Dreht Euch noch einmal um! - Eckehard K. F. Oldenburg - E-Book

Dreht Euch noch einmal um! E-Book

Eckehard K. F. Oldenburg

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Beschreibung

Eckehard Oldenburg schildert seine Flucht 1945 aus Hinterpommern bis über die „grüne Grenze“ 1947 in den Norden Niedersachsens aus der Sicht eines damals Acht- bis Elfjährigen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat der Autor seine frühere Heimat und die damaligen Wirkungsstätten 1990 und 1997 noch einmal aufgesucht.

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Seitenzahl: 472

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Wenn du weißt, woher du kommst,    dann weißt du auch, wohin du gehst.

Inhaltsverzeichnis

Runter vom Hof

Sammeln im Dorf

Unterwegs

Drama in Stresow

Woijna kapuut

Umkehr

Grauen in Vietzig

Zezenow brennt

In Ruschütz

Sturmfahrt nach Neitzkow

Plündern ohne Ende – Frauen in Not

Von Kranichen und Gänsen

Helfried wird abgeführt

Parolen und andere Kuriositäten

Unverhoffte Geschenke

Der Kirchgang

Dietmar wird geboren

Opa geht nach Hause

Umzug ins Dorf

Opas Hilferuf

Kleine und große Fische

Ausreisebemühungen

Im Schloss

Auge, sei wachsam!

Der Niedergang

Mein Beitrag

Ausreise

Lagerleben in Artern

Über die „grüne Grenze“

In einer anderen Welt

Wo sind sie geblieben?

Erstes Wiedersehen 1990

Zweites Wiedersehen 1997

Nachwort

Anhang: Rotkehlchens Gesang

Pommernlied

1. Runter vom Hof

Es war am 02. März l945, als es hieß: „Bernsdorf wird geräumt!“

Und so brach auch über uns das Schicksal, das zuvor schon Tausende in gleicher Weise getroffen hatte, in unerbittlicher Härte herein, auch die letzte, leise Hoffnung zerstörend, dass „unsere“ (damit waren die deutschen Soldaten gemeint) es schon noch schaffen würden, die Kriegsfront wieder weiter nach Osten zu drücken, um uns damit die Heimat, Haus und Hof zu erhalten.

„Uns“, das waren in diesem Falle

der Hofbesitzer August von Mroczeck-Gliszczinski und seine Frau Else, geb. Oldenburg, deren Kinder Helga, verheiratete Danapel,

   Helfried und    Ilse,

die Großeltern Heinrich Oldenburg und seine Frau Berta, geb. Hawer, sowie ich, deren Enkel Eckehard Oldenburg, Sohn des Mittelschullehrers, derzeit im Kriege befindlichen Karl Oldenburg und seiner bereits verstorbenen Frau Martha, geb. Danapel.

Von meiner Warte aus waren es „Onkel“ August und „Tante“ Else, damals 57 und 50 Jahre alt, „Hella“ (23), Helfried (21) und „Illi“ (15), „Opa“ und „Oma“, 74 und 70 Jahre alt, während ich acht Jahre zählte.

Schon vorher drang tagelang Kanonendonner zu uns herüber. „Der kommt von Konitz“, meinte Onkel August, einem Ort südlich von uns, auf westpreußischem Gebiet kurz hinter der pommerschen Grenze gelegen. Unsere Kreisstadt Bütow, in der ich zu Hause war, wenn ich mich nicht – wie zur Zeit – hier in Bernsdorf zu Besuch aufhielt, wurde schon mehrfach von russischen Flugzeugen bombardiert, und sogar bei uns in der Nachbarschaft, „Im Grand“, fielen trotz unserer abgeschiedenen Lage Bomben, dass die Wände des Hauses wackelten und die Fensterscheiben klirrten, während weitere russische Tiefflieger über unser Gehöft hinwegrasten, begleitet vom heiseren Knattern ihrer Bordgeschütze. Doch wenn wir auch bis dahin von allem Unbill verschont geblieben waren, wurde es nun Ernst:

Die letzten Sachen mussten auf dem schon vorher mit einem rechteckigen Aufbau versehenen Leiterwagen verstaut werden, ebenso auf dem 2-rädrigen Anhänger. Bei allem und jedem stand natürlich die Frage im Raum: „Was kann noch mit, was muss hier bleiben?“ Dabei waren die Wagen ohnehin schon überladen. Und oben drauf dann noch wir acht Menschen! „Hans“ und „Grete“ waren als Kaltblüter zwar außerordentlich starke Pferde, ob sie aber dieses schwere Gefährt durch den Schnee und – womöglich – noch über längere Strecken würden ziehen können? „In spätestens 14 Tagen sind wir wieder zurück!“ tröstete Onkel August uns ständig – und wohl auch sich selbst. Doch was sollte aus dem vielen Vieh des Hofes und den tausenderlei zurückgelassenen Dingen, die sich auf so einem alteingesessenen Grundstück angesammelt hatten, in dieser Zeit werden? Wer füttert die Tiere? Was wird aus den Bienen, die er ganz besonders liebte? Würden das „gute“ Geschirr, die Sammeltassen aus der Glasvitrine, das Silber, die gepflegte Tisch- und Bettwäsche, die Bilder, Fotoalben und all’ die übrigen vielen persönlichen Sachen irgendwelchen Plünderern oder gar dem Feind in die Hände fallen? Im Bekannten- und Verwandtenkreis ging man, wie zu hören war, dazu über, wertvolle und persönliche Gegenstände, die zurückbleiben mussten, zu verstecken oder zu vergraben.

Auch bei uns war ein solcher Plan herangereift. Die Durchführung gestaltete sich jedoch als schwierig, durfte doch vom Personal niemand etwas davon erfahren! Und so wurden der Ukrainer Simon, der uns zuletzt als landwirtschaftlicher Mitarbeiter zugewiesen worden war, und eine weitere Hilfskraft kurzerhand zu den verschneiten Kartoffel- und Wruken- bzw. Rübenmieten auf die Felder geschickt mit dem Auftrag, diese aufzugraben, um nachzusehen, ob darin noch alles in Ordnung, insbesondere deren Inhalt noch nicht verfroren sei. Ungläubig stapften die beiden zwar los, ahnten aber mit ziemlicher Sicherheit, was der Zweck dieses ungewöhnlichen Auftrags war.

Der Hof an einem sommerlichten Tag vom Fichtberg aus aufgenommen

„Kein Klang der aufgeregten Zeit drang noch in diese Einsamkeit.“

Diese Worte Theodor Storms hatten für Bernsdorf nur bis 1944 Gültigkeit; dann drang der Kriegslärm auch in diesen einsamen Winkel.

Erntezeit in der hügligen Landschaft

Helfried kommt mit den Pferden nach Haus

Onkel August und Helfried machten sich derweil daran, in Windeseile in der Fachwerkscheune einen Strohstapel beiseite zu räumen, den Fußboden darunter aufzubrechen und ein entsprechendes Loch zu graben für einige der Dinge, die wir nach den bewussten 14 Tagen dann doch gerne wieder hätten. Den Fußboden wieder so zu verschließen, dass er sich optisch nicht vom übrigen unterschied, gestaltete sich dabei gar nicht so einfach. Anschließend kam das zuvor beiseite geräumte Stroh wieder drüber, und als die beiden Mitarbeiter vom Feld wiederkamen, konnten wir so tun, als sei nichts geschehen.

Zu einem kurzen Disput zwischen Onkel August und seiner Frau Else entwickelte sich zu guter Letzt noch die Frage, ob er sein Jagdgewehr nicht auch noch mitnähme. „Falls die Russen kommen und uns etwas anhaben wollen, könnte ich sie damit alle abknipsen!“ So sprach es aus dem Weltkrieg-1- Teilnehmer. Tante Else war aber strikt dagegen, und so blieb die Flinte da wo sie war.

Else, Johanna, Wilhelmine, geb. Oldenburg, geh. am 25. 11. 1895 in Zerrin; Besuch der Volkschule in Neufeld, alles Kr. Biitow. Heirat am 24. 12. 1919 in Biitow mit August von Mroczeck, geh. am 03. 07. 1887auf dem elterlichen Hof in Bernsdorf Abbau, den er später auch bewirtschaftete. Als Soldat tuährend des gesamten Ersten Weltkriegs 1914 – 1918 zur Kavallerie einberufen. Aus der Ehe gingen die Kinder Helga, geb. am 22. 03. 1921, Helfried, geb. am 29. 08. 1923, und Ilse, geb. am 11. 09. 1929, hervor.

Das auf dem Hof einquartierte deutsche Militär machte (noch) keine Anstalten zum Aufbruch. Bei uns befand sich offenbar die „Kommandozentrale“ für das in den umliegenden Höfen ebenfalls stationierte Militär. Das merkte ich insbesondere daran, dass den Offizieren, die bei uns mit am Mittagstisch saßen, von anderen Soldaten laufend zackige Meldungen gemacht oder an diese erteilt wurden. „Da macht einer Männchen“, meinte Helfried trocken, wenn ein solcher Melder wieder einmal im Türrahmen unseres Esszimmers stand. Helfrieds Soldatenlaufbahn war bereits im Vorjahr 1944 jäh unterbrochen worden, als er durch einen Granatsplitter in die linke Schläfe schwer verwundet und nach längerem Lazarettaufenthalt nach Hause entlassen wurde. Seitdem musste er über dieser Stelle eine lederne Schutzklappe tragen; jedwede schwere körperliche Arbeit, schon gar nicht in gebeugter Haltung, war ihm streng verboten.

