eingangshalle stellte sich ihnen niemand in den Weg. Die Elfe lief schnurstracks auf den Dienstboteneingang zu und machte sich an dem Schloss zu schaffen, doch Ardun zögerte noch und starrte auf die Treppe zu seiner Linken. Er müsste nur diese Stufen hinaufgehen, dann würde er die Gemächer des Fürstensohnes erreichen. Der Gedanke, mit einem Schwert bewaffnet vor dem Bett zu stehen, wenn Idan erwachte und ihn dann für das büßen zu lassen, was er ihm angetan hatte, war verlockend. Außerdem würde er damit dem Volk einen großen Dienst erweisen! Doch als er das Klicken eines Schlosses hörte und die Tür vor Lian aufsprang, wandte er sich mit einem Seufzen von der Treppe ab und verwarf seine Rachepläne. Ein kleiner Teilvon ihm war sogar froh darüber, nun keinen Menschen töten zu müssen. Stattdessen trat er gemeinsam mit der Elfe durch die geöffnete Tür aus der Burg hinaus und atmete endlich wieder frische Luft, während ein sanfter Wind sein Haar umwehte. Wie in Trance sah er zu den leuchtenden Sternen am Himmel auf und eine Träne löste sich aus seinem Augenwinkel und kullerte ihm über die Wange. Rasch wischte er sie weg, da er vor der Elfe nicht schwach wirken wollte und nahm dankbar den dünnen Mantel an, den sie ihm reichte, denn seine zerschlissene Kleidung konnte die Kälte der Nacht nicht abhalten. Von hier an war ihre Flucht ein Kinderspiel. Hinab über den verlassenen Marktplatz und dann an einer unbewachten Pforte durch die Mauer. Geduckt entfernten sie sich so schnell wie möglich von der Feste, während Ardun immerzu die Ohren spitzte und in jedem Moment befürchtete, hinter sich die Alarmglocken zu vernehmen. Doch sie erreichten unbehelligt ein kleines Waldstück, bei dem sie von zwei Pferden erwartet wurden, die ordentlich gesattelt hier angepflockt waren. Lian löste die Leinen der Pferde und reichte ihm die Zügel des Rappen. Ungelenk stieg er auf den Rücken des Gauls, wobei seine ersten Versuche scheiterten, da er nicht die Kraft hatte, sich aus dem Steigbügel in den Sattel zu schwingen. Er wusste später nicht mehr, ob er es selbst geschafft hatte oder ob die Elfe ihm geholfen hatte, aber schließlich saß er doch oben auf und umklammerte mit klammen Fingern die Zügel. Das andere Pferd setzte sich vor seines und begann erst zu traben, dann immer schneller zu galoppieren und das seine folgte, ohne dass er es gelenkt hätte. Wenig später stoben sie in die Nacht davon und ließen Wackenstein weit hinter sich.
5
Mit vor Aufregung zitternden Fingern brach sie das Wachssiegel, welches den Papyrus seit etlichen Jahren fest verschlossen gehalten hatte. Begierig auf das Wissen, welches sie nun erlangen sollte, entrollte sie es und begann, im fahlen Kerzenschein die alte Schrift zu entziffern.
7. Zyklus des Sumonjahres
Dies sind die geheimen Kapitel der Geschichte des Ordens, niedergeschrieben von ah un Anah, auf Geheiß von Sinthol von Nirath, dem letzten Ordensvater. Der du diese Zeilen liest, strebst nach einem Wissen, welches auf ewig fest verschlossen sein sollte. Bewahrt, aber niemals gelesen. Denn Wissen ist Macht. Und zu viel Macht verändert die Leute. Sie vergessen ihre Überzeugungen, missachten die Eide, die sie einst geschworen, und wissen schließlich selbst Geliebte nicht mehr vom Feind zu unterscheiden, da sie allem und jedem zu misstrauen beginnen. Daher lass dir aus tiefstem Herzen und in deinem eignen Interesse geraten sein, lege diese Schrift von dir, erneuere das Siegel und halte sie unter Verschluss, sonst wirst du in diesen Zeilen womöglich dich selbst verlieren.
