Dracula - Die Wiederkehr - Dacre Stoker - E-Book
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Beschreibung

Fünfundzwanzig Jahre sind vergangen, seit die Vampirjäger um Professor van Helsing den gefürchteten Dracula zur Strecke brachten. Doch der Friede ist trügerisch. In London geschehen unheimliche Dinge, und Jonathan Harker wird ermordet am Picadilly Circus aufgefunden. Irgendjemand scheint es auf diejenigen abgesehen zu haben, die damals an der Vernichtung des dunklen Grafen mitwirkten. Harkers Sohn Quincey tritt in die Fußstapfen seines Vaters, um den Mord aufzuklären. Dabei macht er rätselhafte Entdeckungen. Könnte es sein, dass der legendäre Dracula noch unter den Lebenden weilt?

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Seitenzahl: 702

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Inhalt

Titel

Prolog

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Einunddreißigstes Kapitel

Zweiunddreißigstes Kapitel

Dreiunddreißigstes Kapitel

Vierunddreißigstes Kapitel

Fünfunddreißigstes Kapitel

Sechsunddreißigstes Kapitel

Siebenunddreißigstes Kapitel

Achtunddreißigstes Kapitel

Neununddreißigstes Kapitel

Vierzigstes Kapitel

Einundvierzigstes Kapitel

Zweiundvierzigstes Kapitel

Dreiundvierzigstes Kapitel

Vierundvierzigstes Kapitel

Fünfundvierzigstes Kapitel

Sechsundvierzigstes Kapitel

Siebenundvierzigstes Kapitel

Achtundvierzigstes Kapitel

Neunundvierzigstes Kapitel

Fünfzigstes Kapitel

Einundfünfzigstes Kapitel

Zweiundfünfzigstes Kapitel

Dreiundfünfzigstes Kapitel

Vierundfünfzigstes Kapitel

Fünfundfünfzigstes Kapitel

Sechsundfünfzigstes Kapitel

Siebenundfünfzigstes Kapitel

Achtundfünfzigstes Kapitel

Neunundfünfzigstes Kapitel

Sechzigstes Kapitel

Einundsechzigstes Kapitel

Zweiundsechzigstes Kapitel

Dreiundsechzigstes Kapitel

Nachbemerkung der Autoren

Nachwort

Danksagungen

Impressum

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Hannes Riffel

 

Prolog

Brief von Mina Harker an ihren Sohn, Herrn Quincey Harker

(Zu öffnen im Falle des plötzlichen oder unnatürlichen Todes von Wilhelmina Harker)

9. März 1912

Liebster Quincey,

mein geliebter Sohn – Dein ganzes Leben lang hast Du vermutet, dass es zwischen uns Geheimnisse gibt. Ich fürchte, dass nun die Zeit gekommen ist, Dir die Wahrheit zu enthüllen. Sie Dir noch länger vorzuenthalten, würde bedeuten, Dein Leben und Deine unsterbliche Seele zu gefährden.

Wenn Dein geliebter Vater und ich Dir nicht alles erzählt haben, was uns widerfahren ist, so geschah dies, um Dich vor der Finsternis zu schützen, die diese Welt gleich einem Schleier einhüllt. Wir hatten gehofft, Dir eine Kindheit zu ermöglichen, die frei ist von den Ängsten, die uns verfolgen, seit wir unsere Jugend hinter uns gelassen haben. Während Du zu dem vielversprechenden jungen Mann heranwuchst, der Du heute bist, haben wir beschlossen zu schweigen, damit Du uns nicht für verrückt hältst. Verzeih uns. Wenn Du diesen Brief jetzt liest, dann ist das Böse, vor dem wir Dich so verzweifelt und vielleicht zu Unrecht schützen wollten, zurückgekehrt. Und Du befindest Dich, wie Deine Eltern vor Dir, in ernster Gefahr.

Im Jahre 1888, als Dein Vater und ich noch jung waren, haben wir am eigenen Leibe erfahren, dass das Böse in den Schatten der Welt lauert, allzeit bereit, Jagd auf die Ungläubigen und Unvorbereiteten zu machen.

Als junger Advokat unternahm Dein Vater eine Reise in das unzivilisierte Transsilvanien. Ihm war aufgetragen worden, einem gewissen Grafen Dracula beim Kauf eines Anwesens in Whitby zu helfen, einem alten Kloster, das einst den Namen Carfax Abbey getragen hat.

Während seines Aufenthalts in Transsilvanien fand Dein Vater heraus, dass sein Gastgeber und Mandant Graf Dracula in Wahrheit eine Kreatur war, von der er geglaubt hatte, es gäbe sie nur in Märchen und Legenden – ein Geschöpf, das sich vom Blut der Lebenden ernährte, um Unsterblichkeit zu erlangen. Die Einheimischen bezeichneten Dracula als einen »Nosferatu«, einen Untoten. Dir ist diese Kreatur unter ihrem gebräuchlicheren Namen vertraut: Vampir.

Graf Dracula befürchtete alsbald, Dein Vater könnte der Welt enthüllen, was er war, und hielt ihn in seinem Schloss gefangen. Dracula selbst begab sich auf ein Schiff namens Demeter, das nach England segelte, wobei er den größten Teil der Reise in einer von Dutzenden von Kisten unter Deck verbrachte. Warum er sich auf diese seltsame Weise verborgen hielt? Nun, ein Vampir mag zwar so stark sein wie zehn Männer und vielerlei Gestalt annehmen können, aber wenn das Licht der Sonne auf ihn fällt, verbrennt er zu Asche.

Damals hielt ich mich gerade in Whitby auf, im Haus meiner engsten und liebsten Freundin Lucy Westenra. Ein Gewitter war vom Meer her aufgezogen, und die tückischen Klippen von Whitby waren in dichten Nebel gehüllt. Lucy, die nicht schlafen konnte, beobachtete von ihrem Fenster aus, wie das vom Sturm gepeitschte Schiff auf die Felsen zuhielt. Sie stürzte in die Nacht hinaus, um Alarm zu schlagen, bevor das Schiff auf Grund lief. Aber sie kam zu spät. Kurz darauf schreckte ich, von Panik erfüllt, aus dem Schlaf und sah, dass Lucy nicht mehr in ihrem Bett lag. Ohne zu zögern, machte ich mich auf die Suche nach ihr, und schließlich fand ich sie am Rand der Klippen, ohne Bewusstsein und mit zwei kleinen Wunden am Hals.

Lucy wurde sterbenskrank. Ihr Verlobter, Arthur Holmwood, der Sohn von Lord Godalming, und sein guter Freund, der Texaner Quincey P. Morris, von dem Du Deinen Namen hast, eilten an ihre Seite. Arthur rief alle Ärzte in Withby und Umgebung herbei, aber keiner hatte eine Erklärung für Lucys Krankheit. Schließlich ließ unser Freund Dr. Jack Seward, der die Nervenheilanstalt Whitby betreibt, nach seinem holländischen Mentor Dr. Abraham Van Helsing schicken.

Dr. Van Helsing, ein Arzt von großer Gelehrsamkeit, der darüber hinaus mit okkulten Dingen vertraut war, erkannte schließlich, dass Lucy von einem Vampir gebissen worden war.

Zu dem Zeitpunkt erhielt ich endlich eine Nachricht von Deinem Vater. Er war aus Schloss Dracula geflohen und hatte Zuflucht in einem Kloster gesucht, wo er schwach und siech darniederlag. Ich sah mich gezwungen, meinen Platz an Lucys Krankenbett zu verlassen und mich auf den weiten Weg nach Budapest zu begeben. Dort wurden wir schließlich vom Kaplan der englischen Missionskirche getraut.

Dein Vater erzählte von all den grauenhaften Dingen, die ihm widerfahren waren, und seine Schilderungen waren es auch, die uns auf die Spur des Vampirs brachten, der Lucy überfallen hatte und nun das Leben jedes Einzelnen von uns bedrohte: Graf Dracula.

Nach unserer Rückkehr aus Budapest erfuhren wir, dass Lucy gestorben war. Doch damit nahm der Schrecken erst seinen Anfang. Wenige Tage nach ihrem Tod kehrte sie aus ihrem Grab zurück. Sie war zu einem Vampir geworden und ernährte sich vom Blut kleiner Kinder. Dr. Van Helsing, Quincey Morris, Dr. Seward und Arthur Holmwood standen vor einer grauenhaften Entscheidung. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als Lucy einen Holzpflock durch das Herz zu treiben, um ihre arme Seele zu befreien.

Kurz darauf wurde ich nachts von Graf Dracula überfallen. Daraufhin schworen wir einen heiligen Eid, den Vampir zu jagen und auszulöschen, um die Welt von dem Bösen zu befreien, das er über sie brachte. Und so taten wir uns zusammen und verfolgten Graf Dracula bis zu seinem Schloss in Transsilvanien. Dort fiel Quincey Morris im Kampf, allerdings nicht, bevor er Dracula heldenhaft ein Messer ins Herz gestoßen hatte. Das Ungeheuer ging vor unseren Augen in Flammen auf und zerfiel im Licht der untergehenden Sonne zu Staub.

Endlich waren wir frei – oder so glaubte ich jedenfalls. Doch ein Jahr nach Deiner Geburt wurde ich immer häufiger von entsetzlichen Albträumen heimgesucht. Dracula verfolgte mich bis in meine Träume. Da erinnerte mich Dein Vater an die Warnung des Fürsten der Finsternis und daran, dass er ausgerufen hatte: »Meine Rache hat erst begonnen. Ich habe sie auf Jahrhunderte verteilt, und ich habe die Zeit auf meiner Seite.«

Von dem Tag an konnten Dein Vater und ich keinen Frieden mehr finden. All die Jahre hindurch haben wir immer wieder ängstliche Blicke hinter uns geworfen. Und jetzt, so fürchte ich, fehlt uns endgültig die Kraft, um Dich vor dieser üblen Kreatur zu beschützen.