Die Soldaten bei uns hatten an den letzten Abenden noch kräftig gefeiert. Alkohol und sonstige Annehmlichkeiten waren offenbar genügend vorhanden. Mir war dies sehr recht. Da sich die Feiern meist in der Küche abspielten und mein Schlafzimmer unmittelbar neben dieser lag, hätte ich wegen des Lärms ohnehin nicht schlafen können; und so durfte ich länger als sonst aufbleiben und bei den Großen „dabei“ sein. Ich hielt mich meistens am noch warmen Küchenherd auf, den ein Fliesenkranz mit dem Spruch „Ohn’ Fleiß kein Preis“ zierte. Die Kriegsereignisse waren an diesen Abenden natürlich das Hauptthema. Auf dem Höhepunkt eines solchen rief einer der Soldaten, das Glas in der Hand, unter dem Jubel der anderen aus: „Lang lebe der Krieg, der Frieden wird grausam!“

Dieser „Toast“ kam mir doch etwas seltsam vor. Auch wenn ich persönlich vom Krieg bis dahin noch nichts Negatives zu spüren bekommen hatte, so befiel mich allein bei dem Wort „Krieg“ ein gewisses, wenn auch unbestimmtes Unwohlsein, was bei dem Wort „Frieden“ nicht der Fall war. Das sollte nun umgekehrt gelten? Andererseits: Warum sollte ich ihm nicht glauben? Dafür fehlte mir mit meinen acht Jahren sicherlich noch der nötige Überblick.

Was unter „grausam“ fallen könnte, mussten wir allerdings schon jetzt hin und wieder erleben, auch wenn der Krieg noch nicht zu Ende war: „Unsere“ Soldaten waren vorher alle in Russland gewesen und hatten dort die eiskalten Winter mitmachen müssen. Einige von ihnen hatten daher Erfrierungen mitgebracht, unter denen sie mehr oder minder litten. Ein ganz schlimmer Fall war der eines Soldaten, dem beide Füße erfroren waren, und der deshalb Höllenqualen leiden musste. Er sollte deswegen mit dem Pferdewagen nach Bütow ins Lazarett gebracht werden. Als es am nächsten Morgen losgehen sollte, war er verschwunden. Halb entblößt und barfuss fand man ihn später im hohen Schnee hinter der Scheune; er hatte den Freitod gesucht. In dieser Nacht mögen es 20 Grad Frost gewesen sein.

Andere mussten ebenfalls mit solchen und anderen Beschwerden in die Kreisstadt gebracht werden. Helfried fuhr mit. Wie er anschließend berichtete, mussten sie unterwegs oftmals vor Tieffliegern in den Chausseegraben flüchten. Aus Bütow selbst brachte er auch keine guten Nachrichten mit: Schwere Bombenschäden in der Stadt, das Rathaus am Markt zerstört. Die große Brücke über den Bahnhof als der südliche Zugang zur Stadt – so auch von Bernsdorf – wäre aber noch benutzbar; nur einer der beiden eisernen Bögen sei beschädigt. Und wie zum Hohn: Die erste Bombe sei in das große Wasserbecken auf dem Markt gefallen, das man extra zum Löschen bei Bombenschäden angelegt hatte! Neben deutschen Soldaten waren in den weit verstreut liegenden Höfen unserer Nachbarschaft auch ehemalige russische Soldaten untergebracht. Hierbei handelte es sich um Angehörige der so genannten „Wlassow-Armee“, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten oder übergelaufen waren und nun unter dem ehemals russischen General Andrej Andrejewitsch Wlassow auf deutscher Seite kämpften. Auch sie hatten noch ordentlich gefeiert, bevor sie weiterzogen. 200 Liter Schnaps führten sie für diese Zwecke mit sich. Zur Wiederherstellung ihrer Einsatzbereitschaft mussten sie am nächsten Morgen bei uns auf dem Hof antreten, um anschließend vom deutschen Oberscharführer den gleich hinter dem Haus gelegenen Fichtberg rauf und runter gescheucht zu werden. Es waren hauptsächlich Kaukasier, aus denen dieser Verband bestand, darunter zum Teil noch ganz junge Soldaten mit hoher Stimme, eher Jungen als Männer. Einer dieser „Jungen“ konnte oder wollte diese Torturen durch den hohen Schnee nicht länger mitmachen; zur Strafe musste er sich daher mit dem Gesicht in den Schnee legen, während die anderen noch gescheucht wurden.

Als einziger Zuschauer dieser Drillaktion wurde ich jedoch bald von Tante Else mit den Worten: „Komm weg da, das ist noch nichts für dich!“ ins Haus gerufen, ebenso von den anschließenden Strafaktionen im Stall.

Bevor dieser Verband abrückte, durfte er sich aber noch 32 Brote in unserem Backhaus backen. Außerdem gab Onkel August ihnen noch einen ganzen Pferdewagen voll Kartoffeln, gut in Stroh und Säcke gegen Kälte und gleichzeitig als Sichtschutz verpackt, mit auf den Weg. Dies war eigentlich streng verboten, waren doch alle Lebensmittel „bewirtschaftet“. Neben Getreide wurden auf dem Hof hauptsächlich Kartoffeln, damals vornehmlich die Sorte „Ackersegen“ angebaut, und daher waren hiervon (insgeheim) immer noch genügend vorhanden.

Natürlich stand schon geraume Zeit vor dem Räumungsbefehl bei uns die bange Frage im Raum: „Wie wird es wohl mit uns weitergehen?“ Trotz unserer abgeschiedenen Lage auf Bernsdorfs „Abbau“ bekamen wir schon mit, was so um uns herum und – durch das Radio – in der weiten Welt vor sich ging.

Dieses Thema stand hauptsächlich bei den Mahlzeiten auf der Tagesordnung, wenn wir alle bei Tisch versammelt waren. „Wenn wir hier doch fort müssen, was der liebe Gott aber verhindern möge, dann leg’ ich mir noch ein bissgen mehr aufs Brot“, meinte Onkel August etwas deprimiert eines Morgens beim Frühstück, wohl, weil wieder einmal eine ungünstige Meldung von der Ostfront durchkam. Die übliche Butter (nicht gerade dünn) nebst Marmelade waren auf der (selbst gebackenen) Brotscheibe schon drauf; nun kamen noch Schinken, der selbst geschleuderte Honig und – zum Schluss – Käse oben drauf. „Der schließt den Magen!“ Tante Else schüttelte nur den Kopf. Ich muss wohl interessiert zugeschaut haben, denn schon bekam ich die Aufforderung, es ihm gleich zu tun. „Du bist sowieso zu dünn!“ hieß es zur Begründung.

Diesen Spruch hörte ich schon jahrelang, wenn ich hier zu Besuch war. Nach dem abendlichen Melken musste ich deswegen ein großes Glas noch warmer Kuhmilch trinken – was jedes Mal ein Graus für mich war. Aber runter musste das wabblige Zeug irgendwie, da hatte man kein Erbarmen mit mir! Anschließend ging es auf die Dezimalwaage. Das Ergebnis wusste ich schon vorher: „Der Jung’ hat wieder nicht zugenommen!“

Und nun sollte ich auf diese Weise dicker werden: Onkel August packte mir also ebenfalls noch Wurst, Käse, Schinken und ich weiß nicht was noch alles über die Marmelade. „Nun iss mal schön, Fritzchen!“ lautete die Aufforderung. (Fritzchen war mein Spitzname, wohl in Anlehnung an Onkel Fritz, Hellas Mann.) Die Hälfte der Stulle bekam ich – unter den gespannten Augen der übrigen Mitesser – mit Hängen und Würgen herunter; von der restlichen erlöste mich dann zu meinem Glück Tante Else.

Tatsächlich war von allem im Überfluss vorhanden. Und das sollte alles einfach so hier bleiben? Eine Vorstellung, die sich keiner so recht ausmalen konnte.

Trotzdem: Die Ostfront schien sich doch bedenklich näher auf deutschem Gebiet nach Westen zu verschieben, denn schon tauchten Flüchtlingswagen selbst hier in dem abgeschiedenen und verträumten 700-Seelen-Dorf Bernsdorf auf! Wir bekamen Frau Fritz mit ihren zwei Fahrzeugen zugewiesen. Ihr Polenmädchen Cilla fuhr den langen, schweren und mit einer spitzen Plane überspannten Leiterwagen, sie selbst eine offene Kutsche. Beide Wagen waren mit jeweils zwei Pferden bespannt, davon war eine Stute tragend. Frau Fritz musste aus ihrem Heimatort Petzin in der Tucheler Heide, südlich des Kreises Bütow auf westpreußischem Gebiet gelegen, flüchten. „Die Truppen des Generaloberst Weiß konnten die Russen nicht mehr aufhalten,“ berichtete sie als Begründung für ihre Flucht. „Uns Pommern hat Himmler aber befohlen, auszuharren und bis zum Letzten Widerstand zu leisten. Dafür wird die „Division Pommernland“ schon sorgen,“ meinte Onkel August dagegen ganz optimistisch.