Wenn aber die Zeit der höchsten Not gekommen ist, da das Wissen um die Geschichte unabdingbar wird, so lese weiter, begleitet von unser aller Glückwünschen, denn dir wurde eine schwere Bürde auferlegt, die zu schultern nicht leicht wird. So erfahre nun, was sich tatsächlich zugetragen hat. Die ungeschönte Wahrheit mit all ihren Weisheiten und Skrupeln.
1. Die Dunkelheit
Geht man als Kind zu einem Weisen und fragt: Woher kommt die Dunkelheit?, so erhält man immer dieselbe Antwort. Die Dunkelheit existiert, weil auch das Licht existiert. Daher gibt es neben den erleuchteten Teilen unserer Welt auch ebenso finstere, auf der anderen Seite des großen Wassers, des Carus. Die Ödlande, wie sie nun häufig genannt werden, sind keineswegs das dunkle Gegenstück zu den Reichen der Menschen, Zwerge und Elfen. Ihre Unfruchtbarkeit entstammt allein dem Umstand, dass sie die ältesten Gebiete der Welt beinhalten. Daher wirkt dort noch heute, was einst die gesamte Welt beherrschte. Die Dunkelheit. Noch vor der Zeit des Lichtes war alles in tiefste Finsternis gehüllt. Kein Lebewesen erinnerte sich mehr an die Sterne, denn der Himmel war verdunkelt von einem undurchdringlichen Schatten. Eine Macht hielt die Welt in ihren grausigen Klauen gefangen, unterstützt von einer Armee aus all jenen Wesen, die nunmehr nur noch als Mythen und Legenden in Erinnerung geblieben sind. Nur wenige standen nicht unter dem Bann der Dunkelheit, nämlich eben jene Kreaturen, die ein eigenes Licht zu erzeugen wussten, tief im Inneren ihrer Herzen, da sie Gemeinschaften gründeten. Sie strahlten ein eigenes Licht aus und empfingen das der anderen, dank der Gefühle, welche sie füreinander hegten. Denn sie hatten Völker gebildet. Und jeder für sich waren sie stark. Stark genug, damit eine Idee in ihren Köpfen reifen konnte, ein Wille. So kam es zu eben jener Zeit, da kein Elf unter den Sternen zu wandeln vermochte und keine Sonne die Äcker der Menschen beschien, dass jedes Volk ihre Besten entsandte, um der Dunkelheit entgegenzuziehen und jenen Schatten zu besiegen, der alles in seinen Fängen hielt. Sie alle kamen zusammen, denn auch ohne dass es eine Absprache gegeben hätte, versammelten sie sich alle in Naquail, dem Tal an der Grenze der Ödlande. Dort trafen die Gesandten das erste Mal aufeinander. Von allen Völkern waren sie gekommen, angeführt von den Vertretern der Menschen und Elfen. Aber auch die Zwerge in den Höhlen des Kjarzgebirges hatten den Schatten im Schein ihrer Diamanten und Juwelen bemerkt und waren gekommen und selbst die Unholde, Trolle, Goblins und Orks aus dem Schwarzgebirge kamen. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft berieten sie miteinander, da ihnen allen klar war, dass sie nur gemeinsam Erfolg haben konnten. Doch ihre Differenzen waren zu groß und es kam zum Streit zwischen den Zwergen und den Bewohnern des Schwarzgebirges. Schon drohte das Treffen in einem Blutbad zu enden, aber dann verließen die Unholde die neue Gemeinschaft, entgegen dem Bitten der Menschen. Sie wurden von dem Bündnis ausgestoßen und seit jeher wurde kein Kontakt mehr zu ihnen gepflegt. Die restlichen Gesandten jedoch wurden von diesem Ereignis aufgerüttelt und waren nun umso mehr entschlossen, ihre Aufgabe zu erfüllen. Sie schworen einen feierlichen Schwur, als Brüder und Schwestern Seite an Seite zu stehen und gemeinsam zu siegen oder zu sterben. Um ihren Eid zu besiegeln, schrieben sie alle ihre Namen auf ein Pergament und vereinigten sich unter einem von ihnen gewählten Namen: Aquain. Eine neue Macht war entstanden, um dem Schatten entgegenzuwirken. Dies war die Gründung unseres Ordens.
