Drakoria - Gwain Beisemann - E-Book

Drakoria E-Book

Gwain Beisemann

0,0

Beschreibung

Als Ardiks Freund Borot mitten im Wald von einer unbekannten Kreatur getötet wird, ahnt er nicht, welche Kette von Ereignissen dies mit sich zieht. Durch die Bezichtigung des Mordes an Borot und der darauf folgenden Gerichtsverhandlung wird man auf ihn aufmerksam. Schnell wird Ardik ungewollt in einen wichtigen Auftrag hineingezwungen, welcher für ihn eine abenteuerliche Reise durch halb Tarna in das eisige Land Arkasnien bedeutet. Begleitet von seinen Gefährten und gepeitscht von vielen Strapazen merkt er schnell, das es sich mit der Wahrheit anders verhält, als er es vorerst vermutet hatte...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 382

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Gwain Beisemann

Drakoria

Der Silberne Rabe

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1 – Alte Freunde

Kapitel 2 - Ein Nachtragender Gegner

Kapitel 3 - Die Pforten derDunkelheit

Kapitel 4 – Vor Gericht

Kapitel 5 – Die Kondor

Kapitel 6 – Das erste Privileg

Kapitel 7 – Ein heiliger Auftrag

Kapitel 8 – Stürmische Zeiten

Kapitel 9 - Unerwartete Begegnung

Kapitel 10 – Am Lagerfeuer

Kapitel 11 – Das Kommando

Kapitel 12 – Daria

Kapitel 13 – Seltsamer Fund

Kapitel 14 – Über den Gadga

Kapitel 15 – Der verlorene Sohn

Kapitel 16 – Ruf des Schicksals

Kapitel 17 – Lurnar

Kapitel 18 – Der Weg des Asteri

Kapitel 19 – Klingenführung

Kapitel 20 - Wo Klingen aufeinander prallen

Kapitel 21 - Die Macht des Raben

Kapitel 22 - Die Legenden sind Erwacht

Kapitel 23 – Das Grab des Rodr

Kapitel 24 - Wiedersehen und Aufbruch

Kapitel 25 - Im Geiste des Ungetüms

Kapitel 26 - Die Spitze des Speers

Kapitel 27 - Richtung Norden

Kapitel 28 – Die letzten Strahlen

Kapitel 29 – Sturm der Flammen

Die Sprache Alrejai

Impressum neobooks

Kapitel 1 – Alte Freunde

Gwain Beisemann – Drakoria – Der Silberne Rabe

Vi drank ta reben Jâng, ar bi Ting mínas reb, fes bi Ëra da Juzth, lior reben lé Hurth!

Vi a il Ethan Koraki ar Ves, il reben Nok ar bi Mlé Nafähraak tes.

Don il Arknol, bi Ayog da Veg, i chötién Wirnd, vi drank ar a Nynng.

Kogaan til reben Arnnog zas Nok. Felles i afton lior tha Stryk, tha drok

End aak u Akvin al lándar ni, vi osuartha tias vesen gi.

Astéri det na i, ved Mutran, fes Drakon, tias as oru reba pa Juzth, reben Nok, veg urna fuon Akvin belja da!

Drakonok, Drakonok ditt Svortna ayog, ved Akvin ves Mutrân, mith arge veye, ark tharn baal gaan, vege Tarna, Drakonok, aye jog, dale Helkna!

