Dramen I - Antonie Hindelang - E-Book

Dramen I E-Book

Antonie Hindelang

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Beschreibung

12 Dramen portraitieren bedeutende historische Persönlichkeiten des Mittelalters und der frühen Neuzeit: Könige und Königinnen, Adelige und Künstler aus Italien, Spanien und Deutschland. Es sind zumeist Frauen, deren Wesen, Ideen und Leistungen auch anhand zahlreicher überlieferter Äußerungen hier in ihrem historischen Um-feld beleuchtet werden. Eingebettet sind diese Lebensbilder in Musikstücke vom Mittelalter bis zur Moderne, die auf unterschiedlich-sten Ebenen aufgreifen, widerspigeln und weiterführen, wofür die dargestellten Personen stehen und gleichzeitig derenSeelenbefindlichkeiten hörbar machen.

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Seitenzahl: 317

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Eleonore von Aquitanien

Elisabeth von Thüringen

Beatrix von Schwaben

Manfred

Alfonso X der Weise

Die frühen Tage der schwarzen Königin

Die frühen Tage der schottischen Königin

Beatrice d’Este

Vittoria

Wilhelmine

Marie Antoinette

Clara

Eleonore von Aquitanien

Dramatis Personae

Eleonore von Aquitanien

Ludwig VII

Heinrich II

Priester

Bernhard von Clairvaux

Nonne

Tanzende Jungfrauen

Bertram de Born

Junge Frau

Junger Reiter

Männerstimme

Frauenstimme

Richard Löwenherz

Bischof

Kammerzofe

Bote

Musik

Bertram de Born: Instrumentales Lied

Johann Caspar Kerll: Missa Superba

Gabriel Fauré: Pélléas et Mélisande - Suite op. 80

Johann Wolfgang Amadeus Mozart: Divertimento in B-Dur KV 254, Entführung aus dem Serail KV 384, Regina Coeli KV 127

Jean Sibelius: Sinfonie Nr. 7 in C-Dur op. 105

Alfred Schnittke: Suite im alten Stil op. 95

Gottfried Heinrich Stölzel: Cantata Von dem Einfluss zweier Sternen Nr. 1

Georg Friedrich Händel: Konzert in F-Dur HWV 333, Zadok the Priest HWV 258

Emilie Mayer: Streichquartett in g-Moll op. 14: Scherzo

Maurice Ravel: Pavane de la Belle au bois dormant aus Ma Mère l’Oye M. 60

Barbara Strozzi: L’Amante modesto op. 1, Che si può fare op. 8 Nr. 6

Bernart de Ventadorn: Lerchenlied

Alfred Heinrich Zabel: Konzert für Harfe und Orchester in c-Moll op. 35

Felix Mendelssohn Bartholdy: Variations concertantes für Violoncello und Klavier in D-Dur op. 17 MWBQ 19

Glocken von Sainte-Etienne in Limoges

Ralph Vaughan William: Fantasia on a Theme by Thomas Tallis in G-Dur

Johann Sebastian Bach: Aria Schafe können sicher weiden Cantata BWV 208

Richard Löwenherz: Ja nus hons pris

Ludwig van Beethoven: Klaviersonate Nr. 8 in c-Moll op. 13: Pathétique

Glocken von Westminster Abbey in London

Gregorianischer Choral: Tractus Gustate et videte: Psalm 34 Vers 1

Arvo Pärt: Sequentia, L’Abbé Agathon, Vater unser

Eleonore in einem samtroten Kleid aus Seide am Schreibtisch sitzend in Fontevrault, in einer Kemenate des Nonnenklosters. Ein Schrank, ein Bett, ein Sofa, ein Schreibtisch und Stuhl. Sie schreibt:

Liebste Blanca, liebstes Kind, du auf dem Weg, den ich einst in deinem Alter beschritten, fast Kind noch und bald vielleicht Königin schon … Frankreich liegt dir zu Füßen wie mir … ich war 15 erst damals … Mädchen schon … nicht aber Frau … bestimmt noch lange … bestimmend dann selbst endlich … vielleicht schon bald … ich habe dich dort aufgesucht in deiner Wiege, dem Ort munterer Spiele, wie ich dich fand, vergnügt, dem Gespräch hingegeben, Worten lauschend mit Neugier begegnend und wiederum Worte versprühend … den Liedern der Sänger offen, begeistert von ihren Tönen, Tönen der Laute und Laier, Erzählungen, die sie in ausgewählten Worten bringen … Erzählungen von edlen Rittern und Damen, der Milde und Treue von Herrin und Frouwe …den Aventiuren … von Minne … Turnieren und Prüfung … wie habe ich sie geliebt diese Welt … Chrestien de Troyes … seine Welt … die Welt des Erec … wie hautnah ist sie mir gewesen … Spiegel um mich herum …

Ich schreibe dir, liebes Kind, weil dich mein Herz, so wie ich dich sah, ab dem ersten Augenblick umschlossen … und so wie ich dich sah, wie ich dich erlebte, für dieses Leben bestimmt hielt … mit deiner Offenheit … deine Freude an Wort und Gesang, deine Aufgeschlossenheit für das Neue, Andere … alles prädestiniert dich zu dieser Aufgabe, die auch einen starken Willen und Stärke dir abverlangen wird … von den drei Mädchen meiner Eleonore bist du mir am Ähnlichsten … Ich habe dich ins Herz geschlossen und möchte dich auf deinem Weg, solange ich noch kann, begleiten … ich tue dies in Briefen und erzähle dir von meinem Leben … so dass du dir das, was dir gefällt und richtig scheint, nehmen … die Fehler aber ausschneiden kannst. Ich schreibe dir aber auch, damit du weißt, dass du nicht allein bist in dieser neuen, dir ganz fremden Welt.

Man hört Johann Caspar Kerlls Missa Superba „Eleison“ und „in gloria dei patris“ „omni potentem … in seacula“ „salutem“ „in coelis“ „et incarnatus est“, „unus regnus … Dei“, „et una sancta catholica et apostolica ecclesia … Amen“ „Gloria, gloria tua“.