6
Schwerfällig und mit äußert schlechter Laune hob König Eldor das Haupt, als die beiden Torwachen in ihren prunkvollen goldenen Rüstungen die Tore zu seinem Thronsaal öffneten. Es war noch in den frühen Morgenstunden und es würde noch einige Zeit dauern, bis die Sonne den Horizont erklomm. Und zu eben dieser unwürdigen Zeit hatte man den Elfenkönig aus seinem Schlaf gerissen, wegen eines einfachen Gesandten, der der festen Überzeugung war, sein Anliegen erlaube keinen Aufschub. Doch dem König fiel es schwer, auch nurirgendetwaszu ersinnen, das es rechtfertigte, ihn aus seinem Schlaf zu reißen. Denn er war zwar inzwischen angekleidet und saß aufrecht auf seinem Thron, um den Gesandten zu empfangen, doch dafür musste er nun mit pochenden Kopfschmerzen kämpfen. Allerdings war er fest entschlossen, seinen Unmut an dem Störenfried auszulassen, denn er zweifelte keine Sekunde daran, wer ihn geschickt hatte. Nur eine Gruppe von missratenen Blendern war so dreist, es zu wagen, ihn zu dieser Zeit aufzusuchen. Und kaum dass der Gesandte in seinem braunen Umhang eintrat, bestätigte sich auch schon seine Befürchtung. Denn auf seiner Mantelschnalle glänzte deutlich erkennbar ein Wappen, zwei gekreuzte Schwerter vor einem sich aufbäumenden Drachen. Das Zeichen der Aquiron. Obwohl es schon fast ein Zeitalter her war, dass zuletzt ein Gesandter der Aquiron die heiligen Hallen der Elfen betreten hatten, hasste Eldor sie aus tiefstem Herzen. Denn in seinen Augen waren diese Bastarde viel zu respektlos gegenüber der Krone. So auch jetzt. Denn der Gesandte sank nicht etwa auf die Knie, wie es einem Mann seines Ranges vorgeschrieben war, sondern er begnügte sich mit einem kurzen Nicken. Wütend funkelte der König ihn an.
»Was wollen die Aquiron zu einer solchen Zeit von mir? Sprecht rasch!«, fauchte er den Gesandten unwirsch an.
Doch seine Worte erzielten nicht die gewünschte Wirkung, denn weder zuckte die Gestalt zusammen, noch wich sie zurück, im Gegenteil, sie trat bis auf wenige Schritte an den Thron heran, ehe sie langsam die Hand hob, um die Kapuze zurückzustreichen. Mit Genugtuung bemerkte Eldor die schrumpelige Haut mit den Altersflecken darauf und ein abschätziges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Doch der Anblick, der sich ihm bot, wischte das Lachen aus dem Gesicht und ersetzte es durch eine Maske des Entsetzens. Denn unter der Kapuze kam nicht etwa ein von Äonen gezeichneter Elf zum Vorschein, sondern ein Mensch! Direkt vor dem Elfenkönig stand ein alter Mann mit ungepflegtem, weißem Bart und kaum Haupthaar. Einen Moment lang verschlug der Schock Eldor die Sprache. Dann wallte unbändiger Zorn in ihm auf. Diesmal waren die Aquiron zu weit gegangen. Es war ein unverzeihlicher Frevel für einen Menschen, die Königshallen zu betreten und Eldor war klar, dass die Aquiron dies nur zu gut wussten und es sich um eine reine Provokation handelte, dass sie keinen Elf, sondern einen einfachen Menschen geschickt hatten.