Mein Sohn, um nicht dem Bösen zum Opfer zu fallen, das nun Jagd auf Dich machen wird, musst Du mir vertrauen. Mach Dir die Wahrheit zu eigen, die ich Dir auf diesen Seiten enthülle. Blicke tief in Dein Inneres und sei tapfer, so wie Dein Vater und ich es einst waren, denn uns blieb keine andere Wahl. Dracula ist ein kluger und durchtriebener Feind. Fliehen kannst Du nicht vor ihm, und es gibt auch keinen Ort auf der Welt, wo Du Dich verstecken könntest. Du musst Dich ihm stellen und kämpfen.

Viel Glück, mein geliebter Sohn, und fürchte Dich nicht. Wenn Van Helsing recht hat, dann sind Vampire in der Tat Dämonen, und Gott wird Dir beistehen.

Sei meiner unsterblichen Liebe versichert.

Deine Mutter Mina

 

Erstes Kapitel

Meere von Liebe, Lucy.

Diese Inschrift war das Einzige, worauf sich Dr. Jack Seward konzentrieren konnte, während die Finsternis ihn allmählich einholte. Finsternis bedeutete Frieden – kein grelles Licht würde mehr auf das fallen, was von seinem Leben übrig geblieben war. Jahrelang hatte er mit ganzer Kraft versucht, die Finsternis im Zaum zu halten. Jetzt gab er sich ihr kampflos hin.

Nur nachts gelang es Seward, seinen Frieden mit der Erinnerung an Lucy zu machen. In seinen Träumen spürte er noch immer, wie sie ihn in die Arme schloss. Einen flüchtigen Augenblick lang konnte er nach London zurückkehren, in glücklichere Zeiten, als er noch einen Sinn gesehen hatte in seiner Arbeit, als er noch zufrieden gewesen war mit seinem Platz in der Welt. Das war das Leben gewesen, das er mit Lucy hatte teilen wollen.

Die Karren von Milchlieferanten, Fischverkäufern und anderen Händlern klapperten über die Pflasterstraßen des frühmorgendlichen Paris und schreckten Seward aus seinen Träumen. Die raue Wirklichkeit holte ihn ein. Mühsam öffnete er die Augen. Sie brannten schlimmer als frisches Jod in einer offenen Wunde. Während die rissige Decke des heruntergekommenen Zimmers, das er in Paris angemietet hatte, allmählich Gestalt annahm, sann er darüber nach, wie sehr sich sein Leben doch verändert hatte. Es stimmte ihn traurig, wenn er sah, wie kraftlos seine Muskeln geworden waren. Sein Bizeps war schlaff – er glich einem dieser neumodischen, von Hand genähten Teebeutel aus Musselin, nachdem sie aus der Kanne genommen worden waren. Die Venen an seinem Arm sahen aus wie Flüsse auf einer zerfledderten Landkarte. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst.

Seward betete inständig, der Tod möge ihn rasch ereilen. Seinen Leichnam hatte er der Wissenschaft vermacht, damit er in einem Lehrsaal seiner Universität seziert werde. Der Gedanke, dass er künftigen Ärzten und Wissenschaftlern von Nutzen sein könnte, tröstete ihn.

Nach einiger Zeit wurde er sich wieder der Uhr bewusst, die er noch immer in der linken Hand hielt. Er drehte sie um. Halb sieben! Für einen Moment wurde er von Panik erfasst. Himmel Herrgott. Er hatte verschlafen. Seward rappelte sich auf und blieb auf unsicheren Beinen stehen. Eine leere Glasspritze rollte vom Tisch und zersprang auf dem schmutzigen Holzboden in tausend Stücke. Eine kleine braune Rauchglasflasche mit Morphium drohte das gleiche Schicksal zu ereilen, doch er fing die kostbare Flüssigkeit im letzten Moment auf. Dann öffnete er mit geübtem Griff den Lederriemen, der seinen linken Bizeps einschnürte, worauf sich sein Blutkreislauf langsam wieder normalisierte. Er rollte den Ärmel seines ausgefransten Frackhemdes hinunter und befestigte den silbernen Manschettenknopf mit seinem Monogramm daran. Schließlich knöpfte er seine Weste zu und schlüpfte in sein Jackett. Wallingham & Söhne waren die besten Schneider in ganz London. Wäre sein Anzug von irgendjemand anderem gemacht worden, hätte er sich längst in Wohlgefallen aufgelöst. Eitelkeit vergeht nur langsam, dachte Seward bei sich und lächelte humorlos.

Wenn er den Zug noch erreichen wollte, musste er sich beeilen. Wo war nur die Adresse? Er hatte sie an einem sicheren Ort verwahrt. Jetzt, da er sie benötigte, konnte er sich jedoch nicht mehr daran erinnern, wo genau. Er drehte seine mit Stroh gefüllte Matratze um, suchte die Unterseite des wackeligen Tisches ab und spähte unter die Gemüsekisten, die ihm als Stühle dienten. Er kramte in Stapeln von Ausschnitten aus alten Zeitungen. Die Schlagzeilen verrieten, womit sich Seward derzeit beschäftigte: mit grauenvollen Geschichten über »Jack den Schlitzer«. Autopsiephotographien der fünf Opfer, die bisher gefunden worden waren. Verstümmelte Frauen, die Beine gespreizt, als wollten sie ihren geistesgestörten Mörder empfangen. Der Schlitzer wurde als »Frauenschlächter« bezeichnet – aber ein Schlächter ist nicht so grausam zu den Tieren, die er tötet. Seward hatte die Autopsieberichte so oft gelesen, dass er sie inzwischen auswendig kannte. Lose Seiten mit seinen Theorien und hastig auf Papierschnipsel niedergeschriebene Einfälle, Kartonstreifen und aufgeklappte Streichholzbriefchen lagen überall herum wie vom Wind herbeigewehte Blätter.

Schweiß lief ihm über die Brauen und brannte ihm in den blutunterlaufenen Augen. Verdammt, wo hatte er sie nur versteckt? Sein heimlicher Wohltäter war ein gewaltiges Risiko eingegangen, um an diese Information zu gelangen. Seward konnte den Gedanken nicht ertragen, den einzigen Menschen zu enttäuschen, der noch an ihn glaubte. Alle anderen – die Harkers, die Holmwoods –, alle anderen glaubten, dass er den Verstand verloren hatte. Wenn sie ihn hier in diesem Zimmer sähen, würden sie sich in ihrem Urteil nur bestätigt fühlen. Verzweifelt suchte er die Wände ab, von denen der Putz bröckelte. Hier und dort hatte er sich im Morphiumrausch verewigt, seine verrückten Einfälle mit Tinte, Kohle oder Wein auf die verblassende Tapete gekritzelt, manchmal sogar mit seinem eigenen Blut. Kein Wahnsinniger würde sich der Welt so rückhaltlos offenbaren. Seward war davon überzeugt, dass diese Worte eines Tages beweisen würden, dass er geistig völlig gesund war.

Zwischen alledem prangte eine Seite, die aus einem Buch gerissen und mit einem langen Jagdmesser an die Wand genagelt worden war. An der Klinge klebte vor langer Zeit getrocknetes Blut. Auf der Seite war eine elegante Schönheit mit rabenschwarzem Haar zu sehen. Unter dem Bild stand: »Gräfin Erzsébet Báthory, ungefähr 1582«.

Natürlich, da habe ich sie versteckt. Er musste über sich selbst lachen. Rasch zog er das Messer aus der Wand und drehte die Seite um. Sein Blick fiel auf die Adresse einer Villa in Marseille, in seiner eigenen, kaum leserlichen Handschrift niedergeschrieben. Seward nahm Kreuz, Holzpflock und Knoblauchgebinde herunter, die neben dem Bild der Báthory gehangen hatten, und hob ein silbernes Messer vom Boden auf. All diese Dinge ließ er unter dem doppelten Boden seiner Arzttasche verschwinden, bevor er die Medikamente und chirurgischen Bestecke einpackte.

Der Zug verließ den Gare de Lyon auf die Minute pünktlich. Seward bezahlte gerade seinen Fahrschein, als er sah, wie sich der tuckernde Gigant in Bewegung setzte. So schnell er konnte, rannte er über den Bahnsteig, der noch Spuren des fatalen Hochwassers aufwies. Bevor der Zug endgültig Fahrt aufnahm, gelang es Seward, den letzten Salonwagen einzuholen und sich hinaufzuziehen. Auch wenn sein Herz raste, verspürte er einen gewissen Stolz – einen solchen Sprung hatte er seit seiner Jugend nicht mehr gewagt. Damals waren der Texaner Quincey P. Morris und sein alter Freund Arthur Holmwood bei ihm gewesen. Die Jugend ist auf die Jungen verschwendet, dachte er bei sich und lächelte wehmütig. Wie unschuldig sie damals gewesen waren … und wie unwissend.

Während die Lokomotive Richtung Süden rumpelte, suchte sich der Arzt einen Platz in dem vornehmen Speisewagen. Wenn der Zug doch nur schneller fahren würde! Seward warf einen Blick auf seine Taschenuhr; erst fünf Minuten waren verstrichen. Nur zu gerne hätte er sich die Zeit damit vertrieben, etwas in sein Tagebuch zu schreiben, aber einen solchen Luxus konnte er sich nicht mehr leisten. Zehn Stunden noch, bis sie in Marseille eintreffen würden! Dort würde er endlich die Beweise erhalten, um seine Theorien zu untermauern und denjenigen, die ihm aus dem Weg gingen, zu zeigen, dass er nicht verrückt war; dass er schon die ganze Zeit auf der richtigen Spur gewesen war.

