Drei Etappen - Gisala Stupien - E-Book

Drei Etappen E-Book

Gisala Stupien

0,0

Beschreibung

In sieben Kapiteln erzählt Gisela Stupíen von ihrer Kindheit und Jugend in Familie, Kinderheim und Jugendwerkhof sowie von ihrem weiteren Leben zwischen Ost und West, immer auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit und Heimat. Die drei Etappen beziehen sich auf die Berliner Mauer: vor dem Mauerbau, nach dem Mauerbau und nach dem Fall der Mauer.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 126

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ich betrachte mein Leben bis zum heutigen Zeitpunkt in drei Etappen:

Vor dem Mauerbau

Nach dem Mauerbau

Nach dem Fall der Mauer

Inhaltsverzeichnis

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Teil 1

Mein Name ist Gisela Stupíen, und ich wurde im März 1949 in der elterlichen Wohnung in der Ackerstr.11 im Berliner Stadtbezirk Mitte als dritte Tochter meiner Eltern geboren. Meine Geschwister waren Halbschwestern. Bevor ich geboren wurde, hat meine vier Jahre ältere Schwester Karin täglich auf der Fensterbank Salz gestreut. Sie und meine Mutter wünschten sich einen Jungen. Mein Vater hat in der Nachbarschaft immer wieder mit einem Augenzwinkern erzählt, er sei nicht der Vater des ungeborenen Kindes.

Er schob später stolz den Kinderwagen, und die Nachbarn schauten mich an und schauten in das Gesicht meines Vaters. Sehr viele meinten dann, „also Georg (mein Vater), die Kleene sieht dir so was von ähnlich, das kannst du nicht verleugnen.“

1949-1950 Mein Papa und ich, vor dem Cantianstadion in Berlin –Prenzlauer Berg

Als ich ein Jahr alt war, trennten sich meine Eltern. Mein Vater zog in einen Kleingarten im Grunewald, im Westteil der Stadt, in eine Laube.

Ich blieb bei meiner Mutter in unserer Wohnung im Ostteil der Stadt. Im Zuge der Scheidung wurde das Sorgerecht meiner Mutter zugesprochen, aber mein Vater durfte sich jeden Sonntag um mich kümmern, dieses Recht nahm er bis zum Mauerbau wahr. Ich musste ganz schnell laufen lernen und selbständig essen, mich aber auch bemerkbar machen, wenn ich mal zur Toilette wollte. Schon nach gut 1,5 Jahren konnte ich all diese Voraussetzungen erfüllen, um in den Kirchlichen Kindergarten von Berlin-Mitte aufgenommen zu werden. Meine Mutter arbeitet in den 1,5 Jahren zu Hause, indem sie Baumwoll-Oberhemden für eine Wäscherei bügelte.

Nach einer Woche fragte meine Mutter eine Erzieherin, warum ich sofort zum Wasserlassen am Straßenrand wollte. Damals nach dem II Weltkrieg war es für Kleinkinder üblich, mitten in Berlin am Straßenrand ihre Notdurft zu verrichten.

Die Erzieherin fand es auch merkwürdig, dass ich nie das Töpfchen benutzen wollte, auch wenn alle anderen Kinder das taten. Meine Mutter meinte zur Erzieherin; setzen sie meine Tochter einfach auf ein Töpfchen und, siehe da, ich habe doch noch gelernt in fremder Umgebung meine Notdurft zu verrichten. Doch von dieser Zeit an gab mir meine Mutter den Kosenamen „Pusche“ und erst viel später, und das nach Jahren, „Kleene“.