Eleonore legt die Feder beiseite, steht auf, macht das Kreuzzeichen und kniet sich vor dem Kreuz auf einer Bußbank nieder, faltet die Hände.

Man hört „miserere, miserere … peccata mundi … dona nobis pacem … dona nobis pacem … dona nobis pacem … dona nobis pacem … pacem“ von Männern und Frauen im Wechsel gesungen.

Dunkel

Man hört Gabriel Faurés Pélléas et Mélisande – Suite op. 80 leise angespielt.

Eleonore, 15-Jährig, in weißem, Kleid, sie blickt zu Ludwig VII hinauf, reicht ihre Hand, er steckt ihr den Ring an die Hand. Sie knien beide auf der Büßerbank nieder. Ein Priester legt eine Lilie, einen Ölzweig auf das Bänkchen, segnet die beiden.

Dunkel

Man sieht Ludwig VII mit grauem Büßergewand und Sandalen. Man hört Eleonores Stimme: Ich habe manchmal den Eindruck, ich hätte einen Mönch geheiratet.

Dunkel

Man sieht Ludwig VII mit Eleonore. Sie halten die Hände, er kniet vor ihr. Man hört Wolfgang Amadeus Mozarts Divertimento in B-Dur KV 254 und folgende Verse:

Meine Herrin hat, so meine ich,

lachende graue Augen, dunkle Augenbrauen,

Haar, das schöner als Gold,

eine schöne Stirn, die Nase gerade und wohlgeformt;

Farben wie Rosen und Lilien,

einen lieblichroten Mund;

der Hals ist weiß, nicht sonnenverbrannt,

die Brust strahlt von Weißheit.

Sie ist lieb, freundlich und heiter;

so hat sie unser Gott geschaffen.

Und:

Sie ist mit schlankem Körper, graublauen Augen,

schöner Stirn, hellem Gesicht.

Blonde Haare hat sie, eine lachende und

strahlende Miene.

Dunkel

Man hört Jean Sibelius‘ Symphonie Nr. 7 in C-Dur op. 105. Eleonore mit Bernhard von Clairvaux, Eleonore bekümmert:

Wir sind jetzt sieben Jahre verheiratet. Aber ein Erbe bleibt aus.

Bernhard von Clairvaux: Sucht doch dem Königreich Frieden zu geben, und Gott in seiner Barmherzigkeit wird Euch gewähren, worum Ihr ihn bittet.

Dunkel

Eleonore in Fontefrault am Schreibtisch sitzend, schreibend:

Nach einem Jahr war die kleine Marie geboren. Wir überließen sie einer Amme, um uns auf den Weg nach Jerusalem aufzumachen. Es war eine Unmenge von Wägen, die sich mit uns in Bewegung setzten … Ritterschaft … Hofdamen und andere … an Pfingsten waren wir in Metz … von dort ging es in die Donauebene … dann weiter nach Byzanz.

Man hört Alfred Schnittkes Suite im alten Stil op. 95.

Byzanz war überwältigend, der Kaiser von Ostrom sorgte für unsere Unterkunft und Unterhaltung … wir wurden in der Stadt umhergeführt, zu Festen und Bällen, Turnieren eingeladen. Die Gerichte, die man uns dort servierte, die Spezereien waren köstlich und überall umgab uns der Duft von Parfümen und anderen Duftölen. Wir suchten nach Antiochia überzusetzen, aber die Koggen, die uns der Kaiser versprochen hatte, wollten nicht kommen, so dass wir, als wir hörten, dass sich der Kaiser auf die Seite der Sarazenen geschlagen hatte, gezwungen waren, die Hilfe von Roger von Sizilien, dem Normannen, annahmen, die uns dann, nachdem wir über auf einem längeren beschwerlichen und abenteuerlichen Weg über das Land endlich auf das Meer zu meinem Onkel Raimund nach Antiochia übersetzten. Antiochia war noch prächtiger als Byzanz … die Olivenhaine und bewässerten Hänge ringsum brachten mich zurück in mein Aquitanien … die Stätte meiner Kindheit, wo ich mit Raimund gebalgt und gespielt hatte … wo Troubadoure mit ihren Leiern, Lauten ein und ausgingen und die Geschichten etlicher tapferer edler Ritter im Gesang und Spiel ihrer Hände episch pittoresk vortrugen … wo Raimund und ich … Raimund, mein Oheim, der aber nicht älter war als ich, in der Welt unseres Großvaters Wilhelm erblüht waren … ihren Duft, ihren verführerischen Klang aufgesogen haben … wo die Amme uns gestillt hat und mit ihrer lieben Milch auch die Welt von Lied und Gesang unentwegt begleitet hat. Sie legt ihre Feder beiseite. In der Ferne hört man Bertram de Borns Lied spielen. Eine Nonne tritt ein, bringt einige Spezereien und ein Glas Wein: Danke, liebste Schwester. Sie nimmt davon und setzt ihren Brief nach einigen Momenten fort: Raimund, schon als Junge einnehmend, plaudernd, ideenreich, hübsch von Gestalt, war zu einem ansehnlichen jungen Mann von 25 Jahren herangereift mit betörenden Manieren, Eleganz und Milde … der mich beeindruckte und mit den ich in den orientalischen Gärten und bei bezaubernden Festen gern um mich wusste ... der mich an mein früheres Selbst wieder heranführte … die Zeit, wo ich die Besitztümer meines Vaters abgeritten hatte … dort nach dem rechten geschaut, für Ordnung und Recht gesorgt habe, Recht gesprochen und über das Land zum Besten des Landes, nach meinem Vermögen für das Land entschieden habe … Es hat sich viel getan in dieser Zeit, die Windmühlen, Mühlen haben an Zahl zugenommen und die Ernte von Wein- und Kornfeld ist üppig, reich geworden. Diese Zeit, die ich so genossen habe, wo ich selbstbestimmt gehandelt und Verantwortung mit großer Freude und Kenntnis getragen habe … sie hat Raimund wieder beleben, im Schatten des östlichen Blattwerks … zurückrufen können … so gestärkt … wollte ich länger bleiben … den Liedern und Gesängen der Troubadoure seines Hofs weiter lauschen … den Tänzen der bildhübschen Jungfrauen weiter mein Augenmerk schenken …

Dunkel

Man hört einige Sequenzen aus Wolfgang Amadeus Mozarts Entführung aus dem Serail. Jungfrauen in durchscheinenden Seidengewändern treten auf, schicken sich an, finden zu einem zauberhaften Reigen zusammen … huschen vorbei wie in einem leicht aufscheinenden Traum.