Frau Fritz war eine vornehme und vor allen Dingen auch angenehme Dame, mit der wir, wie auch mit ihrer Cilla, gut zurecht kamen. Eines Mittags fragte Frau Fritz Tante Else: „Darf ich heute Nachmittag mal Ihren Herd benutzen?“ Natürlich durfte sie, und wir waren alle sehr gespannt, was das wohl zu bedeuten hätte. Dem Herd wurde daraufhin ordentlich eingeheizt. Frau Fritz hantierte zunächst mit einer Teigmasse auf dem Küchentisch, die dann anschließend in einem großen, gusseisernen Gefäß auf dem Herd zischend nach und nach verschwand. Heraus kamen nach einem Weilchen herrlich knusprige, längliche Leckerbissen, von denen einer besser als der andere schmeckte! Ihre amtliche Bezeichnung lautete: „Schürzkuchen“, die uns frisch vom Herd, fast noch heiß, in nicht enden wollender Folge serviert wurden. Wir, ich ausdrücklich eingeschlossen, waren begeistert! Frau Fritz freute sich ihrerseits, dass sie sich damit für die verständnisvolle Aufnahme bei uns etwas revanchieren konnte, zumal sämtliche Zutaten für diese Backeinlage aus ihren eigenen Beständen kamen. Ich musste insgeheim zugeben, dass sie ab diesem Zeitpunkt in meiner Achtung noch mehr gestiegen war.

Die Schule war für mich bereits im Jahr 1944 beendet, als ich gerade in der 2. Klasse war. In meiner „Hindenburg-Schule“ in Bütow wurde der Schulbetrieb schon damals eingestellt, weil sie mit Flüchtlingen und „Bombengeschädigten“ (wie der offizielle Ausdruck hieß) aus den übrigen Teilen Deutschlands voll gestopft wurde. Am letzten Schultag dort durfte ich sogar, neben anderen Jungen aus meiner Klasse, mit einem Schild im Schulhof stehen, auf dem „Oppeln“ mit schwarzen Buchstaben auf weißem Grund stand. Die anderen Jungen hatten Schilder mit anderen Städtenamen, durchweg aus Schlesien, wie meiner auch. Das bedeutete, dass sich die Menschen, Junge, Alte, Kinder, aus diesen Orten hinter uns aufzustellen hatten und lange Schlangen bildeten, bevor sie in die Schule eingewiesen wurden.

Der Unterricht wurde zunächst in der Wohnung unserer Klassenlehrerin in Bütow „Am Markt“ fortgesetzt, was aber mehr schlecht als recht ging. Ich kam in ihrem Wohnzimmer neben dem schwarzen Klavier zu sitzen und konnte daher den Klavierdeckel als „Arbeitsplatte“ benutzen. Bald aber hatte auch dieser Behelf ein Ende, und es sollte gar nicht mehr lange dauern, da wurde dieses Haus durch einen Bombentreffer zerstört.

Die Straßen Bütows waren in dieser Zeit schon voller Flüchtlingswagen. Vom südlichen Mankwitz her wälzte sich ein endloser Treck in die Stadt. Da die „Mackensenstraße“ in Bütow, in der unser Haus mit der Nr. 21 stand, in die „Mankwitzer Chaussee“ mündet, gingen meine fast zwei Jahre jüngere Schwester Elfa und ich oft nach dort herunter und bestaunten diese neuen Ereignisse in unserer sonst eher beschaulichen Stadt. Meistens waren es pferdebespannte Leiterwagen mit einer spitzen Plane übergeworfen als Schutz vor dem eisigen Wind. Nur ganz vereinzelt zog ein Traktor ein solches Gefährt. Einige dieser Treckwagen hatten Bremsen an den Vorder- oder Hinterrädern, die mittels einer Kurbel auf den Eisenkranz der Räder wirkten, ein Zeichen dafür, dass sie aus hügligeren Gegenden kamen, denn bei uns war derartige Technik nicht so verbreitet, obgleich es hier ja auch oftmals durch Berg und Tal geht. Hin und wieder war auch ein gummibereifter Wagen dazwischen; das waren dann sicherlich Leute „besseren“ Herkommens, was man auch an der Abdeckung z. B. in Form von Teppichen oder an der Anzahl der mitgeführten Pferde sehen konnte: Statt der üblichen Ein- oder Zweispänner waren hier oftmals drei Pferde vorgespannt oder es wurden hinten am Wagen noch ein oder zwei mitgeführt. Dazwischen waren auch einige Kutschen, die allerdings meistens ganz offen waren, so dass die Mitfahrenden dem kalten Winterwetter total ausgesetzt waren. Die Leute hatten sich zwar durch Pelze u. ä. entsprechend vermummt, ihre roten Gesichter waren aber nicht zu übersehen. Nur einmal entdeckten wir ein kleines, zudem noch knallrotes Auto in der Kolonne, angetrieben per Holzvergaser, denn Benzin war ja äußerst knapp.

Ein gewaltiges Gedränge herrschte am Bahnhof. Als Elfa und ich diesem hier eines Tages erstaunt zusahen, den Schlitten hinter uns herziehend, „schnackte“ ihn uns eine Flüchtlingsfrau ab. „Den kriegt ihr gleich wieder!“ war ihre Zusage – und verschwand in dem Menschengewühl. Später fehlte er uns dann sehr, als Sachen nach Neubütow durch den hohen Schnee geschafft werden sollten, um in der großen Kiste von Onkel Heini (Heinrich, Bruder meines Vaters) mit auf die – eventuelle – Flucht zu gehen. Was sollten die Jugendlichen dieser vielen Flüchtlinge, wenn sie nun in der Stadt Station machten, tun? Da auch für sie kein Schulunterricht stattfand, streiften sie, wie wir auch, durch die Straßen und Gassen. Als Flüchtlingskinder mit den Fensterladen eines Hauses spielten, fielen mir ihre ungewaschenen Hände und Gesichter auf. Wie lange müssen die schon unterwegs gewesen sein!

Immer mehr Flüchtlinge und Bombengeschädigte mussten in der Stadt untergebracht werden. Selbst die große Dienstvilla des Landrats Förster, mit dem unsere Eltern lose verkehrten, war bald mit Einquartierungen voll belegt. Hier kam auch die Familie Sokohl aus Berlin unter, die unsere Eltern von früher her kannte und nun auf den weitläufigen Fluren dieses hübschen und repräsentativen Gebäudes campieren musste. „Sollte der Russe jemals bis zu uns vordringen, werden dies meine

Familie und ich nicht überleben – so oder so!“ hatte ein Besucher bei uns einmal in vertrautem Kreise geäußert Sollte die Lage bereits so ernst für uns sein? Die besorgten Mienen der Erwachsenen bei solchen Gesprächen verrieten jedenfalls nichts Gutes…

Zudem berichtete unser treues Hausmädchen „Traute“ (Waltraud Meseck, geb. Pallas), die bei ihren Eltern am anderen Ende der Stadt, an der Pomeisker Chaussee, wohnte, von schlimmen Schicksalen, die sich vor ihrer Haustür abspielten. Danach wälzten sich auch dort lange Flüchtlingstrecks, aus Richtung Danzig kommend, in oder durch die Stadt. So erzählte sie u. a. von einem älteren Mann aus dieser Wagenkolonne, der eines Abends mit der Bitte um ein wärmendes Getränk wankend ins Haus gekommen sei. Beim Ausziehen der Handschuhe habe sich herausgestellt, dass ihm alle Finger erfroren waren. Da seine Frau auf dem Wagen geblieben war, hätten sich Traute zusammen mit einer bei ihnen einquartierten Flüchtlingsfrau in der Dunkelheit und bei 20 Grad Frost auf die Suche nach ihr begeben und, als sie sie endlich gefunden hatten, dort vollkommen steif und regungslos angetroffen; sie verstarb noch in den Armen der beiden Frauen auf dem Weg ins Haus. Ihnen sei nichts anderes übrig geblieben, als die Tote in den Schnee des Chausseegrabens abzulegen. Am nächsten Tag habe man die Annahme der Leiche auf dem Bütower Friedhof abgelehnt; die vielen Toten könne man nicht mehr alle beerdigen und im Übrigen sei der Boden zu hart gefroren. Den Mann mussten sie anschließend in das nahe gelegene, total überfüllte Bütower Krankenhaus bringen, wo er nach zwei Tagen verstarb.