»Wachen!«, kreischte er schrill und deutete mit dem Finger anklagend auf den Mann, »entfernt sofort diesen Frevler aus meinen Hallen! Sperrt ihn in eine sichere Zelle, aus der er nicht fliehen kann und richtet ihn mit den ersten Strahlen der Sonne hin!«
Die Torwächter reagierten augenblicklich und zogen ihre schlanken Schwerter, um den Mann von beiden Seiten in die Zange zu nehmen. Dieser rührte sich immer noch nicht von der Stelle, doch hob er nun abwehrend die Hände und riet leise, aber bestimmt: »Ihr tätet gut daran, Eure Schoßhunde zurückzurufen! Ihr wollt doch sicher nicht, dass Euer kostbarer Thronsaal mit dem Blute unschuldiger Elfen beflecktwird!«
Mehr als alles andere, was der Mann hätte tun können, entsetzte Eldor die unverhohlene Drohung. Normalerweise hätte er ihn auf der Stelle töten lassen, doch als der Mensch nun seinerseits ein Schwert aus der Scheide zog, welches zuvor sorgsam unter dem Mantel verborgen gewesen war, strahlte er eine solche Macht und Autorität aus, dass die Torwachen unsicher stehen blieben und zweifelnd zu ihrem König blickten. Widerwillig schluckte dieser seinen Zorn hinunter und bedeutete ihnen mit einer kurzen Handbewegung, zu ihren Posten zurückzukehren.
Der Mann nickte ihm zufrieden lächelnd zu.
»Eine weise Entscheidung, mein Herr.«, sprach er in gelassenem Ton, »sicher fragt Ihr Euch, was wohl der Grund für meinen Besuch ist.«
Es war mehr als offensichtlich, dass es sich hierbei um eine rein rhetorische Frage handelte, dennoch bekundete Eldor brummend seine Zustimmung.
»Nun«, fuhr der Mann fort, »wie Ihr sicherlich wisst, beschützen die Aquiron seit jeher die Grenzen Eures Landes vor den Mächten, die Eure gesamte Existenz gefährden. Und es ist Zeit, dass Ihr wieder einmal den Tribut entrichtet.« Bei diesen Worten zuckte der König ein klein wenig zusammen und er musste sich beherrschen, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.
»Verzeiht meine Zweifel, Mensch, aber diese Mächte, von denen Ihr sprecht, ich glaube nicht, dass sie existieren. Zweifelsohne wandelten die Schattenwesen einst in unseren Gestaden, aber seit nunmehr dreihundert Jahren ist kein Drache mehr gesichtet worden und kein Riese zeigte sein Antlitz.Wenn Ihr mich fragt, klammert sich Eure Organisation an längst überholten Aberglauben, denn wenn es die Mächte, von denen Ihr sprecht, tatsächlich gäbe, so könnte doch ein Mensch wie Ihr niemals etwas gegen sie ausrichten! Die einzige reale Gefahr für mein Reich geht von den ständigen Übergriffen der Unholde aus, aber gegen diese weiß meine Armee sich durchaus zur Wehr zu setzen, wie Ihr an den hässlichen Fratzen auf den Palisaden im Grenzgebiet unschwer erkennen könnt«, entgegnete Eldor höhnisch.
Der Blick des Gesandten verfinsterte sich und als er den König drohend anfunkelte, glaubte dieser tatsächlich, von dem Blick durchbohrt zu werden, und sackte etwas in sich zusammen.