Das Gedicht „Sonna Arkasnia´g“

Der Wind pfiff leise durch die prallgefüllten Straßen von Athir, nur schwer konnte Ardik sein Rauschen unter dem tosenden Lärm der Hauptstadt des Kaiserreich Maladriens vernehmen. Und doch war dieses Rauschen laut, lauter als jedes andere Windes Rauschen, das er zuvor in dieser Stadt vernommen hatte. War es ein Sturm? Nein, dafür war der Himmel zu klar und wies kaum Wolken auf. Die Banner des Reiches, welche an den weißen Steinmauern der Häuser hingen schlugen nur leicht hin und her, wie ein Eichenblatt, das vom Wind getragen wurde. Ardik hielt mit schnellem Schritt auf ein kleines Gasthaus am Rande des Stadtviertels zu, während er sich seinen Weg durch die Menschenmassen bahnte. Den Langbogen über seiner Schulter, das Kurzschwert an seinem Gürtel, aber ohne sonderlich großen Erfolg bei der letzten Jagd im Garuma Wald, nur ein paar Hasen hatte er mit seinen flinken Bogenschießkünsten erlegen können, sonst nichts. Kein einziges Reh hatte sich ihm auf dem Weg gezeigt, nicht einmal ein Wildschwein, das war merkwürdig, sonst war der Garuma Wald immer voller Wild gewesen, und da der Frühling bald anbrach hatte Ardik auch erwartet dort Tiere in Hülle und Fülle anzutreffen. Er stand nun direkt vor dem modrig riechenden Gasthaus und blickte auf das hölzerne Schild, das an einem dicken Holzstab getragen über der Tür baumelte. „Zum goldenen Bierkrug“ stand darauf in silbernen Buchstaben geschrieben. Ardik hatte Glück, dass er dies lesen konnte, viele hatten nicht das Glück im Lesen und Schreiben unterrichtet zu werden. Mit einem leichten Stoß ließ sich die Tür öffnen, aus dem Innern drang schallendes Gelächter. Ardik riskierte einen Blick hinein. Drinnen war es verraucht und laut. An den vielen kleinen Tischen saßen fette, grölende Männer und genehmigten sich einen Bierkrug nach dem anderen. In einem kleinen Ofen in der Ecke des Raumes brannten ein paar kleine Holzscheite und reicherten die Luft mit einem verbrannten Aroma an. Ardik schloss knarrend die Holztür hinter sich, was die Luft noch stickiger machte. Er musste laut keuchen, als er sich in dem Laden nach Borot umsah, an keinem der Tische schien er zu sitzen, ein Lächeln entfuhr Ardiks Lippen, als er einen in einen braunen Lederwams eingehüllten Mann am letzten der Tische in der Ecke sitzen sah. Dessen Blick war so tief in seinen Bierkrug versunken, dass man sein Gesicht nicht erkennen konnte, aber Ardik wusste genau um wen es sich handelte. Langsam schlängelte er sich zwischen den vielen dicht aneinander stehenden, runden Holztische hindurch. Als Borot seinen Kopf erhob und ihn sah, sprang er freudig auf und rief mit lauter Stimme „Na, wie geht es dem wahrscheinlich besten Jäger Maladriens heute?“ Überrascht von diesem Ruf antwortete Ardik mit einem genauso glücklichen Ton in der Stimme „Besser als noch vor einem Monat und dir, haben die langen Wanderschaften nicht zu sehr an deinen Kräften gezehrt?“ „Du kennst mich doch, ich bin nicht so leicht zu erschüttern“ Erst jetzt bemerkte Ardik wie sie die anderen Gäste anguckten und einige begannen sich über das lautstarke Gespräch zu beschweren. Lautlos setzte er sich auf die andere Seite des Tisches, an dem Borot saß. Vorsichtig beugte er sich zu ihm herüber, schaute ob ihn niemand hören konnte und sagte „Und? Irgendetwas Besonderes auf dieser Reise, das was ich hier im Kernland höre sind meistens nur Gerüchte, wie steht es um die äußeren Teile des Reiches?“ Borot kippte den Rest seines Bieres die Kehle hinunter und antwortete „Es sieht nicht gut aus, in den Provinzen Arkasnien und Ramm brechen regelmäßig Aufstände aus, die kaiserlichen Truppen haben es schwer die Ruhe dort zu bewahren, die meisten Aufstände wurden niedergeschlagen, aber es gibt dort immer noch Rebellen, die sich in den Wäldern und Bergen verstecken und von dort aus angreifen. Aber das ist nicht alles was ich dort gesehen habe, wirklich merkwürdige Dinge geschehen in diesen Provinzen, seltsame Lichter, Schreie, oft verschwinden des Nachts einfach Bewohner aus den Dörfern und Städten, die äußeren Teile sind nicht mehr so ungefährlich wie noch vor zwei Jahren“ Ardik schaute ihn verblüfft an „Hat man denn schon die Ursache dieser Probleme ausfindig machen können?“ „Eben nicht, das ist ja das Problem, Spione aus den anderen beiden Reichen können wir ausschließen, die haben viel zu viel Angst vor dem Kaiserreich, als das sie so etwas versuchen würden, die Rebellen können es auch nicht sein, es gibt sonst keine anderen Möglichkeiten“ Nachdenklich lehnte sich Borot in seinen Stuhle zurück „Aber ich will dich jetzt auch nicht mit so etwas belasten, Arkasnien und Ramm sind weit weg“ Noch bevor er diesen Satz vollenden konnte, erschallte ein Ruf durch die gesamte Schenke, die Stimme klang wütend und leicht angetrunken „He, das hier ist kein Laberhaus, trink was oder hau ab“ Ardik wusste sofort, dass er gemeint war und drehte sich in Richtung der Stimme um, es war der Wirt, ein speckiger Mann ohne auch nur ein Haar auf dem Kopf, der gerade dabei war einen Krug mit einem dreckigen Lappen abzuwischen. Ardik wusste wie man mit Wirten, die einem quer kamen umzugehen hatte, zumindest meinte er es zu wissen „Habt ihr mit mir gesprochen?“ rief er in einem barschen, nicht gerade freundlichen Ton zurück. Der Wirt legte den Lappen und den Krug zur Seite, hob den Kopf und antwortete „Hör mal Freundchen, das hier ist mein Laden, und wenn du hier drin bist, wirst du gefälligst auch was trinken“ Ardik kam ein Lachen über die Lippen „Du wagst es diese versiffte Bude als Laden zu bezeichnen?“ Der Wirt schlug mit Zornesröte im Gesicht, über diese freche Antwort auf den Tisch „Na warte Kleiner, jetzt kannst du was erleben“ Nun erkannte Ardik, das er vielleicht etwas zu weit gegangen war, aber ein kleines Kämpfchen konnte nie schaden, jedoch sollte er nur seine Fäuste einsetzen, die Stadtwachen sahen es nicht gerne wenn in einem Wirtshaus mit Waffen rumgefuchtelt wurde. Borot legte hinter ihm schon den Kopf in die Hände, er war solche Situationen schon gewohnt und sah gerne zu, wenn sich Ardik mal wieder mit jemandem anlegte. Der knapp zwei Meter große Wirt begab sich in Kampfstellung, Ardik tat es ihm gleich und ließ seinen schwarzen Leinenumhang zu Boden gleiten, um beweglicher zu sein. Sie musterten sich einige Minuten lang, dann machte der Wirt den ersten Schritt und sprang mit einem großen Satz auf einen der Tische, Ardik hätte ihm das bei seiner Masse gar nicht zugetraut und er scheute auch nicht davor zurück ihm das zu sagen „Fettsack, du bist beweglicher als ich dachte“ Dieser Satz brachte den Wirt noch mehr in Rage, so dass er nun mit einem lauten Krachen vom Tisch hinabsprang und gerade auf Ardik zuging. Jetzt wurde es ernst, Ardik machte einen schnellen Schritt zurück, um dem ersten schweren Faustschlag seines Gegners auszuweichen. Ermutigt über diesen Erfolg sprang er nun nach vorne, holte aus und schlug mit der ganzen Kraft seines Armes zu, ein leichtes knacken war zu hören, als seine Faust die Nase des Wirts traf, dieser schrie schmerzerfüllt auf und ging einige Schritte zurück, um zum Gegenschlag auszuholen. Die Wucht seines Schlages war so enorm, dass sich Ardik zwar die Arme vors Gesicht halten konnte, diese aber durch die Fäuste zurückflogen und er den Schlag mitten ins Gesicht bekam, Blut konnte er schmecken und sein Blick wurde leicht verschwommen, doch er wollte nicht aufgeben. Noch