Drei Dinge über Elsie - Joanna Cannon - E-Book

Drei Dinge über Elsie E-Book

Joanna Cannon

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Beschreibung

Als die 84-jährige Florence in dem neuen Bewohner der Seniorenresidenz einen Mann aus ihrer Vergangenheit wiedererkennt, wird ihr angst und bange. Denn derjenige, für den sie ihn hält, müsste eigentlich 1953 in einem Fluss ertrunken sein! Zurück in ihrer Wohnung stürzt die alte Frau. Während sie auf Hilfe wartet, befürchtet sie, dass ein altes Geheimnis ans Licht kommen könnte. Und das hätte nicht nur für sie fatale Folgen, sondern auch für ihre beste Freundin. Denn Florence und Elsie verbindet eine schreckliche Tat. Fieberhaft tüftelt die alte Dame an einem Notfallplan …

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Cover & Impressum

16:48 Uhr

Florence

17:06 Uhr

Florence

Miss Ambrose

Florence

Simon

Florence

Simon

17:49 Uhr

Florence

Simon

Florence

18:39 Uhr

Florence

Miss Ambrose

Florence

19:10 Uhr

Florence

Simon

Florence

Simon

Florence

Miss Ambrose

20:15 Uhr

Florence

Miss Ambrose

Florence

20:41 Uhr

Florence

21:02 Uhr

Florence

Simon

Florence

Simon

Florence

Simon

Florence

21:46 Uhr

Florence

Simon

Florence

22:01 Uhr

Florence

Simon

Florence

Simon

Miss Ambrose

Florence

Miss Ambrose

Florence

Simon

Florence

Simon

Florence

Simon

Florence

22:13 Uhr

Florence

Miss Ambrose

Florence

Simon

22:54 Uhr

Simon

23:12 Uhr

Dank

17:06 Uhr

Nicht zu fassen, wie viel Kram da unter der Anrichte liegt.

Was nicht alles hinter die Möbel fällt, wenn man einmal kurz nicht hinsieht. Ich hätte es nie bemerkt, wenn ich nicht hier läge, aber jetzt, wo ich nun mal hier bin, kann ich nicht aufhören hinzustarren. Die Kittel machen ihre Arbeit nicht richtig. Haben immer Kopfhörer auf und fuchteln mit Sprühdosen herum. Manche von denen schalten sogar einfach den Fernseher an, während sie arbeiten. Einfach so, ohne zu fragen. Ich sehe von der Zimmerecke aus zu und weise sie auf vergessene Stellen hin, und sie sehen weg und saugen um meine Füße herum. »Lass sie doch machen«, sagt Elsie. »Genieß einfach das faule Leben, Florence.« Aber Faulenzen ist mir nicht gegeben. Elsie liegt es eher, die Hände in den Schoß zu legen, aber ich musste immer etwas zu tun haben. Deshalb verstehen wir uns auch so gut.

Manchmal kommt zweimal dieselbe. Eines der Mädchen immer donnerstags. Vielleicht ist es auch der Dienstag. Jedenfalls ein Tag mit »D« am Anfang. Dunkles Haar, blaue Augen. Die eine Hand am Staubsauger, die andere hält das mobile Telefon ans Ohr. Nettes Lachen. So ein Lachen, bei dem man gleich mit einstimmen möchte, nur dass ich von dem, was sie sagt, kein Wort verstehe. Ich glaube, sie kommt aus Deutschland. In dem Laden in der Nähe des Haupttors hatten sie neulich eine Schachtel mit Shortbread. Made in Germany, stand auf der Rückseite, also habe ich sie gekauft, weil ich dachte, das erinnert sie vielleicht an zu Hause. Wir könnten eine Tasse Tee zusammen trinken, dachte ich – das könnte ein bisschen das Eis brechen. Wir könnten einander etwas kennenlernen. Ich machte ihr den Vorschlag, aber sie sprach die ganze Zeit in ihr kleines Telefon, und die Wohnungstür knallte zu, bevor ich auch nur die Hälfte meines Satzes vorgebracht hatte. Alle haben es immer so eilig, nicht wahr, das ist das Problem. Aber wir können es ein andermal nachholen, wenn ich mich von meinem Sturz erholt habe. Es macht gar nichts, die Packung ist ja noch zu.

