DRAMA - Arad Dabiri - E-Book

DRAMA E-Book

Arad Dabiri

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Beschreibung

Die Stimme der ÄH-DINGS-Generation Seht euch doch mal den ersten Bezirk an. Er schimmert, auf den ersten Blick. Die schöne Fassade. Die prächtigen Altbauten. Die engen Seitengassen. Ein historischer Kern, mit dekadenter Aura. Touristen aus aller Welt denken, er repräsentiere ganz Wien. Wohlhabende Familien, schöne Eltern mit schönen Kindern. Alle Sehenswürdigkeiten. Die grotesken Fiaker. Die überteuerten Kaffeehäuser. Die Ballsaison generell. Aus der Zeit gefallen. Junger Geist in altem Gewand. Oder vielleicht ist beides alt. Jemand anders müsste dieses Gefühl in Worte fassen. Doch seht genauer hin. Das Theater, das ist Wien. Werft Kokain in das Publikum, schüttet abgestandenes Bier nach. Raucht Restgraskrümel und liebt euch auf den ekel¬haftesten Toiletten der Stadt. Geht auf im Rausch, oder geht zugrunde. Sprecht nicht mehr miteinander, blockiert eure Nummern. Zwängt euch in das kratzige Korsett. Das oberste Gebot dabei: Hasst die Intendanz, die Direktoren dieser Stadt. Und denkt bloß nicht, die exzessiven Nächte seien vorbei. Für andere vielleicht, hier jedoch nicht. Denn dadurch entsteht es, das große DRAMA.

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Autor und Klappentext

Titelseite

Buchanfang

EINS

ZWEI

DREI

Wir bedanken uns für die finanzielle Unterstützung bei der Stadt Wien.

© 2023, Septime Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Teresa Profanter

Cover: Jürgen Schütz

EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer

ISBN: 978-3-902711-97-7

Printversion: Hardcover, Schutzumschlag

ISBN: 978-3-99120-022-2

www.septime-verlag.at

www.facebook.com/septimeverlag

www.instagram.com/septimeverlag

Arad Dabiri

1997 in Wien geboren und lebend, schreibt Prosa, schreibt fürs Theater, schreibt über das junge Leben in der Großstadt: über Rausch, Liebe und Identität. Da, wo es eben wehtut, oder auch schmeckt. Aus Wien wird er niemals verschwinden. Die Hoffnung bleibt ja, Literatur wieder dreckig zu machen. Irgendetwas zu ändern, zu hinterlassen. Akademischer Zwang treibt ihn zusätzlich in das Studium der (Vergleichenden) Literaturwissenschaft.Bisherige prosaische Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturmagazinen. DRAMA ist sein Debütroman.

Klappentext:

Die Stimme der ÄH-DINGS-Generation Seht euch doch mal den ersten Bezirk an. Er schimmert, auf den ersten Blick. Die schöne Fassade. Die prächtigen Altbauten. Die engen Seitengassen. Ein historischer Kern, mit dekadenter Aura. Touristen aus aller Welt denken, er repräsentiere ganz Wien. Wohlhabende Familien, schöne Eltern mit schönen Kindern. Alle Sehenswürdigkeiten. Die grotesken Fiaker. Die überteuerten Kaffeehäuser. Die Ballsaison generell. Aus der Zeit gefallen. Junger Geist in altem Gewand. Oder vielleicht ist beides alt. Jemand anders müsste dieses Gefühl in Worte fassen. Doch seht genauer hin. Das Theater, das ist Wien. Werft Kokain in das Publikum, schüttet abgestandenes Bier nach. Raucht Restgraskrümel und liebt euch auf den ekelhaftesten Toiletten der Stadt. Geht auf im Rausch, oder geht zugrunde. Sprecht nicht mehr miteinander, blockiert eure Nummern. Zwängt euch in das kratzige Korsett. Das oberste Gebot dabei: Hasst die Intendanz, die Direktoren dieser Stadt. Und denkt bloß nicht, die exzessiven Nächte seien vorbei. Für andere vielleicht, hier jedoch nicht. Denn dadurch entsteht es, das große DRAMA.

Arad Dabiri

DRAMA

Roman | Septime Verlag

EINS

Die Angst frisst Sie auf, sagt sie mir beim Check-in, und danach kann ich nur noch rennen. Die Beine bewegen sich wie von selbst. Ich drohe zu ersticken, bekomme keine Luft, die Kehle ist wie ausgetrocknet. Ich laufe voraus, völlig außer Atem. Ich laufe voraus, so wahnsinnig schnell. Und es fällt mir so wahnsinnig schwer, zu atmen. Ich laufe und laufe. Hinter mir eilen die Geister dieser Großstadt. Hin und wieder schaue ich über die Schulter und sehe, dass sie mich noch immer verfolgen. Dunkle, graue Flächen deuten ihre Gesichter an. Sieht man eine Sekunde länger hin, erkennt man die Leere darin. Inhaltslose Flächen verfolgen mich. Ihre langen Arme erstrecken sich meterweit. In einem Moment scheinen sie sogar von fast unendlicher Reichweite. Die Fingerkuppen kann ich schon in meinem Nacken spüren. Ich schaffe es in den stählernen Vogel und schließlich zu meinem Sitzplatz. Hektisch wandern meine Augen durch das ganze Flugzeug. Keine Spur von meinen Verfolgern. Tief durchatmen kann ich erst, wenn ich von Wien-Schwechat abhebe und es schaffe, diese Stadt hinter mir zu lassen. Dann wird man sehen, wie weit die Arme dieser Stadt tatsächlich reichen. Am Ende rennt man ein Leben lang vor ihnen davon. Und ich bekomme wieder Luft, die Speichelproduktion setzt ein, meine Kehle wird angefeuchtet. Ich bekomme wieder Luft. Ich kann atmen. Doch wie lange halte ich durch?