bevor er diesen Gedanken zu Ende fassen konnte prasselte eine schnell Schlagabfolge auf seinen Kopf nieder, er taumelte, kaum noch bei Sinnen, zurück und knallte mit voller Wucht auf einen der Tische, dieser zerbrach in der Mitte und Holzsplitter flogen durch die Gegend. Noch einen Schmerzensschrei konnte er vernehmen, dieser war jedoch nicht von ihm, doch bevor er hören konnte von wem er kam schwanden seine Sinne und er verlor das Bewusstsein. Für ihn vergingen nur einige Sekunden. Als er langsam wieder zu Bewusstsein kam, pochte sein Schädel, getrocknetes Blut klebte an seiner Stirn, unter seiner Nase und seinen Lippen. Er versuchte sich zu bewegen, wurde aber von den starken Schmerzen in seinem Brustkorb nicht gerade sanft daran gehindert. Sein Blick war immer noch verschwommen, als er sich ein wenig umschaute, erkannte er mehrere in Kettenhemden und mit Speeren bewaffnete Soldaten im Raum herumstehen, die mit einigen Personen, wahrscheinlich Gästen, redeten. Langsam ließ Ardik seinen leicht erhobenen Kopf wieder zu Boden sinken, er konnte Holzsplitter an seinem Hinterkopf spüren. Also lag er immer noch in dem zerborstenen Holztisch, welchen er bei seinem Sturz in der Mitte geteilt hatte. Eine Frage tat sich ihm auf „Wie lange liege ich hier schon?“ dachte er, diese Frage wurde schnell beantwortet, als Borot zu ihm kam und sich zu ihm herunterkniete „Ich habe es dir immer gesagt, leg dich nicht mit Kneipenwirten an, schlimm genug, dass du das überhaupt getan hast, der Kerl war auch noch Meister der Arena, kein Wunder, dass er dir einiges verpasst hat“ sagte er augenrollend. Ardik versuchte einen klaren Gedanken zu fassen und fragte mit heiserer und verwirrter Stimme „Wie lange liege ich schon hier?“ Ohne ein Wort zu sagen zeigte Borot auf das kleine Fenster, das direkt neben der Theke angebracht war, dieses Fenster hatte Ardik beim Hereinkommen gar nicht bemerkt. Der Mond prangte stolz am Himmel und ließ ein silbriges Licht in das Gasthaus fallen, damit war es klar, Ardik hatte mehrere Stunden hier gelegen „Komm, ich helfe dir hoch“ Borot packte Ardik an beiden Armen und zog auf die Beine, noch wackelig fragte dieser „Was machen eigentlich die ganzen Stadtwachen hier?“ „Nun, als du den Tisch in zwei Teile gebrochen hattest, flogen mehrere große Holzsplitter durch die Gegend, einer dieser Splitter hat den Wirt, Eron ist glaube ich sein Name ins Auge getroffen, der arme ist jetzt auf einem Auge blind, sie haben ihn aber schon ins Heilerhaus gebracht, die Soldaten untersuchen jetzt den Fall und befragen die anwesenden Gäste“ Wie auf Stichwort erschien einer der Soldaten, er trug einen schwarzen Schnurrbart und hatte eine bessere Rüstung als die anderen, sie hatte mehrere schwere Metallplatten an Schultern und Knien angebracht, das Kettenhemd war deutlich besser verarbeitet als das der anderen Soldaten, dies schien der Anführer des Trupps zu sein. Er zupfte gelangweilt an seinem Bart und fragte „Also, ihr seid dieser gewisse Ardik, nehme ich an, ich hätte auch gerne ihre Schilderung des Vorfalls“ Ardik schilderte ihm den Streit in aller Ausführlichkeit und ließ dabei natürlich keine Details aus, welche ihn entlasten konnten. Als er damit fertig war sagte der Truppführer mit gelangweilter Gelassenheit „Das klingt ganz anders als die Geschichte, die uns Eron erzählt hat, naja egal, geht am besten erst einmal zu einem Heiler, ihr seht ja schrecklich aus, kein Wunder, dass Eron der Meister der Arena ist“ Mit einer schnellen Drehung wendete er sich wieder seinen Soldaten zu, welche immer noch mit der Zeugenbefragung beschäftigt waren „Da bist du ja wieder in eine schöne Sache hineingeraten“ stellte Borot fest „Könnte schlimmer sein, wo ist eigentlich meine Ausrüstung?“ „Ich habe sie zu deinem Haus gebracht“ „Was? Du bist quer durch Athir gelaufen?“ „Durch meine ständigen Wanderschaften bin ich ziemlich abgehärtet, außerdem lagst du hier nur rum, ich weiß nicht, was ich sonst hätte machen sollen“ antwortete Borot grinsend „Geh jetzt am besten nach Hause, aber in deinem Zustand sollte ich dich besser begleiten, man weiß ja nie was des Nachts auf den Straßen der Hauptstadt lauert“ fügte er hinzu „Ja, das ist wahrscheinlich das Beste, mein Kopf und meine Rippen schmerzen immer noch.“ Zusammen verließen die beiden die stinkende Taverne. Die Straßen waren vollkommen leergefegt, jetzt konnte man perfekt die wunderschöne Architektur von Athir erkennen, die Häuser im Stadtkern waren alle aus schneeweißem Marmor und keines war kleiner als 20 Meter. Im Stadtrand, wo sie sich gerade befanden sah es ganz anders aus, die Häuser hier waren größtenteils aus Holz, viele von ihnen waren bereits morsch, oder wiesen andere Macken auf, nur wenige kleine Fackeln beleuchteten neben dem Mondlicht die Straßen. In der Ferne, im Zentrum der Stadt konnte man einen riesigen, marmorweißen Palast erkennen, dieser war hell beleuchtet, es war der stolze Kaiserpalast, von dem aus normalerweise der Kaiser von Maladrien regierte und der Senat tagte. Doch der Kaiser war nicht da, er war zu Verhandlungen mit dem Königreich Matharunien aufgebrochen und würde erst in einigen Wochen zurückkehren. Die beiden Großmächte lagen sich schon seit Jahren in den Haaren, seit das Kaiserreich das im Osten liegende Land Ramm erobert hatte, fühlte sich Matharunien bedroht, der Kaiser hatte zwar versichert, dass er nicht weiter expandieren wolle, aber dies hatte den matharunischen König nicht beruhigt. Die frische Luft hier draußen auf der Straße tat Ardik gut, er sog sie tief ein, endlich wurden seine Sinne wieder klarer, doch das Pochen in seinem Kopf hörte immer noch nicht auf, schmerzerfüllt ging er zusammen mit Borot die Straße hinunter und fasste sich dabei immer wieder vor Schmerzen an den Kopf „Alles in Ordnung? du siehst ziemlich bleich aus“ fragte Borot auf halber Strecke zu Ardiks Haus „Ah, mein Kopf, ich habe wohl zu viele Schläge abbekommen, aber ich glaube ich habe zuhause noch Heilsalbe, die hat mir Ikaria zum 19ten Geburtstag vor vier Monaten geschenkt“ Borot hörte seinen Worten besorgt zu und antwortete „Dann sollten wir uns ein bisschen beeilen, bevor du mir hier noch auf der Straße zusammenbrichst“ Mit zügigem Schritttempo gingen sie durch die ärmlichen Gassen des Außenbezirks von Athir. Hier war es fast komplett dunkel, keine Fackel beleuchtete den Weg und auch der Mond war inzwischen hinter den Wolken verschwunden. In der Ferne konnte man schon die Umrisse von Ardiks Haus am äußersten Stadtrand erkennen. Es war eine kleine, schlichte Holzhütte, aber sie erfüllte ihren Zweck. Kurz vor der Türschwelle hielten sie an „Also gute Nacht Ardik, du weißt ja, wo wir uns morgen treffen“ rief Borot zum Abschied „Wie könnte ich das vergessen, wir sehen uns morgen“ antwortete Ardik und wandte sich seiner Tür zu. Einen kleinen, rostigen Eisenschlüssel holte er aus seiner Tasche und steckte ihn in das Schloss, während sich Borot entfernte. Es klickte, als Ardik den Schlüssel umdrehte und sich der Türriegel zur Seite schob. Quietschend öffnete sich die Tür und Ardik trat ein. Alles war wie immer, sein kleiner Tisch, sein Kamin und sein Federbett, mehr brauchte er nicht. Borot hatte Wort gehalten, sein Bogen, sein Pfeilköcher, sein Kurzschwert und sein Umhang lagen in einer Ecke neben dem Bett. Erschöpft ließ er sich auf dieses fallen. Eine Welle der Entspannung kam über ihn, während er langsam einschlief.