Dunkel

Eleonore, vierundachtzigjährig, am Sekretär in Fontevrault sitzend, schreibend: Doch Ludwig hatte beschlossen, den Heimgang anzutreten, ohne Jerusalem je gesehen zu haben … die Situation war zu angespannt dort … ich verwehrte mich dagegen … wir verwarfen uns … kamen nicht mehr überein … und ich brachte unter der Schirmherrschaft Raimunds die alte Frage wieder ins Spiel, ob wir nach kanonischem Recht überhaupt Gatte und Gattin seien, da wir einander verwandtschaftlich so nahe standen … Es endete damit, dass wir in getrennten Schiffen den Heimweg antraten … wir trafen uns wieder auf dem Festland in Rom, wo uns der Papst beschwor, zu einander zurückzufinden … Inzwischen hatten Heinrich II von Anjou, Plantagenet, dein Großvater, und Gottfried, dein Urgroßvater, die französischen Lande bedrängt … um den Frieden zu retten … da schaltete ich mich ein … ich hatte deinen Großvater inzwischen kennengelernt und konnte vermitteln … es kam zur Aussöhnung ... Mittlerweile war Alix, das zweite Töchterchen, auf die Welt gekommen.

Sie nimmt einen Ginsterzweig aus dem Steinkrügchen am Fenster, drückt ihn an ihr Herz. Man hört Gottfried Heinrich Stölzels Cantata Von dem Einfluss zweier Sternen Nr. 1.

Dunkel

Die dreißigjährige Eleonore in Poitiers, begeistert:

Geliebtes Poitiers … Stadt meiner Väter und Vorväter … du hast mich wieder … ehrwürdige Mauern der Saint Pierre … Gemäuer des Hôpital der Armen … Hôtel-Dieu … geliebter Glockenturm von Saint-Porchaire … Notre-Dame-la-Grande … die Arkaden des Klosters … die Gassen der geliebten Stadt … wie glücklich doch verlief das Konzil in Beaugency, als der Erzbischof von Sens die Ehe für nichtig erklärte … Palmsonntag … wie unvergesslich, als die Bäume geplündert … um die Häuser zu schmücken … endlich ich selbst … meine Erblande zurückerhalten … mir wieder … die Länder meines Vaters, meines Großvaters Wilhelm und mehr … die Lieder … Gesänge… mein geliebtes Aquitanien … du hast mich wieder … Herzogin von Guyenne, Gräfin von Poitou … welch wunderbarer Tag …

Dunkel

Die dreißigjährige Eleonore und der knapp zwanzigjährige, älter wirkende Heinrich II von Anjou kniend. Der Geistliche steckt ihnen den Ring an. Sie erheben sich. Eleonore gerührt:

Nie soll ich diesen Tag, diesen 18. Mai, diesen wunderbarsten aller Frühlingstage vergessen … geliebter Heinrich, geliebter Herre mein.

Heinrich II beugt sich über sie, küsst sie: Eleonore. Geliebte. Geliebte Herrin, Herzogin von Guyenne, Gräfin von Poitou, Herzogin der Normandie und Gräfin von Anjou.

Man hört Georg Friedrich Händels Konzert in F-Dur HWV 333.

Dunkel

Eleonore und Heinrich in Fontevrault. Sie nimmt eine Pergamentrolle:

Hören Sie, liest: Nachdem ich wegen der nahen Verwandtschaft von meinem Herrn Ludwig, dem illustren König von Frankreich, getrennt und durch Heirat mit meinem edlen Herrn Heinrich, Grafen von Anjou, vereint worden bin, habe ich, einer göttlichen Eingebung folgend, gewünscht, den Heiligen Orden der Jungfrauen von Fontevrault zu besuchen. Durch die Gnade Gottes habe ich diese Absicht verwirklichen können. Ich bin also mit Gottes Hilfe hierher nach Fontevrault gekommen und habe die Schwelle des Hauses überschritten, wo sich die Nonnen versammeln. Hier habe ich, mit bewegtem Herzen, alles bewilligt, zugestanden und bestätigt, was mein Vater und meine Vorfahren Gott und der Kirche von Fontevrault geschenkt haben, insbesondere das Almosen von fünfhundert Sous in poitinischer Münze, das Herr Ludwig, König von Frankreich, zur Zeit, als er noch mein Gemahl war, und ich gegeben haben.

Heinrich umarmt sie:

Wunderbar, liebste Eleonore. Und wissen Sie, meine Tante, Mathilde von Anjou, ist die Dame dieses Hauses, ist Äbtissin von Fontevrault … mit elf Jahren bereits nahm sie den Schleier in Fontevrault … heiratete dann aber auf meines Großvaters inständiges Bitten Wilhelm Adelin, den Sohn und Erben des Throns von England. Doch das Schiff, das ihn nach England bringen sollte, kam nie dort an. Mathilde ging ins Kloster, nach Fontevrault, zurück. Sie fand vom König der Angeln zum König der Engel zurück … Lassen Sie die heiligen Jungfrauen nun uns beiden angelegen sein.

Er nimmt sie wieder in die Arme. Man hört Emilie Mayers Scherzo aus dem Streichquartett in g-Moll op. 14.

Dunkel

Man sieht Eleonore und Heinrich in einem Waldstück … es ist Einbruch der Dunkelheit … Man sieht ein Tier mit Geweih sich zwischen den Bäumen bewegen … Eleonore legt den Finger auf den Mund, beschwörend: Still … wir wollen ihn nicht stören … wie weiß … silbern doch sein Haar in der Helle des Monds.

