Dramen - Victor Hugo - E-Book
Beschreibung

Victor-Marie Hugo war ein französischer Schriftsteller. Er schrieb zahlreiche Gedichte sowie Romane und Dramen und betätigte sich als literarischer, aber auch politischer Publizist. Vielen Franzosen gilt er als ihr größter Autor überhaupt. Sein vielfältiges Schaffen kann teils der Romantik, teils dem Realismus zugeordnet werden. Dieser Band beinhaltet die beiden historischen Dramen "Maria Tudor" und "Lucretia Borgia".

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Seitenzahl:223

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Dramen

Victor Hugo

Inhalt:

Victor Hugo – Biografie und Bibliografie

Maria Tudor

Personen

Erste Handlung - Der Mann aus dem Volke

Erste Szene

Zweite Szene

Dritte Szene

Vierte Szene

Fünfte Szene

Sechste Szene

Siebente Szene

Achte Szene

Neunte Szene

Zweite Handlung - Die Königin

Erste Szene

Zweite Szene

Dritte Szene

Vierte Szene

Fünfte Szene

Sechste Szene

Siebte Szene

Achte Szene

Neunte Szene

Dritte Handlung - Wer von Beiden?

Erste Abteilung

Erste Szene

Zweite Szene

Dritte Szene

Vierte Szene

Fünfte Szene

Sechste Szene

Siebente Szene

Achte Szene

Neunte Szene

Zehnte Szene

Zweite Abteilung

Erste Szene

Zweite Szene

Lucretia Borgia

Personen

Erste Handlung

Schande über Schande

Erste Abteilung

Zweite Abteilung

Zweite Handlung

Das Paar

Erste Abteilung

Zweite Abteilung

Dritte Handlung

Betrunken – Tot

Dramen, V. Hugo

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN:9783849628390

www.jazzybee-verlag.de

admin@jazzybee-verlag.de

Victor Hugo – Biografie und Bibliografie

Victor Marie Hugo, berühmter franz. Dichter, geb. 26. Febr. 1802 in Besançon, gest. 22. Mai 1885 in Paris, war der Sohn eines Offiziers, Sigisbert H., der sich in der Folge zum General und Grafen des Kaiserreichs emporschwang, und der royalistisch gesinnten Tochter eines Reeders von Nantes, Sophie Trébuchet. Für die militärische Laufbahn bestimmt, begleitete er den Vater auf dessen wechselvollen Zügen nach Italien und Spanien. Seine erste Gedichtsammlung, die »Odes et ballades« (1822–26, 3 Bde.), die ihn noch als königstreuen Katholiken zeigt, läßt noch häufig die hergebrachten Muster erkennen, aber der hinreißende Schwung der Sprache, die Kühnheit der Bilder und die ungewohnte Behandlung des Verses verkündigen bereits den künftigen poetischen Revolutionär. Vom König Ludwig XVIII. mit einer Pension von 1000 (später 2000) Frank bedacht, verheiratete sich H. 1822 mit Adéle Foucher (vgl. »Victor H., lettres à la fiancée, 1820–1822«, Par. 1901) und ließ zunächst zwei Romane: »Han d'Islande« (1823) und »Bug Jargal« (1825), erscheinen, worin er sich schon entschlossener von der klassischen Richtung losriß und, wenn zunächst auch nur durch die Vorliebe für das Schauerliche, Mißgeformte und Ungeheure, das Signal zu der großen romantischen Bewegung gab. deren oberster Vertreter er in den nächsten 20 Jahren sein sollte. Weiterhin folgten: das die Verhältnisse eines Bühnenabends weit überschreitende Trauerspiel »Cromwell« (1827), in dessen Vorrede (diese hrsg. von Souriau, 1897) er zugleich sein damaliges ästhetisch-philosophisches Glaubensbekenntnis ablegte; die »Orientales« (1828), Gedichte, welche die Erhebung Griechenlands feiern u. den Zauber des Orients in farbenglühenden Strophen preisen; und die Dramen: »Marion de Lorme« (1829), die Verherrlichung einer durch Liebe rein gewaschenen und verklärten Kurtisane, und »Hernani«, das 1830 zur ersten Ausführung kam und zu einer offenen Schlacht zwischen den Klassizisten und Romantikern Veranlassung gab. Das Stück ist der eigentliche Prototyp des Hugoschen Drama s mit all seinen Gebrechen und Absonderlichkeiten, aber auch mit seinem über alle Bedenken hinwegreißenden Schwung der Sprache und seinen grellen, jedoch durch die Form geadelten Effekten. Mit wechselndem Erfolg lösten sich in den nächsten Jahren auf dramatischem Gebiet ab: »Le roi s'amuse« (1832), nach der ersten Vorstellung verboten; »Marie Tudor« und »Lucrèce Borgia« (1833); »Angelo« (1835); »Ruy Blas« (1838) u. die