Mittlerweile warfen sogar die Kriegsereignisse in Berlin ihre Schatten bis zu uns nach Hinterpommern herein. Da unsere Mutter Martha, geb. Danapel, bald nach Elfas Geburt verstarb, heiratete unser Vater, wohl um auch wieder eine Frau und Mutter für uns ins Haus zu bekommen, im Jahre 1940 Hertha Beck, die bis dahin bei ihren Eltern in Berlin-Tempelhof wohnte. Aus dieser Ehe ging unsere jüngste Schwester Karin hervor, die am 15. Juni 1941 in Bütow geboren wurde. Weil die Bombardierungen Berlins immer unerträglicher wurden, zog ihre Mutter Ida, geb. Huse, als unsere neue Oma zu uns nach Bütow, da es zu der Zeit hier doch noch wesentlich friedlicher zuging. Ihr Mann Karl Beck war bei der Deutschen Reichsbahn in Berlin in leitender Position als Ingenieur beschäftigt und daher dort unabkömmlich. Das Schicksal hat es so gewollt, dass er bei der Bombardierung seines Tempelhofer Heims in der Ringbahnstr. 23, das dabei vollkommen in Schutt und Asche gelegt wurde, umkam und somit zum ersten Toten dieses Krieges aus unserer engeren Familie wurde. Leider blieben damit auch die Pakete voller Süßigkeiten, die er trotz der knapper werdenden Versorgungslage immer noch irgendwie für uns Kinder auftreiben konnte, aus.

Trautes Verlobter war bereits zu Anfang des Krieges in Russland gefallen. Sie blieb jedoch dessen Familie treu und heiratete 1943 den Bruder Heinz Meseck.

Bei dieser eher unfreundlichen Situation für mich hier in Bütow lag es nahe, dass man mich mal wieder, wie in den Jahren zuvor auch, auf den Bauernhof von Onkel August und Tante Else in dem zwei Dörfer entfernt gelegenen Bernsdorf „verschickte“, wo mich nun der eingangs genannte Räumungsbefehl, getrennt von meinem eigentlichen Zuhause, einholte.

Kurz vor unserer „Abreise“ aus Bernsdorf hatten Onkel August und Helfried noch einige auf dem Hof verbliebene Soldaten gebeten, sich um das zurückgelassene Vieh zu kümmern. Die Ställe waren voll mit Schweinen, Schafen, Gänsen, Kälbern und Kühen; wer sollte die jetzt füttern, tränken, melken? Ohne die gewohnte Versorgung würden sie alle elendig verhungern und verdursten! Oder lauerte „der Cyrson“ bereits irgendwo in der Nachbarschaft, um sich in unseren Hof zu setzen? Uns war nämlich zu Ohren gekommen, dass ein gewisser Paul von Cyrson, ein Kaschube, der sicherlich hier bleiben würde, bereits ein Auge auf unser Anwesen geworden habe… Die Viehversorgung dem Mitarbeiter Simon zu übertragen, war zwecklos. Dieser bettelte inständig, von uns mitgenommen zu werden, was uns sehr verwunderte. Immerhin war er zwangsverpflichtet und konnte nun doch eigentlich froh sein, aus seinem Arbeitsverhältnis auf diese Weise entlassen zu werden. Aus den verschiedensten Gründen war eine Mitnahme aber nicht möglich (dann wären wir sogar neun Personen auf dem Wagen gewesen!) und wohl auch nicht zulässig. Er ließ sich auch nicht dadurch umstimmen, dass er sich aus unserer gesamten zurückgelassene Habe nach seinem Belieben hätte bedienen können. „Du kannst alle meine guten Anzüge haben!“ redete ihm Onkel August gut zu. „Sogar mein Jagdgewehr kannst du dir aus der Speisekammer holen!“ Es half aber alles nichts, ihn damit zu überzeugen Auch ihn mussten wir hier also seinem ungewissen Schicksal überlassen. Da es in der letzten Zeit noch stark geschneit hatte, bekam er am Vortag unserer Flucht den Auftrag, die Zuwegung zum Hof frei zu schippen. Diese war ein unbefestigter, längerer Feldweg, der auf halber Strecke als mannshoher Hohlweg ausgebildet und deswegen insbesondere hier total zugeschneit war. Simon legte seine ganze Kunst darein, uns die Abfahrt so bequem wie möglich zu machen, indem er den Schnee in große Würfel einteilte und dann an den Wegrändern wie ein Maurermeister die großen Steinquader exakt aufeinander schichtete.

Selbst der Hofhund „Moppi“ musste zurückbleiben. Dieser lag zwar tagsüber an der Kette vor seiner Hütte, bekam aber morgens und abends freien Auslauf, von dem er dann auch intensiven Gebrauch machte. Seine Hütte stand unmittelbar neben der Scheune; ein Loch in deren Wand eröffnete ihm die Möglichkeit, je nach Wetterlage im kuscheligen Stroh in der Scheune oder in seiner Hütte zu nächtigen. Hier bekam Simon den Auftrag, ihn morgens nicht loszubinden; als treuer Hofhund wäre er uns sicherlich gefolgt! Unser Verlassen des Hofes sollte er sowieso nicht mit ansehen müssen; deshalb musste er auch tagsüber in der Scheune bleiben, was ihm natürlich gar nicht recht war, konnte er doch – ganz entgegen seiner eigentlichen Aufgabe – nicht verfolgen, was da draußen auf dem Hof vor sich ging.

Es war ein wunderbarer klarer Wintertag, dieser 2. März 1945. Keine Wolke am strahlend blauen Himmel, die das gleißende Sonnenlicht hätte stören können. Trockener Frost lag in der Luft. Nachdem die letzten Sachen, insbesondere Verpflegung für uns und die Pferde, auf dem Leiterwagen und Anhänger verstaut waren, zogen „Hans“ und „Grete“ gegen Mittag die schwere Last vom Hof. Opa und Oma waren schon auf dem Wagen, wir übrigen gingen zu Fuß. Frau Fritz war mit ihren beiden Fahrzeugen bereits vorausgefahren.

„In spätestens 14 Tagen sind wir wieder da!“ meinte Onkel August wie immer zuversichtlich. „Dreht euch noch einmal um!“ sagte dagegen plötzlich eine zarte, zitternde Frauenstimme. Es war Tante Else, die uns dazu aufforderte. Und während wir dies taten, lag der Hof in seiner ganzen Vertrautheit wie eh und je vor uns, unbeeindruckt von dem ganzen hektischen Geschehen umher: Hell leuchtete das rote Ziegeldach des Wohnhauses in der im Süden stehenden klaren Wintersonne, rechts davon das rote Gemäuer des langen Stallgebäudes, während auf den Hof die dunklen Schatten der gegenüber liegenden hohen Fachwerkscheune fielen, hinter allem die geschwungene Silhouette des Fichtberges. In den Kristallen des Pulverschnees brach sich millionenfach das Sonnenlicht, und wenn man sich die Fahrzeuge des auf dem Hof noch befindlichen Militärs wegdachte, hätte es nicht anders sein können als an einem der vielen, schönen Tage, die Verwandte und Bekannte aus nah und fern, wie ich selbst auch, hier so gerne verbrachten.

Sollte dies nun alles vorbei sein, unwiederbringlich vorbei? Oder hatte Onkel August vielleicht doch Recht? Die Pferde zogen erneut an, und knirschend bohrten sich die Räder des schweren Gefährts in den Schnee auf den Weg ins Dorf, einem ungewissen Schicksal entgegen…

Unser Treckwagen

So traten wir am 2. März 1945 die Flucht mit acht Personen auf dem voll bepackten Leiterwagen samt Anhänger an. Da die Wagen auf den verschneiten und vereisten Wegen und Straßen für „Hans“ und „Grete“ auf Dauer zu schwer waren, mussten wir den Anhänger – nach Umladen einiger Lebens- und Futtermittel für uns und die Pferde – später am Straßenrand zurücklassen.

Im Schneetreiben unterwegs, gefolgt von Frau Fritz mit ihrer Kutsche, auf der Hella wegen deren besserer Federung zeitweilig mitfuhr. Die Frauen waren hier jedoch dem Wind und Wetter mit seinen eisigen Temperaturen voll ausgesetzt. Dahinter folgte Cilla mit dem langen Leiterwagen.

2. Sammeln im Dorf

Der Weg ins Dorf war – wie der Weg zum Hof – ein einfacher Feldweg, der jetzt natürlich auch in Eis und Schnee lag und äußerst schwer zu befahren war. Die Pferde mussten arbeiten, als zögen sie einen Mehrscharpflug über einen tiefen Acker. Es war jetzt schon klar, dass es so auf die Dauer nicht weitergehen konnte! Am Leiterwagen war noch ein Wagenrad als Reserve befestigt, das allein fast einen Zentner wog, und hinten wurde noch ein Fahrrad aufgehängt – beides eine zusätzliche Belastung. Aber die knapp drei Kilometer bis ins Dorf würden „Hans“ und „Grete“ schon noch schaffen, waren sie in dem hügeligen Gelände doch schwere Arbeit gewohnt. Für die Weiterfahrt ab Bernsdorf standen Teerstraßen zur Verfügung, die nun zwar auch vereist, aber trotzdem leichter zu befahren waren.