Dunkel

Man hört Maurice Ravels Pavane de la Belle au bois dormant aus Ma Mère l‘Oye leise angespielt, dann Barbara Strozzis Che si può fare op. 8 Nr. 6.

Die vierundachtzigjährige Eleonore in Fontevrault am Schreibtisch sitzend, schreibend:

Lass mich dir nun weitererzählen. Ein Jahr nach der Hochzeit mit deinem Großvater wurde Wilhelm, der Thronfolger, geboren, der uns drei Jahre später aber wieder genommen wurde. Inzwischen war Heinrich, dein Großvater, zum König von England gekrönt worden. Wir siedelten nach England über. Wir kümmerten uns um die Länder auf dem Kontinent und der Insel gemeinsam. So waren wir beide gleichermaßen für Rechtsprechung und Finanzen zuständig. Ich orderte die für den Hof notwendige Ausstattung … Tischwäsche … Töpfe … Geschirr … Bestecke und anderes… die in der gehörigen Anzahl und Ausführung vorliegen mussten … gab Gewürze und die Beschaffung von Wein … erstere aus dem Orient und letztere aus meinen Erblanden … in Auftrag … Ich unterzeichnete immer wieder die Rechnungen … Auch bauliche Maßnahmen standen auf der Tagesordnung … wir bauten den Palast weiter aus … wir trieben die Errichtung von Mühlen auf der Insel und in den Erblanden auf dem Kontinent an, um den Wohlstand anzukurbeln … Auch die Familie wurde wieder größer … Mathilde, Heinrich der Jüngere, der neue Erbprinz, dann Richard, Gottfried, Johanna, und deine Mutter Eleonore kamen zur Welt und zuletzt Johann. Wenn Heinrich in der Normandie war, war ich in England. War er in England, war ich in Aquitanien und schaute nach dem Rechten. Der Bau von Hospitälern war eines unserer Hauptanliegen … auf dem Kontinent und auf der Insel kam es zur Errichtung etlicher Spitäler … Die Anliegen der Mönche waren nicht minder wichtig für uns … In der Zeit vor Heinrichs Geburt, als wir noch in London lebten, galt mein Interesse auch den Arbeiten in den Docks und Lagerhäusern an den Ufern der Themse. Aber ganz besonders hatte es mir Tintagel mit seinen Troubadouren angetan … Bernart de Ventadorn … Chrestien den Troyes … Bertram de Born … Wace …

Man hört Bernart de Ventadorns Lerchenlied, die ersten drei Strophen.

Can vei la lauzeta mover

de joi sas alas contral rai,

que s'oblid' e.s laissa chazer

per la doussor c'al cor li vai,

ai tan grans enveya m'en ve

de cui qu'eu veya jauzion,

meravilhas ai, car desse

lo cor de dezirer no.m fon.

Ai, las tan cuidava saber

d'amor, e tan petit en sai,

car eu d'amar no.m posc tener

celeis don ja pro non aurai.

Tout m'a mo cor, e tout m'a me,

e se mezeis e tot lo mon!

E can se.m tolc, no.m laisset re

mas dezirer e cor volon.

Anc non agui de me poder

ni no fui meus de l'or' en sai

que.m laisset en sos olhs vezer

en un miralh que mout me plai.

Miralhs, pus me mirei en te,

m'an mort li sospir de preon,

c'aissi.m perdei com perdet se

lo bels Narcisus en la fon.

(Wenn ich die Lerche sehe, wie sie voller Freude ihre

Flügel zu den Strahlen der Sonne trägt,

wie sie sich dann voller Lebenslust

vergisst und fallen lässt,

– weh mir! – wie beneide ich dann

alle, die ich glücklich sehe,

und ich wundere mich, dass mein Herz

nicht sofort vor Sehnsucht zerspringt.

Weh mir! Wie viel glaubte ich von der Liebe zu wissen,

und wie wenig weiß ich davon!

Denn ich kann nicht anders, als die lieben,

bei der ich nie etwas erreichen werde.

Mein Herz hat sie mir genommen, und mich selbst,

und dann sich und damit die ganze Welt.

Und da sie sich mir nahm, ließ sie mir nichts

als Sehnsucht und ein unstillbares Verlangen.

Nie mehr hatte ich Macht über mich,

nie mehr gehörte ich mir selbst

seit der Stunde, da sie mich in ihre schönen Augen sehen

ließ:

In einen Spiegel, der mir so sehr gefällt.

Spiegel, seit ich mich in dir spiegelte,

haben mich die Seufzer aus der Tiefe getötet,

und ich verlor mich, so wie sich

der schöne Narziss verlor, in der Quelle.)

Dunkel

Man hört Bertram de Borns Instrumentales Lied und hört folgende Verse von ihm gesprochen:

Es war kein Kind gewesen je

Des‘ Leib dem Wunschbild so geglichen hätt‘

Ich wähn‘ bei Gott sein‘ Fleiß

Den er an sie gelegt

Von Schönheit und von Seligkeit

Man sieht eine junge Frau und einen jungen Reiter auf einem Streitross. Die Frau geht in armer Kleidung neben dem Pferd des Reiters her und führt dieses am Halfter.

Man hört eine Frauenstimme:

Dû bist mîn

ich bin dîn

des solt du gewiss sîn

du bist beslozzen

in mînem herzen

Man hört eine Männerstimme:

verloren ist das sluzzelîn:

solt dû immêr drinne sîn

Man hört die Frauenstimme:

Hast dich mit mir verlibben

hast dîn pfliht verligen

alles rueft

dier nā

Man hört die Männerstimme:

Solst mir triuwe zîgen und ouch minne

sprechen niht und loufen

neben mînem pherd

am halfter vüeren solst du’s

und volgen immêr

mier nā

Man hört die Frauenstimme:

Sprechen werd‘ ich

uns zum schutze und zuer ēr‘

gehōrsam brechen

daz niemand’s mier verwehr‘

und frîd bleib‘ in unsrer wer

und vröude bleib‘ umher.