Meine Mutter erzählte mir von einem weiteren Erlebnis aus der Zeit, als ich drei Jahre alt war. Meine ältere Schwester Karin ging in die erste Klasse und hatte die Hausaufgabe, mehr Lesen zu üben. Nun saßen wir drei am Küchentisch, weil die Küche der Raum war, den man beheizen konnte. Unsere Mutter überwachte die Leseübungen und war nach einiger Zeit wohl etwas ungeduldig. Immer wieder sprach sie meiner Schwester Karin die Worte „ ... Mama, Oma“ usw. vor. Karin wollte oder konnte sich die Worte im Buch nicht merken und machte immer wieder Fehler. Ich saß ganz brav und aufmerksam in meinem Hochstuhl, den man verstellen konnte, als Sitz oder Spieltisch. Genervt gab meine Mutter mir die Fibel und sagte: „Gisela lies‘ du das mal vor.“ Ich mit meinen drei Jahren leierte die Worte runter. Karin bekam einen Tobsuchts- und meine Mutter einen Lachanfall.

Gisela mit dunklen Haaren, drei Jahre alt, mit Schwester Karin, sie legt den Arm um meine Schulter.

Als ich noch klein war, kam mein Vater mich regelmäßig besuchen. Als ich etwa zehn Jahre alt geworden war, nahm ich selbst die S-Bahn und fuhr zu ihm in seine Gartenwohnung. Dort lebte er mit seiner neuen Lebensgefährtin, deren Essen ich so gerne mochte. Seine Lebensgefährtin empfand ich als eine liebenswerte Frau. Ich sprach sie mit Tante Frieda an und in ihrer Nähe fühlt ich mich sehr wohl. Wenn sich mein Papa rasierte, schaute ich gern zu, und immer öfter nahm er von seiner Wange ein wenig Schaum und stupste es mir auf die Nasenspitze. Ich genoss die Geborgenheit bei meinem Vater, dort fühlte ich mich wohl, dort gab es für mich zu Festtagen Schokolade. Diese im Ostteil unerschwingliche Leckerei habe ich nach der Rückkehr zu meiner Mutter mit meinen Schwestern geteilt, das war für mich eine Selbstverständlichkeit.

Vor der Laube meines Papas. Der Schirm war ein Geburtstagsgeschenk für mich.

Seit dieser Zeit lag meine Mutter immer öfter, und das auch am Tag, im Bett. Sie vernachlässigte sich selbst sowie den Haushalt und kümmerte sich auch nicht um meine Probleme. Zu Elternversammlungen erschien sie nicht. Brachte ich von der Schule eine schlechte Note nach Hause, und das Zeugnis war nicht gut, tröstete mich mein Papa. Einmal vor Tanten und Cousinen sagte er, das kann nicht sein. Guckt Euch Giselas hohe Stirn an, da steckt noch viel Wissen drin. Alle am Kaffeetisch stimmten meinem Papa zu. Er hat mich aus einer peinlichen Situation gerettet. Meine Halbschwestern hatten immer gute Noten, und mir wurden diese von meiner Mutter als Vorbild vorgesetzt. Später war ich die einzige von dreien, die eine berufliche Karriere und das mit Erfolg vorweisen konnte. Damals, zu dieser Zeit nach dem II. Weltkrieg bestand meine Garderobe aus zwei Winter-Pullovern. Für den Sommer gab es auch nur zwei Teile zum Wechseln. Das Gleiche galt für Unterwäsche und Strümpfe. Schuhe wurden nach Bedarf gekauft. Ich hatte für den Sommer ein Paar Sandalen. Um diese zu schonen, lief ich nach der Schule oft ohne Schuhe auf der Straße. Das war damals überall in Berlin möglich. Da keine Autos auf den Straßen fuhren, spielten wir oft mitten auf der Fahrbahn. Wir mussten allerdings aufpassen, nicht auf einer geteerten Straße zu spielen (barfuß), weil die Sonne den Teer weich machte. So sah dann die Fußsohle pechschwarz vom Teer aus. Das Reinigen der Fußsohle wurde mühselig mit Kernseife und einer Waschbürste getätigt.