Und so beginnt sie, die Ouvertüre. Aber das hier ist keine Oper, sondern billiges Theater. Ein Drama, welches ich mein Leben nenne. Ich schlachte mich selber aus. Präsentiere diese Fragmente, Momentaufnahmen meines Lebens. Am Ende ergibt es einen Sinn. Dieses Drama, es wird sich einfügen. In das große Ganze. Und dieses Drama, es ist ein hochspannendes, in der Theorie zumindest. Diese Anfangsszene jedoch. Auf der Bühne unter meiner Schädeldecke, dort wirkt sie so einfallslos, so stumpf. Dort, wo immerzu dieselbe Szene läuft. Dort, wo schon seit ein paar Wochen diese nicht enden wollende Probeaufführung rotiert. Da trübt dieser eingenistete Parasit meine Wahrnehmung. Präsentiert mir diese Vorstellung einer Flucht. Legt mir diese billige Metapher vor die Iris. Kitzelt aus mir eine Angst und ein gleichermaßen intensives Desinteresse. Es bleiben aber doch nur dieselben kreativlosen Abziehbilder meiner Befreiung. Ich kann nichts tun, lediglich dabei zusehen, wie sie sich wiederholt. Meine Emanzipation.

Ich,

der Flughafen,

die Geister dieser Stadt,

so billig.

Es wäre gesund, könnte man seinem eigenen Geist vertrauen. Meine Vorstellung, sie ist anders, sie möchte mich verunsichern. Zwingt mich, diesen Moment wieder nachzuerleben. Zeigt mir, dass es noch nicht vorbei ist. Ich werde wahnsinnig, denke ich, und sollte mich demnächst wohl durchchecken oder direkt in eine Anstalt einliefern lassen. Eine von denen am besten, die schön abgelegen ist. Wo keiner ganz zufällig vorbeifährt. Bei allem Durcheinander in meinem Kopf entspricht eines aber im Kern der Wahrheit: Diese Flucht vor meiner Stadt habe ich tatsächlich erlebt.

Es war also real,

und ich zeigte der Dame beim Boarding mein Ticket,

wir tauschten diese zwei Satzbruchstücke aus,

Guten Flug,

Vielen Dank,

und dann saß ich im Flieger.

Ich saß damals im Flugzeug und verließ meine Heimatstadt. Ließ Wien hinter mir. Bei dem Gedanken an den damaligen Flug verschwimmt alles. Ich kann kein Bild so richtig fassen, und vor allem wird mir dann wieder ein wenig übel. Einzelheiten gingen in den letzten Jahren verloren, wurden aus meinem System verdrängt. In Wien abgehoben, in Berlin gelandet. Das weiß ich. Die Gurte klappern die Gedanken an alte Zeiten weg.

Es ist also real,

und ich habe gerade eben der Dame beim Boarding mein Ticket gezeigt,

und bevor sie mir einen Guten Flug wünschen konnte,

sagte ich bereits Vielen Dank.

Ich sehe aus dem Fenster, während wir abheben. Bald, ja bald wird man bestimmt schon die Umrisse von Wien erkennen können. Die Umrisse meiner Vergangenheit, und dabei verspüre ich

diese angst.

Die Wahrheit in dieser Sekunde also. Ich sitze wieder in einem Flugzeug, in unzähligen Metern Höhe, in unzähligen Tonnen von Stahl. Steuere direkt ins Ungewisse. Zurück nach Wien, in die verdrängte Vergangenheit. Vor einem Tag jedoch, da gab es noch eine andere Realität. Da saß ich noch in meinem liebsten Café in Neukölln, das erst vor wenigen Monaten eröffnet worden war. Von einem jungen, hippen Berliner Ehepaar. Mit tätowierten Schriftzügen auf den Handrücken, metertiefhängenden Ohrringen, eingekleidet in Vintageuniformen. Der Gentrifizierungszug macht eben überall Halt. Trotzdem, mein Drama führt mich immer zum Rausch. Also, Tegernseer Bier. Es schmeckt bei schmerzender Kälte anders, es gefriert schon im Halse. Helfen tut es trotzdem. Und die modernen Heizstrahler unter den schmalen Holztischchen wärmten die Füße. Erlaubten es, sich in Neukölln jederzeit in einen gewissen Zustand zu flüchten.

»Fühlst du dich wohl?«, fragte mich die Betreiberin. Während sie die Holztische vor mir umformatierte, komplett neu arrangierte. Für die große Geburtstagsfeier ihrer besten Freundin. Sie werkelte also herum, ich antwortete: »Ich glaube schon.«

»Fühl dich wie zu Hause.«

»Zu Hause, zu Hause«, wiederholte ich. Rauchte dabei meine Zigarette, spielte an dem Etikett der Glasflasche. Versuchte, es langsam abzulösen.