So lec ich denn

zuend

mîn herz

in dîne hænd

der mich

allzeit kennt

Man hört Alfred Heinrich Zabels Konzert für Harfe und Orchester in c-Moll op. 35.

Dunkel

Eleonore und Heinrich. Eleonore: Es ist wunderbar, dass wir die Klöster so tatkräftig unterstützen können … Saint-Albans … Tewkesbury … und jetzt die Töchter Roberts von Arbrissel, die Jungfrauen von Fontevrault … auch sie hier bei uns in England … in Eaton … in Westwood … welch wundervolle Fügung …

Dunkel

Man hört Barbara Strozzis L’Amante modesto op. 1.

Eleonore, vierundachtzigjährig, in ihrer Kemenate in Fontevrault, am Schreibtisch sitzend, schreibend:

Ich musste bald erleben, dass Heinrich sein gegebenes Wort, die Treue, nicht hielt. Die holde Rosamunde, wie sie die Engländer nicht selten nannten, hatte meinen geliebten Gatten mehr und mehr von mir entfernt … er traf sie in unserem Woodstock, unserer geliebten Residenz … hier fanden immer wieder Stelldicheins statt … in den hohen Laubengängen dort … den hoch aufragenden Labyrinthenpfaden aus grünbewachsenem Buchsbüschen, die Heinrich dort hatte anlegen lassen, um die Treffen zu cachieren oder in dem kleinen gardinenverhängten Pavillon der Gartenanlage des Schlosses … Sie hält inne, spricht dann gequält weiter … Die Verletzung war groß … ich liebte ihn immer noch und tue es jetzt noch … so dass ich es nicht mehr länger in England ertrug und mich auf meine Erblande zurückflüchtete … um vergessen zu können … Ich wollte sie jetzt, wo mein Gatte, mich dieser Schmach und Pein aussetzte, nach diesem so ungeheuerlichen Treuebruch, alleine bestellen … mein Augenmerk jetzt ganz darauf lenken … dazu kam, dass Heinrich in seiner wilden und unbeherrschten Manier die Länder, die ihm anvertraute Fürsorge und die dafür nötige Umsicht nicht aufzubringen imstande gewesen war, Land und Leute, auch die Vasallen, vernachlässigte, ja vor den Kopf stieß. Nicht nur in meinen Erblanden, in Aquitanien, sondern auch in seinen Erblanden kam es zu Auflehnung und Ablehnung. Eine Nonne kommt herein, stellt einen Tee auf das Tischchen neben dem Schreibtisch. Danke, meine liebste Schwester. Sie nimmt einen Schluck von dem Tee. Die Nonne verneigt sich mit gefalteten Händen, geht ab. Eleonore ergreift wieder die Feder, schreibt: Glücklicherweise kam Heinrich, dein Großvater, auf die fabelhafte Idee, die Herrschaft an Heinrich den Jüngeren, den Erbprinzen abzutreten … Heinrich der Jüngere wurde auch schon bald zum König gekrönt. Der Erbprinz nun hatte das Land in Kürze auf seiner Seite, er war das Ideal eines edlen und tapferen Recken, jemand, der es verstand, alle mit seiner Redegewandtheit und seinem überall gepriesenen Charme und seiner Milde zu betören. Aber auch Richard, den ich von allen Söhnen am stärksten ins Herz geschlossen habe, so lag es mir nun am Herzen, sollte eine angemessene Position einnehmen dürfen. Ich überließ ihm meine Erblande, Aquitanien.

Dunkel

Man hört Felix Mendelssohn Bartholdys Variations concertantes für Violoncello und Klavier D-Dur op. 17 MWBQ 19.

Richard Löwenherz vor dem Bischof in der Kathedrale von Sainte-Etienne knieend. Dieser segnet ihn und bekleidet ihn mit einer seidenen Tunika, streift ihm den Ring der hl. Valérie auf den Finger. Richard trägt eine goldene Krone auf dem Haupt und das Banner in der Hand und schreitet zum Altar hinauf, um das Schwert und die Sporen zu empfangen. Der Bischof berührt Richards rechte Schulter mit dem Schwert und auch seinen rechten Arm, reicht ihm das Schwert und legt ihm die Sporen an, die Richard zum Ritter machen. Der Bischof feierlich: Du, nun zum Ritter geschlagen … zum Herzog von Aquitanien erhoben. Man hört das Läuten der Glocken von Sainte-Etienne.

Dunkel

Richard und Eleonore. Eleonore freudig:

Lass uns den Grundstein zum Kloster hier in der Stadt … meinem teuren Limoges … legen … es soll dem hl. Augustinus gewidmet sein … und dann lass uns eine weitere Schenkung an das Kloster Fontevrault vornehmen … die Jungfrauen sollen das Recht bekommen, auch im Namen meines Vaters und dessen Vaters, in einem ihrer Wälder Bau- und Brennholz zu schlagen ... mögen sie für unser Seelenheil beten

Dunkel

Man hört Wolfgang Amadeus Mozarts Regina Coeli KV 127. Richard und Eleonore auf einem Thron ähnlichen Stuhl sitzend, begeistert: Du bist jetzt der Herzog von Aquitanien. Dein Bruder Heinrich der Jüngere ist zwar der König, aber du hast ganz Aquitanien unter dir, das Land der Troubadoure, unserer Vorväter … Troubadour selbst und edel … milde … und begabt … nennen dich die Leute … Dichter wie dein Vorfahr, Großvater Guillaume, tapfer und mutig … stellst dich vor den Chor und dirigierst … Und jetzt eine Frage: Berengaria von Navarra, hat sie dir nicht vor Jahren schon gefallen?

Richard nickt.