Ein Kleidungsstück wurde die ganze Woche getragen. Eines Tages fing ich an, meine Sachen selbst zu waschen. Nicht nur meine Sachen habe ich gewaschen, auch die meiner Mutter. Das damalige Waschen der Kleidungsstücke muss man sich folgendermaßen vorstellen: Zuerst wurde das Kleidungsstück in einer Schüssel mit warmen Seifenwasser gerubbelt. Das Ausspülen erfolgte dann mit kaltem Wasser, wieder in einer Schüssel. Das Trocknen der nassen Wäsche erfolgte auf dem Dachboden des Hauses. Dort befand sich auch ein Raum, in dem ein Waschkessel aus Ziegelsteinen stand, der beheizbar war. So konnte man mit einem Schlag große Wäschestücke (Bettwäsche) auf 90 Grad bringen. Dies erfolgte der Reihe nach in einem Mietshaus, in dem es an die 30-40 Wohnungen gab. Der Schlüssel zum Waschraum wurde nach Bedarf von Wohnung zu Wohnung weitergereicht.

Meine älteste Schwester Erika, sie war 6 Jahre älter als ich, wohnte immer bei meiner Oma mütterlicherseits. Unter Ihrer Anleitung half ich beim Reinigen der Wohnung meiner Oma. Das so erzielte Wissen wandte ich in der Wohnung meiner Mutter an: Fenster putzen, Türen abseifen, Messingklingen putzen usw. Aber auch; Bettwäsche abziehen, Betten neu beziehen, Fußboden reinigen, auf dem Innenhof an einer Klopfstange Teppiche ausklopfen. Staubsauger oder Waschmaschinen gab es noch nicht.

Zusammen mit meiner Schwester Karin, sie war 4 Jahre älter als ich, übernahm ich seit meinem 10./11. Lebensjahr gänzlich die Reinigung der mütterlichen Wohnung Meine Mutter saß nun noch öfter mit einer Tasse Bohnenkaffee und mit qualmender Zigarette am Tisch. Das tägliche Geschirr wurde von ihr in einer Schüssel mit heißem Wasser eingeweicht. War das Wasser nach dreißig Minuten kalt, nahm sie aus einem kochenden Kessel neues Wasser. Das wiederholte sich oft drei Mal, inzwischen rauchte sie eine nach der anderen. Am Tag waren es 40 Zigaretten.

Bohnenkaffee und Zigaretten waren zur damaligen Zeit teuer, und sie, als allein erziehende Mutter mit drei Kindern, hat sich diesen Luxus immer wieder gegönnt. Sie erhielt Wochenlohn, und zwei Tage vor dem Auszahlen hatte sie keinen Groschen mehr, und wir hungerten oft. Um den Hunger zu überlisten, erhitzte ich oft Zucker in einer Bratpfanne für Bonbons.

Dass wir die Pflichten einer Hausfrau übernahmen, war für meine Mutter angenehm, aber an ein Lob an uns kann ich mich nicht erinnern. Mit diesen zusätzlichen Aufgabe, die ich als Kind wahrzunehmen hatte, wurden meine Leistungen in der Schule immer schlechter.

Ende der 50er Jahre unterschieden sich die Hälften von Berlin schon im Blick eines Kindes. Der Westen war bunt, die Lichter leuchteten heller, die Menschen waren in neuere, farbenfrohe Garderobe gekleidet, die Frauen rochen nach Parfüm, der Osten war grau, dunkel und die Kleidung altmodisch. Ich freute mich auf jeden Sonntag mit meinem Vater. Am Konfirmationstag meiner Schwester hatte ich die Wahl, Familienfeier oder Besuch im Grunewald, ich nahm die S-Bahn.