»Ja. Ein zweites Zuhause.«

»Lange nicht mehr über dieses Wort nachgedacht, Zuhause.«

Sie hörte mit ihrer Arbeit auf und starrte mich an. Einen Putzlappen in der Hand, den sie durch die Luft schwang. Es war ein komisches Bild, dabei klang ihre Stimme so ernst.

»Dann denke nicht darüber nach. Fühle es.« Sie ließ nicht locker. »Du musst es fühlen, bitte. Fühle es. Lass dich darauf ein. Frag dein Herz. Fühle es. Dein Zuhause weiß es. Es weiß. Wo es ist. Du musst es nur fragen. Du musst es nur fühlen.«

»Wie kann man ein Zuhause fühlen?«

»Nicht nachdenken. Fühlen. Nicht nachfragen. Fühlen. Jetzt trink dein Bier«, und ich starrte auf meine Flasche, auf das Etikett, sagte »Danke« und ließ das letzte bisschen aus dem Flaschenhals in meinen Mund fließen. Wieder widmete sie sich ihrer Arbeit, bevor sie zu sprechen begann.

»Das macht vier Euro fünfzig«, sagte sie im nächsten Moment. Als ob unser Gespräch zuvor gar nicht stattgefunden hätte. Als ob wir uns nicht gerade diesen komischen Moment teilten.

»Für die Therapiesitzung?«, fragte ich.

»Hm, was?«

»Nichts, vergiss es«, und das klebrige Etikett war von der Flasche gelöst. Ich spürte es in meiner Hand. Und die letzte Asche meiner Zigarette fiel vor dem Café auf das Holztischchen.

Ich saß also genau dort, gestern, an einem Herbsttag. Zu meiner liebsten Jahreszeit. Ich hatte diesen einen Moment mit ihr, ohne ihn einordnen zu können. Ich denke daran, dass ich funktionierte. Die Zahnräder, überall in meinem Körper verteilt. Sie waren an den richtigen Stellen. Das große Uhrwerk tickte weiter und weiter. Die deutsche Hauptstadt, sie ist eigentlich zu viel, von allem. Aber ich überlebte dort. Gestern, da war ich noch am Leben. Heute, da drohe ich das alles zu zerstören. Nur wegen meines Leichtsinns. Weil ich einer Intuition folge. Und die Konsequenzen erst jetzt, wo es zu spät ist, abwäge. Ein Schweißtropfen bildet sich auf meiner Stirn. Langsam, aber stetig. Bevor er völlig autonom mein Gesicht herunterrinnt, wische ich ihn mit dem Ärmel weg. Wenn ein Schweißtropfen auftaucht, folgen meist noch einige mehr davon. Dann die Hitzewallung und schließlich die Panikattacke. Ich kenne doch meinen Körper, ich kenne doch meine Angst. Links und rechts, beide Hände krallen sich in die Armlehnen, tiefer und tiefer. Bitte nicht jetzt, nicht hier, versuche ich meinen Körper zu überreden. Doch er lässt mich im Stich.

Ein Wimpernschlag.

Ausatmen.

Ein Wimpernschlag.

Einatmen.

Noch ein Wimpernschlag und meine Augen bleiben geschlossen.

Ich drohe zu ersticken. Ein unsichtbares Seil legt sich um meinen Hals. Es wird immer enger, die Luft knapper, und ich sehe schwarz. Ein Wimpernschlag und meine Augen öffnen sich wieder. Ich scheine wach zu sein, auf meinem Platz zu sitzen. Weit und breit kein Seil in Sicht. Der Selbstcheck beginnt. Langsam atme ich ein und langsam atme ich aus. Alles gut. Eine Minute lang zähle ich meine Pulsschläge. Alles gut. Ich bin also wach und ich lebe. Blut pumpt durch meine Adern. Keine Seilabdrücke um meinen Hals. Zwischen Wien und Berlin fliegt man nur knapp über eine Stunde. Eigentlich ist keine Zeit für Schlaf. Doch seitdem ich diesen Vogel reite, falle ich in solche kleinen Traumphasen. In diese Albtraumphasen. Ich schlafe nie richtig, doch ich trete weg. Und am Ende ist da immer dieses Seil. Nervös trommele ich mit meinen Fingern auf dem kleinen Klapptisch vor mir. Es ist gar nicht mal so lange her, da konnte man noch im Flugzeug rauchen. Ein Wahnsinn. Beim Gedanken daran bekommt man Kopfschmerzen. Die Schläfen pochen, und ich wünschte, ich könnte jetzt rauchen.

Die Beschreibung dieses Vogels fällt mir schwer. Nichts Besonderes zeichnet ihn aus. Die Sitze kennt man, die Armlehnen kennt man, den engen Gang kennt man. Die Beklemmung, die Bedrücktheit. Die Menschen, die einem viel zu nahe sind, kennt man. Den Geruch, eine grässliche Mischung aus vielen verschiedenen einzelnen Noten. Das Süßholz meines Parfüms, den Schweiß der anderen. Die unbequemen Sitze. Die brüllenden Kinder, die brüllenden Alten kennt man. Die schlafenden Ruhigen und die wachen Hektischen kennt man. Den Druck, wenn man den Vogel besteigt. Die Angst, die große Furcht kennt man. Jene hinterlässt die meisten Spuren an den Leuten. Sie fürchten sich vor einem Absturz. Mich zeichnet jedoch die Angst vor einer möglichen Landung. Also, man kennt das alles, trotzdem tut man sich das an. Wir besteigen den Vogel in der Hoffnung, dass er uns zum Glück führt.