Die nächsten zehn Stunden würden die längsten seines Lebens sein.

»Billets, s’il vous plaît!«

Seward starrte den Schaffner, der ihn sichtlich ungeduldig musterte, mit großen Augen an.

»Verzeihen Sie«, sagte er schließlich. Er reichte dem Schaffner seinen Fahrschein und rückte seinen Schal zurecht, um die ausgefranste Brusttasche seines Jacketts zu verdecken.

»Sie sind Brite?«, fragte der Schaffner mit starkem französischem Akzent.

»Ja, das bin ich.«

»Arzt?« Mit einer Kopfbewegung wies der Schaffner auf die Tasche, die zwischen Sewards Beinen stand.

»Ja.«

Seward konnte geradezu spüren, wie es hinter den grauen Augen des Schaffners arbeitete – dieser Kerl in dem fadenscheinigen, schlecht sitzenden Anzug und den abgetragenen Schuhen wollte Arzt sein? »Wollen Sie mir bitte Ihre Tasche zeigen?«

Er reichte sie ihm wortlos – was blieb ihm auch anderes übrig? Der Schaffner nahm die Fläschchen eines nach dem anderen heraus, las die Etiketten und ließ sie mit einem Klirren wieder zurückgleiten. Seward wusste, wonach der Schaffner suchte, und hoffte inständig, er würde nicht allzu gründlich kramen.

»Morphium«, sagte der Schaffner so laut, dass die anderen Fahrgäste neugierig zu ihnen herüberschauten. Er hielt ein braunes Fläschchen in die Höhe.

»Das verschreibe ich hin und wieder als Beruhigungsmittel.«

»Kann ich bitte Ihre Zulassung sehen?«

Seward suchte seine Taschen ab. Letzten Monat war auf der internationalen Opiumkonferenz ein Abkommen unterzeichnet worden, das es jedem, der nicht über eine ärztliche Approbation verfügte, untersagte, Morphium zu importieren, zu verkaufen, anderweitig auszugeben oder zu exportieren. Er brauchte so lange, die Zulassung zu finden, dass der Schaffner schon Anstalten machte, die Leine für den Nothalt zu ziehen. Stirnrunzelnd begutachtete der Mann die Papiere; dann wandte er seinen stahlgrauen Blick den Reisedokumenten zu. Die Vereinigten Königreiche waren das erste Land, das Passbilder eingeführt hatte. Seit das Bild aufgenommen worden war, hatte Seward stark an Gewicht verloren. Seine Haare waren viel grauer geworden, und er wusste nicht mehr, wann er sich zum letzten Mal den Bart hatte stutzen lassen. Der Mann im Zug war nur noch ein Schatten des Mannes auf der Photographie.

»Was ist der Grund Ihrer Reise nach Marseille, Herr Doktor?«

»Ich behandle dort einen Patienten.«

»Was fehlt dem Patienten?«

»Er leidet unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.«

»Qu’est-ce que c’est?«

»Das ist eine psychologische Labilität, die den Patienten veranlasst, seine Umgebung mit selbstsüchtigem, autoerotischem, asozialem und parasitärem Verhalten …«

»Merci.« Seward verstummte, als der Schaffner ihm mit einer steifen Handbewegung seine Papiere und den Fahrschein zurückgab und sich dem Mann am Nachbartisch zuwandte. »Billets, s’il vous plaît.«

Jack Seward seufzte leise. Er steckte seine Papiere in sein Jackett zurück und warf einen nervösen Blick auf seine Taschenuhr. Er hatte den Eindruck gehabt, die Auseinandersetzung habe Stunden gedauert, aber es waren nur fünf Minuten verstrichen. Er zog das mit einer Bordüre gesäumte Rollo herunter, um seine Augen vor dem Tageslicht zu schützen, und ließ sich in die tiefen burgunderroten Polster sinken.

Meere von Liebe, Lucy.

Er drückte sich die geliebte Taschenuhr an die Brust, schloss die Augen und gab sich seinen Träumen hin.

Und reiste ein Vierteljahrhundert in der Zeit zurück. Seward hielt dieselbe Taschenuhr ans Licht, um die Inschrift zu lesen, die darin eingraviert war. Meere von Liebe, Lucy.

Da war sie. Das blühende Leben. »Sie gefällt dir nicht«, schmollte sie.

Er konnte seinen Blick nicht von ihren grünen Augen abwenden – ihre Farbe glich der einer Wiese im sanften Sommerlicht. Lucy hatte die merkwürdige Angewohnheit, den Mund ihres Gesprächspartners zu betrachten, als versuche sie, das nächste Wort zu schmecken, bevor es ihm über die Lippen kam. Sie war von einer solchen Lebenslust erfüllt! Ihr Lächeln konnte das kälteste Herz erwärmen. Während sie an jenem Frühlingstag auf der Gartenbank saßen, staunte Seward darüber, wie herrlich die losen Strähnen ihres roten Haares, die in der leichten Brise tanzten, im Schein der Sonne leuchteten – sie umgaben ihr Gesicht wie ein Heiligenschein. Der Duft frischen Flieders mischte sich mit der salzigen Meeresluft, die vom Hafen Whitbys herüberwehte. Wann immer er im Laufe der Jahre, die seither verstrichen waren, Flieder gerochen hatte, war ihm stets dieser wunderschöne, schmerzliche Tag vor Augen gestanden.

»Da hier ›Liebster Freund‹ und nicht ›Liebster Verlobter‹ eingraviert steht«, sagte Seward und räusperte sich, bevor ihm die Stimme versagen konnte, »kann ich daraus nur folgern, dass du beschlossen hast, meinen Hochzeitsantrag abzulehnen.«

Lucy wandte den Blick ab, Tränen in den Augen. Die Stille sprach Bände.

»Ich hielt es für das Beste, dass du es von mir selbst erfährst«, seufzte sie schließlich. »Ich habe Arthur mein Jawort gegeben.«

Jack Seward war mit Arthur befreundet, seit sie kurze Hosen getragen hatten. Seward liebte ihn wie einen Bruder, hatte ihn allerdings schon immer darum beneidet, wie leicht ihm alles fiel. Er war gut aussehend und reich, und er hatte in seinem ganzen Leben weder Sorgen noch Mühen gekannt. Von einem gebrochenen Herzen ganz zu schweigen.

»Aha.« Seward brachte kaum noch einen Ton heraus.

»Ich liebe dich wirklich«, flüsterte Lucy. »Aber …«

»… aber nicht so sehr, wie du Arthur liebst.« Mit dem reichen Arthur Holmwood konnte er es natürlich nicht aufnehmen, und er war auch nicht so schneidig wie Lucys anderer Verehrer, der Texaner Quincey P. Morris.

»Verzeih mir«, sagte er mit sanfter Stimme. Plötzlich befürchtete er, er könnte ihr wehgetan haben. »Ich hätte mich nicht so weit vorwagen dürfen.«

Lucy tätschelte seine Hand, als wäre er ein Haustier. »Ich werde immer für dich da sein.«

Wieder in die Gegenwart zurückgekehrt, warf er unruhig den Kopf hin und her, ohne jedoch ganz wach zu werden. Wenn er Lucy doch noch einmal in die wunderschönen Augen schauen könnte … Zum letzten Mal hatte er sie in jener entsetzlichen Nacht im Mausoleum gesehen, und damals hatte in ihrem Blick nichts als Schmerz und Seelenqual gelegen. Die Erinnerung an die Schreie, die sie ausgestoßen hatte, als sie gestorben war, hatte sich Sewards Gedächtnis für immer eingebrannt.

Nachdem er aus dem Zug gestiegen war, irrte Seward im strömenden Regen durch das Labyrinth der weißen Häuser von Marseille und verwünschte sich dafür, dass es ihn ausgerechnet im März an die französische Riviera verschlagen hatte – dem einzigen Monat, in dem es hier regnete.

Er schlurfte weiter landeinwärts und warf nur einen flüchtigen Blick auf die Festung St. Jean, die wie ein steinerner Drache über den indigoblauen Hafen wachte. Dann wandte er sich der provenzalischen Stadt zu, die um ein 2600 Jahre altes Dorf herum errichtet worden war. Fundstücke aus der griechischen und römischen Gründerzeit fanden sich überall in den nach dem Vorbild von Paris eingeteilten mittelalterlichen arrondissements. Seward bedauerte es zutiefst, dass er mit so finsteren Absichten in diese malerische Oase gekommen war. Auch wenn es nicht das erste Mal war, dass das Böse hier seine Spuren hinterlassen hatte: Im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts hatte die Küstenstadt unter Pest und Piraten gelitten.

Seward blieb stehen. Direkt vor ihm erhob sich eine für diese Gegend typische zweistöckige Mittelmeervilla mit großen Holzfensterläden und schmiedeeisernen Gitterstäben an den Fenstern. Der Wintermond, der zwischen den Regenwolken hindurchspähte, tauchte die traditionellen weißen Mauern in ein gespenstisches Licht. Das Dach war mit Terrakottaziegeln aus rotem Ton gedeckt, was Seward an die alten spanischen Häuser erinnerte, die er gesehen hatte, als er vor vielen Jahren Quincey P. Morris in Texas besucht hatte. Für eine vornehme Villa an der französischen Riviera wirkte dieses Gebäude ungewöhnlich abweisend, wenn nicht sogar bedrohlich. Nirgendwo war auch nur die geringste Spur von Leben zu sehen. Bei dem Gedanken, er könnte zu spät gekommen sein, spürte Seward Verzweiflung in sich aufsteigen. Erneut sah er nach der Adresse.