Vielleicht wird sie diejenige sein, die mich findet. Die junge Frau aus Deutschland. Wenn sie merkt, was los ist, wird sie ihr Telefon vergessen. Es wird zu Boden fallen, aber sie wird es gar nicht beachten und sich neben mich auf den Teppich knien. Sie wird sich über mich beugen, ihr Haar wird nach vorne fallen, und sie wird es hinter ihr Ohr streichen. Ihre Hände werden warm und sanft sein, und sie wird meine Hand in ihre nehmen.

»Alles in Ordnung mit Ihnen, Florence? Was haben Sie denn nur angestellt?«

»Kein Problem, halb so wild«, werde ich sagen. »Machen Sie sich nur keine Sorgen.«

Wir werden auf den Krankenwagen warten, und währenddessen wird sie mich fragen, wie es kam, dass ich gefallen bin, wie das alles passiert ist, und ich werde nicht so recht damit herausrücken und weggucken. Ich bin nicht sicher, was ich ihr sagen werde. Ich weiß noch, wie die Nachrichtensprecherin mir zulächelte und ihre Zettel zusammensuchte, und ich erinnere mich an die Stille, nachdem ich den Fernseher ausgeschaltet hatte. Da ist diese besondere Stille, wenn man allein lebt. Sie ist überall und wartet darauf, dass man sie findet. Man versucht, sie mit allen möglichen anderen Geräuschen zu übertönen, aber sie ist immer da, und am Ende, wenn alles andere verstummt ist, erwartet sie einen schon. Womöglich nimmt man diese Art von Stille aber auch nur mit anderen Ohren wahr. Vielleicht habe ich ein Geräusch gehört. Oder eine Stimme? Ich versuche, mich zu erinnern, wie es dazu kam, dass ich gefallen bin, aber ich weiß nur noch, wie ich die Augen aufmachte und mich an einer Stelle wiederfand, an der ich nicht hätte sein sollen.

Die Sanitäter werden eintreffen, und dem deutschen Mädchen wird anzusehen sein, wie erleichtert es ist, denn wenn Leute in Uniform kommen, hat man sofort ein gutes Gefühl. Das stimmt natürlich nicht immer. Niemand weiß das besser als ich. Einer der Männer wird die Möbel aus dem Weg rücken, und der andere wird mir eine kleine Maske auf das Gesicht setzen. Die Elastikbänder werden nicht richtig hinter meinen Ohren halten, und es wird ein Riesenbrimborium geben. Sie werden mich in einen dieser Sitze schnallen, die mit den Gurten, und eine Decke über mich breiten, und das deutsche Mädchen wird dafür sorgen, dass sie auch schön gerade liegt.

»Geht es so, Florence? Können wir noch etwas für Sie tun?«

Wenn sie mich nach draußen rollen, wird die Kälte mir in Nase und Ohren zwicken, und meine Augen werden zu tränen beginnen.

»Gleich sind wird da, Flo. Gleich haben Sie es geschafft, Flo«, werden die Sanitäter sagen, und es wird mir gar nichts ausmachen, dass sie mich Flo nennen, weil sie so freundliche Augen haben.

Sie werden mich hochheben und die Außentreppe hinuntertragen, und von dort aus werde ich die Stadt sehen, die Nacht, flüssig wie Tinte, und die Lichter, die das Leben der anderen Leute aussendet, und es wird sich anfühlen, als ob ich fliege.

Und ich werde mich leichter fühlen als Luft.

Florence

Freitag war Bingotag. Elsie bestand darauf, dass ich hinging, unter dem Vorwand, dass es mir guttun würde, aber ich wusste, dass es ihr nur um den Jackpot ging.

»Du hast nur einen Monat, um dich zu bewähren«, betonte sie überflüssigerweise. »Warum fängst du also nicht gleich damit an?«

Und so saßen wir in einer Ecke des Gemeinschaftsraums und wurden Zeugen, wie die Spieler sich bei den Zahlen verhörten. Die Leute saßen mit offenen Mündern da, die Beine hochgelegt, starrten auf die Pappkarten vor ihnen und fragten sich, was sie damit anfangen sollten. Miss Bissell war nirgendwo zu sehen und hatte es ihrem Ersten Offizier überlassen, die Pingpongbälle aus der Trommel zu ziehen.