In dem Fach über den Sitzen meine Reisetasche. Das einzige kleine Gepäckstück. Sonst reise ich nur mit dem, was ich am Leibe trage. Ein knittriges weißes Hemd, darüber eine dünne Regenjacke, meine karierte, marineblaue Hose und schmutzige Sportschuhe. An meinem Sitznachbarn drängle ich mich unangenehm vorbei, stoße ihn dabei mehrmals am Knie. Ist aber nicht weiter von Bedeutung, denn den sehe ich nie wieder, denke ich mir, und im nächsten Moment spiele ich an der Reisetasche. Werfe dabei einen genaueren Blick auf den Fremden. Und entscheide, dass ich ihn ruhig öfter mit meinem Knie stoßen hätte können. Er trägt ein rosafarbenes Kurzarm-Polo-Hemd, ein bunter, auffallender Fleck inmitten all der Passagiere. Unnatürliche Bräune, verbrauchte Haut, wohlstandsverdeutlichende Breitling um sein Handgelenk. Die Markensonnenbrille in seine kleine, rosafarbene Hemdtasche gezwängt. Zwischen Schickeria und Proletariat, das eine potenziert das andere. Ein typischer Ex-Wirtschaftsuniversitätsbesucher, denke ich. Von denen ich so einige in Wien kennenlernen durfte oder musste. Solche Leute gibt es in jeder Altersgruppe, und ich finde sie in fast allen Fällen unerträglich. Also entscheide ich, ihn lieber weiter zu ignorieren. Ich greife also einmal tief in meine Reisetasche. Ziehe aus ihr ein kleines, gefaltetes Blatt hervor. Mein Sitznachbar verlagert sein Körpergewicht, um mir Platz zu lassen. Also muss ich ihn nicht stoßen, als ich mich wieder zu meinem Platz zwänge. Ich nicke ihm zum Dank zu. Wieder am Fenster, blicke ich aus dieser kleinen Luke und starre ins tiefe, weite Blau des Himmels. Ein verwunderliches Blau. Eigentlich herrscht den ganzen Morgen schon ziemlich trübes Herbstwetter. Jetzt kündigt sich unerwartet eine mögliche Rückkehr des Sommers an. Der Wein, den ich mir hier auf diesem Flug in den Rachen schütte, wirkt. Er benebelt und lenkt mich ab. Treibt mich in eine Höhe, die noch weiter reicht als jene unseres Fliegers. Und ich möchte unter keinen Umständen je wieder auf dem Boden landen.

Also, das Papier, ich ziehe an den Enden, ganz vorsichtig. Lege den Brief in meinen Schoß, auf meine zittrigen Oberschenkel. Sie leiden unter dem Gewicht des federleichten Blatts. Beim ersten Lesen blockierte der Druck auf meiner Brust alles. Mit jedem Buchstaben, mit jedem Wort kamen Erinnerungen hoch. Gedanken an meine Jugend. Gedanken an mein Leben in Wien. Es war wie ein langsamer Tod. Eine Erfahrung, die ich tatsächlich niemandem empfehlen würde. Also, der Brief und ich. Das harte, raue Papier, ich fahre mit meinen Fingern über die Oberfläche. Ich spüre alles, führe den Brief durch meine Fingerspitzen, durch meine Gliedmaßen, direkt in mein Herz. Und hier gibt es nur uns beide, meine Augen richten sich darauf, als ob mein Leben davon abhinge. Was es, dramatischerweise, irgendwie auch tut. Ich bin bemüht, eine versteckte Botschaft zu entziffern. Irgendetwas, das mir zu verstehen gibt, was Hubert damit bezweckt. Lohnt sich die Paranoia? Vielleicht ist es wirklich nur eine normale Dinner-Einladung. Die Skepsis siegt. Denn es ist eine bizarre Geste, dass er gerade mich hierherruft. Wir kennen uns so lange, teilen so viele Erfahrungen. Wir waren wirklich einmal Freunde. Unsicherheit schwingt mit, wenn man lange einen Ort meidet. Zu Recht meidet, natürlich. Ich möchte heute nicht in Wien sein, doch diese Stadt will mich. Zieht mich zu sich. Und am Ende ist es wie eine sehr toxische Beziehung. Heute werfe ich mich unbedarft in dieses große offene Raubtiermaul. Und ich habe Angst, schreckliche Angst. Beinahe täglich sucht mich diese Stadt in meinen Träumen heim. Jetzt bin ich gleich wieder da. Da, wo alles angefangen hat. Ich greife an meine Schläfen, der Schmerz ist kaum aushaltbar. Dabei kann ich ihn nicht mal einordnen. Ist es der physiologische Schmerz oder jener, den ich durch die Erinnerung spüre?

Jetzt also von vorne. Ich habe die Gedanken beim Besteigen dieses rostigen Vogels fallen lassen. Ich muss einen Schritt zurück machen und sie wieder aufheben.

Jetzt also von vorne, in Ruhe den Kopf ordnen.

Jetzt also von vorne.