Kapitel 2 - Ein Nachtragender Gegner

Am nächsten Morgen erwachte Ardik, das Pochen in seinem Kopf war verschwunden und ein Großteil der Wunden war verschorft. Die Sonnenstrahlen fielen durch das vor ihm liegende Fenster und wärmten ihn so sehr, dass er am liebsten gar nicht hätte aufstehen wollen. Doch er musste es. Nur mühsam erhob er sich aus seinem Bett und streckte sich erst einmal gemächlich. Er nahm seine Ausrüstung aus der Ecke, in die sie Borot gestern gelegt hatte und ging zur Tür hinüber. Als er sie gerade öffnen wollte, vernahm er ein Klopfen auf der anderen Seite, irritiert öffnete er die Tür. Ardik staunte nicht schlecht, als er dahinter vier schwer bewaffnete Soldaten vorfand, der Mann der an der Spitze des kleinen Trupps stand, sah aus wie der Truppführer von gestern, es war der Truppführer von gestern. Fragend schaute Ardik ihn an „Was ist hier los?“ „Na, diese Frage könnt ihr euch sicher selbst beantworten“ „Kann ich das?“ „Werdet jetzt nicht auch noch frech, Eron, ihr könnt euch sicher noch an ihn erinnern, hat euch beim kaiserlichen Hochgericht selbst angeklagt, ihr werdet morgen bei Gericht erscheinen“ sagte der Truppführer mit einem genauso gelangweilten Ton wie am vorherigen Tag „Wie? Was? Es war eine einfache Kneipenschlägerei“ „Bei dem aber Eron eins seiner Augen verloren hat, ihr könnt euch da nicht herauswinden. Wenn ihr morgen nicht zur Gerichtsverhandlung im Kaiserpalast erscheint, werden wir euch einfach so verhaften“ Sie ließen Ardik mit immer noch offenen Fragen in seiner Tür stehen und machten sich mit festem Schritt davon. Da hatte er sich ja wieder etwas eingebrockt, aber nichts was sich nicht lösen ließe, das glaubte er zumindest. Einige Sekunden schaute er den Soldaten noch hinterher, welche gerade dabei waren hinter einem Haus zu verschwinden. Nicht besonders beeindruckt von der Aussage des Offiziers und der ihm bevorstehenden Gerichtsverhandlung des morgigen Tages, schloss Ardik die Tür hinter sich. Weit, außerhalb der Stadtmauern konnte er die hohen Berge des Beonias Gebirges erkennen, deren schneebedeckte Spitzen anmutig in die Höhe ragten. Der Schmerz von gestern war hauptsächlich abgeklungen, nur noch eine von Ardiks Rippen stach, während er mit vorsichtigem Schritt zum Stadttor ging. Die Straßen waren im Gegensatz zu gestern Nacht wieder voll. An den Marktständen wurde wieder kräftig gefeilscht und aus den Gasthäusern erschallte Gelächter. Eigentlich konnte man Athir als die schönste Stadt Maladriens bezeichnen, wären da nicht diese schrecklich verarmten Außenbezirke, die Ardik gleich durchqueren musste. Es war schlammig und matschig dort, die Menschen waren in dreckige Lumpen gehüllt und ein beißender Gestank zog Ardik durch die Nase. Er war froh als er dieses Gebiet verlassen konnte und nun auf das riesige, mit Gold verzierte Stahltor zuging, welches in die meterdicken Steinmauern von Athir eingearbeitet war. Die ebenfalls gelangweilte Wache, welche vor der schweren Torwinde stand stützte sich müde auf ihren Speer. Als Ardik die Konturen des müden Gesichts genauer betrachtete, erkannte er die Gesichtszüge eines alten Freundes. War er es wirklich? Täuschten ihn seine Sinne nicht? Nein! Er erkannte die schmalen und hageren Gesichtszüge wieder, welche ihn für lange Zeit begleitet hatten. Doch es sah anders aus als früher, härter, ernster. Er musste wohl einiges im Norden durchgemacht haben. Noch war Ardik unsicher, ob sein alter Freund ihn wiedererkennen würde. Doch seine Sorgen verflogen, als seinem, noch zehn Meter von ihm entfernten Gegenüber ein Lächeln über die Lippen schoss. Dieses Lächeln kannte er nur zu gut, sein Gegenüber hatte nur selten gelächelt, auch bevor er in den Norden abkommandiert wurde. Das dies jetzt geschah, war sehr merkwürdig, vielleicht lag es aber auch nur daran, dass sie sich zum ersten Mal seit 14 Monaten wiedersahen. Ardiks Gegenüber trug auch einen Namen, einen Namen, den Ardik immer noch im Gedächtnis hatte, denn ihn konnte man so schnell nicht vergessen „Hadwin!“ stieß Ardik mit glücklicher Stimme aus. Es dauerte nicht lange, bis eine Antwort aus Hadwins Mund erschallte „Ardik, bist du es wirklich? Ich dachte wir sehen uns nie wieder“ Diese Worte klangen leicht verwirrt und doch froh. Ardik blieb einige Meter vor seinen alten Kameraden stehen und musterte ihn eine Zeit lang. Sein Körper sah gestählt und dennoch geschwächt aus, er hatte eine deutlich geradere Haltung als früher und sein Blick schien entschlossen und zielgerichtet. „Ich dachte du wärst tot“ „Du weißt ja gar nicht wie oft ich in Arkasnien knapp dem Tode entronnen bin“ antwortete Hadwin in einem nun ernsteren Tonfall „Nun, jetzt bist du ja hier, wie steht es im Norden? Borot konnte mir nicht besonders viel erzählen, nun ja, wann konnte er das denn jemals? Egal, wie steht es?“ Hadwins Miene verfinsterte sich nun ein weiteres Mal „Schlimmer, als es hier irgendjemand in der Hauptstadt erahnen kann. Die Aufständischen sind nicht das einzige Problem, es ist etwas größeres dort, etwas viel größeres. Und es verfügt über das Potenzial das gesamte Reich zu zerreißen. Wir werden in einen Krieg hineingeraten, über den wir keine Kontrolle haben, alles wird in Feuer und Tod enden“ Ardik verstand nicht ganz was Hadwin da faselte „Was meinst du damit?“ „Ihr werdet es alle noch am eigenen Leibe erfahren“ „Ist alles in Ordnung bei dir?“ „Ich habe mich nie besser gefühlt Ardik, leider wird dieser Zustand nicht lange anhalten“ Langsam fuhr ihm ein Schauer durch den ganzen Körper. Was meinte Hadwin damit? Hatte der Krieg, wenn man die Scharmützel in Arkasnien überhaupt so nennen konnte, so sehr an seinen Nerven gezehrt? Früher hatte er einen starken Geist, der sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen ließ, aber das schien sich geändert zu haben. Sein Blick war kalt und starr. Ardik wusste, dass es nicht mehr der Hadwin war, wie er ihn vor 14 Monaten gekannt hatte „Würdest du das Tor öffnen?“ Brachte Ardik nur stotternd heraus. Hadwin hielt einen Moment inne und antwortete dann mit finsterer Stimme „Ja natürlich, aber sei vorsichtig, die Welt da draußen kann gefährlich sein“ Diese Aussage brachte Ardik noch ein heftigeres Schlottern in die Knie, doch er blieb gerade stehen, als sich das schwere Tor mit einem lauten, metallischen Quietschen öffnete. Als er hinausblickte, kam es ihm so vor, als würde er in eine völlig andere Welt schauen. Der Übergang zwischen der hektischen Stadt voller Gestank und Widerwärtigkeit zu einem riesigen, dichten, grünen Wald, welcher sich noch kilometerweit, bis zum hohen Beonias