Am Eingang des Dorfes angekommen, leuchtete uns zur Linken – wie immer – das helle Gemäuer aus Felsgestein unserer im Sonnenlicht so ruhig dastehenden evangelischen Kirche mit ihrem leuchtend roten Ziegelturm entgegen, als ginge sie das Ganze um sie herum nichts an. Schon seit 1874 stand sie hier mit ihrem spitzen Turm auf einer kleinen Anhöhe, weit in die Gegend schauend. Sammelpunkt und Pause für die Pferde war der nahe Platz vor dem Händler und Gastwirt Kosin. Frau Fritz und Cilla waren mit ihren Fahrzeugen schon da. Bei Kosin wurde noch eifrig gepackt und beladen. Der hatte sich nämlich mit unserem Feldnachbarn, dem Landwirt Rau, zusammengetan, um die Flucht mit dessen Trecker gemeinsam anzutreten. Selbst der mir etwa gleichaltrige Sohn von Kosins, Ulrich, schleppte noch eifrig allerhand Sachen aus dem Haus, mit denen der gummibereifte Anhänger nun vollgepackt wurde. Ob die Flucht ins Ungewisse mit solch einem Fahrzeug den beiden Familien wohl mehr Sicherheit bietet als unsere Pferdefuhrwerke?

Rau war unser Nachbar Richtung Süden; sein Hof „Im Grand“ lag allerdings so weit entfernt und hinter Hügeln versteckt, dass man ihn von uns aus nicht sehen konnte. Sein Betrieb umfasste wohl an die 100 ha, allerdings mit Ödländereien und, wie bei unserem auch, mit größerem Wald dabei. Er war der Erste im Dorf, der sich so ein modernes Zuggerät in Gestalt eines Traktors zugelegt hatte. Onkel August war für seinen Betrieb allerdings strickt dagegen, was wegen der hügeligen Äcker, vom Fichtberg ganz zu schweigen, wohl auch richtiger war. Denn ganz ohne Pferde ging es in dem leicht bergigen Gelände des „Pommerschen Landrückens“ nicht. Das musste auch Rau erfahren, wenn sein Gefährt wieder einmal im Mahlsand stecken blieb oder den Kartoffelroder doch nicht den Berg hinauf schaffte: dann mussten auch noch die Pferde vorgespannt werden, damit es weiterging! Das sorgte dann immer für entsprechenden Gesprächsstoff in der Runde. Mit seinem Trecker geriet er sogar in die Schlagzeilen des „Bütower Anzeigers“, als er eines Tages auf einer abschüssigen Straße in Bütow mit einem Anhänger voller Stangenholz über Kopf ging. Obgleich die Holzstämme über Trecker und Straße umhergewirbelt wurden, wovon ich zufällig Zeuge war, lief der Unfall letztlich noch glimpflich ab. Der Trecker konnte wieder repariert werden – und stand nun auch für die Flucht zur Verfügung.

Onkel Augusts ablehnende Haltung in Sachen Zugmaschine sollte aber nicht bedeuten, dass man sich auf seinem Hof gegen jedwede technische Neuerung stellte. Da die Stromversorgung damals noch nicht bis auf den abgelegenen, nur aus zwei Gehöften bestehenden Bernsdorfer „Abbau“ vorgedrungen war, stand zum Antrieb der Dreschmaschine Marke „Dechentreiter“ und anderer Geräte hinter der Scheune ein stationärer Glühkopfmotor zur Verfügung. Der war zwar insbesondere im Winter schwer in Gang zu bekommen, aber wenn er erst einmal lief und sein Kühlwasser dampfte, konnte ihn so leicht nichts erschüttern, auch nicht, wenn Tante Else beim Dreschen gleich mehrere Garben auf einmal in den Dreschkasten einlegte. Dann geriet der lange, lederne Antriebsriemen zwar bedenklich ins Schwanken, die Umdrehungen des Motors wurden so langsam, dass man sie mitzählen konnte, aber meistens erholte er sich schnell, und die Arbeit konnte in gewohntem Tempo ihren Fortgang nehmen. Sollte dies nun schon alles Vergangenheit sein?

Während wir uns hier also versammelten, und laufend noch weitere Treckwagen, Einheimische wie Flüchtlinge, eintrafen, tauchten erneut russische Tiefflieger auf und beschossen uns mit ihren Bordwaffen. Ausgerechnet den Bürgermeister Löschmann traf ein Granatsplitter genau ins Kreuz, doch seine dicke Winterjoppe verhinderte zu seinem Glück ein tieferes Eindringen. Eine für uns gedachte Bombe schlug zudem dicht hinter dem Anwesen Kosins mit dumpfem Getöse in eine moorige Wiese, so dass der gefrorene Morast in hohem Bogen über uns hinwegflog. Wenn das so weiterging…

Deutsche Flugzeuge zur Abwehr waren schon lange nicht mehr gesichtet worden. Bei den Angriffen der russischen Bomber tat die Flak bei Bütow wohl ihr Bestes; Helfried wollte sogar gesehen haben, dass sie einmal einen „heruntergeholt“ hätte, wie er sich ausdrückte, aber im Großen und Ganzen konnten die russischen Flieger dort oben ungehindert schalten und walten wie sie wollten und bildeten daher schon jetzt eine ständige Gefahr für uns.

Zum Pulk der Treckfahrzeuge stieß auch das Fuhrwerk von Onkel Augusts Schwägerin Martha hinzu. Diese war mit seinem Bruder Karl verheiratet, nun allerdings bereits seit einigen Jahren verwitwet und bewirtschaftete einen mehr im Zentrum des Dorfes gelegenen Bauernhof. Ihr Sohn, Heinz und etwa so alt wie Helfried, wurde als junger Soldat in Russland schwer verwundet und war nach längeren Lazarettaufenthalten zwar für kurze Zeit zu Hause, wurde aber Ende Januar 1945 wieder mit einer „Genesungskompanie der Landesschützen” in Richtung Schneidemühl abkommandiert, so dass seine Mutter nun die Flucht mit der Tochter ohne männlichen Schutz antreten musste. Die allgemeine Hektik und Nervosität, die sich hier auf dem Platz verbreitete, ließen es aber nicht zu, die verwandtschaftlichen Bande weiter zu pflegen; in diesen Stunden hatte jede Familie mit sich selbst genügend zu tun.

Dreschtag in Bernsdorf

Die Dreschmaschine Marke „Dechentreiter“ wurde über einen ledernen Treibriemen von einem stationären Glühkopfmotor angetrieben. Wenn der sich warm gelaufen hatte und sein Kühlwasser dampfte, konnte ihn so leicht nichts aus dem Rhythmus bringen. Nur im Winter brachte er August und Helfried schier zur Verzweiflung, wenn er nicht anspringen wollte.

Zur aufmunternden Stimmung trug auch nicht gerade bei, was eine „Kollegin“ von Cilla von ihrem hohen und langen Leiterwagen ungefragt mit durchdringend-kreischender Stimme über den Platz verbreitete: Was sie und die anderen Flüchtenden bisher Schlimmes erleben und mit ansehen mussten, dass würde uns jetzt wohl auch alles bevorstehen! Sollte man ihr glauben? Die meisten wollten derlei nicht hören und schüttelten nur den Kopf.

Auch diese Fahrerin hatte, wie Cilla, ein rundes und rotes Gesicht und führte die Zügel ihres Gespanns trotzt des Frostes mit bloßen, roten Händen. Cilla jedenfalls hatte Handschuhe strikt abgelehnt.

Einige Wagen aus dem Dorf erschienen, als hätten sie nur einen kurzen „Ausflug“ vor sich. Sie waren nicht sonderlich voll gepackt, die Mitfahrenden hatten offenbar ihre ältesten Sachen angezogen. Onkel August und Illi hatten schnell heraus, wer dies waren, da man sich ja untereinander gut kannte: Es waren katholische Kaschuben, die nicht nur hier in Bernsdorf, sondern im gesamten Bütower und Lauenburger „Blauen Ländchen“ und darüber hinaus verbreitet ansässig waren. Sollte sich nun doch bewahrheiten, was man schon vorher munkelte? Da sie als Katholiken ohnehin traditionell mehr zur polnischen Seite tendierten, erhofften sie sich eine schnelle Kriegswende zugunsten Russlands und damit auch Polens, um dann baldmöglichst auf ihre Höfe zurückzukehren und für Polen zu optieren. Die meisten Kaschuben blieben, wie sich jetzt herausstellte, aber gleich auf ihren Höfen sitzen. „Diese Verräter!“ war Augusts Kommentar. Ob ihre Rechnung wohl aufgeht?

Obgleich Augusts Nachname „von Mroczeck-Gliszczinski“ ebenfalls in eine kaschubische Richtung weist, kam ein ähnliches Handeln für ihn bzw. uns absolut nicht in Frage. Seine Vorfahren waren bereits seit einigen Generationen zum evangelischen Glauben übergetreten und hatten sich damit von den Kaschuben „losgesagt“. August selbst mochte sie im Allgemeinen auch gar nicht recht leiden, was sich in dem leicht unterkühlten Verhältnis zu dem einzigen näheren Nachbarhof, nämlich dem der „Schewitsche“ (Schewitzki) widerspiegelte.

Wenn August damit auch eher einen Ausnahmefall darstellte, so war eine gewisse Distanziertheit zwischen den beiden Konfessions- bzw. Bevölkerungsgruppen im Dorf doch nicht zu übersehen.