Der 13. August des Jahres 1961 war ein Sonntag. Schon in der Nacht begann die Abriegelung der Grenzübergänge. Wir hörten in der mütterlichen Wohnung beim Frühstück die Nachrichten des Senders RIAS, es gab Streuselkuchen. Als wir hörten, wie der Sprecher erklärte, Soldaten riegelten die Übergänge ab und Bauarbeiter hätten begonnen, die Sektorengrenze mit Zäunen aus Stacheldraht abzusperren, schauten wir uns entgeistert an, und ich verschluckte mich an meinem Kuchen. Das weiß ich heute noch wie damals, es war ein Tag herrlichsten Sonnenscheins mit strahlend blauem Himmel. Meine Schwester Karin kommentierte: „Dann kannst Du gar nicht mehr zu Deinem Vater!“

Es dauerte einige Augenblicke, bis ich – als 12jährige -die Tragweite dieser Worte erfasst hatte. Über eine Stunde saßen wir beisammen und versuchten uns vorzustellen, wie die Grenzabsperrungen letztendlich aussehen würden. Meine Mutter gehörte erst seit ein paar Wochen zu den Grenzgängern, sie verdiente sich auf einer zweiten Arbeitsstelle im Westen der Stadt ein paar Mark hinzu, tauschte diese in einer Wechselstube in Ostmark, mit diesem Geld wurde im Osten eingekauft. Die Wechselstuben in Westberlin tauschten eine Westmark gegen in etwa zehn Ostmark. Ohne dieses zusätzliche Geld hätte der Ostberliner von seinem Ostlohn ansonsten bloß Miete und Grundnahrungsmittel bezahlen können.

In der heißen Sommerwoche gleich nach dem Mauerbau wurden in Ostberlin die Herde und Öfen in Gang gesetzt. Westliteratur verbrannte, die Menschen hatten Angst vor möglichen Hauskontrollen. Auch meine Mutter ließ ihre Groschenromane in Flammen aufgehen. Und mir war der Weg zu meinem Vater und seiner Familie versperrt.

Meine Schule befand sich in unmittelbarer Mauernähe. Vor dem Mauerbau verbrachten wir Kinder unsere Freistunden im Westen, an der Station Gesundbrunnen oder im Park Humboldthain. Nun hörten wir im Klassenzimmer durch die offenen Fenster die Geräusche der Grenze, rollende Panzer, Kommandorufe, und ständig fuhren Lastkraftwagen mit Soldaten vorbei. Die Stimmung war gedrückt, wochenlang konnte sich niemand richtig auf die Schule konzentrieren, hatten doch fast alle Elternteile, Großeltern, Tanten oder Onkel in Westberlin. Die verbliebenen Lehrer, die sich nicht noch schnell in den Westen abgesetzt hatten, änderten ihren Unterrichtsstil. Waren sie vor dem Mauerbau um Neutralität bemüht, verkündeten sie nun den Sieg des Sozialismus. Auf dem Pausenhof gab es nur ein Thema. Telefon war damals noch nicht verbreitet, der Kontakt wurde auf dem Postweg getätigt. Es dauerte allerdings in der Regel Tage, bis ein Brief oder ein Paket die Grenze passiert hatte. Bald kam unter der Schülerschaft Neid und Missgunst auf. Diejenigen, deren Verwandte im Westen wohlhabender waren, konnten angeben, denn bei ihnen gab es Schokolade, Kaffee, Petticoats und Nylonstrümpfe.

Als wir endlich auch einmal ein Paket bekamen, begleitete ich meine Mutter zur Poststelle. Der Geruch dort war umwerfend, ich wollte gar nicht weg. Aus Hunderten von Postsendungen aus dem Westen strömten Hunderte von Düften. Es roch nach Bananen, Kaffee, Orangen, Schokolade, Rosinen, Vanille, Tabakwaren … Damals gab es noch keine Vakuumverpackungen, kein Stanniol, jedes Paket zeigte seinen Inhalt am Geruch – einen Teil jedenfalls, ein Brief war ja auch immer darin. Draußen vor dem Postamt jedoch gab es wieder nur den sozialistischen Einheitsmief.