»Ob Ihr nun an die dunklen Mächte glaubt oder nicht, es ist mir einerlei!«, fauchte der Mann ihn an, »aber Ihr werdet Euren Teil des Vertrages erfüllen. Ihr schuldet uns einen jungen Soldaten, der noch nicht von Euren Intrigen vergiftet ist. In einem Zyklus komme ich wieder und dann erwarte ich, dass der Tribut gezahlt wird!«
Dann wandte er Eldor den Rücken zu, ehe dieser auf die Drohung reagieren konnte und marschierte erhobenen Hauptes aus der Halle. Als die Torflügel hinter ihm zuschlugen, sackte der König auf seinem Thron zusammen und fuhr sich mit der Hand durch das lange Haar. Er konnte die Aquiron nicht leiden, denn er glaubt tatsächlich, dass sie nur ihre Macht ausbauen wollten, um am Ende alle freien Reiche zu stürzen und selbst die Herrschaft an sich zu reißen. Doch ihm war auch bewusst, dass seine Armee nicht stark genug war, um ihn gegen diese Gemeinschaft zu verteidigen. Zu lange hatten die Aquiron ihre Streitkräfte ausgebaut. Zu lange ihre Macht gestärkt. Nun konnte sich selbst der Elfenkönig ihnen nicht mehr offen entgegenstellen und ihm war bewusst, dass er ihrer Forderung nachkommen musste, um sich selbst zu schützen. Denn ihm waren bereits Berichte aus anderen Ländern zu Ohren gekommen, laut denen Fürsten und selbst König von den Aquiron entmachtet und ersetzt worden waren, weil sie vertragsbrüchig geworden waren. Lange grübelte er über das Problem nach, bis sich nach und nach eine Lösung in seinem Kopf formte. Lächelnd gewann er etwas von seiner aufrechten Körperhaltung wieder. In genau zwei Zyklen, und damit zeitgleich mit der Rückkehr des Gesandten, sollten einige Rekruten vereidigt werden. Einen dieser Rekruten würde er opfern und zwingen, den Aquiron beizutreten. Er musste nur noch herausfinden, welcher am wenigsten Erfahrung hatte und am besten noch Verbindung zu den wenigen Rebellen in seinem Land. Vielleicht war ja ein Kind eines Verschwörers oder Eidbrechers unter ihnen. Indem er sich dieses Rekruten entledigte,wären den Aquiron die Hände gebunden, da er die Bedingungen des Vertrages eindeutig erfüllte, doch er würde gleichzeitig seine eigene Krone stärken, indem er einen Risikofaktor vernichtete. Alles, was er brauchte, war ein geeigneter Kandidat. Aber Eldor zweifelte nicht daran, dass sich einer finden würde. Und so konnte der Elfenkönig doch noch mit einem hinterlistigen Lächeln auf den Lippen in sein Schlafgemach zurückkehren und endlich seine wohlverdiente Ruhe genießen, nicht ohne vorher der Wache vor der Tür mit einem grausamen Tode zu drohen, falls sie ihn in dieser Nacht noch einmal, aus welchem Grund auch immer, stören würde.
7
Ungeduldig schritt Elynia vor dem Portal auf und ab. Die junge Elfe wartete schon seit geraumer Zeit hier, schon seit sie in den frühen Morgenstunden in ihrem Quartier erwacht war. Wie sonst auch, wenn sie nervös war,zwirbelte sie eine Strähne ihres langen Haares zwischen Daumen und Zeigefinger und roch unauffällig daran. Es roch frisch, nach blühenden Blumen, denn sie hatte es am Morgen extra mit Rosenwasser gewaschen. Immerhin war heute ihr großer Tag. Denn heute würde sie ihren Eid schwören und endlich ein vollwertiges Mitglied der Armee werden. Ein glückliches Lächeln erschien auf den Zügen der Elfe. Anfangs hatte sie versucht, ein Gespräch mit der Torwache zu führen, um sich die Zeit zu vertreiben, doch der Elf in seiner schillernden Rüstung hatte nur einsilbige Antworten auf ihre Fragen gegeben, daher hatte sie es nach einiger Zeit aufgegeben und tigerte nun stattdessen unter seinem prüfenden Blick auf und ab. Gerade als Elynia zum gefühlt tausendsten Mal zu ihm blickte, kam Bewegung in den Elf und er gab seinen strammen Stand auf, um das Tor ein kleines Stück zu öffnen. Hocherfreut wollte sie sich in den Thronsaal begeben, doch die Wache bedeutete ihr mit einem Kopfschütteln, dass das Tor für sie noch nicht offen war. Verwirrt und enttäuscht ließ sie die Schultern sinken und drehte sich weg, wodurch ihr Blick auf eine Gestalt in langem Kapuzenmantel fiel, die sich nun an ihr vorbei auf das Portal zubewegte. Als sie auf ihrer Höhe war, drehte die Gestalt leicht den Kopf und sah ihr direkt in die Augen, eine Bewegung, bei der der Kapuzenstoff verrutschte. Fasziniert sah sie in ein Paar alter, stahlgrauer Augen. Erst als die Gestalt den Blick wieder abwandte, löste sich der Bann von ihr und Elynia wurde mit einem Schrecken bewusst, dass es sich um einen Menschen handelte. Der Mann begab sich auf direktem Wege in den Thronsaal. Überrascht sah Elynia ihm nach und lauschte auf die wenigen Worte, die noch zu ihr getragen wurden, ehe die Torflügel sich wieder schlossen: »Ah, mein lieber Freund, ihr seid zurück! Und wie versprochen sollt Ihr auch erhalten, was unser Vertrag Euch zusichert!«
Verwundert fragte sie sich, wieso ein einfacher Mensch in den heiligen Hallen der Elfen so freundlich behandelt wurde, anstatt dass man ihn direkt hinrichtete, wie es sich gehörte.