Eleonore ermunternd: Sie wäre eine dir ebenbürtige Gemahlin … deine Erblande so weiter gesichert … Frieden, der dein Land umgibt. Du bist ein gutaussehender, hochgewachsener Recke, der von so mancher Jungfrau Turnierkränzchen schon zugeworfen bekam, trag deine Lieder vor, geh zu ihr … Sie streckt die Hand aus: Lass hören.

Richard verbeugt sich setzt sich auf einen Stuhl neben Eleonore, setzt an, in die Saiten der Leier zu greifen, er singt sein Lied „Ja nus hons pris“:

Ja nus hons pris ne dira sa raison

adroitement, se dolantement non;

mais par effort puet il faire de chançon.

Mout ai amis, mais povre sont li don.

Honte i avront, se por ma reançon

sui ça deus yvers pris!

Ce sevent bien mi honme et mi baron,

Ynglois, Normant, Poitevin et Gascon,

que je n’ai nul si povre conpaignon,

que je lessaisse por avoir en prison.

Je nou di mie por nule retraçon,

mais encor sui je pris.

Or sai je bien de voir certeinnement

que morz ne pris n’a ami ne parent,

quant on me faut por or ne por argent.

Mout m’est de moi, mes plus m’est de ma

gent

qu’aprés ma mort avront reprochement,

se longuement sui pris.

N’est pas mervoille, se j’ai le cuer dolant,

quant mes sires met ma terre en torment.

S’il li menbrast de nostre soirement,

quo nos feïsmes andui communement,

je sai de voir que ja trop longuement

ne seroie ça pris.

Ce sevent bien Angevin et Torain,

cil bacheler qui or sont riche et sain,

qu’encombrez sui loing d’aus en autre main.

Forment m’amoient, mais or ne m’ainment

grain.

De beles armes sont ore vuit li plain,

por ce que je sui pris.

Mes compaignons, que j’amoie et que j’ain,

ces de Cahen et ces de Percherain,

di l‘or, chançon, qu’il ne sunt pas certain;

c‘onques vers aus ne oi faus cuer ne vain.

S’il me guerroient, il feront que vilain,

tant con je serai pris.

Contesse suer, vostre pris soverain

vos saut et gart cil a cui je m‘en clain

et por cui je sui pris.

Je ne di mie a cele de Chartain,

la mere Loës.

(Niemals wird ein Gefangener seine Sache

in gewandter Weise zum Ausdruck bringen,

es sei denn so wie ein trauriger (Mann);

aber zum Trost kann er ein Lied machen.

Viele Freunde habe ich, doch die Geschenke sind dürftig.

Sie werden sich dessen schämen, dass [wenn],

wegen des Lösegeldes,

ich nun bald schon diese zwei Winter gefangen bin!

Meine Lehnsmannen und meine Barone wissen das

wohl,

Engländer, Normannen, Poiteviner und Gaskogner,

dass ich keinen (noch) so armen Gefährten hatte,

den ich der Habe wegen im Gefängnis gelassen hätte.

Ich sage dies nicht als Vorwurf,

aber immer noch bin ich gefangen.

Jetzt weiß ich wohl, wahrlich und gewisslich,

dass ein Toter und ein Gefangener weder einen Freund

noch einen Verwandten hat

- (jetzt) da man mich des Goldes und des

Silbers wegen (im Stich) lässt.

Mir ist es sehr um mich (selbst zu tun),

aber mehr (noch) ist es mir um meine Leute,

die nach meinem Tod einen großen Tadel haben werden,

wenn ich lange gefangen bin.

Es ist kein Wunder, dass ich ein betrübtes Herz habe,

wenn mein Lehnsherr mein Land in Bedrängnis hält.

Wenn er sich jetzt unseres Eids erinnerte,

den wir beide gemeinsam leisteten,

fürwahr, ich weiß wohl, dass ich nicht lange hier drinnen

gefangen wäre.

Die Angeviner und die Tourainer,

diese jungen Ritter, die nun reich

und unversehrt sind, wissen dies wohl,

dass ich fern von ihnen in der Hand eines anderen

in Bedrängnis bin.

Sie liebten mich sehr,

aber nun lieben sie mich nicht ein Körnchen.

Die Ebenen sind nun von schönen Waffen leer,

solange ich gefangen bin.

Meinen Gefährten, die ich liebte und die ich liebe,

denjenigen von Caen und denjenigen von Perche,

sag in meinem Auftrag, Lied,

dass sie nicht geradsinnig sind;

denn noch niemals hatte ich ihnen gegenüber

ein falsches oder schlaffes Herz.

Wenn sie mich bekriegen, handeln sie sehr schmählich,

solange wie ich gefangen sein werde.

Gräfin … Schwester, Euren hohen Wert

möge Euch derjenige erhalten und behüten,

bei dem ich mich beklage

und durch den ich gefangen gehalten werde.

Ich spreche nicht von derjenigen, der Gräfin

des Chartrain, Ludwigs Mutter.)

Eleonore betroffen: Ein sehr trauriges Lied. Wie kam es dazu?

Richard nachdenklich: Ich hatte einen Traum … dass ich gefangen wäre … dann schrieb ich dies …

Dunkel

Eleonore, vierundachtzigjährig am Schreibtisch in Fontevrault, schreibend: Höre nun weiter, mein Kind, Heinrich, mein Gemahl, hatte seinen Freund und Staatsberater Thomas Beckett zum Erzbischof gemacht, weil er sich so einen größeren Rückhalt für seine Entscheidungen in der Rechtsprechung erhofft hatte. Thomas Beckett stellte sich aber auf die Seite des Glaubens und verurteilte Heinrichs Vorgehensweise. Es kam soweit, dass sein Leben in Gefahr kam und er in Frankreich bei Ludwig VII um Schutz nachsuchte. Er wurde dort aufgenommen. Sie macht eine kurze Pause, fährt dann fort. Inzwischen waren meine drei Töchter von Heinrich Mathilde, Joanna und Eleonore verheiratet, Mathilde mit Heinrich dem Löwen, Joanna mit Wilhelm von Sizilien und Eleonore mit Alfonso von Kastilien, deinen Eltern. Gottfried und Johann, der Jüngste in der Familie, waren noch ohne Bräute. Gottfried schenkte Heinrich die Bretagne und Johann, der bislang noch mit keinem Land bedacht worden war, und deshalb den Beinamen Johann ohne Land trug, war Heinrichs Liebling und sollte, so Heinrich, wichtige Relaisstationen zwischen den Erblanden und strategisch wichtige Plätze der Erblande bekommen. Dagegen verwehrte sich Heinrich der Jüngere, der junge König. Es kam zur offenen Auflehnung gegen Heinrich, deinen Großvater, die von diesem geahndet wurde, so dass der junge König auch seine Zuflucht zu Ludwig nahm. Dazu kam, dass ich, da ich die aquitanischen Erblande schon früher unter meine Fittiche genommen hatte und alle meine Kinder … auch in Ungnade bei Heinrich fiel. Das Ende vom Lied war, dass ich in meiner Verkleidung auf der Flucht in die Hände seiner Vasallen geriet, erkannt und gefangengenommen wurde.