Trilogie »Les Burgraves« (1843), welch letztere dem Dichter eine so empfindliche Niederlage bereitete, daß er dem Theater für lange Zeit den Rücken kehrte. Fast nur »Hernani« und »Ruy Blas« haben sich auf der Bühne gehalten Von sonstigen Werken fallen noch in diese Periode: der Roman »Notre Dame de Paris« (1831), ein zuweilen absonderliches, aber farbenreiches Kulturgemälde des mittelalterlichen Paris; sodann »Le dernier jour d'un condamné« (1829), ein ergreifendes Plaidoyer gegen die Todesstrafe, dem sich »Claude Gueux« (1834) mit gleicher Tendenz anschloß; die »Feuilles d'automne« (1831), eine Sammlung von Gedichten, in denen die politische und sogar die revolutionäre Saite schon ziemlich vernehmlich anklingt; die »Etudes sur Mirabeau« (1834); die »Chants du crépuscule« (1835) mit dem berühmten Liederzyklus an die Vendômesäule (»A la colonne«); ferner: »Les voix intérieures« (1837); »Les rayons et les ombres« (1840) und »Le Rhin«, Reiseerinnerungen (1842, 2 Bde.). Viele seiner Liebeslieder sind an die schöne Schauspielerin Juliette Gauvain (Frau Drouet) gerichtet, deren Gesichtszüge in dem Standbilde der Straßburg auf dem Concordeplatz verewigt sind, und die H. in der Prinzeß Negroni (in »Lucrèce Borgia«) zu schildern suchte. Das Liebesverhältnis, das von Frau H. geduldet wurde, hat lange Jahre bestanden. Inzwischen war H. 1841 zum Mitgliede der französischen Akademie erwählt worden, und im April 1845 ernannte ihn Ludwig Philipp zum Pair von Frankreich. In politischer Hinsicht war er mehr und mehr zum Liberalismus übergegangen und stand eine Zeitlang den Bonapartisten nahe. Als Mitglied der Konstituierenden Nationalversammlung von 1848 nahm er trotzdem anfangs seinen Sitz auf der Rechten, bis er mit einem kühnen Satz ins Lager der äußersten Linken übertrat. Nach dem Staatsstreich vom 2. Dez. 1851 als einer der ersten proskribiert, zog sich H. mit seiner Familie nach der Insel Jersey, einige Zeit später nach Guernsey zurück und veröffentlichte von hier aus 1852 das Pamphlet »Napoléon le Petit« und 1853 die haßerfüllten Gedichte »Les Châtiments«. In der Verbannung nahm Hugos Lyrik vorwiegend philosophische Tendenzen an, denen er seitdem in zahlreichen, an Wert ungleichen Dichtungen Ausdruck gegeben hat. Dahin gehören: »Les Contemplations« (1856, 2 Bde.); »Chansons des rues et des bois« (1865); »La légende des siècles«, in tühnen, oft dunkeln Visionen alle Zeitalter und Formen der menschlichen Zivilisation umfassend (1859, zweite Serie 1877, letzte 1883); »Le Pape« (1878); »Religions et religion« (1879); »L'âne« (1880), sämtlich in den Jahren des Exils entstanden. Auf dem Felde des Romans kultivierte er um diese Zeit die sozialen Fragen in »Les Misérables« (1862, 10 Bde.), »Les travailleurs de la mer« (1866, 3 Bde.) und »L'homme qui rit« (1869, 4 Bde.). Außerdem entstand damals sein Buch »William Shakespeare« (1864). Gegen das Kaiserreich bis zuletzt unversöhnlich, kehrte er erst nach dessen Sturz 1870 nach Paris zurück, beschenkte die belagerte Stadt mit zwei Geschützen und wurde im Februar 1871 in die Nationalversammlung von Bordeaux gewählt, wo er gegen den Friedensschluß protestierte, jedoch bald darauf austrat. Bei einer zweiten Kandidatur 1872 in Paris unterlag er infolge seiner Sympathien für die Kommune, dagegen wurde er 1876 von den Vertretern der Hauptstadt in den Senat gewählt. Seit seiner Rückkehr publizierte er noch: »L'année terrible« (1872), voll von Rachedurst und den ausschweifendsten Zornergüssen gegen Napoleon III. und gegen die Deutschen; »Quatrevingt-treize«, einen in der Vendée spielenden Roman mit leider ganz falscher Lokalfarbe (1874); »Mes fils«, Gedenkblatt für seine früh verstorbenen Söhne (in Charles Hugos »Hommes de l'esprit«, 1874); »Actes et paroles, 1841–1876« (1875–76, 3 Bde.; deutsch, Berl. 1875–77, 3 Bde.); »L'histoire d'un crime«, die Geschichte des Staatsstreichs vom 2. Dez, nach persönlichen Erlebnissen erzählt (1877); »L'art d'être grand-père«, ein lyrisches Familienbild (1877), und »La pitié suprême«, ein Schlußplaidoyer für die Amnestie der Kommuneverbrecher (1879).