Wir Oldenburgs waren, wie unser Vater uns gelegentlich erzählte, im Zuge des 30-jährigen Krieges, also im 17. Jahrhundert, aus dem nördlichen Niedersachsen hier nach Osten „ausgewandert“ und seit jeher evangelisch, und so fand die Einheirat Tante Elses in Augusts Familie in derselben Konfession statt. Auf ein gutes Verhältnis mit dem evangelischen Pastor des Ortes, zuletzt Herrn Pastor Kaltwasser, legte man in der Familie immer großen Wert.

Nun aber standen wir hier im kalten Winterwetter und warteten auf das Signal zur Abfahrt aus dem Heimatdorf. Als die Sonne begann, hinter den kahlen Bäumen rings um den Platz in einer über dem Horizont liegenden Dunstschicht zu versinken, setzte sich der Treck geschlossen in Richtung Bütow in Bewegung. Zur Rechten blickte zwischen hohen kahlen Bäumen die düstere katholische Holzkirche aus dem Halbdunkel hervor. Ihr schwarzer Turm schien mit den ihn umgebenden Bäumen um die Höhe zu wetteifern; auf seiner in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne glänzenden Wetterfahne war deutlich die Jahreszahl 1826 zu erkennen. Schon früher machte dieser dunkle Bau einen bedrückenden Eindruck auf mich, heute Abend kam er mir aber ganz besonders unheimlich vor. Doch lange Zeit zum Grübeln gab es nicht, denn schon bogen wir nach links ab auf die nach Bütow führende Chaussee.

Wenn der Wagen hier – wie erwartet – auch etwas leichter rollte, so hatten die Pferde doch jetzt seine volle „Besatzung“ zu ziehen: Opa und Oma hinten, auf der mitgeführten Ladung mehr schlecht als recht liegend, ich, Tante Else, Illi, Helfried und Onkel August vorne an der einzigen Öffnung des Überbaus sitzend und die Pferde lenkend. Nur Hella war in die gefederte Kutsche von Frau Fritz übergestiegen, da sie schwanger war und es sich hier für sie weitaus bequemer fuhr, wenn auch gegen die nun hereinbrechende nächtliche Kälte völlig ungeschützt.

Bernsdorfs Kirchen

Die (ehem.) evangelische Kirche, aus behauenen Granitfindlingen und roten Ziegelsteinen 1874 auf einer kleinen Anhöhe am südl. Dorfausgang Richtg. „Abbau“ errichtet. Nach dem 2. Weltkrieg war sie dem Verfall nahe, ihre Einrichtung durch Vandalismus zerstört. Doch durch den unermüdlichen Einsatz von Heinz v. Mrozeck, seiner Frau Gretel u.a. ehem. Bernsdorfern ist sie inzwischen so weit wieder hergerichtet, dass ökomenische Gottesdienste abgehalten werden können.

Die katholische Kirche, aus Fachwerk 1822 errichtet. Der eingebaute schwarze Holzturm wird von einer geschindelten viereckigen Barockhaube bekrönt, die eine Wetterfahne mit der Jahreszahl 1826 trägt. Die Kirche befindet sich innen wie außen in einem guten Zustand.

3. Unterwegs

So erreichten wir am späten Abend dieses 2. März 1945 Bütow und durchquerten Opas, Omas und meine Heimatstadt in der Nacht in nördlicher Richtung auf Gramenz zu. Von Bütow selbst bekam ich in meinem dunklen Überbau hinten im Wagen nichts mit. Die Stadt war ohnehin verdunkelt wegen der Bedrohung aus der Luft. Meine Gedanken waren unwillkürlich zu Hause in der Mackensenstraße 21. War die Familie überhaupt noch da? Oder musste sie auch schon flüchten? Mein Vater musste seine Lehrtätigkeit an der Mittelschule unterhalb der Ordensburg schon seit längerem gegen die Einberufung zum Militär, zu den Fernmeldern, eintauschen und befand sich nun irgendwo im Krieg… Ob das Haus überhaupt noch stand? – Alles Fragen, die jetzt nicht beantwortet werden konnten, denn es gab keine Möglichkeit, noch Verbindung aufzunehmen.

Dasselbe galt auch für Opa und Oma hinsichtlich ihres Heims in Neubütow, ein paar Straßenzüge weiter von uns. Hier führten sie normalerweise ihr Altenteiler-Dasein auf dem kleinen Hof, den sie sich vor Jahren als Altersruhesitz gekauft hatten. Den Betrieb bewirtschaftete ihr jüngster Sohn Heinrich, der ansonsten noch als Kreisbauern-Betreuer fungierte und hier auch mit seiner Frau Erika und den beiden Kindern Rudolf und Johanna (Hanni) wohnte.

Onkel Heini, wie wir ihn nannten, hatte als Fluchtvorbereitung eine riesige Holzkiste zimmern und auf einen Leiterwagen stellen lassen. Hierin sollten alle mitzunehmenden wertvollen Sachen, so auch einige von uns, verstaut werden. Die Kiste war so groß, dass auf dem Wagen kaum noch Platz für die Mitfahrer verblieb. Vielleicht war das der Grund, dass die Großeltern bei uns mitfuhren. Ein Mitarbeiter sollte dann im Ernstfall mit der Familie auf diesem Gefährt flüchten, während Heinrich selbst mit seinem Nachbarn Scheunemann zu Hause in einem Versteck bleiben wollte, „bis die Russen durch sind und die Lage sich wieder beruhigt hat“, wie er meinte. Von einem längeren Verbleiben des Feindes waren sie ohnehin nicht überzeugt.

Beide Pläne, der Kistenbau sowie das beabsichtigte Verbleiben, stießen bei den Erwachsenen, soweit ich dies aus ihren Kommentaren mitbekam, auf herbe Ablehnung. Wie mag es nun in dieser Nacht des 2. März dort ausgesehen haben? Auch das konnte nicht mehr festgestellt werden.

Der Treck zog unbeirrt weiter und machte erst in Gramenz – noch in der Dunkelheit der Nacht – Halt. Wir verbrachten alle den Rest der frostigen Nacht auf dem Wagen, konnten aber froh sein, dass es Helfried und Onkel August gelang, wenigstens die Pferde in der Gutsscheune dieses Ortes untergebracht zu haben. Vor die Öffnung des Überbaus auf unserem Wagen wurde gegen die winterliche Kälte ein Sack gehängt – so campierten wir in der ersten Nacht zwar noch in der Heimat, aber doch schon heimatlos…

Am nächsten Morgen schimmerte wiederum ein klarer Wintertag herauf. Die Fahrt ging weiter in Richtung Norden auf Wusseken zu. Unterwegs „beehrten“ uns wieder russische Bomber, ohne allerdings anzugreifen. Wir hielten zwar an und suchten „Schutz“ unter einem kahlen Chausseebaum, doch in der schneebedeckten weißen Weite der Landschaft hätten wir sicherlich ein gut sichtbares Ziel abgegeben! Nachdem „die Luft wieder rein“ war, stiegen die meisten von uns vom Wagen ab, um den Kreislauf bei den doch erheblichen Minustemperaturen wieder in Gang zu bringen. Illi kramte eine Thermosflasche hervor und fragte mich: „Na, Fritzchen, willst du auch einen Schluck?“ Da ich noch nie aus einer derartig schönen Flasche etwas getrunken hatte und meinte, dass da nur etwas Besonderes drin sein könne, wollte ich natürlich – und war doch sehr enttäuscht, als da nur eiskaltes Wasser herauskam.

Die Straße war glatt und schneebedeckt. „Grete“, die Mutter von „Hans“ und somit das ältere der beiden Pferde, hatte sich bereits gestern mehrfach wild umgesehen, als ob sie fragte: „Was ist bloß los? Warum ist es dieses Mal ganz anders als sonst? Wieso geht es nicht wieder nach Hause in unseren Stall?“ Auch Sohn „Hans“ machte zwischendurch verschiedentlich Anstalten, seinen eigenen Weg gehen zu wollen, denn noch nie in seinem Leben hatte er eine Nacht außerhalb seines Zuhauses in Bernsdorf verbracht. Und nun dies hier!

Berta und Heinrich Oldenburg

Berta, Charlotte, Dorothea, geborene Hawer, geb. 15. 01. 1874 in Reckow, Kr. Bütow, gest. 17. 12. 1953 in Bremerhaven, beerdigt in Bederkesa Heinrich, Friedrich, Wilhelm, geb. 12. 07. 1870 in Zerrin, Kr. Bütow; Landwirt in Zerrin, Neuhütten und Neubütow; gest. 21. 04. 1949 in Bützfleth bei Stade und dort beerdigt

Ihr Altersruhesitz in Neubütow bis 1945

Als starke Kaltblüter vom Typ „Ermländer“, nicht ganz so schwer wie die „Belgier“, dafür aber etwas beweglicher, taten sie – treu wie immer – zwar ihr Bestes, aber es zeigte sich doch, dass das Fuhrwerk auf die Dauer zu schwer für sie war. So musste die Entscheidung fallen, den Anhänger, der neben Nahrungs- und Futtermitteln u. a. das wertvolle Porzellan enthielt, abzuhängen. Nachdem noch einige Sachen umgeladen waren, wurde er vor Wusseken einfach am Straßenrand stehen gelassen. Die Straße war von vielem Volk belebt, hauptsächlich von deutschen Soldaten mit Kriegsgefangenen der verschiedensten Nationalitäten; alle bewegten sich in entgegengesetzter Richtung. Kaum war der Anhänger herrenlos, fielen französische Gefangene über ihn her, wühlten ihn durch und nahmen ihn schließlich ganz mit.