Gebirge zu erstrecken schien. Von diesem Gebirge aus schoss der mächtige Varua Fluss in die Tiefe und mündete schließlich in der Westsee. Dieser Fluss war der Grund dafür, das Athir in den letzten 400 Jahren von keiner fremden Macht erobert wurde Er machte Athir zu einem mächtigen, wenn nicht sogar DEM mächtigsten Bollwerk des maladrischen Reiches. Ardik musste jedes Mal staunen, als er die dicken Steinmauern hinter sich ließ und in den mächtigen, vor ihm liegenden Laubwald eintrat. Das Vogelgezwitscher zwischen dem ganzen Geäst kam ihm jedes Mal aufs Neue fremd vor. Die hektische Stadt war das genaue Gegenteil zu diesem idyllischen Ort. Neue, hellgrüne Blätter prangten an den Ästen und Zweigen der nach dem Winter neu erblühten Bäume. Endlich brach der Frühling an, die Zeit, in der es hier nur so von Wild überquellen sollte. Doch Ardik sah weit und breit kein einziges Reh. Dies war ein merkwürdiger Frühling. Er musste heute etwas erlegen, das Fell würde ihm wenigstens ein bisschen Geld einbringen und das Fleisch konnte er selbst auch gut gebrauchen. Ardik musste beim Laufen im Wald unentwegt an Hadwins Worte denken. Was hatte er damit gemeint und noch viel wichtiger, was war ihm zugestoßen. Soviel er auch nachdachte, es ergab alles keinen Sinn, stand es im Norden des Reiches wirklich so schlecht? Nun, dieser Teil war der erste, welcher vor 40 Jahren vom Kaiser erobert worden war, das Volk dort hatte sich nie mit der Herrschaft Maladriens abgefunden, was man auch verstehen konnte. Aber waren die Rebellen dort wirklich so stark, dass sie ein echtes Problem für die kaiserlichen Truppen darstellen konnten? Ardik hatte Geschichten über den Silbernen Raben gehört. Sie sollten wahrlich mächtige und raue Krieger sein, und ausgezeichnet mit Schwert und Bogen umgehen können. Aber dass sie der maladrischen Armee ebenbürtig seien, war bis jetzt nicht zu ihm vorgedrungen. Vielleicht übertrieb Hadwin aber auch maßlos, aber so wie er aussah, mussten seine Aussagen richtig gewesen sein. Durch ein lautes Pfeifen, das aus einem der Büsche kam, wurde Ardik ruckartig aus seinen Gedanken gerissen "Borot, das bist du ja, wo hast du gesteckt?" rief er dem gerade zwischen zwei Bäumen hervorkommendem Mann zu. Er hatte einen dicken Eichenbogen um die Schulter geschnallt und betrachtete aufmerksam seine Umgebung "Ich hatte andere Probleme....." antwortete er mit abgelenkter Stimme "Schon irgendwas gefunden?" fragte Ardik während er über einen umgefallenen Baumstamm stieg "Nichts besonderes, nur ein paar Hasen, aber dafür lohnt es nicht einen Pfeil zu verschwenden" "Dann werden wir wohl weitersuchen müssen, dieser Frühling ist nun wirklich nicht der beste" Dem stimmte Borot mit einem zurückhaltendem Nicken zu. Die Stunden vergingen wie im Flug, während die beiden durchs Unterholz schlichen und nach lohnender Beute Ausschau hielten. Ardik fiel schnell auf, dass, je tiefer sie in den Wald hineingingen, die Vogelgesänge immer leiser wurden. Auch die Bäume wurden immer kahler, manche waren bereits schwarz und verdorrt, sie sahen wie verbrannte Hände aus, die sich hilfesuchend in den Himmel streckten. Ein unheimlicher Ort war dieser einst wildreiche und schöne Ort geworden "Was ist hier passiert?" fragte Ardik, während sie gerade durch ein ausgetrocknetes Bachbett stiegen. Borot drehte sich mit leicht verängstigtem Blick zu ihm und antwortete flüsternd "Wenn ich das wüsste, aber lange bleiben will ich hier nicht mehr, guck dir mal die Bäume an, ich glaube kaum dass wir hier noch irgendeinem Reh über den Weg laufen. Dieser Wald ist tot, ich habe das schon Mal erlebt" Er hielt einen Moment inne und lauschte "Vor vier Wochen" fuhr er fort "Wir waren bereits auf dem Rückweg, Ajunga Ir hatten wir hinter uns gelassen. Doch dann kamen wir in den Küstenwald von Ruga, es sah genauso aus wie hier, wir wollten ihn verlassen, doch es ging nicht, sieben von uns wurden getötet. Den Grund kannten wir nicht, sie lagen einfach eines Morgens tot vor dem Zeltlager. Wir glaubten die Rebellen hätten das angerichtet, aber wir fanden keinerlei Wunden an den Körpern unserer Kameraden" Ardik hörte gespannt zu "Und was war es dann?" fragte er neugierig "Wir wussten es nicht, sie waren einfach tot, einfach tot" Jetzt schoss es ihm wie ein Blitz durch den Kopf, war es das wovon Hadwin geredet hatte? Aber Flammen hatten auch Erwähnung in seiner Erzählung gefunden, davon hatte Borot gerade nichts erzählt "Gab es sonst noch irgendwelche Vorkommnisse?" "Kann sein, aber nach dieser Nacht haben ich und mein Trupp uns so schnell wie möglich nach Athir aufgemacht" Sie stoppten, als sie ein lautes Knacken unter ihren Füßen vernahmen. Ardik richtete seinen Kopf in Richtung des schwarzen, ausgetrockneten Waldbodens. Es sah aus wie Geäst, welches sich dort meterweit in alle Richtungen des Bodens erstreckte. Doch bei genauerer Betrachtung, erkannte er die Form von menschlichen Knochen. Ardik trat einen Schritt zurück, wobei er in den Brustkorb eines, noch blutigen und teilweise