Dunkel

Man hört Ralph Vaughan Williams Fantasia on a Theme by Thomas Tallis in G-Dur leise angespielt.

Eleonore und ihre Kammerzofe. Eleonore bewegt: Ich hatte einen erschütternden Traum: Mein Sohn Heinrich lag mit gefalteten Händen ausgestreckt auf dem Lager. Er trug einen Ring mit einem Saphir am Finger. Über seinem Gesicht … bleich war es … schwebten zwei Kronen, die Krone, die er am Tage seiner Krönung getragen hat und eine andere … aus reinem Licht … Sie hält ein, spricht dann weiter …der heilige Gral … Sie hält wieder ein …Weißt du, meine Liebe, ich deute diesen Traum so: Was soll man sich unter einer Krone ohne Anfang und Ende vorstellen, wenn nicht die ewige Seligkeit? Und was kann die reine, strahlende Helle anderes bedeuten als den Glorienschein der ewigen Glückseligkeit? Und merke … die zweite Krone war schöner als alles, was auf Erden unsern Sinnen erscheinen kann; Ist das nicht der Sinn des Bibelverses: “Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr es gehört, das Menschenherz hat nicht erfasst, was Gott für die, die ihn lieben, bereithält?“

Ein Bote klopft an, berichtet ergriffen: Euer Herr Gemahl lässt euch ausrichten, dass Euer Sohn, der junge König, ihn gebeten habe, ihm zu verzeihen, dass er sich gegen ihn gestellt habe … er sei sehr krank und bitte um ein Zeichen der Versöhnung … damit er wisse, dass ihm vergeben sei … da habe er, Heinrich, aus seiner Schatulle einen Ring mit einem kostbaren Saphir genommen und ihm dem jungen Heinrich schicken lassen.

Dunkel

Man hört Johann Sebastian Bachs Aria Schafe können sicher weiden Cantata BWV 208.

Eleonore, vierundachtzigjährig, am Schreibtisch in Fontevrault, schreibend: Jetzt war das Land wieder ohne König und Heinrich, dein Großvater, war bemüht, wieder alle Macht an sich zu binden. Richard stand jetzt die Krone zu … er schwor Ludwig den Lehnseid über alle Lande … Heinrich verstarb und Richard entließ mich sogleich in die Freiheit … Sie hält kurz ein … Ich gründete Hospitäler … gab den Vasallen und Menschen, die in Heinrichs Ungnade gefallen waren, die Freiheit zurück … kümmerte mich um Missstände im Land, die unter Heinrichs Herrschaft zahlreich geworden waren … führte ein einheitliches Hohlmaß für Korn und Flüssigkeiten, ein Längenmaß für Stoff und eine einheitliche Währung ein, um den Handel zu optimieren ... Sie hält wiederum kurz ein … Richards Krone liegt mir jetzt am Herzen ... Gottfried war auch gegangen … Sie hält wieder kurz ein … Von den Söhnen sind mir nur noch Richard und Johann geblieben. Aber Johann ist zu sehr Plantagenet … eignet sich wenig für das Tragen einer Krone.

Dunkel

Man hört Ludwig van Beethovens Klaviersonate Nr. 8 in c-Moll op. 13: Pathétique: Rondo.

Eleonore, vor ihr die Krone Englands, aufgeregt, begeistert:

Die Glocken … ich höre sie läuten … Tag … langer ersehnter … Friede … endlich … Sie nimmt die Krone von dem Samtkissen … hält sie empor … Wirst du ihn sichern … die Länder zerrissen … entzweit ihre Menschen … wirst du sie vereinigen … befrieden … können … Richard … heute ist der Beginn einer großen Probe … unter deiner Ritterschaft … wird es sich fügen? … dass ich der Welt den Frieden so wünsche und Wohlfahrt und etwas von der Seligkeit unseres Herrn …

Man hört die Glocken von Westminster Abbey und im Anschluss Georg Friedrich Händels Zadok the Priest HWV 258.

Dunkel

Eleonore, entschlossen:

Du willst ins Heilige Land … geliebter Sohn. Und auch ich werde reisen … Navarra … die Braut für dich … Berengaria … und dann … Kastilien … meine Mission … eine Braut für Ludwigs Enkel … Eleonores drei Töchter … eine bringe ich mit … sie soll den Frieden für das ganze Land erhalten …

Dunkel

Eleonore am Schreibtisch in Fontevrault, schreibend:

Ich fand dich liebes Kind … im Alter von vierundachtzig … und lege nun mein Herz und Sinnen all in Gottes Hand … hier in Fontevrault … im Hause meiner Schwestern … und lass es ihm angelegen sein

Man hört den Gregorianischen Choral Tractus Gustate et videte: Psalm 34 Vers 1.

Dunkel

Man hört Arvo Pärts Sequentia, L’Abbé Agathon und Vater unser.