Über Wusseken kamen wir, um einiges Gewicht erleichtert, nach Budow. Die Hufeisen der Pferde waren mittlerweile stumpf geworden, sie mussten unbedingt neu beschlagen werden, um auf der glatten Chaussee sicher gehen und vor allen Dingen die schwere Last die Anhöhen hinauf ziehen zu können. Aber auch die abschüssigen Strecken erwiesen sich als nicht ungefährlich, weil die Pferde hier den ins Rollen geratenen Wagen abzubremsen hatten. Da wir keine Bremsen an den Rädern hatten, blockierte einer der Männer ein Hinterrad, indem er mit einem starken Holzpfahl diesem in die Speichen griff. Doch der Dorfschmied weigerte sich zu helfen, auch nicht auf eindringlichstes Zureden. Erst eine große Kanne mit selbstgeschleudertem Honig bewegte ihn dann doch zum Handeln – wie gut, dass wir diese vom Anhänger noch umgeladen hatten!

Am nächsten Tag ging die Fahrt weiter in nordöstliche Richtung nach Schwarz-Damerkow, wo wir in einem gepflegten Haus eine Übernachtung für uns und auch einen Stall für die Pferde fanden. Die meisten aus unserer Familie konnten im geheizten Schlafzimmer der noch „hiesigen“ Eigentümer übernachten, was mir „wie zu Hause“ vorkam: Weiß bezogene Ehebetten mit einem lieblichen Engelsbild darüber, Nachtschränkchen links und rechts neben den Betten, auf denen die Nachttischlampen brannten, an den Seiten Bettvorleger, von denen einer meine Schlafstatt in dieser Nacht war. Wir konnten ja nicht alle in dem Doppelbett schlafen!

Über Mickrow ging es am nächsten Morgen weiter nach Varzmin. Hier bekamen die Pferde und wir abends zwar auch ein Dach über den Kopf, doch mit dem der letzten Nacht war es nicht zu vergleichen. Da die Straßen voller Flüchtlinge waren, stopfte man uns zusammen mit vielen anderen in eine Art Wirtschaftsküche. Irgendwelches Gepäck diente uns hier als Matratze. Nur Tante Else, in deren Nähe ich „lagerte“, konnte auf einer Ofenbank mehr sitzen als liegen, um zu schlafen. Das heißt: Zum Schlafen kamen sie und alle anderen in ihrer Umgebung aber deswegen nicht, weil eine Flüchtlingsfrau aus Ostpreußen unentwegt und laut von ihren bisherigen, meist schlimmen Erlebnissen berichtete und damit wohl erst gegen vier Uhr morgens aufhörte. Auf ihrer Flucht aus ihrem Heimatdorf „da ganz hinten in Ostpreußen“ seien sie durch Dörfer gekommen, in die die Russen eingefallen, aber von den deutschen Truppen wieder hinaus gedrängt worden seien. Nun wären die Dörfer fast menschenleer gewesen, weil die Russen die Erwachsenen entweder mitgenommen oder erschossen hätten. Halb nackte Frauen hätten auf dem Dunghaufen der Bauernhöfe im Schnee gelegen – solches und mehr hörte ich ungewollt im Dahindämmern mit. Als sie dann aber von „den armen Kinderchens“ berichtete, die zwischen den Häusern umherirrten und ihre Eltern suchten, wurde ich dann doch hellhörig. „Die werden sie aber nie nich wiedersehen!“ war ihre traurige Meinung. „Nein, sie wollten auch nich mit uns auf den Treck kommen; sie wollten lieber bleiben und weiter nach ihnen suchen. Wenn sie nun man nich auch noch alle umgekommen sind!“ Da außerdem eine ständige Unruhe im Raum war – irgendwie schien sich die Lage zuzuspitzen – überfiel mich hier das erste Mal ein gehöriger Angstschauer. „Was sollte ich wohl machen, wenn ich von meinen Lieben getrennt würde?“ fragte ich mich, schlief dann aber doch ein, weil ich mir eine solch’ böse Situation weder genauer vorstellen konnte noch wollte.

Nach dieser unruhigen Nacht ging es über Gr. Runow nach Langeböse und auf die Hauptstraße Stolp – Lauenburg. Nachdem wir auf dieser breiten Chaussee ein Stück gefahren waren, hieß es plötzlich: „Umdrehen!“ So ging es wieder zurück nach Langeböse und nun erstmals in westliche Richtung nach Pottangow, einem Stationsort an der Eisenbahnstrecke Stolp – Lauenburg. Hier übernachteten wir im Hause eines Reichsbahners. Der machte sich morgens in seiner blauen Uniform zu seinem Bahnhof auf; ich durfte, da wir es mit der Weiterreise offensichtlich nicht so eilig hatten, mit. Dort angekommen, schaufelte er den für die Befeuerung der Lokomotiven vorgesehenen Kohlenberg vom wiederum frisch gefallenen Schnee frei. Ich schloss daraus, dass wohl bald ein Zug käme – schon lange hatte ich keinen mehr gesehen! Auf meine entsprechende Frage kam aber die enttäuschende Antwort, in der auch ein etwas trauriger Unterton mitzuschwingen schien: „Nee, min Jung, hier fährt kein Zug mehr!“ Als Dank für die gewährte Übernachtung überließen wir ihm und seiner Familie eine 20-Liter Milchkanne, die wohl noch zur Hälfte mit Bienenhonig gefüllt war. Die Gastgeber wollten sie erst gar nicht annehmen, doch wir mussten immer noch Gewicht vom Wagen los werden, denn durch den vielen Neuschnee waren die Straßen entsprechend schwer zu befahren. Und Lebensmittel hatten wir, obgleich auf der Flucht, immer noch so viel, dass wir anderen davon reichlich abgeben konnten.

Wer hätte es damals gedacht, dass dieser Ort noch einmal Ausgangspunkt einer zweiten, großen Reise werden sollte?

Hans und Grete

Unter den Augen von Onkel August, Tante Else und mir kümmert sich Grete liebevoll um ihren Sohn Hans (1941, oberes Bild).Später, als „Erwachsener“, musste er sich mit seiner Mutter in dem schwer zu bewirtschaftenden hügligen Gelände kräftig ins Geschirr legen, wie z. B. vor dem damals gängigen Getreidemäher in Gestalt eines „Ablegers“ (unteres Bild).

1945 mussten diese beiden ruhigen, aber starken Kaltblüter vom Typ „Ermländer” unseren schweren Treckwagen durch den eisigen und schneereichen Winter ziehen.

Danach ging die Fahrt weiter nach Kl. Gluschen, dann wieder nach Norden über Rexin, Stojentin, Dargeröse nach Poblotz, wo wir drei Tage in einem Wohnhaus Station machten, gar nicht mehr weit entfernt vom Leba-See und damit der Ostsee. Zwischenzeitlich hatte Tauwetter eingesetzt. Doch nachts überfroren die feuchten Straßen erneut, so dass sie morgens oft spiegelglatt waren, für die Pferde mit ihren stumpf gewordenen Beschlägen äußerst gefährlich. Daher kam es auch nicht selten vor, dass eines der Tiere aus dem Treck hinschlug und sich die Knie verletzte. Ganz schlimm empfand ich es, als ein gummibereifter Wagen aus der langen Karawane, der – merkwürdigerweise – mit drei Pferden bespannt war, bei einer solchen Glatteissituation ins Rollen kam, wobei eines der Tiere ausrutschte und, weil der Wagen offensichtlich nicht gestoppt werden konnte, einfach mitgeschleift wurde. Unsere beiden „Füchse“ konnten sich aber zum Glück auf ihren Beinen halten, obgleich auch ihre Hufeisen inzwischen wieder vollkommen stumpf geworden waren.

Schon seit ein paar Tagen machten sich bei einigen Leuten Durchfallerkrankungen bemerkbar. Es dauerte gar nicht lange – und schon hatte es auch mich, wie aus heiterem Himmel, erwischt. Da alles – im wahrsten Sinne des Wortes – „in die Hose ging“, schleppte ich mich schuldbewusst und in Erwartung eines „Donnerwetters“ zu Tante Else hin – und konnte es gar nicht glauben, dass sie mich wortlos wieder zu einem normalen Menschen machte! Aus unserer Familie muss zumindest Opa die gleichen Beschwerden gehabt haben; denn er verwaltete die braunen Kohletabletten, die ab jetzt ständig einzunehmen waren, was aber nicht weiter schlimm war, da diese eigentlich nach nichts schmeckten.