von Fleischfetzen bedeckten, abgenagten Skeletts trat. Ein Schaudern ergriff ihn und er musste sich zurückhalten, um nicht lauthals loszuschreien. Borot schien den blutigen Schlachtteppich nun auch bemerkt zu haben, denn er schaute verstört zu Ardik hinüber. Vorsichtig versuchte dieser seinen Stiefel aus den Rippen der halb aufgefressenen Leiche heraus zu ziehen "Das wird ja immer besser!" sagte Borot mit vor Ekel verzogenem Gesicht "Hast du das schon Mal erlebt?" Ohne eine Antwort abzuwarten drehte sich Ardik in die entgegengesetzte Richtung "Wir sollten hier weg" "Da stimme ich zu" Plötzlich ging Ardik ein merkwürdiges Rauschen durch Mark und Bein, sein Blick verschwamm und es fiel ihm schwer sich noch auf den Beinen zu halten. Borot schien es nicht anders zu ergehen, er stand wie festgefroren einige Meter neben ihm. Ardik versuchte krampfhaft einige Schritte nach vorne zu gehen, doch es gelang ihm nicht. Sein Körper war steif, jedoch nicht gelähmt. Eine grausige Angst packte ihn, würde mit ihm jetzt genau dasselbe wie mit diesen armen Kerlen, die überall verstreut auf dem mit Laub bedeckten Boden lagen geschehen? Er mochte gar nicht daran denken, denn selbst das Denken fiel ihm schwer. Fünf qualvolle Minuten voller Hilflosigkeit vergingen, bis sich der unsichtbare Griff, der die beiden gepackt hatte, endlich nachzulassen schien. Eine große Erleichterung fuhr Ardik übers Gesicht, als er merkte, dass er seine Finger allmählich wieder bewegen konnte. Doch anscheinend erging es seinen Beinen nicht so. Mit einem lauten Plumpsen fiel er zu Boden, wobei einige angenagte Knochen unter ihm zerbrachen und ihre Splitter in alle Richtungen des Waldes flogen. Es wurde still, kein Wind, kein Pfeifen, gar nichts, nur stechende Kälte, die sich langsam in Ardiks Körper ausbreitete. Vorsichtig versuchte er den Kopf zur Seite zu drehen. Borot lag ebenfalls auf dem blutverschmierten Laubboden und rührte sich nicht. Nach einigen Sekunden wurde die Stille durch ein dröhnendes Stapfen gebrochen, der Boden vibrierte so, dass Ardik es in seinem Schädel spüren konnte. Etwas näherte sich aus ungefähr 50 Metern Entfernung, Es hatte sie in seinen Fängen, was immer es auch war, es kam sicher nicht um ihnen zu helfen. Verzweifelt versuchte Ardik seine Arme zu bewegen, um an das Kurzschwert zu kommen, welches an seinem Gürtel steckte, aber es gelang ihm nicht. Das Stapfen kam immer näher, etwas beugte sich über ihn und schnupperte an seinem Kopf. Den Kopf konnte er nicht heben um zu sehen was es war, aber sein Hunger war förmlich zu fühlen. Ein Luftzug verkündete das baldige Zuschlagen einer Klaue, als auf einmal markerschütternder Schrei an ihm vorbeifegte "Nein!" Es war Borot, der es geschafft hatte sich zu befreien und nun mit gespanntem Bogen auf das Etwas zielte, welches gerade den Versuch unternommen hatte Ardik zu fressen. Ein Pfeil sauste durch die Luft, ein Schrei, ein weiterer Schrei, er war schrill und laut. Ein schnelles, sich entfernendes Stapfen und es war wieder totenstill. Nun kam wieder Bewegung in den Ardiks halbtoten Körper. Alles fühlte sich schwer und träge an, aber wenigstens konnte er sich wieder bewegen. Leicht schmerzerfüllt raffte er sich von den herumliegenden Gebeinen auf. Ein weiterer Schrecken überkam ihn, als er Borot aufgeschlitzt und stark blutend auf dem Boden liegen sah. Benommen stolperte Ardik zu ihm "Was, Was?" Erst jetzt bemerkte er, das Borot sich noch leicht wandte und mit schmerzerfülltem Gesicht zu ihm herauf schaute. Um nur nach ein paar Sekunden endgültig zu verstummen. Der Schock, der Ardik in diesem Moment ergriff, war unbeschreiblich. Doch er konnte nicht bleiben, er musste hier weg, dieses Vieh, das Borot das angetan hatte, würde sicherlich noch einmal zurückkehren, um den Leichnam seines toten Freundes zu verspeisen. Ohne nachzudenken begann Ardik zu rennen, in einer solchen Geschwindigkeit war er noch nie in seinem Leben gerannt. Über Stock und Stein, über umgefallene Bäume und durch dichtes Dornengestrüpp, welches seine Kleidung zerriss. Panik, Trauer, all diese Gefühle übermannten ihn. Was war das für ein Ding gewesen? Ardik hatte es nicht erkennen können, aber eines war klar, Borot hatte es in die Flucht geschlagen und ihm damit das Leben gerettet. Aber wo sollte er jetzt hin, am besten zurück nach Athir. Er musste es einem Offizier der kaiserlichen Truppen berichten, was hier im Wald geschehen war. Das Gebiet wurde wieder grüner, Ardik schien den finsteren Teil des Waldes hinter sich zu lassen. Seine Kräfte fanden ihr Ende, selbst vollgepumpt mit Adrenalin konnte er jetzt nicht mehr weiterlaufen. Entkräftet blieb er stehen, wäre fast hingefallen, konnte sich aber im letzten Moment an einen, mit Moos bewachsenen Baum stützen. Keuchend ließ er sich zu Boden sinken, Das Moos war weich und wirkte auf Ardik wie ein natürliches, dunkelgrünes Kissen. Diese kleine Pause brauchte er um seine Gedanken zu sammeln. Borot war tot, soviel war klar, aufgeschlitzt von irgendeiner Kreatur. Die