Er war am richtigen Ort.

Plötzlich hörte er das Donnern einer Pferdekutsche, die über die nassen Pflastersteine näher kam. Er suchte in einem Weingarten auf der anderen Straßenseite Deckung. An den tropfenden Zweigen, die Spinnennetzen glichen, hingen keine Trauben. Eine schwarze Kutsche mit goldenen Zierleisten kam, gezogen von zwei schwarz schimmernden Stuten, den Hügel herauf. Die Tiere hielten vor dem Haus an, ohne dass Seward einen Befehl gehört hätte. Er blickte auf, und zu seiner Überraschung konnte er keinen Kutscher entdecken. Wie war das möglich?

Eine kräftige Gestalt stieg aus der Kutsche. Die Stuten schnappten nach einander und stießen, während sie den Kopf in den Nacken warfen, ein schrilles Wiehern aus. Dann trabten sie los, und wieder konnte Seward zu seinem Erstaunen keinen Kutscher sehen, der sie lenkte. Die Gestalt hielt mit der einen schwarz behandschuhten Hand einen Spazierstock in die Höhe und griff mit der anderen in die Tasche – wahrscheinlich, um einen Schlüssel hervorzuholen. Dann hielt sie unvermittelt inne, als lausche sie auf etwas.

»Verflucht«, murmelte Seward bei sich.

Die Gestalt an der Tür hob den Kopf, fast als hätte sie Sewards Stimme durch den Regen gehört, und drehte sich langsam zu dem Weingarten um. Seward spürte, wie Adrenalin und Angst in Wellen über ihn hinwegbrandeten, doch es gelang ihm, den Atem anzuhalten. Die behandschuhte Hand hob sich und griff nach der Krempe des Samtzylinders. Zum Vorschein kam schwarzes Haar, das der Gestalt anmutig über die Schultern fiel. Seward musste ein Keuchen unterdrücken.

Sein Verstand überschlug sich. Sein Wohltäter hatte sich nicht geirrt.

Gräfin Erzsébet Báthory stand im Eingang der Villa, und sie sah ganz genauso aus wie auf dem Porträt, das vor über dreihundert Jahren gemalt worden war.

 

Zweites Kapitel

Blitze tanzten über den Himmel, Regentropfen funkelten wie Perlen auf schwarzem Samt. Seward war sich nur allzu bewusst, dass er hätte fliehen sollen, aber er konnte nicht anders, wie gebannt starrte er die exotische – und gefährliche – Schönheit an. Die helle Haut der Báthory bildete einen deutlichen Kontrast zu ihrem pechschwarzen Haar, und sie bewegte sich mit der geräuschlosen Anmut eines Raubtiers. Ihre blauen Augen, die Eiskristallen glichen, suchten die Straßen nach Verdächtigem ab, während ein weiterer Blitz ihre Umgebung erhellte. Als sie sich endgültig dem Weingarten zuwandte, warf Seward sich ohne Zögern in den Schlamm.

Dort blieb er liegen, den Atem noch immer angehalten, und versuchte, sich nicht zu bewegen und dem Krampf in seinen Beinen keine Beachtung zu schenken. Wenn er doch nur einen Blick über die Straße hätte werfen können! Aber das grelle Licht auf seinem blassen Gesicht hätte ihn verraten, und so schmiegte er sich an die Erde, die Nase nur Zentimeter vom Boden entfernt. Nach einer Zeitspanne, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, wagte er es endlich aufzublicken. Fast rechnete er damit, dass die Gräfin neben ihm lauerte wie eine Kobra, die gleich vorschnellen würde. Aber sie war nirgendwo zu sehen.

Seward rang die Angst nieder, die in ihm aufsteigen wollte, und befreite sich mit einem widerwärtigen Schmatzen aus dem Schlamm. Zu laut. Seine Augen zuckten hin und her. Er musste sich beeilen, aber erst musste er warten, bis er seine Beine wieder spürte. Er fühlte sich wie ein nasser Leinensack – seine feuchten Kleider, die ihm sämtlich zu groß waren, hingen ihm schwer am Leib.

Der Wind heulte durch die Reben, und Seward fuhr erschrocken herum. Noch immer war niemand zu sehen. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und ging einen entschlossenen Schritt auf das weiße Gebäude zu – und spürte, wie sein bloßer Fuß im Morast versank. Er drehte sich um und fluchte lautlos, als er einen seiner Schuhe im Schlamm stecken sah. Fast hätte er das Gleichgewicht verloren, als er das Bein ausstreckte, um wieder hineinzuschlüpfen. Dann setzte er seinen Weg fort, überquerte die Straße und stolperte gegen eine Palme. Seward war überzeugt, dass er einen furchtbaren Lärm veranstaltete, und hoffte, dass der Regen alles übertönte. Endlich erreichte er den Baum, der direkt neben der Villa stand. Als Schuljunge war er recht gut darin gewesen, auf Bäume zu klettern; fünf Jahrzehnte später würde ihm das allerdings nicht mehr so leichtfallen. Doch was blieb ihm anderes übrig? Er holte tief Luft und zog sich auf den untersten Ast hinauf.

Von dem Baum aus konnte er auf das Dach der Veranda hinübersteigen. Die Tonschindeln waren glitschig vom Regen. Seward streckte die Hand aus und hielt sich an einer schmiedeeisernen Verstrebung fest, die rein dekorativen Charakter zu haben schien. Er schaute sich um, wobei er entsetzliche Angst hatte, dass die Gräfin irgendwo in den Schatten lauerte und vor Lachen kaum an sich halten konnte, während er sich zum Narren machte. Dann entdeckte er ein Vordach über einem Fenster im zweiten Stock und suchte dort Deckung, bis er wieder zu Atem gekommen war. Er lauschte, hörte jedoch nichts außer dem Pladdern des Regens und, fast im Gleichschlag, dem Pochen seines Herzens.

Als er durch das Fenster spähte, fiel sein Blick auf einen großen Raum, der einmal ein Ballsaal gewesen sein musste. Jetzt lag er so leblos da, dass Seward ein Schauder über den Rücken lief. Er hatte den Eindruck, als blicke er mitten in der Nacht in ein Museum. Oder, noch schlimmer … in eine Gruft.

Er wurde von zwei leuchtend weißen Gestalten aus seinen Gedanken gerissen, die wie schwerelos über den Boden des Ballsaals hinwegglitten. Fast schienen sie zu schweben, und das, obwohl sie etwas trugen, das wie eine Kiste oder eine Truhe aussah. Um nicht allzu lange an einem Ort zu bleiben, packte er die Verstrebung und schwang sich von einem Balkon zum nächsten, bis er sich zu einem anderen Fenster weitergehangelt hatte.

In diesem Stockwerk spendeten ein paar Kerzen und die glimmende Asche in einem offenen Kamin das einzige Licht. Doch das genügte Seward, der nun erkennen konnte, dass es sich bei den beiden geisterhaften Gestalten in Wirklichkeit um zwei wunderschöne junge Frauen handelte, die lange weiße Abendkleider trugen. Wo war die Báthory? Seward konnte noch immer nicht das entsetzliche Gefühl abschütteln, dass sie direkt hinter ihm stand.

Als er hörte, wie die beiden Glastüren des Saals aufgestoßen wurden, schien ihm das Herz in der Brust zerspringen zu wollen. Gräfin Báthory kam in den Ballsaal gerauscht. Erleichtert duckte sich Seward in den Schatten des Vordachs.

Die Báthory öffnete die Spange, die ihren Mantel am Hals zusammenhielt, und warf ihn achtlos beiseite. Darunter kam ihre stattliche Figur zum Vorschein. Sie trug ein schwarzes Jackett, ein weißes Hemd mit Kläppchenkragen und eine passende schwarze Krawatte. Der Schneider hatte meisterliche Arbeit geleistet – der strenge Schnitt betonte ihre weiblichen Formen, strahlte jedoch auch männliche Strenge aus.

Sie schritt auf die anderen beiden Frauen zu. »Meine Süßen«, rief sie ihnen entgegen; unter dem trägen Tonfall ihrer Stimme spürte Seward noch etwas weit Unheimlicheres. Er erschauerte, als die Gräfin die beiden »Frauen in Weiß« leidenschaftlich auf die Lippen küsste.

»Was für ein Spielzeug habt ihr mir mitgebracht?«

Mit bloßen Händen zerbrach die blonde Frau das Vorhängeschloss an der Truhe – eine bestürzend beiläufige Geste für ein so zartes Geschöpf. Sie öffnete feierlich den Deckel, in etwa wie ein Kellner, der stolz den Hauptgang darbietet. In der Truhe lag eine Frau, gefesselt und geknebelt und ganz offensichtlich von panischer Angst erfüllt.

Die Báthory bückte sich, griff in ihren Stiefel und zog eine geschwungene Stahlklinge hervor. Seward erkannte das Messer sofort: Es war ein chirurgisches Amputationsskalpell.

Als die junge Frau die Klinge sah, riss sie die Augen weit auf. Mit einer Bewegung, die so schnell war, dass Seward ihr nicht folgen konnte, ließ die Báthory das Skalpell herabsausen. Der Knebel und der Strick, mit dem die Hände des Mädchens gefesselt gewesen waren, fielen auf den Boden der Truhe. Die Báthory legt der jungen Frau die Klinge an die Kehle. Seward packte den Griff seines silbernen Wurfmessers.