»Das ist wohl wieder ein Schachzug in dem Ränkespiel der Mächtigen und Reichen, in das die einfache Bevölkerung absichtlich nicht eingebunden ist«, entschied sie dann gleichgültig.
Allerdings behielt sie diese Gedanken für sich, denn sie wusste, dass jeder Affront gegen die Obrigkeit hart bestraft wurde. Denn so edel die Elfen sich nach außen hin geben mochten, so eitel und eisern waren sie unter ihresgleichen. Jeder, der ein Gesetz brach, wurde von der Hofgarde in die Türme derVergebung, einem Bauwerk in einem entlegenen Waldstück, gebracht. Dort erhielt man dann seine Strafe, fernab von den schillernden Straßen der Städte. Dennoch hielt sie dieses Verfahren nicht für grausam, denn Elynia war klar, dass es eine Obrigkeit geben musste, damit Recht und Ordnung aufrechterhalten werden konnten. Und das Wissen um die Konsequenz, wenn man sich gegen das System auflehnte, war ebenfalls von positiver Natur, denn es half der Bevölkerung, zu ihrer eigenen Vollendung zu gelangen. Für sie stand außer Zweifel, dass ein wahrhaft edler Elf sich an jegliche Regeln des Anstands und der Höflichkeit hielt, wozu zweifelsohne das Befolgen der Gesetze zählte. Und wer das hehre Ziel der Perfektionierung eines ganzen Volkes verfolgte, der musste eben jene wenigen entfernen, die vom rechten Pfad abgekommen waren. Geringe Opfer zum Wohle der Allgemeinheit zählten schließlich zum normalen Lauf der Natur. Plötzlich riss die Torwache sie aus ihrer Überlegung.
»Rekrut!«, bellte der Soldat sie an, »es sind nun alle Vorbereitungen für die Zeremonie getroffen. Wappne dich!« Mit einemMal hatte sie einen Kloß im Hals und musste schwer schlucken, aber dann nickte sie und straffte die Schultern. Der Wächter musterte sie scharf und wirkte zufrieden, erst dann klopfte er mit dem Schaftende seiner Hellebarde zweimal laut gegen das Portal. Wie von Geisterhand schwangen beide Torflügel gleichzeitig auf, ohne das leiseste Knarren. Zum ersten Mal in ihrem Leben erblickte Elynia die Pracht des Thronsaales. Zu beiden Seiten des Portals erstreckten sich kunstvolle Säulen, bis vor zum Kopfende. Dazwischen erhoben sich ehrwürdig die mächtigen Statuen der vorangegangen Elfenkönige. Am Kopfende des Saales befanden sich nur drei Stühle. Einer, auf dem der engste Berater des Königs saß, einer, gearbeitet aus glänzendem Silber, der für die Gattin des Königswar. Dieser war leer. Und in der Mitte der goldene Thron des Königs, auf dem der Herrscher Eldor persönlich thronte und ihr mit strengen Augen entgegenblickte. Als die Fanfaren der Trompeten einsetzten, kam auch in Elynia Bewegung. Langsam setzte sie einen Fuß vor den andern und näherte sich mit gemessenem Schritt dem König. Dabei hatte sie das Gefühl, dass die Blicke der Statuen streng auf ihr lasteten und sie kam sich plötzlich klein und unwichtig vor. Sie erreichte den Fuß der Treppe, die zu der Erhebung mit dem Thron führte, und sank auf die Knie. Die Fanfaren verstummten, als sie den Kopf ehrerbietig senkte. Elynia schloss kurz die Augen, dann sprach sie ohne zu zögern und mit fester Stimme den Eid, wie es seit Jahren festgeschrieben war.