Stadt musste gewarnt werden, sonst würden bald weitere ahnungslose Wanderer, die nichts ahnend hier durch spazierten ebenfalls als abgefressenes Skelett enden. Langsam zogen sich die Wolken am Himmel zu einer dichten, grauen Decke zusammen, die ersten Regentropfen ließen dementsprechend auch nicht lange auf sich warten. Bereits halb durchnässt richtete sich Ardik auf, es konnte nicht mehr weit bis zum Waldrand sein, er musste sich beeilen. Nach etwa 10 Minuten mühsamen Laufschrittes konnte er endlich die flaggenbesetzten Zinnen der Stadtmauer erkennen. Es war fast geschafft, nur noch wenige Meter trennten ihn und das Stadttor. Was sollte er berichten? Was sollte er sagen? Einen kurzen Moment schien es so, als würde sich der Boden unter ihm bewegen, doch schnell merkte Ardik, das es nicht der Boden war, sondern er selbst. Die Lähmung hatte anscheinend noch ihre Nachwirkungen. Unbeholfen ließ er sich auf seine Knie, in das weiche Gras des Waldrandes fallen. Sein Blick wurde dunkler, er sah nur noch einen kleinen Trupp Stadtwachen, der in bewappten Lederwämsern auf ihn zulief.........Nach einiger Zeit wurde sein Bewusstsein wieder klarer. Der Geruch von verbrannten Kohlen stieg ihm in die Nase, noch hatte er seine Augen nicht geöffnet, vielleicht wollte er ja gar nicht sehen wo er war. Aber die Neugier war zu groß, wie viel Zeit war vergangen? Genau wie bei seiner letzten Bewusstlosigkeit hatte er überhaupt kein Zeitgefühl. Vorsichtig öffnete er seine blaugrauen Augen und schaute sich verwundert im Raum um, in welchem er gerade auf einem harten und kalten Holzboden lag, die Arme von sich gestreckt. Es war ein kahler Raum. Ein kleines steinernes Waschbecken zierte als einziger Gegenstand die mit Spinnenweben überwucherte Ecke. Als er sich weiter umschaute erkannte er keine Tür, nur ein paar eiserne Stangen, welche der Ausgang aus diesem Raum zu seien schienen. Eiserne Stangen? Langsam dämmerte es ihm "Ich bin in einer Zelle" erkannte Ardik und versuchte seine müden Glieder vom kalten Holzboden zu erheben. Nur ein paar Fackeln, welche außerhalb der Zelle in einem kleinen Gang angebracht waren schenkten Ardik ein wenig Licht, so dass er nicht gegen eine Wand lief. Warum war er hier drin? Das war die Frage, die ihn in diesem Moment am meisten beschäftigte. Das Stapfen von Soldatenstiefeln brachte hoffentlich die Antwort. Kurz konnte er erkennen wie ein Gesicht durch die Gitterstäbe lugte. Ein Ruf erschallte "Er ist wach Kommandant!" Kurz darauf konnte man das Klappern eines schweren Plattenharnisches hören, der sich verhältnismäßig schnell näherte. Trotz seiner Benommenheit und des nur schwachen Lichts konnte Ardik sehen, wie sich die Gittertür mit einem lauten Ruck öffnete und hart gegen eine der Wände schlug. Er zuckte zusammen, als ein Mann in prunkvoller Stahlrüstung und einem Umhang aus roter Seide eintrat. Die Vorderseite des Harnisches zierte das Wappen der athirischen Stadtgarde, zwei gekreuzte, weiße Hellebarden auf rotem Grund. Der Mann selbst sah kräftig aus, seine langen schwarzen Haare hingen bis auf die Schultern hinab. Auf seinem Rücken trug er ein elegant geschmiedetes Breitschwert, das an einer braunen Lederschnur, die sich um seinen ganzen Körper schlang, befestigt war. Mit Argwohn blickte er zu Ardik, dieser versuchte immer noch zu realisieren was überhaupt los war "Da ist er also, der kleine schleimige Mörder, hätte dich mir größer vorgestellt" sagte der Kommandant mit eindeutiger Verachtung in seiner Stimme. Ardik begriff gar nichts "Was?" Des Kommandanten Blick wurde wütender "Schaut ihn euch an, jetzt tut er so als würde er sich an nichts erinnern" "Was meint ihr überhaupt?" "IHR seid des Mordes an Borot von Steinhelm angeklagt, versucht gar nicht erst euch da herauszuwinden" Ardik fuhr bei diesen Worten ein Zucken durch den Körper. Sie dachten also er hätte Borot umgebracht "Nein, so war das nicht" erwiderte er entschuldigend. Der zornige Blick des Kommandanten verwandelte sich in ein feistes Lächeln "Ach nein? Wie war es denn?" Als Ardik gerade eine Antwort auf diese Frage geben wollte fiel ihm der Kommandant in das nicht einmal begonnene Wort "Wartet! Ich will es gar nicht hören, erzählt eure Lügengeschichten dem Richter, er wird morgen euer Schicksal entscheiden" "Aber ich...." Ardiks Gegenüber machte einen schnellen Schritt nach vorne und sagte mit entnervtem und gleichzeitig wütendem Gesicht "Haltet jetzt besser eure Klappe wenn ihr eure Zähne behalten wollt!" Er gab Ardik einen heftigen Stoß, wodurch er zu Boden fiel und unsanft auf dem Kopf landete. Er konnte nur noch hören, wie der Kommandant unter dem schweren Geklapper seiner Rüstung die Zelle verließ und die Tür hinter sich schloss. Ardik schlug die Hände vors Gesicht. Nun dachten sie also ER hätte Borot getötet. Wer würde ihm schon glauben dass etwas, was er selbst nicht genau erkennen konnte seinen Freund aufgeschlitzt hatte? Niemand! Er musste sich bis morgen etwas einfallen lassen, sonst wäre ihm der Strick sicher.