Dieser Brief auf meinen Oberschenkeln ist eine Einladung. Von Hubert, das u gesprochen wie ü, wie er immer extra betonte. Ein Freund aus einem früheren Kapitel meines Lebens. Diese Einladung, er hat sie vor Kurzem an meine Berliner Adresse geschickt. Ein Dinner in seinem prunkvollen Elternhaus. Seine Familie währenddessen in der Heimat in Südfrankreich. Der Knackpunkt: Wieso überhaupt die Einladung, wieso gerade ich? Nach all den Jahren ohne Kontakt. Weshalb sollte ich Teil des Abendmahls sein, frage ich mich. Denn eigentlich sollten mich die Gäste, und ich kann mir schon vorstellen, wer das sein wird, verabscheuen. Ich bin rücksichtslos verschwunden, ohne etwas zu sagen. Hubert, er sollte mich eigentlich nach jeglicher Küchenpsychologie verachten. Die Trennung von diesem Menschenhaufen, sie verlief auf dem herzlosesten Wege. Und es dreht sich mir tatsächlich der Magen um, wenn ich an diesen Dunstkreis denke. Die Panik ist wieder in greifbarer Nähe. Stattdessen greife ich zum Wein. Meine Hand zittert dabei, ich ziehe sie schnell zurück. Damit mir keiner meine Schwäche ansieht. Dieses Dinner wird ein Drahtseilakt. Der Draht wird äußerst dünn sein, und ich sehr tollpatschig. Mit riesigen, klumpigen Füßen. Das war es wohl mit mir, das wird es wohl mit mir gewesen sein.

Die Natur der Dinge, das ist der Schmerz. Und ein neuer solcher findet gerade seinen Weg in meine Physis. Mit meinem Rücken als Ziel. Diese Zustände lieben es, immer dann am schlimmsten zu sein, wenn es am ungelegensten scheint. Wie auf einem Flug beispielsweise. Wie neben einem luftraubenden Ex-Wirtschaftsuniversitätsbesucher beispielsweise. Ich nehme meinen Pappbecher mit Weißwein, umschließe ihn von oben mit meiner Hand. Rühre mit meinem Zeigefinger darin. Die Bewegung suggeriert mir ein Urlaubsgefühl. Eine künstlich herbeigeführte Gelassenheit. Mit feinen Linien zeichnet sich vor meinem inneren Auge ein Bild. Ein Bild von mir am Strand anstatt in diesem Flugzeug. Einen Aperol Spritz statt des billigen Ekelweins. Die andere Hand, die freie, versinkt im Sand. Ich hebe sie hoch und lasse den goldenen Schnee durch meine Finger hindurchregnen. Eine leichte Brise weht durch meine schwarzen Haare. Die vereinzelten kleinen Tätowierungen auf meiner braunen Haut verblassen in der Sonne. Ich lächle fremden Frauen zu, sie lächeln zurück.

Dann, auf einmal, ausgemalt. Am Ende bleibt es ja doch nur ein Bild in meinem Kopf und ich sitze noch immer hier. Atme diese stickige Luft ein, dazu der ekelhafte Wein. Ein Staffellauf unter meiner Schädeldecke. Manchmal wünschte ich mir, jemand wie Hannibal Lecter würde in unserer Welt wirklich existieren. Den Inhalt meines Schädels auslöffeln. Um den Druck darunter zu lösen. Doch dann denke ich, dass es solche Menschen leider tatsächlich in unserer Welt gibt. Und versinke in großer Weltdepression.

Ich warte und warte auf die Landung, warte auf mein Schicksal. Auf die folgenden vielen Stunden in Wien, vor denen es mir graut. Dabei habe ich einen Satz aus dem französischen Film La Haine im Kopf.

Jusqu’ici, tout va bien.

Also,

so weit, so gut,

diese wenigen Wörter, copy und paste auf meine Vita. Denn bis hierher lief es eigentlich ganz gut für mich. Ich habe mich während der letzten Jahre erholt, in einer neuen Stadt, einer neuen Umgebung, mit neuen Menschen. Doch alte Narben bleiben tief unter der Haut. Die guten Erinnerungen scheinen schneller zu verblassen als die schlechten. Es ging mir gut, und heute habe ich Angst, dass im Abspann meiner Filmadaption nur noch Jusqu’ici, tout va bien stehen wird. Und das letzte Wort würde nicht ersetzt werden. Es würde einfach nur eine leere Stelle im Satz bleiben. Eine leere Stelle in mir.

In dieser Stadt spricht man immer davon, sehnt sich danach, verzweifelt daran, am Appetit.

Das Zerkleinern der Nahrung durch die Zähne. Das Schmatzen, das laute Schlucken. Das penetrante Schlürfen aus den Pappbechern. Das Echo des Konsums, überall und zu jeder Sekunde hallt es auf diesem Flug nach. Und trotzdem scheint der Geschmack verloren zu sein.

ein lebensversuch.

Kurz wird es dunkel, die gesamten Lichter im Flieger gehen aus. Für wenige Sekunden starre ich in die völlige Finsternis. Dann springt die kleine Lampe über meinem Platz an.

Überall in diesem Vogel vermisst man ihn schmerzlich.

An jedem freien Fleck sucht man vergeblich nach ihm.

Hüllen deuten ihn an, doch täuschen final.

Überall ist er verloren,

der Appetit am Leben.

Denn die Menschen sind appetitlos, denke ich. Man hat sich weiterentwickelt, wie es der normale Lauf ist. Doch fatalerweise in die falsche Richtung. Die Lust am Leben, wo ist sie, frage ich mich. Iggy Pop hat es durchgehalten, ist jetzt fünfundsiebzig Jahre alt. Er hat es geschafft. Was ist mit dem Rest?