H. ist in den Augen der Franzosen ihr größter und universellster Dichter. Was ihn insbes. über die besten seiner Zeitgenossen erhebt, ist die bei Dichtern so seltene Eigenschaft: Kraft. Gewaltig ist er in der Schilderung menschlicher Leidenschaft wie großer Naturerscheinungen, in der Behandlung der nationalen Sprache, die er nachgerade verjüngt hat, wie in der Struktur des spröden französischen Verses, den er um ungeahnte Modulationen bereichert hat. Auf der andern Seite kann H. den Hang des Romanen zum Überschwenglichen, Schwülstigen und Betäubenden, zum grob materiellen Effekt nie verleugnen. Humor ward ihm kaum verliehen, und witzig ist er nie gewesen. So versinnlicht H. in seiner öffentlichen wie in seiner schriftstellerischen Laufbahn die vollkommenste Form des Franzosen des 19. Jahrhunderts. Nach seinem Tod erschienen: »Théâtreen liberté« (1886) und »La fin de Satan« (1886). Seit 1837 war H. Offizier der Ehrenlegion. Eine Gesamtausgabe seiner Werke (»Ne varietur«) erschien 1880–89 in 48,1889 ff. in 70 Bänden. In deutscher Übersetzung hat man von ihm: »Sämtliche Werke, übersetzt von mehreren« (3. Aufl., Stuttg. 1858–62, 21 Bde.); »Poetische Werke«, übersetzt von L. Seeger (unvollendet; das. 1860–62, 3 Bde.), und eine Auswahl von Hugos Gedichten, übersetzt von Freiligrath (Frankf. a. M 1815). In »Victor H., raconté par un témoin de sa vie« (1863) hat der Dichter seiner eignen Frau die Feder geführt. Sein Briefwechsel erschien in 2 Bänden: »Correspondance 1815–1835« (Par. 1896) und »Correspondance 1836–1882« (das. 1898).Vgl. außerdem Rivet, Victor H. chez lui (1878); P. de Saint-Victor, Victor H. (1885); Barbou, V. H. et son temps (1881; deutsch von Weber, Leipz. 1881); Asseline, V. H. intime (1885); Ulbach, La vie de V. H. (1886); Biré, V. H. avant 1830 (1883), V. H. après 1830 (1891, 2 Bde.) und V. H. après 1852 (1894; Biré ist Reaktionär und ein heftiger Gegner Hugos); E. Dupuy, V. H., l'homme et le poète (3. Aufl. 1898) und La jeunesse de V. H. (1902); Mabilleau, V. H. (3. Aufl. 1902); Renouvier, V. H., le poète (1893) und V. H., le philosophe (1900); Theys, Métrique de V. H. (Lüttich 1895); Claretie, V. H., souvenirs intimes (1902); P. Stapfer, V. H. et la grande poésie satirique (1901); »Victor H., leçons faites à l'École normale« (hrsg. von Brunelière, 1902, 2 Bde.); Glachaut, Essai critique sur le théàtre de V. H. (1902); »Legay, V. H., jugé par son siècle« (1902); T. Gautier, V. H. (1902); Lesclide, V. H. intime (1902); Dannehl, Victor H. (Berl. 1886); Martin Hartmann, Chronologische Auswahl der Gedichte Hugos (Leipz.1884) und Zeittafel zu Hugos Leben und Werken (Oppeln 1886); Möll, Entstehung der »Orientales« (Heidelb. 1901); Sleumer, Die Dramen V. Hugos (Berl. 1901); Barnett Smith, V. H., his life and works (Lond. 1885); Swinburne, A study of V. H. (das. 1886; Swinburne ist Hugos Hauptnachahmer in England); Nichol, V. H. (das. 1893); P. Ahlberg, V. H. och det nyare Frankrike (Stockh. 1879–80, 3 Bde.); Levin, V. H. (Kopenh. 1902, 2 Bde.).