Miss Ambrose hielt einen Ball in die Höhe. »Zweiundzwanzig«, rief sie.

Das Publikum fing an zu quaken.

»Wie bitte?«, fragte sie.

»Quack, quack, die kleinen Enten«, schrie jemand.

Miss Ambrose hielt den nächsten Ball in die Höhe. »Nummer elf.«

Prompt fingen natürlich alle an, anzüglich zu pfeifen.

»Elf Beine«, rief jemand anderes.

Miss Ambrose blickte ratlos auf den Ball. »Dieses Bingolatein ist offenbar eine Sprache für sich.«

»Es ist die Sprache der Alten«, sagte ich. »Wie Hüfthalter und Lichtspielhaus.«

»Und woher soll ich die dann bitte können?« Miss Ambrose spielte mit dem Verschluss eines Ohrrings. »Ich bin gerade mal Ende dreißig.«

Wir alle starrten Miss Ambrose an. Ich wollte gerade etwas sagen, als Elsie mich warnend mit ihrer typischen hochgezogenen Braue ansah.

»Sie kommen auch noch dahin«, sagte ich stattdessen. »Es ist, als würde man in einem fremden Land aufwachen.«

Miss Ambrose zog eine neue Kugel. Es war eine Zwei.

»Ich schätze mal, das ist dann eine kleine Ente?«, sagte sie.

»Sehen Sie. Sie sprechen die Sprache schon fließend.«

Miss Ambrose hörte auf, an ihrem Ohrring herumzuspielen, und hüstelte.

 

Wir waren kaum zehn Minuten da, und schon begannen meine Gedanken, sich selbstständig zu machen. Sie können einfach nicht anders. Sie haben sich angewöhnt, auf eigene Faust loszumarschieren, und ehe ich mich’s versehe, sind sie schon wer weiß wo. Ich weiß nicht genau, wann das angefangen hat. Elsie sagt immer, ich solle sie mir als Schmetterlinge vorstellen, aber die Sache beunruhigt mich. Früher war ich nicht so, und wenn man nicht im Griff hat, was in seinem Kopf vor sich geht, was hat man dann überhaupt noch im Griff? Miss Ambrose sagt, das sei nicht nur eine Frage des Alters. Es könne auch Menschen passieren, die Depressionen haben. Vielleicht ist es ja so, dass in Zeiten, in denen das Leben unerträglich wird, der einzige Teil von uns, der sich davon frei machen und dem Elend entkommen kann, unsere Gedanken sind.

In diesem vermaledeiten Tagesraum passiert es mir jedenfalls ständig. Ich starrte gerade hinaus auf den Parkplatz und überlegte, wieso silberne Autos nur so beliebt waren, obwohl man bei der Farbe jedes bisschen Schmutz gleich sieht, als ich sie bemerkte. Dora Dunlop. Vollständig angezogen. Ein Kittel auf jeder Seite und ein Koffer und drei Einkaufstaschen zu ihren Füßen. Oben aus den Taschen ragten Stücke ihres Lebens heraus. Strickzeug, ein Paar Hausschuhe und die umgeknickte Ecke einer Zeitschrift.

»Sie können mich nicht dazu zwingen«, rief sie, und ihre Stimme drang durch ein offenes Fenster zu uns herein. »Von Ihnen lasse ich mir gar nichts sagen!«

Die Kittel sahen angelegentlich zu Boden und in alle erdenklichen Himmelsrichtungen, Hauptsache, sie mussten ihre Augen nicht auf Dora Dunlop richten.

»Sie können mich nicht dazu zwingen.«

Einige Leute blickten von ihren Bingokarten auf, und Miss Ambrose lehnte sich zum Fenster und schloss es. Als sie den Griff losließ, hatte ich das Gefühl, dass ihre Augen kurz auf mir verweilten.

Dora war zum Schweigen gebracht worden. Eine kleine, graue Gestalt mitten auf dem Parkplatz, die immer noch ihre Wut und Verzweiflung hinausschrie, nur dass man sie nicht mehr hören konnte.