Doch kein Blut floss – die Báthory benutzte die Klinge lediglich dazu, um das Mädchen zu veranlassen, aus der Truhe zu steigen. Seward entspannte sich ein wenig. Das Mädchen fasste sich ängstlich an Lippen und Handgelenke, aber sie schien nicht den geringsten Kratzer davongetragen zu haben.

Seward schaute gebannt zu, wie die Gräfin um die junge Frau herumging und sie eingehend musterte. Das Mädchen trug ein seegrünes französisches Wollkleid, das seinen Körper sittsam vom Hals bis zu den Fußknöcheln bedeckte. Seward wurde rasend vor Wut bei dem Gedanken daran, was die Báthory wohl sah: ein hübsches Geschenk, das es auszupacken galt.

Das Mädchen stand völlig regungslos da. Erneut schnitt das Skalpell durch die Luft. Kleid und Unterkleid fielen herab wie Puzzleteile, doch die zarte Haut der jungen Frau blieb unversehrt. Verzweifelt versuchte sie, nach den Stofffetzen zu greifen – vergebens.

Die Báthory blinzelte nicht einmal, während sie sich an dem Anblick der nackten jungen Frau weidete. Das Mädchen zitterte vor Angst und versuchte, seine Blöße zu bedecken. Die Frauen in Weiß lachten.

Seward glitt zum nächsten Fenster hinüber, um besser sehen zu können. Dort angelangt, bemerkte er, wie die Augen der Báthory schmal wurden. Flackernder Kerzenschein spiegelte sich in dem schmalen Goldkruzifix, das die junge Frau um den Hals trug. Das Skalpell der Báthory zuckte so schnell herab, dass Seward fast nicht glauben konnte, dass es sich überhaupt bewegt hatte. Doch das kleine Kreuz landete mit einem hellen Klirren auf dem Marmorboden, gefolgt von der aufgetrennten Kette, an der es befestigt gewesen war. Die junge Frau stieß ein erschrockenes Keuchen aus – ein winziger Blutstropfen funkelte wie ein Edelstein an ihrer Kehle. Die Frauen in Weiß fielen wie wilde Hündinnen über sie her.

»Maria, Mutter Gottes, beschütze sie«, betete Seward leise. Voller Entsetzen sah er mit an, wie die Frauen in Weiß das nackte Mädchen auf die Beine zerrten, ihr die Fußgelenke fesselten und sie kopfüber an einem Flaschenzug aufhängten, der an der Decke des Ballsaals befestigt war. Die dunkelhaarige Dämonin reichte der Báthory eine neunschwänzige Katze aus schwarzem Leder mit gebogenen Metallhaken an jeder Spitze. Die roten Lippen der Gräfin wölbten sich zu einem humorlosen Lächeln; ihr jenseitiger Blick ruhte noch immer auf dem Blutstropfen am Hals des Opfers. Eine rasche, fast beiläufige Handbewegung, und die Peitsche grub sich ihrem Opfer in die Brust.

Seward wandte sich von dem Anblick ab, doch die Schreie des Mädchens wurden immer lauter. Er hielt das Kreuz, das er um den Hals trug, fest umklammert, aber es spendete ihm keinen Trost. Wäre er seinem Instinkt gefolgt, hätte er sich, ohne zu zögern, durch das Fenster gestürzt, um das arme Mädchen zu retten. Aber das wäre eine über die Maßen törichte Vorgehensweise gewesen. Ein einziger alter Mann wäre diesen drei Dämoninnen nicht gewachsen. Sie würden ihn in Stücke reißen.

»Ganz gleich, was Sie sehen oder empfinden, nichts darf Sie von Ihrer Pflicht ablenken.« So hatte die letzte Botschaft gelautet, die er von seinem Wohltäter erhalten hatte. Schließlich brachte Seward den Mut auf, einen weiteren Blick durch das Fenster zu werfen.

Die Báthory führte die Peitsche mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks. Das junge Opfer schaukelte bei jedem Schlag wie ein Pendel hin und her. Das Blut floss jetzt in Strömen, und die Frauen in Weiß lagen auf dem Boden, die Münder weit geöffnet, um sich nur ja keinen der kostbaren Tropfen entgehen zu lassen, die wie ein teuflischer Regen auf sie herabfielen.

Seward wusste nur zu gut, dass das, was er sah, völlig verrückt war. Sobald die Sonne aufging, würden diese drei Kreaturen in ihren Särgen liegen, und wenn sie schliefen, waren sie wehrlos. Dann hätte er Gelegenheit, die Welt von diesem Abschaum zu befreien. Er würde ihnen seine silberne Klinge ins Herz rammen, ihnen den Kopf abschneiden, ihnen Knoblauch in den Mund stopfen und die Überreste verbrennen.

Und doch peinigte ihn sein Gewissen, weil er untätig zuschaute, wie ein unschuldiges Mädchen gequält wurde. Seine Hand verkrampfte sich um die Klinge, bis Blut zwischen seinen Fingern hervorquoll. Wenn er der jungen Frau schon nicht die Schmerzen ersparen konnte, konnte er wenigstens an ihnen teilhaben.

Die Schreie des Mädchens waren endlich verstummt, doch in seinem Kopf hallten sie nach und riefen ihm auf schmerzliche Weise Lucys zweiten Tod in Erinnerung. Seward hatte das Seinige dazu beigetragen, dass sie noch einmal hatte sterben müssen. Ihm stand noch alles vor Augen, als sei es erst gestern geschehen: der Zorn, den er angesichts der Schändung des Grabes seiner Geliebten empfunden hatte, und seine Bestürzung, als er feststellte, dass ihr Leichnam noch warm und rosig war, augenscheinlich von Leben erfüllt; sein Entsetzen, als Arthur ihr den Pflock ins Herz getrieben hatte, und die markerschütternden Schreie der Kreatur, die aussah wie Lucy; und die Tränen, die er lautlos vergossen hatte, als er dem Ungeheuer Knoblauch in den Mund gestopft und ihren Bleisarg für immer verlötet hatte. Und doch war keine dieser Empfindungen so beschämend wie das Gefühl, das er all die Jahre unterdrückt hatte – die heimliche Befriedigung darüber, dass Arthur Lucy verloren hatte. Wenn Seward sie nicht bekommen konnte, dann sollte sie auch niemand sonst haben. Es war eine entsetzliche Empfindung, und er hatte die Finsternis, die seit den fürchterlichen Ereignissen in Whitby sein Leben heimsuchte, mehr als verdient. Dass er diese letzte Mission auf sich nahm, war ein Akt der Reue.

Um ihn herum war es plötzlich totenstill geworden. In dem Ballsaal unter ihm hatte die junge Frau vor Schmerzen das Bewusstsein verloren. Ihre Brust hob und senkte sich, also war sie noch nicht tot. Die Báthory warf wütend die Peitsche beiseite, so verärgert wie eine Katze, wenn die Maus nicht mehr mit ihr spielen wollte, nachdem sie ihr das Genick gebrochen hatte. Seward spürte, dass seine Wangen feucht waren, und als er die Finger an sein Gesicht hob, wurde ihm bewusst, dass er weinte.

»Richtet mein Bad!«, befahl die Gräfin.

Die Frauen in Weiß zerrten das Mädchen eine Metallschiene an der Decke entlang und beförderten es so in ein anderes Zimmer. Die Báthory drehte sich um und folgte ihnen. Dabei trat sie absichtlich auf das Goldkruzifix und zermalmte es unter ihrer Ferse. Zufrieden setzte sie ihren Weg in das benachbarte Zimmer fort, wobei sie noch im Gehen ihre Kleider auszog und von sich warf.

Seward beugte sich über die Brüstung, um zu sehen, ob er zu einem Fenster gelangen konnte, durch das er sie weiter im Blick behalten konnte. Der Regen hatte nachgelassen – er würde Sewards Schritte auf den Tonschindeln nicht mehr übertönen. Langsam und vorsichtig arbeitete er sich zum nächsten Fenster vor und spähte hindurch. Die Schiene des Flaschenzugs endete direkt über einem Bad im römischen Stil. Dutzende von Kerzen tauchten den Raum in helles Licht, während die Gräfin langsam aus ihren Hosen schlüpfte. Zum ersten Mal konnte Seward sie deutlich sehen – und sie hatte nicht ein Kleidungsstück mehr am Leib. Sie glich in keinster Weise jenen Huren, mit denen er sich in den Hinterzimmern der Freudenhäuser im Londoner Stadtteil Camden so manches Mal getroffen hatte. Die üppigen Rundungen ihres Körpers, die so weiß und glatt waren wie Porzellan, hätten die meisten Beobachter so sehr abgelenkt, dass ihnen die berechnende Grausamkeit in ihren Augen nicht aufgefallen wäre. Seward ließ sich jedoch nicht täuschen. Er sah diesen Blick nicht zum ersten Mal.

Allerdings hatte nichts in der trostlosen Vergangenheit des Arztes ihn auf das makabre Geschehen vorbereitet, dessen Zeuge er nun wurde. Die junge Frau, deren Kehle sich ein mitleiderregendes Röcheln entrang, baumelte über dem Rand der leeren Wanne. Die Báthory stand auf den Mosaikfliesen, die Arme ausgestreckt, den Kopf in den Nacken gelegt – in ihrer ganzen unverhüllten Pracht. Sie drehte die Handflächen nach oben. Im selben Moment schlitzte die dunkelhaarige Frau in Weiß mit dem Fingernagel dem Mädchen die Kehle auf und schob es das letzte Stück weiter, sodass es nun direkt über der Gräfin hing. Die spitzen Zähne der Báthory blitzten auf, als sie den Mund öffnete und bebend in dem Blutregen badete.