Das Licht geht überall wieder an. Ich sehe mich im Flugzeug um, scanne die einzelnen Gesichter. Schnell vermischen sie sich zu einer großen, charakterlosen Masse. Appetitlose Menschen, ein geschmackloser Brei. Alle bräuchten diese treibende Kraft, die einen am Leben hält. Die einen Schritt für Schritt tätigen lässt, um gegen diese Welt zu gewinnen. Sonst geht man unter. Und es klingt hart, wenn ich diese Worte in mich hineindenke. Sie sind jedoch auch wahr. Es ist ein Trieb, indoktriniert vom Leben selbst. Ich hatte ihn eine Zeit lang aus dem Sinn. Seit ich in Berlin wohne, könnte man meinen, bin ich wieder ich selbst. Man könnte denken, ich hätte den Appetit am Leben wiedergewonnen. Und eigentlich weiß ich es nicht, denn man kann ihn gar nicht definieren. Kein Mensch könnte sagen, wie es sich anfühlt. Ob man ihn in sich trägt.

Und trotzdem ist er es, der diese Welt eigentlich dominiert. Der uns antreibt, die Kugel am Rotieren hält. Ein Paradigma, tief in uns verankert. Verwurzelt mit unseren eigenen schlafenden Geistern. Die sich so viele nicht trauen aufzuwecken. Und viele Fragezeichen kreisen um sie, wie kleine Traumfänger. Etwas Unbeflecktes. Es kommt darauf an, was man mit ihm anstellt. Ob man den Trieb in die richtige Bahn lenkt. Wirst du Hofnarr oder König. Humanist oder Diktator. Alles gleich.

Ich denke an diese Versuche einer möglichen Beschreibung des Phänomens. Doch nichts, rein gar nichts davon, ist eine finale Antwort darauf. Es sind nur Gedanken. Die Wahrheit liegt noch zerstreut in der Luft. Und wenn Appetit also vielleicht die Lust, der Wille zu leben ist. Dann ist es eine komplizierte Angelegenheit. Alles so schrecklich umständlich. Alles so viel komplexer, als es auf der Oberfläche scheint. Gleichzeitig so simpel, wie es zu wünschen ist, wie es logisch ist. Wenn man auch nur für eine Minute richtig darüber nachdenkt, und –

»Darf ich Ihnen noch etwas bringen.«

Ich starre die Stewardess an.

»Entschuldigen Sie.«

Ich sage nichts.

»Entschuldigung.«

Ich bin wieder da.

Die zuvorkommende Stewardess. Ich habe sie nicht bemerkt. Hier steht sie, bei uns. Und hält mein Kopfkarussell an.

»Also. Darf ich Ihnen etwas Gutes tun.«

»Zwei Fingerbreit Wodka plus einen Revolver, bitte. Danach auch gleich noch ein neues Leben«,

denke ich leise in mich hinein.

Sie sieht mich an, und ich fühle mich schwach.

»Bitte noch ein wenig Wein, vielen Dank«,

sage ich laut.

– und es ist alles so bitter.

Ich reiche ihr über den Sitznachbar hinweg meinen Becher. Sie kippt den billigen Wein hinein, sieht mir dabei tief in die Augen. »Wissen Sie. Alles kostet extra. Auf diesen Flügen«, sagt sie.

»Natürlich.«

Ich bin gereizt, mit den Gedanken noch woanders.

»Sehr gut. Denn manchmal –«

»Ich habe Kopfschmerzen, bitte keine Ausschweifungen. Nur den Wein.«

»Wie Sie wollen. Wie gesagt. Alkohol kostet auf diesem Flug. Ein Becher Wein. Fünf Euro und neunzig Cent. Aber das wissen Sie ja.«

»Natürlich. Wir fliegen nur eine Stunde, jeder Scheiß kostet hier was. Also bitte nur den scheußlichen Wein und ich bin glücklich. Für kurze Zeit zumindest.«

»Ich wollte nur sichergehen.«

»Nur weil ich hier trinke, bin ich nicht gleich geistig verwahrlost.«

»Wie gesagt. Ich wollte nur sichergehen. Sie können sich beruhigen.«

»Beruhigen, beruhigen, beruhigen«, sage ich lauter. Kurz fühle ich mich wie eine von den Personen, die ich beim Fliegen verabscheue. Doch anders weiß ich mir gerade nicht zu helfen. Der Prolet neben mir sieht mich komisch an. Er bestätigt mein Gefühl.

»Sind Sie immer so. Grässlich. Zu den Menschen um Sie?«, bestätigt auch die Stewardess mein Gefühl.

»Wie bitte?«

»Sie sind unhöflich. Arrogant. Die Aufzählung könnte weitergehen.«

»Und Sie sind … direkt.«

Ich beruhige mich, meine Gedanken sind bei ihr. Und mir fällt auf, dass ich noch immer meinen Becher hebe, über meinen Sitznachbar hinweg. Also ziehe ich meine Hand schnell zurück, zu schnell.

»Besser als unhöflich und arrogant«, antwortet sie und zeigt auf meine Hose. »Sie haben ausgeschüttet.«

»Danke für die Ehrlichkeit, sie schmerzt jedoch«, sage ich, während ich mit der Hand über die nasse Stelle fahre. »Und danke, also ein zweites Mal.«

»Zu Recht. Wenn ich das so sagen darf«, sie reicht mir eine Stoffserviette. »Und gerne.«

»Darf ich um einen Neustart bitten?«, frage ich, während ich mich trockne.