Ich stieß Elsie sacht mit dem Ellbogen in die Seite. »Sie bringen sie nach Greenbank«, sagte ich. »Sieh nur. Da draußen auf dem Parkplatz.«

»Ich muss mich gerade auf die Zahlen konzentrieren. Eine brauchen wir noch, dann haben wir eine Reihe voll.«

»Aber sie hat Angst. Wir sollten zu ihr gehen und etwas tun. Wir sollten ihr helfen.«

Ich sah wieder aus dem Fenster, aber der Parkplatz war leer. Dora Dunlop war mitsamt ihren Einkaufstauschen verschwunden.

»Jetzt ist sie weg«, sagte ich.

Ich sah zu Elsie hinüber.

Sie schaute mich ratlos an.

 

Als die Bingorunde überstanden war (es gab wie immer keinen Gewinner), mussten die meisten von uns erst einmal das stille Örtchen aufsuchen, und jemand von den Kitteln reichte Ei-Sandwiches herum. Raumtemperatur. Zu viel Kresse. Zu wenig Mayonnaise. Elsie verschwand in Richtung Damentoilette, und ich überlegte gerade, ob ich ihr Sandwich essen sollte, um ihr die Enttäuschung zu ersparen, als Miss Ambrose sich in der Mitte des Raums aufbaute und energisch in die Hände klatschte – für meine Begriffe reichlich übertrieben, da zu diesem Zeitpunkt lediglich das Eintauchen von Gebissen in gebuttertes Brot zu hören war.

»Es gibt Neuigkeiten«, verkündete sie, während eine plötzliche Röte unter ihrem geblümten T-Shirt hervorkroch und in Richtung Gesicht wanderte. »Seit dieser Woche haben wir einen neuen Mitbewohner.«

Ein Bissen Ei-Sandwich war in exakt diesem Moment im Begriff, meine Speiseröhre zu passieren, doch diese Worte ließen ihn innehalten. Einige sahen von ihren Tellern auf, und zwei Leute auf der gegenüberliegenden Saalseite versuchten, einen zaghaften Applaus in Gang zu setzen. Die Einzige, die die Ankündigung kaltließ, war Mrs Honeyman, die weiter leise in ihren Teller schnarchte.

»Wie Sie alle wissen, ist es uns hier bei Cherry Tree ein besonderes Anliegen, jeden neuen Gast sehr herzlich willkommen zu heißen, damit sich jeder von Anfang an bei uns wohlfühlt.« Miss Ambrose verschränkte die Hände willkommen heißend vor der Brust. »Ich bin mir sicher, es ist auch in Ihrem Sinne, wenn wir unseren neuesten Mitbewohner und Freund nun mit großem Jubel begrüßen.«

Bis er nach vorn trat, hatte ich gar nicht bemerkt, dass er schon die ganze Zeit über am Schwarzen Brett gestanden hatte.

Im Laufe der Jahre war meine Sehkraft so unzuverlässig geworden, dass ich ihr nicht mehr über den Weg traute. Auch mit Brille glaube ich ihr normalerweise kein Wort, aber in diesem Fall bestand kein Grund, an ihr zu zweifeln.

Er war es.

Ronnie Butler.

Ich wusste es sofort. Es gibt nicht mehr viele Dinge, bei denen ich mir absolut sicher bin, aber dass er es war, stand todsicher fest. Er war natürlich älter geworden, man sah ihm an, dass er nicht mehr ganz taufrisch war. Ein wenig verlebt. Doch diese Veränderungen spielen unterm Strich keine Rolle. Sie sind das Kleingedruckte. Was zählt, sind die Augen. Das Lächeln. Die Art, wie jemand einen quer durch den Raum ansieht, als wäre er nie weg gewesen.

Ich habe oft Angst gehabt in meinem Leben. Ich habe jedes Mal Angst, wenn ich allein im Dunkeln sitze und es wage, ein Stück Vergangenheit freizukratzen. Wann immer sein Name plötzlich unerwartet fiel oder irgendeine beiläufige Bemerkung. Eigenartig, bis zu diesem Tag war es seine Abwesenheit gewesen, die mich immer wieder in Angst und Schrecken versetzt hatte. Doch als er nun tatsächlich vor mir stand, keine drei Meter von mir entfernt, verstand ich erst, wie sich echte Angst anfühlt. Es war, als risse mir jemand das Herz aus der Brust.