Anschließend ging es weiter nach Zezenow, wo Onkel Max, ein Bruder meines Vaters, einmal Lehrer gewesen ist. Hier wollten wir in einer kleinen Scheune, die voller leerer Wagen stand, übernachten, aber die noch verbliebenen Einheimischen, offenbar blind ob des in allgemeiner Auflösung begriffenen Geschehens umher, wollten es uns verwehren. Onkel August und Helfried, daraufhin wütend geworden, schoben die Wagen einfach hinaus, und so übernachteten hier nicht nur wir mit unseren Pferden, sondern auch noch Frau Fritz mit ihrem Mädchen Cilla und ihren vier Pferden. Den Wagen ließen wir an der Hauptstraße stehen; zu seiner Bewachung blieben Illi und Tante Else bei ihm.

Auf der Fahrt hierher kamen wir nur langsam voran, weil die Chaussee mit deutschem Militär vollgestopft war, das schneller flüchten wollte als wir! Die Flüchtlingswagen wurden daher oftmals einfach beiseite gedrängt – die Russen konnten also nicht weit weg sein, und eine Verteidigung fand offenbar nicht mehr statt.

Wie Illi und ihre Mutter am nächsten Morgen berichteten, sei das die ganze Nacht unter großem Geschrei mit Unmengen von Militärfahrzeugen und Pferden so gegangen. Alle wollten sich vor russischer Gefangenschaft retten! Ein deutscher Soldat entdeckte unser hinten am Wagen angebundenes Fahrrad, schnitt es in Panik ab und radelte davon, ohne dass die beiden Frauen etwas dagegen tun konnten.

Nachdem wir uns hier – bei den eigenen Landsleuten! – ein armseliges Scheunendach über den Kopf so erkämpfen mussten, ging es am folgenden Morgen weiter in nordöstlicher Richtung durch das Leba-Moor und über den Leba-Fluss. In die Brücke bohrten gerade deutsche Soldaten Löcher, um Sprengladungen anzubringen. Wir hatten also Glück, hier noch passieren zu können. Dann ging es weiter Richtung Vietzig. Nach ca. einer Stunde Fahrt hörten wir eine gewaltige Detonation: Das war die Leba-Brücke! Ihre Sprengung sollte das Vordringen der russischen Panzer verzögern. Ob das etwas half? Wir kamen bis nach Freest, einem Bahnstationsort an der Strecke Lauenburg – Leba. Bis hierher war zusammen mit den übrigen Bernsdorfern auch Frau Fritz mit ihren beiden Fahrzeugen gefolgt. Weil mittlerweile die eine Stute hochtragend geworden war, schien für sie ein Weiterfahren nicht mehr möglich, so dass sie sich entschloss, die Flucht hier vorerst zu beenden. Zum Leidwesen von Hella, denn sie musste nun vom gefederten Kutschwagen auf unser hartes Gefährt umsteigen.

Wie ich aus den Gesprächen der Erwachsenen mitbekam, äußerten diese ohnehin Zweifel an dem Sinn unserer Flucht im Allgemeinen und dem des Fluchtweges im Besonderen. Um vor der näherrückenden Ostfront zu fliehen, hätten wir normalerweise westwärts trecken müssen – stattdessen mussten wir uns hauptsächlich in Richtung Nordosten auf die Ostsee zu bewegen und kamen so der vermeintlichen Ostfront sogar noch näher! Das ließ nur den traurigen Schluss zu, dass uns der Weg nach Westen schon abgeschnitten sein musste, wir also hier oben im letzten Zipfel Hinterpommerns schon eingekesselt waren! Uns fehlte einfach der Überblick über die militärische Lage in unserer Gegend, denn Zeitungen u. ä. gab es nicht, und was durch den Rundfunk gemeldet wurde, bekamen wir allenfalls bei unseren jeweiligen Übernachtungen mit. Daneben kursierten natürlich so allerhand Gerüchte, z. B. von der „Wunderwaffe“, die „Adolf“ (Hitler) ja immer noch in der Hinterhand habe und wohl bald zu unserer Rettung einsetzen werde! Selbst Hella wusste schon seit längerem von neuartigen, aber noch unbekannten Flugzeugen zu berichten, die schneller und wirksamer als alle bisherigen sein sollten. Ihr Mann war Flieger-Offizier (Aufklärer), und als sie ihn im Jahr 1944 an seinem Standort einmal besuchen durfte, bekam sie zwar nichts zu sehen, weil alles streng geheim war, aber die Fluggeräusche dieser neuartigen Maschinen „musste“ sie zwangsläufig dann doch mithören: Statt des dumpfen Brummens der Kolbenmotoren sei eher „ein lautes Rauschen und Pfeifen zu hören, als ob der Sturmwind das Hausdach abdecken wollte“. Ob diese Wunder-Flugzeuge wohl bald am Himmel zu unserer Rettung erscheinen würden?

Plötzlich begegneten uns – welch’ ein Zufall – auf dem Wege nach Vietzig „unsere“ Soldaten! Die Chaussee führte durch einen dichten Wald, aus dem diese, soweit sie zu Pferde waren, gerade auf unserer Höhe herauskamen. Den anführenden Offizier erkannte Onkel August sofort an dem immer noch gepflegten „Braunen“ und dem vornehmen Zaum- und Sattelzeug. Die Kaukasier als Fußtruppen hielten sich im Hintergrund. Es war zwar ein freudiges Wiedersehen auf beiden Seiten, doch wich dieses, wie ich unschwer beobachten konnte, bald besorgten Mienen; die Gespräche wurden immer leiser, und nach einer Weile betretenen Schweigens setzten wir unsere Fahrt fort, die Soldaten hinter uns lassend.

Der ursprüngliche Treck aus Bernsdorf hatte sich inzwischen weitgehend zerstreut; Fuhrwerke aus allen möglichen Orten und Gegenden hatten sich in der langen Kolonne vermischt, nur hin und wieder war noch eine bekannte Familie in Sichtweite, nachdem Frau Fritz, die uns bisher immer gefolgt war, nun zurückbleiben musste. Einigen, wenn auch wenigen Treckwagen lief der Hofhund treu hinterher; unser „Moppi“ würde es ihnen sicherlich gleichgetan haben, wenn wir ihm damals ein Mitkommen erlaubt hätten. Vielen Fahrzeugen war deutlich anzumerken, dass sie schon lange unterwegs waren. Insbesondere deren Pferde sahen müde und abgemagert aus und hatten in der grimmigen Kälte ein zotteliges Fell bekommen.

Links und rechts der Straße war aber auch inzwischen schon so manches Treckfahrzeug im Chausseegraben gestrandet und aufgegeben. Mal war ein Rad gebrochen, mal haben wohl die Pferde schlapp gemacht, oder sie sind gar Opfer von Tieffliegerangriffen geworden und lagen nun tot neben den Wagen. Einige Fuhrwerke mögen aber auch von den zahlreich vorbeirauschenden deutschen Militärfahrzeugen einfach beiseite gedrückt worden sein. Ihre meist ohnehin nur notdürftigen Aufbauten hingen nun schlaff und eingefallen herunter – ein Bild des Jammers. Die Flucht dieser Menschen dürfte hier bereits ihr Ende gefunden haben. Nur so war erklärlich, dass zwischen den Wagen viel Fußvolk, mit Bündeln bepackt, unterwegs war, zum Teil in entgegengesetzter Richtung. Wie froh konnten wir da sein, wenigstens mit einem noch intakten Fahrzeug unterwegs zu sein, wenn auch keiner so recht wusste, wo die Reise eigentlich hingehen sollte…

4. Drama in Stresow

Nun fuhren wir also ohne Frau Fritz und ihre Cilla weiter und landeten in dem kleinen Ort Stresow. Opa, Oma, Hella und ich hatten hier Quartier in einem Hause gefunden, August und Helfried übernachteten bei den Pferden in einem Stall irgendwo im Dorf, der Rest der Familie auf dem am Dorfrand abgestellten Wagen.

Am nächsten Morgen sollte die Fahrt weiter gehen, weil auch dieser Ort geräumt werden musste und die Front offenbar nicht mehr weit entfernt war. Das war an dem ständigen Geschützdonner deutlich zu vernehmen. Daher machten wir vier uns frühzeitig auf, um zum Wagen zu gehen. Auch bei unseren Gastgebern herrschte hektisches Treiben zum Aufbruch.

Blieben wir bisher von Unbilden des Schicksals einigermaßen verschont, so sollte der heutige Tag, es war der 13. März, sich als wahrer Unglückstag erweisen.

Beim Verlassen unseres Quartiers nahm jeder seine Siebensachen, und was sonst noch mitgeführt wurde, an sich. Für Oma waren dies außer ihrer Handtasche ein zur Hälfte mit Schmalz gefülltes Weckglas sowie einige für uns alle vorbereitete belegte Brote als Marschverpflegung für den Tag. Die Dorfstraße war schon wieder vollgestopft von Flüchtlingswagen, dazwischen Militär mit Kriegsgefangenen. Inzwischen hatte Tauwetter eingesetzt. Die Felder ringsum waren zwar noch weiß, die schneeglatten Straßen hatten sich nun jedoch in schmutzig graue Matschbahnen verwandelt, die in der letzten Nacht wieder überfroren waren. So mussten wir uns mühselig am Straßenrand entlang drücken, was angesichts der Glätte besonders den Großeltern Schwierigkeiten bereitete.