Von Hugos Söhnen ist Charles (geb. 1826), der an der Seite seines Vaters publizistisch wirkte und auch einige jetzt vergessene Romane schrieb, 15. März 1871 in Bordeaux, der zweite, François (geb. 1828), Verfasser einer lobenswerten Übersetzung von Shakespeares sämtlichen Dramen und Sonetten, 25. Dez. 1873 in Paris gestorben. – Von seinen Töchtern starb Adele in einer Irrenanstalt; Leopoldine ertrank 1843 mit ihrem Gatten, einem Bruder des Schriftstellers Vacquerie, in der Seine. Die Witwe Charles Hugos hat sich 1877 mit dem Politiker Edouard Lockroy (s. d.) wieder verheiratet. Die Tochter Charles', Jeanne, die im »Art d'être grand-père« verherrlicht ist, ist mit dem Sohn A. Daudets vermählt.

Maria Tudor

Personen

Maria,Königin

Jane

Gilbert

Fabiano Fabiani

Simon Renard

Joshua Farnaby

Ein Jude

Lord Clinton

Lord Chandos

Lord Montagu

Meister Äneas Dulverton

Lord Gardiner

Ein Kerkermeister

Herren, Pagen, Wachen, Der Henker

London 1553

Erste Handlung - Der Mann aus dem Volke

Personen

Gilbert • Fabiano Fabiani • Simon Renard Lord Chandos • Lord Clinton Lord Montague • Joshua Farnaby Jane • ein Jude

Erster Tag

Das Ufer der Themse. Eine öde Sandfläche. Ein altes verfallenes Geländer verbirgt den Rand des Wassers. Zur Rechten ein Haus von ärmlichem Aussehen. An seiner Ecke ein kleines Madonnabild, zu dessen Fuß eine Lampe in einem eisernen Gitter brennt. Im Hintergrunde, jenseits der Themse, London. Man unterscheidet zwei hohe Gebäude, den Tower und Westminster. – Der Tag geht zu Ende.

Erste Szene

Mehrere Männer stehen in verschiedenen Gruppen auf dem Ufer, unter ihnen Simon Renard; John Bridges, Baron Chandos; Robert Clinton, Baron Clinton; Anthony Brown, Vicomte von Montagu.

Lord ChandosIhr habt Recht, Mylord. Dieser verdammte Italiener muß die Königin behext haben. Die Königin kann nicht mehr ohne ihn sein. Sie lebt nur in ihm, all ihre Freude ist in ihm, sie hört nur ihn. Wenn ein Tag vergeht, ohne daß sie ihn sieht, so werden ihre Augen so schmachtend, wie zur Zeit, wo sie den Kardinal Polus liebte, wißt Ihr noch?

Simon RenardSehr verliebt, das ist wahr, und folglich sehr eifersüchtig.

Lord ChandosDer Italiener hat sie behext!

Lord MontaguIn der Tat, man sagt, in seinem Lande verstünde man sich auf Tränke für dergleichen.

Lord ClintonDie Spanier verstehen sich auf Gifte, die Einen sterben, und die Italiener auf Gifte, die Einen verliebt machen.

Lord ChandosDann ist der Fabiani zugleich Spanier und Italiener. Die Königin ist krank und verliebt. Er hat ihr von beiden zu trinken gegeben.

Lord MontaguAha! in der Tat, ist er Spanier oder Italiener?

Lord ChandosEs scheint ausgemacht, daß er in Italien im Capitanat geboren und in Spanien erzogen worden ist. Er behauptet, er sei mit einem großen spanischen Geschlechte verwandt. Lord Clinton kann das an den Fingern herzählen.