Denn er war zurück.

Und hatte mich gefunden.

»Eine glückliche, zufriedene Gemeinschaft …«, hörte ich Miss Ambrose über den Rand meiner Gedanken hinweg sagen. Ronnie hatte sich keine Spur verändert. Manche Gesichter lösen sich im Alter auf, und die vergangene und die gegenwärtige Person sind zwei völlig unterschiedliche Menschen, doch Ronnies Gesicht hatten die Falten nur noch markanter gemacht. Sogar die Narbe war noch da. Das winzige Mal, das verschwand, wenn er lächelte.

»Ein sicherer Hafen für den Lebensabend«, sagte Miss Ambrose.

Lebensabend ist ein ganz abscheuliches Wort. Man denkt an Dämmerung oder gar Dunkelheit, in der man orientierungslos herumstolpert. Ich konnte es nicht beschwören, aber ich hatte fast den Eindruck, als habe er erwartet, mich hier zu sehen. Es war vor allem sein Blick. Der gleiche Blick wie damals auf dem Hof der Fabrik, im Bus, über den Küchentisch hinweg. Wer diesen Blick einmal gesehen hat, vergisst ihn nicht mehr. Auch nicht, wenn ein ganzes Leben dazwischenliegt.

»Daher möchte ich Sie alle bitten, mit mir zusammen ganz herzlich den neuen Bewohner von Nummer zwölf willkommen zu heißen, Mr Gabriel Price.«

Einen Moment lang herrschte vollkommene Stille, und dann hörte ich meine eigene Stimme.

»Gabriel Price?«

Die Luft, die ich die ganze Zeit über angehalten hatte, schoss mit diesem Schrei aus meinen Lungen, und ich hörte, wie ein Stuhlbein über den Boden scharrte, als beugte sich jemand vor, um mich besser sehen zu können. Miss Ambrose neigte den Kopf zur Seite und blickte mich an.

»Zu Ihren Diensten.« Ronnie Butler tippte an den Rand seines Filzhuts. Er machte einen Schritt nach vorn, und ich fühlte, wie sich die Stuhllehne in meinen Rücken bohrte. Ich konnte sie förmlich riechen, die Nacht, in der er gestorben war. Ich konnte förmlich mit den Händen über die Jahre hinweggreifen, sie packen und aus dem Raum tragen. Mein Herz schlug mir mit solcher Macht bis zum Hals, dass es eigentlich jeder im Saal hätte hören müssen.

Ronnie sah mir direkt in die Augen und lächelte, und als er das tat, verschwand die kleine Narbe an seinem Mundwinkel.

Wie von Zauberhand.

 

»Wir gehen schon?«

Ich hatte vor der Damentoilette auf Elsie gewartet. Sobald sie herauskam, nahm ich sie am Ellbogen.

»Wir gehen«, sagte ich.

»Können wir nicht noch etwas bleiben? Ich hatte mich schon auf die Mandarinen gefreut.«

»Ich mach dir eine Dose auf, wenn wir zu Hause sind.«

»Und was ist mit der Verlosung? Diese Woche geht es um den Jackpot.«

»Im unteren Küchenschrank ist noch eine kleine Packung Shortbread. Die kannst du gern haben.«

»Es geht nicht ums Gewinnen, Florence. Es geht um Spannung und Vorfreude«, sagte sie. »Das Jagdfieber.«

»Ich muss dringend hier raus.« Nach der Hälfte des Weges, der hinter den Apartments verlief, ließ ich ihren Ellbogen los. Diesen Weg nahm kaum jemand. Laub sammelte sich an seinem Rand, und das Gras schien das Wachsen vergessen zu haben. Die meisten Leute bevorzugten den vorderen Weg mit den kleinen Beeten, weil er Gelegenheit zu ein wenig Zeitvertreib bot – schließlich nehmen Menschen offensichtlich gern den Weg, den alle nehmen. Mir gefiel dieser hier besser. Der vergessene Weg. Ein Weg, auf dem man Dingen auf den Grund gehen konnte.