»Mit guter Erklärung. Ja.«

»Also, entschuldigen Sie bitte, normalerweise –«

Eine Pause, und sie ist nicht gekünstelt. Ich muss mich tatsächlich selber unterbrechen.

»Ja«, füllt sie die Pause.

»Schlechte Wortwahl. Eine Entschuldigung, die mit normalerweise beginnt, ist quasi keine Entschuldigung. Höchstens eine Entschuldigung dafür, dass das Gegenüber falschliegt.«

»Schön. Ich warte aber immer noch«, sagt sie und nimmt meine gebrauchte Stoffserviette entgegen.

»Also, entschuldigen Sie bitte. Ich bin ehrlich, meine Nerven, eine einzige Katastrophe. Dieser Flug tut mir nicht gut. Und das macht mich zu einem schlechteren Menschen. Der grässliche Traubensaft hilft mir. Ich möchte nicht auffallen, nur unentdeckt, ganz für mich allein, dieser schlechte Mensch sein.«

»Keine Sorge«, sagt sie und schenkt mir einen zweiten Becher Wein ein. Ohne, dass ich nach diesem gefragt hätte. »Hier oben ist es hart. Die bloßen Gedanken an die Vergangenheit. Und die Zukunft. Menschen werden unruhig hier. Über den Wolken.«

»Das hat mich jetzt aber beruhigt.«

»Unhöflich. Arrogant. Witzig. Ihr Profil erweitert sich.«

»Vielen Dank.«

»Wo wir doch ehrlich sind. Ich muss Ihnen noch was sagen. Nämlich. Dass es äußerst teuer werden könnte. Ich habe die Zwischenrechnung gesehen. Es ist ja nicht unbedingt Ihr erster Becher«, ergänzt sie.

»Ich zahle, um zu vergessen«, antworte ich.

»Was wollen Sie vergessen.«

»Alles.«

»Dann hatte ich wohl recht. Es wird teuer.«

»Zahlen, um zu vergessen.«

»Ich bleibe in Reichweite«, entgegnet sie und berührt meine Schulter, zumindest spüre ich etwas Sanftes an dieser Stelle meines Körpers. Eigentlich ist das gar nicht möglich, so rein logisch. Wir haben doch mindestens den Proleten, meinen Sitznachbar, zwischen uns.

»Ich zahle …«, beginne ich den Satz.

»… um zu vergessen«, beendet sie ihn.

Die Stewardess begibt sich zu der nächsten Reihe, entfernt sich von mir. Und ich sehe ihr nach, verrenke fast meinen Kopf dabei. Ich bin ein schlechter Mann, doch jetzt gerade, da interessiert sie mich am meisten. Sie trägt ihre mittellangen blonden Haare als Bob, strahlt mit ihren weißen Zähnen. Zeigt uns ihre sanften Gesichtszüge. Sie ist also wirklich schön und sicherlich sehr klug. Ganz bestimmt mit außerordentlich gefestigtem Charakter, denke ich. Auf Flügen finden sich allerlei Sorten der menschlichen Gattung. Inklusive verhaltensgestörter Gestalten, der bodenlosen Ursuppe der Menschheit entsprungen. Trotzdem, sie kann sich bestimmt mit allen auf die charmanteste Weise arrangieren. Sie hat diesen riesigen Schutzschild um sich. Hier ist sie die Monarchin, nein, die Göttin der Lüfte. Die Stewardess also, ich nenne sie einfach kurz Diana. Ich mag es, wie mich Diana keineswegs verurteilt. Sie schenkt mir den Wein nach und stellt nichts infrage. Nicht, warum ich vormittags bereits den Pegel nach oben treibe. Nicht, warum ich wahrscheinlich trotzdem noch der normalste Mensch auf diesem Flug bin. Nein, sie tut nichts von alledem, sogar das Gegenteil ist der Fall. Sie versteht mich. Es wäre interessant, was sie von meinem Sitznachbar hält. Wen fände sie anziehender, ihn oder mich? Ich schaue den Proleten an und muss lachen. Zeige dabei meine Zähne, die Mundwinkel gehen nach oben. Ich sehe Diana an, bedanke mich nochmals laut bei ihr. Sie lächelt zurück, und diesmal gehen ihre Mundwinkel nach oben. Ich denke, sie findet mich anziehender. Trotzdem bleibe ich ein schlechter Mann.