Lord ClintonEin Abenteurer. Weder ein Spanier, noch weniger ein Engländer, Gott sei Dank. Leute, die keinem Lande angehören, haben kein Erbarmen mit einem Lande, wenn sie mächtig sind!

Lord MontaguSagtet Ihr nicht, die Königin sei krank, Chandos? Das hindert sie nicht, mit ihrem Günstling guter Dinge zu sein.

Lord ClintonGuter Dinge! Guter Dinge! Während die Königin lacht, weint das Volk und mästet sich der Günstling. Der Mensch säuft Silber und frißt Gold! Die Königin hat ihm die Güter des Lord Talbot, des großen Lord Talbot, gegeben! Die Königin hat ihn zum Grafen von Clanbrassil und Baron von Dinasmonddy gemacht, den Fabiano Fabiani, den Lügner, der sagt, er stamme aus dem spanischen Geschlechte der Peñalver. Er ist Pair von England, wie Ihr, Montagu, wie Ihr, Chandos, wie Stanley, wie Norfolk, wie ich, wie der König! Er trägt das Hosenband, wie der Infant von Portugal, wie der König von Dänemark, wie Thomas Percy, der siebente Graf von Northumberland! Und was für ein Tyrann das ist, der uns von seinem Bette aus Gesetze macht! Nie lag es schwerer über England. Und doch habe ich viel gesehen, ich bin alt! Siebenzig neue Galgen zu Tyburn, die Scheiterhaufen immer Glut und nie Asche, die Axt des Henkers wird jeden Morgen geschliffen und ist schartig jeden Abend. Jeden Tag fällt man einen großen Edlen. Vorgestern Blantyre, gestern Northcurry, heute South-Reppo, morgen Tyrconnel. Die nächste Woche kommt die Reihe an Euch, Chandos, und den nächsten Monat an mich! Mylords! es ist schmachvoll und ruchlos, daß all diese guten englischen Köpfe so zum Zeitvertreibe eines elenden Abenteurers fallen, der nicht einmal aus diesem Lande ist. Es ist ein abscheulicher und unerträglicher Gedanke, daß ein neapolitanischer Günstling so viel Henkerblöcke, als er Lust hat, unter dem Bette dieser Königin hervorziehen kann. Sie sind guter Dinge, sagt Ihr. Bei dem Himmel, das ist schändlich! Ha! sie sind guter Dinge, die Verliebten, während der Kopfabhacker vor ihrer Türe Witwen und Waisen macht. O! in das Klimpern Eurer italienischen Guitarre tönt zu viel Kettengerassel, Frau Königin! Ihr laßt Sänger von der Kapelle zu Avignon kommen, Ihr habt in Eurem Palaste alle Tage Komödien, Schauspiele, Musikanten. Bei Gott, Madame, etwas weniger Lachen bei Euch, wenn's beliebt, und etwas weniger Weinen bei uns. Weniger Gaukler dort, und weniger Henker hier. Weniger Bühnen zu Westminster und weniger Schafotte zu Tyburn.

Lord MontaguHabt Acht! Wir sind getreue Untertanen, Mylord Clinton. Nichts auf die Königin, Alles auf Fabiani.

Simon Renardlegt die Hand auf die Schulter des Lord Clinton: Geduld!

Lord ClintonGeduld! das könnt Ihr ganz leicht sagen, Herr Simon Renard. Ihr seid Vogt von Amont in der Franche-Comté, Untertan des Kaisers und sein Gesandter zu London. Ihr vertretet hier den Prinzen von Spanien, den zukünftigen Gemahl der Königin. Eure Person ist heilig für den Günstling. Aber wir, das ist was Anders. – Seht, für Euch ist Fabiani der Schäfer, für uns der Metzger.

Die Nacht ist völlig hereingebrochen.

Simon RenardDieser Mensch ist mir eben so lästig, als Euch. Ihr fürchtet nur für Euer Leben, ich fürchte für mein Ansehen, das ist weit mehr. Ich spreche nicht, ich handle. Ich habe weniger Zorn, als Ihr Mylord, ich habe mehr Haß. Ich werde den Günstling vernichten.

Lord MontaguO! was tun? Ich brüte alle Tage darüber.

Simon RenardDie Günstlinge der Königinnen steigen und fallen nicht am Tage, sondern des Nachts.

Lord ChandosDiese Nacht ist wenigstens sehr finster und häßlich!