In Elsies Augen spiegelte sich ihre Verwirrung. »Was, um alles in der Welt, ist denn los, Flo?«

»Nichts. Rein gar nichts. Wie kommst du darauf, dass etwas sein könnte?«

Ihr Blick senkte sich. »Deine Hände zittern«, sagte sie.

Miss Ambrose

»Die hat sie nicht mehr alle, wenn Sie mich fragen.«

Es hatte ihn aber niemand gefragt. Nicht dass Simon, dienstbarer Geist und Mädchen für alles, auf Fragen angewiesen gewesen wäre. Für Simon war die Welt ein Ort, den nur ständige Kommentare am Laufen hielten, für die er sich bereitwillig zur Verfügung stellte, rein vorsorglich für den Fall, dass jemand auf seine Meinung Wert legte.

»Hmmm?« Anthea Ambrose starrte in ihren Taschenspiegel. Sie hatte ihn gekauft, weil er alles um das Zehnfache vergrößerte. Das war auch der Grund, weshalb sie den Kauf bereits bereute, aber sie konnte den Blick nicht abwenden. Es war wie bei einem Unfall auf der anderen Seite der Autobahn.

»Na, wie die von ihrem Stuhl hoch ist und rumgeschrien hat.« Simon zog einen Tisch an seinen ursprünglichen Platz, und das Scheppern eines zurückgelassenen Tellers mit Ei-Sandwiches klang durch den Raum. »Die Wieheißtsiedochgleich …«

Miss Ambrose klappte den Spiegel zu, und mit dem Klicken verstummten augenblicklich ihre Sorgen. »Florence«, sagte sie. »Miss Claybourne. Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie nach Greenbank kommt.«

»Ich frage mich, wie Sie die alle auseinanderhalten.«

Miss Ambrose verstaute den Spiegel wieder in ihrer Handtasche. »Das ist mein Job.«

Simon nahm sich ein Ei-Sandwich und ließ es in seinem Mund verschwinden. »Es sind so viele, und alle sehen gleich aus«, erklärte er, bevor er dem Sandwich Gelegenheit gegeben hatte, auch verschluckt zu werden. »Ich mach dann mal draußen weiter, wenn Sie nichts dagegen haben. Die Regenrinnen müssen mal vom Dreck befreit werden, sonst verstopfen die noch.«

Es hatte gewisse Momente gegeben, in denen Miss Ambrose sich genauere Gedanken über die Vorzüge von Simon gemacht hatte. Schließlich konnte man Turnschuhe wieder sauber bekommen. Für Haare gab es Friseure. Im Fernsehen sah man das die ganze Zeit. Leute gingen zu John Lewis und kauften sich eine komplett neue Garderobe, zogen den Scheitel auf der anderen Seite und waren mit einem Mal völlig verändert. Das waren die Momente gewesen, in denen Miss Ambrose den Horizont nach einem passenden Ehemann abgesucht hatte, wie eine Gestrandete ihn nach einem rettenden Schiff aus der Ferne absucht.

»Weil das Regenwasser dann nämlich nicht richtig abfließen kann.« Er nahm sich ein weiteres Sandwich. »Und das kann zu dauerhaften Schäden führen.«

Tatsache war, dass es Schiffe gab, die man ziehen lassen sollte.

»Das kann sogar an die Bausubstanz gehen, wenn man da nicht rechtzeitig handelt.«

Andernfalls könnte es passieren, dass einem für alle Zeiten das Leben erklärt wird, von vorn bis hinten und bis zum bitteren Ende.

 