Ich renke meinen Kopf wieder ein, sehe nach vorne. Es ist mir keine Ruhe vergönnt. Der Ex-Wirtschaftsuniversitätsbesucher dreht sich zu mir, lächelt. Unsere Augen treffen aufeinander. Habe ich ihn herausgefordert, muss ich mich fragen. Sein billiges Parfüm betritt meine Nase. Seine Oberfläche, der scheinbare Wohlstand. Aber dann übertüncht mit einem unangenehmen, billigen Duft. Ich starre zu lange, also nicke ich ihm zu. Mit meinen Augen frage ich ihn dabei, was er will. Er antwortet mit seinen, dass er mich nicht in Ruhe lassen will. Schnell wende ich mich von ihm ab, drehe meine Schulter ein wenig weg. Versuche ihm zu verstehen zu geben, dass es jetzt erst einmal reicht. Ich möchte allein sein. Er versteht, zumindest für den Moment. Der Brief, Dinner, heute, 20 Uhr. Hubert. Aus meiner linken Hosentasche hole ich meine Bordkarte heraus. Berlin – Wien. Daneben die Einladung. Diese beiden lächerlichen Stücke abgeholzter Natur sind alles, was mich wieder in dieses lodernde Feuer lockt. In das potenzielle Verderben, in diese verhängnisvolle Stadt. Ich stehe ruckartig auf, drängle mich an meinem Sitznachbarn vorbei. Wieder stoße ich ihn mit meinem Knie. Diesmal entschuldige ich mich, aus welchem Grund auch immer. Links oder rechts, wo ist hier die Toilette. Links, nach hinten. Es ist besetzt, ich gehe vor der Tür auf und ab, greife mir an die Hemdbrusttasche. Fühle meine Zigarettenpackung durch den Stoff hindurch. Die Tür öffnet sich, und eigentlich wollte ich nach vorne stürmen. Aus der kleinen Kabine kommt eine ältere Dame. Also ruhig stehen bleiben, warten, wie ein zivilisierter Mensch. Sie sieht mich an, und ich muss sie sehr irritieren. So sehr, dass sie etwas sagen muss.

»Sie haben es aber eilig«, wirft sie mir vor.

»Immer.«

»Rennen Sie nicht weiter davon.«

»Wie bitte?«

»Sie sind noch jung. Laufen Sie nicht davon. Sonst werden Sie sehr schnell sehr alt.«

Ich möchte sie mit beiden Händen packen, an die Wand drücken. Fragen, wer sie überhaupt ist. Natürlich nicht wirklich, oder vielleicht doch. Egal, was ich vorhatte, sie ist sowieso bereits an mir vorübergezogen. Geht den schmalen Gang entlang, direkt zu ihrem Sitzplatz. Ich schließe hinter mir die Tür, atme tief durch, setze mich auf den Toilettendeckel. Jetzt also eine Zigarette anzünden. Oder zumindest abwägen, mir eine anzuzünden. Früher hatten sich hier vermutlich Rockstars noch einen Schuss setzen können. Heute kann man nicht einmal rauchen. Die Vernunft siegt, keine Ablenkung. Ich sitze hier auf dem Toilettendeckel und beschäftige mich mit mir selbst, mit meinen Gedanken. Mein Kinn stütze ich auf meiner Handfläche ab. Ich versuche ruhig zu bleiben. Das schaffe ich aber wirklich nur für zwei oder drei Minuten, und schon stehe ich wieder auf. Am Waschbecken versuche ich mir meine Vergangenheit aus dem Gesicht zu waschen. Die Augenringe sprechen für sich. Kaltes Wasser auf die Haut und es geht mir minimal besser. Es hilft doch nichts Natürliches mehr auf diesem Flug. Nichts könnte mich vor meinem Schicksal bewahren. Türe kräftig aufstoßen, hoffen, dass ich niemanden umbringe. Den Gang entlang und langsam in meinem Platz versinken.

Selbsttherapie tut weh. Der junge, moderne Volksglaube meint, wir alle müssten eigentlich in Therapie gehen. Es stimmt auch. Geh doch mal einen Schritt in einer Großstadt. Sofort traumatisiert. Du kannst dir direkt einen Termin ausmachen. Ausnahmen bestätigen die Regel, also irgendwie. So Kandidaten wie ich. Der es versucht und abgebrochen hat. Dann hilft nur noch die Selbsttherapie, oder eben der Versuch davon. Dabei kann man Geld sparen, während man zu sich selbst findet. Ein Blödsinn eigentlich, aber es stimmt schon, zumindest lernt man sich selber mit der Zeit besser kennen. Selbst ich habe mit den Jahren gemerkt, was ich brauche, um ein funktionierender Mensch zu sein. Kenne mich natürlich trotzdem noch nicht. Wie auch. Jeden Tag ändere ich mein Wesen, reagiere anders. Es hat lange gedauert, ist eine ständige Arbeit an sich selbst. Und das kann sehr anstrengend, vor allem schmerzhaft sein. Bricht man aus gewohnten Mustern, aus gewohnter Umgebung aus, geht man einen Schritt weiter in seiner Entwicklung.

Drei Thesen, drei unabdingbare Grundlagen, drei Dinge, die ich brauche:

Erstens, einen Nährboden, eine pulsierende Stadt, die mich auf Trab hält.

Zweitens, Menschen, generell Menschen. Seelen auf der Straße, die ich nicht kenne und die mir egal sind. Seelen, die ich kenne und die keine hasserfüllten Wracks sind. Die einem vielleicht sogar guttun könnten.

Drittens, anderweitige Ablenkung. Alkohol, Körperlichkeit, Zigaretten – das bedürfniserfüllende Triumvirat.

Ich darf mich jetzt nicht verunsichern lassen, nicht noch mehr. Heute Abend werde ich alle Antworten bekommen. Heute Abend, da wird alles anders.

Da war gestern Nacht dieser Traum. An den Inhalt kann ich mich nur undeutlich erinnern. Etwas mit menschlicher Vergletscherung, ich war zu Eis geworden. Also, die Details sind weg. Was bleibt, ist die Silhouette von Haneke, die über dem Traum schwebt. Was bleibt, sind die Empfindungen dabei. Es war lebendig, feucht, salzig, kühl.

körper auf körper ist ungleich liebe.