Verflucht sollen sie alle sein! Sewards Gedanken überschlugen sich, als er nach der kleinen Armbrust im Geheimfach seiner Arzttasche griff und einen Bolzen mit einer Silberspitze einlegte. Sollte diese überstürzte Entscheidung seinen Tod bedeuten, so sei es. Besser er starb, als dass diese Perversion noch länger ihren Lauf nahm.

Seward zielte mit der Armbrust zwischen den schmiedeeisernen Gitterstäben hindurch und nahm die Báthory ins Visier. In dem Moment erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Seine Augen weiteten sich vor Schreck. Auf einem Tisch neben dem Fenster lag ein großes Werbeplakat. Es schien ein unheimliches Leuchten auszustrahlen, als sei es in Mondlicht getaucht. In übergroßen Buchstaben stand da:

William Shakespeare

»Leben und Tod von König Richard III.«

7. März 1912

Théâtre de l’Odéon

Rue de Vaugirard 18

Téléf. 811.42

8 heures

Paris France

In der Hauptrolle

der rumänische Schauspieler

Basarab

Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück, ohne an die Neigung des Daches zu denken. Unter seinem Fuß brach eine Schindel, geriet ins Rutschen und zerbarst auf dem gepflasterten Weg unter ihm. Seward erstarrte.

Als die blonde Frau in Weiß das Geräusch vor dem Haus hörte, fuhr sie herum. Ohne zu zögern, stürzte sie zur Tür hinaus, und ihre seelenlosen Augen suchten den Horizont nach irgendeinem Lebenszeichen ab. Als sie niemanden sah, schlich sie sich zu der Seite des Hauses hinüber, von wo sie das Geräusch gehört hatte, wobei sie sich dicht an der Hauswand hielt. Wieder blieb ihre Suche erfolglos, und sie wollte schon in die Villa zurückkehren, als ihr Blick auf eine Dachschindel fiel, die auf dem Pflaster zerschellt war. An einer Tonscherbe klebte Blut. Menschenblut. Der stechende Geruch war unverkennbar. Gierig hob sie die Scherbe auf, leckte sie ab – und spuckte das Blut angewidert aus. Es war mit Chemikalien verunreinigt.

Mit schlangengleicher Gewandtheit glitt sie an der Wand empor, um die Villa genauer in Augenschein zu nehmen. Auf einem Dachvorsprung entdeckte sie ein blutverschmiertes Silbermesser, direkt unter einem Fenster. Nur ein sehr unerfahrener Vampirjäger wäre so naiv, eine Silberklinge bei sich zu tragen.

Doch die Frau in Weiß begriff, dass ihre Herrin nicht länger sicher war. Sie mussten Marseille noch in dieser Nacht verlassen. Geschwind huschte sie ins Haus zurück.

Seward war sich darüber im Klaren, dass die Báthory und ihre Todesfeen nicht in Marseille bleiben würden. Mit großer Wahrscheinlichkeit würden sie nach Paris fliehen, und wenn sie sich erst einmal in der Luft befanden, konnten die Toten unglaublich schnell weite Strecken zurücklegen. Dank der Reklame, die er gesehen hatte, war der Vorteil jedoch erneut auf seiner Seite. Er wusste, was sie vorhatten. Gräfin Báthory und ihre Gefährtinnen würden morgen Abend das Theater besuchen.

Er gestattete sich ein grimmiges Lächeln. Und dort wird der Kampf stattfinden.

 

Drittes Kapitel

Zurück, sag ich, und wechsle die Gestalt«, rief der junge Mann mit der Melone mit entschlossener, wenngleich ein wenig zitternder Stimme, die Arme flehentlich ausgestreckt. »Ich sehe, mein Beschwörungswort hat Kraft: Jetzt, Faustus, bist du Conjuror laureatus, der Mephistopheles, den großen, zwingt: Quin redis, Mephistophilis, fratris imagine.«

Ein Zischen. Eine Wand aus dichtem Qualm. Dann zuckten Flammen aus dem Nichts empor. Das mit Zellulosenitrat getränkte Papier in den umstehenden Gaslampen löste wie geplant ein noch lauteres Brausen aus. Die kleine Menschenmenge, die sich im Jardin du Luxembourg versammelt hatte, stieß ein lautes Keuchen aus.

Quincey Harker, der seinem Publikum den Rücken zugewandt hatte, verspürte angesichts seiner Genialität Stolz in sich aufwallen. Mit einem schnellen Lächeln streifte er seine Melone ab, klebte sich einen falschen Spitzbart an, setzte sich einen Spitzhut auf die Stirn, warf sich einen Umhang um die Schultern und sprang mit einer fließenden Bewegung, die er oft genug geübt hatte, auf den Rand des Medici-Brunnens. Es hätte keinen besseren Ort geben können, um den Faust als Einmannstück aufzuführen; denn die Medici waren eine berühmte Florentiner Familie gewesen, die Schutzheiligen der Avantgarde-Künstler und lange dafür berüchtigt, dass sie mit dem Teufel gemeinsame Sache gemacht hatten. Auf seiner Behelfsbühne konnte Quincey jegliche Befangenheit ablegen – ja, er schwelgte geradezu in seiner Rolle, aber auch in seiner Raffiniertheit.

Was er da trieb, wurde »Chapeaugraphie« genannt – mit jedem Hutwechsel verwandelte sich die Gestalt auf der Bühne wie von Zauberhand in eine andere. Diese Technik war altbekannt, kam jedoch nur selten zum Einsatz, da sie enorme Kunstfertigkeit erforderte und deshalb nur von den talentiertesten Schauspielern angewandt wurde … und von den arrogantesten.

Quincey machte sich die Schatten der Figuren auf dem Brunnen zunutze, um seine Gestalt noch unheimlicher wirken zu lassen, als er seinen Umhang ausbreitete und mit tiefer, bedrohlicher Stimme knurrte: »Nun, Faust, was willst du, das ich für dich tun soll?«

Quincey hielt inne, denn er rechnete mit einem Szenenapplaus. Doch der blieb aus. Das war sonderbar. Quincey blickte auf und stellte überrascht fest, dass seine Zuschauer abgelenkt waren. Etwas ließ sie ihre Aufmerksamkeit auf das nördliche Ende des Parks richten. Quincey gab sich Mühe, sich von diesem vorübergehenden Rückschlag nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Er wusste, dass sein Talent dieser Herausforderung gewachsen war. Er hatte diese Szene im Londoner Hippodrome aufgeführt und war dabei so gut gewesen, dass er seinen Auftritt direkt vor der Hauptattraktion hatte, dem Komödianten Charles Chaplin. Gerüchten zufolge wollte Chaplin London verlassen, um in Amerika sein Glück zu suchen. Quincey hatte gehofft, auf seinen Platz vorzurücken. Aber Quinceys herrschsüchtiger Vater, Jonathan Harker, hatte diesen Traum platzen lassen, indem er den Direktor des Theaters bestochen und seinen Sohn nach Paris geschickt hatte, in ein Gefängnis ohne Gitterstäbe – er sollte an der Sorbonne Rechtswissenschaft studieren.

Als sein spärliches Publikum sich noch weiter zerstreute, um herauszufinden, was da am Nordende des Parks los war, wurde Quincey allmählich von Panik erfasst. Hastig prüfte er den Sitz seines falschen Bartes und eilte den Leuten nach, wobei er in dem verzweifelten Versuch, die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken, lauthals einen der Monologe von Mephistopheles deklamierte: »Ich bin ein Knecht des großen Luzifer und darf dir nur, wenn er’s gestattet, folgen und nur, was er befiehlt, vollbringen.«

Einen Moment lang sah es so aus, als könnte er sein Publikum mit seiner Darstellungskraft zurückgewinnen, aber jegliche Hoffnung war dahin, als Mephistopheles auf dem nassen Stein des Brunnens ausrutschte und mit einem lauten Klatschen auf dem Hintern landete. Gelächter brandete auf, während sich die letzten Zuschauer entfernten.

Voller Zorn schlug Quincey mit der Faust auf den Boden und riss sich seinen Bart ab; dieses eine Mal war er froh, dass er trotz seines stolzen Alters von fünfundzwanzig Jahren bartlos war. Da sah er sich unvermittelt einem wohlvertrauten Hohnlächeln gegenüber. Braithwaite Lowery war es, der niederträchtigste Mistkerl, der je Pariser Luft geatmet hatte, und zu allem Überfluss Quinceys Mitbewohner in seinem Zimmer an der Sorbonne. Was hat denn der hier verloren? Der Tölpel hat doch nicht das Geringste für Kunst übrig.

Über den Rand seiner Brille hinweg betrachtete Braithwaite die wenigen Münzen, die Quinceys Publikum achtlos auf die Pflastersteine geworfen hatte. »Du bist wirklich selten dämlich«, sagte er. »Hast du eine Ahnung, was ein richtiger Advokat am Tag verdient, Harker?«

»Aus Geld mache ich mir nichts.«

»Du bist ja auch als reicher Lackel auf die Welt gekommen. Ich dagegen stamme von einem Feuerwehrmann aus Yorkshire ab. Ich werde mir mein Vermögen selbst verdienen müssen.«

Wenn Braithwaite nur wüsste, was Quincey hatte aufgeben müssen, damit ihn seine Familie weiterhin unterstützte!

»Was willst du?«, fragte er und sammelte seine Einnahmen auf.

»Für dich ist Post gekommen. Wieder ein Brief von deinem Vater«, antwortete Braithwaite schadenfroh. Dem Saukerl machte es sichtlich Spaß, wenn Quincey bei jedem vorwurfsvollen Brief seines Vaters der Schweiß ausbrach.