Anthea Ambrose ging zurück in ihre Dienstwohnung am Rande der Anlage. Das Gebäude lag getrennt von den Senioren-Apartments, aber unter ihren Füßen hatte sie dort den gleichen beigen Teppichboden (»Klassisch beige geht immer«, pflegte Miss Bissell zu sagen.), und die Türen schlossen sich mit dem gleichen, leicht schuldbewussten Klicken. Ihre Wohnung bot auch den gleichen Blick durch die gleichen, nur wenige Zentimeter zu kippenden Fenster, da sich die Befürchtung, die Bewohner könnten sich durch einen Spalt in die Tiefe werfen, offenbar auch auf die Angestellten erstreckte. Wenn Anthea Ambrose aus dem Küchenfenster sah, entfaltete sich vor ihr ein Panorama des Alters in all seinen Facetten, das ihr aus der Zukunft zuwinkte. Sie hatte ursprünglich nur zwölf Monate hier in Cherry Tree bleiben wollen. Sie hatte sich für andere Jobs beworben und war sogar zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden, aber an dem Tag des Gesprächs hatte ein Neuzugang beschlossen, das Haus gleich wieder auf eigene Faust zu verlassen, und sie hatte ihre liebe Not gehabt, die arme alte Frau, die bis zur Ampel gekommen war, wieder zu beruhigen, sodass sie den Termin verpasst hatte. Man hatte sie nicht wieder angerufen.

Miss Ambrose hatte einen eher gemächlichen Gang und war sich nicht sicher, ob das daran lag, dass es ihr womöglich (angesichts all der Gehstöcke und Rollatoren) peinlich war, dass sie eigentlich auch raschen Schrittes hätte gehen können, oder daran, dass es dem Alter, das sie umgab, irgendwie gelungen war, ihr in die Knochen zu kriechen, und sie zwang, sich anzupassen. Sie hatte nie vorgehabt, mit alten Leuten zu arbeiten. Sie hatte einen Beruf wie Stewardess im Sinn gehabt oder irgendetwas im Verlagswesen. Etwas Schickes. Etwas, zu dem schnelles Gehen passte. Doch es war, als schwämme sie in ihrem Leben ständig gegen die Strömung, und sosehr sie auch versuchte, die Richtung zu wechseln, kam sie doch nie wirklich von der Stelle. Wie viel einfacher wäre alles, dachte sie, wenn man von Anfang an wüsste, was das Leben mit einem vorhat. Wie viel Energie man sparen könnte. Anstatt immer nur so vor sich hin zu paddeln, könnte man voller Zuversicht sein Ziel anvisieren, an all den Versuchungen und Ablenkungen einfach vorbeigleiten, während die anderen Schwimmer sich weiter mit den Gezeiten abplagen.

Auf dem Gelände war alles ruhig. Sie ging an den verlassenen Bänken und dem menschenleeren Pavillon vorbei. Weiter hinten lag der Japanische Garten. Es hatte eine Ewigkeit gedauert, Miss Bissell von ihrer Idee zu überzeugen. In einer Zeitschrift hatte sie etwas über japanische Gärten gelesen und wie sie den inneren Frieden und die Selbstreflexion förderten, doch Miss Bissell war der Ansicht gewesen, dass es vielleicht unklug sei, die Bewohner in dieser Phase ihres Lebens zu übermäßigem Nachdenken über sich selbst zu ermutigen.

Streng genommen hatte Miss Bissell sich auf ein schlichtes »Lieber nicht, Anthea« beschränkt, und in dem Bestreben, eine Diskussion zu entfachen, hatte Miss Ambrose die Gegenargumente von sich aus geliefert. Miss Ambrose widersprach Miss Bissell nur selten. In diesem Fall jedoch war sie mehrere Monate für ihre Sache eingetreten, bis Miss Bissell schließlich nachgegeben hatte. Nur bei den Laternen war sie hart geblieben, wegen der Motten. Miss Ambrose fragte sich, ob der Garten je genutzt wurde oder ob er nur ein riesiges japanisches Denkmal für jene Zeit darstellte, in der sie noch geglaubt hatte, hier etwas verändern zu können. Im Moment jedenfalls war dort niemand zu sehen, natürlich, denn zu dieser Tageszeit glich Cherry Tree immer einer Geisterstadt. Die Bewohner dösten vor ihren Radios und einer kalt gewordenen Tasse Tee, und es war überhaupt nichts dagegen einzuwenden, dass sie in den Schlaf fielen, solange sie dabei immer schön in der Vertikalen blieben. Die Vorstellung, ihrem Beispiel zu folgen, war verführerisch. Für Miss Ambrose war jeder Nachmittag ein Kampf. Ein Kampf zwischen Leugnen und Akzeptieren. Das Akzeptieren der Tatsache, dass in ihrem Apartment zwar noch keine Haltestangen angebracht waren, der Platz dafür aber schon ausgespart war.