Simon RenardIch finde sie schön für das, was ich tun will.

Lord ChandosWas habt Ihr vor?

Simon RenardIhr werdet sehen. – Mylord Chandos, die Laune herrscht, wenn ein Weib herrscht. Die Politik ist dann nicht mehr das Werk der Berechnung, sondern des Zufalls. Man kann auf nichts mehr zählen. Das Heute führt nicht logisch das Morgen herbei. Man spielt nicht mehr Schach, man spielt Karten.

Lord ClintonDas ist ganz gut, aber zur Sache. Herr Vogt, wann werdet Ihr uns von dem Günstling befreit haben? Es eilt. Morgen wird Tyrconnel enthauptet.

Simon RenardTyrconnel wird morgen Abend mit Euch speisen, wenn ich diese Nacht den Mann finde, welchen ich suche.

Lord ClintonWas wollt Ihr damit sagen? Was wird dann aus Fabiani geworden sein?

Simon RenardHabt Ihr gute Augen, Mylord?

Lord ClintonJa, obgleich ich alt bin und die Nacht finster ist.

Simon RenardSeht Ihr London auf der andern Seite des Wassers?

Lord ClintonJa, warum?

Simon RenardSeht scharf hin. Man sieht von hier aus den Wirbel und die Sohle der Fortuna jedes Günstlings, Westminster und den Turm von London.

Lord ClintonUnd nun?

Simon RenardWenn Gott mir beisteht, wird ein Mann, der im Augenblicke, wo wir sprechen, noch dort ist er deutet auf Westminster, morgen zur nämlichen Stunde da sein. Er deutet auf den Tower.

Lord ClintonMöge Gott Euch helfen!

Lord MontaguDas Volk haßt ihn eben so sehr, als wir. Welch Fest wird für London der Tag seines Falles sein!

Lord ChandosWir sind in Euren Händen, Herr Vogt, verfügt über uns. Was sollen wir tun?

Simon Renarddeutet auf das Haus am Wasser: Ihr seht doch alle dies Haus da? Es gehört dem Gilbert, einem Arbeiter. Verliert es nicht aus dem Gesicht. Zerstreut Euch mit Euren Leuten, ohne Euch jedoch zu sehr zu entfernen. Vor Allem tut nichts ohne mich.

Lord ChandosGut.

A lle gehen nach verschiedenen Seiten ab.

Simon Renardallein: Ein Mann, wie der, den ich nötig habe, findet sich nicht leicht. Er geht ab.

Jane und Gilbert treten auf, sie halten sich umschlungen und gehen nach dem Hause zu. Joshua Farnaby begleitet sie, er ist in einen Mantel gehüllt.

Zweite Szene

Jane, Gilbert, Joshua Farnaby

JoshuaIch verlasse euch hier, meine guten Freunde. Es ist Nacht, ich muß meinen Dienst als Schließer des Londoner Turms tun. Ach, ich bin nicht so frei, wie ihr! Seht, ein Kerkermeister ist nur eine andere Art von einem Gefangenen. Lebe wohl, Jane. Lebe wohl, Gilbert. Du mein Gott, meine Freunde, wie froh bin ich, euch glücklich zu sehen! Aha, Gilbert, wann ist die Hochzeit?

GilbertIn acht Tagen, nicht wahr, Jane?

JoshuaMeiner Treu, übermorgen haben wir Weihnachten; das ist der Tag für Wünschen und Schenken, aber ich weiß nicht, was ich euch wünschen soll. Man kann von der Braut nicht mehr Schönheit und von dem Bräutigam nicht mehr Liebe verlangen. Ihr seid glücklich!

GilbertGuter Joshua! und du, bist du nicht glücklich?