Elisabeth von Thüringen

Dramatis Personae

Elisabeth von Thüringen

Guda

Elisabeth im Alter von 6 Jahren

Guda im Alter von 7 Jahren

Adlige Kinder

Junge

Frau mit Krücken

Isentrud von Hörselgau

Bedürftige

Lehrer

Etwa achtjähriger Herrmann von Thüringen

Ludwig IV von Thüringen

Pater Rodeger

Arme Frauen

Musik

Julius Conus: Violinkonzert in e-Moll op. 1

Jan Dismas Zelenka: Miserere in c-Moll ZVW 57

Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 46 in H-Dur Hob. I:46

Maurice Ravel: Gaspard de la nuit

Peter Tschaikowsky: Schwanenseesuite op. 20

Frank Bridge: The Two Hunchbacks H. 95

Percy Whitlock: Dignity and Impudence.

Kirchenlied: Lobe den Herren GL 392

Raimbaut de Vaqueiras: Kalenda Maya

Isabella Leonarda: Sonate in e-Moll op. 16 Nr 1

Hildegard von Bingen: O quam mirabilis, O vis aeternitatis, Caritas abundat, O Jerusalem, aurea civitas

Chanson de Toile

Volksweise: Kommt ein Vogel geflogen

Josef Strauss: Dorfschwalben aus Österreich, Walzer op. 164

James Last: Song Last Love

Johann Sebastian Bach: Brandenburgisches Konzert Nr. 1 in F-Dur BWV 1046: 2. Satz, Motette Jesu, meine Freude BWV 227

Georg Friedrich Händel: Hallelujah aus dem Messiah HWV 56

Franz Schubert: Gott der Weltschöpfer D. 986 op. Posthum 112/2.

Jonathan Harvey: The Angels

Johannes Brahms: Guten Abend, gut‘ Nacht, Nr. 4, aus Fünf Lieder für eine Stimme op. 49

Gabriel Fauré: Pavane op. 50 mit Gitarre

Igor Strawinsky: Der Feuervogel Ballettsuite

Man hört Julius Conus‘ Violinkonzert in e-Moll op. 1.

Bild I

Elisabeth und Guda in Marburg. Man hört das Jan Dismas Zelenkas Miserere in c-Moll ZVW 57.

Elisabeth: Lass mich deinen Rücken sehen, du, liebste Freundin, liebste Schwester. Wie haben sie dir zugesetzt. Konrad, mein Seelenvormund, den mir mein liebster Ludwig … der Himmel, mein liebster süßer Jesu nehme ihn auf … zu Rat und Verfügung über mein Dos ausgewählt hat, den wir beide, auch ich zu meinem Ratgeber erkoren … er ohne jedes Gut … Prediger für die Kreuzfahrer … den Geboten Franziskus‘ unbedingt folgend … die Besitzlosigkeit sein Anliegen … Er tut es, um Demut und Geduld zum Blühen zu bringen … Lass uns so etwas gerne ertragen, denn wir sind wie das Schilf im Fluss: Schwillt der Fluss an, drückt er das Schilf hinunter, und das Wasser fließt darüber, ohne es zu knicken. Danach richtet sich das Schilf wieder auf und wächst in Kraft fröhlich und schön. So müssen auch wir uns zuweilen beugen und danach fröhlich und schön aufrichten … Er hat uns unsere Milde zu demütigen, in Schranken zu weisen, unseren Gehorsam aufzurichten gesucht … verstehen wir ihn … aber gehen wir trotzdem unseren Weg … ich zeige Gehorsam im Moment, wo er Gehorsam, Sparsamkeit verlangt, dann aber zeige ich Milde … gebe denen die brauchen von dem, was ich habe … von meinem Dos … wir wollen uns nicht abbringen lassen in unserem Tun … den Bedürftigen helfen und die Kranken versorgen … ihm nachfolgen unserem lieben, süßen Herrn Jesu Christ … denk an unser Hospital … hier ist unser Platz … lass uns helfen und pflegen … wie bisher … und den Bedürftigen geben …

Guda: Ja, liebste Freundin und Schwester …sie hält kurz ein … lasst auch euren Rücken sehen … die Striemen … ihre Spuren noch überdeutlich …

Elisabeth, den Rücken der Freundin betrachtend, sie nimmt ein Töpfchen mit Salbe vom Regal des Hospitals, greift hinein, verteilt sie auf dem Rücken der Freundin: Das wird euch helfen, liebste Guda … wir teilen auch dies … erinnert euch unserer frohen unbeschwerten Kindertage, die wir zusammen verbracht …

Dunkel

Man hört Joseph Haydns Sinfonie Nr. 46 in H-Dur Hob. I:46.

Bild II

Man hört Maurice Ravels Gaspard de la nuit.

Die sechsjährige Elisabeth mit der siebenjährigen Guda auf der Wartburg. Elisabeth zeichnet ein Hüpfspiel auf den Boden … es endet an der Kapellenmauer der Burg.

Elisabeth: Hüpf … Sie gibt Guda den Stein zum Werfen. Diese wirft und hüpft auf die Kirchenmauer zu, wendet: Jetzt du, Elisa …

Elisabeth wirft den Stein, hüpft und beugt sich und küsst die Kapellenmauer am Ende, bevor sie wendet.

Elisabeth: Jetzt ein anderes Spiel … was haltet ihr von einem Losspiel … wer das Los zieht, darf sich einen Beschützer wählen. Andere Kinder treten hinzu … sie bilden einen Kreis … lassen kleine Strohhalme, wobei einer mit einem Einschnitt gekennzeichnet ist, umgehen. Jeder zieht einen Strohhalm unter verdeckter Hand. Elisabeth zieht als letzte. Sie jubelt: Ich hab den Strohhalm mit der Kerbe. Ich wünsche mir den Heiligen Johannes. Sie rennt in die Kapelle, kniet am Altar mit dem Christusbild und seinem Jünger Johannes nieder … betet, geht zur Marienfigur mit Kind hinüber, macht das Kreuzzeichen, dankt: Danke, liebstes Jesukind. Dann nimmt sie sich ihren Psalter vom Kniebänkchen, blättert, liest:

Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.

Er lässt mich lagern auf grünen Auen