Kapitel 3 - Die Pforten derDunkelheit

Leicht atmete Zadron ein und aus, er war vollkommen konzentriert auf seine magische Energie. Sie zu beherrschen und zu verbessern war der Schlüssel zu wahrer Macht. Er fühlte das Prickeln dieser Energie, er fühlte wie sie seinen ganzen Körper durchfloss. Er konnte sie sogar hören, ihr Knistern, ihr Rauschen . Es fühlte sich an als würde er schweben, obwohl er fest konzentriert im Meditationsraum saß. Nun spürte er alles, er fühlte den Sessel und die Teppiche die überall im Raum verteilt waren, obwohl sie Meter von ihm entfernt standen. Er spürte sogar die Energie jedes einzelnen Lebewesens, das ihn umgab. Noch vor wenigen Monaten hätte er sich niemals vorstellen können eines Tages Novize des Dunklen Ordens zu sein, sie waren eines Tages einfach vorbeigekommen und hatten ihm erzählt er sei auserwählt Schwarzmagier zu werden. Ihn hatte es gar nicht gestört das er seine Bognerei hatte aufgeben müssen. Er hatte eine harte monatelange Ausbildung hinter sich, die bald abgeschlossen war, denn bald hatte er die Prüfungen. Dann wäre er endlich ein Magier des Ordens. Die Holztür hinter ihm öffnete sich knarrend, Ein Mann mit braunen Haaren und einer ledernen Novizenrobe, auf welcher das Zeichen des Ordens aufgestickt war trat ein „Zadron, Meister Irkarak möchte dich sprechen“ Zadron erhob sich langsam, seine Beine waren vom langen Sitzen eingeschlafen und stachen nun „Was will er denn?“ „Das weiß ich nicht, das wird er dir selbst sagen“ antwortete der Novize. Langsam hörte das Stechen in Zadrons Beinen auf „Gut, dann mache ich mich mal auf den Weg“ Langsam ging er auf den Ausgang zu, diese Akademie, welche inmitten der Provinz Arkasnien lag, war der düsterste Ort, den er je in seinem Leben erblickt hatte und jeden Tag aufs Neue erblickte. Vor noch 40 Jahren war Arkasnien ein eigenständiges Königreich von dem man überall in Tarna bewundernd sprach. Doch dies waren vergangene Zeiten, Maladrien hatte sich das Land in einem großen und blutigen Feldzug einverleibt, den König und seine gesamte Familie getötet und es schließlich vollständig unterworfen. Genauso war es den Provinzen Ramm, Euara und Beril ergangen, aber im Gegensatz zu diesen führten einige aufständische Gruppierungen in Arkasnien immer noch einen Kampf gegen die Herrschaft des Kaiserreichs Maladrien. Die stärkste dieser Rebellengruppen nannte sich Der Silberne Rabe, diese waren mehr als nur Aufständische, sie waren ein ganzer Kult, der den maladrischen Truppen ernsthafte Probleme bereitete. Die Rolle des Dunklen Ordens, welcher ja mitten in Arkasnien lag war immer noch unklar, einerseits dienten einige seiner Magier dem Silbernen Raben, andererseits hegten die Großmeister auch Sympathien für den maladrischen Kaiser. Sie waren in einer Zwickmühle, aus der sie nur herauskamen indem sie sich einer der beiden Seiten anschlossen, und das würde auf kurz oder lang nicht zu vermeiden sein. Das Licht der Sonne stach Zadron in die Augen, als er den dunklen Raum verließ und nach draußen auf den Hof ging. Die vier Gebäude ragten mindestens 50 Meter in die Höhe. Pflanzenranken kletterten an den Mauern hoch. Er ging zum gegenüberliegenden Gebäude hinüber. Die anderen Novizen saßen an den zahlreichen und dennoch nicht mehr frisch aussehenden Bäumen und studierten die Schriften der Schwarzen Magie. Zadron öffnete vorsichtig das kleine Holztor, welches ins Magiergebäude führte. Vor ihm erstreckte sich ein langer Gang, welcher mit Topfpflanzen und Bannern geschmückt war, durch zahlreiche kleine Fenster an der Decke fiel das Sonnenlicht in den Gang. Zadron konnte sich noch daran erinnern wie er zum ersten Mal diesen Gang entlang gegangen war, damals war er sehr aufgeregt gewesen, er sollte zum obersten Magier damit dieser schauen konnte, ob er würdig sei ausgebildet zu werden und nun hatte er es geschafft, seine Ausbildung war fast abgeschlossen, er musste nur noch die drei Prüfungen meistern, dann war er Magier. Er ging weiter den Gang entlang, Viele Metalltüren lagen auf dem Weg, dahinter lagen die Räume der hohen Magier des Ordens, Meister Irkaraks Raum lag noch einige Meter weiter links, warum wollte er ihn sehen? War es vielleicht wegen der Prüfungen? Auf jeden Fall musste es wichtig sein, denn Magier rufen Novizen nur zu sich wenn es um etwas wichtiges geht. Da war sie, die Tür zu Irkaraks Raum, Zadron klopfte an. Er war fast so aufgeregt wie beim ersten Mal als der dieses Gebäude betrat. Es dauerte einige Minuten, bis ein „Herein“ ertönte. Er öffnete die schwere Tür. Meister Irkaraks saß wie gewohnt an seinem aus Birkenholz bestehenden Schreibtisch am Ende des Raums. Dieser war abgedunkelt, die normalerweise so großen Fenster waren mit pechschwarzem Leinentuch verdeckt, sodass kaum Licht hineinfiel, so mochte es der Meister, dunkel und ungestört. Der alte Mann winkte ihn zu sich herüber, Zadron ging langsam nach vorne, auf den Tisch zu „Setz dich“ sagte Irkarak und Zadron setzte sich auf einen Holzstuhl vor dem Schreibtisch. Ihm gefiel die Robe die der Meister trug, es war ein schwarzer Leinenumhang mit einer Kapuze und vielen goldenen Knöpfen „Ihr wolltet mich sehen Meister?“ „Ja in der Tat, deine Prüfungen stehen dir bevor und ich wollte dir ein paar Ratschläge geben“ „Dürft ihr das überhaupt Meister?“ fragte Zadron nachdenklich „Nein, aber ich bin jetzt schon so lange hier, sie werden mich nicht rauswerfen“ antwortete Irkarak mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Er kramte ein kleines Buch aus einem Fach unter seinem Schreibtisch hervor und reichte es zu Zadron herüber „Hier, da sind Notizen drin, welche ich mir bei meinen eigenen Prüfungen gemacht habe“ Zadron nahm das staubige Buch mit dem braunen Umschlag entgegen und sagte mit freudiger Stimme „Danke Meister“ „Keine Ursache, die Zeiten sind hart und wir brauchen so viele Magier wie möglich in unserem Orden, die Energie in dir ist sehr stark, du wirst ein mächtiger Diener unseres Ordens werden“ antwortete Irkarak. Zadron blätterte ein bisschen in dem Buch herum und fand einen interessanten Eintrag

25. Tag des neunten Monats im Jahre 439 nach dem großen Arentoskrieg.

Heute habe ich die zweite Prüfung gemeistert, die Prüfung des Willens. Ich musste fast zwei Stunden gegen einen Windmarak kämpfen, welcher nicht vernichtet werden konnte. Die Meister sahen nach dieser Zeit des Kampfes in der ich nicht aufgegeben habe, die Prüfung als bestanden an, nur noch eine letzte Prüfung, dann habe ich es geschafft.

Zadron klappte das Buch zu, es war interessant, wenn die Meister die Prüfungen nicht geändert hatten musste er genau das machen, was in diesem Buch beschrieben war „Ich werde dann mal weiter studieren, danke für das Buch“ „Habe ich gerne gemacht“ Zadron stand von dem Holzstuhl auf und verließ den Raum durch die Metalltür. „Ja!“ sagte er leise vor sich hin, mit diesem Buch konnte er die Prüfungen nur bestehen. Die Angst vor ihnen war verflogen, er hielt gerade die Möglichkeit in Händen die Prüfungen ohne Probleme zu bestehen. Jedoch kam ihm eines merkwürdig vor, er hatte Irkarak noch nie so freundlich erlebt, irgendetwas stimmte da nicht, doch darüber dachte er nicht lange nach. Sofort rannte er los, den Gang entlang, bis auf den Hof. Die anderen Novizen hatten ihn verlassen und waren in ihre Kammern gegangen, natürlich, jetzt war Lernzeit. Zadron rannte auf das Gebäude links von ihm zu, an der großen Eiche und den Bänken vorbei. Vollkommen erschöpft kam er am Holztor an, mit einem starken Ruck an der Klinke riss er das Tor auf. Es waren 8 verschiedene Kammern mit jeweils 8 Betten. Viele kleine Fenster an den Wänden beleuchteten die einzelnen Räume. Das Tor fiel hinter ihm mit einem lauten Knall zu. Mit leisen, vorsichtigen Schritten schlich er zur zweiten Kammer auf der linken Seite des Raums, er schaute um die Ecke. Die Kammer war leer, die nebeneinanderstehenden Betten waren ebenfalls alle leer und an den Schreibtischen saß auch niemand. Mit dem Buch fest in der Hand schritt er zu einem der hölzernen Schreibtische und setzte sich auf den Stuhl, ohne ein Geräusch zu machen. Jetzt durfte ihn niemand entdecken, sonst wäre er erledigt. Zadron schlug das Buch auf der ersten Seite auf, es war schon ziemlich alt und konnte leicht kaputt gehen. Er begann die erste Seite zu lesen.

18. Tag des neunten Monats im Jahre 439 nach dem großen Arentoskrieg