JoshuaWeder glücklich, noch unglücklich. Ich habe auf Alles verzichtet. Siehst du, Gilbert? Er schlägt seinen Mantel halb auseinander und zeigt einen Bund Schlüssel, der an seinem Gürtel hängt. Gefängnisschlüssel, die einem beständig am Gürtel rasseln, das spricht, das macht Einem alle möglichen philosophischen Gedanken. Wie ich jung war, war ich wie ein Anderer, verliebt einen ganzen Tag, ehrgeizig einen ganzen Monat und ein Narr das ganze Jahr. Meine jungen Jahre fielen so unter König Heinrich den Achten. Ein sonderbarer Mann der König Heinrich. Ein Mann, der seine Weiber wechselte, wie ein Weib seine Röcke. Die erste verstieß er, der zweiten ließ er den Kopf abschlagen, der dritten den Leib aufschneiden, die vierte begnadigte er und jagte sie fort, aber dafür ließ er dann der fünften wieder den Kopf abschneiden. Das ist nicht das Märchen vom Blaubart, was ich Euch da erzähle, schöne Jane, das ist die Geschichte König Heinrich's des Achten. Ich gab mich in der Zeit mit den Religionshändeln ab, ich schlug mich für die eine und für die andere Partei. Es war damals das Beste, was man tun konnte. Es war übrigens eine kitzliche Sache. Es frug sich, ob man für oder wider den Pabst sei. Die Leute des Königs hingen die, welche dafür, und verbrannten die, welche dagegen waren. Die Gleichgültigen, d. h. die, welche weder dafür noch dagegen waren, hing oder verbrannte man, wie's gerade kam. Der Teufel mochte sich da herausziehen. Ja, der Strick – nein, der Scheiterhaufen – weder ja, noch nein, der Strick und der Scheiterhaufen. Ich, der ich mit euch spreche, habe oft genug nach Braten gerochen und weiß nicht genau, ob ich zwei- oder dreimal bin wieder abgeschnitten worden. Das war eine schöne Zeit. Ohngefähr wie jetzt. Ja, ich schlug mich für Alles. Hole mich der Teufel, wenn ich noch weiß, für wen und für was ich mich geschlagen habe. Wenn man mir wieder vom Meister Luther und vom Pabst Paul dem Dritten spricht, so zucke ich die Achseln. Siehst du, Gilbert, wenn man graue Haare hat, muß man nicht mehr nach den Meinungen sehen, für die man sich geschlagen, und nach den Weibern, denen man den Hof im zwanzigsten Jahre gemacht hat. Weiber und Meinungen sehen dann gar häßlich, gar alt, gar hinfällig, gar zahnlückig, gar runzlig, gar dumm aus. Das ist meine Geschichte! Jetzt habe ich mich von den Geschäften zurückgezogen. Ich bin weder Soldat des Königs, noch Soldat des Pabstes, ich bin Schließer des Turmes von London. Ich schlage mich für Niemand mehr und schließe hinter Jedermann zu. Ich bin Schließer und bin alt; ich stehe mit dem einen Fuße im Kerker und mit dem andern in der Grube. Ich lese die Scherben alter Minister und alter Günstlinge auf, die bei der Königin zerbrochen werden. Das ist sehr unterhaltend. Und dann habe ich ein kleines Kind, das ich liebe, und dann euch beide, die ich auch liebe, und bin glücklich, wenn ihr glücklich seid.

GilbertDann sei glücklich, Joshua! Nicht wahr, Jane?

JoshuaIch, ich kann nichts für dein Glück tun, aber Jane Alles; du liebst sie! Ich werde dir nie in meinem Leben einen Dienst tun. Du bist glücklicher Weise kein so vornehmer Herr, daß du jemals den Schlüsselträger des Londoner Turms nötig haben solltest. Jane wird meine Schuld mit der ihrigen abtragen; denn sie und ich verdanken dir Alles. Jane war ein armes Kind, eine verlassene Waise; du hast sie aufgenommen und erzogen. Ich, ich war nahe daran, an einem schönen Abend in der Themse zu ertrinken; du hast mich aus dem Wasser gezogen.

GilbertZu was immer davon sprechen, Joshua?

JoshuaNur um dir zu sagen, daß es unsere Pflicht ist, dich zu lieben; ich, wie ein Bruder, Jane ... nicht wie eine Schwester.

JaneNein, wie ein Weib. Ich verstehe Euch, Joshua. Sie verfällt wieder in ihr Träumen.

Gilbertleise zu Joshua: Betrachte sie, Joshua! Ist sie nicht schön und reizend? wäre sie nicht eines Königs würdig? Wenn du wüßtest! Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich sie liebe!

JoshuaNimm dich in Acht, das ist unklug; ein Weib, das liebt sich nicht so; ein Kind, meinetwegen!

GilbertWas willst du sagen?

JoshuaNichts. – Ich werde in acht Tagen bei eurer Hochzeit sein. Ich hoffe, daß mir dann die Staatsgeschäfte ein wenig Ruhe lassen und daß Alles vorbei sein wird.