»Weißt du, was ich an dir so mag, Braithwaite?«

»Keine Ahnung.«

»Ich auch nicht«, erwiderte Quincey, riss Braithwaite mit großer Geste den Brief aus der Hand und wandte sich ab.

Brief von Jonathan Harker, Exeter, an Magister Quincey Harker, Sorbonne, Paris

29. Februar 1912

Mein lieber Sohn,

ich habe einen äußerst beunruhigenden Brief erhalten, in dem in allen Einzelheiten die Fortschritte dargelegt werden, die Du bei Deinem Studium machst – oder besser: die Du nicht machst. Ich bin darauf hingewiesen worden, dass Du einmal mehr viel zu viel Zeit auf Deine außerschulischen Aktivitäten verschwendest. Das kann ich nicht länger dulden. Obwohl Du seit drei Jahren nicht mehr nach Hause gekommen bist, eine Tatsache, die Deine Mutter sehr schmerzt, möchte ich Dich daran erinnern, dass es mein Geld ist, mit dem Deine Studien und Deine Unterkunft bezahlt werden. Solltest Du Deine Prüfungen in diesem Semester nicht bestehen, können nicht einmal meine guten Verbindungen verhindern, dass Du von der Universität verwiesen wirst. In dem Fall werde ich natürlich auch Deine Unterhaltszahlungen …

Quincey unterbrach seine Lektüre. Immer mehr Menschen eilten an ihm vorbei Richtung Norden, und er ließ sich nur allzu gerne von der herablassenden Stimme seines Vaters ablenken, die ihm aus jedem getippten Wort entgegenschallte. Rasch blätterte er weiter. Verdammt! Dreizehn Seiten! Die Familie Harker war für ihre ellenlangen Briefe berüchtigt; fand sie sich bei Tisch zusammen, herrschte jedoch eisiges Schweigen. Eine weitere Menschenschar hastete vorüber. »Was ist denn los?«

Ohne innezuhalten, rief ein Mann über die Schulter: »Basarab! Er ist gerade angekommen. Hier! Jetzt!«

Basarab? Quincey hatte vor einigen Wochen in Le Temps gelesen, dass Basarab, der große Shakespeare-Darsteller mit dem klangvollen Namen, in Paris auftreten würde. Und obwohl er den weltberühmten Schauspieler für sein Leben gerne auf der Bühne gesehen hätte, hätte er niemals die Kosten für eine Eintrittskarte in dem monatlichen Ausgabenbericht rechtfertigen können, den er seinem Vater zur Prüfung vorlegen musste. Er hatte schon so oft gelogen, dass sein Vater inzwischen alle seine Kniffe durchschaute.

Aber dieses eine Mal schien ihm das Glück gewogen zu sein! Oder war das Schicksal dafür verantwortlich, dass Quincey bei Basarabs Ankunft in Paris zugegen war? Plötzlich verspürte er große Erleichterung: Es hatte nicht an seinen schauspielerischen Fähigkeiten gelegen, dass ihm das Publikum davongelaufen war. Ein echter Star hatte ihm einfach die Schau gestohlen. Ohne einen weiteren Gedanken auf seine Kostüme und Requisiten zu verschwenden, die um den Brunnen verstreut lagen, schloss er sich der stetig wachsenden Menschenmenge an. Vielleicht würde es ihm gelingen, mit eigenen Augen einen Blick auf den großen Basarab zu werfen!

Quincey verließ den Park und trat auf die Rue de Vaugirard hinaus, wo es vor Menschen nur so wimmelte. Aller Aufmerksamkeit war auf das Théâtre de l’Odéon gerichtet, ein weißes Gebäude mit Säulen im römischen Stil. Die Messingbuchstaben mit dem Namen des Theaters glommen im Mondschein, als würden sie von innen heraus leuchten.

Quincey versuchte, sich weiter nach vorne zu drängen, blieb jedoch mitten im Rondell stecken, den Rücken gegen das Denkmal zu Ehren des Dramatikers Emile Augier gepresst. Unbeeindruckt erklomm er den Sockel, um bessere Sicht zu haben.

Ein Benz Tourer umrundete das Rondell. Hupend legte das Automobil die letzten Meter bis zum Theater zurück und hielt vor der Treppe, die zum Portal hinaufführte. Quincey kletterte noch ein Stück höher. Der Fahrer stieg aus, ging zur anderen Wagenseite hinüber und öffnete seinem Fahrgast den Schlag. Während der zwei Jahre, die Quincey nun schon versuchte, sich einen Namen als Schauspieler zu machen, war ihm klargeworden, dass seit Shakespeares Tagen alle, die diesen Beruf ausübten, für Sünder, Säufer, Strolche und Dirnen gehalten wurden. Und doch würde er jetzt einen Schauspieler sehen, der das Ansehen eines Fürsten genoss, und ganz Frankreich schien herbeigeeilt, um seiner Ankunft beizuwohnen.

Der schneidige junge Rumäne stieg aus dem Wagen, stellte sich aufs Trittbrett und blickte in die Runde. Quincey waren das dunkle Haar und die kantigen Gesichtszüge von einem Bild in Le Temps vertraut. Der Schauspieler trug einen Umhang, der dem des Prinzen Edward glich, allerdings aus blutrot gefärbtem Leder – äußerst dekadent für einen Mann seiner Profession. Auf der Treppe warteten Reporter mit Kameras auf Holzstativen, um seine Ankunft einzufangen. Als Basarab sich ihnen zuwandte und lächelte, musste er ein veritables Blitzlichtgewitter über sich ergehen lassen. Schließlich stieg er von dem Automobil herunter und glitt mit ausgestreckten Armen durch die Menge, wobei er den Menschen, die ihn vergötterten, gestattete, ihn zu berühren. Quincey musste lachen, als eine Frau den Ellenbogen des Schauspielers berührte und prompt in Ohnmacht fiel. Wenn es ihm nur auch gelänge, eine solche Reaktion bei seinem Publikum hervorzurufen!

Die stattliche Gestalt von André Antoine, dem Theaterdirektor des l’Odéon, harrte auf der obersten Stufe der Ankunft seines Stars. Ganz in seiner Nähe stand ein Mann mit einer Filmkamera und drehte wie ein Leierkastenmann an der Kurbel. Basarab schritt die Treppe hinauf und schüttelte dem Direktor die Hand. Neben dem gut aussehenden Mimen wirkte Antoines Gesicht wie ein blasser Fleck in der Mitte seines kleinen runden Kopfes. Die Menge rief Basarabs Namen. Von der Begeisterung mitgerissen, stimmte auch Quincey in den Sprechchor ein: »Basarab! Basarab! Basarab!«

Kein Wunder, dass ihn alle anbeten, dachte Quincey bei sich. Selbst er war von Ehrfurcht erfüllt. Ohne ein einziges Wort gesagt zu haben, schlug Basarab alle in seinen Bann. Wie glänzend musste er erst auf der Bühne sein! Er würde Shakespeares Worten Leben einhauchen wie kein Zweiter.

Basarab gab Antoine mit einer Geste zu verstehen, dass er genug habe, und die beiden verschwanden im Theater. Die Menschenmenge verweilte noch einen Moment, als warte sie auf eine Zugabe. Ein kleiner Mann trat aus dem Portal und gab bekannt, die Theaterkasse habe an diesem Abend länger geöffnet und würde Eintrittskarten für die Aufführung von Richard III. feilbieten.

Die Menschenmenge begann zu toben, als alle gleichzeitig versuchten, sich zur Tür vorzudrängen. Quincey spürte, wie der Mut ihn verließ. Jetzt würde er an nichts anderes mehr denken können. Wie gerne hätte er Basarab auf der Bühne erlebt! Aber er hatte keinen einzigen Franc übrig. Das Tagegeld, das ihm sein Vater zubilligte, war so bemessen, dass es gerade für die wesentlichen Ausgaben reichte – schließlich wollte Jonathan Harker nicht, dass sein Sohn Geld auf Dinge verschwendete, die er für Frivolitäten hielt. Himmel Herrgott! Was war ein Leben ohne das Theater?

Quincey zählte die Münzen, die er mit seinem Auftritt am Medici-Brunnen verdient hatte. Er war jung genug, um noch etwas zu wagen, selbst wenn das bedeutete, einen Teil seines Tagegeldes abzuzweigen und seinen letzten Franc auszugeben – selbst wenn das bedeutete, den Zorn seines Vaters auf sich zu ziehen. Nichts würde ihn daran hindern, Basarabs Premiere im Théâtre de l’Odéon am nächsten Abend beizuwohnen.

 

Viertes Kapitel

Dreißig Jahre waren vergangen, seit Seward dieses Gewässer das letzte Mal überquert hatte, und damals war es heller Tag gewesen. Er ruderte das Boot, das er sich »angeeignet« hatte, in den Hafen von Villefranche-sur-Mer, nachdem er mit dem Fuhrwerk von Marseille nach Antibes gereist war. Ein Diebstahl war es nur dann, wenn er sich erwischen ließ.

Er musste unbedingt nach Paris. Selbst wenn er genügend Geld gehabt hätte, um sich einen Fahrschein zu leisten – der Zug fuhr erst um zehn Uhr morgens ab und traf nicht vor elf Uhr abends in der Hauptstadt ein. Es war jedoch zwingend erforderlich, dass er bereits um acht Uhr im Théâtre de l’Odéon war.