Noch heute kennen die älteren Ostberliner den Ausdruck: „Schatz, ich reiße Dich auf wie ein Westpaket!“ Niemand, der sein Paket nach Hause gebracht hatte, zeigte beim Auspacken Geduld, jeder vibrierte vor Spannung, was denn noch alles außer dem Gerochenen drin war. Die Dankbarkeit über diese Hilfe der Verwandten verband die Familien über die Grenze und über Jahre hinweg. Auch die Westberliner lebten nicht im Überfluss, aber sie teilten das, was sie sich leisten konnten.

Die Verbundenheit der Familien ging im getrennten Berlin fremdartige Wege. Nach dem Bau der Mauer gab es keine Möglichkeit zu persönlichem Kontakt. In Westberlin schuf man Abhilfe, es wurden direkt an der Mauer Hochstände gebaut, so dass die Westberliner über die Grenzwehr hinweg mit ihren im Osten wohnenden Angehörigen reden konnten. Zu diesen Treffen verabredete man sich mit entsprechendem Vorlauf brieflich, die Post brauchte in der getrennten Stadt bis zu zehn Tage, um über die Grenze zu kommen. Mein Vater benutzte diese Möglichkeit nie, ich weiß nicht, ob er es mir nicht antun wollte, auf diese Art unsere Trennung zu erleben, vielleicht hätte er es selber auch nicht verkraftet. Mein Vater schrieb mir in einem seiner Briefe die Worte, er hat eine Tochter und hätte doch keine. Seine letzten Briefe habe ich aufgehoben und ab und zu lese ich sie, zum wiederholten Mal.

In der Schule begannen für mich große Schwierigkeiten. In der Schule konnte ich mich nicht konzentrieren und habe in der Zukunft des Öfteren die Schule geschwänzt. Ich lebte allein mit meiner Mutter, meine älteren Geschwister waren ausgezogen. Meine Mutter hatte keine Zeit, sich mit mir zu beschäftigen. Was ich fühlte und wie es mir (aus heutiger Sicht) schlecht ging, interessierte sie nicht. Sie ging auch nicht zum Elternabend. Sie legte sich nach der Arbeit ins Bett und blieb dort bis zum nächsten Tag. Es verging kein Tag, an dem sie nicht in letzter Sekunde aufstand. Oft bin ich erst zur zweiten Stunde zur Schule gegangen und immer öfter gar nicht. Anfangs schrieb sie noch einen Entschuldigungszettel, irgendwann nicht mehr.

Am Morgen gab sie mir dann 50 Pfennig, damit ich mir vom Bäcker etwas kaufen konnte. Eine Schrippe (Brötchen) kostete damals 5 Pfennig. Ich hatte die Wahl: 10 Schrippen oder ein Stück Kuchen. Ich nahm Kuchen, weil es für die Schrippen zu Hause keinen Belag gab.

Irgendwann klingelte ich vor dem Schulantritt bei einer Klassenkameradin, um sie zur Schule abzuholen. Meine Augen weiteten sich, als ich bei ihr den liebevollen Frühstücktisch sah. Es war ein kleiner runder Korbtisch, und rechts und links standen zwei Korbstühle. Ich durfte mich auf einen der Stühle setzen. Ich saß gern auf diesem knarrenden Stuhl, eigentlich war er eher ein Sessel. Der Tisch wurde von der Mutter nur für die Klassenkameradin liebevoll gedeckt. Ich entdeckte Brötchen, Marmelade, Käse und auch Wurst zur Auswahl. Oft wurde mir schon allein vor Hunger bei diesem Anblick schlecht. Einmal oder zweimal durfte ich zulangen, doch im Laufe der Zeit wurde ich immer seltener in das Wohnzimmer gebeten.

Auf mein Klingeln hin an der Wohnungstür kam die Schulkameradin und sagte, ich solle dort warten. Ohne Worte verstand ich, was dieses Verhalten mir gegenüber zu bedeuten hatte. Ich mochte sie, doch ich merkte, dass sie sich meiner frühen Freundschaft entzog. Ich nehme an, mein ärmliches Zuhause hat sie abgeschreckt.