»Mein Schwert, um den König zu dienen. Um den Boden mit dem Blute der Feinde unseres Volkes zu tränken und den Befehlen meines Königs Folge zu leisten. Mein Fleisch soll teilwerden der königlichen Armee. Nehmt meinen Schwur an. Verfügt über mich.«
Sie verstummte und Stille senkte sich über den Saal. Unsicher hob Elynia den Kopf und sah zum König auf. Dieser hatte sich lächelnd erhoben und ließ sich von seinem Berater ein Schwert reichen, welches er dann auf den Handflächen die Stufen hinabtrug und hinter Elynia trat.
»Rekrut, Ihr habt einen Eid geleistet. Solltet Ihr in jemals brechen, ist der Tod allein die Strafe. Nun erhebt Euch als ein Ritter des Königs!«
Dann berührte er ihre Schulter mit der Schwertspitze und bedeutete ihr aufzustehen. Leicht bebend erhob sie sich und nahm die Klinge entgegen. Derweil wandte sich der König an die Anwesenden.
»Heute ist ein besonderer Tag. Zum ersten Mal in unserer Geschichte hat ein weiblicher Rekrut, eine Rekrutin, ihren Eid geschworen. Doch damit noch nicht genug. Sie wird noch heute mit einem besonderen Auftrag betraut.« Überrascht sah Elynia auf und blickte in die grauen Augen des Menschen, der sie in unbändigem Zorn anstarrte, mit einem Ausdruck, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Doch der König schien davon unbeeindruckt, denn er fuhr feierlich fort: »Sie wird nicht in den Verband unserer Armee eintreten, sondern unsere Grenzen an anderer Stelle schützen. Als Mitglied der Aquiron.«
Sie traute ihren Ohren nicht, als sie die Worte vernahm. Doch noch ehe sie etwas sagen konnte, ertönte plötzlich ein kaltes schallendes Lachen, welches sie zusammenzucken ließ. Verwirrtblickte sie sich um und sah den Menschen, der sich vor Lachen bog.
»Majestät belieben zu scherzen!«, rief er in spöttischem Ton durch den Saal.
Gespannt verfolgte Elynia das weitere Geschehen. Der König hatte die Augenbrauen hochgezogen und tat unschuldig, als er antwortete: »Die Aquiron verlangten nach einem Rekruten und sie bekommen einen.«
Nun richtete sich der Mensch zu seiner vollen Größe auf und seine Augen richteten sich drohend auf den Elfenherrscher, ehe er leise erwiderte: »Sehr wohl, einen Rekruten! Und nicht eine schwache Elfe.«
Das Lächeln auf den Zügen König Eldors wurde noch breiter. Süffisant erklärte er: »Ihr selbst seid Zeuge, dass sie ihren Eid geleistet hat. Sie ist ein Rekrut wie jeder andere. Und kämpfen in den Reihen der Menschen nicht schon seit etlichen Jahren auch weibliche Krieger? Nahmt ihr nicht sogar Menschenfrauen bei euch auf?«
Da der Mensch nicht antwortete, schätzte Elynia, dass die Worte stimmten.
»Oder wollt Ihr etwa sagen, dass eine Elfe weniger wert ist, als eine Menschenfrau?«, setzte der König drohend nach.
Kurz glaubte sie, dass der Mensch eine Waffe ziehen und auf den Elfenherrscher losgehen würde, doch nachdem er den König schier endlos hasserfüllt angestarrt hatte, senkte er den Blick und bekundete: »Die Aquiron nehmen Euren Tribut mit Freuden an«, dann richteten sich seine unerbittlichen Augen auf Elynia. »Pack deine Sachen, wir brechen im Morgengrauen auf!«