Er befestigte das Boot mit einem Laufknoten und stolperte den Holzsteg entlang, bis wieder Gefühl in seine Beine zurückkehrte. Als er das alte Lazarett sah, hob sich seine Stimmung. Als junger idealistischer Arzt hatte er sich an Forschungen beteiligt, die von der französischen Regierung finanziert worden waren, und dabei mit genialen Wissenschaftlern wie Charles Darwin zusammengearbeitet. Die Experimente sollten das Verhalten von Tieren wie Schimpansen, Ratten und Mäusen mit dem des Menschen in Wechselbeziehung setzen und Darwins Evolutionstheorie untermauern. Während seiner Arbeit hier hatte sich Seward zunehmend für die ein oder zwei Prozent seiner Versuchsobjekte begeistert, die von der Norm abgewichen waren. Wie kam es zu diesen Anomalien? Ließ sich dieses abweichende Verhalten korrigieren? Seward musste lächeln, als er daran zurückdachte, wie er oft mit anderen Wissenschaftlern am Meer entlanggeschlendert war, während sie diskutiert und die veralteten Ansichten der Kirche über die Entstehung der Welt infrage gestellt hatten. Ihre Forschungen waren so kontrovers gewesen, dass die Regierung schließlich beschlossen hatte, sie zu beenden und das Gebäude in ein meereskundliches Labor umzuwandeln. Damit sie Stillschweigen bewahrten, waren die Wissenschaftler mit einer Entschädigungszahlung abgefunden worden. Mit diesem Geld hatte Seward die Nervenheilanstalt in Whitby gekauft.

Seward stieg weiter den Hügel hinauf, von dem aus er den Hafen überschauen konnte. Während sein Blick über den Küstenort schweifte, der sich in all den Jahren kaum verändert hatte, rief er sich die bahnbrechende Arbeit ins Gedächtnis, die er im Fall R.N. Renfield geleistet hatte. Seward hatte bei dem Patienten Renfield eine seltene Geisteskrankheit namens Zoophagie – »Esser von lebenden Wesen« – diagnostiziert. Die Tatsache, dass Herr Renfield sein ganzes Leben als junger Erwachsener im Zustand völliger Normalität verbracht hatte, bevor er Anzeichen von Geisteskrankheit gezeigt hatte, hatte ihn zur idealen Versuchsperson gemacht.

»Renfield«, murmelte Seward. Er war voller Hoffnung gewesen, als Renfield in die Nervenheilanstalt Whitby eingewiesen worden war. Ehemals ein vielversprechender Advokat, hatte sich der junge Mann plötzlich in einen völlig übergeschnappten Irren verwandelt, der Insekten aß. Wäre es Seward gelungen, Renfield zu heilen, hätte er damit beweisen können, dass Wahnsinn eine Krankheit war und nicht erblich bedingt, was wiederum Darwins Theorie untermauert hätte, dass alle Säugetiere von gemeinsamen Vorfahren abstammten. Der arme Renfield, eine bloße Schachfigur, die viel zu früh geopfert worden war, war nur einer von vielen Fehlschlägen in Sewards Karriere.

Nicht weit vom Hafen entfernt wohnte Sewards alter Freund Henri Salmet, dem er um die Jahrhundertwende das erste Mal begegnet war, als er alles verloren hatte: seine Heilanstalt, seine Praxis und seine Familie. Erst vor Kurzem waren sie einander wieder über den Weg gelaufen, im Sommer vor vier Jahren in Le Mans anlässlich eines Ereignisses von historischer Tragweite: die Gebrüder Wright hatten ihre Flugmaschine vorgeführt. Zwar hatten die Flüge jeweils nur zwei Minuten gedauert, doch in Europa war ein neues Zeitalter angebrochen. Seward schüttelte den Kopf angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich die Welt um ihn herum veränderte. Die Eisenbahn der Franzosen mochte veraltet sein, aber sie investierten Unsummen in den Wettbewerb um die Eroberung des Himmels.

Die Entzugserscheinungen setzten ihm immer mehr zu, und er konnte sich der Müdigkeit kaum noch erwehren. Er spürte jeden Bluterguss und jeden Schnitt, die er sich bei seinem Sturz vom Dach der Villa zugezogen hatte. Allmählich wurde er alt. Tapfer kämpfte er gegen das Verlangen an, sich den nächsten Schuss zu setzen – bei der anstehenden Auseinandersetzung würde er einen klaren Kopf benötigen.

Als er endlich den Hügelkamm erreichte und sich wieder an den Abstieg machte, kam Henris Bauernhaus in Sicht, das sich in die ersten Ausläufer der Alpen schmiegte. Der einstmals blühende Weinberg war untergepflügt worden, um einer Rollbahn Platz zu machen. In der Scheune waren anstelle von Vieh nun Flugzeuge und eine Werkstatt untergebracht. Die Wetterfahne auf dem Scheunendach war einem Radiotelegraphieturm gewichen.

In Henris Küchenfenster flackerte ein Licht.

»Gott sei Dank, mein Freund ist zu Hause.«

»Jack Seward!« Henri Salmet öffnete die Tür seines bescheidenen Bauernhauses. »Wie siehst du denn aus? Mon dieu, was ist mit deiner Hand passiert?«

»Boinsoir, Henri«, erwiderte Seward. Er senkte den Kopf und sah, dass das Taschentuch, das er sich um die Hand gewickelt hatte, blutgetränkt war. »Ich weiß, es ist spät, aber …«

Henri hatte sich offensichtlich kaum verändert. Sein aufgezwirbelter Schnauzer ist ein Stück länger geworden. Das war der letzte Gedanke, der dem Arzt durch den Kopf ging, bevor die Müdigkeit ihn überwältigte und er das Bewusstsein verlor.

Tageslicht veranlasste Seward, die Augen zu öffnen. Er war völlig durchgeschwitzt. Sein Blick fiel auf den frischen Verband, der um seine Hand gewickelt war. Er musste zu der Theatervorstellung. Seward sprang aus dem Bett und taumelte aus dem Zimmer hinaus.

»Henri«, rief er. »Wie lange habe ich …«

Als er die Küche betrat, fand er sich in der Gesellschaft von Henri, dessen Frau Adeline und ihrer drei Sprösslinge wieder, die ein ganzes Stück gewachsen waren, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Als die Kinder ihn bemerkten, kicherten sie los; Seward war nicht eben salonfähig angezogen. Er spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss.

»Regardez, Adeline«, sagte Henri mit einem breiten Grinsen. »Er ist von den Toten auferstanden.«

»Ich muss unbedingt nach Paris«, stammelte Seward, der am ganzen Körper zitterte – die Entzugserscheinungen. Er hoffte inständig, dass Henri glaubte, er sei nur entsetzlich müde.

»Du möchtest nach Paris fliegen?«

»Ich weiß, dass es unmöglich ist, bis nach Paris zu fliegen, aber wenn du mich ein Stück nach Norden bringen könntest … nach Lyon vielleicht …«

»Ich habe den Eindruck, dass du nicht weißt, was du da von mir verlangst. Aber ich habe immer gesagt, dass ich für einen Freund in Not alles tun würde. Erst musst du dich jedoch ein paar Tage ausruhen. Du hast uns gestern Abend einen Riesenschreck eingejagt.«

»Ich bin dir sehr dankbar für deine Gastfreundlichkeit, Henri, aber ich muss heute Abend in Paris sein.«

»Heute Abend!«, rief Henri und wechselte einen ungläubigen Blick mit Adeline. »Du bist so erschöpft, dass du kaum stehen kannst. Was um Himmels willen ist denn so wichtig?«

»Es geht um Leben und Tod. Eine Patientin.« Die Lüge kam Seward allzu leicht über die Lippen. »Ich habe ein besonderes Heilmittel in meiner Tasche. Wenn sie es bis … bis sieben Uhr heute Abend nicht bekommt … dann fürchte ich das Schlimmste.«

Henri schaute erneut zu seiner Frau hinüber. Sie nickte. »Also gut«, sagte er. »Ein Leben steht auf dem Spiel, und es ist unsere Christenpflicht zu helfen. Setz dich hin und iss was, damit du zu Kräften kommst. Wir brechen in einer Stunde auf.«

Erleichtert setzte sich Seward an den Tisch – Henri hatte recht, er musste sich stärken, um diese Reise zu überstehen. »Ich kann dir gar nicht genug danken, mein Freund.« Adeline brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen und stellte einen randvollen Teller vor ihn hin.

Henri wandte sich zu seinen Kindern um. »Los, helft eurem Vater, den Flieger startklar zu machen.«

Eine Stunde später hastete Seward mit der Arzttasche in der Hand zur Scheune hinüber. So viel hatte er schon seit Jahren nicht mehr gegessen. Hoffentlich verlieh ihm die Mahlzeit die Kraft, um die immer heftiger werdenden Entzugserscheinungen auszuhalten. Er durfte sich jetzt kein Morphium spritzen!

Ein Mechaniker eilte mit einem Blechkanister mit Treibstoff zur Startbahn. Henri saß vor seinem drahtlosen Telegraphen und hob kurz den Kopf, als sein Freund die Scheune betrat. »Ich telegraphiere einem Bekannten, dass er uns auf seinem Flugfeld in Vichy erwarten soll«, erklärte er. »Das ist auf halber Strecke, dort müssen wir zwischenlanden und auftanken.«

»Kann ich auch eine Nachricht schicken?«, fragte Seward.

»Natürlich.«

Seward kramte eine kleine Karte aus seiner Hosentasche. »Sie geht an die private Telegraphenstation des Théâtre de l’Odéon. Die Postleitzahl steht hintendrauf.«

Henris Finger flogen über die Tasten. »Und die Nachricht?«

TELEGRAMM – Dr. Jack Seward an Basarab,

Théâtre de l’Odéon, Paris