GilbertWie? Was soll vorbei sein?

JoshuaAh, du kümmerst dich um diese Sachen nicht, Gilbert. Du bist verliebt. Du bist aus dem Volke. Was kümmern dich die Ränke da oben, dich, der du unten glücklich bist? Doch, weil du mich fragst, will ich dir sagen, daß man hofft, in acht Tagen von heute an, in vierundzwanzig Stunden vielleicht, werde Fabiano Fabiani bei der Königin durch einen Andern ersetzt sein.

GilbertWer ist der Fabiano Fabiani?

JoshuaEr ist der Geliebte der Königin, ein sehr mächtiger und sehr liebenswürdiger Günstling, ein Günstling, der einem Menschen, welcher ihm mißfällt, den Kopf in weniger Zeit abschlagen läßt, als ein holländischer Bürgermeister braucht, um einen Löffel Suppe zu essen; der beste Günstling, den der Henker des Londoner Turms seit zehn Jahren hatte. Denn du weißt, daß der Henker für den Kopf eines großen Herrn zehn Silbergulden und zuweilen das Doppelte erhält, wenn der Kopf recht wichtig ist. Man wünscht sehr den Sturz dieses Fabiani. – Es ist wahr, bei meinem Dienste im Turm höre ich nur Leute von sehr übler Laune, Unzufriedene, denen man in einem Monat den Kopf abschlagen wird, auf seine Kosten Anmerkungen machen.

GilbertMögen die Wölfe sich unter einander zerreißen! Was kümmert uns die Königin und der Günstling der Königin? Nicht wahr, Jane?

JoshuaO, es gibt eine gewaltige Verschwörung gegen Fabiani! Er hat von Glück zu sagen, wenn er sich herauszieht. Es sollte mich nicht wundern, wenn heute Nacht irgend ein Schlag geschähe. Ich sah den Meister Simon Renard ganz in Gedanken da herum schleichen.

GilbertWer ist der Meister Simon Renard?

JoshuaWie, das weißt du nicht? Er ist der rechte Arm des Kaisers zu London. Die Königin soll den Prinzen von Spanien, dessen Gesandter Simon Renard ist, heiraten. Die Königin haßt diesen Simon Renard; aber sie fürchtet ihn und vermag nichts gegen ihn. Er hat schon zwei bis drei Günstlinge vernichtet. Das ist so sein Instinkt. Er säubert den Palast von Zeit zu Zeit. Ein feiner und sehr boshafter Mann, der alles weiß, was vorgeht, und immer zwei oder drei Stockwerke tief unter alle Ereignisse gräbt. Was den Lord Paget betrifft – hast du mich nicht auch gefragt, wer der Lord Paget sei? – das ist ein pfiffiger Edelmann, der unter Heinrich dem Achten zu tun hatte. Er ist Mitglied des geheimen Rats. Er hat ein Ansehen, daß die andern Minister vor ihm den Atem verlieren, den Kanzler »Mylord Gardiner« ausgenommen, der hat einen Abscheu vor ihm. Ein heftiger Mann, der Gardiner und von sehr gutem Herkommen. Paget ist nichts. Der Sohn eines Seifensieders. Er soll zum Baron Paget von Beaudesert in Stafford ernannt werden.

GilbertWie er das Alles so geläufig herzählt, der Joshua!

JoshuaBei Gott, wenn man so die Staatsgefangenen schwätzen hört.

Simon Renard erscheint im Hintergrund der Bühne.

Siehst du, Gilbert, der Mann, welcher am besten die Geschichte dieser Zeit kennt, ist der Kerkermeister vom Londoner Turm.

Simon Renardwelcher die letzten Worte gehört hat, aus dem Hintergrund der Bühne: Ihr irrt Euch, mein Freund, es ist der Henker.

Joshualeise zu Gilbert und Jane: Treten wir ein wenig zurück.

Simon Renard entfernt sich langsam. – Nachdem Simon Renard verschwunden ist: Das ist gerade Meister Simon Renard.

GilbertAlle diese Leute, welche um mein Haus herumschleichen, mißfallen mir.

JoshuaZum Teufel, was will er hier? Ich will schnell zurück; ich glaube er sorgt mir für Arbeit. Lebe wohl, Gilbert. Lebt wohl, schöne Jane. – Und doch kannte ich Euch, wie Ihr nicht größer waret, als so!